Alle Artikel von Gastbeitrag

Im feministischen Porno-Workshop

Public Domain, CC0, Pixabay

ein Gastbeitrag von Huschke Mau

Neulich war ich auf einem Workshop, der – so angekündigt – „feministischen Porno“ zum Inhalt hatte. Ich habe das für mich zum Anlass genommen zu schauen, wie Menschen, die bisher nicht mit feministischen Pornos in Kontakt gekommen sind, auf ihn reagieren.

Die Workshopleiterin war eine Mitarbeiterin der Berliner „Sexclusivitäten“, und hatte dort, wie sie erzählte, eine Ausbildung zur „sexpositiven Referentin“  erhalten. Die Teilnehmenden (Frauen-Männer-Verhältnis etwa 50-50) waren junge AkademikerInnen.

Vorgestellt wurde der „PorYes“-Award, der seit 2009 für Pornos, die bestimmte Kriterien erfüllen, verliehen wird. Die Referentin erklärte, es gehe darum, dem Mainstreamporno Alternativen entgegenzusetzen, „neue, andere Bilder“ zu machen und Geschlechterrollen aufzubrechen. Man verstehe sich komplementär zur PorNo-Bewegung, Zitat: „Alice Schwarzers Kritik am Mainstreamporno finden wir okay, aber wir wollen nicht verbieten, wir wollen andere Bilder machen.“ Denn wenn Pornographie verboten wäre, würde auch Frauen die Redefreiheit, das heisst, das Recht, ihre eigene Sexualität auszudrücken, genommen. „Sexpositiver Feminismus“ beruhe auf drei Grundlagen: der Annahme, dass die sexuelle Freiheit zur allgemeinen Freiheit gehöre, der Überzeugung, dass Gender gesellschaftlich produziert wird (dass wir also bestimmte Geschlechterrollen nicht biologisch begründen können, weil sie anerzogen werden) und der Konsens, das heisst, alle betroffenen Parteien müssen mit dem Akt einverstanden sein und dann habe auch keine dritte Partei und auch kein Staat sich mehr einzumischen.

Jetzt ist ja aber das Problem mit Porno nicht nur, dass der Mainstreamporno immer gewalttätiger wird (dazu werde ich mal einen eigenen Text schreiben), sondern auch, dass Pornographie bedeutet, dass Menschen gegen Geld Sex miteinander haben, den sie ohne Geld wahrscheinlich nicht hätten. Pornographie ist also Prostitution, nur halt mit Kamera dabei. Und es stellt sich die Frage, kann man Pornographie bejahen, wenn man Prostitution einmal als falsch erkannt hat?

Zwei Filmszenen wurden uns vorgespielt, eine heterosexuelle und eine „lesbische BDSM-Szene“ (Gegröle unter den Männern, schmierige Kommentare: klarer Favorit).

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Ein Donnerstagnachmittag im Puff

Pixabay, CCO Public Domain

Ein Gastbeitrag von Huschke Mau

Dieser Text ist ein Tagebucheintrag aus dem Jahr 2005, als Huschke noch gar nicht Huschke hieß, sondern als SvenjaoderCharlotteoderwieauchimmer im Puff rumsaß.

Warum gestern dieser Zusammenbruch, dieses totale Absacken und Aufgeben?

Vielleicht kann ich diesen Job nicht mehr machen, vielleicht halte ich es jetzt schon nicht mehr aus, dass dieses verlogene System existiert, wo alte, geile Männer junge Mädels ficken, ja, sich richtiggehend zurechtzüchten – denn so wie früher „geschändete“ oder „gefallene“ Mädchen in die Prostitution gegeben wurden (gängige Praxis im Mittelalter – und danach auch noch, einmal „entehrt“ kommts ja nicht mehr drauf an) – so werden auch jetzt Töchter von ihren Vätern, Brüdern, Großvätern und Onkeln missbraucht und steigen danach folgerichtig in diese Branche ein und werden weiterhin behandelt wie Dreck, kriminalisiert, diskriminiert und missbraucht.

An meiner Notlage, an der ich eine Teilschuld auch dem deutschen Staat zuschiebe, der es eben nicht für nötig hält, missbrauchten, misshandelten, „asozialen“ Kindern eine Chance, eine zweite wenigstens, wenn die Startbedingungen an denen Kinder nunmal nichts ändern können schon so beschissen war, zu geben, an dieser Notlage jedenfalls verdienen gleich mehrere Männer und patriarchale Systeme: meine Freier, mein Zuhälter und der deutsche Staat. Ich wurde benutzt und rausgeschmissen aus der Gesellschaft, als sei es meine Schuld gewesen, dass ich misshandelt wurde, und jetzt stehe ich im Abseitsjeder kann mit mir tun was er will, scheinbar kann mich jeder, der es nur will, ficken, naja, nicht mehr ganz jeder, jetzt nur noch die, die zahlen, und am liebsten hätten sie es ja, würde ich ihnen endlich alle Löcher zur Verfügung stellen, und daran verdienen die Herren vom Finanzamt ja gerne auch noch was, nicht wahr, mal abgesehen vom Zuhälter, dem ich sein Haus, seinen Jeep, seine S-Klasse erficke, während auch er mich freilich ficken kann, wenn er will, selbstredend, siehe sein Umgang auch mit meiner Kollegin, die ihm gegenüber nicht nein sagen darf sonst krachts.

Und auch der Freier hat viel davon, doch nimmt er sich zuweilen noch viel mehr heraus als er eigentlich darf, aber mein Gott, was soll man schon nicht dürfen mit einer, die so viele Schwänze lutscht, mit einer, die nach Freierlogik ja demzufolge den ganzen Tag geil sein muss, und auch dafür müsste man sie bestrafen, wahrscheinlich braucht sie es nur mal wieder so richtig besorgt.

Genau das spielen wir ihnen vor, jeden Tag, denn über Huren, die nichts mitmachen, beklagen sie sich ja täglich bei uns, entweder wir sind eine von den schlechten (und verdienen nichts) oder sie erzählen uns von ihrer Odysee durch die Puffs und all den schrecklichen Mädels, die du ja echt nicht ficken kannst, und wir kriegen dann immer unser „Lob“ ab. Das tut so weh, das kannst Du Dir nicht vorstellen.

Erstens machen wir nicht genug. Und dann empören sie sich: „Was, es ist kein französisch pur dabei, das ist doch längst Standard, und da fühl ich doch gar nichts, und du hast doch auch nichts davon, bei dem Gummi“ (was soll ich, denke ich mir, auch davon haben, denken die echt ich hab lieber fremdes Sperma oder einen ungewaschenen Pimmel im Mund? Dann doch lieber nen Gummi.) und „du schluckst das doch gerne, das gehört doch dazu, und was, kein anal dabei, wieso denn nicht, das kann doch so schön sein, und du hast es doch bestimmt noch gar nicht probiert“ (ja, vielleicht ist es für EUCH schön, und nein, ich wills auch nicht probieren, tut mir bei KG 34 vielleicht auch weh, schonmal daran gedacht?), aber ein Nein ist kein Nein: „aber wenn schon kein anal, darf ich doch wenigstens ein bisschen an die rumspielen, gelle“ und dann machen sie es einfach und versuchen dann eben doch, dir den Finger in den Arsch zu drücken. Und die Diskussionen gehen weiter: „was soll das heißen, Küssen ist in dem Metier nicht üblich, das wusste ich noch gar nicht, und wieso das denn, versteh ich gar nicht“ – genau, warum solltet ihr auch nicht auch das allerletzte von uns noch in Anspruch nehmen, wo ihr das meiste von uns eh schon habt? „Küssen macht man doch so beim ficken, und darf ich dir auf den Bauch spritzen, auf die Titten, aufs Gesicht, auf die Fotze – nicht, wieso denn nicht, davon wird man doch nicht schwanger, und ich bin doch gesund wie du siehst“ (ja, der kommt tatsächlich immer wieder, dieser Spruch) und überhaupt, „komm, so ein bissl kann ich meinen Schwanz doch blank an deiner Muschi reiben, passiert doch nichts, sonst ist das doch alles so unpersönlich, da kommt doch gar kein Gefühl auf“.

Und so gehen sie munter den ganzen Tag an unsere Grenzen, und wenn ich eins gelernt habe, als ich meinen „Service“ „erweitern“ musste, damit ich überhaupt was verdien und nicht verhunger, dann das: es ist nie genug. Nie genug „Service“. Bläst du pur und schluckst, bietest du Küssen an, dann wollen sie dich fisten, dir nach einem harten Analfick ins Gesicht spritzen und dich würgen. Bietest du das an, wollen sie dir in den Mund pissen, sich den Arsch lecken lassen und dich mit Deepthroat an den Rand des Erstickens oder Kotzens bringen.

Mal davon abgesehen kann man, wie es beliebt, Dildos und Schwänze in mich reinstecken, wie´s einem halt grad lustig ist, und Gleitgel oder nass machen oder überhaupt vorher mal fragen muss nicht sein, ich bin ja eh den ganzen Tag geil. Am besten mache ich mich auch noch über sie her und tu so, als hätte ich nur auf einen wie sie gewartet. Ich wollte es ja so, heisst es dann danach, hab mich doch benommen wie ein Tier – teilweise vor Schmerz übrigens, physischem und psychischem.

Und wie sie jammern! Gott, haben sie es schwer. Erstmal muss man ja so lange suchen, bis man ein Mädel gefunden hat an dem man sich auslassen kann ohne dass sie „widerspenstig ist“ (= es sich erlaubt, Sexualpraktiken abzulehnen oder Grenzen zu setzen). Besser noch sie ist dauergeil wie eine läufige Hündin, natürlich schön eng, und gut aussehen muss sie freilich, sonst lässt man sich nicht dazu herab sie zu missbrauchen, sonst ist sie nicht annehmbar, und während draußen die Freier zu Recht nicht mal mit dem Arsch angeschaut werden, sind ihnen hier manchmal meine Tittchen zu klein, ist ihnen mein Französisch mit Gummi nicht recht, habe ich nicht die richtige Haarfarbe oder sonstwas. Manchmal sehe ich ihnen auch nicht „deutsch“ genug aus.

Wenn sie sich dann aber dazu „herablassen“ (ja, so empfinden sie es) mich zu ficken, wollen sie das ganze große Programm, der König heißt Kunde, und wann kommt denn schon mal einer, der es mir so richtig, richtig besorgt? Und dann höre ich mir noch so Sachen an wie „ich bin richtig gut im Bett, was? Eigentlich müsste ich ja Geld dafür bekommen“ oder „komm, so schlecht schau ich doch nicht aus, da können wir es doch auch für 80 Tacken machen, oder?“.

Das demütigendste aber ist und bleibt denen auch noch einen Orgasmus vorspielen zu müssen. Dreckshuren sind wir, und wir haben es ja nicht anders verdient, aber jeder braucht uns, um seinen verdammten Schwanz in uns reinzustecken, und jeder verdient an uns. Das ist der Gipfel des Kapitalismus, glaube ich.

Und danach wollen sie dann ganz schnell weg, denn jetzt haben sie ja abgespritzt, dann wird noch kurz gejammert, „für uns ist das auch nicht leicht auszuhalten, dieser Konflikt, aber was soll ich machen, meine Frau ist da nicht so offen!“, kurzes Bad im Selbstmitleid, kurzes Vortäuschen von Reue, kurzer Tätschler auf den Po und „bis bald“. Ein großes Schauspiel und Kino. Das ist der Preis dafür, dass ihnen die Institution Prostitution zusteht, und, das muss man deutlich sagen, sie zahlen ihn gerne, denn er ist gering, geringer im Wert sind dann nur noch wir Huren.

Genug von dem Thema. Ich könnte heute keinen weiteren Kunden mehr machen, das täte mir zu weh. Es sich selbst einzugestehen und offenzulegen fühlt sich tödlich an. Zwar befreit es auch irgendwie, aber die Angst vor Montag ist wieder da, wo ich so verletzlich dann nicht mehr sein darf, wo ich dann wegschieben muss dass ich weiß dass es Missbrauch ist, wenn nicht ein weiterer Mord an meiner Seele geschehen soll.

 

  1. Januar 2005, Huschke Mau

Die Hure ist schuld

Fight Sexism Graffiti

by Metro Centric via Flickr, [CC BY 2.0]

Bushido und Kollegen haben angeklopft – der linke deutsche Indie-Pop hat aufgemacht. Dass „Singer-Songwriter vom Musikgymnasium“ jetzt auch Slut-Shaming im Repertoire haben, findet „Die Zeit“ derweil „bemerkenswert“.

Wir müssen unsere Männlichkeit wieder entdecken. Denn nur wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft. Und nur wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft, und wir müssen wehrhaft werden, liebe Freunde!

Björn Höckes Plädoyer für mehr deutsche Männlichkeit 2015 in Erfurt war so derbe autsch, oder? Auf der Fremdschämskala von 1-10 ne‘ glatte 11! Und trotzdem: Die Rufe nach Rückbesinnung auf deutsches Machotum sind voll im Trend – zunehmend überall, zunehmend links von Björn und Frauke. So ist auch Zeitjournalist Lars Weisbrod begeistert auf den Zug nach vorvorgestern aufgesprungen und feiert mit seinem Artikel „Du Nutte“ etwas, das er in einem argumentativ so halsbrecherischen wie dürftigen Akt die „Remaskulinisierung“ der deutschen Popmusik nennt.

Diese, wenn man so will, neue deutsche Männlichkeit besteht für ihn nämlich nicht etwa in neuem Mut zu revolutionären Lyrics mit politischer Kante, die die Mächtigen geißeln und die A&R’s der Plattenfirmen vor Verzweiflung in die Kragen ihrer Camp-David-Poloshirts beißen lassen. Nein und weit gefehlt!
Männlichkeit, wie sie Weisbrods Text versteht, meint eigentlich nur das hier: Mal wieder gepflegt Hure sagen zu einer, die nicht mit dir will.

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Mehr Feminismus in der L-Community (und umgekehrt) – ein Plädoyer

Anlass für diesen Text: Die Ankündigung einer „European Lesbian* Conference 2017“ (1) mit folgender Erläuterung:

„Our aim is to hold an inclusive European Lesbian* Conference. We insist on calling it a lesbian conference although we recognize that, as with any category or label, it may be contested and insufficient to describe the diversity of our communities. We are aware that many previous lesbian gatherings have struggled with issues about who should or should not be included at the conference. However, using the word “lesbian” is part of the political struggle for visibility, empowerment and representation.
Therefore we will use “lesbian*” with an asterisk, so as to include anyone who identifies as lesbian, feminist, bi or queer, and all those who feel connected to lesbian* activism.“

Soweit.

Trotz des Instant-Dementi mit dem * und der dazugehörigen Erläuterung war der erste Kommentar, der mir auf einer größeren englischsprachigen Facebookseite zu der Konferenz begegnete und auf der ich die Konferenz gefunden hatte, ein Wutgeheul darüber, dass „gay women“ – also „schwule Frauen“ hier eine Konferenz hätten, ohne sich im geringsten zu bemühen „Transpersons“ einzubeziehen und wieso ihnen dies gestattet würde.

Was mich zu „Beißreflexe“ von Patsy L’Amour LaLove bringt, und zu der Hoffnung, dass sich die Queer-Community endlich ihren inneren Problemen widmet anstatt immer wieder ausgerechnet und fast ausschließlich auf Feministinnen oder Lesben loszugehen.

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Beißreflexe – Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten

Beißreflexe - Buchcover

Beißreflexe - Querverlag, 2017

Heute scheint es selbstverständlich, dass queer irgendwie alles ist, was sich selbst eine Abweichung von Norm zuschreibt. Niemand will heute mehr normal sein, also sind alle queer, denn jede sexuelle Differenz, jeder Fetisch wird zum Bestandteil einer Identität.

Ein AutorInnen-Kollektiv rund um Patsy L’Amour lalove hat einen Sammelband herausgebracht, dessen Beiträge sich kritisch mit der queerfemistischen (Netz)szene (in Berlin) und den dort vorherrschenden Strukturen, der Meinungs- und Diskussionskultur und ihren Reglements auseinandersetzen. Auch wenn Kritik und das Aufzeigen dieser destruktiven Strukturen und Dynamiken bereits stattgefunden hat und glücklicherweise zunimmt: Die Beiträge füllen in ihrer Komprimiertheit und Klarheit eine Lücke und eine längst fällige und breite Debatte könnte mit dem vorliegenden Band angestoßen werden (oder schon angestoßen worden sein, das illustriert jedenfalls das korrespondierende Twitter-Spektakel).

Die AutorInnen widmen sich den übergeordneten Themen Betroffenheit, Schmutzräume und Trigger, Privilegiencheck, Queere Theorie, Pinkwashing und Antisemitismus, Queering Islam, Queer in Berlin.

Der ursprüngliche Gedanke von „queer“, dem im Band ein historischer Abriss gewidmet ist, habe in der heutigen Auslegung und Praxis eine neue, der ursprünglichen Bedeutung widerstrebende, Konnotation erhalten. Queer als Synonym für Widerständigkeit, Radikalität und selbstbewusstes Andersein – des „Perversen“ – sei zu einem verwässerten Begriff geworden, der heute alles meint und den jede_r, der_die sich als „nicht normal“ ansieht, anheften kann. Dies müsse sich wieder ändern, insgesamt habe die Queertheorie eine „antiemanzipative Wende“ erfahren, ihr Potenzial werde durch ihre aktuelle Auslegung nicht mehr entsprechend gewürdigt.

Die AutorInnen kritisieren das Betroffenheits-Narrativ, das besagt, dass nur, wer von etwas betroffen ist, das Recht habe, sich dazu zu äußern. Darüber hinaus dürfe sich queerfeministische Kritik nur an „westliche“ Phänomene richten, anderes zu adressieren wie beispielsweise die Lage Homosexueller in z. B. arabischen Staaten sei rassistisch. Eine fundierte Islam-Kritik sei versäumt worden und insgesamt unmöglich zu formulieren, da sie per se als rassistisch kategorisiert werde.

In der Szene sei ein Konzept von Definitionsmacht und Schutzräumen vorzufinden, das durch die beliebige Erweiterung des Gewaltbegriffes (z. B. um Sprachhandlungen) und des unmöglichen Anspruches, dass sich „alle wohlfühlen“ einerseits zu einer Bagatellisierung sexueller Gewalt geführt habe und andererseits ein „sexualrepressives“ Klima geschaffen habe. Insgesamt zeichneten sich „sexualfeindliche Tendenzen“ in queerfeministischen Zusammenhängen ab, die sich nicht mit der zentralen feministischen Kernforderung der sexuellen Befreiung in Einklang bringen ließen.

Critical Whiteness-Ansätze und Privilegien-Reflexion im Rahmen bestehender intersektioneller Machtverhältnisse hätten die Intention, den „Bessergestellten“ ein „schlechtes Gewissen“ zu machen, in der Szene herrsche ein Reglement vor, dass von einem undefinierten und leeren Begriff der „Community“ ausgehe, von der niemand jedoch genau weiß, wer/was diese Community eigentlich ist. Wichtig aber sei es, dazuzugehören und die szene-inhärenten Vorschriften in gefolgsamer Manier abzunicken und unhinterfragt zu übernehmen, wer dies nicht tue, dem entledige man sich durch wenig emanzipatorisch anmutende Methoden wie Mobbing, Denunziation und Diffamierung. Geschildert wird dies u. a. im Zusammenhang mit Erfahrungen und Vorkommnissen z. B. auf dem e*camp 2013, den Queeren Hochschultagen an der Humboldt-Universität 2013 und dem Mainzer CSD 2016, aber auch anhand der Debatte um Sookee, der queerfeministischen Rapperin, der wegen ihres Textes „If I Had A“ Transphobie angelastet wurde.

In weiteren Beiträgen wird die in der Szene vorzufindende anti-israelische Haltung sowie die Anti-„Pinkwashing“-Bestrebungen am Beispiel des israelischen Staates thematisiert, insgesamt bediene sich die Auseinandersetzung mit dem (Staaten-)Konflikt zwischen Israel und Palästina an einem Schwarz-Weiß-Schema, das eine verkürzte Darstellung von Israel als kolonialer Akteur und Palästina in einem Befreiungskampf von diesem wiedergebe, eine nuanciertere und differenziertere kritische Betrachtung, eine, die verdeutliche, dass eine solche einseitige und plakative Betrachtung eben zu kurz greift, fehle ganz und gar.

Die Beiträge werden vielen, die die Szene „von innen“ kennen, aus der Seele sprechen. Jene, die ihr aufgrund aufgrund der im Buch geschilderten psychischen Gewalterfahrungen den Rücken gekehrt haben, den existenzgefährdenden Anstrich am eigenen Leib erfahren haben, bekommen durch dieses Buch ein Sprachrohr geschenkt. Eines, das zu Befüllen längst überfällig ist, denn obwohl viele Formulierungen enormen Humor offenbaren und ohne Frage Spaß bereiten, haben die AutorInnen ein ernstes Terrain betreten, das mit Methoden der Meinungsunterdrückung, Sprechverboten und autoritären Gebärden zweifellos an Sektenstrukturen erinnert, und das ist ausdrücklich nicht polemisch gemeint, sondern den Zustand angemessen beschreibend.

Identitätspolitik ist das hauptsächliche Schlachtfeld queerer Politik, ihr Anfang und leider auch ihr Ende. Identität wird fetischisiert […].

Der Sammelband trägt eine antideutsche Handschrift, das kann man gut oder schlecht finden, er ist überwiegend aus männlich-schwuler Perspektive geschrieben und auch das merkt man. Die Psychoanalyse wird als Deutungswerkzeug herangezogen, was in Teilen versponnen wirkt und in andere Teilen sehr pointiert.

Mein persönliches Highlight ist – nicht zuletzt aufgrund der Unterrepräsentanz von FrauenLesben im Sammelband – der Beitrag von Koschka Linkerhand „Treffpunkt im Unendlichen – Das Problem mit der Identität“ – der aus lesbischer Perspektive die Absurdität der Identitätspolitik auf den Punkt bringt und ihren entpolitisierenden Charakter herausstellt (und darüber hinaus in klug-ironischer Weise ihrem persönlichen Dilemma Ausdruck verleiht, an diesem männlich-schwul dominierten Band mitzuschreiben).

Obwohl die queerfeministische Auslegung von Intersektionalität und Critical Whiteness-Ansätzen, ähnlich wie die szenetypische Verurteilung kultureller Aneignung durchaus kritikwürdig und wichtig zu adressieren ist, hat mir persönlich die Würdigung der Widerstandskämpfe von Schwarzen und People of Color gefehlt, die das Fundament dieser Ansätze stellen. Denn letztlich ist es unerheblich, ob eine bestimmte Szene sinnvolle Analyseinstrumente wie z. B. Intersektionalität in ein Absurdistan abdriften lässt, es ändert nichts daran, dass diese Theorien nicht im luftleeren Raum entstanden sind und zweifellos eine wichtige Rolle bei der Analyse sozialer Ungleichheiten und gesellschaftlicher Machtverhältnisse spielen. Oder anders gesagt, und das betrifft auch andere der besprochenen Themen wie z. B. Islam(-Kritik), Israel, Definitionsmacht-Konzepte, etc.: So „einfach“ oder vom Tisch zu fegen – wie teilweise im Band dargestellt – sind diese Dinge dann auch wieder nicht. Übrig geblieben ist für mich deshalb eine Lücke „dazwischen“, das heißt die unbedingte Notwendigkeit zwischen beiden „Polen“ in einen Dialog zu kommen.

Aber vielleicht und so hoffe ich, war das eine Absicht des AutorInnen-Kollektives: diesen Dialog zu eröffnen, einen, der Differenzen ebenso wie Gemeinsamkeiten auf den Tisch bringt, einen der divergierende Standpunkte ihren selbstverständlichen Platz einräumt und sie nicht in inquisitorischer Manier zum Verschwinden bringt. Denn schließlich bleibt uns nur:

Wir müssen erkennen, dass der wahre Feind im Außen liegt und nicht in der eigenen Szene – auch wenn wir dort vielleicht immer wieder Menschen begegnen, deren Positionen wir nicht ganz teilen. Das heißt nicht, dass wir das Erreichte – unsere Sensibilisierung für diskriminierende Strukturen jeglicher Art – über Bord werfen sollten, aber es heißt, dass es nun an der Zeit ist, Allianzen zu bilden […].

„Beißreflexe – Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten“ ist erschienen im Querverlag und erhältlich bei Thalestris und Fembooks.

Eine Rezension von Maya

Was bedeutet Solidarität mit Prostituierten?

Seit Tagen treibt mich die Frage um, wie ich ausdrücken kann, was für mich Solidarität mit Prostituierten ist. Der Grund dafür ist das Prostituiertenschutzgesetz, welches diesen Sommer kommt, und die darin enthaltene Anmeldepflicht.

Ich sage das gleich am Anfang: sollte ich jemals wieder anschaffen müssen, weil ich in einer Notlage bin, die jetzt noch nicht abzusehen ist, werde ich mich nicht anmelden. Eher hack ich mir die rechte Hand ab als das das zu tun.

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Warum Radikalfeminismus nicht „transfeindlich“ ist

CC 00

Transphobie, laut Duden: „starke Ablehnung von Transsexualität; ausgeprägte Abneigung gegen transsexuelle Personen“, Radikalfeminismus, (lat. radix: Wurzel) will, wie der Name schon sagt, Frauenunterdrückung an der Wurzel packen, diese Wurzel wird im Patriarchat gesehen. Patriarchat bezeichnet eine Jahrtausende alte Gesellschaftsform, die durch die Vormachtstellung von Männern gekennzeichnet ist, und die bis heute unsere gesamtgesellschaftliche Ordnung strukturiert.

Patriarchale Strukturen basieren laut feministisch-historischer Forschung auf der Zueigenmachung und Beherrschung des weiblichen Körpers besonders im Hinblick auf die Funktion der Reproduktion und Generativität, sprich im Fokus dieser Unterdrückung steht insbesondere auch der Faktor Gebärfähigkeit.

Unterdrückung ist dementsprechend immer an den weiblichen Körper gebunden – an den Körper, der gebiert. Dies war und ist auch immer noch Kampffeld männlicher Herrschaft: der weibliche, potentiell gebärende Körper.

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Die große Scham – Feindbild Frau

Ein Gastbeitrag von M.

We raise girls to each other as competitors
Not for jobs or for accomplishments
Which I think can be a good thing
But for the attention of men.

Ein von Beyoncé gesampelter Ausschnitt der wundervollen Chimamanda Ngozi Adichie bei einem TED Talk zum Thema Feminismus. Ich habe mir das Lied unzählige Male angehört und diese Passage hat mir stets einen Stich bereitet. Die längste Zeit meines Lebens sah ich Frauen als Konkurrenz, ich habe sie teilweise mit einer Inbrunst gehasst, dass ich mich bis heute dafür schäme. Von ganzem Herzen.

Die Unterschiede der Geschlechter wurden mir selten so deutlich wie in der Pubertät und der Loyalität untereinander, die sich damals verstärkt entwickelte. Wie oft hörte ich von Jungs und später auch (jungen und nicht mehr so jungen) Männern das gute alte „Bros before hoes“, was nichts anderes ist als die Übereinkunft, dass Frauen sich zum Ficken und Putzen gut eignen und auch sonst ganz reizend sein können, aber eine echte Verbundenheit nur zwischen Männern bestehen kann. Denn nur Männer sind Menschen. Frauen sind eine Art Wurmfortsatz, Untermenschen, nicht vollkommen, schließlich stammen sie vom Mann ab. Bei uns Mädchen war es so, dass Jungs natürlich auf Platz eins standen, sie waren das Thema unserer Pausengespräche, stundenlanger Telefonkonferenzen und Ursache erbitterter Streits. Letztere insbesondere dann, wenn sich ein bis dato gebildetes Pärchen auflöste und der Junge im schlimmsten Fall eine weitläufige Bekannte oder gar Freundin datete. Es hieß so gut wie nie, dass der Junge ein blödes Arschloch sei, wenn er fremdging, oh nein, es hieß vielmehr, das andere Mädchen sei eine billige Nutte, Schlampe, Fotze… Dass der Mann einen ebensolchen Anteil daran trug wurde geflissentlich ignoriert. Bei den Jungs, denen das auch wiederfuhr, trug – wie könnte es anders sein – ebenfalls ausschließlich das Mädchen die Schuld, die den besten Kumpel vom Weg abbrachte, aber der männlichen Solidarität tat dies durchaus keinen Abbruch, siehe oben. Bei uns Mädchen führten derartige Konstellationen zu jahrelangen, unauflösbaren Zerwürfnissen. Wir sahen es nicht als das, was es war, zwischenmenschliche Beziehungen, sondern die Freundin wurde zur Konkurrenz um die Gunst von Männern. Das Feindbild Frau. Damals fing es an.

Ich hatte selbst mehrmals diese Konstellation in meiner Jugend erlebt und danach große Schwierigkeiten, Frauen zu vertrauen und sie zu mögen. Für mich waren Frauen nur eines – eine unkontrollierbare Gefahr im Kampf um männliche Gunst. Die Verantwortung den fremdgehenden Männern zuzuweisen, darauf kam ich nicht. Denn hinter jedem verführten Mann steht eine Eva, die die Verantwortung trägt. Diesem Konflikt entging ich, indem ich nur noch männliche Freunde hatte (dass diese keine echten Freunde waren, geschenkt, dass ich mir in ihrer Nähe puren Frauenhass angeeignet hatte, ebenfalls), ich ertrug Frauen nicht mehr. Meine Unsicherheit und mein Selbsthass waren gigantisch und Frauen, egal welche, waren nichts anderes als eine Bedrohung. Ich hatte Furcht, meine Freundinnen meinem Partner vorzustellen, weil ich dachte, er würde mich sofort verlassen. Ich wusste nicht einmal, was Solidarität bedeutet. Ich habe Frauen verachtet, weil sie in meinen Augen, den Blick geprägt durch männliche Umgebung, sich als entweder billige Nutten darstellten (große Gefahr) oder als frigide Schlampen (langweilig, aber keine Gefahr, gut zum darüber Lustigmachen). Ich sah in allen Frauen Konkurrenz, und zwar ausschließlich um die Interessen der Männer. An Dinge wie Beruf oder ähnliches habe ich keinen einzigen Gedanken verschwendet. Frauen waren für mich schwach, lasch, und Feministinnen hysterische ungevögelte Irre, die lieber dahin gehen sollten, wo es echte Probleme gibt, denn in Deutschland hatten wir ja mehr als genug erreicht. Auch hat mir mein männlicher Umgang mit größtem Erfolg beigebracht, wie schlecht es sei, eine Frau zu sein, wir wissen es alle, sie sind zickig, hysterisch, dumm, quatschen den ganzen Tag, umso stolzer war ich, mir mit meiner burschikosen Art und der den Kerlen angepassten Sprache einen vermeintlichen Platz unter ihnen zu sichern, als „cooles Mädchen“, das so ganz anders war als die ollen Waschweiber. Dass ich nie zu ihnen gehören würde, merkte ich im Laufe der Jahre. Zwar lästerten wir gemeinsam über schlaffe Hintern, hängende Brüste und kurzhaarige Mannsweiber, aber ich spürte stets eine andere Atmosphäre, wenn ich als Fremde in die ausschließlich männlichen Zirkel eindrang. Ich war nie ein echter Teil dieser Kreise. Warum sie mich duldeten? Ich schätze, weil ich ein attraktives Mädchen war und sie die Hoffnung hatten, mich mal knallen zu können. Denn von echter Nähe, wie es in einer Freundschaft sein sollte, war nie die Rede. Ich akzeptierte diesen traurigen Umstand als mein Schicksal und versuchte, Männern zu gefallen, schminkte mich, trug enge Kleidung, lange Haare, hohe Schuhe, gab mich sexuell betont locker, alles, um die Billigung derer zu erhalten, die das weibliche Dasein so prägend bestimmten.

Ich bin jetzt Mitte 20. Bis vor zwei oder drei Jahren habe ich noch genauso gedacht. Dann kam ein Wendepunkt, als ich mich mit Feminismus, den zu verabscheuen und zu lästern mir ins Fleisch und Blut übergegangen war – ich war so stolz, keine „hässliche Emanze“ zu sein – kennenlernte. Nicht den queeren Feminismus. Dieser ist für mich nichts anderes als ein divide et impera der Frauenbewegung, aber das ist hier nicht das Thema. Den radikalen Feminismus. Je mehr ich davon las, desto mehr spürte ich die universelle Wahrheit dessen. Dass es Kasten gibt, nicht nur in Indien, sondern vor unserer Haustür, und dass sie undurchdringlich sind. Dass Männer einander immer den Vorzug geben werden, immer solidarisch sind, egal, ob sie sich kennen oder nicht, ob sie aus verschiedenen Schichten sind, oder nicht. Egal, welche politische Richtung sie favorisieren. Sie eint eines: das Wissen und die feste Überzeugung der eigenen Herrschaft, und dass Frauen nur da sind, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Unter den Frauen indes kann von so einer Solidarität keine Rede sein. Es gibt keine einheitliche Verbundenheit von Frauen. Sie sind darauf getrimmt, einander auszustechen, ja nicht zusammen zu agieren (Warum gibt es wohl nur den Begriff der Vetternwirtschaft?), einander nicht den Rücken zu stärken sondern sich vielmehr gegenseitig in selbigen zu fallen. Schuld sind andere Frauen. Die, die zu „leicht zu haben“ und eine Gefahr für die Treue der Männer (die sich als willenlose Opfer ihrer Biologie darstellen) sind, die, die keine Kinder wollen, ihre Kinder nicht wie gewollt erziehen, die, die Rabenmütter sind oder Glucken, egal was, eine Frau kann nur verlieren. Und eines kann sie dabei nicht: auf die Solidarität ihrer Geschlechtsgenossinnen zählen. Das Schlimmste für mich ist, dass die größten Kämpfe oft von anderen Frauen kommen, diese der anderen nicht die Butter aufs Brot gönnen. Mit Feuereifer nach Schwachstellen suchen, um sich im Kampf um die Männer höher positionieren zu können.

Ich schäme mich noch heute für mein Verhalten vor einigen Jahren. Inzwischen bin ich es, soweit ich kann, überkommen. Wir Frauen sind geeint durch unsere Körper und Geschlechtsorgane. Wir teilen, egal wo wir sind, dieselbe Erfahrung, nämlich die Objektifizierung durch Männer und die mangelnde Solidarität untereinander. Ersterem können wir kaum begegnen, da bin ich pessimistisch, aber wir können zusammenhalten. Wir können sehen, dass die Zwietracht, die auch von Frauen verbreitet wird, ihren Ursprung in einer zutiefst misogynen Gesellschaft hat. Wir können uns hinter andere Frauen stellen, egal, ob sie rechts oder links sind, religiös oder nicht, das ist bedeutungslos. Bedeutsam ist, dass wir einheitlich gegen sexistische Scheiße auftreten und andere Frauen, die darunter leiden, nicht im Stich lassen. Dass wir den allgegenwärtigen Hass nicht weiter reproduzieren. Andere Frauen nicht mehr verurteilen, für ihre Kleidung, ihre Entscheidungen, ihre Art. Ihre Existenz als Frau. Egal, ob sie uns gefällt oder nicht. Ich hasse Frauen nicht mehr. Ich freue mich über jede selbstbewusste und starke Frau, die ich sehe. Sie sind keine Konkurrenz. Ich hasse das Patriarchat und die Attitüde der meisten Männer. Ich habe begriffen, dass wirkliches Verstehen nur unter Frauen existieren kann. Und dass wir noch einen langen Weg zurückzulegen haben.

Ein Teil von mir

Tear, Träne

By NessaLand (tear) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

Ein Gastbeitrag von Laura Hertzog

Als ich ihn 2011 kennen gelernt habe, habe ich geglaubt das alles wäre ein Traum. Ich war 16 Jahre alt und hatte im Sommer gerade mit dem Abitur angefangen. Mittlerweile war es Winter, genau genommen Januar. Auf einer Disco wurden wir einander vorgestellt und es war sofort ein Draht da. Wir haben uns öfter wieder getroffen und am 12. Februar waren wir schließlich ein Paar. Ob ich wirklich verliebt war, oder ob ich nur in das Gefühl verliebt war, dass er mich scheinbar mochte… Ich weiß es nicht!

Ich weiß nur, dass er mir nach einem halben Jahr die rosarote Brille nicht einfach abgenommen hat, sie wurde mir mit einem Ruck und ohne Vorwarnung vom Kopf gerissen. Die darauffolgenden zweieinhalb Jahre hätte ich mir getrost sparen können. Streit, Wut, ständige Auseinandersetzungen, nie enden wollende Diskussionen, eine Menge Tränen meinerseits und diese Aggression. Diese schiere Kraft, die dieser 190cm Kerl hatte. Es war mehr als nur einmal verdammt knapp an meinem Gesicht vorbei.
Das Loch in der Rehgipswand seiner alten Wohnung erzählt nur eine unzähliger Geschichten, in denen er sich gerade noch zusammen reißen konnte, nicht mich, sondern einen Gegenstand zu schlagen.

Davon ab, dass unsere Beziehung in etwa funktionierte wie ein Blinker. Alle Nase lang trennte er sich von mir und kam dann wenige Tage oder Stunden später wieder zurück.
In der Zwischenzeit hatte ich mein Abitur in der Tasche und begann ein duales Studium. Unbewusst reizte ich ihn damit nur noch mehr, da ich so eine Karriere hinlegte, während er „einfach nur Krankenpfleger“ war – wie er es immer nannte. Er wollte doch so gerne auch mal Abi machen und hätte am liebsten gestern angefangen zu studieren.
Meines Wissens hat er es bis heute nicht gemacht, nicht weil er zu doof wäre, ihm fehlt der Mut einen solchen Schritt zu gehen!

In der Uni und auf der Arbeit habe ich dann gelernt, dass es ja noch andere Menschen neben ihm gibt, die mich nett finden. Ich begann mich viel zu unterhalten und das eben auch mal über Themen, die ich spannend fand! Da waren Leute, die meine Musik mochten. Er hat sie gehasst, wir haben fast nur gehört, was er mochte.
Am 1. März war es soweit! Ich konnte die ganze Nacht nicht einschlafen, habe mich rumgewälzt und gegrübelt, bis ich mich entschlossen hatte, mich von ihm zu trennen. Kaum war dieser Gedanke zu Ende gedacht, bin ich eingeschlafen wie ein Baby.
Am nächsten Tag kam er zu mir und wir führten eine dieser stereotypischen Trennungsgespräche, in denen er nicht einsehen wollte, dass ich es so meine, wenn ich Schluss mache!
Ähnlich wütend wie schon hunderte Male zuvor verließ er mein zu Hause, nur dass er nie mehr wieder kommen würde.

Bis Mitte Juni herrschte absolute Funkstille… bis wir uns auf einem Dorffest wieder über den Weg liefen. Er war äußerst nett zu mir, entschuldigte sich sogar für alle Lügen, die er über mich verbreitet hatte und wir unterhielten uns, über eine Stunde, sehr nett miteinander. In den darauffolgenden Wochen trafen wir uns mehrere Male, um einen Kaffee gemeinsam zu trinken. Immer kam ich mit dem Auto meiner Eltern zum Treffpunkt (sehr bekannte Fast Food Kette) und immer waren es sehr angenehme Abende, an denen wir uns über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft austauschten.

An jenem Abend hatten wir uns wieder einmal kurzfristig per Whatsapp verabredet, doch ich konnte das Auto meiner Eltern nicht haben, da sie selbst weg wollten. Nachdem ich ihn darüber informiert hatte, schlug er vor, er könnte mich ja gerne abholen.

Ich muss dazu kurz etwas einwerfen. Ich bin totaler Bauchmensch. Mein Bauch hat immer Recht. Nur will mein Kopf das nicht einsehen. Ich stehe vor einer Entscheidung und mein Bauch sagt sofort Ja oder eben Nein. Und dann mischt mein Kopf sich ein… er will immer erst mal noch in Ruhe über alles nachdenken, die Situation abwägen etc. Und am Ende kommt er in einem Großteil der Fälle immer auf dieselbe Schlussfolgerung, wie der Bauch sie vor Minuten, Stunden oder Tagen schon gezogen hatte. Auf meinen Bauch ist Verlass!

Ich las die Nachricht mit seinem Vorschlag und sofort schrie mein Bauch laut, ich sollte das bloß nicht machen. „Was ist denn mit dem los?“ meldete sich sofort der Kopf. „Also bitte, ihr trefft Euch ja nicht das erste Mal auf einen Kaffee und er war doch immer total nett, jetzt stell Dich mal nicht so an.“ Die Schlussfolgerung meines Kopfes klang für mich in diesem Moment vollkommen logisch. Ich befahl meinem Bauch Ruhe zu geben und wenige Stunden später stieg ich in den Wagen meines Ex-Freundes.

Mein Bauch spürte sofort, dass da etwas nicht stimmte. Irgendwas war anders. Ständig redete er über unsere Beziehung und lobte sie in den höchsten Tönen. Er erklärte mir den ganzen Abend, was er alles daran vermisse und dass er gerne nur für einen Abend alles wieder aufleben lassen würde. Mein Bauch schimpfte erneut, mein Kopf sagte wieder: „Mach Dich nicht verrückt, ist doch schön, wenn er endlich auch mal die positiven Seiten der Beziehung sieht.“

Und dann wollte er mir seine Wohnung zeigen…
Was er zunächst auch tat, bis wir im Türrahmen seines Schlafzimmers standen.
„Nur noch einen Kuss, einen allerletzten Kuss möchte ich!“ waren seine Worte, doch ehe ich auch nur irgendeine Antwort formulieren konnte, hatte er sein Vorhaben schon in die Tat umgesetzt. Jedes Mal, wenn er seine Lippen ganz kurz von meinen löste, sagte ich „Nein!“ oder „Wir sollten das nicht machen!“ Er presste mich ganz fest gegen den Türrahmen und ich wusste nicht mehr was ich tun sollte.

Wenige Minuten später hatte er mich schon auf sein Bett geschmissen und sich auf mich gestürzt. Ich murmelte immer wieder „Nein!“ Mit jedem Kleidungsstück, um das er mich erleichterte, sagte ich „Lass das!“ Er fasste mich an, genau wie früher immer und es fühlte sich so falsch an. Knappe 100 Kilogramm, verteilt auf 1,90m Mann lagen dort auf mir. Er war forsch, nicht gewalttätig, aber grob. Mit seinen großen Händen kannte er wie immer nur zwei Stellen an meinem Körper, meine Brüste und meinen Schritt. Er knetete meine Brüste so fest, dass ich stöhnen musste vor Schmerz, für ihn wohl ein Signal von Lust, denn kurz darauf…

Vor Angst war ich so angespannt, dass es unwahrscheinlich wehtat. Jeden Millimeter, den er sich nun bewegte löste Hass, Angst und Schmerzen in mir aus. Ich resignierte, nachdem ich gefühlte 100 Mal laut und deutlich „Nein“ gesagt hatte, wusste ich nicht mehr, was ich machen sollte. Ich hörte auf mich aufzubäumen und lies es über mich ergehen. Wenn Du jetzt still hältst, geht es ganz schnell, dachte ich.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich es „über mich ergehen“ lassen habe. Waren es nur wenige Minuten? Es fühlte sich an, wie Stunden, bis endlich, plötzlich seine Wohnungstür aufsprang (direkt gegenüber von der Schlafzimmertür, die nicht geschlossen war!) und seine Nachbarin dort stand und direkt auf uns drauf schaute.

Er sprang erschrocken von mir runter, lachte laut und als ihr erster Schock überwunden war, drehte sie sich auf dem Absatz um und verließ kichernd die Wohnung. Ich hatte mich nicht einen Millimeter gerührt, als er mich ansah, sich das Kondom abstreifte und mich grinsend beäugte. „Schade, dass wir das nicht zu Ende führen konnten!“ Mit diesen Worten griff er nach seinen Klamotten und begann sich anzuziehen.

Noch immer gelähmt, weil ich einfach schier überfordert mit dieser gesamten Situation war, starrte ich ihn an. „Ich bringe Dich jetzt besser nach Hause!“ sagte er, beugte sich zu mir und küsste mich noch einmal. Sofort spannten sich wieder alle Muskeln meines Körpers an. „Bitte nicht!“ schrie es in mir und er löste sich wieder von mir und verließ den Raum. Ich konnte hören, wie er sich in der Küche eine Zigarette anzündete, als schließlich auch ich aufstand und mich anzog.

Ohne weitere Vorkommnisse fuhr er mich nach Hause. Wir redeten nicht mehr viel. Als ich ausstieg wünschte er mir, mit einem widerlichen Grinsen auf dem Gesicht, eine gute Nacht und süße Träume, am besten vom heutigen Abend. Ich versuchte den Kloß in meinem Hals herunter zu schlucken und krächzte: „Gute Nacht!“ ehe ich die Haustür hinein und geradewegs ins Badezimmer ging.

Ich ging sofort duschen, schmiss alle Klamotten, die ich trug in die schmutzige Wäsche. Ich fühlte mich so dreckig. Als wäre ich mir selbst fremdgegangen und müsste nun alle Spuren beseitigen, damit ich nichts davon erfuhr.

Es klappte, zumindest eine Zeit lang. Ich begann zwei Monate später eine neue Beziehung, die bis heute anhält und wirklich wundervoll ist! Es dauerte zwei Jahre, bis ich verstand was passiert war. Beim Verkehr mit meinem neuen Partner, nach bereits zwei Jahren Beziehung hatte ich das erste Mal einen Flashback. Er lag auf mir, war zärtlich und liebevoll wie immer und plötzlich… ich schrie, ich weinte, ich hatte solche Angst vor ihm, stand kurz vorm Hyperventilieren.

Wie immer reagierte er wunderbar! Er löste sich sofort von mir, nahm mich in den Arm und lie mich einfach weinen und schreien. Er streichelte mich und sagte mir immer wieder, dass er bei mir sei und mich beschützen würde, dass alles gut sei, dass er mich liebe.

Mit diesem Flashback ging ich zu meinem Therapeuten, der mich zu diesem Zeitpunkt bereits etwa 6 Wochen durch meine Depression begleitete. Nachdem wir uns einige Stunden ausführlich über das geschehene und „ihn“ unterhalten hatten, sagte er die wohl wichtigsten Worte, die jemals einer im Zuge dieses Abends zu mir gesagt hat. „Warum habe ich mich nicht gewehrt? Wie konnte ich so dumm sein und es einfach über mich ergehen lassen? Warum habe ich es nicht wenigstens versucht?“ Er lächelte mich verständnisvoll an und legte seinen Kopf leicht zur Seite. „Ich kenne ihn nicht, aber ich kann ihnen sagen, so wie sie ihn beschrieben haben, hat ihr Unterbewusstsein an diesem Abend genau die richtige Entscheidung getroffen. Sie haben sich nicht gewehrt, weil es alles nur schlimmer gemacht hätte. Er wäre gewalttätig geworden. Er hätte nicht aufgehört!“

Heute, zweieinhalb Jahre später, kann ich darüber reden, ich kann es aufschreiben, ich kann „damit umgehen“. Er wollte mir einfach nach über einem Jahr Trennung beweisen, dass er mich immer noch im Griff hat. Sein Ego hat es nicht verkraftet, dass ich ihn verlassen und damit so bloß gestellt habe.

Damals wie heute habe ich nicht angezeigt. Wie auch? Er war schlau genug ein Kondom zu benutzen und da er nicht gewalttätig war, hatte ich keinerlei Hämatome oder ähnliches vorzuweisen. Aber das ist es nicht, was mich stört. Er wird seine Rechnung bezahlen, dafür werden Karma, Schicksal, Gott oder wie man es auch immer nennen mag schon sorgen. Was mich stört ist nicht die Tat als solche, oder die Bilder, nein!

Mich stört die Tatsache, dass es ein Teil meines Lebens ist und er es entschieden hat, dass ich keinerlei Einfluss darauf hatte. Ich werde es in fünfzig Jahren noch mit mir herum tragen müssen, egal wie präsent die Bilder dann noch sind, ich hatte keinen Anteil an seiner Entscheidung.

Und wieder einmal ist es bestätigt, dass es in den seltensten Fällen „der fremde Besoffene hinterm Busch“ ist, sondern in den meisten Fällen leider jemand, der einem nahe steht. Jemand den ich geliebt habe, mit dem ich drei Jahre meines Lebens verbracht habe und dem ich vertraut habe…

Jammernde Väter

CC0 Public Domain

Ein Gastbeitrag von Birgit Gärtner
Dieser Beitrag erschien am 05. August 2010 zuerst auf heise.de und ist Teil einer Reihe unregelmäßig erscheinender Artikel zum Thema Sorgerecht/Väterrechte.  Am 03.08.2010 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass unverheiratete Väter in Zukunft auch gegen den Willen der Mutter das Sorgerecht erhalten können und machte damit den Weg frei zu einer entsprechenden Gesetzesänderung.

Die rechtliche Ohnmacht des Mannes im Allgemeinen und des (ledigen) Vaters im Besonderen widerspricht der Wirklichkeit. Einige Anmerkungen zum Sorgerechtsurteil des Bundesverfassungsgerichts

Justiz und Medien haben eine neue Spezies entdeckt: diskriminierte ledige Väter bzw., Angehörige dieser unterdrückten Minderheit haben sich wirkungsvoll in Szene gesetzt und dieser Tage vor Gericht einen Erfolg in Sachen Sorgerecht erstreiten können – die mediale Zustimmung ließ nicht lange auf sich warten. Auch Telepolis stimmte in das Klagelied der Diskriminierten mit ein (siehe Mehr Recht auf Vater für die unehelichen Kinder). Zeit, dem großen Jammern mal ein paar Fakten entgegenzusetzen.

Die rechtliche Ohnmacht des Mannes im Allgemeinen und des (ledigen) Vaters im Besonderen wäre mir ein völlig neues Phänomen. Familien sind keine virtuelle Erscheinung, diskutiert in Foren und Blogs, sondern eine ganz konkrete Erfahrung im realen Leben – und da findet Vater in aller Regel nicht statt. Was nicht heißt, dass es nicht auch Gegenbeispiele gibt. Aber Väter, die sich gleichteilig in die Kindeserziehung einbringen wie die Mütter sind und bleiben nun mal die Ausnahme. Und Mütter sind ganz garantiert die Letzten, die sie davon abhalten.

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