Alle Artikel von Manu Schon

Radikalfeministische Literatur in deutscher Sprache

Pixabay. Public Domain

Nachfolgend haben wir eine Leseliste für euch zusammengestellt, die radikalfeministische Literatur beinhaltet, die in deutscher Sprache erschienen ist. Manches ist schon älter, und nur noch antiquarisch erhältlich. Hierbei kann man aber auch Glück haben und den ein oder anderen Titel bei ZVAB, Booklooker und Co oft schon für wenige Euro gebraucht bekommen…

Viel Spass bei der Lektüre! Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, weitere Hinweise werden gerne aufgenommen!

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Willkommen im Patriarchat: Sonderpreis für Vergewaltigungs-Diskurs

"Take rape seriously" - Protester with Placard Reproductive rights activist Shelby Knox.

by Women's eNews via Flickr, [CC BY 2.0]

Man kann nun wirklich nicht sagen, dass Mithu Sanyal durch ihren empörenden Vorschlag, Opfer sexueller Gewalt wertneutral als Erlebende zu bezeichnen (da man ja nicht wisse, wie sie die ihnen angetane Tat selbst einordnen) und der daraus folgenden, erhitzten Debatte irgend etwas an Reputation eingebüßt hat.

Ganz im Gegenteil, sie bekam nachdem belegbar aus rechten Kreisen gegen sie lancierten Shitstorm – gegen den Radikalfeministinnen sie trotz inhaltlicher Kritik verteidigten und denen sie dennoch den schwarzen Peter zuschob und als Initatorinnen von Vergewaltigungsdrohungen bezichtigte (und damit aktiven Täterschutz betrieb) sehr viel trostspendende Anerkennung.

Während sie ein Interview nach dem anderen geben durfte, interessierte man sich im medialen Mainstream so gut wie nicht für die Position der Initatorinnen, des sich kritisch mit ihren Positionen auseinandersetzenden Offenen Briefes – darunter zahlreiche Betroffene sexueller Gewalt. Während ihr und ihrer Sichtweise also breiter Raum eingeräumt wurde, ignorierte man die Gegenseite so gut es ging. Die TAZ richtete sogar derweil eine eigene Kolumne mit dem Titel „Mithulogie“ für Sanyal ein, Titel wie „Das Piss-Manifest“ lassen den inhaltlichen Tiefgang bereits erahnen.

Zum Tode Hugh Hefners, dem Playboy-Gründer, der Nacktfotos von Marilyn Monroe auf dem Cover seines Magazins ohne deren Konsens abdruckte, der mit Fotos von Minderjährigen pädokriminelle Fantasien anheizte und legitimierte und über den wir von ehemaligen „Bunnies“ erfahren, wie mies er sie behandelte und dass er die von Bill Cosby gerne für seine sexuellen Gewalttaten eingesetzten KO-Tropfen als „Schenkelöffner“ bezeichnete, bescherte sie diesem Frauenfeind einen äußerst wohlwollenden Nachruf:

„Hugh Hefner habe sich bereits in den 1950er- und 60er-Jahren für Empfängnisverhütung und Abtreibung eingesetzt, betont Mithu Sanyal. Er habe sich später auch für die Ehe für alle und gegen Waffen und die Todesstrafe ausgesprochen. „Frauen haben ein eigenes sexuelles Begehren“, habe Hefner in einer Zeit gesagt, als das noch undenkbar war. „Die Playmates haben einem immer in die Augen geguckt. Die hat man nicht irgendwie beobachtet, sondern die haben einen angeguckt und gesagt: Hey, ich will was aktiv!“

Auf ihrer Facebook-Seite schreibt sie allen ernstes:

„Denn der Ober-Playboy und Viagra-Fan Hugh Hefner ist durchaus eine faszinierende, komplexe Figur. Ja, der Playboy ist auch sexistisch, aber er ist eben auch feministisch – zumindest wenn es nach Hugh Hefner geht.“

Kein Wort auch darüber, dass Hefner eng mit der Mafia verbunden war, darunter Linda Boremans Zuhälter und Ehemann Chuck Traynor, dass er einen maßgeblichen Anteil an dem Vorantreiben der Objektifizierung von Frauen trug oder auch nur den Hauch einer Ahnung davon, welche Vorteile sein Kampf für Abtreibungsrechte vielleicht für Männer, die Frauen sexuell ausbeuten wollen, haben könnte. Immer wieder erwische ich mich dabei, mich zu fragen ob Sanyal und die Liberalfeministinnen die Zusammenhänge wirklich NICHT SEHEN, aus Blindheit oder Unvermögen, oder ob sie BEWUSST UND AKTIV den Boden für das Patriarchat ebnen.

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Prostituiert euch!

By i_hate_sult (http://www.webcitation.org/5zQfwo653) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Eigentlich hab ich mir ja abgewöhnt jeden Pups aus dem Popfeminismus-Häppy-Sexwörk-Libfem-Queer-Prostitution-ist-Sexarbeit-s-Lager zu kommentieren, aber zwei brandaktuelle Artikel sind so dermaßen schräg, dass ich es mir nicht verkneifen kann.

Erst wurde mir ein Artikel, der beim STERN, bzw. NEON (Kernzielgruppe: „Menschen zwischen 20 und 35 Jahren mit hohem Bildungsstand und überdurchschnittlichem Einkommen“) veröffentlicht wurde, in die Facebook-Timeline gespült. Titel: „Warum du dich lieber an Huren statt an Barbies orientieren solltest. Du willst Dich schöner fühlen? Vergiss die klassischen Beautytipps und lerne von Prostituierten, erstelle Dir ein Profil bei einer Escort-Seite und übe Dominaposen.“

Zunächst einmal springt einem bereits in dieser Überschrift das Patriarchat mit nacktem Arsch ins Gesicht, wies doch bereits der Soziologe Pierre Bourdieu, bewusst anknüpfend an die brillanten Analysen der Radikalfeministinnen der 1970er Jahre, darauf hin, dass „Körper für andere (Männer) machen“ müssen, eines der zentralen Kennzeichen der „Männlichen Herrschaft“ ist. Und wieso sollen sich junge Frauen eigentlich zwischen „Huren“ und „Barbie“ entscheiden müssen?

Über die Autorin erfahren wir:

„Die Schriftstellerin Anna Basener hat für ihren Roman „Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte“ ein illegales Ruhrpott-Bordell erfunden. Sie hat dafür mit Prostituierten, Dominas und Bordellwirtschafterinnen gesprochen und gelernt, dass Moralisieren keinem hilft, am wenigsten den Sexarbeiterinnen.“

Besagte Autorin leitet in ihrem Text nach ihren Gesprächen mit ein paar prostituierten Frauen, die sich als Sexarbeiterinnen verstehen, aus deren individuellen Sichtweisen allgemeingültige Aussagen ab. Nun, that`s not exactly how Gesellschaftsanalyse works. Okay, vielleicht wollte sie auch nur einen (in ihren Augen) unterhaltsamen Text schreiben, aber ich will mal exemplarisch an ein paar Beispielen deutlich machen, warum hier was gründlich schief gelaufen ist.

„Marleen ist 26, Studentin und Hure. Sie hat in ihrer Jugend gelernt, dass sie zu dünn ist. Keine Kurven, wenig Busen, das ist nicht sexy, dachte sie bis sie angefangen hat anzuschaffen. Jetzt weiß sie, dass sie heiß ist. Umgekehrt gibt es aber auch dicke Prostituierte, deren Geschäftsmodell es ist, Männer zu befriedigen, die dünne Frauen geheiratet haben mutmaßlich aus Prestigegründen. Sie machen eine „Riesenmark“ damit, dass es gesellschaftsfähiger ist, auf Barbie-Blaupausen zu stehen, auch wenn man selbst lieber was zum Anfassen hätte.“

Gewagte These: Eigentlich sind es gar nicht die Frauen, die hier unterdrückt sind, sondern die armen Männer, die nicht zu ihren wahren Fetischen stehen dürfen (denn nichts anderes ist es, wenn man SexualpartnerInnen aufgrund von zum Beispiel optischen Vorlieben auswählt), sondern gesellschaftskonform ihre Ehefrauen auszuwählen haben? Huh? Nun ist es ja tatsächlich so, dass die Ehefrau oder Partnerin nicht selten als Statussymbol (in Bourdieus Worten „symbolisches Kapital“) fungiert, aber, dass die Bordelle jetzt überdurchschnittlich mit „dicken Prostituierten“ gefüllt sind, das entbehrt nun wirklich jeder Grundlage. Und was hier auch nicht erwähnt wird, ist, dass Freier sehr häufig auf Abwechslung stehen: Heute dick, morgen dünn, übermorgen ne „MILF“, nächste Woche mal ein „Teenie“ und auch in Bezug auf die ethnische Zugehörigkeit erweist Freier sich gerne als „welterfahren“ und „Kosmopolit“. Der Pro-Prostitutions-Verein Dona Carmen spricht diesbezüglich von „Völkerverständigung von unten“. Isses nich HERRlich?

Im Grund gar nicht so verkehrt ist das hier:

„Eine These: Weil Bordelle beweisen, dass den konventionellen Schönheitsidealen nicht zu trauen ist. Es sind Orte, an denen der Wert eines Körpers nicht von Hollywood, Fashionshows oder Werbung definiert wird, sondern vom Markt. Ob ein Angebot auch auf Nachfrage stößt, lässt sich schlicht und ergreifend am Preis ablesen.“

Da steckt empirisch belegbar sehr viel Richtiges drin. Nämlich: Dass es sich um einen Prostitutionsmarkt handelt, dass die Nachfrage das Angebot bestimmt, und dass es Preisunterschiede gibt. Nur das mit den „konventionellen Schönheitsidealen“, die sich hier angeblich nicht wiederfinden, das stimmt so nicht, Frau Basener. Hätten sie mal in den sehr aufschlussreichen Artikel des Economist geschaut, dann hätten sie es besser gewusst.

Die haben nämlich Freierforen und sage und schreibe 190.000 Angebotsprofile aus 84 Städten und 12 Ländern im Zeitraum von 1999 bis 2014 ausgewertet in Bezuf auf die körperlichen Attribute der prostituierten Frauen, sowie die angebotenen Leistungen und Preise. – Diese Ökonomen! –  Die höchsten Preise sind mit dünnen Frauen mit sehr langen, blonden Haaren oder mit vollen Brüsten zu erzielen. Huch! Erkennbar blondierte Haare sind preismindernd, jedoch immer noch unter den „Premium“-Angeboten. Zwischen kleinen Brüsten und einem D-Cup liegen 40 Dollar Preisunterschied, weshalb eine Brustvergrößerung (die mit 3.700 Dollar Kosten beziffert wird) sich ökonomisch bereits nach 90 Stunden amortisiert. – Wie nüchtern die doch solche Zusammenhänge darstellen können!

Jetzt könnte man noch einwerfen: Aber Aussehen ist nicht alles! Denn preisgestaltend sind Studien zufolge ja auch die existentielle Not und der Freiwilligkeitsgrad derjenigen, die sich anbieten (müssen). Eine gehandelte Frau, eine aus rassistischen Gründen in der Hierarchie ganz unten stehenden Romni oder eine Drogenprostituierte, die ihren nächsten Schuss braucht, sind in der Regel „günstiger zu haben“, als beispielsweise die deutsche Hobbyprostituierte, deren Existenz grundsätzlich bereits anderweitig gesichert ist. Auch das abzuringende Leistungsspektrum ist bei den genannten Personengruppen, die unter besonders viel Druck stehen und auch jenen, deren persönliche Grenzen durch massive Gewalterfahrungen extrem verletzt wurden, sehr viel größer. Man könnte auch sagen „viel für wenig Geld“ ist einem großen Teil der Freier wichtiger als die Optik. Aber auf solche Zusammenhänge hinzuweisen wäre ja auch ein bisschen zu viel verlangt.

Weiter geht’s mit einem Pro-Tipp:

„Natürlich müsste man sich gar nicht darum scheren, irgendjemandem zu gefallen. Begehrt zu werden kann nicht der einzige Schlüssel zu einem besseren Verhältnis zum eigenen Aussehen sein. Eigentlich muss das von innen kommen, klar. Ist aber leichter gesagt als getan, denn: Wie kommt das Bewusstsein für die eigene Schönheit überhaupt erst in einen hinein? […]. Lernen wir also von den Huren. Was hilft, ist die Dominapose: Breitbeinig stehen, Hände in die Hüften, Kinn hochnehmen. Stärkt das Selbstwertgefühl und schreibt sich in den Körper. Kat Rix […] wollte eine geile Frau sein, also hat sie entschieden, dass sie eine ist. Das klingt einfacher, als es ist, und braucht Zeit. Aber was hilft, ist die Dominapose. [Die Dominas haben …] der Männerwelt schon vor Wonder Woman‘s Erfindung ihre Schönheit und Stärke entgegengeschleudert.“

Fhlks9a0aßd98sfd97(=D()S=(D(=  [<——- das sind die Tastenabdrücke, die ihr die nächsten Tage auf meiner Stirn bewundern könnt).  Ach, wisst ihr was, ich lass das einfach mal für sich sprechen….  (Ob ihr bewusst ist, dass sich das tatsächliche Machtverhältnis auch nicht rumdreht, wenn der Freier dafür bezahlt den devoten Part zu übernehmen – und dennoch genauestens und bis ins letzte Detail bestimmt was genau gemacht wird?)

Die Autorin endete damit den Leserinnen folgendes vorzuschlagen:

„Eine praktische Übung fürs Selbstwertgefühl: Erstell dir ein Profil auf einer Escort-Seite (oder auch komplett offline) und trag zusammen, warum du attraktiv bist so attraktiv, dass Sex mit dir Geld kostet. Nicht falsch verstehen: Ich spreche hier nur von einer Übung, nicht davon, das Profil wirklich hochzuladen oder anschaffen zu gehen. Es geht mir nicht um Berufsberatung, sondern um einen neuen Blick auf Schönheit. Es geht auch nicht um den tatsächlichen Preis, den du verlangen könntest, sondern um deinen Wert.“

Seufz. Das ist also die Botschaft an die jungen Frauen, die NEON lesen: Euer Wert bemisst sich in eurer Schönheit, und die Hoheit über diese zu befinden liegt bei euch selbst. Lassen wir mal den flapsigen Ton beiseite: Es ist doch einfach furchtbar, wie durchtränkt dieser gesamte Artikel, der am Ende mit diesem „praktischen Vorschlag“ gekrönt wird, mit den Vorstellungen der patriarchalen Unterordnung der Frau, deren Wert sich darin bemisst, wie schön, wie attraktiv, sie ist und schließlich, wie gut sie sich auf einem Markt verkaufen kann – sei es als tatsächlich prostituierte Frau mit materieller Entgeltung oder nur in dem hier angedachten symbolischen Sinn. Ich weiß nicht, aber das ist doch irgendwie unendlich traurig???

Der Titel des zweiten Textes, zu dem ich was sagen möchte, knüpft an dieser Stelle wunderbar an: Für „Huren sind wir alle“ bekommt das liberalfeministische Missy Magazine gerade mal wieder in der ihrigen Facebook-Kommentarspalte ordentlich die Hucke voll. Meines Erachtens völlig zu Recht.

Der Autor, „Christian Schmacht, geboren 1989, queerer Autor und Sexarbeiter, […] mag es […] sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben“, steigt ein mit der Schilderung einer „konsensualen Sexzene, die an Erfahrungen von sexualisierter Gewalt erinnern kann.“ Auf eine Zitierung meinerseits wird verzichtet, die Schlagworte Kehlenfick, Tränen, Würgereflex, Kotze, Gesichtsbesamung dürften reichen.

Irgendwie spricht es für sich selbst, wenn man angesichts von deutlichen Schilderungen von Gewalt und Erniedrigung extra darauf hinweisen muss, dass es sich um konsensuale Handlungen handelt. Das liegt daran, dass mit dem Konsens-Konzept auch die brutalsten Foltermethoden legitimiert werden können, denn „er/sie wollte es ja so“. Nicht hinterfragt wird dabei, woher diese Wünsche, diese Zustimmung überhaupt herrührt. Das alles führt, wie wir schon häufig erläutert haben, dazu, dass es keinen objektiven Gewaltbegriff mehr in Bezug auf die Sexualität gibt, obwohl ein Gewaltakt nun mal auch dann ein Gewaltakt bleibt, wenn er von demjenigen oder derjenigen, der/die ihn erfährt subjektiv nicht als Gewalt aufgefasst wird. Liberale Konfusionsarbeit at its best.

Die ehemalige Prostituierte Huschke Mau kommentiert dies richtigerweise wie folgt:

Echt schade, dass ihr anscheinend nicht wisst, was sexualisierte Gewalt ist. Denn ja, wenn mir jemand den Schwanz reinschiebt bis ich kotzen muss, obwohl das nicht abgesprochen war, dann IST das sexualisierte Gewalt und keine „konsensuale Sexszene“ die an „sexualisierte Gewalt erinnern kann“. Ich als Exprostituierte danke trotzdem für den Artikel: Das Sexgeschäft wird in ihm realistisch dargestellt. Wenn auch, wie man bei euch nach diesem Artikel ja vermuten muss, unfreiwillig und nicht bewusst. Aber es wird klar, Freier sind grenzüberschreitende, gewaltausübende Täter. Danke dafür.“

Der Autor fährt fort:

Dann gehe ich mich waschen und lasse unterwegs das Kotzhandtuch verschwinden und denke daran, wie wir gerade erst diesen Song von SXTN gehört haben, Skyler und ich: „Hass Frau, du nichts, ich Mann. Blase, bis du kotzt, aber kotz auf meinen Schwanz.“ Sie haben die Stimme von Alice Schwarzer gesampelt, die sich in einer Talkshow über HipHop empört, und dazu rappen sie von Frauenhass. Das war gestern, als wir nachts über die Autobahn fuhren. Wir redeten über die Lyrics und waren uns einig, dass sie uns gefallen und dass wir Alice Schwarzer hassen und dass SXTN es schaffen, gleichzeitig Typen zu dissen und sich über Alice-Schwarzer-Feminismus lustig zu machen.“

Das ist Feminismus 2.0.: Frauenhass im allgemeinen (SXTN Lyrics) und Frauenhass im konkreten (Hass auf Alice Schwarzer) sind damit ganz offensichtlich problemlos kompatibel. Und klar: Das allseits beliebte Alice Schwarzer Bashing funktioniert in gewissen Kreisen sowieso IMMER. So ein durchschaubares fishing for sympathies. Warum echte Gesellschaftskritik üben, wenn einen die Herzen der Sexualliberalen auch schon für „Schlag die Alice“ zufliegen.

Und auch die Rapperin Sooke, die in gewissen Kreisen durch einen vermeintlich transphoben Songtext in Ungnade gefallen ist, bekommt nochmal eins mitgegeben:

„Die queere Rapperin Sookee hat einen Song gemacht über Sexarbeit auf ihrem neuen Album. Der Song heißt „Hurensohn“ und handelt vom Sohn einer Hure und davon, dass er ein richtig liebenswerter Bursche ist, der seine Mutter respektiert. Ich höre ihn mir manchmal an, weil er so unangenehm ist, wie auf einem entzündeten Pickel rumzudrücken, um den Schmerz zu spüren und den Eiter fließen zu sehen. Ich frage mich, warum Sookee nicht stattdessen über sich selbst schreibt. Darüber, warum sie selbst keine Sexarbeiterin ist (falls sie keine Sexarbeiterin ist), oder wie oft in ihrem Leben sie schon sexuelle Dienstleistungen gegen andere Vorzüge eingetauscht hat?“

Das klingt ein bisschen so, als solle sie sich – vermutlich eigentlich wir alle –  jetzt dafür rechtfertigen, dass /wenn sie/wir selbst keine „Sexarbeiterin“ / „Hure“ ist/sind. Denn eigentlich und überhaupt, wisst ihr:

„Sexuelle Dienstleistungen gegen Aufmerksamkeit ist ein bewährter Deal, dafür brauchen wir uns nicht zu schämen. Klar hat sie mehr verdient, ich auch, wir alle. Aber im Leben gibt es viele miese Deals.“

Eine Kommentatorin fasst trefflich zusammen: „Neoliberal as fuck, literally.“ Yup, genau das ist es! Forderungen, Vorschläge, Ideen dass und wie sich etwas in dieser Gesellschaft ändern kann sucht man hier vergebens. Stattdessen die übliche Leier, wir prostituieren uns eh ALLE, die einen so und die anderen so, aber „so ist das Leben“ und schön, dass wir mal drüber geredet haben und das wars? Ahjo.

Das Missy Magazine unterstreicht in der Kommentarspalte das Anliegen des Autors die Grenzen in Bezug auf die Gruppe von Menschen, die als Prostitutierte zu bezeichnen sind, auszuweiten:

„Der Text weist auf etwas hin, was sehr viele Sexarbeitsgegner*innen verkürzen beziehungsweise nicht mitdenken: Wo beginnt Sexarbeit eigentlich?“

Hätten die Missys vielleicht mal Radfem Klassiker wie „Pornographie“ von Andrea Dworkin gelesen, dann wüssten sie, dass diese von ihnen vertretene Sichtweise urpatriarchal ist. In der patriarchalen Lesart gibt es genau zwei Arten von Huren: 1) Die Ehe-Hure, die der Privatbesitz eines einzigen Mannes ist, und diesem sexuell zur Verfügung zu stehen hat (wir erinnern uns vielleicht daran, dass Vergewaltigung in der Ehe erst seit den späten 1990er Jahren ein Straftatbestand ist?) und 2) die Hure, die Allgemeinbesitz ist, und an der sich alle Männer erfreuen dürfen. Welche dieser beiden für uns vorgesehenen Rollen, die beide eine Seite der selben patriarchalen Medaille sind, uns genehm ist, das dürfen wir uns aussuchen, wenn es nicht für uns ausgesucht wird.

Also, was sollen wir in unserer Gesellschaftsanalyse denn bitte noch erweitern, liebe Missys? Die von euch konstatierte Verkürzung trifft doch vor allem auf euch selbst zu.

Aber dankbar können wir euch ja irgendwie schon sein für diesen Peak-Libfem-esken-Artikel, macht ruhig weiter so, denn wie einer bei euch so schön schreibt:

„Zumindest danke ich dafür, dass ich einen Text habe, mit dem ich unkompliziert vermitteln kann, weshalb ich keinen käuflichen Sex will.“

„Nicht alleine joggen gehen“ – Über eine fehlgeleitete Empörung

No More Rape

Steve Rhodes via Flickr, [CC BY-NC-SA 2.0]

Ich gehe regelmäßig wandern. Über Wiesen. Über Felder. Durch Wälder. In der Regel alleine. Am Wochenende war ich mit einer Freundin unterwegs. Wir unterhielten uns. Wir scherzten. Irgendwann sagte ich ernst zu ihr:

„Du, weißt du, was ich oft denke, wenn ich alleine unterwegs bin? Wenn ich all diese Zeitungsartikel lese über ermordete Joggerinnen und von SpaziergängerInnen oder WanderInnen, gefundene Frauenleichen im Wald? Oder die Leichenteile der armen prostituierten Maria in Hamburg, die AnwohnerInnen an der Elbe fanden? Ich hoffe immer, dass mir so etwas nicht passiert. Das ich nicht plötzlich über eine tote Frau stolpere. Das ist so eine Horrorvorstellung.“ Meine Freundin kannte diese Gedanken. Sie sagte mir, dass sie, wenn sie irgendwelchen finsteren Gestalten im Wald begegnet, auch als erstes an die Entsorgung einer Leiche denkt.

Kurz darauf geht das durch die Medien: Ein Mann vergewaltigt eine Frau in Leipzig auf brutalste Art und Weise. Er geht so brutal vor, dass „selbst erfahrene Polizeibeamte“ geschockt sind. Aufgrund der Tatsache, dass es in den letzten drei Wochen zwei weitere Fälle sexueller Übergriffe gegeben hat, geht die Polizei von einem Serientäter aus und gab als Empfehlung an Frauen aus: „Es wäre besser, zu zweit joggen zu gehen, oder zumindest zu schauen, ob immer jemand anderes irgendwo in der Nähe ist“.

Ein Aufruhr geht durchs Land. Der Vorwurf: Die Polizei mache Frauen für ihre eigene Sicherheit verantwortlich. Von Victim Blaming ist die Rede. Sibel Schick schreibt in der TAZ:

„Die Verantwortung der Polizei liegt nicht darin, Frauen Angst zu machen und sie so versuchen aus dem öffentlichen Raum auszuschließen, sondern darin, sie zu schützen. Wer zu Hause bleiben sollte, sind die Vergewaltiger – nicht die Frauen.“

Ich bin verwirrt und muss mich erstmal im Gespräch mit Freundinnen versichern, dass es mir nicht alleine so geht. Anders als seinerzeit in Toronto, wo der Polizist Michael Sanguinetti die Auffassung vertrat, dass „Frauen vermeiden sollten, sich wie Schlampen anzuziehen, um nicht zum Opfer zu werden“, machte die Polizei in Leipzig doch gar nicht die vergewaltigte Frau für das, was ihr angetan wurde, verantwortlich. Sie sprach eine begründete, anlassbezogene Sicherheitswarnung vor einer akuten Gefahr für Frauen in einem bestimmten Gebiet aus.

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Sympathie ist kein Ersatz für Empathie

von Usien (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Heute erschien ein Text im Zeit Magazin, der wie folgt eingeleitet wird:

„Der Moderator Nilz Bokelberg dachte lange, die Geschlechtergerechtigkeit sei erreicht. Die nächsten Generationen werden es besser haben. Dann wurde seine Tochter 16“

Bokelbergs Text endet folgendermaßen:

„Deshalb sind wir dran: wir Väter, Freunde, Brüder, Opas, Onkel, wir Männer. Denn wenn wir nicht bald anfangen, dafür einzustehen, dass unsere Töchter und Schwestern, Freundinnen und Ehefrauen genauso viele Chancen und genauso viele Gehaltserhöhungen bekommen wie wir, wird in diesem Land nie Gerechtigkeit herrschen. Was ist eure Angst? Dass der Kuchen kleiner wird? Mir ist an diesem 16. Geburtstag meiner Tochter klar geworden: Der Kuchen ist groß genug. Es ist genug für alle da. Aber es müssen auch alle die Chance haben, sich ihr Stück abzuholen. Meine Freundin fand es immer schade, dass ich mich nicht so nennen wollte: Feminist. Mit bestimmten Menschen wollte ich damals nicht in einen Topf geworfen werden. Heute weiß ich: Sichtbarkeit ist wichtiger als Eitelkeit. Heute kann ich endlich sagen: Ich bin Mann. Ich bin Vater. Ich bin Feministin.“

Auf den ersten Blick hört sich das doch total feini an: Ein geläuterter Papa, der dank seiner nun fast erwachsenen Tochter nun endlich einsieht, dass die Welt den Feminismus braucht – und Männer, die ihre Eitelkeit beiseitelegen und sich dazu bekennen: Für ihre Liebsten, weil denen soll es ja gut gehen, nicht wahr?

Uh huh. Ganz ehrlich, dieser Text ist so substanzlos, dass er sich den auch genauso gut in die Haare schmieren kann. Weshalb? Deshalb:

Zum einen enthält der Text keinerlei Systemkritik. Generös wird gesagt: Der Kuchen ist groß genug, dass genug für uns alle da ist, sogar für diese komischen anderen Lebewesen da, die Frauen. Keine Reflektion darüber, dass wir in einer patriarchalen Gesellschaft leben, deren zahlreiche Institutionen (Klassismus / Kapitalismus, Rassismus / Krieg, Sexismus, … – schlicht alle Systeme die auf männlicher Herrschaft / Gewalt gründen) ganz bewusst dafür sorgen, dass EBEN NICHT alle ein Stück vom Kuchen abbekommen. Dass die Gesellschaft nur dann eine bessere für alle werden kann, wenn wir einen komplett neuen Kuchen backen, ohne diese ganze „Toxic Masculinity“ und die damit verbundenen Mechanismen des Divide et Impera.

Zum anderen stellt sich die Frage, warum der gute Mann 40 Jahre alt werden musste, um zu merken, dass Frauen in dieser Gesellschaft aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden. Warum erst die Sorge um die eigene Tochter ihm ein Licht aufleuchten lässt, dass da irgendwas schief läuft. Alltagsbeobachtungen in Bezug auf Mutter oder Partnerin hätten ja eigentlich auch bereits den Groschen fallen lassen können. Erst jetzt wo das „eigene Fleisch und Blut“ (der Inbegriff der Männlichkeitskonstruktion übrigens) betroffen ist, da wird der gute Mann (vermeintlich) wach.

Werter Nilz Bokelberg: Ein ach so „mutiges“ Bekenntnis zum Feminismus ändert rein gar nichts an den Machtstrukturen in dieser Gesellschaft. Ein paar Quotenfeministinnen in Politik, Aufsichtsräten und Geschäftsleitungen und Equal Pay auch nicht. Feminismus bedeutet nicht an Männer zu appellieren für ihre Liebsten einzustehen. Nicht etwa für Mädchen. Nicht etwa für Frauen. Sondern nur die, die ihnen nahestehen. Und  da sind wir auch schon beim Kern des Problems.

Männliche Gewalt an Frauen (MVAW) findet in Bokelbergs Text nur in Form von sexueller Belästigung im öffentlichen Raum statt. Von Vergewaltigung, von häuslicher Gewalt, von emotionaler Gewalt – den Formen von MVAW, die am weitesten verbreitet sind, und die am ehesten von nahestehenden Personen begangen werden – spricht er vorsichtshalber erst gar nicht.

Er spricht auch nicht von der Aufteilung von Frauen in die „Heiligen und die Huren“ – die „guten“ Frauen, die die anderen Männer in Ruhe zu lassen haben, und die „schlechten“ Frauen, an denen sich alle austoben dürfen. Jene Aufspaltung, die es möglich macht, dass Freier zum einen Frauen in der Prostitution benutzen und sexuell ausbeuten können und gleichzeitig nicht möchten, dass die eigene Tochter zum Sexobjekt anderer Männer wird.

Und genau liegt der Unterschied zwischen Sympathie und Empathie: Empathie ist auch für andere Menschen da. Jene, die einem nichts bedeuten. Empathie bedeutet nicht, andere Mädchen und Frauen in Ruhe zu lassen, weil sie auch jemandes Mutter, Tochter, Schwester, Freundin oder Partnerin sind. Sondern sie in Ruhe zu lassen, weil sie Menschen sind, die in sich selbst vollständige menschliche Wesen sind und nicht nur in Relation zu einem Mann existieren. Weil sie Menschen sind, die ihren eigenen Wert aus sich selbst beziehen.

Der Name Nils Bokelberg sagt mir nichts, ich kenne ihn nicht. Vielleicht ist er ja einer, der seinen Kumpels Einhalt gebietet, wenn sie sexistische Witze machen. Vielleicht hat er noch nie einen Porno angeschaut und vielleicht schimpft er seine Kumpels, wenn sie ihm von einem Ausflug ins Bordell erzählen. Vielleicht setzt er sich auf seinem Arbeitsplatz dafür ein, dass die weiblichen Kolleginnen, nicht schlechter bezahlt werden und schreitet entschieden ein, wenn sie mit sexistischen Sprüchen im Kollegenkreis abgewertet werden. Wenn auch nur einiges davon zutrifft, dann war er – vermutlich ohne es zu wissen – an diesem Punkt ein guter „feminist ally“ (feministischer Verbündeter, bzw. Verbündeter von Feministinnen).

Ein selbst angetackertes Label „Feminist“? That don`t impress me much!

Feministische Selbstverteidigung erledigt die Band WOLF DOWN

"If I had a hammer… I'd SMASH Patriarchy"

T via Flickr, [CC BY 2.0] I FOUND IT!

Vorgestern wurde eine anonym gehostete Seite online gestellt, in der zwei Frauen einen der Gitarristen der Hardcore-Band WOLF DOWN –  eine Band, die der linken und veganen Szene zuzurechnen ist – der sexuellen und emotionalen Gewalt bezichtigen. Ein altbekanntes Phänomen setzte alsbald ein. Der Rechtsstaat wurde beschworen und die Unschuldsvermutung für den mutmaßlichen Täter eingefordert. Es wurde gemutmaßt, dass ja nichts dran sein kann an den Vorwürfen, wenn die beiden betroffenen Frauen keine Anzeige erstatten, sondern sich nur anonym äußern. Es wurden Beweise eingefordert. Weil erfahrene Gewalt ja immer so einfach zu beweisen ist, nicht wahr? Auf die Idee, dass die Unschuldsvermutung auch für mutmaßliche Falschbeschuldigerinnen gilt, und viele Frauen gar nicht anzeigen, weil sie wissen wie gering ihre Chancen sind in einem – oftmals als entwürdigend empfundenen – Gerichtsverfahren Recht zu bekommen, kamen die wenigsten.

Die Zweifler waren in der Mehrzahl, erst als sich die Freundin eines weiteren Bandmitglieds öffentlich auf die Seite der Opfer stellte, kamen einige der Kommentatoren zum Verstummen. Sie schrieb unter anderem:

„Ja, er hat der Band vor zwei Wochen erzählt, dass ihm Vergewaltigung vorgeworfen wird … Ja, sie wussten es alle seitdem. Ja, Tommy ist vor zwei Wochen ausgestiegen deswegen. Nein, niemand der anderen zog Konsequenzen daraus. Ja, der Rest hat noch Shows geplant und wollte weiterhin Geld mit der Band verdienen. Sie warteten und hofften, dass die Wahrheit nicht heraus kommt. Ja, diesen Scheiß nennt man Solidarität mit dem Täter“

Und eine weitere Frau meldete sich zu Wort. Larissa, die bis 2014 den Gesangspart in der Band hatte, schrieb gestern abend in einem Facebook-Post:

„Ich habe WOLF DOWN vor 3 Jahren verlassen …. ich wollte nur noch dieser toxischen Umgebung, die in dieser Band entstanden war, entkommen. Ich habe Tobias und Sven als scheinheilige sexistische Arschlöcher mit einer kranken Einstellung zu Frauen kennengelernt. Die haben daraus nie ein Geheimnis gemacht und ganz offen Frauen objektifiziert, Fotos und Geschichten ausgetauscht. In den sieben Jahren, in denen ich mit Sven, dem Schlagzeuger, zusammen war, wurde ich auf verschiedene Weise Gewalt ausgesetzt. Das ging sogar nach der Trennung weiter. … Sven ist nicht der Feminist, der er vorgibt zu sein, er ist ein soziopathischer Patriarch durch und durch …“

Mehr als einen Tag ließ sich die Band Zeit um Stellung zu beziehen. Das schließlich veröffentlichte Statement von zwei Bandmitgliedern (Dave und Pascal) offenbart einige Probleme einer Band, die sich selbst als feministisch versteht.

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Über politischen Widerstand und „kleinbürgerliche Nationalfetische“

Kaputtes Auto

CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Vor einigen Jahren habe ich als politische Aktivistin nach einer antikapitalistischen Demonstration in Frankfurt ziemliche mediale (und parteiinterne) Dresche bezogen. Eigene Parteikollegen instrumentalisierten ein Facebook-Like(!), weil sie mich eh nicht leiden konnten, und brachen eine Debatte vom Zaun, die sogar in einer Debatte in der Stadtverordnetenversammlung, der ich damals angehörte, mündete. Noch heute findet man, wenn man meinen Namen in einer Suchmaschine eingibt bereits auf der ersten Seite Artikel, die mir ein ungeklärtes Verhältnis zu Gewalt unterstellen.

Ich stehe noch heute 100% hinter allem was ich damals gemacht, gesagt und geschrieben habe. Die kritisierte Aussage war nämlich nicht, dass ich Sachbeschädigungen politisch für sinnvoll und richtig erachte (tue ich in aller Regel nicht, äußerte ich in dem Fall nicht), sondern es ging um eine Kritik an der Bevölkerung, die sich über Sachbeschädigungen an Banken mehr echauffiert als über die Todesopfer des Kapitalismus: Die toten Geflüchteten vor unseren Küsten; Das bundesdeutsche Agieren im Ausland im Sinne deutscher, wirtschaftlicher Interessen, die Not und Elend über Bevölkerungen bestimmter Teile der Erde bringt; Die von der Bundesregierung genehmigten Waffenexporte, die dafür sorgen, dass das geflügelte Wort „Deutsche Waffen, Deutsches Geld, morden mit in aller Welt“ immer noch Geltung hat; usw. Es richtete sich gegen Menschen, die hier plötzlich Empörung zeigten, sonst aber eher durch Gleichgültigkeit und Gefühlskälte auffallen.

Schnitt.

In der dritten Klasse als ich gerade lesen konnte, fing ich mit der politischen Bewusstseinsbildung an, nämlich mit der Lektüre des Tagesbuchs der Anne Frank. In der Teenager-Zeit sorgten die Böhse-Onkelz-Die-Ausländer-Sind-Schuld-an-Allem-Elend-Nazi-Mitläufer-Prolls und die Punk-Musik maßgeblich dafür, dass ich weiter politisiert wurde. Zum politischen Aktivismus fand ich nach meinem Umzug nach Wiesbaden mit Anfang 20. Ich habe im Laufe der Jahre viele Demos angemeldet, geleitet, besucht und analysiert und mich vielfältig anderweitig politisch betätigt. Politik ist seit rund 15 Jahren sozusagen mein täglich Brot.
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Kommentar zum Offenen Brief an Terre des Femmes

Pixabay - CC0 Public Domain

Terre des Femmes ist mit über 2000 Mitfrauen die größte Frauenrechtsorganisation Deutschlands. Nachdem kürzlich die alljährliche Mitfrauenversammlung stattgefunden hat, haben sich eine Reihe von Mitfrauen, 24 an der Zahl, in einem Offenen Brief an die Presse gewandt, und erheben in einem Rundumschlag schwere Vorwürfe: Terre des Femmes sei rassistisch, undemokratisch, „Sexarbeiterinnen“- und transfeindlich und respektiere unterschiedliche Feminismen nicht.  Die Liste der Unterzeichnerinnen liest sich eindrucksvoll, befinden sich doch viele ehemalige Mitarbeiterinnen, Praktikantinnen und Referentinnen darunter.

Auf den ersten Blick wirft so etwas ein schlechtes Licht auf die Organisation. Zumal die TAZ, die ausführlich über den Vorfall berichtet, der Sichtweise der Gegenseite keinen Raum einräumt, wie es sich für eine seriöse Berichterstattung eigentlich gehören würde. Bei näherer Betrachtung des Inhaltes des Briefes, der Unterzeichnerinnen, sowie der Rekapitulation der jüngeren Historie des Vereins, stellt sich die Sachlage dann auch etwas anders dar.

Der Versuch einer Einordnung

Es fallen ein paar bekannte Unterzeichnerinnen aus dem liberalfeministischen Lager ins Auge, die sich in der Vergangenheit vor allem dadurch hervorgetan haben, dass sie sich für eine Entkriminalisierung der Prostitution einsetzen. Dazu muss man wissen:

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Ist männliche Gewalt immer noch eine Privatangelegenheit?

"If I had a hammer… I'd SMASH Patriarchy"

T via Flickr, [CC BY 2.0] I FOUND IT!

Vergewaltigung in der Ehe wurde in Deutschland erst 1997 zum Straftatbestand. Vorher gab es das nicht, wurde von der Justiz einfach zur Privatangelegenheit erklärt. Denn: Der Staatsanwalt habe im Ehebett nichts zu suchen. Und außerdem herrscht bis heute noch weithin die Meinung vor, ein Ehemann habe nun mal Anrecht auf sexuelle Befriedigung durch die Ehefrau.

Mehr als jede dritte Frau in Deutschland wird im Laufe ihrer Lebens Opfer von männlicher Gewalt. Gewalt gegen Frauen wird überwiegend durch Partner oder Expartner und im häuslichen Bereich verübt. 25% der in Deutschland lebenden Frauen haben Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner erlebt (häusliche Gewalt).

Obwohl es ein wichtiger Erfolg der Frauenbewegung war, diese Taten im privaten Bereich in die öffentliche Debatte zu holen (Slogan: „Das Private ist politisch“) und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es sich hier nicht um Einzelschicksale handelt, verweigert sich die Gesellschaft bis heute einer systemischen Analyse. Wenn eine Frau von ihrem Partner getötet wird lesen wir in den Medien immer wieder von „Beziehungsdramen“ oder auch „erweiterten Selbstmorden“ – Verständnis für die Frau die beim gewalttätigen Partner bleibt: kaum vorhanden. Dabei ist die Angst vor Eskalation, wenn man den prügelnden Mann oder Freund verlässt absolut berechtigt, denn: Frauen in Trennungs- oder Scheidungssituationen sind besonders gefährdet, Opfer von Gewalt durch den (Ex)Partner zu werden.

In meiner unmittelbaren Nachbarschaft wurde am 10. Januar diesen Jahres eine 35 Jahre alte Frau leblos in ihrer Wohnung aufgefunden. Der 42 Jahre alte Täter wurde festgenommen, da bei der Obduktion Spuren der Gewaltanwendung festgestellt wurden.  NachbarInnen berichten, sie hätten schon häufiger die Polizei gerufen, und zwar wegen regelmäßiger, ganz offensichtlicher, häuslicher Gewalt nach massivem Alkoholkonsum – Folgen für den Täter: Keine.

Auch fremde Männer können zur Gefahr werden. Amokläufer oder Serienkiller sind – das lässt sich nicht bestreiten – in aller Regel Männer. Immer wieder lesen dürfen wir dann wie zur Beruhigung: Der Täter war psychisch krank. Na, dann ist ja alles halb so schlimm, oder? Fragen, warum es überwiegend Männer sind, die Gewalttaten begehen oder warum die Zahl psychisch kranker Täter zunimmt, werden nicht gestellt. Dann müsste man sich ja kritisch mit dem Zustand der Gesellschaft auseinandersetzen. Lieber beruhigt man sich und uns mit der Feststellung „Die Majorität der Täter ist nicht psychisch krank“. Sicherlich ist auch die Mehrzahl psychisch kranker Menschen nicht gewalttätig. Zu einer pauschalen Beruhigung führt jedoch weder die Feststellung des Gegenübers als „männlich“, noch als „psychisch krank“.

Am 20. Dezember 2016 wurde im Wiesbadener Stadtteil Biebrich die 59 Jahre alte Manuela W. in ihrem Kiosk in Biebrich erschossen. Schwer verletzt wurden ihr 63 Jahre alter Ehemann sowie ihr 21 Jahre alter Neffe. Der 25 Jahre alte Täter Benjamin G. wurde erst nach einigen Tagen gefasst und in U-Haft überstellt. Als Motiv gab der Täter, der in Nähe des Tatorts wohnte, die Absicht eines Raubüberfalls an. Er war unter anderem der Polizei im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln bereits bekannt. Aktenkundig war auch ein Verstoß gegen das Waffengesetz. Es war um ein verbotenes Butterfly-Messer gegangen. In seiner Wohnung fanden die Polizeibeamten Einschusslöcher in den Wänden und der Matratze, die von Schießübungen zeugten.

Immer wieder wurde ich in den vergangenen sieben Jahren gefragt ob ich eigentlich keine Angst habe, bis spät abends in einem Kiosk zu arbeiten. Immer antwortete ich mit „Nein“, da ich (bis auf zwei nächtliche Einbrüche) schlicht keinerlei Veranlassung dazu hatte. Knapp zwei Wochen nach dem Biebricher Kiosk-Mord an meiner Namensvetterin, der fast täglich in den Lokalmedien Thema war, und am eben jenem Tag des o.g. Mords in meiner Nachbarschaft, betrat ein mir unbekannter Mann den Laden und forderte mich auf die Kasse aufzumachen und ihm das Geld zu geben. Dabei fielen auch Worte wie „Schlampe“. Auch eine psychische Erkrankung des Täters war durch sein Verhalten offensichtlich. So fragte er mich beispielsweise aggressiv „Hast du mich gerade Hurensohn genannt?“ – obwohl ich vor Lähmung zunächst total sprachlos war und nur langsam überhaupt etwas sagen konnte, was sich dann aber auf den Hinweis der Kameraüberwachung beschränkte und die Aufforderung doch besser ohne Geld zu gehen, weil eh alles auf Band ist. Die Zeit erschien mir endlos und als er den Laden endlich verließ und ich die Tür hinter ihm zugeschlossen hatte, zitterten meine Knie wie Espenlaub. Ich war so verwirrt, dass ich der Polizei am Telefon einfachste Fragen, wie zum Beispiel was er trug, nicht beantworten konnte: So hatte ich unter Vorbehalt angegeben, eine grüne Bomberjacke gesehen zu haben, obwohl auf dem Video dann deutlich eine braune Lederjacke zu erkennen war. Im Moment des Telefonats war die Erinnerung an das was gerade geschehen ist, jedoch so gut wie ausgelöscht. Als die Polizei unmittelbar erschien, während ich noch mit ihrer Kollegin am telefonieren war, hielten die BeamtInnen mir ein Foto vor und fragten „War das der Mann?“ – was ich überrascht bestätigte. Er war also schon bestens bekannt. Wie ich im Nachhinein hörte, terrorisierte er die anderen Läden in der Straße schon eine ganze Weile und ich hatte wohl eher Glück, dass er bei mir bis dato noch nicht aufgetaucht war. Die Kioskbetreiberin gegenüber bekam fast täglich „Besuch“ von ihm, der im Übrigen selbst in der Straße wohnt. Meinen Kollegen hatte er im Übrigen bereits vor zwei Jahren in ähnlicher Weise wie mich bedroht – was der Polizei ebenfalls bekannt war. Einige Stunden nach dem Vorfall bekam ich einen Anruf von der Polizei, man habe den Täter in Gewahrsam genommen und der Psychiatrie überstellt.

Als ich am nächsten Tag bei der Polizei anrief, um zu fragen ob sie das Video brauchen für meine Anzeige, erlebte ich die erste Überraschung: Der Einsatz war zwar vermerkt, ein versuchter Raub, eine Bedrohung oder ähnliches, jedoch nicht. Ich brauche mir aber keine Sorgen machen, der Täter sei ja in Gewahrsam. Als ich das über Whats-App weitergab an meinen Kollegen, schrieb der zurück: „Wieso, der lief doch gerade hier wieder vorbei?“ – was bei mir eine Angstattacke auslöste. Die von mir herbeigerufene Polizei zuckte nur mit den Schultern, war sichtlich angepisst dass man sie überhaupt gerufen hatte (obwohl er in der Zwischenzeit schon wieder den Kiosk gegenüber aufgesucht hatte) und der Beamte meinte „Na dann nehmen wir den halt wieder mit und morgen ist er wieder frei. So läuft das in diesem Land.“

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich musste eine Online-Anzeige aufgeben, damit überhaupt gegen den Täter ermittelt wurde, und wenige Wochen später wurde er wie ich erfuhr, wie der Zufall es will im Stadtteil Biebrich, einem Freund gegenüber gewalttätig, und stationär für mehrere Wochen eingewiesen. Medikamentös behandelt, erfuhr er dann wohl auch später über die Lektüre der Polizeiakten über seinen Anwalt, was er in der Zwischenzeit so alles angestellt hat und brach darüber einem seiner Freunde zufolge in Tränen aus. Im Moment ist er wieder zu Hause und offensichtlich friedlich. Die Straße hat zumindest derzeit Ruhe.

Als die Polizistin im Nachgang meiner Online-Anzeige den Fall aufnahm, sagte sie mir nach Betrachtung des Videos: „Hätten wir das damals schon gehabt, wäre er sicher nicht nach einem Tag vom Richter freigelassen worden“. Sie fand es schockierend anzusehen und ihn zweifellos sehr bedrohlich. Insbesondere wie er sich immer über den Tresen zu mir rüber beugte und ein Halsaufschlitzen andeutete.

Gestern nun erhielt ich Post von der Staatsanwaltschaft, darin heißt es auszugsweise (Fehler im Original!):

In dem Ermittlungsverfahren gegen … wegen des Verdachts der Bedrohung, Beleidigung … wird die Anzeigenerstatterin mit der Strafanzeige vom 11.01.2017 auf den Weg der Privatklage verwiesen.

Die Staatsanwaltschaft darf … von Amts wegen nur tätig werden, wenn ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung besteht. Die Prüfung des Sachverhalts hat ergeben, dass diese Voraussetzung hier nicht vorliegt … Maßgebend für die Bewertung des angezeigten Einzelfalles sind folgende Umstände: Der unter einer Pschose leidende Beschuldigte betrat am 10.01.2017 den Kiosk der Anzeigenerstatterin und verwickelte diese in ein Gespräch. In diesem Rahmen zwischenzeitlich hervorgebrachten Äußerungen wie „Mach die Kasse auf!“ entkräftete er dabei unmittelbar mit den Worten „Alles nur Spaß“, womit ein Anfangsverdacht für einen versuchten Raub, auch im Hinblick auf die psychische Erkrankung des Beschuldigten nicht angenommen werden konnte. Die Anzeigenerstatterin fühlte sich durch die weiteren Gesten und Aussprüche des Beschuldigten („Schlampe“, Andeuten des Halsaufschlitzens) jedoch in ihrer Ehre gekränkt und bedroht. Der Verletzten steht es frei, gegen den Beschuldigte im Wege der Privatklage bei dem Amtsgericht vorzugehen. Dieser Weg reicht aus, ihr Rechtsschutz zu gewähren und Genugtuung zu verschaffen. … Der Erhebung der Privatklage muss in aller Regel eine Sühneverhandlung vorausgehen.

Halten wir fest:

  • Wer psychisch krank ist, stellt für die Staatsanwaltschaft offenbar pauschal keine Gefährdung für die öffentliche Sicherheit dar, selbst dann nicht, wenn er der Polizei bereits einschlägig bekannt ist.
  • Als Betroffene bleibt mir der Weg einer Privatklage, unter Einsatz privater Mittel, damit ich meiner „gekränkten Ehre“ „Genugtuung“ verschaffen kann.

??? WHAT THE HELL ???

Ich habe die Anzeige ganz sicher nicht gestellt, weil mich jemand „Schlampe“ genannt hat – Dann würde ich doch gar nicht mehr fertig werden mit Anzeigen schreiben, so oft wie das on- und offline passiert.

Ich habe die Anzeige gestellt, weil ich mich in der konkreten Situation ernsthaft bedroht gefühlt habe.

Ich habe die Anzeige gestellt, damit die Tat aktenkundig wird und niemand sagen kann „Wir haben von nichts gewusst“.

Mich interessiert keine „Genugtuung“ für irgendeine vermeintlich „gekränkte Ehre“ – mich interessiert ob und welche Maßnahmen ergriffen werden, damit keine weiteren Menschen geschädigt werden.

Musste es erst zu einer weiteren Tat mit tatsächlicher körperlicher Gewaltanwendung kommen, bis man sich endlich veranlasst sah den Täter vorrübergehend „aus dem Verkehr zu ziehen“?

Wer hätte eigentlich die Verantwortung übernommen, wenn diese schlimmer (zum Beispiel tödlich) ausgegangen wäre?

Was wäre gewesen, wenn mich das Erlebnis psychisch so stark beeinträchtigt hätte, dass mir die Tätigkeit im Laden nicht mehr möglich wäre?

Ganz allgemein gesprochen: Wie viele (insbesondere tödlich endende) Taten hätten eigentlich bereits verhindert werden können, bzw. könnten zukünftig verhindert werden, wenn man vorliegende Hinweise ernst nehmen würde?

Und: Können wir vielleicht endlich aufhören, männliche Gewalt immer und immer wieder zu einem privaten Problem zu machen?

Kulturrelativismus vs. Universalismus. Oder: Warum der Kontext immer eine Rolle spielt

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Radikalfeministische Theorie nimmt in hohem Maße Bezug auf wissenschaftliche Erkenntnisse und empirische Befunde. So begründen sich abolitionistische Positionen (die auf die Abschaffung der Prostitution abzielen) insbesondere in wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Tatsache, dass vor allem marginalisierte (arme, ethnisch diskriminierte) Frauen in der Prostitution landen, und solche, die sexuelle (oder andere) Gewalterfahrungen machen mussten. Auch historisch-feministische Analysen bezüglich der gesellschaftlichen Position der Frau und der Reproduktion der Unterordnungsverhältnisse durch die Prostitution spielen eine bedeutende Rolle. Es ist sinnvoll und zielführend so vorzugehen, auch in Bezug auf andere gesellschaftliche Phänomene.

Leider werden in meinen Augen öfter mal einige Dinge durcheinander gebracht und mit wissenschaftlichen Begriffen oder Konzepten umher geworfen, deren Hintergründe vielleicht nicht immer so klar sind. Dieser Beitrag versucht hier ein wenig zu erklären und Ordnung zu schaffen. Dabei gilt: Ein Blogbeitrag soll und kann keine wissenschaftliche Abhandlung sein.

Grundsätzliches zu wissenschaftlichen Konzepten

Sozial- und Geisteswissenschaften versuchen Gesellschaft und gesellschaftliche Mechanismen erklärbar zu machen. Man spricht deshalb auch von der „Psychologie der Gesellschaft“. Individuelles und menschliches Verhalten wird demnach in Bezug auf das Kollektiv (die Familie, die Peer Group, die Subkultur, die Gesellschaft eines Landes, …) analysiert.

Nicht nur weil gesellschaftliche Entwicklungen nicht statisch sind, sondern ständigen Veränderungen aufgrund vieler Faktoren unterworfen sind, kann man diese Analysen auch als Annäherung an Phänomene verstehen, die immer wieder weiterentwickelt und überprüft werden müssen. Selbst eine Theorie, die im Verlaufe weiterer Forschung empirisch widerlegt werden kann, kann deshalb durchaus Erkenntnisgewinne hervorbringen. Manche Theorien und Konzepte sind auch in der Lage Teilphänomene zu erklären, scheitern aber in anderen Punkten. Auch müssen Konzepte immer in ihrem historischen Kontext betrachtet werden.

Gesellschaftswissenschaftliche Analysen sind nicht vergleichbar mit mathematischen Gleichungen: Einmal aufgestellt, kaum mehr in Frage gestellt. Das ist der Komplexität menschlichen Verhaltens und sozialer Interaktionen geschuldet. Und trotzdem gelingt es ihnen Dinge zu erklären und begreifbar zu machen. Das müssen wir uns vergegenwärtigen.

Ethnologische Paradigma – ein Kurzüberblick (= Wissenschaftliche Ebene)

Die Ethnologie ist eine Wissenschaft, die sich traditionell mit anderen Gesellschaften und Kulturen („dem Fremden“) auseinandersetzt, während die Kulturanthropologie/Volkskunde sich eher mit der heimischen Gesellschaft und Kultur auseinandersetzt („das Eigene“). In der zeitgenössischen Wissenschaft sind die Grenzen nicht mehr ganz so starr, so befassen sich sehr viele Ethnographien auch mit Aspekten der „eigenen“ Kultur. Das Fach hat im Laufe der Zeit vielfältige und tiefgreifende Wandel durchgemacht: Von der Lehnstuhlethnologie (ForscherInnen, die am heimischen Schreibtisch Theorien entwickelten) hin zu verschiedenen Formen des Eintauchens in das Untersuchungsobjekt (langzeitige Feldstudien, „going native“, …). Auch die theoretischen Konzepte wurden entwickelt, diskutiert, weiterentwickelt oder verworfen. Ethnologische Forschung arbeitet in hohem Maße deskriptiv (beschreibend). Detaillierte Aufzeichnungen und Protokollierungen sowie Tonband- und Filmaufnahmen sollen es Dritten ermöglichen Gedankengänge nachvollziehen und einer kritischen Überprüfung unterziehen zu können. Das ist wichtig, da Interpretationen nie frei von eigenen Denk- und Wertungsschemata sind.

Folgende wichtigen Strömungen werden in Bezug auf Kulturentwicklung unterschieden (Achtung, nicht vollständig!):

Evolutionismus (18. /19. Jahrhundert)

Der Evolutionismus der frühen Lehnstuhlethnologie ging in seiner darwinistischen Prägung aus von einer unilinearen Gesellschafts- und Kulturentwicklung, die jede Gesellschaft in der gleichen Weise durchlaufen werde. Adam Ferguson (1723-1816) beispielsweise prägte das bekannteste Drei-Stufen-Modell:  Wildheit –> Barbarei –> Zivilisation. Den „primitiven“ Völkern wurden also „entwickelte“ Völker gegenüber gestellt und eine klare Wertung vorgenommen. Bei James George Frazer (1854-1941) ging hingegen von folgendem Modell aus: Magie -> Religion –> Wissenschaft.  Diese Theorie wurde kritisiert für ihren Ethnozentrismus und ihre wenig fundierten Kenntnisse über andere Kulturen.

Evolutionistische Arbeiten waren stark geprägt von kolonialistischen Vorstellungen über „die Anderen“. Relikte evolutionistischen Denkens in politischen Diskussionen finden sich auch heute noch sehr oft in politischen Diskussionen, wenn andere Kulturen als „rückständig“ beschrieben werden und die eigene als „weiterentwickelter“. Oder wenn gesagt wird eine Gesellschaft ist noch „im Mittelalter steckengeblieben“.

Kulturrelativismus (auch: Amerikanische Kulturanthropologie) (19./20. Jahrhundert)

Der Begründer der amerikanischen Kulturanthropologie ist Franz Boas (1858-1942), der stark beeinflusst wurde vom Deutschen Historismus. Boas ging davon aus, dass jede Kultur ihre eigene Geschichte hat  (Partikularismus), einzigartig und nur aus sich selbst heraus zu verstehen ist (emische Sichtweise). Er beschreibt Kultur als individuellen Lernprozess (Enkulturation). Im Gegensatz zu den Evolutionisten setzte er stark auf empirische Forschung. Boas Schüler führten umfangreiche Feldstudien in vielen Teilen der Welt durch. Zu seinen Schülerinnen der 2. Generation gehörten Margaret Mead (1901-1978) und Ruth Benedict (1887-1948), die beide die culture and personality studies entscheidend prägten – das Banard College an dem er unterrichtete war ein College ausschließlich für Frauen.

Positiv hervorzuheben ist, dass der Kulturrelativismus mit der Vorstellung der Überlegenheit des „Eigenen“ brach und anderen Kulturen eine Eigenständigkeit zugestand und diese nicht mehr einer vergleichenden und hierarchisierenden Wertung unterzog. Auf die Kritik, die er auf sich zog wird zu einem späteren Zeitpunkt im Text näher eingegangen.

Funktionalismus/Strukturfunktionalismus (auch: Britische Sozialanthropologie) (19./20. Jahrhundert)

Bronislaw Malinowski (1884-1942) gilt als Begründer des Funktionalismus. Er betrachtete gesellschaftliche Phänomene nach ihren Funktionen zur Erfüllung biologischer und abgeleiteter Bedürfnisse. Bei der Betrachtung der Institutionen ist für ihn deren Effizienz diesbezüglich relevant. Kultur ist die Summe der Institutionen. Der Funktionalismus wurde von Edward Evan Evans-Pritchard (1902-1973) als unzureichend kritisiert, da er der Meinung war man müsse erst die innere Struktur einer Gesellschaft verstehen, bevor eine funktionale Interpretation vorgenommen werden kann. Zeitgleich entwickelte Alfred Radcliffe-Brown die Theorie des Strukturfunktionalismus: Geschichte, Struktur und Komplexität werden zum zentralen Zugang für die Rolle sozialer Institutionen. Die Sicht der Angehörigen einer Gesellschaft ist entscheidend für die Bewertung einer gesellschaftlichen Institution, die nur aus ihrem Kontext heraus erklärbar ist. Da Struktur-/FunktionalistInnen von universellen Merkmalen aller Menschen ausgehen stehen sie in evolutionistischer Tradition und orientierten sich an weltweiten Gemeinsamkeiten kultureller Phänomene.

Neoevolutionismus (20. Jahrhundert)

Seit den 1930er Jahren und nach dem Zweiten Weltkrieg wurden neoevolutionistische Theorien entwickelt und weiterentwickelt und erlebten ihren Durchbruch in den 1960er Jahren. NeoevolutionistInnen gehen davon aus, dass gesellschaftliche Entwicklungen unterschiedlich verlaufen können, auch rückwärts. Damit wird der Idee der Entwicklung von der Rückständigkeit hin zum sozialen Fortschritt eine Absage erteilt: Der Neoevolutionismus verzichtet auf Werturteile und Vermutungen über den Untersuchungsgegenstand und setzt auf nachprüfbare empirische Belege. Einige NeoevolutionistInnen plädieren auch dafür keine hierarchische Bewertung der Kulturphänomene vorzunehmen.

Exkurs:  Trommelnde Frauen oder: Warum kontextbezogene Betrachtungen wichtig sind

Die große Errungenschaft aus den kulturrelativistischen Theorien ist die Erkenntnis, dass für das Verständnis kultureller Phänomene ein Eintauchen in die Denk- und Wertesysteme des Untersuchungsgegenstands unabdinglich ist, da es sonst unweigerlich zu Fehlinterpretationen kommt. Dies soll an einem Beispiel, mit dem ich ausführlich befasst habe, verdeutlicht werden.

Theodor Baker stellte 1882 die These auf, dass Frauen nicht gleichermaßen an indigener Musik (hier gemeint sind die First Nations in Kanada und den USA) partizipieren wie Männer. Auch heute noch wird die Repräsentation von Frauen am PowWow (Algonkin für Ratsversammlung, Zusammenkunft von nordamerikanischen Indigenen um gemeinsam zu singen, tanzen, storytelling, diskutieren, …) marginalisiert: Der PowWow sei männlich dominiert, die Rolle der Frau sei auf die einer Backgroundsängerin beschränkt, usw. Erst Ende der 1980er und in den 1990er Jahren setzte sich die Erkenntnis bei den ForscherInnen durch, dass indigene Frauen immer eine wichtige Rolle in der indigenen Musik gespielt haben und Hatton/Vander stellen fest, dass Frauen in vielen nördlichen Gemeinschaften aktiv und gleichberechtigt in die PowWow Musik involviert sind.

Trommeln ist von zentraler Bedeutung in der indigenen Musik. Die Beobachtung, dass es häufig Männer sind die trommeln führte ohne emische Betrachtungsweise der indigenen Kulturen zu Fehlinterpretationen.

Die Bedeutung der „Big Drum“ geht auf Wiyaka Sinte Win (Tail Feather Woman) zurück, einer Dakhota-Frau, die Ende des 19. Jahrhunderts lebte. Die Geschichte ist heute unter den Ojibwe weiter verbreitet als unter den Dakhota und es gibt zahlreiche Variationen, aber die Kerngeschichte lautet: Wiyakas Dorf wurde von amerikanischen Soldaten (blue coats) angegriffen. Sie versteckte sich in einem See, die meiste Zeit unter Wasser. Sie wandte sich hilfesuchend an den Schöpfer, der ihr die Vision der „Big Drum“ brachte: Das Schlagen der Trommel würde den Menschen Heilung und Einheit bringen (weshalb man heute auch von einer „Healing Ceremony“ spricht). Tail Feather Woman verließ geleitet durch den Ruf eines Spirits und der Hilferufe der Familie das Wasser und wurde von den Soldaten nicht gesehen, weil sie für diese unsichtbar war. Erschöpft und krank fand sie ihre Familie, die sie gesund pflegte. Sodann zog sie durch das Land und erzählte den Menschen von ihrer Vision und brachte die „Big Drum“-Zeremonie überall hin. Bei der ersten Zeremonie wurden amerikanische Soldaten durch das Schlagen der Trommel aufmerksam und dachten es handele sich um ein Kriegsfest – als sie aber in das Dorf kamen saßen jedoch alle friedlich zusammen. Die Soldaten wurden eingeladen, man aß und trank zusammen und ging in Freundschaft auseinander.

Der Trommel, die den Frieden bringt, symbolisiert den Herzschlag von Mutter Erde. Es herrscht die Vorstellung einer komplementären Beziehung zwischen Männern und Frauen. Die Trommel ist weiblichen Geschlechts (essence of women`s spirit) und wurde den Männern von einer Frau gebracht. Frauen sind in der Vorstellung der indigenen Gesellschaften bereits heilig, stark und machtvoll dadurch, dass sie gebären können, die Schmerzen ertragen und Leben schenken können. Männer hingegen müssen die Erdverbundenheit und das Gleichgewicht mit der Natur durch das Trommeln jedoch erst herstellen. Auch wird durch das Trommeln das Herstellen von Frieden gewährleistet, gegen die kriegerische Natur der Männer. Die weibliche Trommel und die männlichen Trommler symbolisieren das Idealbild der Beziehung zwischen Mann und Frau.

Zu der Frage ob Frauen trommeln dürfen gibt es zwischen den Stämmen unterschiedliche Meinungen:

1)      Ja, aber es ist nicht notwendig

2)      Ja, und deshalb tun sie es auch

3)      Nein

In nur sehr wenigen Stämmen ist es Frauen verboten zu trommeln. In einigen Fällen sehen Frauen das Verbot als Resultat der Internalisierung der Frauenverachtung in Folge des Kolonialismus (Übernahme von weißen Männern).

Frauentrommelgruppen sind sehr willkommen auf den PowWows und nur auf sehr wenigen nicht erwünscht. Es gibt Mixed und All Women Drum Groups. Die einzige Einschränkung: Während der Schwangerschaft oder der Menstruation darf nicht getrommelt werden, da die Frauen währenddessen besonders stark sind und die starke Verbindung mit der Trommel diese zum Zerbrechen bringen könnte.

Man muss sich also hüten aus einer Beobachtung, dass mehr Männer als Frauen auf öffentlichen Veranstaltungen trommeln, die falschen Schlüsse zu ziehen – oder im politischen Kontext verfehlte Forderungen.

Kulturrelativismus versus Universalismus ( = Politische Ebene)

Wenn politisch diskutiert wird, kommt es häufig zu einem Streit zwischen kulturrelativistischen und universalistischen Standpunkten.

Beim Universalismus handelt es sich um eine ethische Betrachtung. Ein ethisches Prinzip wird zu einem Universalismus, einem Ordnungsgesetz erhoben. Die Moralphilosophien von Platon, Aristoteles, Hegel oder Kant oder die Menschenrechtspositionen gehen davon aus, dass es nur eine gültige Ethik gibt, die für alle Menschen in allen Situationen gilt.

Der Kulturrelativismus hingegen versucht die Einstufung aller anderen Kulturen im Hinblick auf die eigene Weltanschauung zu vermeiden: Jedes Moralprinzip ist nur innerhalb einer bestimmten Kultur gültig. Deshalb gilt er in den Augen von Verfechtern der allgemeinen Menschenrechte als verpönt: KulturrelativistInnen sind in deren Augen Menschen, die den Verstoß gegen Menschenrechte als entschuldbar betrachten.

Aber: Das Prinzip der Enkulturation (Sozialisationsprozess) weist in den kulturrelativistischen Positionen darauf hin, dass Moralprinzipien wie zum Beispiel die Menschenrechte nicht einfach da sind und schon immer da waren, sondern sie wurden erst erworben. Der Universalismus hingegen geht davon aus, dass die Menschenrechte (oder andere Moralprinzipien) aus dem abgeleitet werden, „wie jeder Mensch im inneren Kern ist“ (naturalistische Argumentation).

Zwischen diesen beiden Positionen tobt so ein erbitterter Streit:

UniversalistInnen sind der Meinung, dass durch den Kulturrelativismus alle Grausamkeiten, die Menschen angetan werden, ihre Rechtfertigung finden und letztlich dazu diene, dass Kulturen sich gegen Kritik von außen völlig abschotten können. Die Kritik von FGM (Female Genitale Mutilation) würde damit beispielsweise demnach im Sande verlaufen.

KulturrelativistInnen sehen im Universalismus und den Menschenrechten dagegen ein Produkt von „Dead White European Males“ – verwiesen wird auch darauf, dass diese Gleichheitskonzepte die angeblich universell waren, immer Menschengruppen ausschlossen (im alten Griechenland zum Beispiel waren nur Bürger der Stadt inkludiert, Menschenrechte waren zunächst als Männerrechte konstituiert und schlossen Frauen von ihrer Gültigkeit aus).

Eine Kompromissposition strebt deshalb eine Kombination von kulturrelativistischen und universalistischen Prinzipien an, zum Beispiel der „schwache“ Kulturrelativismus, dem an kulturspezifischen Formen und Interpretationen von Menschenrechten gelegen ist. Dem entspricht u.a. das Vorgehen von Entwicklungszusammenarbeits-Projekten auf ein erkanntes Problem Möglichkeiten zur Vermittlung zu finden, die von den Menschen auch angenommen werden.  Ein weiterer Ansatz ist es die drei Generationen der Menschenrechte unterschiedlich zu behandeln, sprich die Menschenrechte der ersten Generation gelten als unantastbar, bei denen der zweiten und dritten Generation sind zumindest Diskussionen möglich.

Exkurs: Amnesty und die Prostitution

Amnesty International begründet seine Position der vollständigen Entkriminalisierung der Prostitution (inklusive Bordellbetrieb und Freiertum) mit dem Argument der Menschenrechte. Nach deren Meinung fällt explizit der Zugang von Männern zu Prostitution unter deren Menschenrechte, da Sexualität (am lebenden Objekt) als Grundbedürfnis konstruiert wird.

Amnesty Prostitution Policy document S.6

Amnesty Prostitution Policy document S.5

Dieses Beispiel einer bekannten und vielfach geschätzten Menschenrechtsorganisation sollte zeigen, dass das mit dem Universalismus mindestens auch nicht so eindeutig oder einfach ist.

Fazit

Wenn ich versuche eine Kultur aus sich heraus zu verstehen und soziale Mechanismen nachzuvollziehen, heißt das nicht gleichzeitig, dass ich sie legitimiere.

Wissenschaftliche Konzepte sind erst einmal wissenschaftliche Konzepte, jeweils mit ihren Vor- und Nachteilen. Manche erweisen sich als hilfreich, manche als unbrauchbar

Wissenschaftliche Konzepte sind immer auch ein Spiegel ihrer Zeit – Denk- und Wertstrukturen einer Epoche spiegeln sich mitunter in ihnen wieder.

Aus feministischer Sicht ist es nicht problematisch kulturrelativistisch zu analysieren und zu verstehen – problematisch wird es, wenn (physische oder symbolische) Gewalt gegen Frauen mit dem Kultur-Argument legitimiert wird.

Aus feministischer Sicht birgt aber auch der Universalismus die Gefahr Gewalt gegen Frauen als ethisch korrekt zu proklamieren und damit zu legitimieren (siehe das Amnesty-Beispiel).

In Kombination mit evolutionistischen Denkweisen tappt man aus feministischer Sicht meines Erachtens ebenso in eine Falle, wenn man die Lage der Frau in der „westlichen“ (zivilisierten) Welt im Vergleich zu anderen (barbarischen, im Mittelalter feststeckenden) Kulturen als „freier“ und Fortschritt hierarchisiert. Hier besteht dann manchmal auch die Gefahr des Kulturrelativismus gegenüber der eigenen Kultur.

Andrea Dworkin und andere Radikalfeministinnen haben deutlich gemacht wie die vermeintliche sexuelle Befreiung zu einem Bumerang für die Frauen in den „westlichen“ Gesellschaften geworden ist. Der Soziologie Bourdieu schreibt in seinem beachtenswerten Buch „Die Männliche Herrschaft“ (im Rückgriff auf feministische Analysen) jene Anpassungsleistungen der männlichen Herrschaft, die sich in immer anderen Ausprägungen reproduziert.

Frauen überall auf der Welt teilen sehr ähnliche Unterdrückungssymptome. Andrea Dworkin schlug vor die gegen Frauen ausgeübte Gewalt durch Männer als Maßstab für den Befreiungsgrad der Fau in einer Gesellschaft zu nehmen. Wenn mehr als jede dritte Frau in Europa Opfer von männlicher Gewalt wird, wenn in „westlichen“ Ländern die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Frauen hoch organisiert und legalisiert als Normalität gilt, erscheint es mir zynisch unsere Lage als Frauen als auch nur annähernd frei zu bezeichnen. Meine These wäre demnach: Ja, die Unterdrückung der Klasse Frau kommt in unterschiedlichen kulturellen Kontexten unterschiedlich daher. Wir sollten jedoch nicht den Fehler machen uns in einer Sicherheit zu wiegen in der wir uns nicht befinden und zu proklamieren wir seien weniger unterdrückt als „die Anderen“. Wir wurden in unsere jeweilige Unterdrückung sozialisiert, deshalb haben wir sie in vielfacher Weise unbewusst schon längst internalisiert. Woher wissen wir ob die Empfindung einer Frau aus einem anderen gesellschaftlichen Kontext, die mit der Hypersexualisierung unserer Gesellschaft und allgegenwärtigen Objektifizierung von Frauen bei uns konfrontiert wird, nicht bei ihr zu ähnlichen Bewertung („Ja in meiner Kultur werde ich unterdrückt, aber zum Glück bin ich noch ein bisschen freier als die…“) führt? Dies bringt uns nicht weiter, wir sollten schlicht dafür kämpfen, dass alle Frauen überall ein Leben ohne Gewalt, in Frieden und und ohne geschlechtsspezifische Unterdrückung leben können.