Alle Artikel von Mira Sigel

“Down girl” – die Logik der Misogynie

“Misogynie” ist ein sperriges Wort. In “Two and a half men” machen sie sich darüber lustig. Es ist Griechisch und bedeutet “Frauenhass”. Die amerikanische Philosophin und Autorin Kate Manne hat sich mit der Logik von Misogynie beschäftigt. “Down Girl: The logic of misogyny”, erschienen bei Oxford Press, analysiert, was Misogynie ist – und warum sie gegenwärtig sogar erstarkt.

Misogynie ist nicht der Hass gegen alle Frauen. Wenn Frauen sich im Patriarchat angepasst verhalten, gibt es gar keinen Grund für Männer sie zu hassen. Sie sind nützlich und machen den Männern das Leben angenehm, ihre Leistung ermöglicht überhaupt erst das Zusammenleben in einer neoliberalen und kapitalistischen Gesellschaft. In ihrer Nutzbarkeit liegt aber auch die Wurzel des Frauenhasses. Dieser richtet sich explizit gegen jene Frauen, die gegen die patriarchale Werteordnung und die eigene Ausbeutung aufbegehren. Im Patriarchat sind nur Männer Menschen, wenn Frauen als Menschen wahrgenommen werden wollen, fühlen sich Männer angegriffen, das hat schon Simone de Beauvoir festgestellt. Das erklärt auch, warum sich zum Beispiel Trolle im Internet an Frauen abarbeiten, die sie gar nicht kennen, sie haben das Gefühl, dass das widerständige Verhalten der Frauen ein Angriff auf sie selbst ist.

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Die älteste Unterdrückung der Welt

Der 8. März ist traditionell der Tag im Jahr, an dem eine Bestandsaufnahme zum Thema Frauenrechte erfolgt. Misstände werden beklagt, Erfolge betont und Maßnahmen eingefordert. Bis – ja, bis zum nächsten Jahr. Zwischendrin bleibt alles, wie es ist. Leider stimmt das so nicht. Es ist eine trügerische Annahme, zu glauben, das, was wir als Erfolg empfinden, bliebe uns erhalten. Frauenrechte – Frauenfreiheit – Frauenfrieden – haben wir doch längst. Wozu noch Feminismus? Gerade macht eine Frauenbeauftragte von sich reden, weil sie unsere Nationalhymne entmänlichen möchte. Haben wir keine größeren Sorgen, heißt es da. Von deutschem Kulturgut wird gefaselt, und davon, dass wir Frauen ja immer mitgemeint sind. Sind wir nicht. Unser Denken, unsere Sprache, unsere Gesellschaft rotieren um den Mann. Er ist die Norm, wir sind die Abweichung. Subjekt, Verb, Objekt, Mann bestimmt die Frau, diese von Catharine MacKinnon aufgestellte Gleichung gilt noch immer und durchdringt jeden Teil unseres Alltags. Im Patriarchat haben Frauen keine Rechte. Sie haben Zugeständnisse auf Widerruf.

Es war Catharine MacKinnon, die mich zur Feministin machte. An der Universität stieß ich auf ihren grandiosen Text “Toward a feminist theory of the State”. Er ließ mich verstehen, dass das, was mir als Frau geschieht, keine individuelle Angelegenheit ist, sondern eine gesellschaftliche, eine öffentliche. Es wird den Frauen nur immer eingeredet, dass es an uns liegt. Es liegt an uns, dass wir weniger verdienen als unsere männlichen Kollegen – wir verhandeln schlecht. Es liegt an uns, dass wir sexueller Belästigung und Gewalt ausgesetzt sind – wir setzen die falschen Signale und inszenieren uns als Opfer. Es liegt an uns, dass man uns weniger Autorität zumisst – wir verkaufen uns falsch. Es liegt auch an uns, so heißt es, dass der Feminismus nicht vorankommt. Wir lassen den Männern nicht genug Männlichkeit. Wir laden sie nicht genug ein. Dass viele Männer schlicht wenig Lust darauf haben, auf ihre angeborenen Privilegien zu verzichten, darüber wird geschwiegen.

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Der Traum von Freiheit: “10 unbekümmerte Anarchistinnen”

Es geht ihnen nicht schlecht, den 10 Frauen aus dem Schweizer Jura. Die Uhrenindustrie boomt, der Schnee ist weiß und Milch gibt es eigentlich immer. Doch als 1872 der Anarchistenkongress in ihrer Heimatstadt Saint-Imier tagt und sie Bakunins Reden lauschen, regt sich in den Frauen im Alter zwischen 10 und 31 ein Freiheitsdrang, der nicht mehr zu zähmen ist. Hinaus in die Welt möchten sie frei sein, ohne Herrschaft und fassen einen mutigen Plan: Sie wandern nach Patagonien aus. Ihre einzige Versicherung sind die Uhrenzwiebeln, die sie mitnehmen. Zwei von ihnen reisen voraus, wollen ihre Liebe zueinander frei lieben und finden einen gewaltsamen Tod.

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Eine von uns: “Oh, Simone!” von Julia Korbik

Über Simone de Beauvoir wird viel gestritten unter Feministinnen. Manche sagen, sie sei überholt, andere, sie sei “mütterfeindlich”. Alice Schwarzer begegnete Simone de Beauvoir ab 1970 immer wieder und setzte der französischen Feministin und Vordenkerin in vielen Texten ein Denkmal, trotzdem gerät Simone de Beauvoir immer wieder in Vergessenheit. Aktuell ist mit “Oh, Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten” eine neue Simone de Beauvoir Biografie von Julia Korbik im Rowohlt Verlag erschienen und gehört zu den aktuellen Highlights feministischer Literatur.

Mit viel Hingabe und Mut hat sich Julia Korbik auf Spurensuche nach Simone de Beauvoir begeben, besonders gut gefallen hat mir die Karte von Paris am Anfang des Buches, in der verschiedene Orte, an denen Simone de Beauvoir gewirkt und gelebt hat, eingezeichnet sind, etwa Simones erstes eigenes Zimmer in der Avenue Deufert-Rochereau Nr. 91, wobei natürlich sofort Virgina Woolf vor Augen tritt, die verlangte, jede Frau müsse einen “room of her own”, einen Raum nur für sich haben.

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Unsere Störenfrieda des Monats: Louise Arner Boyd

Man nannte sie die “Diana der Arktis” oder die “Eisköigin”, andere abwertend “Mrs. Satan.” Louise Arner Boyd unternahm mehrere Expeditionen in die Arktis, eine davon, um den verschollenen Polarforscher Roald Amundsen zu suchen und überflog 1955 als erste Frau – im Alter von 68 Jahren – den Nordpol. Obwohl ihr Wissen über die Arktis das ihrer männlichen Zeitgenossen aus dem “Goldenen Zeitalter” der Polarforschung weit überragte, ist sie heute nahezu in Vergessenheit geraten, in ihrer Heimat Kalifornien erinnert weder eine Statue noch ein Museum an sie.

Louise Arner Boyd wurde am 16. September 1887 als Tochter eines reichen Minenbesitzers in Kalifornien geboren und lebte das privilegierte Leben einer Tochter aus gutem Hause. Als ihre beiden Brüder früh verstarben und ihr Vater krank wurde, stieg sie in das Familienunternehmen ein – und wurde aufgrund ihres Verhandlungsgeschicks bald gefürchtet. Schon bald erlebte sie, welche Grenzen man ihr wegen des Umstands eine Frau zu sein, aufzwingen wollte. Ihr Leben lang weigerte sie sich, diese Grenzen zu akzeptieren.

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Hört auf, Vergewaltigung mit schlechtem Sex gleichzusetzen!

Der inflationäre Gebrauch von Wörtern tut ihren Bedeutungen selten gut. “Depression” und “Rassismus” sind zwei gute Beispiele dafür, die Liste ist erweiterbar. “Vergewaltigung” ist auf dem besten Weg, zu einem Buzzword zu verkommen – dank #metoo und aktuell dem New Yorker Artikel “Cat Person”.

“Machst du noch dieses Feminismus Ding?”, fragte mich mein Onkel letztens am Telefon. Ich druckste ein bisschen herum und sagte dann: “Ne, irgendwie nicht.” “Ist was passiert?”, wollte er wissen und über diese Frage dachte ich noch nach, als ich mir heute morgen die Zähne putzte.

Ja. Es ist etwas passiert. Es begann mit der #metoo Debatte. Erst freute ich mich. Schon vor Monaten stellte ich mir vor, was passieren würde, wenn alle, die sexuelle Gewalt erlebt hatten, das auf ihren Profil teilen, was für ein eindrucksvoller Beweis geschlechtlicher Unterdrückung und der diametralen Gewalt zwischen Männern und Frauen es wäre, das auf diese Weise sichtbar zu machen.

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Hannah – ein buddhistischer Weg zur Freiheit oder: Der Lama, die Frauen und Pegida

Als Hannah Nydahl von Dänemark 1968 mit ihrem Mann Ole Nydahl nach Tibet aufbrach, konnte sie kaum erahnen, wie sehr diese Reise ihr Leben verändern würde. Sie trafen dort den einflussreichen Drukpa-Siddha Lopön Tsechu Rinpoche, einflussreicher Lehrmeister des Buddhismus und wurden Schüler des 16. Kamarpas, des höchsten Lamas der tibetischen Karma-Kagyü-Schule. Drei Jahre blieben sie bei ihm und kehrten im Anschluss nach Europa zurück, um den Buddhismus dort seiner wachsenden Anhängerschar zugänglich zu machen. Zwei Faktoren spielten dabei eine Rolle: Die gewalttätige Unterdrückung und Zerstörung des tibetischen Buddhismus durch China und die Begeisterung der Hippies für die Lehren des Buddhismus. Hannah und Ole bereisten in 28 Jahren 80 Länder und errichteten mehrere hundert buddhistische Zentren.

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Freiheit von der Pille – eine Unabhängigkeitserklärung

Anfang des Jahres veröffentlichte Sabine Kray auf ZEITonline einen Artikel mit dem Titel “Die Antibabypille ist unzumutbar”, der binnen kürzester Zeit tausendfach gelesen und geteilt wurde. Ihr Artikel traf einen Nerv: Immer mehr Frauen fragen sich, welchen Risiken sie sich eigentlich mit der jahrzehntelangen hormonellen Verhütung aussetzen. “Freiheit von der Pille – eine Unabhängigkeitserklärung” ist gerade erschienen und setzt sich genau mit diesem Thema auseinander.

Verhütung in Deutschland, die Kontrolle über den weiblichen Körper, das sind auch Ende des Jahres 2017 aufgeladene Themen. Eine Gießener Ärztin muss sich gerade vor Gericht verantworten, weil sie auf ihrer Internetseite angab, Abtreibungen durchzuführen. Als Anfang der 1960er die Antibabypille nach Deutschland kam, wurde sie sehr bald zum Inbegriff weiblicher und sexueller Freiheit. Sex ohne die Angst, schwanger zu werden, war auf einmal möglich und beflügelte die Vorstellung von freier Liebe in der Hippie-Zeit – so wird es uns zumindest erzählt.

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Feminist Fight Club – wie man in einer sexistischen Arbeitsumgebung überlebt

“Feminist Fight Club” von Jessica Bennett erschien bereits 2016, ist aber definitiv mein liebstes feministisches Buch für 2017. Die preisgekrönte Journalistin Jessica Bennett (Newsweek, New York Times) hat ein unterhaltsames wie bitterernstes Buch herausgegeben, in dem es um Sexismus am Arbeitsplatz geht. Nein, nicht den, mit den tatschenden Chefs. Den gibt es immer seltener. Dafür immer häufiger den “subtilen Sexismus”. Den, der für eine Einzelne gar nicht so schlimm ist, in der Summe aber verheerend.

Mit viel Humor und Scharfsinn beschreibt sie, auf welche Art von Männern man im Berufsleben so stößt – und wie man mit ihnen umgeht. Da gibt es die “Manterrupters” – die Kerle, die einen ständig unterbrechen. Oder die “Bropropriator” – die Typen, die sich deine Arbeit aneignen und für ihre ausgeben. Der “Himinator” glaubt, ständig anderen zu erklären, was du eigentlich sagen wolltest – und der “Menstruhater” fragt dich bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit, ob du so zickig bist, weil du deine Tage hast.

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We Were Feminists Once: Wie Feminismus zu einer Marke verkam

Das Buch “We Were Feminists Once: From Riot Grrrl to CoverGirl®, the Buying and Selling of a Political Movement” von Andi Zeisler, einer der Macherinnen hinter Bitch Media, liegt seit Monaten auf meinem “Must read” Stapel und nun habe ich so lange gewartet, dass es die deutsche Übersetzung unter dem Titel “Wir waren doch einmal Feministinnen” beim Rotpunktverlag gibt. Umso wichtiger, es endlich zu lesen und zu rezensieren. Denn: Das Buch ist wichtig.

Feminismus, so die Analyse der Autorin, ist in vielen Fällen zu einer Marke geworden, inhaltsleer und ohne gesellschaftliche Wirkung. Alles Mögliche gilt als feministisch, Unterhosen, Push-Up BHs, Zigaretten, Mode, Make-Up, Beyonce, Filme. Das Label “feministisch” hilft dabei, die Sachen an die Frau zu bringen. “Marketplace feminism” nennt Zeisler das und sie zeigt auf, dass dieser eng mit Entwicklungen innerhalb des Feminismus verbunden ist. Der sogenannte “3rd Wave”-Feminismus seit Anfang der 90er Jahre erklärte, dass alles eine Frage der “Choice”, der Entscheidung für etwas ist. Feminismus ist demnach nicht mehr, als die freiwillige Entscheidung für Dinge, die sich ohnehin nicht ändern lassen, die Entscheidung, nicht der Inhalt oder die Folgen, gelten als feministisch. Wenn aber die “Choice” das entscheidende Moment für Feminismus ist, dann passt sie hervorragend zum Konsum, zur Kaufentscheidung und das Label “Feminismus” kann auf so ziemlich alles gepackt werden, was Frauen betrifft. In diesem Sinne ist das Buch eine ziemlich erfrischende Abrechnung mit dem Spaßfeminismus oder “liberalen Feminismus”, obwohl sich Zeisler selbst als 3rd Wave Feministin versteht und den ein oder anderen Seitenhieb auf radikale Feministinnen (die, die ihre Kritik an der Gesellschaft und nicht der invididuellen Entscheidung ausrichten) verkneifen kann.

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