Alle Artikel von Mira Sigel

Die Lügen meines Vaters oder: Freiheit ist ein Inside-Job


Es ist ein bisschen aus der Mode gekommen, Existenzialistin zu sein. Das liegt vermutlich daran, dass wir heute ein gewaltiges Angebot vorgefertigter Rollen haben, zwischen denen wir wählen können, ohne zu erkennen, dass aus Unterdrückung nicht Freiheit wird, sobald wir nur zwischen verschiedenen Formen der Unterdrückung wählen können.

Simone de Beauvoir schrieb nicht zufällig eines der grundlegenden Bücher der Frauenbewegung. Sie und Jean-Paul Sartre lebten ihre persönliche Freiheit auch in ihrer Beziehung zueinander, die im Nachhinein immer wieder Interpretationen unterworfen wurde, die deren Erfolg nicht am Grad der persönlichen Freiheit und des Glücks maßen, sondern sie in ihre Denkmuster einzupassen suchten. Mal war Simone de Beauvoir unzufrieden und eifersüchtig, mal hatte Sartre einen Minderwertigkeitskomplex wegen seines Aussehens und deshalb so viele Affären. Die beiden lachen wahrscheinlich bis heute darüber, dass ihre Freiheit noch in nachfolgenden Generationen nicht als Wert an sich betrachtet wird, sondern ihre fehlende Anpassung an soziale Normen als mangelnde Anpassungsleistung und damit defizitäre Persönlichkeitsleistung betrachtet wird. Dabei wird der rhetorische Fehler begangen, im Vorfeld vorauszusetzen, dass Anpassung etwas war, das die beiden jemals als sinnig und nützlich betrachtet hätten.

Revolution ist, wenn man trotzdem lacht

Sowohl Sartre als auch Beauvoir erkannten, dass man die Zusammenhänge, in denen man geboren wird, ob familiär oder gesellschaftlich, nicht ändern kann. Doch anders als viele Soziologen sahen sie diese Verhältnisse nicht als unveränderbar prägend oder auch nur als dominanten Einfluss auf den Lebensweg eines Menschen an. Jeder Mensch hat das philosophische Recht, jederzeit nach dem Leben und der Persönlichkeit zu streben, die er für sich als richtig erachtet. Er hat ein Recht, seine Existenz so zu nutzen, wie er es möchte und niemand, kein Staat, keine Eltern, keine Moral und keine Ideologie hat das Recht, ihn daran zu hindern. Alles, was dieses Recht auf die Gestaltung der eigenen Existenz einschränkt, kann niemals dem Frieden oder Freiheit dienen, da ist der Existenzialismus radikal. Doch der Existenzialismus sagt auch: Nur weil wir im Außen unfrei sind und das kritisieren, dürfen wir nicht aufhören, alle Erfahrungen zu sammeln, alles Wissen zu erfahren, und alle Dinge zu leben, die wir als für unsere Existenz als notwendig erachten. Wir müssen unsere philosophische Reise zu uns selbst antreten, damit aus der äußeren Unfreiheit keine innere Selbstunterwerfung wird. Wir allein sind es für uns selbst, die unserer Existenz einen Sinn geben, und wenn wir das nicht tun, kommen wir irgendwann an einen Punkt, in dem wir in unserem Leben keinen Sinn mehr sehen, egal, wie erfolgreich es im Außen ist. Gelingt uns diese Sinnstiftung aber, und zwar immer wieder, dann überstehen wir selbst schreckliche Erfahrungen relativ unbeschadet, wie etwa die Beobachtungen Antonovsky an Holocaust-Überlebenden zeigten, aus denen er Begriffe wie »Resilienz« und das Modell der Salutogenese ableitete. Revolution ist eben, wenn man trotzdem lacht.

Das Streben nach Glück macht frei

Nun muss man nicht unbedingt Sartre gelesen zu haben, um innere Freiheit zu erreichen. Die Persönlichkeit mancher Menschen hat so starke Triebkräfte, dass ihnen niemals einfallen würde, diese einzuschränken. So zu sein wie alle anderen, ist für sie nicht erstrebenswert, denn sie haben ein unerschütterliches Vertrauen in sich selbst. In meinem Umfeld gibt es zwei solcher Menschen, meinen Sohn und meine Schwiegermutter und das ist kein Zufall. Mein Sohn konnte ohne die Unterdrückungserfahrung korrumpierter väterlicher Autorität aufwachsen und ist deshalb für die Zuschreibungen von außen immun, so immun, dass ich daran jedes Mal verzweifle, wenn ich von ihm Anpassung »zu seinem eigenen Besten« einfordere. »Dir ist wichtiger, was die Leute denken, als dass ich glücklich bin«, sagte er einmal zu mir und erinnerte mich zugleich daran, dass ich nicht nur übergriffig handelte, sondern auch entgegen meiner eigenen Wahrheit. Männer, die Probleme mit ihrer Männlichkeit haben, reagieren auf meinen Sohn immer mit dem Wunsch, ihn autoritär zu unterdrücken, selbst, wenn sie ihn nur fünf Minuten lang kennen. Unnötig zu sagen, dass ihn das wenig beeindruckt, und er dahinter die angst- und komplexgesteuerten Motive erkennt, die eine solche Reaktion bedingen.

Meine Schwiegermutter wiederum ist der stärkste und glücklichste Mensch, den ich kenne. Sie hat schon sehr früh entschieden, dass ihr Glück nicht im Außen liegt, sondern im Inneren und auch wenn sie bisweilen etwas ungeduldig wird, wenn die Menschen, die sie liebt, nicht so schnell erkennen, was für sie richtig ist und sich vom Außen steuern lassen, so betrachtet sie das Glück eines jeden als zusätzliche Bereicherung ihres eigenen. Ihr Sohn ist der erste Mann, mit dem für mich eine tiefere Partnerschaft, die auch meine Kinder einschloss, Sinn machte, denn er kann meinem Sohn eben jenen positiven Männlichkeitsbezug vermitteln, den er braucht, und zwar unabhängig von mir. Die Freude darüber ließ mich vergessen, dass nach allen Gesetzen der bürgerlichen Moral mir ein neues familiäres Glück nicht zugestanden wurde. Neu deshalb, weil die erste Familie meiner Kinder aus mir und meiner Mutter bestand. Mir gab das die Freiheit, all das auszuprobieren oder zu erreichen, was ich jenseits des Kinderkriegens für wichtig hielt und es gab lange keinen Grund, daran etwas zu ändern, bis meine Mutter von ihren frühesten Verletzungen als Frau eingeholt wurde und nicht den Mut hatte, sie zu bearbeiten.

Deine Freiheit bedroht meine Lügen

Diese Entscheidung musste ich akzeptieren und den Weg ohne sie weitergehen, bis zu dem Tag, an dem ich meinen Mann traf. Dass die weniger reflektierten Teile meiner Familie darin endlich den Hinweis sahen, dass zu ihrer großen Erleichterung doch noch »normal« wurde, nahm ich mit Humor. Wenn es sie glücklich machte, was in meinem Leben geschah, wenn auch aus den falschen Gründen, dann war das in Ordnung. Womit ich nicht rechnete, war, dass meine Familiengründung als direkter Angriff auf jene Lügengebäude betrachtet wurde, auf denen pathologische Familiensysteme im Patriarchat eben so basieren. Revolution ist, wenn man trotzdem lacht – wer anders ist, hat zumindest unglücklich zu sein, oder Scham zu empfinden, so lautet die Verdammungsregel der bürgerlichen Gesellschaft, auf keinen Fall aber darf er die bürgerlichen Institutionen, in meinem Fall die Ehe, nutzen und sie in etwas verwandeln, das seinem inneren Streben, seiner eigenen Transzendenz entspricht. Mir war nicht klar, dass der Umstand, dass ich heiratete, die normierenden Kräfte meiner Familie auf den Plan rufen würde, die eine bürgerliche Einordnung meiner Heirat vornahmen. Anders gesagt: Meine Hochzeit ging auch sie etwas an.

Das Patriarchat schickt seine Schergen

Sie taten es in Form der Frau meines Vaters. Er schickte sie vor, weil er das Aufeinandertreffen mit meinem neuen Mann fürchtete. Sie ist nur sechs Jahre älter als ich und in einer Stepford-Wives-mäßigen Weise angepasst, dass es manchmal in eine Karikatur abgleitet, sowohl, was ihre Rolle als Frau, als auch in der Gesellschaft angeht. Selbstständiges Denken hat sie nie gelernt, auf Konflikte reagiert sie mit haltlosem Weinen, nie mit Argumenten. Obwohl mir das immer klar war, hielt ich es nie für nötig, darüber nachzudenken, was der Umstand, dass mein Vater sich so eine Frau gewählt hatte und zwar exakt zu dem Zeitpunkt in seinem Leben, als ich als fast Erwachsene auf ihn traf, mit mir zu tun haben könnte. Sein Leben hatte für mich kaum Relevanz und aus Gutmütigkeit sah ich darüber hinweg, wie seine Frau mein Leben beurteilte, immerhin war ich erwachsen und mein Glück nicht davon abhängig, was sie dachte. Dass sowohl er als auch sie meine Existenz und meine Lebensführung als beständigen Affront sahen und auf mich all das projizierten, was sie in ihrem eigenen Leben verleugneten, hatte ich übersehen und deshalb verzichtet, bewusst zu analysieren, ob ich dabei mitspielen wollte oder nicht. Um ihre Inszenierung der perfekten Familie nicht zu gefährden, musste um meine Existenz ein ganzes Gebäude aus Lügen errichtet werden, das vor allem ihn von seinen Schuldgefühlen entlastete.

Meine Stepford-Stepmum kam also in mein Zuhause und begann sofort damit, zu urteilen und alles, was in Widerspruch zu ihren Vorstellungen stand, zu verurteilen. Ich ignorierte es, weil es mir zu anstrengend war, so ein dummes Verhalten durch eine Reaktion aufzuwerten und weil ich auch erkannte, dass sie irgendwie steckengeblieben war. Mit Anfang 20 lebte ich auch meine Daddy-Issues aus, in dem ich mit älteren Männern schlief, bis ich keine Lust mehr auf alte und mäßig impotente Männer mit wehleidiger Sehnsucht nach einer zweiten Jugend mehr hatte. Sie hingegen hatte so einen geheiratet und sich selbst damit die Chance genommen, jemals etwas anderes zu sein, als die junge Unschuld. Mit 42 war das keine erfüllende Rolle mehr und es gelang ihr nicht, eine andere zu finden. Das verstand ich und hatte Verständnis für sie. Sollte sie doch reden, ich hörte einfach weg.
Doch es reichte ihr nicht mehr, dass ich schwieg. Ihr Glaubenssystem der perfekten Familie und der Beziehung zu meinem Vater war für sie längst nicht mehr so belohnend, wie noch vor ein paar Jahren, der schöne Schein war verblasst. Wenn meine Liebe echt war, konnte es ihre nicht sein. Also musste meine attackiert werden.

Von »falschen« und »richtigen« Menschen

Sie stellte mir lauter Fragen dazu, weshalb wir heirateten. Am liebsten hätte sie gehört, dass ich eine klassische Versorgerehe eingehe, jetzt, wo meine Mutter nicht mehr an meiner Seite war oder von meinem neuen Partner einen leisen Hinweis darauf bekommen, dass auch er mit mir nicht ganz einverstanden war. Mit jeder Antwort, die ihr zeigte, dass wir uns tatsächlich aus Freiheit und Liebe dazu entschlossen und dass dann auch noch meine Schwiegereltern, nach bürgerlichen Maßstäben »normal«, das voll und ganz unterstützten, demaskierte mit einem Mal die ganzen Manipulationen und Lügen, auf denen ihr Leben basierte. Da saß sie, die Stepford-Frau und sah, dass ich, die unangepasste Frau, eine, die sich die Haare abrasiert und einfach tat, was sie wollte, einen Mann gefunden hatte, der mich so liebte, wie ich bin und in meiner Freiheit niemals eine Bedrohung für seine eigene gesehen sah. Sie hingegen hatte doch alles richtig gemacht, bis zur Gestaltung ihres Äußeren und dennoch nie einen Antrag, ein weißes Kleid und eine richtige Hochzeit bekommen. Mehr noch: Das Alter warf seine Schatten voraus und mit ihm die Bedeutungslosigkeit, die das Patriarchat für Frauen bereithält.


Sie reagierte mit dem ganzen Gift, das sich in so einem Leben anhäuft. Mein Mann sei zu klein und verdiene zu wenig, ich sei zu dick und viel zu streitsüchtig und wenn ich nicht noch ein Kind bekäme, würde mich mein Mann sicher verlassen, urteilte sie in atemberaubender Geschwindigkeit. Gleichzeitig begann sie, ihm die ganzen Lügen zu erzählen, die man sich in der Familie meines Vaters so erzählte, um ihn auch gleich auf diese Geschichten einzuschwören. Nun war er aber in einer Familie aufgewachsen, die authentisch kommuniziert und reagierte immer irritierter. Es gelang ihr nicht, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Ihre Laune verschlechterte sich zusehends. Es dauerte einen Tag, bis sie sich davon so weit erholt hatte, um mich anzurufen, und diese Niederlage auszugleichen versuchte. In bester spießbürgerlicher Anmaßung erklärte sie mir, dass mein Leben zwar jetzt vielleicht ok war, aber dass es so nicht bleiben würde. Er würde mich verlassen, wir würden verarmen, die Kinder zutiefst gestört werden. Und nun holte mich mein eigenes Versäumnis ein, das Verhältnis zu meinem Vater nie aufgeräumt zu haben und ihr deshalb überhaupt die Position verschafft zu haben, solche Urteile zu fällen und sich auch noch zum Sprachrohr meines Vaters zu machen. Sie bestimmten über »richtig« oder »falsch«. Ich war »falsch« und hatte deshalb auch kein Anrecht auf ein »richtiges« Leben und eine »richtige« Hochzeit, ebenso nicht wie auf einen »richtigen« Vater.

Existenzialismus war auch die Antwort auf die Erfahrungen der NS-Zeit. Die Unterordnung unter ein großes Ganzes, ohne es kritisch zu reflektieren und die mörderische Einteilung in »richtige« und »falsche« Menschen und der Entscheidung darüber, ob sie ein Recht hatten, zu existieren, wurde als die autoritäre Wurzel des Mordens freigelegt. Die Studentenbewegung erkannte später, dass diese Wurzel auch in der BRD der 1960er und 1970er Jahre nach wie vor die Gesellschaft maßgeblich prägte – und bekämpfte sie, auf der Straße und mit theoretischer Durchdringung. Die zweite Frauenbewegung entstand in diesem Geist und analyiserte, dass die Unterdrückung der Frau mit der Beseitigung dieser Verhältnisse nicht beendet sein würde. Sie nutzten die erprobten Instrumente der Dekonstruktion von patriarchaler Herrschaft und setzte dabei vor allem auch auf eine innere Befreiung durch Gesprächskreise und das Aufschreiben und Aussprechen eigener Erfahrungen und ihrer Einordnung in die Unterdrückungserfahrung, so dass sich ein feministisches Bewusstsein ausbilden konnte. Die Frauen damals ahnten, dass eine gesamtgesellschaftliche Befreiung schwer werden würde, schon deshalb, weil dieses »conscious raising« unvollständig bleiben musste.

Es blieb aber ein wichtiges Instrument des Feminismus. Welche deiner Erfahrungen machst du nur, weil du eine Frau bist? Sie haben mit deiner Persönlichkeit nichts zu tun, sondern sind eine Zuschreibung von außen. Erkenne sie und unterbinde den Einfluss, den sie auf deine Entwicklung haben. Dazu gehören Schönheitsideale, geschlechtliche Diskriminierung und andere Unterdrückungserfahrungen. Auf diese Weise wird verhindert, dass es zu einer Selbstunterwerfung kommt, und gleichzeitig ist das der Schlüssel zur freien Gestaltung der eigenen Existenz. Wenn dir egal ist, was die Gesellschaft als wünschenswertes Frauenbild vorgibt und für dessen Erfüllung verspricht, dann wirst du Schönheit weder als vorrangiges Ziel deiner Existenz formulieren noch daran zerbrechen, wenn du nach diesen Normen nicht (mehr) schön bist. Mehr noch: Die Verletzungen, die das Leben als Frau mit sich bringt, können als Ausdruck für ein defizitäres Gesellschaftssystem und nicht als persönliches Versagen erkannt werden. Sie haben auf das Maß unseres persönlichen Glücks keinen Einfluss und verlieren damit ihre Macht über uns, auch wenn wir ihnen im Außen nach wie vor ausgeliefert sind.

Die Deutung deiner Existenz gehört dir

Wenn wir nicht selbst bestimmen, wer wir sein wollen und wer wir sind, dann übernimmt das die Gesellschaft, die nicht dem Ziel der größtmöglichen persönlichen Freiheit nachstrebt, sondern nach kapitalistischer Geldvermehrung und sozialer Kontrolle. Sie nimmt unsere Existenz und ordnet sie ihren Interessen unter. Das Glücksversprechen kann sie nicht einlösen, denn individuelles Glück war nie ihr Ziel, sondern die freiwillige Mitarbeit am Projekt Kapitalismus, der die bürgerliche Gesellschaft als Garanten braucht. Wer dabei mitmacht, darf sich den Button »normal« und »moralisch gut« anheften und so noch stolz darauf sein, sich selbst zum Sklaven fremder Interessen zu machen. Die Verachtung für jene, die diesem Betrug aufsitzen und sich moralisch zum Bestimmer über die Existenzen anderer aufschwingen, während sie in Wahrheit nur dem eigenen Leben den Sinn nehmen, eint Künstler, Revoluzzer und Aussteiger. Wer gelernt hat, für sich selbst zu denken und das eigene Urteil zum Maßstab des Handelns zu machen, hat für Kants moralischen Imperativ nur noch ein müdes Lächeln übrig. Trotzdem sind sie in der Minderheit. Den meisten Menschen fehlt es schlicht an Mut, aus den Verhältnissen auszubrechen und sich innerlich zu befreien. Einen selbstbestimmten Entwurf für die eigene Existenz zu machen, erfüllt sie mit schrecklicher Angst, also greifen sie bereitwillig nach den Schablonen, die ihnen die Gesellschaft anbietet, und nehmen die so entstandene Gleichförmigkeit in der »Mitte der Gesellschaft« auch noch als Beleg dafür, dass es ihnen zusteht, nicht nur zu definieren, was »normal« ist, sondern auch noch mit plumpesten Mitteln einzufordern, dass alle anderen das auch so sehen.


Wenn die Unterordnung unter diese konstruierte Normalität aber der Sinn ihres Lebens ist und für alle Menschen funktionieren soll, dann ist es für sie ein schrecklicher Affront, wenn jemand das ablehnt und dann – oh Wunder – glücklicher und erfolgreicher ist, als sie selbst. Das ist der Grund für die Aggressivität, mit der der »Normalbürger« sich zum Vertreter der Normalität aufschwingt und andere maßregelt, sogar, wenn sie nur einen abweichenden Kleidungsstil pflegen. Sie fordern Anpassung, weil die Freiheit der anderen ihre Lebenslüge offenbart und ihrer Selbstunterwerfung den Sinn nimmt. Der Weg zu gesellschaftlichem Erfolg mag Anpassung sein, der Weg zum Glück funktioniert nur über Selbstverwirklichung.

Das Patriarchat schafft pathologische Familien

All das hatte die Stepford-Frau in meinem Zuhause gesehen und musste es nun demontieren, um nicht daran ihr eigenes Glaubenssystem zerbrechen zu lassen. Dass sie dazu zu wirklich übergriffigen Mitteln griff, ließ mich endlich hinsehen und erkennen, dass ich etwas tun musste.
Als die Wut nachließ, nutzte ich sie und begann, die Lügen, die ich sonst freundlich überhört hatte, zu widerlegen, und zwar mit Dokumenten, mit den Aussagen anderer, mit Erinnerungen, die mit anderen übereinstimmten. Als ich das getan hatte, griff ich auf die Ressourcen zurück, die mein Leben für mich bereithält. Ich rief die Coachs und Therapeuten in meinem Umfeld an und redete. War ich nun verrückt oder waren die es? Sehr bald zeichnete sich das Bild einer pathologischen Familie, von der ich geglaubt hatte, ich sei ohnehin kein Teil von ihr. In Wahrheit hatte man mir dort die Sündenbockfunktion zugewiesen, die man auch benutzte, um die gemeinsamen Kinder, vor allem die Tochter, in der Spur zu halten. »Sei nicht so emotional, du bist ja wie sie«, hieß es da. Und was mit mir geschehen war, das wusste man ja: Ausgrenzung und ein Leben ohne Mann, am Rande des Irrsinns. Der Umstand, dass ich sowohl von meinem Bildungsstandard als auch von meinem Einkommen inklusive der sonstigen Lebensleistungen jedem von ihnen überlegen war, wurde gekonnt ignoriert, denn ohne Mann konnte ich ja nicht glücklich sein, wenigstens das. Erst jetzt hörte ich auf einmal die ganzen Aussagen, die mein Vater so über Frauen getroffen hatte und erkannte, dass es sich um einen ziemlich unspektakulären Sexisten mit Angst vor Frauen handelte. Schlimmer noch: Zwar konnte er hin und wieder ein paar altlinke Phrasen murmeln, den Mumm dazu, sich irgendwo zu engagieren hatte er nie. Er benutzte sie nur, um die eigene Anpassung an bürgerliche Normen damit zu rechtfertigen, dass er ja eigentlich ein Linker war. Ein ungeouteter, sozusagen.


Ich nahm mir die Lügen vor, die meine Stepford-Stepmum unablässig erzählte und entlarvte sie, indem ich mich an das hielt, was Schwarz auf Weiß zu beweisen war, oder woran sich auch andere erinnerte. Sie saß an der Wurzel meiner Herkunft und bestimmte über meine Geschichte. Zu wissen, wo man herkommt, und welche Umstände die eigene Geburt begleiteten, ist für jeden Menschen von Bedeutung und ich entschied, dass nicht länger sie und ihr Lügensystem das Recht hatten, meine Geschichte zu korrumpieren, vor allem nicht vor meiner eigenen Familie

Das System reagierte, wie erwartet. »Eine intakte Familie kann mit Widerspruch und abweichendem Verhalten umgehen, indem sie es integriert. Eine pathologische hingegen wird mit Gewalt und Unterdrückung reagieren, die meistens darauf abzielt, den, der dem Pathologischen etwas Wahres entgegenhält, kaltzustellen. Wer die Wahrheit sagt, der wird für verrückt erklärt und ausgeschlossen. Viele werden süchtig oder bringen sich um und bestätigen damit schlimmerweise noch, was man ihnen vorher unterstellt hat«, erklärte mir mein Lieblings-Coach am Telefon. »Also, mach dich auf etwas gefasst.«


Mein Vater, der sonst keine zwei Worte mit mir reden kann, ohne panisch den Raum zu verlassen, hatte sich versichert, dass mich in seiner Familie niemand darin unterstützen würde, die ewigen Lügengeschichten zu beseitigen, bevor er mich anrief. In väterlichem Allmachtswahn erklärte er mir das Familienurteil: Ich sei verrückt. Es war wie im Lehrbuch. Er schrie und tobte und beschimpfte mich. Das hatte ich erwartet und versuchte immer wieder, ihn auf die Dinge zu lenken, die keine Interpretationsfrage waren, sondern Fakten. Das machte ihn immer wütender.

Er zog alle Register, beanspruchte in patriarchalem Allmachtswahn die Deutung über mein Leben und dann tat er mir den Gefallen und wechselte auf eine Ebene, die ich sehr gut kenne.
Er begann, mich als Frau zu attackieren. Und auf einmal waren da nur noch die billigen Angriffe, die rhetorisch sehr unversierte Trolle manchmal unter feministische Analysen posten. Fast tat er mir leid.
Wenn er mir schon kein Vater gewesen war, konnte er dann nicht wenigstens ein besserer Gegner sein? Weshalb er das nicht konnte, zeigte er mir kurz darauf und gab mir damit die Möglichkeit, ein für alle Mal den Kontakt zu ihm und seiner Familie zu beenden.

»Ich bin eben nur ein einfacher KFZ-Mechaniker«, schrie er, als ich erneut darum bat, bei den Fakten zu bleiben. »Ich bin nicht so intelligent wie du.« Und ein paar Sätze weiter faselte er etwas davon, dass mein Einfordern der Wahrheit doch »meine Intelligenz« beleidige.
Ein paar Mal, nicht sehr oft, war ich in meinem Leben Männern begegnet, die sich durch den Umstand, dass ich nach ihren Maßstäben »intelligent« war, verunsichern ließen und auf diese Verunsicherung meistens mit Abwertung und Wut reagierten. Einige wenige bekamen dann auf einmal keinen mehr hoch, andere setzten dann auf sexuelle Dominanz. Keine Frage, dass ich mit letzteren mehr Spaß hatte. Ich ahnte, zu welcher Sorte mein Vater gehörte.

Meine Geschichte gehört mir

Und da war er nun, mein Vater, und agierte auf der Ebene dieser Männer. Ich war nicht mehr wütend. Ich brauchte auch seine Anerkennung für die Fakten, die ich zusammengetragen hatte, nicht mehr. Sein pathologisches Familiensystem würde einfach noch mehr Lügen und Schweigen erzeugen, und mich aufgrund meines »Aufstandes« weiter für verrückt erklären. Alle Schuldgefühle, alle Lügen würden bei mir abgeladen, damit sie weiter funktionierten und sobald etwas in meinem Leben diesem Narrativ zu offensichtlich nicht mehr entsprach, würde man eine »Einordnung« vornehmen, so wie es die Stepford-Stepmum getan hatte. Ich erklärte ihm, dass er mich mal konnte und legte auf. Ich hatte die Kritik zusammengetragen, die Revolution konnten andere übernehmen. Die Kräfte, die das kranke System meines Vaters zusammenhielten, mochten noch für eine Weile funktionieren, ich aber war jetzt frei davon, ein Teil von ihnen sein zu müssen. Ich hatte mir meine eigene Geschichte zurückgeholt und zum Teil meiner Existenz gemacht.

Feminismus ist die Analyse der eigenen Unterdrückung

Das Ausbleiben der erhofften gesellschaftlichen Revolution ist für Linke und Feministinnen gleichermaßen enttäuschend und führt häufig zu einem Abwerten der eigenen Analyse. Dabei wird übersehen, dass wir sie als Mittel der eigenen Transzendenz nutzen und innere Freiheit erreichen können. Wir verhindern, dass wir die äußere Unterdrückung internalisieren und sie uns von innen aushöhlt. Machen wir das nicht, verlieren wir den sinnvollen Bezug zu unserem Leben und dem Kummer, den es bereithält.
Es hat keine Dekonstruktion der Unterdrückung im Inneren stattgefunden, und ohne sie kann es keine Freiheit geben. Wer sich ihrer bewusst wird, wer hinschaut, entdeckt, dass wir uns manche Fessel selbst anlegen und sie sogar an unsere Kinder weitergeben und damit die Saat für die innere Selbstentfremdung auf dem nächsten Acker ausbringen. Schlimmer noch: Wir schätzen die innere Befreiung so gering ein, dass wir auf sie verzichten, wenn es keine äußere gibt, dabei kann uns genau die niemand nehmen.

Auch deine Kinder gehören dir nicht

Ob wir dazu bereit sind, entscheiden wir für uns selbst. Für manche beinhaltet das zu schmerzliche Wahrheiten oder Konsequenzen, dass ihnen eine völlige Befreiung nicht gelingt. Trotzdem werden sie dem universalen Auftrag an uns Menschen gerecht, der besagt, dass die gegenwärtige Generation auf mehr Wissen und mehr Erfahrungen zurückgreifen kann, als alle vorher und deshalb etwas hinterlassen muss, das besser ist, als das, was sie vorfanden. Das gilt gesamtgesellschaftlich, aber vor allem familiär. Die Kinder sollen es einmal besser haben als wir selbst und von unseren Erfahrungen, aber auch von unseren Kämpfen und Erfolgen profitieren. Damit erhält die eigene Transzendenz scheinbar eine Bedeutung über die eigene Existenz hinaus. In Wirklichkeit aber steht es uns gar nicht zu, mehr als ein Angebot für unsere Kinder und den Raum für persönliche Freiheit zu schaffen. Sie wählen selbst, was sie für ihren Lebensweg brauchen. Der wahre Auftrag an uns selbst ist, es besser zu machen als unsere Eltern und uns damit endgültig von ihnen zu emanzipieren. Damit verbleibt die Beschäftigung in unserer Entwicklung und verhindert, dass wir als Eltern die Autonomie der Existenz unserer Kinder verletzen.

Die Biologie bestimmt deine Freiheit im Außen, nicht in deinem Selbstbild

Man hat Simone de Beauvoir oft vorgeworfen, dass sie »mütterfeindlich« sei. In Wirklichkeit wies sie nur zurück, dass die Tatsache, dass man als Frau geboren wird, bedeuten muss, dass Kinder zu bekommen, zu einem glücklichen Leben gehört und vorrangiger Sinn unserer Existenz als Frauen ist.
»Man wird nicht als Frau geboren, man wird es«, ist ihr berühmtestes Zitat. Dieses Frausein umfasst alle Rollen, in die man uns im Laufe unseres Lebens pressen will. Manchen können wir nicht entkommen. Aber wir können sie als das sehen, was sie sind: Instrumente der Unterdrückung. Und wir können die wichtigste Verantwortung übernehmen, die es gibt: Die für unsere eigene Existenz. Indem wir sie nicht mehr den Interessen anderer zur Verfügung stellen und deren Werte internalisieren, befreien wir nicht nur uns selbst. Wir entziehen den Übergriffen in unsere Selbstbestimmung auch Stück für Stück die äußere Legitimation. Die Drohung: »Wenn du Feministin bist, bekommst du keinen Mann und wirst unglücklich« verliert ihre Macht, wenn man erkennt, wie viele angepasste Frauen unglücklich sind. Der Feminismus hat uns als gesellschaftliche Gruppe noch nicht befreit, doch er vermag jede einzelne von uns von der patriarchalen Vereinnahmung der eigenen Existenz bewahren und vor allem vor der Internalisierung der immanenten Urteile, was oder wie eine Frau zu sein hat. Darüber bestimmen allein wir selbst.

Glück entsteht, wo Freiheit den Raum dafür geschaffen hat

»Freiheit ist, was du mit dem machst, was man mit dir getan hat«, schrieb Sartre. Der Satz hängt über meiner Eingangstür.

Mein Vater, der KFZ-Mechaniker, las nie Sartre. Alice Schwarzer fand er kacke. Ich verkörperte für ihn alles, wovor er Angst hatte, und verstand nie, dass die Ursache dafür bei ihm lag und nicht in meinem Verhalten. Anders als meine Mutter konnte er mir eine autonome Existenz nie zugestehen. Als ich sie einforderte, zielte er rücksichtslos auf die wunden Punkte, die ich als seine Tochter nach patriarchaler Lesart doch für ihn haben musste. Er traf nicht, denn ich hatte sie alle längst dekonstruiert und auf den Müll gekippt.

Ein Vater ist nur, wer die väterliche Rolle auch erfüllt, ansonsten gibt es keinen Grund für die patriarchale Erhöhung des Vaters. Alle Kulturen der Welt kennen eine soziale Mutterrolle, nicht alle die des sozialen Vaters. Diese feministische Dekonstruktion ermöglichte mir schon vor 20 Jahren, auch ohne den Segen meines Vaters einfach das zu tun, was ich für richtig hielt. Dass ich damit unbewusst einen für das autoritäre Weltbild meines Vaters nur schwer zu ertragenden Widerspruch erzeugte, den er als bedrohlich erlebte, untermauert einmal mehr, wie sehr auch unsere engsten Beziehungen noch immer von patriarchalen Mustern geprägt sind. Autoritäre Väter reagieren auf die Autonomie ihrer Töchter mit panischer Angst vor der übertragenen »Entmannung«. Mein »Aufstand« versetzte meinen Vater in solche Aufregung, dass er nach 20 Jahren zum ersten Mal meine Mutter anrief. Sie nahm nicht ab.

Mein Widerspruch gegen die falschen Storys rund um meine Geburt und mein Mut, meinem Vater zu widersprechen und meine »Verurteilung« in Kauf zu nehmen, entlasteten auch sie von dem erdrückenden Schuldgefühl, es hätte an ihr gelegen, dass er mich ablehnte. Wir hatten uns unsere gemeinsame Geschichte zurückgeholt und ihre Schatten dahin zurückgelenkt, wo sie herkamen: zu meinem Vater.

Als Vater in einem patriarchalen System hatte er geglaubt, meine Zeugung gäbe ihm trotz des Vollversagens als Vater das Recht, die Deutung meiner Existenz zu übernehmen oder seiner Stepford-Frau zu überlassen, damit sie damit ihre Minderwertigkeitskomplexe kompensieren konnte.

Bei manchen Treffen in linken Gruppen verabschiedeten wir uns manchmal mit den Worten: »Ich wünsche dir die Freiheit«. Ich finde, das ist der beste Wunsch für einen anderen Menschen, den es gibt.

Mit Männern zu schlafen macht mich nicht zu einer schlechteren Feministin

Photo by Lili Kovac on Unsplash

Es sind Argumente, so absurd, dass Außenstehende sie gerne als Beleg dafür nehmen, dass der Feminismus obsolet ist. “Solange du mit Männern in das Bett gehst, kannst du das mit dem Feminismus nicht ernst meinen.” In einigen feministischen Kreisen gilt es als Kollaboration mit dem Feind, wenn Frauen sich als Feministinnen bezeichnen und trotzdem mit Männern schlafen.

I call it bullshit

Sexuelle Orientierung ist keine freie Entscheidung. “I was born this way” von Lady Gaga funktioniert in beide Richtungen. Wen wir begehren, ist keine Frage bewusster Wahl, sondern inhärent in uns angelegt. Sexualität wird durch viele Faktoren geprägt und wer anfängt, Menschen für das, was sie lieben oder wollen zu attackieren, der begibt sich auf ganz dünnes Eis. So wie lesbische Frauen nicht für ihre Vorlieben angegriffen werden wollen, so gilt das andersherum auch für heterosexuelle Frauen. Auf Männer zu stehen, setzt weder meine intellektuellen Fähigkeiten in der Analyse struktureller Unterdrückung herab, noch führt Sex mit Männern dazu, dass ich auf wundersame Weise durch ihr Sperma fremdgesteuert werde. Verstand und Kritik existieren unabhängig von unserem Begehren, sonst wären wir ja alle nur triebgelenkte Wesen, dem eigenen Verlangen hilflos ausgeliefert. Mit Männern zu schlafen oder Beziehungen mit ihnen zu führen, macht uns nicht zu Unterstützerinnen unser eigenen Unterdrückung. Im Gegenteil: Zu schlafen und zu lieben, wen man möchte, ist Teil unserer individuellen Freiheit und der Freiheit von uns Frauen als Klasse. Wir treten an, um genau dafür zu kämpfen: Freiheit. Liebe zehn Männer oder nur einen, liebe Frauen und Männer, liebe Frauen, aber lass dir nicht von irgendwelchen äußeren Normen hineinreden. Das gilt für die bürgerliche Moral ebenso wie für feministische Strukturen.

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Das patriarchale Trauma: Warum Männer morden und Frauen Vergewaltigungsfantasien haben

Es ist schon wieder passiert. Ein junger Mann hat eine Waffe genommen und in einer Schule in den USA zehn Menschen erschossen. Das erste seiner Opfer ist nach Angaben von “Bild” ein Mädchen, dem er sich immer wieder versucht hatte zu nähern. “Tragische Liebesgeschichte” nennt die Bildzeitung das und bezieht sich auf Aussagen der Mutter. “Zurückgewiesene Liebe” wird immer wieder als Rachegrund genannt, wenn ein Mann gewalttätig wird. Statistisch gesehen stirbt in Deutschland jeden Tag eine Frau durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners aufgrund von “enttäuschter Liebe”. Hinter dem Euphemismus “enttäuschte Liebe” verbirgt sich nichts anderes als die auch mit Gewalt durchsetzbare männliche Anspruchshaltung, Frauen hätten ihnen zur Verfügung zu stehen. Die Frau als Dienerin, als Gefäß des Mannes, als sein Besitz und Anhängsel ist die Definition, die das Patriarchat Frauen zuweist. Lehnen Frauen diese Rolle ab und bewegen sich außerhalb der für ihr Geschlecht vorgegebenen Grenzen, etwa in dem sie alleinerziehend, selbstbestimmt, unabhängig leben, so setzen sie sich überall auf der Welt der Gefahr aus, dafür getötet zu werden. Es braucht kein frauenhassendes Regime, um diese misogyne Exekutive zu betreiben, vielmehr schwingen sich Männer auch im ach so liberalen und offenen Westen regelmäßig dazu auf, Frauen wieder auf ihre Plätze zu verweisen – mit Hasskommentaren, Drohungen und Gewalt, gegen fremde Frauen, aber vor allem gegen die Frauen, auf die sie glauben, ein “Anrecht” zu haben: Bekannte, Nachbarinnen, Kolleginnen, Partnerinnen, Ehefrauen, Töchter. Die Autorin Kate Manne hat in ihrem Buch “Down Girl” analysiert, dass der Anstieg dieser offenen, blutigen Gewalt gegen Frauen in direktem Zusammenhang mit dem Kampf gegen Frauenrechte steht. Je mehr Frauen, etwa wie bei #metoo, sich gegen sexuelle Gewalt wehren und auf ihre Selbstbestimmung auch in anderen Bereichen pochen, umso heftiger fällt der Pushback der patriarchalen Ordnung aus.

Das Gift der männlichen Erwartungshaltung

Als vor einem Monat Alek. M. in Toronto ein Massaker vor allem an Frauen verübte und sich dabei ausdrücklich auf einen anderen Massenmörder – Eliott Rodger – bezog, der ebenfalls aus Frauenhass tötete, wurden die Medien auf das Phänomen der Incels aufmerksam, der “unfreiwillig Zölibatären”, die sich in Foren wie 4chan oder Reddit austauschen und sich darüber beklagen, dass keine Frau mit ihnen Sex haben möchte. Das liegt, laut Incel-Logik, daran, dass Frauen nur auf Männer mit gutem Aussehen und/oder Geld stehen und deshalb werden sie an ihrem “Anrecht” auf Sex und Reproduktion gehindert. Nicht wenige fordern deshalb, dass es eine “Umverteilung” von Sex geben soll und Frauen dazu gebracht werden sollen, auch Sex mit Männern zu haben, auf die sie keine Lust haben.

Das Ganze wäre absurd, lächerlich und bemitleidenswert, wenn die Incel-Ideologie nicht immer wieder wie bei den letzten Massakern Grundlage für Übergriffe und Gewalt gegen Frauen werden würde. Es handelt sich bei den Incels nicht nur um ein paar verirrte Männer, wie in den Medien gerne suggeriert wird, sondern um ein heterogenes Gemisch von hunderttausenden Männern vor allem aus den USA und Europa mit Überschneidungen zur Männerrechtsszene (MRA’s) und den Pick-Up-Artists. Es sind keine verwirrten Hinterwäldler, keine rückständigen Religionsfanatiker, sondern vielfach gut ausgebildete Männer, die sich an anderen Stellen für Demokratie, Fortschritt und Liberalisierung einsetzen. Sie sind für Fortschritt und für Technik, doch die Unterwerfung der Frau wollen sie aufrecht erhalten. Sie protestieren gegen zu viel Überwachung und laschen Datenschutz und geben sich gern besonders innovativ und zukunftsorientiert. Ihr Frauenbild aber ist in seinem Kern so reaktionär wie das religiöser Fundamentalisten, nur wird ihr Frauenhass nicht durch eine religiöse Schrift, sondern vor allem durch Pornos und sexistisch eingefärbte wissenschaftliche Schlussfolgerungen beflügelt. Incels verkörpern eine neue Generation von Frauenhassern, nicht länger religiös oder moralisch motiviert hassen und Gewalt verüben, sondern auf Grundlage vermeintlich rationaler Überlegungen und wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Die Freiheit von Frauen erleben Incels und ihre Sympathisanten als Bedrohung ihrer männlichen Privilegien und als Hindernis beim Zugriff auf Frauenkörper, die sie mit Hass im Netz, Hass auf der Straße und notfalls auch mit Gewalt bekämpfen. Ihr Frauenhass hat Schnittmengen mit den hasserfüllten Äußerungen der Väterrechtsszene, in der Morde und Gewalt an Frauen regelmäßig von einzelnen Mitgliedern – unberichtigt vom Rest der Community – als natürliche Reaktion auf das Verhalten von Frauen erklärt werden. Frauen, die nicht gehorchen, Frauen, die sich nicht unterordnen, Frauen, die sich nicht zur Verfügung stellen und Frauen, die über ihr Leben selbst bestimmen möchten – auch nach einer Ehe oder einer Beziehung, aus der Kinder hervorgegangen sind. Incels und die Gruppen, mit denen sie Schnittmengen haben, sind ein noch sehr junges Phänomen des alten Patriarchats, ein neuer Weg, die bekannten männlichen Vorrechte zu proklamieren und durchzusetzen. Der Shitstorm im Internet, mit dem jede Feministin irgendwann überzogen wird, sobald sie eine gewisse Reichweite hat, ist ein Arm dieser Bewegung, die frauenmordenden Attentäter ein anderer. Sie eint die gemeinsame Ideologie.

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Polyamorie – Befreiung oder Patriarchat in neuen Kleidern?

Wenn man sich aktuell auf Datingplattformen umsieht, bekommt man schnell den Eindruck, dass monogame Beziehungen ganz schön old school sind. Viele ab Mitte 20 bezeichnen sich selbst als “polyamorös”, also als Menschen, die ohne Eifersucht und Besitzdenken Beziehungen mit mehreren Partnern eingehen. Das Konzept der Polyamorie erfährt bereits seit einigen Jahren viel Aufwind, ganz neu ist es nicht. Schon in den 68ern galt: “Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment”. Von dieser Haltung gibt es eine direkte und sexistische Kontinuität zum aktuellen Polyamorie-Trend.

Von der freien Liebe, die gar keine ist

Die Idee, neue Beziehungs- und Liebesformen, also “freie Liebe” auszuprobieren, gibt es nicht erst seit der Hippie-Zeit, auch in den freiheitsliebenden 1920er Jahren fanden sich erste Ansätze dazu. Besonders in linken und linksliberalen Zusammenhängen gibt es Anhänger von neuen Beziehungsformen. Die bürgerliche Ehe wird als Zwangskonstrukt verstanden, das der Entfaltung des Individuums und der Liebe entgegensteht. Wahrlich wird kaum jemand bestreiten, dass eine Ehe früher wenig mit Liebe, aber viel mit Besitz, Bürgerlichkeit und vor allem patriarchaler Ordnung zu tun hatte. Auch heute noch begünstigt ein Trauschein vor allem jene Lebensmodelle, die euphemistisch “traditionell” genannt werden, in Wirklichkeit aber vor allem den Männern dienen: Klassische Versorgerehe, sie bleibt daheim und kümmert sich um Haushalt und Kinder und wenn er sie nach ein paar Jahren gegen ein jüngeres Modell austauscht, hat sie Pech gehabt.

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Incels: Der Hass der zurückgewiesenen Männer

Alek Minassian, der Attentäter von Toronto, der 15 Menschen ermordete, darunter vor allem Frauen, wurde von Frauenhass getrieben. Ein Facebook-Post, den er kurz vor seiner Tat absetzte, zeigt, dass er sich als ein »Incel« betrachtete. »Incel« ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus dem Englischen »Involuntary« und »Celibate« – zu Deutsch: »Unfreiwillig zölibatär.«

Am Montag, den 23.04.2018, lenkte Alek Minassian einen weißen Kleintransporter auf die Gehsteige der Innenstadt von Toronto. Auf einer Länge von 2,2 Kilometern überfuhr er Passanten und zielte dabei vor allem auf Frauen. Zehn Menschen wurden getötet, 15 weitere verletzt. Zuvor äußerte er sich auf Facebook zu den Umständen seiner Tat.

»The incel Rebellion has already begun! We will overthrow all the Chads and Stacys! All hail the Supreme Gentleman Elliot Rodger!« zu Deutsch : »Die Rebellion der unfreiwillig Zölibatären hat begonnen. Wir werden die Chads [bei Frauen erfolgreiche Männer] und Stacys [Frauen] niederringen. Heil dem überlegenen Gentleman Eliott Rodger!« – eine wirre, von Frauenhass triefende Nachricht, die einen Frauenmörder zum Helden erhebt. Wer aber sind diese Incels?

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“Down girl” – die Logik der Misogynie

“Misogynie” ist ein sperriges Wort. In “Two and a half men” machen sie sich darüber lustig. Es ist Griechisch und bedeutet “Frauenhass”. Die amerikanische Philosophin und Autorin Kate Manne hat sich mit der Logik von Misogynie beschäftigt. “Down Girl: The logic of misogyny”, erschienen bei Oxford Press, analysiert, was Misogynie ist – und warum sie gegenwärtig sogar erstarkt.

Misogynie ist nicht der Hass gegen alle Frauen. Wenn Frauen sich im Patriarchat angepasst verhalten, gibt es gar keinen Grund für Männer sie zu hassen. Sie sind nützlich und machen den Männern das Leben angenehm, ihre Leistung ermöglicht überhaupt erst das Zusammenleben in einer neoliberalen und kapitalistischen Gesellschaft. In ihrer Nutzbarkeit liegt aber auch die Wurzel des Frauenhasses. Dieser richtet sich explizit gegen jene Frauen, die gegen die patriarchale Werteordnung und die eigene Ausbeutung aufbegehren. Im Patriarchat sind nur Männer Menschen, wenn Frauen als Menschen wahrgenommen werden wollen, fühlen sich Männer angegriffen, das hat schon Simone de Beauvoir festgestellt. Das erklärt auch, warum sich zum Beispiel Trolle im Internet an Frauen abarbeiten, die sie gar nicht kennen, sie haben das Gefühl, dass das widerständige Verhalten der Frauen ein Angriff auf sie selbst ist.

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Die älteste Unterdrückung der Welt

Der 8. März ist traditionell der Tag im Jahr, an dem eine Bestandsaufnahme zum Thema Frauenrechte erfolgt. Misstände werden beklagt, Erfolge betont und Maßnahmen eingefordert. Bis – ja, bis zum nächsten Jahr. Zwischendrin bleibt alles, wie es ist. Leider stimmt das so nicht. Es ist eine trügerische Annahme, zu glauben, das, was wir als Erfolg empfinden, bliebe uns erhalten. Frauenrechte – Frauenfreiheit – Frauenfrieden – haben wir doch längst. Wozu noch Feminismus? Gerade macht eine Frauenbeauftragte von sich reden, weil sie unsere Nationalhymne entmänlichen möchte. Haben wir keine größeren Sorgen, heißt es da. Von deutschem Kulturgut wird gefaselt, und davon, dass wir Frauen ja immer mitgemeint sind. Sind wir nicht. Unser Denken, unsere Sprache, unsere Gesellschaft rotieren um den Mann. Er ist die Norm, wir sind die Abweichung. Subjekt, Verb, Objekt, Mann bestimmt die Frau, diese von Catharine MacKinnon aufgestellte Gleichung gilt noch immer und durchdringt jeden Teil unseres Alltags. Im Patriarchat haben Frauen keine Rechte. Sie haben Zugeständnisse auf Widerruf.

Es war Catharine MacKinnon, die mich zur Feministin machte. An der Universität stieß ich auf ihren grandiosen Text “Toward a feminist theory of the State”. Er ließ mich verstehen, dass das, was mir als Frau geschieht, keine individuelle Angelegenheit ist, sondern eine gesellschaftliche, eine öffentliche. Es wird den Frauen nur immer eingeredet, dass es an uns liegt. Es liegt an uns, dass wir weniger verdienen als unsere männlichen Kollegen – wir verhandeln schlecht. Es liegt an uns, dass wir sexueller Belästigung und Gewalt ausgesetzt sind – wir setzen die falschen Signale und inszenieren uns als Opfer. Es liegt an uns, dass man uns weniger Autorität zumisst – wir verkaufen uns falsch. Es liegt auch an uns, so heißt es, dass der Feminismus nicht vorankommt. Wir lassen den Männern nicht genug Männlichkeit. Wir laden sie nicht genug ein. Dass viele Männer schlicht wenig Lust darauf haben, auf ihre angeborenen Privilegien zu verzichten, darüber wird geschwiegen.

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Der Traum von Freiheit: “10 unbekümmerte Anarchistinnen”

Es geht ihnen nicht schlecht, den 10 Frauen aus dem Schweizer Jura. Die Uhrenindustrie boomt, der Schnee ist weiß und Milch gibt es eigentlich immer. Doch als 1872 der Anarchistenkongress in ihrer Heimatstadt Saint-Imier tagt und sie Bakunins Reden lauschen, regt sich in den Frauen im Alter zwischen 10 und 31 ein Freiheitsdrang, der nicht mehr zu zähmen ist. Hinaus in die Welt möchten sie frei sein, ohne Herrschaft und fassen einen mutigen Plan: Sie wandern nach Patagonien aus. Ihre einzige Versicherung sind die Uhrenzwiebeln, die sie mitnehmen. Zwei von ihnen reisen voraus, wollen ihre Liebe zueinander frei lieben und finden einen gewaltsamen Tod.

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Eine von uns: “Oh, Simone!” von Julia Korbik

Über Simone de Beauvoir wird viel gestritten unter Feministinnen. Manche sagen, sie sei überholt, andere, sie sei “mütterfeindlich”. Alice Schwarzer begegnete Simone de Beauvoir ab 1970 immer wieder und setzte der französischen Feministin und Vordenkerin in vielen Texten ein Denkmal, trotzdem gerät Simone de Beauvoir immer wieder in Vergessenheit. Aktuell ist mit “Oh, Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten” eine neue Simone de Beauvoir Biografie von Julia Korbik im Rowohlt Verlag erschienen und gehört zu den aktuellen Highlights feministischer Literatur.

Mit viel Hingabe und Mut hat sich Julia Korbik auf Spurensuche nach Simone de Beauvoir begeben, besonders gut gefallen hat mir die Karte von Paris am Anfang des Buches, in der verschiedene Orte, an denen Simone de Beauvoir gewirkt und gelebt hat, eingezeichnet sind, etwa Simones erstes eigenes Zimmer in der Avenue Deufert-Rochereau Nr. 91, wobei natürlich sofort Virgina Woolf vor Augen tritt, die verlangte, jede Frau müsse einen “room of her own”, einen Raum nur für sich haben.

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Unsere Störenfrieda des Monats: Louise Arner Boyd

Man nannte sie die “Diana der Arktis” oder die “Eisköigin”, andere abwertend “Mrs. Satan.” Louise Arner Boyd unternahm mehrere Expeditionen in die Arktis, eine davon, um den verschollenen Polarforscher Roald Amundsen zu suchen und überflog 1955 als erste Frau – im Alter von 68 Jahren – den Nordpol. Obwohl ihr Wissen über die Arktis das ihrer männlichen Zeitgenossen aus dem “Goldenen Zeitalter” der Polarforschung weit überragte, ist sie heute nahezu in Vergessenheit geraten, in ihrer Heimat Kalifornien erinnert weder eine Statue noch ein Museum an sie.

Louise Arner Boyd wurde am 16. September 1887 als Tochter eines reichen Minenbesitzers in Kalifornien geboren und lebte das privilegierte Leben einer Tochter aus gutem Hause. Als ihre beiden Brüder früh verstarben und ihr Vater krank wurde, stieg sie in das Familienunternehmen ein – und wurde aufgrund ihres Verhandlungsgeschicks bald gefürchtet. Schon bald erlebte sie, welche Grenzen man ihr wegen des Umstands eine Frau zu sein, aufzwingen wollte. Ihr Leben lang weigerte sie sich, diese Grenzen zu akzeptieren.

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