Alle Artikel von Mira Sigel

„Ein sauberer, gut beleuchteter Raum“: Future Sex – die sexuelle Zukunft der Frauen

Emily Witt ist Journalistin, sie schreibt unter anderem für die New York Times und den New Yorker. Sie hat sich mit ihrem ersten Buch eine ehrgeizige Aufgabe vorgenommen: sie will den zukünftigen Sex insbesondere der Frauen untersuchen.

Das Cover von „Future Sex: Wie wir heute lieben – ein Selbstversuch“ kommt seltsam reißerisch daher, auch wenn der Verlag Suhrkamp Nova bereits erahnen lässt, dass mehr dahinter steckt. Emily Witt wird ihrer Aufgabe gerecht. Mit großem literarischen Geschick beschreibt sie ihre eigene Suche nach Antworten auf die Fragen: Was für einen Sex will ich und was bestimmt ihn?

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Wir sind nicht Burka. Wir sind Puff #Leitkultur

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Ich will mit diesem Text zu einer Diskussion einladen. Einer Diskussion über Machokultur. Wer sich seiner patriarchalen Privilegien sicher ist, ist stark. Das deutsche Patriarchat ist sehr erfolgreich, deshalb finden wir, Menschen aus anderen Ländern sollten ganz dringend etwas darüber lernen, wenn sie zu uns kommen. Ich möchte das Wort Patriarchat mit 10 Thesen von seinem negativen Beigeschmack befreien und seine ganze Großartigkeit aufzeigen:

Wir sind eine Leistungsgesellschaft, aber die Leistung einer Frau ist immer weniger wert als die eines Mannes

Wir sind Weltmeister im Leisten. Wir leisten, leisten, leisten. Doch wenn zwei das gleiche leisten ist es noch lange nicht dasselbe. Frauen leisten zwar mehr als Männer, denn sie erledigen fast die ganze unbezahlte Care-Arbeit und auch bei der bezahlten sind es 80 Prozent, das heißt aber noch lange nicht, dass Frauen hier auch das gleiche verdienen wie Männer. 50 Prozent aller Alleinerziehenden, von denen 90 Prozent Frauen sind, leben von Hartz IV. Frauen sind überproportional oft von Altersarmut betroffen. Wir könnten da zwar was dran ändern, aber ganz ehrlich – es sind doch nur Frauen.

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Wo Mut die Seele trägt – Wir Frauen in Afghanistan

Als Nahid Shahalimi in den 1970er Jahren in Kabul auf die Welt kam, herrschte dort das „Goldene Zeitalter“: Mädchen studierten, arbeiteten und bewegten sich frei. Die 1980er Jahre veränderten alles und sie floh mit 12 Jahren aus Afghanistan, studierte in Kanada und lebt heute in Deutschland. Ihre Heimat Afghanistan konnte sie dennoch nicht vergessen und so reiste sie fast drei Jahre lang durch das zerissene Land auf der Suche nach den Frauen. Sie fand sie und hat mit ihrem Buch „Wo Mut die Seele trägt – Wir Frauen in Afghanistan“, erschienen beim Elisabeth Sandmann Verlag, ein einzigartiges und tief berührendes Dokument über sehr unterschiedliche Frauen in Afghanistan geschaffen, die jeden Tag unerschrocken gegen Unterdrückung, Krieg, Terror und Chaos kämpfen.

„Dieses Buch möchte ein neues Licht auf die Persönlichkeiten einiger afghanischer Frauen und ihrer Situationen werfen, vor allem aber möchte es die andere Seite des mitunter so einseitigen Opferbildes zeigen, das so oft in den Medien gezeichnet wird. Unglaubliche Widerstandskraft, große Leistungen und noch größere Träume sind die Kräfte, die bei jeder einzelnen dieser afghanischen Frauen durchscheinen. Sie alle sagen: Wir wollen Afghanistan nicht verlassen. Es ist unsere Heimat, und wir werden das Land gemeinsam gestärkt wieder aufbauen.“

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Warum wir radikalen Feminismus brauchen

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Es ist Tag 1 nach dem Frauentag 2017 und die Bilanz fällt vernichtend aus. Allerorten wurde an Frauenkämpfe gedacht, die Frauen selbst aber waren auffällig unsichtbar. Die Frau des kanadischen Premierministers fand, der Frauentag sei eine tolle Gelegenheit, die Männer hochleben zu lassen, die taz brachte es fertig, eine komplette Titelseite zum Thema Frauentag ohne das Wort „Frauen“ zu bringen, die Frankfurter Rundschau veröffentlichte heute einen Artikel, in dem es hieß „Menschsein bedeutet schwanger werden zu können. Menschsein bedeutet vergewaltigt werden zu können“ und auch ansonsten blieb es wie jedes Jahr bei den üblichen Lippenbekenntnissen und Nelken zum Frauentag. Ausnahme waren einige mutige Abolitionistinnen weltweit, die es – gegen erheblichen Widerstand – schafften, die Themen Prostitutions- und Pornokritik als feministische Themen zu verteidigen und in das öffentliche Bewusstsein zu bringen. Das Feministische Netzwerk, das sich als großes Bündnis Deutschlands zum Frauentag positioniert hatte, verwehrte es ohne Erklärung der einzigen feministischen Partei DIE FRAUEN Deutschlands, Teil des Bündnisses zu werden, hatte aber bei den Vertretern der Prostitutionslobby keinerlei Schwierigkeiten, diese aufzulisten. Was ist los im Feminismus, den doch alle gerade so dringend brauchen?

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Von Opfern, Tätern und Erlebenden: Liebe Mithu

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Liebe Mithu,

als dein Buch „Vergewaltigung“ erschien, las ich erst die Leseproben und dann das ganze Buch. Viele deiner Aussagen fand ich in ihrer akademischen Distanz zynisch, aber angesichts des aktuellen Trends im gesellschaftlich konformen Feminismus, der alles zu einer individuellen Erfahrung und Einstellungssache macht, eben auch nicht weiter verwunderlich. Als dann aber eine Zeitung nach der anderen und schließlich sogar der Deutschlandfunk nicht nur das Buch, sondern auch deine Vorschläge bei der taz belobten und als Wendepunkt in der Debatte zu Vergewaltigung beschrieben, war mir und vielen anderen klar, dass wir handeln müssen.

Du stehst in der Öffentlichkeit. Du wirst als Expertin zum Thema Vergewaltigung eingeladen und verdienst Geld an dieser Debatte. Du hast also zumindest eine moralische Verantwortung, der du, nicht nur meiner Einschätzung nach, nicht nachkommst, wenn du nicht mehr von Opfern und Tätern sprechen möchtest und anzweifelst, die meisten Täter sexueller Gewalt seien männlich. Natürlich kann man ganz viel dekonstruieren und von anderen Seiten beleuchten und genau das machen Kulturwissenschaftler auch. Wenn dann aber vor lauter Dekonstruktion am Ende nur das persönliche Erlebnis übrig bleibt und die gesellschaftlichen Strukturen völlig verschwinden, dann kann man das vielleicht im Zusammenhang mit einem Drogentrip machen, nicht aber bei einem Verbrechen, das jede dritte Frau in Europa betrifft, und dessen Täter so gut wie immer straffrei ausgehen.

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Das neue, alte Recht der Väter

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Unbemerkt von fast allen, die es nicht betrifft, findet in Deutschland eine bemerkenswerte Entwicklung statt, die das alte Recht der Väter neu installiert. Still und leise wird den veränderten Geschlechterrollen Rechnung getragen und werden alte männliche Privilegien durch die Hintertür neu bekräftigt. Patriarchat, das heißt nicht „Herrschaft der Männer“, sondern „Herrschaft der Väter“. Das Recht des Vaters an seinem Kind ist eine der Wurzeln weiblicher Unterdrückung, heute wie damals. Die Mittel seiner Ausübung mögen sich ändern, sein Anspruch aber bleibt bestehen.

Die drei Grundfesten patriarchaler Herrschaft: Recht am Besitz, Recht an der Frau, Recht am Kind

Sowohl Gerda Lerner, als auch Marilyn French und Mary Daly, genauso wie die matrifokale Forschung, bestimmen den Anfang patriarchaler Herrschaft etwa in das vierte Jahrtausend vor Christus, in den Übergang von Gartenbau/Jäger und Sammler in den Ackerbau und die Viehzucht und das Entstehen einer männlichen Kriegerklasse. Besitz wurde auf einmal wichtig, musste verteidigt und vor allem innerhalb der Familie weitergegeben werden. Jungfräulichkeit wurde zu einer Tugend erklärt, Untreue in der Ehe zu einem Verbrechen, auf das für die Frau nicht selten der Tod stand, ebenso wie auf den Kindermord. „Pater semper incertus est“ heißt es, der Vater ist immer ungewiss, bis zum Auftauchen der DNA-Test in jüngster Vergangenheit, also muss der Vater alle Hebel in Bewegung setzen, um sicher zu gehen, dass er seinen Besitz auch wirklich an die eigenen Nachkommen vererbt. Jungfräulichkeit und Treue sind zwei Schlüssel dazu, der dritte ist, dass die Kinder immer zur Familie des Vaters gehören, nie zu der der Frau. Diese drei Merkmale kennzeichnen alle patriarchalen Gesellschaften. Das Recht an der Frau wird von den Patriarchen zugewiesen, nicht jeder Mann hat Anspruch auf eine Frau, dieser wird wiederum von den meist älteren, mächtigen Männern zugewiesen, so dass sich Gefolgschaften und Treue herausbilden. Ein armer, statusloser Mann wird aus diesem Grund auch eher keine Frau finden, in früheren Zeiten war ihm das Heiraten sogar verboten. Frauen werden zu einer Ressource, um die und für die gekämpft wird und die im Zweifelsfall einfach gefangen genommen werden (der sogenannte „Frauenraub“ ist ein patriarchaler Begriff, der die Frau zur Sache erklärt).

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Unsere Störenfrieda des Monats: Lillian Hellman

By Lynn Gilbert (Own work) (CC BY-SA 4.0) http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0

Lillian Hellmann war Schriftstellerin, Journalistin, Aktivistin und Drehbuchautorin. Sie stammte aus einer deutsch-jüdischen Arbeiterfamilie. Lillian Hellman war eine der bedeutendsten Theaterschriftstellerinen der USA. Mutig und voller Gefühl beschrieb sie die Zustände ihrer Zeit. 1934 wurde das Theaterstück „The Children’s Hour“ uraufgeführt, in dem es um die lesbische Liebe zweier Lehrerinnen ging, ein großartiges Stück lesbischer Weltliteratur. Als Hollywood das Stück 1936mit Audrey Hepburn und James Garner verfilmte, traute es sich an das Thema nicht heran und machte daraus eine heterosexuelle Dreiecksbeziehung. Lillian galt als Rebellin, stolz, stur, widerständisch, kompromisslos.

„Unjust. How many times I’ve used that word, scolded myself with it. All I mean by it now is that I don’t have the final courage to say that I refuse to preside over violations against myself, and to hell with justice.“ (Lillian Hellman)

Mit 14 lief sie von zu Hause weg, mit 15 versetzte sie den Familienschmuck, um sich Bücher kaufen zu können. Sie heiratete den Schriftsteller Arthur Kober, von dem sie sich kurz darauf wieder scheiden ließ. Als Reporterin berichtete sie aus dem Spanischen Bürgerkrieg und begegnete Ernest Hemingway, mit dem sie einige Zeit verbrachte. Bis zu seinem Tod in den 1960er Jahren führte sie eine Beziehung mit dem Schriftsteller Dashiell Hammett. Lillian Hellman war eine Bürgerechtsaktivistin, ihrer Klage ist es zu verdanken, dass die Mitschnitte von Präsident Nixon als öffentlich galten.

„There are people who eat the earth and eat all the people on it like in the Bible with the locusts. And other people who stand around and watch them eat.“ (Lillian Hellman)

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Pornos sind Hassrede: Warum wir nicht länger wegschauen dürfen!

Vor kurzem hat Pornhub seine Statistiken für das Jahr 2016 veröffentlicht. 23 Milliarden Besucher hatte die Seite im vergangengen Jahr, 91 Milliarden Videos wurden angeschaut. Deutschland liegt mit seiner Nutzerdichte nur noch auf Platz 7, was zunächst erfreulich klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als blanker Hohn gegenüber den Opfern sexueller Gewalt: Auf Platz 1 der am häufigsten gesuchten „Pornostars“ (so nennt es Pornhub selbst) liegt Gina-Lisa Lohfink, die im vergangenen Jahr erst einen Prozess gegen zwei Männer verlor, die sie gegen ihren Willen beim Sex filmten und das Video hochluden. Gina-Lisa Lohfink zeigte die Männer wegen Vergewaltigung an, die beiden wurden nicht nur freigesprochen, sondern Gina-Lisa Lohfink wurde parallel dazu in einem demütigenden Prozess zu einer hohen Strafanzahlung wegen einer Falschbeschuldigung verurteilt.

Zu den weltweit am häufigsten gesuchten Suchbegriffen gehören „Teen“ – also Filme, in denen die Darstellerinnen absichtlich auf ein minderjähriges Aussehen getrimmt werden, „Step Sister“, in dem inzestuöser bis erzwungener Sex unter Geschwistern dargestellt wird, sowie „Japanese“ und „Ebony“. Die beiden letzten Kategorien zeigen DarstellerInnen entlang ihrer Hautfarbe an, japanische Frauen gelten als besonders unterwürfig, schwarze Frauen als „wild“ und werden dementsprechend „rau“ behandelt. Alles beim Alten also in der Pornowelt: Sie ist rassistisch und verharmlost sexuelle Gewalt. Die Kritik daran ist nicht neu.

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Frauen rufen am Frauentag weltweit zum Streik auf

Sie haben eine lange Tradition: Frauenstreiks. Bereits in der antiken Erzählung Lysistrata treten Frauen in den Sex- und Gebärstreik und veränderten so die Geschicke der Stadtstaaten Athen und Sparta. Im 19. Jahrhunderten streikten Frauen im Rahmen der Arbeitskämpfe wie 1893 in Wien, aber auch gegen zu hohe Butterpreise wie 1952 in Baden Württemberg. Frauenarbeit wird schlecht bezahlt und wenig anerkannt, daran haben auch fast 100 Jahre Frauenwahlrecht nichts ändern können – was liegt da näher, als mit einem Streik deutlich zu machen, dass ohne Frauen gar nichts geht – eine Methode mit langer Tradition:
1970 streikten Frauen in den USA für politische Rechte, die Gleichstellung der Frau, das Recht auf Abtreibung und gleiche Bezahlung. 20.000 Frauen protestierten in New York – kein Vergleich zum Protest der isländischen Frauen am 24. Oktober 1975: 90 Prozent der isländischen Frauen streikten an diesem Tag gegen ungerechte Bezahlung und Diskriminierung am Arbeitsplatz. Sie brachten das Land damit zum Stillstand: Väter mussten ihre Kinder mit zur Arbeit nehmen, Geschäfte blieben geschlossen, das öffentliche Leben kam zum Erliegen. Der Effekt war deutlich: Nur ein Jahr später wurde ein Gesetz erlassen, dass die Benachteiligung von Frauen am Arbeitsplatz verbot. 1991 streikten eine halbe Million Schweizer Frauen unter dem Motto: „Wenn frau es will, steht alles still“ gegen die anhaltende Benachteiligung von Frauen.

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„Wenn wir für jene am Rand der Gesellschaft eintreten, sind wir alle stärker“ – ein Interview mit Jessica vom Women’s March Heidelberg

Mira Sigel führte ein Interview mit einer Organisatorin des Women’s March in Heidelberg.
Vielen herzlichen Dank an Jessica und ihr Team für ihr Engagement und für das Interview.

Mira: Hallo Jessica, du und eine Gruppe anderer Frauen habt den Women’s March in Heidelberg organisiert. Kannst du uns mehr über die Frauen erzählen, die hinter dem Women’s March Heidelberg stecken?

Jessica: Hi Mira, der Heidelberger Women’s March wurde von ein einer Kerngruppe aus 8 Frauen organisiert. Wir haben uns zusammengefunden, nachdem ich einem Post veröffentlicht hatte, in dem ich Leute dazu aufrief, einen Marsch in einem Pantsuit Forum auf Facebook zu organisieren. Wir sind alle amerikanische Statatsbürgerinnen (mit Ausnahme einer binationalen Deutsch-Amerikanerin). Zusammengeschlossen haben wir uns, weil wir merkten, dass es notwendig ist, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen, nachdem wir diverse Organisationen vergeblich kontaktiert hatten. Keine von uns hatte Erfahrung darin, einen Marsch oder ein vergleichbares Event dieser Größe zu organisieren. Wir engagieren uns alle in verschiedener Weise im sozialen Aktivismus, haben aber noch nie so etwas Großes gestaltet. Wir haben alle unterschiedliche berufliche Hintergründe – Akademikerinnen, Geschäftsfrauen, sind in Elternschaft, Unternehmerinnen, Juristinnen, Übersetzerinnen und Lehrerinnen. Es gibt keine Hierarchien in unserer Gruppe, keine Anführerin oder Vorsitzende – wir alle arbeiten als Gleichberechtigte zusammen, indem jede ihre Stärken einbringt. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich ein Team (aller Geschlechter) in vollkommener Einheit erlebe. Es gibt keine Konkurrenz, keine Streits, keine emotionalen Verletzungen, sondern absoluten Respekt und Unterstützung untereinander. Ich bin so glücklich darüber, dass ich eine solch unglaubliche Gruppe gefunden habe, mit der ich zusammen arbeite.

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