Bekenntnisse einer “TERF-Versteherin”

Feminismus Graffiti

maariaadiaaz_ via Flickr [CC BY-NC-SA 2.0]

Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen bei uns regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der oder aller Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Ein Gastbeitrag von Dorothée

Dieser Text stammt von einer Frau, einer Transfrau, noch dazu spät entdeckt intersexuell (KS – 47,XXY / 46,XY Mosaik 4) und einer bekennenden Lesbe. Das ist die eine Seite und eigentlich sind es ja schon mehrere, über die sich problemlos streiten ließe. Und er stammt von einer, die zunächst etwas gebraucht hat, bis sie sich die ihr oft als Schmähung entgegengeschleuderte “TERF-Versteherin” irgendwann zu eigen gemacht hat. Aber mal von vorne.

Ich, also die Autorin, bin 50 Jahre, weiß, weitgehend gesund und so aus verschiedenster Sicht bis heute privilegiert. Es ist aber auch so, dass ich musiziere, viel schreibe und noch mehr lese, sehr gerne mit offenem Blick reisend unterwegs bin, mich für lokale Kulturen weltweit und Sprachen interessiere und noch so viel mehr. Einen Menschen macht ja Vieles aus. Es fällt mir bis heute schwer etwas zu benennen, was mich in meiner Identität so geprägt hätte, dass ich dieser Erfahrung alles unterordnen würde. Aber ich habe natürlich auch das Gespür dafür, dass all das nicht gleichgewichtig sein kann. Und so ist mir insbesondere zuvörderst bewusst, dass ich losgelöst von meinem heutigen Leben eben fast fünf Jahrzehnte lang nolens volens männlich sozialisiert wurde; mit all den damit verbundenen aberwitzigen Privilegien, die ich keineswegs immer als Segen, sondern häufig auch als Fluch gesehen habe, aber halt doch mit diesen Privilegien. Und nein, ich bin nicht auf alles stolz, was ich aus dieser Ausgangslage stammend mir herausgenommen habe. Aber auch das wird immer Teil von mir bleiben.

Heute lebe ich vollständig als Frau, was für mich persönlich eine aufrichtige Befreiung war und ist, aus sehr vielen Gründen, von denen ich ehrlich gesagt gar nicht erst erwarte, dass sie verstanden werden wollen. Diese gewiss zwanghafte, aber dennoch bewusste Veränderung ist von den Frauen in meinem Verwandten- und Bekanntenkreis weitaus eher respektiert worden als von Männern, denen nicht selten jedes Verständnis für diesen “freiwilligen Statusverlust” fehlt. Seit meinen ersten Schritten teile ich nun etliche Erfahrungen mit anderen Frauen, meine drastisch gesunkenen Stundensätze als Selbständige etwa, oder die Selbstverständlichkeit mit der erwartet wird, dass eigene Redebeiträge auch mal wegfallen können, wo doch schon so viele Herren gesprochen haben – aber doch beiweitem nicht alle.

Ich kenne die Sorge vor den Folgen einer ungewollten Schwangerschaft nicht. Meine Angst vor Vergewaltigung ist eine gänzlich andere als die jener Menschen, die für ihr Frausein keine einschränkenden Vorsilben benötigen. Und mein Hormonspiegel ist, Wunder der Technik, unnatürlich gleichbleibend. Und das ist natürlich noch lange nicht alles. Aber was klar ist: mein Blick auf ein Leben als Frau wird immer in durchaus entscheidenen Bereichen ein Blick von außen bleiben.

Das wird sich auch nie ändern, ich werde nie ganz ankommen. Dennoch fühle ich mich im Umfeld, in dem ich lebe, und dazu gehören zunehmend auch feministische Kreise und die Lesbenbewegung, angenommen. Auch als (sic!) Frau angenommen und aufgenommen. Das ist ein entscheidender Unterschied und es ist wichtig, dass transfrau es sich immer neuerlich bewusst macht. Wenn ich mich Frau nenne, dann nicht, weil ich ein Anrecht darauf hätte. Sondern ich darf es, bin es, weil es erstens im Einklang von Aussage und konkludentem Handeln und zweitens gemeinsam mit denen geschieht, die für sich niemals auf den Gedanken kämen, es hätte da je eine Entscheidung dafür oder dagegen gegeben. Und auch weil von allen der Ansatz geteilt wird, dass es nicht nur solidarisch, sondern schlichtweg human ist, das Gemeinsame zu betonen, wenn zugleich das Trennende respektiert wird. Dieses positive Feedback erlebe ich tagtäglich und ich bin dafür dankbar. So verstehe ich heute erst als Lesbe, wie eng die Fähigkeit, jemanden aufrichtig lieben zu können, mit der Fähigkeit sich selbst lieben zu können, zusammenhängt. Und etwas Demut ist ganz bestimmt keine Schwäche.

Doch nicht jede Transfrau kennt Demut und Dankbarkeit. Und jene, denen es nicht gelingt, prägen leider das Bild mit, das der Transaktivismus heute bietet. Macht und die Ordnung der Diskurse sind bekanntlich untrennbar, und beide sind mit Männlichkeitsritualen überprägt; auch in transaktivistischen Kreisen. Das wäre eigentlich Stoff genug für eine eigene Analyse, aber kurz und knapp heißt das, je mehr eine Transfrau den Kerl in sich noch heraushängen lässt, desto eher setzt sie sich durch. Und deswegen enden solche Versammlungen gerne in Forderungen, die man durchsetzen will und in Rechte, die man einfordert und überhaupt geht es viel um Gewinnen und Besiegen. In den internen Diskussionen werden abweichende Meinungen derweil mit allen Mitteln bekämpft, damit gar nicht erst der Eindruck entstehen kann, es hätte auch versöhnlichere Wege geben können. Und so wenden sich Gemäßigtere früher oder später ab, was die Wirkung dieser “Aktivisten” potenziert. Das ist wohl das Erbe der toxischen Männlichkeit. In jedem Fall zersetzt dieses Gift etwas, was einmal als zaghafter Versuch der Bitte um Solidarität begann.
Dieses Gift wirkt auch schon lange in die gemeinsamen Gruppen hinein, die sich nicht trans-exklusiv aufstellen. Eine Transfrau in der Lesbenfussballmannschaft ist eine Bereicherung. Sechs davon sind ein Problem. Und wer hat nicht schon feministische Veranstaltungen erlebt, die von Transfrauen geradezu dominiert wurden, teilweise bis zum Themenwechsel? Ich begrüße die Einbindung von Transfrauen, aber es darf nicht die feministische Agenda bestimmen.
Vielleicht ist es auch eine Folge, dass es einfach inzwischen viele, möglicherweise zu viele allgemein akzeptierte Motivationen für diesen Schritt gibt. Ganz ehrlich: für manche etwa ist ihr Weg zur Frau das, was früher die Fremdenlegion geleistet hätte: eine mitunter selbstverleugnende Flucht vor unangenehmen Einsichten und der Versuch eines Neuanfangs, der dann häufig ebenso scheitert.

Aber es wäre auch falsch, nun dieses Bild auf alle Transfrauen zu verallgemeinern. Genauso wie es nur wenig geholfen hat, bestimmte Klischees als “typisch trans*” zu definieren. Ich nenne hier nur die Klage, “schon immer gefangen im eigenen Körper” zu sein, die es nur deswegen zu dieser Popularität gebracht hat, weil es als Schibboleth für eine Diagnose Transsexualität in Abgrenzung zu Transvestismus galt, fleißig auswendig gelernt und häufig irgendwann selbst geglaubt. Wer ruhigere Momente für Einzelgespräche nutzt, erfährt eine große Bandbreite von Selbstzweifeln, langen Prozessen der Findung, von Rückfällen und Depressionen. Häufig Selbstmordversuche oder Missbrauchserfahrung. Kluge Unterscheidungen zwischen gender dysphoria und sex dysphoria sind diesen Menschen schlichtweg egal. All das ist genauso Realität und es kann das Herz jedes empathiefähigen Menschens schier zerreißen. Es steckt mehr als nur eine bittere Wahrheit darin, hier eine eher weibliche Herangehensweise zu erkennen. Aber es sind diese Transfrauen, die allzuschnell zum Verstummen gebracht werden. Sie sind mindestens ähnlich häufig, wenn nicht sogar in der Mehrheit, aber sie werden kaum gehört. Und ihr allgemeines Unbehagen wird durch das Unbehagen an ihren selbstermächtigt lauten Vertreter sicherlich nicht gemildert. Fremdschämen hilft ja bekanntlich auch nicht.

Was tun?

Ich weiß es nicht. Ich meine: ich weiß nicht, was wirklich hilft. Und ich will auch nichts durchsetzen, sondern zum Nachdenken anregen. Ich halte die meisten Differenzen zwischen Radikal- und Queerfeminismus für auflösbar, auch wenn die gemeinsame Synthese oft noch aussteht. Aber es gibt etwas, dass ich mir vorbereitend wünschen würde, damit es mit etwas Glück und viel gutem Willen gelingen kann. Das beginnt mit etlichen unangenehmen Einsichten auf der Seite des Queerfeminismus, insbesondere des Transaktivismus, und auch einigen Zugeständnissen auf Seiten des radikalen Feminismus.

Ich wünsche mir die ehrliche Einsicht, dass es schlichtweg eine Asymmetrie gibt in der Frage, was “Frau” definiert. Schon der Begriff Cisfrau ist, pardon, Blödsinn. Niemand käme auf die Idee, angesichts des Spezialfalls Kabinenroller das Vierräder-Auto als eigene Begrifflichkeit durchsetzen zu wollen. Es gibt Frauen. Punkt. Und es gibt Transfrauen. Transfrauen werden häufig und meist zu Recht unter Frauen subsumiert – und zwar dort, wo ihre Besonderheit das Gemeinsame nicht überwiegt. (Oft, wenngleich nicht immer, verläuft diese Grenze an der Grenze zwischen sex und gender.) Es gibt dafür aber kein individuelles Anrecht. Hier wirkt schlichtweg die Einsicht, dass wir viel gemeinsam haben und es kontraproduktiv wäre hier zu streiten. Und ich persönlich bin dankbar, dass dies noch immer so viele Frauen genau so sehen. Mitunter bedarf es halt der Solidarität aller Frauen mit den Transfrauen genauso wie umgekehrt.

Ich wünsche mir auch mehr Verständnis, dass der Slogan “pick your battles” keine Beliebigkeit evoziert. Frauenrechte betreffen eine Situation, wo eine Mehrheit von einer (mächtigeren) Minderheit in autopoetischen Strukturen unterdrückt wird.Trans*rechte gibt es auch, es sind Minderheitenrechte. Trans*rechte und Frauenrechte sind verwoben und es ist richtig und wichtig, für beide zu streiten, aber es gibt wohl nur wenige Herrschaftsstrukturen, wo die gute alte Unterscheidung von Haupt- und Nebenwiderspruch besser greift. Es wird keine wirklichen Trans*rechte geben, solange, salopp gesagt, das Recht der Frauen auf die Hälfte des Himmels nicht greifbar verwirklicht ist.

Und nicht für jeden hypothetischen Fall benötigt es eine Sonderregelung. Manchmal reicht gesunder, pragmatischer Menschenverstand und ein wohlwollendes, von respektgeprägtes Miteinander. Das gilt für alle. Ich habe bereits selber endlose, absurde Diskussionen erleben und bestreiten müssen, etwa über die gleichzeitige Nutzung von Damentoiletten durch Transfrauen und Vergewaltigungsopfern. Das sind oft so künstliche Symboldebatten, auf beiden Seiten. Ihr bestes Erkennungsmerkmal ist jener Einwand ,der gerne mit “was aber wenn nun…” beginnt. Tatsächlich gilt im Kleinen, was im Großen gilt: es gibt also etwa kein Anrecht seitens der Transfrau auf die gleichzeitige Mitnutzung, wenn dadurch ein Vergewaltigungsopfer getriggert würde. Natürlich nicht. 5 Minuten Warten sind keine Menschenrechtsverletzung und sollten in aller Regel reichen. Und es ist den Allermeisten völlig egal, wer nach ihnen pinkelt. Es geht doch so viel, wenn man in gegenseitigem Respekt will. Ist das naiv? Ich hoffe: nein.

Ich wünsche mir von den Vertretern des radikalen Feminismus ein Review der Frage, ob und wie Transfrauen in den feministischen Diskurs einzubinden sind. Diese Solidarität böte die Chance anstelle des immer mehr um sich greifenden Deplatfoming von Transaktivist*innen (und umgekehrt) auch die leiseren, gemäßigten Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Es würde solche auch in ihrer Community stärken. Aber vor allem könnte ihre Erfahrung durchaus lehrreich sein. Denn sie sind weniger Vertreter des Patriachats als Zeit- und Augenzeuginnen mit dereinst privilegiertem Blickwinkel. Sie kennen Sexismus und Misogynie aus eigener Erfahrung, aber auch die Binnensicht auf die Strukturen, die sie reproduzieren. Im Zweifelsfalle sollte es auch hier eine Einzelfallentscheidung sein.

Und schlussendlich, auch dies ein Wunsch, sollten zweifelhafte Praktiken wie bewusstes Misgendering oder Deadnaming als unfaire und vorallem wenig zweckdienliche Praktiken im internen Diskurs gebrandmarkt werden. Es verlagert die Aufmerksamkeit auf Nebenkriegsschauplätze, aber vorallem trifft es im Zweifelsfalle zu häufig die Falschen. Die nämlich, für die Akzeptanz und Respekt kein einklagbares Recht, sondern gelebte Mitmenschlichkeit sind. Für sie ist es bitter und lässt sie verstummen.Wer sich aber ohnehin im Modus “allein gegen alle” wähnt, fühlt sich dadurch eher bestätigt und wird höchstens umso glaubhafter die Märtyrerkarte ziehen.

Ja, ich bin Transfrau. Und ich bin eine Frau. Das ist meines Erachtens kein Widerspruch, wie es im Radikalfeminismus oft behauptet wird. Transexklusivität ist dort ein Fehler, wo er sich unnötig sinnvolle Allianzen verbaut und durch Ausschließeritis das uns Frauen immante Gefühl für Solidarität schwächt.

Meine Integration als Transfrau in Frauennetze ist aber auch keine logische Schlussfolgerung, wie es der Queerfeminismus oft postuliert. Denn es kann die innere Struktur von feministischen Gruppen, ihren Hilfsangeboten und nicht zuletzt den Blick von außen verfremden, stören oder gar ad absurdum führen. Und es ist eindeutig die Stärke des transexklusiven Ansatzes, auf diese Probleme hinzuweisen. Es gibt kein individuelles Recht auf Gleichstellung und es muss immer das Gesamtergebnis im Blickfeld bleiben.

Vielleicht ist der Königinnenweg ein transpartizipativer. Er schließt Transfrauen nicht aus, setzt sie aber auch nicht naiverweise gleich. Es wäre interessant, dies im Detail auszuarbeiten. Mein Blickwinkel ist ähnlich, aber nicht gleich, und dennoch, so denke ich, deswegen nicht wertlos. Vielleicht sogar gerade deswegen wertvoll; denn es gäbe ja noch viel zu sagen.

Aber nun lasst mich bitte wieder einhaken und mit euch weitermarschieren.

Danke.

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