Warum Unisex-Toiletten nicht für Frauen funktionieren

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Wer kennt sie nicht, die zahlreichen Witze über die langen Schlangen vor Frauentoiletten. Weltweit gibt es einen Trend zur Umwandlung von geschlechtssegregierten Toiletten zu gemischtgeschlechtlichen. Frauen stellen 52% der Gesamtbevölkerung, während Transpersonen weniger als 1% der Bevölkerung ausmachen. Da letztere Gruppe jedoch sehr lautstark agiert, kommt es zunehmend zu einer Zusammenlegung von Toiletten, Umkleidekabinen, …. Unter dem Deckmantel von Diversity und Inklusion werden so die Rechte von Frauen auf Privatsphäre, Würde und Sicherheit verletzt.

Gründe gegen Unisex-Toiletten

1) Frauen sind bereits jetzt dadurch benachteiligt, dass traditionell bei der Versorgung mit Toiletten im öffentlichen Raum gleiche Flächenvorgaben für Männer- und Frauentoiletten gelten, Urinale jedoch weniger Platz beanspruchen und damit mehr Toiletten in einer Männertoilette untergebracht werden können. Da Frauen keine Urinale benutzen können, Männer auf der anderen Seite nun auch die Toilettenkabinen in vormals Frauentoiletten nutzen können, erhöht sich die Wartezeit von Frauen zusätzlich.

Oft führt die Einführung von Unisex-Toiletten auch dazu, dass Männertoiletten als Männertoiletten beibehalten werden, während Frauentoiletten für alle geöffnet werden. Die neuen Regelungen erhöhen darüber hinaus auch die Wartezeiten für Menschen mit Behinderung. Menschen mit Behinderung stellen etwa 20% der Bevölkerung, oft ist es jedoch schwer überhaupt auch nur eine einzige Behindertentoilette zu finden.

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Gleichberechtigung in Zeiten von Corona – warum Frauen die Krise härter trifft

Corona ist da und noch tun sich viele damit schwer, zu akzeptieren, dass auch nach der Pandemie unsere Welt eine andere sein wird. Viele Dinge werden sich dauerhaft ändern – von unserem Reiseverhalten bis zu unserer Arbeitswelt. Gerade letztere zeigt sich aber in den vergangenen beiden Tagen gewohnt misogyn, und anscheinend stört sich niemand daran.

Kinder zu Hause – Mütter auch

Schauen wir uns eine klassische Kleinfamilie mit zwei Kindern im Schul- oder Kita-Alter an. Seit gestern sind die Schulen dicht, Eltern müssen die Betreuung ihrer Kinder selbst organisieren, die Großeltern können auch nicht helfen.

In den meisten Familien arbeitet die Frau weniger als der Mann und verdient auch entsprechend weniger. Also ist die Entscheidung klar: Er geht weiter arbeiten, sie bleibt zu Hause. Wenn man den Politikern auf den Mund schaut, dann hört man, dass Kinderbetreuung zwar Vorrang hat und man, sofern man die Kleinen wirklicht nicht einfach sich selbst überlassen kann, um seine kapitalistische Pflicht auch in Zeiten von Corona zu erfüllen, zu Hause bleiben kann, ohne Kündigung befürchten zu müssen. Na, das ist doch super, oder? Wie schön, dass wir in einem Rechtsstaat leben. Was die Lohnfortzahlung angeht, hofft man “auf großzügige und solidarische Regelungen der Unternehmer”. What?

Die aufmerksame Zeitungsleserin kratzt sich grübelnd am Kopf. Wann genau haben sich deutsche Unternehmer je “solidarisch und großzügig” verhalten? Unternehmen sind nur einem einzigen Ziel verpflichtet: Ihrem Profit. Und der ist in noch nicht abschätzbarer Weise in Gefahr.

Die Unternehmen können bislang noch nicht ermessen, wie sehr sie die Auswirkungen der Corona-Krise trifft. Bevor sie also “großzügig” beim Gehalt einer Sekretärin oder Sachbearbeiterin sind, die bei den Kiddies zu Hause bleibt, sorgen sie in allererster Linie für sich selbst, bzw. ihr Management und/oder ihre Aktionäre. Und, oh Wunder, gerade bei ersteren gibt es ein klares Männerübergewicht.

Während also die Herren zur Rettung der Welt und Profite eilen, sitzen Frauen zu Hause und bibbern darum, ihr oft schon ohnehin mageres Gehalt auch dann noch zu bekommen, wenn sie auf ihre Kinder aufpasst und möglichst nicht stattdessen die Kündigung.

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Feminismus 2020. Bestandsaufnahme anlässlich des 8. März in Berlin.

Bild- Text: „Dies ist keine Fiktion. Dies ist real. Die Freiheit der Rede für Frauen beginnt mit ihrer körperlichen Integrität, die wahr und real und ehrlich und absolut ist. Es gibt keine Ausnahmen.“
„Es gibt keine Ausnahmen für Männer, die privilegiert sind, um einzudringen. Und es gibt keine Ausnahmen für Frauen, wo gesagt wird: ‚Ach ja, das darfst Du nicht mit dieser Frau machen, aber siehst du die da drüben? Ja, das ist okay, mach es mit ihr. Die vermisst keine.‘ “ Wir vermissen sie. Wir wollen sie zurück. Andrea Dworkin, zu Pornografie und „Redefreiheit“.

Frauenbezogene Kontroversen 2020: „Wir entschuldigen uns für die Existenz anderer Meinungen“ …. zum „Frauen*kampftag“ in Berlin

Der Internationale Frauenkampftag hat eine stolze Geschichte. Er begann mit Gewalt gegen politisch aktive Frauen:

Am 8. März 1909 wurde er das erste Mal als Tag der Rechte von Arbeiterinnen und der Frauenrechte in den USA abgehalten. Organisiert hatte ihn die Socialist Party of America, die damit an den 8-tägigen Streik der Textilarbeiterinnen aus dem Jahr 1908 erinnerte, der wiederum der Streiktage von Textilarbeiterinnen aus den Jahren 1857 und 1858, ebenfalls in New York, gedachte. 1857 brach während des Streiks in der Fabrik ein Brand aus, und da die Türen und Notausgänge verschlossen waren, um eine Zusammenarbeit der Frauen mit anderen Arbeitern während des Streiks zu verhindern, starben 129 Textilarbeiterinnen im Feuer.  (1)

1910 schlug die deutsche Sozialistin Luise Zietz (2) auf dem 8. Internationalen Sozialistenkongress der Sozialistischen Internationalen (3) in Kopenhagen vor, diesen Tag grundsätzlich zum Internationalen Tag der Frau zu erklären. Die Delegierten, darunter 100 Frauen aus 17 Ländern, verpflichteten sich gleiche Rechte für Frauen und das Frauenwahlrecht zu unterstützen. Vorausgegangen war Ende August die Zweite Internationale Sozialistische Frauenkonferenz (4), auf der Clara Zetkin (5) die Einführung eines internationalen Frauentags eingebracht hatte. Am 19. März 1911 wurde der Internationale Tag der Frau erstmalig in Deutschland, Österreich, Dänemark und der Schweiz abgehalten, über 1 Million Frauen und Männer nahmen daran teil. 1913 organisierten Frauen in Russland ihren ersten internationalen Frauentag, am 8. März 1914 demonstrierten Frauen europaweit für Solidarität und Frieden, 1917 hielten wieder russische Frauen einen Tag für „Brot und Frieden“ ab.  Holland, Frankreich, Schweden und nach 1918 die damalige Tschechoslowakei zogen nach. In den 20er-Jahren gewann der Internationale Frauentag als Kampftag immer mehr an Bedeutung und es kamen Länder der ganzen Erde dazu: China, Japan, England, Finnland, Estland, Litauen, Polen, Bulgarien, Rumänien, Türkei und Iran. Zu Beginn der 30er-Jahre wurden die Internationalen Frauentage angesichts der drohenden faschistischen Gefahr ein Sammelbecken gegen den Faschismus. Unter den faschistischen Diktaturen in Europa wurde der Internationale Frauentag verboten. (6)

Die UN zog nach, als sie 1975 als das Internationale Jahr der Frau und den 8. März zum internationalen Tag der Frau (und des Friedens) ausriefen.  Der Song dazu kam von Helen Reddy: I’m a woman, hear me roar. (7)

Nun zu Berlin, Deutschland, 2020.

Da die Frauenbewegung idealerweise aus sehr vielen Frauen mit vielen verschiedenen Erfahrungen besteht, die durch ihre verschiedenen Positionen innerhalb der patriarchalen Gesellschaft sehr unterschiedliche Wahrnehmungen mitbringen und sehr verschiedene Einblicke deutlich machen können, sind Meinungsverschiedenheiten zu erwarten und vor allem zu wünschen: Wie sollte eine Bewegung alle Frauen erreichen und ihre Ziele einbinden, wie könnten wir zu echten Gemeinsamkeiten kommen, wenn es diese Kontroversen nicht gäbe? Und was bedeutet es für uns, wenn solche Kontroversen nicht engagiert, aber dennoch vernünftig ausgetragen werden können?

Die Organisator*innen des 8. März in Berlin haben in ihrem Statement nach der Demonstration befunden, dass Schilder mit Aufschriften zur Abschaffung der Prostitution und gegen die Essentialisierung von Geschlechterrollen eine schlimmere Gewalt darstellen als eine auf Frauen geworfene Glasflasche.

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Frauen aus Till Lindemanns Porno-Musikvideo erhalten Todes- und Vergewaltigungsdrohungen

Wir veröffentlichen nachfolgend ein Statement von russischen Feministinnen

Ende Februar hat der Rammstein Sänger Till Lindemann einen Porno mit russischen Frauen veröffentlicht. Aufgrund des Inhaltes wurde das Video nicht auf den regulären Social Media Kanälen des Sängers veröffentlicht, sondern auf einer Porno-Plattform. Nutzer von russischen Seiten wie “2ch” und des frauenverachtenden sozialen Netzwerkes “Männlicher Staat” (Мужское государство) haben die Identität einiger dieser Frauen enttarnt und deren Instagram-Profile, Profile auf dem russischen Netzwerk VK und sogar einige Privatadressen öffentlich verfügbar gemacht. Danach erhielten die Frauen hunderte von Nachrichten mit Beleidigungen, Todes- und Vergewaltigungsdrohungen. Bald darauf haben die meisten der Frauen ihre Online-Profile gelöscht.

Die Journalistin und Gründerin des feministischen Telegram-Kanals “Female Power”, Zalina Marshenkulova (Залина Маршенкулова) setzte sich für die Frauen in dem Video ein und erhielt daraufhin ebenfalls Beleidigungen und Drohungen. Sie erstattete Anzeige bei der Polizei und wies daraufhin, dass man sie verprügeln, vergewaltigen und mit Säure verätzen will. Zalina ist schwanger und leider angreifbar, da die russische Regierung ihr Personenschutz verweigert.

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Vom Antifeminismus der Transaktivisten

Warum warnen Radikalfeministinnen eigentlich bereits seit Jahren davor, dass die hart erkämpften Frauenräume erhalten bleiben müssen? Dass wir geschlechtersegregierte Duschen, Umkleideräume und Toiletten brauchen? Und warum Transfrauen weder in Frauenhäuser noch in Frauengefängnisse gehören?

Vielleicht weil wir den Frauenhass spüren, der uns von ihnen entgegengebracht wird? Weil sie immer und immer wieder unsere eindringlichen Warnungen bestätigen? Hier ein paar Beispiele

1) David Warfield aka Dana Rivers und die Michfest-Morde

Von 1976 bis 2015 fand jedes Jahr in Hart, Michigan das „Michigan Womyn`s Music Festival“ statt. Ein Festival selbstorganisiert von Lesben für Frauen, auf PRIVATEM GRUNDBESITZ von Lesben. Eine Errungenschaft der sogenannten zweiten Welle der Frauenbewegung.  Trotz der ausdrücklichen „Frauen geborenen als Frauen“-Ausrichtung des Festivals nahmen alljährlich auch Transfrauen am Festival teil und Lisa Vogel, eine der Gründerinnen, ausdrücklich sehr darauf bedacht, dass angesichts der vielen Butch-Frauen auf dem Festival zu deren Schutz niemand das Geschlecht einer Person in Frage stellte.

Dennoch wurde das Festival Zielscheibe von Transaktivisten, die ihr „Camp Trans“-Protestcamp vor den Toren des Festivals errichteten und die Teilnehmerinnen belästigten und emotionale Erpressung und Manipulation gegen Künstlerinnen auffuhren, sollten diese sich wagen auf dem Festival spielen. Das Ende vom Lied: Das Festival war seit 2015 erstmal (Frauen-)Geschichte. [Edit: 2020 findet glücklicherweise wieder ein Michfest statt – danke an die aufmerksame Leserin für den Hinweis]

Einer der Organisatoren und Teilnehmer des Festivals war David Warfield aka Dana Rivers. Warfield hatte als Lehrer transitioniert und in den USA landesweite Berühmtheit dadurch erlangt, dass er seinen Arbeitgeber wegen Diskriminierung verklagt hatte. Er gab Aussagen von sich wie beispielsweise, dass „Pornographie ihm geholfen habe, sein geschlechtsdeviantes Gehirn als gesund, geistig normal und erfrischend irrational verstehen zu können“. Nur kurz nach dem fragwürdigen „Erfolg“, dass Michfest in die Annalen katapultiert zu haben, ermordete Warfield/Rivers auf brutalste Weise zwei langjährige lesbische Teilnehmerinnen des Festivals: Patricia Wright und Charlotte Reed und ihr Adoptivsohn wurden verprügelt, erstochen und erschossen und anschließend verbrannt. Seitdem  sitzt Warfield/Rivers im Santa Rita Jail – angeblich im Frauenbereich – und wird statistisch als weibliche Mörderin geführt.

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Rache am Patriarchat? Oder doch nur ein leises Rauschen im Blätterwald?

Manche Dinge lassen eine einfach immer wieder ratlos zurück. Aktuell geht es mir so mit einem Protest gegen den ungeheuerlichen Vorgang eines linken Festival-Mitveranstalters, der über Jahre hinweg weibliche Festivalbesucherinnen auf der Toilette und unter die Dusche heimlich gefilmt und diese Videos auf einer Porno-Plattform, XHamster, hochgeladen hat. Der Schock bei vielen jungen Frauen, die auf der Fusion oder Monis Rache waren, sitzt zu Recht tief: „Sind auch Videos von mir online, ohne dass ich etwas darüber weiß?“, „Wie finde ich raus ob ich betroffen und damit Opfer sexueller Gewalt geworden bin?“

Dass sich also Protest regt ist völlig nachvollziehbar. Über das WIE  kann man sich offenbar aber wie immer streiten. Zum einen ist da der Demo-Aufruf selbst, der vor Inkonsistenzen nur so strotzt. Das Demo-Motto lässt das bereits erahnen, lautet es doch: Rache am Patriarchat! My body is not your porn. Still <3ing my Choice“. Der erste Teil klingt radikal und scheint sich gegen die patriachalen Strukturen zu wenden, die Frauen sexualisieren und objektifizieren. Der zweite Teil lässt allerdings bereits erahnen, dass das große aber noch folgen wird. Und die Vorahnung bestätigt sich auch im folgenden Text. Dort heißt es:

Wir werden uns nicht aus öffentlichen Räumen zurückziehen, sondern wir wollen, dass sie sich verändern, damit wir uns wohl fühlen können. Alle Menschen sollen selbst bestimmen, ob und mit wem sie Sex haben möchten. Alle Menschen sollen selber bestimmen können, ob sie mit dem eigenen Körper oder erotischen Dienstleistungen Geld verdienen wollen. Kein Mensch soll sexualisierte Gewalt erleben.“

Dass die Pornokultur AN SICH bereits Grund dafür ist, dass ALLE Frauen ständig und immer wieder im privaten und öffentlichen Raum objektifiziert werden und sexuelle Gewalt erleben, scheint bei den Initatorinnen nicht angekommen zu sein. Studien zeigen eindeutig, welchen negativen Einfluss Pornokonsum auf das Verständnis von sexueller Gewalt auf Männer UND Frauen hat. Das zum einen. Feministische Analyse, nach der Pornographie gefilmte Prostitution ist, die Frauen zu Objekten degradiert (siehe zum Beispiel von Andrea Dworkin): Fehlanzeige. Und dann auch noch das Unvermeidliche: Sexuelle Übergriffigkeit von Freiern gegenüber prostituierten Frauen, wird mal wieder nicht als solche erkannt: Dass es per definitionem sexuelle Gewalt IST, wenn sich ein Freier Zugang zum Körper einer Frau erkauft, die ohne materielle oder andere Entschädigung, diesen an ihr oder ihn ihr durchgeführten sexuellen Handlungen nicht zugestimmt hätte, wird nicht erkannt. Eine Erwähnung empirischer Erkenntnisse, dass das „wollen“ der Ausübung „erotischer Dienstleistungen“ mit statistisch relevanten Zusammenhängen auf erlebten Grenzverletzungen beruht oder aufgrund finanzieller oder anderer Zwänge erfolgt: Findet nicht statt.

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“No Man`s Land” – Interview mit Frank Turner

Das hier wird ein für mich besonderer Post. Zum einen weil ich zum ersten Mal ein Interview im Rahmen meines Musikjournalismus geführt habe, welches von vornherein auch einen feministischen Anspruch hatte und zum Crossposten hier vorgesehen war. Zum anderen weil mir die Kontroversität durchaus bewusst ist, einem Mann, in dem Fall einem männlichen Musiker Raum auf einem feministischen Blog einzuräumen. Das insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Reaktionen auf Frank Turners achtes Studioalbum von überschwänglicher Begeisterung bis zum “Mansplaining”-Vorwurf reichen. Dies auch vor dem Hintergrund, dass das Interview eigentlich erst dadurch zustande gekommen ist, dass ich Frank im August des vergangenen Jahres eine Mail schrieb, die nicht nur Lob, sondern auch Kritik enthielt (auf die er im Übrigen sehr positiv, man könnte auch sagen dankbar reagierte). Vielleicht wird es also für diesen Beitrag Kritik hageln, vielleicht aber auch nicht….

Tatsächlich war das Album ursprünglich gar nicht als Album über Frauen geplant, sondern hat sich mehr oder weniger als solches ergeben. Die entsprechenden, bereits erwähnten Reaktionen, ließen auch nicht lange auf sich warten

“Am Anfang hab ich mich gar nicht hingesetzt um Sachen speziell über Frauen zu schreiben. Eigentlich war es vielmehr so, dass ich als Songwriter normalerweise autobiographisch schreibe und ich einigermaßen gelangweilt davon war. Oder zumindest hatte ich da keine Songs mehr in Petto. Ich hielt es für eine interessante Technik mal aus der Perspektive anderer zu schreiben. Ich liebe Geschichte und unterhalte mich gerne darüber. In der Folk-Musik gibt es viel großartige Geschichte, also hab ich versucht ein paar solcher Songs zu schreiben. Nach vier oder fünf Songs stellte ich fest, dass sie alle von Frauen handelten, das war eine Art „Aha“-Moment. Es liegt offenkundig ein politischer Anspruch in der Idee, zu versuchen Geschichten zu erzählen, die noch nicht ausreichend erzählt worden sind und ich dachte mir „Ok, ich verstehe“. […] Es gab Leute, die haben mir das Album übel genommen, und ich hab gesagt „Pass auf, ich bin gut darin Alben zu schreiben. Ich könnte über meinen eigenen persönlichen Bullshit schreiben oder über Männer in der Geschichte, wenn euch das lieber ist…“.

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Das Missverständnis um die Intersektionalität – und die Konsequenzen daraus

Seit geraumer Zeit stellen wir immer wieder fest, dass das wichtige Konzept der Intersektionalität im Queer-/Liberalfeminismus in einer Art und Weise gebraucht wird, welches es in seinem ursprünglichen Sinn und Intention unbrauchbar macht. Wie so viele feministische Konzepte im Laufe der Zeit „geschrottet“ wurden, so erging es auch diesem.  

Ich konnte bisher nie so ganz greifen, was genau da schief gelaufen ist. Bis zu dieser Woche, bei einer Veranstaltung an der Uni Mainz mit der Taz- und Missy Magazin-Autorin Hengameh Yaghoobifarah. Bisher dachte ich nämlich immer, der Fehler in der Rezeption bestünde ausschließlich darin, dass Mehrfachdiskriminierungen von der Kategorie Geschlecht (im Sinne von „sex“, nicht „gender“) abgetrennt und munter aufaddiert würden. Tatsächlich habe ich jetzt verstanden, dass der Dritte Welle Feminismus einem grundlegenden Missverständnis aufgesessen ist, welches mir nun auch einige irritierende politische Aktionen aus diesen Reihen der letzten Jahre erklärt.  Aber dazu am Ende mehr.

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Was das Schicksal »Frau« bedeutet oder das Verschwinden der Amazonen

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Als die spanischen Conquistadoren vor rund 500 Jahren Südamerika durchfuhren, trafen sie an den Ufern des mächtigen Stroms durch den Urwald wehrhafte Frauen, die auf sie schossen. Sie nannten sie in Anlehnung an die griechischen Mythen Amazonen und den Fluss Amazonas.

Die Amazonen, die in den griechischen Sagen beschrieben werden, sind vermutlich Überbleibsel vorantiker matrifokaler Gruppen, die im griechischen Reich, das aus seiner Frauenfeindlichkeit keinen Hehl machte (es gab staatlich organisierte Bordelle, um die Truppen ruhig zu halten), überlebt haben, von denen wir aber heute so gut wie nichts wissen. In der Rückschau werden sie entweder dämonisiert oder sexualisiert. Das haben sie mit ihren Schwestern am Amazonas übrigens gemeinsam, letztere erlebten dann noch die ganze Brutalität der spanischen Eroberung, auch wenn mancher Zeitgenosse behauptete, die Amazonen Südamerikas seien so wild auf die stinkenden Spanier und Portugiesen gewesen, die da ihres Wegs kamen, dass sie sich quasi auf sie stürzten. Wer’s glaubt!

So weit nichts Neues. Doch was bedeutet das für uns Frauen und unser Verhältnis zum Widerstand gegen das Patriarchat? Welchen historischen Vorbildern, Heldinnen folgen wir – an welche erinnern wir uns überhaupt? Einige wenige Wissenschaftlerinnen versuchen die Geschichte der Frau – die Herstory – dem Dunkel der Geschichte zu entreißen – ein Dunkel, dass die männlichen Geschichtsschreiber nicht zufällig darüber legten. Wir sollen uns nicht erinnern, nicht daran, wie es VORHER war, also vor dem Patriarchat, damit wir uns nicht vorstellen können, dass es ein DANACH gibt.

Zu viele Widersprüche oder »Feminist Awakening«

Das ist der Grund, weshalb die Beschäftigung mit dem Feminismus für viele Frauen wie eine Art »Erweckung« ist. Auf einmal versteht man, welche Ursache all die vielen Widersprüche, die Verletzungen, die Angriffe und Zurücksetzungen des Alltags haben, die vorher keinen Sinn machten, willkürlich wirkten. Wir begreifen, dass das, was wir erleben – öffentliches Onanieren in der S-Bahn, sexistische Sprüche, tatschende Chefs, pornoschauende Freunde, Pick-Up-Artists, die Allgegenwärtigkeit von sexueller Gewalt – nicht zufällig uns passiert oder weil wir etwas falsch machen, sondern einfach, weil wir Frauen sind. Frausein, das ist ein Schicksal. Nicht natürlicherweise, oh nein, sondern weil es dazu gemacht wird.

Frauen müssen härter arbeiten, mehr aushalten, mehr leisten und leben in der ständigen Gefahr, entweder vergewaltigt oder von ihrem Lebenspartner umgebracht zu werden. Das gilt allerdings nur für die vermeintlich so gleichberechtigte »westliche« Welt, in anderen Gegenden haben Frauen sogar noch mehr zu befürchten, dafür gibt es dort keine offiziell erlaubte besteuerte Serienvergewaltigung in Form von Prostitution, sondern nur die heimliche.

Frauen, die wehrhaft sind, die sich querstellen, aufbegehren, widersprechen, sind einer größeren Gefahr ausgesetzt, angegriffen, verletzt oder sogar getötet zu werden und das überall auf der Welt. Und bevor jetzt wieder jemand einen Beleg dafür fordert, sucht auch eine der vielen Studien dazu aus, es gibt genug, der Rest ist – leider – Erfahrungswissen.

Das heißt nicht, dass die, die stillhalten, weniger gefährdet sind, ganz darwinistisch betrachtet bedeutet der Umstand, dass das Patriarchat noch immer existiert, dass Anpassung an seine Regeln die Überlebenschancen für eine Frau erhöht, Widerstand hingegen senkt. Es ist kein Zufall, dass Darwin ein Frauenfeind war und seine Theorien schon für allerlei misogynen Bullshit herhalten mussten, doch folgt man ihnen, so ergibt sich eine traurige Schlussfolgerung.

Was »Ehrenmänner« so drauf haben

Diese wurde mir klar, als ich, mich der Arbeit entziehend, die Serie »Basar des Schicksals« schaute, die auf einem realen Brand im Paris des 19. Jahrhunderts basiert. Darin wird in drastischen Szenen gezeigt, dass die Männer die durch ihre Röcke behinderten Frauen niederprügelten, um aus dem Inferno zu entkommen, die Toten waren demnach alle weiblich. Bei den Geschlechtsgenossen sorgte dieses Verhalten der »Ehrenmänner« nur für ein Schulterzucken – sind ja »nur Frauen«.

Klar, wenn ich Frauen wie Vieh oder Gegenstände betrachte, ist Gewalt oder Mord an ihnen auch kein Verbrechen.

Diese Sichtweise ist keineswegs der überschäumenden Fantasie der Serienmacherinnen geschuldet, sondern sie repräsentiert eine historische Wahrheit, die seit etwa 7000 Jahren Realität ist. Die Folgen sehen wir an der weltweiten Gewalt an Frauen, jeden Tag stirbt allein in Deutschland eine durch die Hand von Partner oder Ex-Partner.

Frauen sind »Besitz«, sie sind »minderwertig«, »anfällig«, »Gefäße«, »keine vollwertigen Menschen« (Darwin!), nicht zu ähnlich kognitiven Leistungen fähig wie Männer, »Kindern ähnlich«, »hysterisch« (ihr wisst schon wer), sie sind »austauschbar«, »Gebärmaschinen«, »Bettwärmer«.

Das ist nur ein kurzer Abriss all der Zuschreibungen, die von Philosophen (Fuck you, Aristoteles), Staatsmännern, Ärzten, Autoren (ja, auch denen der Gegenwart), Frauen gegenüber gemacht wurden.

In dem Mann Frauen das Recht absprach, vollwertige Menschen zu sein, setzte er den Wert ihres Lebens, ihrer seelischen und körperlichen Integrität herab oder löschte ihn gleich aus.

Die unsichtbaren Amazonen der Vergangenheit

Da das Patriarchat seit so vielen Jahren fortbesteht und sich als die erfolgreichste Ideologie der Menschheit erwiesen hat (es existiert seit 7000 Jahren weltweit, in fast allen Kulturen), ja, aus der »Erfolgsgeschichte Mensch« gar nicht wegzudenken ist, ist klar, dass die, die sich gegen die Unterdrückung erhoben haben, die unbekannten, unsichtbaren Amazonen, vernichtet wurden. Nicht nur das, sie wurden ausradiert aus der Geschichtee, denn wir können heute nur noch ahnen, dass es sie gab.

Es gab sie, als das Patriarchat mit der Auslöschung der Göttinnenkulte begann, als es Ehebruch (nur für die Frau) ebenso wie Abtreibung unter Strafe stellte, dem Mann das Recht gab, seine Frau zu prügeln oder bei Untreue gleich zu töten (die Römer), ihnen Besitz fortnahm und einen idiotischen Kult um Jungfräulichkeit inszenierte und Menstruationsblut ebenso diskriminierte wie alte Frauen oder jene, die »nicht zu gebrauchen« waren.

Es gab sie, wann immer Frauenrechte (ja, die echten, nicht die, die das Patriarchat uns zugesteht) bedroht oder verletzt wurden, es gab mutige Frauen, die widersprachen, sich widersetzten, ihr Leben riskierten, allein oder mit anderen. Sie alle sind verschwunden, erst ab der jüngeren Vergangenheit, mit dem Beginn der ersten Frauenbewegung, kennen wir überhaupt wieder ihre Namen.

Amazone, Angepasste, von beiden steckt in jeder von uns etwas

Doch zu was macht das uns, wenn nur die Netten, die Angepassten, die Ehefrauen, die Unterwürfigen, die Überlebenden, überlebten? Forscher wissen, dass wir erfolgreiche Überlebensstrategien genetisch direkt an unsere Kinder weitergeben. Wie viel wahrscheinlicher ist es, dass wir aus einer langen Reihe angepasster Frauen stammen, jene, deren Kinder von einem Ehemann beschützt wurden, von einem Familiennamen, von einer Herkunft? Wie sehr steckt uns die Anpassung in den Genen?

Ich schreibe das, weil ich das Gefühl kenne, dass eine empfindet, wenn sie mal wieder eine Frau sagen hört »Feminismus? Kann ich nichts mit anfangen. Wir sind doch längst gleichberechtigt. Was wollt ihr denn noch?«

Dann beißt frau sich auf die Zunge, versucht, sie nicht zu verachten, sich daran zu erinnern, dass man selbst einmal so gedacht hat (ich nicht und viele andere auch nicht, aber das tut nichts zur Sache), man nimmt sich vielleicht die Zeit, ihr etwas zu erklären, oder schweigt, weil man müde ist.

Ich bin jetzt Mitte 30. Vor zehn Jahren brannte ich für den Feminismus. Es gab keine Diskussion, in die ich mich nicht hineinstürzte. Ich rede mit meinem eigenen Vater nicht mehr, weil ich ihn als miesen Sexisten enttarnte (kann man nachlesen hier auf dem Blog). Ich kannte keine Kompromisse, wieso auch, verflucht noch mal! Wenn man erst einmal verstanden hat, was das »Schicksal Frau« bedeutet, bekommt man eine verdammte Wut, an der man entweder erstickt oder sie in Aktionismus umwandelt.

Beides macht müde. Beides sorgt für Verletzungen, dafür, dass Beziehungen, Freundschaften kaputtgehen, dass frau als »schwierig« oder »anstrengend« gilt. Man kann nicht lange an vorderster Front stehen – ich konnte es nicht – deshalb gilt mein tiefer Respekt all jenen, die es noch immer und ohne zu weichen tun. Das war keine bewusste Entscheidung. Irgendwann traf ich, ganz Mittelklasse Mitte 30, ohne nennenswerte Sorgen (nämlich ohne Ehemann), die Entscheidung, dass es sich ja doch irgendwie leben lässt im Patriarchat, dass ich mich daran einrichten, damit klar kommen kann.

Doch an dieser Stelle ist es mit dem Patriarchat wie mit dem Kapitalismus. Es kriegt jede(n) von uns. Es sei denn, man gehört zu den oberen 10.000 und sogar dann. Es gibt kein Klarkommen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Widerstand gegen das Patriarchat ist potenziell tödlich

Manchmal ist es eine Weile leichter, das zu ignorieren, wegzusehen, doch tief in sich weiß jede Frau, dass es stimmt. Und genau das ist entscheidend: Lasst uns einander nicht vorwerfen, dass sich die Anpassung über Jahrhunderte in unser Frausein geschlichen hat. Jede von uns muss überleben, das galt damals und tut es heute. Lasst uns uns selbst nicht vorhalten, dass wir nicht stark genug sind. Widerstand gegen das Patriarchat ist potenziell tödlich, manchmal schnell, manchmal schleichend, in jedem Fall kostet er uns Lebenskraft. Jede von uns hat das Recht, aus diesem Leben das Beste zu machen, was ihr das »Schicksal« Frau an Freiraum lässt. Im Patriarchat ist jede Frau, die über sich sagen kann »Ich bin frei« oder »Ich bin glücklich« ein Sieg, eine kleine Revolution. Denn: Keine von uns ist frei, solange eine Einzige von uns unterdrückt wird.

Die Amazonen sind verschwunden, ausgelöscht. Ebenso wie die lange Reihe jener Frauen, die den Männern Widerstand leisteten. Archäologische Funde lassen vermuten, dass es eine vorpatriarchale Zeit gab, in der wir Frauen ebenso groß und stark wurden wie Männer. Unsere »schwächere« Physiognomie hat man uns »angezüchtet«. Widerlich, ne? Das Wort? Aber leider zutreffend. Wir heutigen Frauen sind aller Wahrscheinlichkeit nach das Ergebnis jahrtausendelanger Zucht- und Züchtigungsversuche (die Wortähnlichkeit ist kein Zufall). Die besten Frauen, die Mann sich machen kann.

Pech nur, dass in jeder von uns eben auch noch Amazonenblut fließt, das Blut unbekannter, namenloser früher Feministinnen. Sehen wir nicht die Anpassung in der anderen. Sehen wir diesen Geist des Widerstands, der dort schlummert, sich ausruht, auf den rechten Moment wartet.

Alle Zucht hat nichts genutzt. Wir sind noch da, widerständiger als je zuvor. Feminismus ist nichts, was von außen an eine herangetragen wird. Er entsteht in jeder von uns in dem Moment, in dem wir erkennen, wie unser »Schicksal« und unser »Frausein« zusammenhängen. Wenn wir verstehen, dass die Amazone nur die andere Seite der Medaille einer Angepassten ist und umgekehrt. Alle Zucht hat nichts genutzt. Wir sind noch da, widerständiger als je zuvor. Feminismus ist nichts, was von außen an eine herangetragen wird. Er entsteht in jeder von uns in dem Moment, in dem wir erkennen, wie unser »Schicksal« und unser »Frausein« zusammenhängen. Wenn wir verstehen, dass die Amazone nur die andere Seite der Medaille einer Angepassten ist und umgekehrt.

What the actual fuck!? Ein Rant über Täter, die um eine “zweite Chance” betteln

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Als wir 2013 begannen die Morde in der Prostitution in unserem Projekt “Sexindustry Kills” zu dokumentieren, waren wir uns dessen bewusst, dass die Dokumentation der Schicksale jener Frauen, die in der Prostitution einen gewaltvollen Tod fanden ein zweischneidiges Schwert ist: Auf der einen Seite war es uns wichtig, dass diese Frauen nicht vergessen werden. Deutlich zu machen, dass sie unsere Schwestern sind, die fehlen. Zu vermitteln, dass sie Frauen mit Schicksalen, Träumen und Wünschen waren und nicht irgendwelche anonymen Frauen, die oft von der breiten Öffentlichkeit auf ihre Prostitutionstätigkeit reduziert werden. Dass sie Familien hatten und FreundInnen, die sie vermissen. Wir haben zahlreiche rührende Zuschriften erhalten, von jenen, die auch noch nach vielen Jahren an die Frauen denken, die so brutal aus unserer Mitte gerissen wurden.

Auf der anderen Seite war uns auch bewusst, dass die Dokumentation auch dazu beiträgt, die Prostitutionstätigkeit besagter Frauen weiter öffentlich zu machen. Einige dieser Frauen wollten, dass die Tatsache, wie sie Geld verdienten / zum Teil auch verdienen mussten, niemals publik wird. Nicht den Menschen, die ihnen nahe standen gegenüber und schon gar nicht einer großen Öffentlichkeit. Wir versuchen, dieses leider oft nicht aufzulösende Spannungsfeld damit zu mindern, indem wir den Auftritt so neutral wie möglich gestalten

Keinerlei Skrupel hatten wir jedoch jemals gegenüber der Benennung der Täter. Jener Männer – zumeist Freier – die die verdammte Verantwortung dafür tragen, dass diese Frauen nicht mehr leben. Was wir nicht für möglich gehalten hätten: Dass diese Typen tatsächlich die Chuzpe haben uns anzuschreiben und um Löschung ihrer Namen zu bitten winseln. Bisher haben wir diese Zuschriften immer bewusst mit Ignoranz gestraft: Unsere Aufmerksamkeit haben DIE nicht verdient. Irgendwann platzt einer jedoch die Hutschnur und deshalb lassen wir euch hier und heute an zwei solcher erbärmlichen Exemplare teilhaben.

Ein “Löschantrag” eines gewissen Tim Schüler erreichte uns bereits im Jahr 2015. Besagter Tim ermordete in den 1990er Jahren gemeinsam mit seinem Kumpel Till-Hauke Heldt zunächst einen nepalesischen Flüchtling sowie einen Bremer Kaufmann. Heldt stand auf Sadomaso, träumte von einer SM-Welt, in der er nach Lust und Laune fesseln, bestrafen und erniedrigen konnte. Er eröffnete ein Bordell in einem ehemaligen Flüchtlingsheim, in dem seit 1998 auch Yvonne Polzin prostituiert – und von Heldt schamlos ausgenutzt – wurde. „Sie hat fantastisch gearbeitet, weil sie in mich verliebt war“, sagte Heldt. Er war fasziniert von der „totalen Unterordnung bis zur Selbstaufgabe“ und behandelte sie „wie Dreck“. In seinen Augen beging Yvonne einen “Tabubruch”, als sie vor seinem Privathaus auftauchte – und seine bürgerliche Fassade mit Frau und Kindern bedrohte. Er lud sie ein zu einem “romantischen Wochenende” – in Wahrheit hatte er ihre “Beseitigung” geplant. Bereits im Vorfeld hatte er einen Handwerker einen Ofen bauen lassen, der zu Yvonnes Krematorium werden sollte. Nach dem Mord stellte sich heraus, dass besagter Ofen nicht so funktionierte, wie er sollte und hier trat unser Spezi Tim Schüler auf den Plan: Gemeinsam tüftelten die beiden, wie sie den Ofen doch noch wie gewünscht zum Laufen bringen konnten. Als dies scheiterte, beschafften die beiden Winkelschleifer, Trennscheiben, Beil und Fleischwolf. Dem Klempner, der anschließend bei der Entsorgung des Ofens helfen sollte und aufgrund des Leichengeruchs Verdacht schöpfte, erzählten sie was von “Rehfleisch”. Dieser musste sich zwei Mal an die Polizei wenden, bis diese die abenteuerliche Geschichte glaubte und Ermittlungen eingeleitet wurden. Heldt wurde zu dreimal lebenslänglich, Schüler zu 9 Jahren Haft verurteilt. Die Gesamtfreiheitsstrafe betrug 15 Jahre.

Nachfolgend dokumentieren wir Tim Schülers Löschgesuch:

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich beantrage den folgenden Artikel zu löschen: http://sexindustry-kills.de/doku.php?id=prostitutionmurders:de:yvonnepolzin
Meine Wiedereingliederung in die Gesellschaft, insbesondere in das Arbeitsleben wird erheblich beschwert.
Ein besonderes öffentliches Interesse an meiner Person, das meinen Löschungsanspruch ausnahmsweise entfallen ließe, ist nicht ersichtlich.

Mit freundlichem Gruß

Tim Schüler

Nicht nur, dass Schüler offensichtlich meint, dass wir in irgendeiner Weise uns verantwortlich fühlen müssen, damit ihm, der an drei Morden beteiligt war, seine “Wiedereingliederung in die Gesellschaft” gelingen kann, er faselt darüber hinaus noch etwas von einem Löschungsanspruch. Man will seinen Augen nicht trauen. Auch ist er so vermessen zu fordern, dass der Artikel ersatzlos gestrichen wird – und damit Yvonne aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwindet. Die Erinnerung an eine Frau, die – anders als Herr Schüler – kein Teil dieser Gesellschaft mehr ist – weil sein Kumpel Heldt entschieden hat, ihr Leben zu beenden.

Es gibt also “kein öffentliches Interesse an der Person Tim Schüler”? Nun, das sehen wir leider anders.

Hartnäckig erweist sich unser Fallbeispiel Numero 2:

Bereits vor mehr als einem halben Jahr bat ein gewisser Dirk Goldmann um die Abkürzung seines Nachnamens. Goldmann zeichnet sich gemeinsam mit seinen Kumpels verantwortlich für den brutalen Mord an Beate Fischer in Berlin im Jahr 1994. Beate, Mutter zweier Kinder, wurde von einer vierköpfigen Naziclique, darunter Goldmann, mehr als zehn Stunden brutal gefoltert, mehrfach vergewaltigt, man rasierte ihr die Haare ab und versuchte, sie zu ertränken und zu vergiften. Schließlich wurde sie durch Strangulation ermordet und nackt in einen Teppich gewickelt vor Mülltonnen entsorgt. Das Gericht verhängte lebenslange Haft für den Haupttäter Matthias F. (Nachname leider unbekannt) sowie neun und zehn Jahre Jugendstrafe für die Mittäter. Der Richter sagt in der Urteilsbegründung, die Neonazis „haben nach ihrer Wolfsmoral Sex als die Bühne ihrer Macht benutzt“. 2019 fand in Berlin anlässlich der 25 Jahre zurück liegenden Tat eine Gedenkaktion für Beate Fischer statt. Im Mai 2019 schickte uns Goldmann diesen rührseligen Text:

Weil die Tat nun also 25 Jahre zurück liegt und der werte Herr Goldmann dafür ein paar Jahre seines Lebens in Haft verbringen musste, habe er also seiner Meinung nach ein Recht auf ein “halbwegs normales Leben”, denn er führe ja jetzt ein “komplett neues Leben”. Ach so.

Nachdem diese “Bitte im Löschung / Änderung” (sic!) bei uns auf taube Ohren stieß, versuchte er es jetzt in zwei aktuellen Mails (Dezember 2019 und Januar 2020) unter einem anderen Namen. Wir dokumentieren diese hier:

Eine “2. Chance” hätte er gerne der Herr, denn er habe seine “Vergangenheit abgelegt”. Deshalb, liebe Feministinnen, “reitet” doch bitte bitte nicht so auf der Vergangenheit “rum”. Zwei Wochen später setzt er noch eins drauf:

Da ist aber jemand einem Irrtum aufgesessen: Nicht “zufälligerweise” nennen wir einen Täter mit vollem Namen, sondern ganz bewusst und intendiert. Nachdem wir ein paar Minuten über die Frage sinnierten, ob man auch “ehemaliges Opfer” werden kann, wo es doch offenbar “ehemalige Täter” gibt, waren wir für eine Sekunde ganz angetan, weil Herr Goldmann sich jetzt “mittlerweile” doch für “schwächere engagiert” und der rechten Szene den Rücken gekehrt hat. Nicht. Bitte wie? Das soll uns überzeugen? Sorry, not sorry: Nein!

Eins ist nämlich auffällig, und das macht uns am meisten wütend: Nicht mit einer einzigen Silbe erwähnt Goldmann Beate. Das hat er mit Tim Schüler gemein. Alles dreht sich ausschließlich um die Konsequenzen, die diese Taten für die Leben der Täter haben. Die Opfer finden keine Erwähnung – nicht einmal mit einer klitzekleinen Silbe. Narzissmus much!?

Das Tragische an der ganzen Sache:

Anders als Yvonne und Beate, hatten diese Typen eine Wahl bei der ganzen Angelegenheit. Niemand hat ihnen einen Mord aufgezwungen, und ihre Leben wurden nicht ausgelöscht.

Beate und Yvonne hatten mit 32 und 31 Jahren ihre Leben noch vor sich.

Ihnen gehört unser Mitgefühl.

Ihnen ganz alleine.

Kein Vergeben, kein Vergessen.