Feministische Praxis nicht nur für die, die wir mögen

Zugegeben: Als ich die Schlagzeile las, dass die Betreiberin einer Escort-Agentur und “Sexarbeiterin” Salome Balthus von der Zeitung die Welt in der sie seit einigen Monaten eine Kolumne unter dem Titel “Das Kanarienvögelchen” schrieb, gefeuert wurde, dachte ich mir “Das wurde aber auch Zeit”. War es mir doch völlig schleierhaft, warum sie diese Möglichkeit überhaupt erst bekommen hatte. Ob einer die Inhalte oder der Schreibstil einer anderen Person gefallen oder nicht, ist ja eher subjektiv und Geschmackssache.

Politisch jedoch hatte ich in mehrfacher Hinsicht ein Problem mit dem Podium, welches ihr dort geboten wurde: Zum einen halte ich es nach wie vor für unerträglich, wie viel Raum Mainstream-Medien jenen Menschen einräumen, die sich für die Erhaltung einer der patriachalsten und frauenfeindlichsten Institutionen unserer Gesellschaft, der Prostitution, stark machen – ohne gleichermaßen auch jenen Frauen in und außerhalb der Prostitution diesen Raum zuzugestehen, die Prostitution als kommerzialisierte sexuelle Gewalt empfinden und für eine Welt ohne Prostitution und Frauenverachtung kämpfen. Dem Netzwerk Ella beispielsweise kommt dieses Privileg nicht zu. Dies ist jedoch den jeweiligen Medien und einer Gesellschaft anzulasten, die natürlich lieber jenen ein Sprachrohr verleiht, welche die gegebenen Machthierarchien stärken – und eben nicht jenen, die diese in Frage stellen.

Unklar ist, ob Balthus an der Prostitution der auf ihrer Agentur-Seite angebotenen Frauen verdient. Ist dem so, dann wäre dies in meinen Augen moralisch verwerflich und nach dem von mir und uns vertretenen Nordischen Modell kriminell und strafbar. Dass sie sich, ihre Agentur und ihre “Hetären”-Kolleginen angesichts des Bewerbungsfragebogens auf der Seite offensichtlich für besonders elitär und intellektuell hält: geschenkt.

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Algerien-Aufbruch oder Salafismus

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/eb/Algiers_harbor_1899.jpg

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Seit mehreren Wochen ist Algerien erwacht. Es finden Massendemonstrationen gegen des fünfte Mandat des Präsidenten Bouteflika statt. Die Wahlen sind am 18 April geplant. Allerdings wird ein Systemwechsel gefordert, nicht nur das Ende seiner Präsidentschaft.

Abdelaziz Bouteflika befindet sich im Universitätskrankenhaus in Genf und mittlerweile hat amüsanterweise eine Algerierin eine gesetzliche Betreuung für ihn in der Schweiz beantragt, da er nicht mehr für sich selbst entscheiden können soll.

Bisher waren die Proteste friedlich, aus Angst vor davor, dass Algerien eine ähnliche Entwicklung wie Libyen oder Syrien nehmen könnte (das Ausland will an die Buletten sozusagen, an das Erdöl und an das Gasvorkommen), und aus Angst vor der Zeit des “schwarzen Jahrzehntes” in den 90er Jahren.

Ab heute beginnt ein Generalstreik in ganz Algerien. Am 08. März demonstrierten Frauen, Kinder und Männer friedlich gemeinsam, was deutlich in den Medien betont wurde. Die Ferien der Universitäten wurden gestern um eine Woche vorgezogen und beginnen ab heute, da die Studenten und Studentinnen maßgeblich an den Protesten beteiligt waren und dies weiter verhindert werden soll. An den Universitäten liegt der Frauenanteil der Studierenden übrigens auch bei über der Hälfte (in den wissenschaftlichen Studiengängen bei 54 Prozent).

Algerien ist reich an Erdöl und Erdgas, mit engen Verbindungen zu Frankreich. Wenn Algerien zerfällt,  betrifft dies Europa nochmals mehr wie Syrien und Libyen.

Im Moment wirken die Proteste einheitlich und dies wird betont gefeiert, als “ein vereintes Algerien”, dass den Aufbruch geschafft hat zu einer neuen Zeit.

Aber ist es das wirklich, vereint?

Nein, Algerien ist nicht wirklich vereint und eine Spaltung im Land bestand schon länger. Was wird also passieren wenn der gemeinsame “Feind”, Bouteflika und die “Macht/das System” (le pouvoir) besiegt sein sollten?

Es ist eine spannende Zeit. Wird dafür optiert, die Kandidatur von Bouteflika doch zu beenden, aus gesundheitlichen Gründen um die “Macht” fortführen zu können? Wer wird das Machtvakuum füllen?

Vor Allem, wie sah die Situation im Land vorher aus?. Was wird im Augenblick durch die Proteste überdeckt? Jede Thematisierung eines eventuellen internen Konflikts in Algerien wird im Moment als Gefahr gesehen, auch wenn dieser Konflikt, insbesondere die Zunahme des Salafismus, vorher ein offenes Thema war.

Viele bezeichnen Algerien seit längerer Zeit als Tschkoupistan-eine Wortmischung aus Scheiße/Idiotisch und Afghanistan. Das liegt auch an der Zunahme des religiösen Extremismus, es bezieht sich deshalb ja auf Afghanistan. Der Salafismus  nahm zu ohne nennenswerten Widerstand des Staates. Und angesichts der Auswirkung auf Frauen und zunehmende salafistische Übergriffe auf Frauen, sind die Strukturen im Hintergrund dieser Entwicklung spannend, für Frauen, für uns.

In Algier, auf den Straßen, waren 2018 mehrheitlich nur dunkel verschleierte Frauen zu sehen. Dies war noch vor wenigen Jahren nicht der Fall; es waren nur vereinzelte Frauen dunkel verschleiert. Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Geschäften die dunkle muslimische Kleidung bis hin zur Burka verkaufen. Unverschleierte Frauen sind im Straßenbild wirklich nicht mehr präsent. In der Kabylei, Heimat der Imazighen, Berber, nur wenige hundert Kilometer von der Hauptstadt Algier entfernt, zeigt sich ein völlig anderes Bild. Nur wenige Frauen tragen ein Kopftuch, und mehrheitlich werden bunte kabylische Kleider getragen.

Allerdings stellt auch das Tragen kabylischer Kleider eine Art Zwang für Frauen dar. Die eigene Identität als Imazighen muss durch die weibliche Kleidung Aufrecht erhalten werden. Männer tragen westliche Kleidung, auch wenn man sie im Winter teilweise noch Burnus tragen sieht.

Kabylen wurden durch Araber im siebten Jahrhundert besiegt, und ihre Kultur sozusagen kolonialisiert. Viele Kabylen wünschen sich immer noch häufig die Trennung des Staates von der Religion, einen “etat laic”. Der Hass auf alles arabische ist groß. Viele bezeichnen sich offen als Rassisten gegenüber Arabern.

Umgekehrt ist die Abwertung auch groß. Es wird gesagt, dass Kabylen nicht gläubig sind, da sie Alkohol trinken (was sie tun) und Wildschwein essen. In einem Museum in Algier zum Beispiel sieht man in einer Ausstellung Figuren in einem Dorf der Kabylei, wie sie Wildschwein rösten. Das ganze wird untermalt durch bestialischen Schinkengeruch, damit es auch jede/r wahrnimmt.

Männer in der Kabylei trinken tatsächlich Alkohol in Mengen (im Vergleich zu dem Rest Algeriens, und natürlich nicht alle Männer), was zwar gegen eine Islamisierung spricht, aber das knappe Familieneinkommen wird trotzdem für den Alkohol ausgegeben und den Frauen sozusagen entzogen. Frauen „dürfen“ keinen Alkohol trinken, sofern sie als einigermaßen respektabel gelten möchten. Da das Leben in dörflichen Gemeinschaften stattfindet, sind die Optionen zu anderem Handeln gering. Die soziale Kontrolle ist stark. Frauen werden im öffentlichen Raum nicht belästigt, da jeder jeden kennt. Oder um einen Bekannten zu zitieren ” Ich weiß nicht, was die Männer hier machen würden, wenn sie bei Belästigungen keine auf das Maul bekommen würden..”

Es gibt, sehr wenige, Diskotheken mit Alkoholausschank, Orte der Prostitution. Die Welt ist geteilt, Algier und die Bergregion der Kabylei. Ja, es gibt noch andere Teile Algeriens, aber die Bevölkerung lebt mehrheitlich im Norden des Landes und der Unterschied der “Welten” ist hier besonders groß.

Die Träume über eine matrifokale Kultur der BerberInnen liegen weit in der Vergangenheit, Jahrhunderte weit. Und auch die Tuareg, die dies noch eher bewahren konnten, kämpfen durch die Klimaveränderung nur noch um ihr nacktes Überleben.

Männer können, im Geheimen, trinken und prostituierte Frauen kaufen. Mädchen und Frauen suchen ihren Ausweg im Bereich Bildung. Die Studiengänge in Algerien sind mehrheitlich besetzt durch Frauen und sie erreichen auch schon vorher in viel höheren Zahlen das Äquivalent des Abiturs.

Was diese Entwicklung bringen wird, wird spannend. Jetzt schon wird von gebildeten Frauen und „Eseln“ auf der Straße (Männern) gesprochen, wenn es um diese Bildungskluft zwischen Männern und Frauen geht. Immer mehr Frauen, ob mit Kopftuch oder ohne, drücken ihre Aversion gegen Männer in den sozialen Netzwerken aus, beschimpfen Sie für sexuelle Übergriffe in Algerien und im Ausland. Die Begeisterung in den sozialen Netzwerken bei Übergriffen von Algeriern im Ausland ist immer groß…”die Affen ruinieren unseren Ruf auch noch in Europa, überall wo sie herumhängen”.

Salafistische Frauen stellen das andere Spektrum dar.

Der Organisationsgrad der religiös extremistischen Strukturen ist bemerkenswert und wird ebenso zunehmend in den sozialen Medien thematisiert.

Moscheen werden mit verschiedenen Methoden von salafistischen Imamen übernommen, die Stadtteile Draria, Hydra, Kouba etc in Algier gehören dazu. Ein Gläubiger berichtet davon, dass seine Schwester, die Kopftuch trägt, in der Moschee zum Freitagsgebet von anderen Frauen wegen ihrer Kleidung zurückgewiesen wurde, da sie nicht komplett verschleiert war und keine Burka trug.

Es wird davon gesprochen, dass Salafisten einen wahren Angriff auf Moscheen durchführen, die nicht der wahren Religionsauslegung folgen, sondern der algerischen Variante des Islam folgen.

Es wird von verschiedenen Methoden berichtet, die angewandt werden um die Kontrolle der Gesellschaft zu übernehmen, und die eigene Auslegung des Korans zu predigen. Imame berichten davon, dass ihnen zum Beispiel Geld geboten wurde, und sie schließlich mit körperlicher Gewalt bedroht wurden um Platz zu machen für Salafisten in ihren Moscheen.

Die Organisation der Salafisten ist extrem strukturiert und organisiert. Die einzelnen Teile des Landes sind in Regionen aufgeteilt, mit jeweils einem Verantwortlichen. Der Salafismus wird durch soziale Medien verbreitet und ebenso durch Fernsehkanäle, auf allen Ebenen. Professionelles Propagandamanagement sozusagen.

In den Moscheen wird eine unendliche Anzahl von Broschüren wahabistischen Inhalts verteilt. Die Broschüren werden überall ausgelegt, zwischen die ausliegenden Exemplare des Korans.

Es wird in den Broschüren zum Beispiel dazu aufgerufen nicht den Geburtstag des Propheten zu feiern, wie sonst üblich, denn dies sei eine Feierlichkeit Satans. Ebenso wird sich mit der möglichen Rocklänge von Frauenkleidern befasst, es wird verboten Musik zu hören, oder Photos zu machen. Sufismus wird auch als das Werk Satans angeprangert.

Die Beamte des algerischen Ministeriums für religiöse Angelegenheiten konfiszierten hunderttausende dieser Broschüren bei ihren Überprüfungen, die der „Reinigung“ der Moscheen von anderen Auslegungen des Islam dienen. Einige der Broschüren kommen aus Saudi- Arabien, andere haben keinen Hinweis auf die Herausgeber oder überhaupt den Ort der Druckerei.

Die Broschüren sind mittlerweile auch in Arztpraxen zu finden, in den Wartezimmern.

Die Salafisten versuchen größere Ansammlungen von Moscheen zu übernehmen. Sie bieten freiwillig ihre Hilfe an um sich leicht Zugang zu verschaffen.

Die Kabylei und der Süden des Landes wurden angeblich als Orte des Djihad gegen die Häretiker erklärt.

In einigen Orten in der Kabylei wurden die Kontrolle über Moscheen schon durch Salafisten übernommen, laut einer Quelle sind 8 von 10 Moscheen schon in der Hand der Salafisten. Die Kabylei hat die größte Konzentration von Moscheen im gesamten Land, so dass das Ministerium für religiöse Angelegenheiten nicht alle Imamstellen besetzen kann. Die Situation ist insgesamt bekannt. Kabylen selbst sagen, dass die Kabylei ein Unruheherd sei und deshalb versucht wird durch Moscheen über Religion die Kontrolle zu bekommen.

Der algerische Unabhängigkeitskrieg hatte auch seinen Ursprung in der Kabylei und die Kultur hat, wie gesagt, viele Stimmen, die Säkularismus als Staatsform fordern.

Kabylische Medien sind einfach zu lesen, da sie in der Regel in Französisch veröffentlicht werden. Arabisch ist in diesem Teil des Landes verpönt, auch wenn es jede/r spricht, wenn notwendig. Eine kulturelle Spaltung, die sich durch den Salafismus bis über die Schmerzgrenze hinaus verstärken kann.

Aber auch in der Kabylei sind die Moscheen zur Freitagspredigt voll, sehr viel voller wie vor Jahrzehnten. Die Predigten werden, netterweise, über Lautsprecher verbreitet, so dass es kein Entkommen gibt. Durch die große Anzahl der Moscheen hört man die Predigt der nächsten Moschee, wenn man sich von einer Moschee räumlich entfernt hat und diese leiser wird. Dies war wahrscheinlich der Traum eines jeden Dorfpfarrers vor Jahrzehnten-die Predigt direkt nach draußen schallen zu lassen…

Einige der Moscheen, mit unklarer Finanzierungsquelle, sind größer wie das ganze Dorf. Teilweise schürt sich Widerstand gegen neue Konstruktionen in der Bevölkerung der Kabylei. Vor kurzem wurde in einem Ort in der Kabylei mit Gewalt gedroht, sollte ein weiterer geplanter Moscheebau durchgeführt werden.

In der Kabylei wird davon berichtet, dass viele Salafisten nicht aus der Region kommen, sondern aus Algier oder Blida.

Die Kabylei und der Süden des Landes sind „sensible Orte“. Wenn der Salafismus hier weiter zunimmt, werden religiöse Konflikte geschaffen und einige gehen davon aus, dass dies geplant ist, von wem auch immer. Die Salafisten kommen nicht in den Süden oder in die Kabylei um Urlaub zu machen, so schön es dort ist, sondern verfolgen eine andere Agenda.

Vor einigen Jahren hat der Saudi-arabische Prinz Mohammed Ben Salmane in Zeitungsberichten behauptet, dass die Förderung des Wahabismus in anderen arabischen Ländern von amerikanischen und anderen Verbündeten vor Jahrzehnten gefordert wurde, um im kalten Krieg die Einflussnahme der Soviet Union auf arabische Länder zu verhindern und durch Religion selbst mehr Einfluss nehmen zu können. Eine wirklich spannende Idee, geostrategisch gedacht, vielleicht auch heute noch.

Seit einiger Zeit wird sich in Deutschland politisch und medial auf die Türkei konzentriert, aber was ist mit Saudi- Arabien angesichts der übergreifenden Einflussnahme? Ist dies nicht viel interessanter? Sollten wir nicht eher auf Saudi-Arabien achten?

Saudi-Arabien hat über Wohlfahrtsorganisationen (islamische Weltliga, Islamic Relief Organisation), schon im Kosovo, in Bosnien und in Albanien Moscheen und Imame finanziert, unter anderem.

Vorfälle im Kontext wahabitischer Gruppen gibt es seit den 90er Jahren vermehrt; hunderte von Kosovoalbanern sind dem Djihad im mittleren Osten beigetreten. In Libyen wurden salafistische Gruppierungen gegen Ghaddafi auch mit Geld überhäuft, mit Geld aus Saudi-Arabien.

2018 gab es über 100 Köpfungen in Saudi-Arabien. Eine der bekanntesten Tötungen war die der Menschenrechtsaktivistin Esra Al Ghamgam am 20 August 2018. Das Schweigen der internationalen Medien und der Politik hierzu war bemerkenswert. Es gab keinen Aufschrei, nichts.

Es gab ein paar Diskussionen in Europa auf politischer Ebene angesichts der Kriegsführung im Jemen und deutscher Waffenlieferungen an Saudi-Arabien. Das war es aber auch schon.

Wieso interessiert sich der Westen nicht wirklich für Saudi- Arabien, auch angesichts des „Überschwappens“ des Salafismus in den Westen?  Die Übernahme der Definitionsmacht des Islams mit der strengen Auslegung des Wahabismus, der alle, die dieser Auslegung nicht folgen, zu Ungläubigen erklärt ist bedenklich. Dies erinnert irgendwie an den IS, denn die Rigidität des Glaubens ist ähnlich, irgendwie.

Und natürlich, wieso interessiert sich niemand für Saudi-Arabien und die wahabistische Auslegung der Frauenrolle, die plötzlich zu einer islamischen Rolle umdefiniert wurde. War nicht die Rolle der Frau in Afghanistan so wichtig für den Westen im Kampf gegen die Taliban? Fragen über Fragen.

Man mag sich fragen, welchen Europäer sollte es interessieren, wenn Algerien im Bürgerkrieg endet. Wer interessiert sich überhaupt für Algerien, das Land der Bakterien und 2018 der Cholera? Algerien hat eine Bevölkerung von 40 Millionen Menschen, von denen schon im Augenblick viele ihre Lebenssituation als so unerträglich finden, dass sie davon träumen „Harraga“ zu machen, das heißt ihr Leben mit einem „Glücksboot“ (Glück in Bezug auf am Leben zu bleiben) zu riskieren und über das Meer nach Europa zu fahren. Die Entfernung zu Europa ist nicht wirklich unüberbrückbar, wenn man den Tod in Kauf nimmt.

Sollte es durch die Islamisierung und Spaltung der Gesellschaft zu einem Bürgerkrieg kommen, nach den Demonstrationen der letzten Wochen,  oder zu einer Situation wie im „schwarzen Jahrzehnt“ in den 90er Jahren, als Menschen durch Terror ermordet wurden und Ausgangssperre herrschte, wird der Flüchtlingsstrom ein neues Ausmaß annehmen.

Insbesondere aber Frauen werden im Patriarchat des Wahabismus zu Grunde gehen, und sich für die Anpassung durch religiöse Unterwerfung entscheiden müssen. Vielleicht schafft Algerien aber auch den Weg zu einem neuen System, dass Staat und Religion trennt, da die Angst vor einem völligen Bürgerkrieg eine wahabistische Übernahme unmöglich machen könnte. Die Angst vor der “fremden Hand” ( “la main etrangere”), den ausländischen Geheimdiensten, ist ebenso groß. Es bleibt spannend in den nächsten Wochen und Monaten.

Die Lügen meines Vaters oder: Freiheit ist ein Inside-Job


Es ist ein bisschen aus der Mode gekommen, Existenzialistin zu sein. Das liegt vermutlich daran, dass wir heute ein gewaltiges Angebot vorgefertigter Rollen haben, zwischen denen wir wählen können, ohne zu erkennen, dass aus Unterdrückung nicht Freiheit wird, sobald wir nur zwischen verschiedenen Formen der Unterdrückung wählen können.

Simone de Beauvoir schrieb nicht zufällig eines der grundlegenden Bücher der Frauenbewegung. Sie und Jean-Paul Sartre lebten ihre persönliche Freiheit auch in ihrer Beziehung zueinander, die im Nachhinein immer wieder Interpretationen unterworfen wurde, die deren Erfolg nicht am Grad der persönlichen Freiheit und des Glücks maßen, sondern sie in ihre Denkmuster einzupassen suchten. Mal war Simone de Beauvoir unzufrieden und eifersüchtig, mal hatte Sartre einen Minderwertigkeitskomplex wegen seines Aussehens und deshalb so viele Affären. Die beiden lachen wahrscheinlich bis heute darüber, dass ihre Freiheit noch in nachfolgenden Generationen nicht als Wert an sich betrachtet wird, sondern ihre fehlende Anpassung an soziale Normen als mangelnde Anpassungsleistung und damit defizitäre Persönlichkeitsleistung betrachtet wird. Dabei wird der rhetorische Fehler begangen, im Vorfeld vorauszusetzen, dass Anpassung etwas war, das die beiden jemals als sinnig und nützlich betrachtet hätten.

Revolution ist, wenn man trotzdem lacht

Sowohl Sartre als auch Beauvoir erkannten, dass man die Zusammenhänge, in denen man geboren wird, ob familiär oder gesellschaftlich, nicht ändern kann. Doch anders als viele Soziologen sahen sie diese Verhältnisse nicht als unveränderbar prägend oder auch nur als dominanten Einfluss auf den Lebensweg eines Menschen an. Jeder Mensch hat das philosophische Recht, jederzeit nach dem Leben und der Persönlichkeit zu streben, die er für sich als richtig erachtet. Er hat ein Recht, seine Existenz so zu nutzen, wie er es möchte und niemand, kein Staat, keine Eltern, keine Moral und keine Ideologie hat das Recht, ihn daran zu hindern. Alles, was dieses Recht auf die Gestaltung der eigenen Existenz einschränkt, kann niemals dem Frieden oder Freiheit dienen, da ist der Existenzialismus radikal. Doch der Existenzialismus sagt auch: Nur weil wir im Außen unfrei sind und das kritisieren, dürfen wir nicht aufhören, alle Erfahrungen zu sammeln, alles Wissen zu erfahren, und alle Dinge zu leben, die wir als für unsere Existenz als notwendig erachten. Wir müssen unsere philosophische Reise zu uns selbst antreten, damit aus der äußeren Unfreiheit keine innere Selbstunterwerfung wird. Wir allein sind es für uns selbst, die unserer Existenz einen Sinn geben, und wenn wir das nicht tun, kommen wir irgendwann an einen Punkt, in dem wir in unserem Leben keinen Sinn mehr sehen, egal, wie erfolgreich es im Außen ist. Gelingt uns diese Sinnstiftung aber, und zwar immer wieder, dann überstehen wir selbst schreckliche Erfahrungen relativ unbeschadet, wie etwa die Beobachtungen Antonovsky an Holocaust-Überlebenden zeigten, aus denen er Begriffe wie »Resilienz« und das Modell der Salutogenese ableitete. Revolution ist eben, wenn man trotzdem lacht.

Das Streben nach Glück macht frei

Nun muss man nicht unbedingt Sartre gelesen zu haben, um innere Freiheit zu erreichen. Die Persönlichkeit mancher Menschen hat so starke Triebkräfte, dass ihnen niemals einfallen würde, diese einzuschränken. So zu sein wie alle anderen, ist für sie nicht erstrebenswert, denn sie haben ein unerschütterliches Vertrauen in sich selbst. In meinem Umfeld gibt es zwei solcher Menschen, meinen Sohn und meine Schwiegermutter und das ist kein Zufall. Mein Sohn konnte ohne die Unterdrückungserfahrung korrumpierter väterlicher Autorität aufwachsen und ist deshalb für die Zuschreibungen von außen immun, so immun, dass ich daran jedes Mal verzweifle, wenn ich von ihm Anpassung »zu seinem eigenen Besten« einfordere. »Dir ist wichtiger, was die Leute denken, als dass ich glücklich bin«, sagte er einmal zu mir und erinnerte mich zugleich daran, dass ich nicht nur übergriffig handelte, sondern auch entgegen meiner eigenen Wahrheit. Männer, die Probleme mit ihrer Männlichkeit haben, reagieren auf meinen Sohn immer mit dem Wunsch, ihn autoritär zu unterdrücken, selbst, wenn sie ihn nur fünf Minuten lang kennen. Unnötig zu sagen, dass ihn das wenig beeindruckt, und er dahinter die angst- und komplexgesteuerten Motive erkennt, die eine solche Reaktion bedingen.

Meine Schwiegermutter wiederum ist der stärkste und glücklichste Mensch, den ich kenne. Sie hat schon sehr früh entschieden, dass ihr Glück nicht im Außen liegt, sondern im Inneren und auch wenn sie bisweilen etwas ungeduldig wird, wenn die Menschen, die sie liebt, nicht so schnell erkennen, was für sie richtig ist und sich vom Außen steuern lassen, so betrachtet sie das Glück eines jeden als zusätzliche Bereicherung ihres eigenen. Ihr Sohn ist der erste Mann, mit dem für mich eine tiefere Partnerschaft, die auch meine Kinder einschloss, Sinn machte, denn er kann meinem Sohn eben jenen positiven Männlichkeitsbezug vermitteln, den er braucht, und zwar unabhängig von mir. Die Freude darüber ließ mich vergessen, dass nach allen Gesetzen der bürgerlichen Moral mir ein neues familiäres Glück nicht zugestanden wurde. Neu deshalb, weil die erste Familie meiner Kinder aus mir und meiner Mutter bestand. Mir gab das die Freiheit, all das auszuprobieren oder zu erreichen, was ich jenseits des Kinderkriegens für wichtig hielt und es gab lange keinen Grund, daran etwas zu ändern, bis meine Mutter von ihren frühesten Verletzungen als Frau eingeholt wurde und nicht den Mut hatte, sie zu bearbeiten.

Deine Freiheit bedroht meine Lügen

Diese Entscheidung musste ich akzeptieren und den Weg ohne sie weitergehen, bis zu dem Tag, an dem ich meinen Mann traf. Dass die weniger reflektierten Teile meiner Familie darin endlich den Hinweis sahen, dass zu ihrer großen Erleichterung doch noch »normal« wurde, nahm ich mit Humor. Wenn es sie glücklich machte, was in meinem Leben geschah, wenn auch aus den falschen Gründen, dann war das in Ordnung. Womit ich nicht rechnete, war, dass meine Familiengründung als direkter Angriff auf jene Lügengebäude betrachtet wurde, auf denen pathologische Familiensysteme im Patriarchat eben so basieren. Revolution ist, wenn man trotzdem lacht – wer anders ist, hat zumindest unglücklich zu sein, oder Scham zu empfinden, so lautet die Verdammungsregel der bürgerlichen Gesellschaft, auf keinen Fall aber darf er die bürgerlichen Institutionen, in meinem Fall die Ehe, nutzen und sie in etwas verwandeln, das seinem inneren Streben, seiner eigenen Transzendenz entspricht. Mir war nicht klar, dass der Umstand, dass ich heiratete, die normierenden Kräfte meiner Familie auf den Plan rufen würde, die eine bürgerliche Einordnung meiner Heirat vornahmen. Anders gesagt: Meine Hochzeit ging auch sie etwas an.

Das Patriarchat schickt seine Schergen

Sie taten es in Form der Frau meines Vaters. Er schickte sie vor, weil er das Aufeinandertreffen mit meinem neuen Mann fürchtete. Sie ist nur sechs Jahre älter als ich und in einer Stepford-Wives-mäßigen Weise angepasst, dass es manchmal in eine Karikatur abgleitet, sowohl, was ihre Rolle als Frau, als auch in der Gesellschaft angeht. Selbstständiges Denken hat sie nie gelernt, auf Konflikte reagiert sie mit haltlosem Weinen, nie mit Argumenten. Obwohl mir das immer klar war, hielt ich es nie für nötig, darüber nachzudenken, was der Umstand, dass mein Vater sich so eine Frau gewählt hatte und zwar exakt zu dem Zeitpunkt in seinem Leben, als ich als fast Erwachsene auf ihn traf, mit mir zu tun haben könnte. Sein Leben hatte für mich kaum Relevanz und aus Gutmütigkeit sah ich darüber hinweg, wie seine Frau mein Leben beurteilte, immerhin war ich erwachsen und mein Glück nicht davon abhängig, was sie dachte. Dass sowohl er als auch sie meine Existenz und meine Lebensführung als beständigen Affront sahen und auf mich all das projizierten, was sie in ihrem eigenen Leben verleugneten, hatte ich übersehen und deshalb verzichtet, bewusst zu analysieren, ob ich dabei mitspielen wollte oder nicht. Um ihre Inszenierung der perfekten Familie nicht zu gefährden, musste um meine Existenz ein ganzes Gebäude aus Lügen errichtet werden, das vor allem ihn von seinen Schuldgefühlen entlastete.

Meine Stepford-Stepmum kam also in mein Zuhause und begann sofort damit, zu urteilen und alles, was in Widerspruch zu ihren Vorstellungen stand, zu verurteilen. Ich ignorierte es, weil es mir zu anstrengend war, so ein dummes Verhalten durch eine Reaktion aufzuwerten und weil ich auch erkannte, dass sie irgendwie steckengeblieben war. Mit Anfang 20 lebte ich auch meine Daddy-Issues aus, in dem ich mit älteren Männern schlief, bis ich keine Lust mehr auf alte und mäßig impotente Männer mit wehleidiger Sehnsucht nach einer zweiten Jugend mehr hatte. Sie hingegen hatte so einen geheiratet und sich selbst damit die Chance genommen, jemals etwas anderes zu sein, als die junge Unschuld. Mit 42 war das keine erfüllende Rolle mehr und es gelang ihr nicht, eine andere zu finden. Das verstand ich und hatte Verständnis für sie. Sollte sie doch reden, ich hörte einfach weg.
Doch es reichte ihr nicht mehr, dass ich schwieg. Ihr Glaubenssystem der perfekten Familie und der Beziehung zu meinem Vater war für sie längst nicht mehr so belohnend, wie noch vor ein paar Jahren, der schöne Schein war verblasst. Wenn meine Liebe echt war, konnte es ihre nicht sein. Also musste meine attackiert werden.

Von »falschen« und »richtigen« Menschen

Sie stellte mir lauter Fragen dazu, weshalb wir heirateten. Am liebsten hätte sie gehört, dass ich eine klassische Versorgerehe eingehe, jetzt, wo meine Mutter nicht mehr an meiner Seite war oder von meinem neuen Partner einen leisen Hinweis darauf bekommen, dass auch er mit mir nicht ganz einverstanden war. Mit jeder Antwort, die ihr zeigte, dass wir uns tatsächlich aus Freiheit und Liebe dazu entschlossen und dass dann auch noch meine Schwiegereltern, nach bürgerlichen Maßstäben »normal«, das voll und ganz unterstützten, demaskierte mit einem Mal die ganzen Manipulationen und Lügen, auf denen ihr Leben basierte. Da saß sie, die Stepford-Frau und sah, dass ich, die unangepasste Frau, eine, die sich die Haare abrasiert und einfach tat, was sie wollte, einen Mann gefunden hatte, der mich so liebte, wie ich bin und in meiner Freiheit niemals eine Bedrohung für seine eigene gesehen sah. Sie hingegen hatte doch alles richtig gemacht, bis zur Gestaltung ihres Äußeren und dennoch nie einen Antrag, ein weißes Kleid und eine richtige Hochzeit bekommen. Mehr noch: Das Alter warf seine Schatten voraus und mit ihm die Bedeutungslosigkeit, die das Patriarchat für Frauen bereithält.


Sie reagierte mit dem ganzen Gift, das sich in so einem Leben anhäuft. Mein Mann sei zu klein und verdiene zu wenig, ich sei zu dick und viel zu streitsüchtig und wenn ich nicht noch ein Kind bekäme, würde mich mein Mann sicher verlassen, urteilte sie in atemberaubender Geschwindigkeit. Gleichzeitig begann sie, ihm die ganzen Lügen zu erzählen, die man sich in der Familie meines Vaters so erzählte, um ihn auch gleich auf diese Geschichten einzuschwören. Nun war er aber in einer Familie aufgewachsen, die authentisch kommuniziert und reagierte immer irritierter. Es gelang ihr nicht, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Ihre Laune verschlechterte sich zusehends. Es dauerte einen Tag, bis sie sich davon so weit erholt hatte, um mich anzurufen, und diese Niederlage auszugleichen versuchte. In bester spießbürgerlicher Anmaßung erklärte sie mir, dass mein Leben zwar jetzt vielleicht ok war, aber dass es so nicht bleiben würde. Er würde mich verlassen, wir würden verarmen, die Kinder zutiefst gestört werden. Und nun holte mich mein eigenes Versäumnis ein, das Verhältnis zu meinem Vater nie aufgeräumt zu haben und ihr deshalb überhaupt die Position verschafft zu haben, solche Urteile zu fällen und sich auch noch zum Sprachrohr meines Vaters zu machen. Sie bestimmten über »richtig« oder »falsch«. Ich war »falsch« und hatte deshalb auch kein Anrecht auf ein »richtiges« Leben und eine »richtige« Hochzeit, ebenso nicht wie auf einen »richtigen« Vater.

Existenzialismus war auch die Antwort auf die Erfahrungen der NS-Zeit. Die Unterordnung unter ein großes Ganzes, ohne es kritisch zu reflektieren und die mörderische Einteilung in »richtige« und »falsche« Menschen und der Entscheidung darüber, ob sie ein Recht hatten, zu existieren, wurde als die autoritäre Wurzel des Mordens freigelegt. Die Studentenbewegung erkannte später, dass diese Wurzel auch in der BRD der 1960er und 1970er Jahre nach wie vor die Gesellschaft maßgeblich prägte – und bekämpfte sie, auf der Straße und mit theoretischer Durchdringung. Die zweite Frauenbewegung entstand in diesem Geist und analyiserte, dass die Unterdrückung der Frau mit der Beseitigung dieser Verhältnisse nicht beendet sein würde. Sie nutzten die erprobten Instrumente der Dekonstruktion von patriarchaler Herrschaft und setzte dabei vor allem auch auf eine innere Befreiung durch Gesprächskreise und das Aufschreiben und Aussprechen eigener Erfahrungen und ihrer Einordnung in die Unterdrückungserfahrung, so dass sich ein feministisches Bewusstsein ausbilden konnte. Die Frauen damals ahnten, dass eine gesamtgesellschaftliche Befreiung schwer werden würde, schon deshalb, weil dieses »conscious raising« unvollständig bleiben musste.

Es blieb aber ein wichtiges Instrument des Feminismus. Welche deiner Erfahrungen machst du nur, weil du eine Frau bist? Sie haben mit deiner Persönlichkeit nichts zu tun, sondern sind eine Zuschreibung von außen. Erkenne sie und unterbinde den Einfluss, den sie auf deine Entwicklung haben. Dazu gehören Schönheitsideale, geschlechtliche Diskriminierung und andere Unterdrückungserfahrungen. Auf diese Weise wird verhindert, dass es zu einer Selbstunterwerfung kommt, und gleichzeitig ist das der Schlüssel zur freien Gestaltung der eigenen Existenz. Wenn dir egal ist, was die Gesellschaft als wünschenswertes Frauenbild vorgibt und für dessen Erfüllung verspricht, dann wirst du Schönheit weder als vorrangiges Ziel deiner Existenz formulieren noch daran zerbrechen, wenn du nach diesen Normen nicht (mehr) schön bist. Mehr noch: Die Verletzungen, die das Leben als Frau mit sich bringt, können als Ausdruck für ein defizitäres Gesellschaftssystem und nicht als persönliches Versagen erkannt werden. Sie haben auf das Maß unseres persönlichen Glücks keinen Einfluss und verlieren damit ihre Macht über uns, auch wenn wir ihnen im Außen nach wie vor ausgeliefert sind.

Die Deutung deiner Existenz gehört dir

Wenn wir nicht selbst bestimmen, wer wir sein wollen und wer wir sind, dann übernimmt das die Gesellschaft, die nicht dem Ziel der größtmöglichen persönlichen Freiheit nachstrebt, sondern nach kapitalistischer Geldvermehrung und sozialer Kontrolle. Sie nimmt unsere Existenz und ordnet sie ihren Interessen unter. Das Glücksversprechen kann sie nicht einlösen, denn individuelles Glück war nie ihr Ziel, sondern die freiwillige Mitarbeit am Projekt Kapitalismus, der die bürgerliche Gesellschaft als Garanten braucht. Wer dabei mitmacht, darf sich den Button »normal« und »moralisch gut« anheften und so noch stolz darauf sein, sich selbst zum Sklaven fremder Interessen zu machen. Die Verachtung für jene, die diesem Betrug aufsitzen und sich moralisch zum Bestimmer über die Existenzen anderer aufschwingen, während sie in Wahrheit nur dem eigenen Leben den Sinn nehmen, eint Künstler, Revoluzzer und Aussteiger. Wer gelernt hat, für sich selbst zu denken und das eigene Urteil zum Maßstab des Handelns zu machen, hat für Kants moralischen Imperativ nur noch ein müdes Lächeln übrig. Trotzdem sind sie in der Minderheit. Den meisten Menschen fehlt es schlicht an Mut, aus den Verhältnissen auszubrechen und sich innerlich zu befreien. Einen selbstbestimmten Entwurf für die eigene Existenz zu machen, erfüllt sie mit schrecklicher Angst, also greifen sie bereitwillig nach den Schablonen, die ihnen die Gesellschaft anbietet, und nehmen die so entstandene Gleichförmigkeit in der »Mitte der Gesellschaft« auch noch als Beleg dafür, dass es ihnen zusteht, nicht nur zu definieren, was »normal« ist, sondern auch noch mit plumpesten Mitteln einzufordern, dass alle anderen das auch so sehen.


Wenn die Unterordnung unter diese konstruierte Normalität aber der Sinn ihres Lebens ist und für alle Menschen funktionieren soll, dann ist es für sie ein schrecklicher Affront, wenn jemand das ablehnt und dann – oh Wunder – glücklicher und erfolgreicher ist, als sie selbst. Das ist der Grund für die Aggressivität, mit der der »Normalbürger« sich zum Vertreter der Normalität aufschwingt und andere maßregelt, sogar, wenn sie nur einen abweichenden Kleidungsstil pflegen. Sie fordern Anpassung, weil die Freiheit der anderen ihre Lebenslüge offenbart und ihrer Selbstunterwerfung den Sinn nimmt. Der Weg zu gesellschaftlichem Erfolg mag Anpassung sein, der Weg zum Glück funktioniert nur über Selbstverwirklichung.

Das Patriarchat schafft pathologische Familien

All das hatte die Stepford-Frau in meinem Zuhause gesehen und musste es nun demontieren, um nicht daran ihr eigenes Glaubenssystem zerbrechen zu lassen. Dass sie dazu zu wirklich übergriffigen Mitteln griff, ließ mich endlich hinsehen und erkennen, dass ich etwas tun musste.
Als die Wut nachließ, nutzte ich sie und begann, die Lügen, die ich sonst freundlich überhört hatte, zu widerlegen, und zwar mit Dokumenten, mit den Aussagen anderer, mit Erinnerungen, die mit anderen übereinstimmten. Als ich das getan hatte, griff ich auf die Ressourcen zurück, die mein Leben für mich bereithält. Ich rief die Coachs und Therapeuten in meinem Umfeld an und redete. War ich nun verrückt oder waren die es? Sehr bald zeichnete sich das Bild einer pathologischen Familie, von der ich geglaubt hatte, ich sei ohnehin kein Teil von ihr. In Wahrheit hatte man mir dort die Sündenbockfunktion zugewiesen, die man auch benutzte, um die gemeinsamen Kinder, vor allem die Tochter, in der Spur zu halten. »Sei nicht so emotional, du bist ja wie sie«, hieß es da. Und was mit mir geschehen war, das wusste man ja: Ausgrenzung und ein Leben ohne Mann, am Rande des Irrsinns. Der Umstand, dass ich sowohl von meinem Bildungsstandard als auch von meinem Einkommen inklusive der sonstigen Lebensleistungen jedem von ihnen überlegen war, wurde gekonnt ignoriert, denn ohne Mann konnte ich ja nicht glücklich sein, wenigstens das. Erst jetzt hörte ich auf einmal die ganzen Aussagen, die mein Vater so über Frauen getroffen hatte und erkannte, dass es sich um einen ziemlich unspektakulären Sexisten mit Angst vor Frauen handelte. Schlimmer noch: Zwar konnte er hin und wieder ein paar altlinke Phrasen murmeln, den Mumm dazu, sich irgendwo zu engagieren hatte er nie. Er benutzte sie nur, um die eigene Anpassung an bürgerliche Normen damit zu rechtfertigen, dass er ja eigentlich ein Linker war. Ein ungeouteter, sozusagen.


Ich nahm mir die Lügen vor, die meine Stepford-Stepmum unablässig erzählte und entlarvte sie, indem ich mich an das hielt, was Schwarz auf Weiß zu beweisen war, oder woran sich auch andere erinnerte. Sie saß an der Wurzel meiner Herkunft und bestimmte über meine Geschichte. Zu wissen, wo man herkommt, und welche Umstände die eigene Geburt begleiteten, ist für jeden Menschen von Bedeutung und ich entschied, dass nicht länger sie und ihr Lügensystem das Recht hatten, meine Geschichte zu korrumpieren, vor allem nicht vor meiner eigenen Familie

Das System reagierte, wie erwartet. »Eine intakte Familie kann mit Widerspruch und abweichendem Verhalten umgehen, indem sie es integriert. Eine pathologische hingegen wird mit Gewalt und Unterdrückung reagieren, die meistens darauf abzielt, den, der dem Pathologischen etwas Wahres entgegenhält, kaltzustellen. Wer die Wahrheit sagt, der wird für verrückt erklärt und ausgeschlossen. Viele werden süchtig oder bringen sich um und bestätigen damit schlimmerweise noch, was man ihnen vorher unterstellt hat«, erklärte mir mein Lieblings-Coach am Telefon. »Also, mach dich auf etwas gefasst.«


Mein Vater, der sonst keine zwei Worte mit mir reden kann, ohne panisch den Raum zu verlassen, hatte sich versichert, dass mich in seiner Familie niemand darin unterstützen würde, die ewigen Lügengeschichten zu beseitigen, bevor er mich anrief. In väterlichem Allmachtswahn erklärte er mir das Familienurteil: Ich sei verrückt. Es war wie im Lehrbuch. Er schrie und tobte und beschimpfte mich. Das hatte ich erwartet und versuchte immer wieder, ihn auf die Dinge zu lenken, die keine Interpretationsfrage waren, sondern Fakten. Das machte ihn immer wütender.

Er zog alle Register, beanspruchte in patriarchalem Allmachtswahn die Deutung über mein Leben und dann tat er mir den Gefallen und wechselte auf eine Ebene, die ich sehr gut kenne.
Er begann, mich als Frau zu attackieren. Und auf einmal waren da nur noch die billigen Angriffe, die rhetorisch sehr unversierte Trolle manchmal unter feministische Analysen posten. Fast tat er mir leid.
Wenn er mir schon kein Vater gewesen war, konnte er dann nicht wenigstens ein besserer Gegner sein? Weshalb er das nicht konnte, zeigte er mir kurz darauf und gab mir damit die Möglichkeit, ein für alle Mal den Kontakt zu ihm und seiner Familie zu beenden.

»Ich bin eben nur ein einfacher KFZ-Mechaniker«, schrie er, als ich erneut darum bat, bei den Fakten zu bleiben. »Ich bin nicht so intelligent wie du.« Und ein paar Sätze weiter faselte er etwas davon, dass mein Einfordern der Wahrheit doch »meine Intelligenz« beleidige.
Ein paar Mal, nicht sehr oft, war ich in meinem Leben Männern begegnet, die sich durch den Umstand, dass ich nach ihren Maßstäben »intelligent« war, verunsichern ließen und auf diese Verunsicherung meistens mit Abwertung und Wut reagierten. Einige wenige bekamen dann auf einmal keinen mehr hoch, andere setzten dann auf sexuelle Dominanz. Keine Frage, dass ich mit letzteren mehr Spaß hatte. Ich ahnte, zu welcher Sorte mein Vater gehörte.

Meine Geschichte gehört mir

Und da war er nun, mein Vater, und agierte auf der Ebene dieser Männer. Ich war nicht mehr wütend. Ich brauchte auch seine Anerkennung für die Fakten, die ich zusammengetragen hatte, nicht mehr. Sein pathologisches Familiensystem würde einfach noch mehr Lügen und Schweigen erzeugen, und mich aufgrund meines »Aufstandes« weiter für verrückt erklären. Alle Schuldgefühle, alle Lügen würden bei mir abgeladen, damit sie weiter funktionierten und sobald etwas in meinem Leben diesem Narrativ zu offensichtlich nicht mehr entsprach, würde man eine »Einordnung« vornehmen, so wie es die Stepford-Stepmum getan hatte. Ich erklärte ihm, dass er mich mal konnte und legte auf. Ich hatte die Kritik zusammengetragen, die Revolution konnten andere übernehmen. Die Kräfte, die das kranke System meines Vaters zusammenhielten, mochten noch für eine Weile funktionieren, ich aber war jetzt frei davon, ein Teil von ihnen sein zu müssen. Ich hatte mir meine eigene Geschichte zurückgeholt und zum Teil meiner Existenz gemacht.

Feminismus ist die Analyse der eigenen Unterdrückung

Das Ausbleiben der erhofften gesellschaftlichen Revolution ist für Linke und Feministinnen gleichermaßen enttäuschend und führt häufig zu einem Abwerten der eigenen Analyse. Dabei wird übersehen, dass wir sie als Mittel der eigenen Transzendenz nutzen und innere Freiheit erreichen können. Wir verhindern, dass wir die äußere Unterdrückung internalisieren und sie uns von innen aushöhlt. Machen wir das nicht, verlieren wir den sinnvollen Bezug zu unserem Leben und dem Kummer, den es bereithält.
Es hat keine Dekonstruktion der Unterdrückung im Inneren stattgefunden, und ohne sie kann es keine Freiheit geben. Wer sich ihrer bewusst wird, wer hinschaut, entdeckt, dass wir uns manche Fessel selbst anlegen und sie sogar an unsere Kinder weitergeben und damit die Saat für die innere Selbstentfremdung auf dem nächsten Acker ausbringen. Schlimmer noch: Wir schätzen die innere Befreiung so gering ein, dass wir auf sie verzichten, wenn es keine äußere gibt, dabei kann uns genau die niemand nehmen.

Auch deine Kinder gehören dir nicht

Ob wir dazu bereit sind, entscheiden wir für uns selbst. Für manche beinhaltet das zu schmerzliche Wahrheiten oder Konsequenzen, dass ihnen eine völlige Befreiung nicht gelingt. Trotzdem werden sie dem universalen Auftrag an uns Menschen gerecht, der besagt, dass die gegenwärtige Generation auf mehr Wissen und mehr Erfahrungen zurückgreifen kann, als alle vorher und deshalb etwas hinterlassen muss, das besser ist, als das, was sie vorfanden. Das gilt gesamtgesellschaftlich, aber vor allem familiär. Die Kinder sollen es einmal besser haben als wir selbst und von unseren Erfahrungen, aber auch von unseren Kämpfen und Erfolgen profitieren. Damit erhält die eigene Transzendenz scheinbar eine Bedeutung über die eigene Existenz hinaus. In Wirklichkeit aber steht es uns gar nicht zu, mehr als ein Angebot für unsere Kinder und den Raum für persönliche Freiheit zu schaffen. Sie wählen selbst, was sie für ihren Lebensweg brauchen. Der wahre Auftrag an uns selbst ist, es besser zu machen als unsere Eltern und uns damit endgültig von ihnen zu emanzipieren. Damit verbleibt die Beschäftigung in unserer Entwicklung und verhindert, dass wir als Eltern die Autonomie der Existenz unserer Kinder verletzen.

Die Biologie bestimmt deine Freiheit im Außen, nicht in deinem Selbstbild

Man hat Simone de Beauvoir oft vorgeworfen, dass sie »mütterfeindlich« sei. In Wirklichkeit wies sie nur zurück, dass die Tatsache, dass man als Frau geboren wird, bedeuten muss, dass Kinder zu bekommen, zu einem glücklichen Leben gehört und vorrangiger Sinn unserer Existenz als Frauen ist.
»Man wird nicht als Frau geboren, man wird es«, ist ihr berühmtestes Zitat. Dieses Frausein umfasst alle Rollen, in die man uns im Laufe unseres Lebens pressen will. Manchen können wir nicht entkommen. Aber wir können sie als das sehen, was sie sind: Instrumente der Unterdrückung. Und wir können die wichtigste Verantwortung übernehmen, die es gibt: Die für unsere eigene Existenz. Indem wir sie nicht mehr den Interessen anderer zur Verfügung stellen und deren Werte internalisieren, befreien wir nicht nur uns selbst. Wir entziehen den Übergriffen in unsere Selbstbestimmung auch Stück für Stück die äußere Legitimation. Die Drohung: »Wenn du Feministin bist, bekommst du keinen Mann und wirst unglücklich« verliert ihre Macht, wenn man erkennt, wie viele angepasste Frauen unglücklich sind. Der Feminismus hat uns als gesellschaftliche Gruppe noch nicht befreit, doch er vermag jede einzelne von uns von der patriarchalen Vereinnahmung der eigenen Existenz bewahren und vor allem vor der Internalisierung der immanenten Urteile, was oder wie eine Frau zu sein hat. Darüber bestimmen allein wir selbst.

Glück entsteht, wo Freiheit den Raum dafür geschaffen hat

»Freiheit ist, was du mit dem machst, was man mit dir getan hat«, schrieb Sartre. Der Satz hängt über meiner Eingangstür.

Mein Vater, der KFZ-Mechaniker, las nie Sartre. Alice Schwarzer fand er kacke. Ich verkörperte für ihn alles, wovor er Angst hatte, und verstand nie, dass die Ursache dafür bei ihm lag und nicht in meinem Verhalten. Anders als meine Mutter konnte er mir eine autonome Existenz nie zugestehen. Als ich sie einforderte, zielte er rücksichtslos auf die wunden Punkte, die ich als seine Tochter nach patriarchaler Lesart doch für ihn haben musste. Er traf nicht, denn ich hatte sie alle längst dekonstruiert und auf den Müll gekippt.

Ein Vater ist nur, wer die väterliche Rolle auch erfüllt, ansonsten gibt es keinen Grund für die patriarchale Erhöhung des Vaters. Alle Kulturen der Welt kennen eine soziale Mutterrolle, nicht alle die des sozialen Vaters. Diese feministische Dekonstruktion ermöglichte mir schon vor 20 Jahren, auch ohne den Segen meines Vaters einfach das zu tun, was ich für richtig hielt. Dass ich damit unbewusst einen für das autoritäre Weltbild meines Vaters nur schwer zu ertragenden Widerspruch erzeugte, den er als bedrohlich erlebte, untermauert einmal mehr, wie sehr auch unsere engsten Beziehungen noch immer von patriarchalen Mustern geprägt sind. Autoritäre Väter reagieren auf die Autonomie ihrer Töchter mit panischer Angst vor der übertragenen »Entmannung«. Mein »Aufstand« versetzte meinen Vater in solche Aufregung, dass er nach 20 Jahren zum ersten Mal meine Mutter anrief. Sie nahm nicht ab.

Mein Widerspruch gegen die falschen Storys rund um meine Geburt und mein Mut, meinem Vater zu widersprechen und meine »Verurteilung« in Kauf zu nehmen, entlasteten auch sie von dem erdrückenden Schuldgefühl, es hätte an ihr gelegen, dass er mich ablehnte. Wir hatten uns unsere gemeinsame Geschichte zurückgeholt und ihre Schatten dahin zurückgelenkt, wo sie herkamen: zu meinem Vater.

Als Vater in einem patriarchalen System hatte er geglaubt, meine Zeugung gäbe ihm trotz des Vollversagens als Vater das Recht, die Deutung meiner Existenz zu übernehmen oder seiner Stepford-Frau zu überlassen, damit sie damit ihre Minderwertigkeitskomplexe kompensieren konnte.

Bei manchen Treffen in linken Gruppen verabschiedeten wir uns manchmal mit den Worten: »Ich wünsche dir die Freiheit«. Ich finde, das ist der beste Wunsch für einen anderen Menschen, den es gibt.

Patriarchat und Neoliberalismus

Vortrag von Inge Kleine bei der FILIA-Konferenz in Salford/Manchester am 21. Oktober 2018. Originaltext hier

Zu allererst möchte ich FILIA, das heißt dem großartigen Organisationsteam dafür danken, dass sie diese Konferenz und diese Möglichkeit geschaffen haben, so viel großartige Aktivistinnen und Feministinnen zu treffen.

Mein Thema ist die Widerstandsfähigkeit des Patriarchats und wie schwierig es ist, ihm auf unserem Kampf dagegen nicht auf den Leim zu gehen.

In seiner fortlaufenden Selbstbestätigung gelingt es im Patriarchat, unsere Kämpfe, zumindest in westlichen Ländern oder denen des globalen Nordens, als obsolet, als überkommen darzustellen (1), womit es uns direkt in die erste Reihe an Fallen schickt. Männer deuten dabei auf andere Länder, „woanders“ hin, am liebsten nach Süden or „Osten“ und auf dortige Gesellschaften. Dies ist ein sehr alter Trick, da Liberalismus und Kolonialismus zusammengehören (2), und er funktioniert so: „Hier haben wir keine wirklichen Probleme, aber schaut mal dorthin! Da solltet ihr hinschauen. Arabische Länder!“ Die unmittelbare Reaktion zumindest einer deutschen Feministin könnte darin bestehen klar zu stellen, dass Algerien mehr weibliche Abgeordnete im Parlament hat als Deutschland, samt dem sofortigen Genuss die Selbstgefälligkeit aus dem Gesicht der Herrklärer verschwinden zu sehen. Aber diese Reaktion enthält Fehler, weil sie uns sofort zu typischen wenn auch indirekten Fehlschlüssen führt, die „unserer“ Überlegenheit, denn warum sollte Algerien nicht mehr Frauen als Abgeordnete haben als Deutschland und was für Einstellungen sind nötig, damit wir davon ausgehen, dass Algerien als Beleidigung für selbstgefällige Deutsche genutzt werden kann? Und dies geht noch weiter. Nachdem ich meinen rechten Fuß tief in den Morast des Patriarchats gestellt habe, lasst mich den linken Fuß gleich nachziehen. Unterschiede abzustreiten oder darauf zu bestehen, dass das Patriarchat überall herrscht und dass unsere Kämpfe überall die gleichen sind, kann uns dazu verleiten, wichtige Informationen über unsere Schwestern zu übersehen, es kann uns dazu bringen – in diesem Fall westliche Feministinnen – nicht zu sehen, wo ihre Kämpfe andere sind oder wo die konkreten Rahmenbedinungen andere sind. Es dient auch dazu, Aufmerksamkeit abzuziehen und sie wieder hübsch auf uns selber zu lenken. Und während ich spüre, wie ich immer tiefer im Matsch versinke, lasst mich noch die dritte Falle dazu stellen, wenn eine Anerkennung von Unterschieden in unseren täglichen Herausforderungen und Kämpfen zu Ansichten führt, die mal ein „Lieblings-“artikel von mir verbreitete, in dem stand, dass muslimische Mädchen in Pakistan Werte der Familiensolidarität hätten, die bedeuteten, dass sie keine individuelle Freiheit wollen oder brauchen.

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Feministischer Porno oder das übliche in rosa?

Frau am Computer

CC0

Erika Lusts Film Live Love Lust

(Radikal)Feministinnen von Andrea Dworkin bis Gail Dines kritisieren Pornographie seit Jahrzehnten und sie haben gute Argumente: Die „Arbeitsbedingungen“ in der Branche sind für die Darstellerinnen unzumutbar, dargestellt wird nicht Sex, sondern Männergewalt gegen Frauen, und es ist diese Gewalt an der sich die Konsumenten – größtenteils Männer – aufgeilen, deren Frauenbild von den Darstellungen beeinflusst und geprägt wird.

Trotzdem hält sich hartnäckig das Gerücht, es ließen sich doch wohl auch „feministische Pornos“ produzieren, für ein weibliches Publikum. Als Paradebeispiele werden meist die Filme der 1977 in Schweden geborenen studierten Politikwissenschaftlerin Erika Lust genannt, die seit 2004 „Pornos für Frauen“ dreht, die auch diverse Preise bekommen haben. Ob sie ihre Darstellerinnen wirklich besser behandelt als andere Produzenten, ist fragwürdig, die Dokumentation Hot Girls Wanted lässt eher auf das Gegenteil schließen. Auch das Interesse der Frauen an den Filmen scheint sich in Grenzen zu halten: Das Unternehmen schätzt, dass lediglich 15-25 % der KonsumentInnen weiblich sind, die meisten sind also Männer, von denen manche eventuell noch ihre Partnerinnen dazu überreden können, gemeinsam einen Porno zu schauen. Das Label „feministisch“ bzw. „frauenfreundlich“ hilft dabei natürlich, Widerstände zu brechen.

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Eine radikalfeministische Perspektive auf die ‚freie Wahl‘

Feministisches Symbol

By weegaweek - File:Feminist philosophy.png, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=72704008

Ein Gastbeitrag von Ines Jancar

Früher hielt ich, wie viele Menschen das tun, BDSM für eine Facette des privaten Sexlebens, die man ausleben kann oder auch nicht. Die meisten verbinden damit die gängigen Utensilien wie Peitschen, Handschellen und Fetischoutfits, auf die man sich in der Gesellschaft teils humorvoll teils verschämt bezieht. Deutlich seltener kommen die zugrundeliegenden Mechanismen von Unterwerfung und Unterworfenwerden öffentlich zur Sprache. Diese symbollastige Verklärung sorgt dafür, dass BDSM gemeinhin als eine Frage des persönlichen Geschmacks deklariert wird. Auch der Nachdruck, mit dem von BDSM-Seite bisweilen auf den Unterschied zwischen den BDSM-Praktiken und dem ‚eigentlichen Leben‘ hingewiesen wird, den sogenannte Vanillas nicht richtig verstünden, verstärkt diesen Eindruck. Setzt man sich mit BDSM (theoretisch oder auch praktisch in der Szene) auseinander, wird einem allerdings bewusst, dass dort ähnliche asymmetrische Geschlechterverhältnisse bestehen, wie man sie von clichéhaftem Vanilla-Sex und auch grundsätzlich in den Gesellschaftsstrukturen kennt.

Leider gibt es wenige aussagekräftige Statistiken zu dem Thema – was meine Annahme, dass BDSM als Privatsache gilt, verstärkt –, daher muss ich mich auf meine Eindrücke und die anderer, in BDSM involvierter Menschen sowie die spärlichen zur Verfügung stehenden Quellen zum Thema und gängigen Portale (fetlife, joyclub) beziehen. Dabei erhärtet sich der Eindruck, dass sich mehr Männer relativ gesehen zum (insgesamt größeren1) männlichen Anteil in der BDSM-Szene als „(extrem) dominant und sadistisch“ beschreiben, hingegen deutlich mehr Frauen2 relativ gesehen zum (insgesamt kleineren) weiblichen Anteil in der BDSM-Szene sich als „(extrem) devot und masochistisch“ beschreiben.3 Noch signifikanter wird die Asymmetrie, wenn man nur heterosexuelle Menschen berücksichtigt. Manche Quellen, die etwas vereinfacht in dominante und submissive Rollen unterschieden, sprechen von einer 75%igen dominanten Präferenz bei Männern und gar bis zu 96%igen submissiven Präferenz bei Frauen4 – ein Verhältnis, das ungeachtet der genauen Zahlen meinen Eindruck der beiden Tendenzen bestätigt.

So sehr unterscheidet sich das Bild der BDSM-Szene also auch nicht von den anderweitig anzutreffenden stereotypen Rollenverteilungen. Dass es auch sogenannten außererotischen BDSM gibt, macht zudem deutlich, dass BDSM keineswegs nur eine sexuelle Präferenz ist, sondern mit dem ‚eigentlichen Leben‘ fest verwoben ist. Die Besonderheit von BDSM liegt vielmehr darin, dass Verhaltensweisen und Machtverhältnisse, die man aus dem alltäglichen Leben kennt, im BDSM explizit gemacht werden. Hierin sehe ich übrigens den großen Vorteil von BDSM gegenüber den impliziten alltäglichen Formen, Menschen zu unterwerfen oder sich ihnen zu unterwerfen: Die Machtverhältnisse werden expliziert und somit verhandelbar. Aber wo werden diese Machtverhältnisse und ihr Kontext zum alltäglichen Leben letztlich verhandelt? Erstaunlich selten wie mir scheint. Weiterlesen

Manifest gegen die Vermarktung des Frauenkörpers

gegen die vermarktung des frauenkörpers

Spanische Feministinnen haben diese Kampagne initiiert, um deren Weiterverbreitung wir dringlich bitten. Vielleicht ist ja auch jemand unter euch, der mit Übersetzen helfen kann? Wie auch immer. Es reicht. Please share.

MANIFEST GEGEN DIE VERMARKTUNG DES FRAUENKÖRPERS

Zum 25. November 2018, dem internationalen Tag gegen die Gewalt an Frauen, wollen wir, Feministinnen aus diversen Orten der Welt

ANZEIGEN

Dass das patriarchale System eine Reihe ökonomischer, politischer und kultureller Mechanismen geschaffen hat, die die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern fördern und für die sexuelle und reproduktive Ausbeutung der Frauen Voraussetzung sind;

Dass die Gewalt, die Männer aus der ganzen Welt von der Pornografie lernen und weltweit in der Prostitution ausüben, das Bild der Frau erniedrigt, die männliche sexuelle Gewalt normalisiert und die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern verstärkt;

Dass der neoliberale Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten alle Bereiche des menschlichen Lebens zur Ware gemacht hat, einschließlich Sexualität und Reproduktion. Er hat somit Millionen Frauen und Mädchen, oft von extremer Armut betroffen,  zu einer für die sexuelle und reproduktive Ausbeutung bestimmten Ware degradiert;

Dass der Diskurs des neoliberalen Kapitalismus über die individuelle Freiheit und die Einwilligung die ideologische Grundlage zur Rechtfertigung der Ausbeutung von Frauen und Mädchen in der Pornografie, in der Prostitution und in der Leihmutterschaft darstellt;

Dass die aus Freiern und Zuhältern zusammengesetzte Pro-Prostitution-Lobby, von denen einige der Mitglieder qualifizierte Machtpositionen innehaben, großen Druck ausübt mit dem Zweck, dass die Pornografie, die Prostitution und die Leihmutterschaft legalisiert und als freiwillige Entscheidungen angesehen werden, so dass die Kriminalität, die Gewalt, der Menschenhandel und die Sklaverei, die diesen Geschäften zugrunde liegen, verborgen bleiben.

WIR FORDERN

  • Dass die zuständigen internationalen Organisationen eine Weltkonvention zum Schutz der Menschenrechte VON Frauen und Mädchen gegen alle Formen der patriarchalen Gewalt unterzeichnen;
  • Dass in dieser Weltkonvention alle Formen der Gewalt für Praktiken erklärt werden, die mit den Menschenrechten der Frauen und Mädchen unvereinbar sind, einschließlich der Prostitution und der Ersatzmutterschaft;
  • Dass in den einzelnen Staaten Gesetze intern erlassen werden, die alle Formen der Zuhälterei bestrafen, und Mechanismen für die Beschlagnahme der Erträge, die durch sexuelle Ausbeutung von Frauen und Minderjährigen erworbenen werden, zugunsten der Überlebenden der Prostitution verwendet werden;
  • Dass die einzelnen Staaten Gesetze entwickeln, die die Nachfrage nach Prostitution bestrafen, da Freier für diese extreme Art der Gewalt gegen Frauen unmittelbar verantwortlich sind;
  • Dass die Staaten jedes Gesetz oder jede Verordnung abschaffen, die Sanktionen oder Strafen über Frauen bezüglich deren Prostitutionstätigkeit verhängen, sowie jegliche Vorstrafen oder Verwaltungssanktion, die aus einer vorherigen Gesetzgebung stammen könnten.
  • Dass die Staaten ausreichende Mechanismen und Mittel zur Verfügung stellen, damit für die in der Prostitution gefangenen Frauen ein Ausweg aus dieser Form der extremen Gewalt und Ausbeutung gewährleistet ist.
  • Dass die Staaten eine rechtliche Regelung treffen, die jede Form der reproduktiven Ausbeutung von Frauen verhindert. Darüber hinaus soll in der staatlichen Rechtsordnung sichergestellt werden, dass keine zukünftige Regelungen Leihmutterschaftsverträge erlauben oder gar legalisieren können.

Die Prostitution, die Pornografie und die Leihmutterschaft sind brutale formen der sexuellen Ausbeutung und der Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Aus diesem Grund bündeln wir feministische Frauen unsere Stimmen, um die Straffreiheit der Täter anzuprangern und den Mangel an Engagement seitens der Regierungen für die Abschaffung von Praktiken, die die Ungleichheit und die Gewalt vertiefen, zu verurteilen.

7. September 2018

MANIFEST (PDF)


Um unser Manifest zu unterstützen, können Sie hier unterschreiben

Spitzengastronomie mit Pornofeeling

CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=90716

CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=90716

Nobel, hart und schmutzig, so sieht sich vielleicht der Inhaber des „Nobelhart und Schmutzig“ Billy Wagner. Es gilt als eines der angesagtesten Speiselokale in Berlin im Augenblick. Damit man nicht gleich an einen billigen Porno aus den 70er Jahren mit dem Namen assoziiert oder diese Assoziation zumindest abgestritten werden kann, heißt es halt „Nobelhart und Schmutzig“. Raffiniert.

Der Name wird so erklärt.“…. Ihr Abend im Nobelhart und Schmutzig bietet ein anderes Restaurant-Erlebnis: Er beginnt nobel, wird mitten drin hart und endet bei bestem Verlauf schmutzig…“( https://www.nobelhartundschmutzig.com/restaurant/).

Am 30. August 2018, wurde Billy Wagner bei „Berliner Meisterköche“ als Gastronomieinnovator 2018 ausgezeichnet. Das Restaurant ist ein Michelinrestaurant und wurde im Juni 2018 auf Platz 88 von 100 der „50 best restaurants of the world“ gewählt.

Bekannterweise können Frauen zwar ständig für ihre Familie kochen, aber wenn es um Ruhm, Ehre und Geld geht, können nur wirklich Männer Essen zubereiten. „Nobelhart und Schmutzig“, und Billy Wagner als Inhaber, repräsentieren auf besondere Weise die Welt der Männer in der „Spitzengastronomie“.

In einer medial wirksamen Aktion hat Billyboy, Billy Wagner, der Inhaber, ein AfD Verbotsschild am Eingang seines Lokals angebracht. Jede und Jeder der seitdem das Lokal öffentlich schlecht bewertet, wird von anderen als AfD Anhänger abgetan. Geschickt.

Leider aber ist der Inhaber zwar gegen die AfD und möchte ihre Anhänger nicht in seinem Restaurant bewirten, aber sein Verständnis von „Bewirtung“ mit seinem Gesamtkonzept wirkt sehr autoritär.

Zu trinken gibt es nur aufbereitetes Leitungswasser und ansonsten Alkoholika. Eine Apfelsaftschorle verdirbt wahrscheinlich den Genuss, ein Wein nicht.  Essen a la carte gibt es nicht. Wie in den 50er Jahren bei den Großeltern muss man halt essen was auf den Tisch kommt. Wer kein Fleisch isst, zahlt den gleichen Preis und bekommt nur „ohne“ von Billy the Boy Wagner, laut Bewertungen.

Die Speisen müssen teilweise mit den Händen gegessen werden, so steht es auch in einer Bewertung, damit der „schmutzig“ Aspekt angesprochen wird. Ist das nicht eine Beleidigung gegenüber Menschen aus anderen Kulturen, die mit ihren Händen essen? Sind sie schmutzig? Nach dieser Definition dann schon.

Wo man im Lokal zu sitzen hat, wird durch die strenge Sitzordnung ebenfalls bestimmt. Man kann und darf nur nebeneinander mit Blickrichtung auf die offene Küche sitzen, rundherum um diese. Fröhliche Gespräche beim Essen sind somit nur eingeschränkt möglich. Wieso auch lachen und miteinander sprechen. Der „Zweiertisch“ ist von gestern.

Smartphones sind auch verboten. Es gibt eben Vorgaben, wie man sich zu benehmen hat und mit wem man kommuniziert, und ob überhaupt.

Herr Wagner beschreibt in einem Interview seine Position im Restaurant, nämlich auf „Platz eins ganz am Rand“ in der Küche. Dort bekommt er dann immer die Gespräche der MitarbeiterInnen mit. Hört sich nach guter Arbeitsatmosphäre an, immer ganz nah dran.

Am 30.09.2018 spricht er auf seiner Facebookseite von einer „Japanischen Dame aus Tokio, die vom „German tourism board“ nach Deutschland geschickt wurde, und die, als sie gefragt wurde, für was Berliner Küche steht, „Currywurst“ sagte. Aber auch hier weiß Herr Wagner, was Touristen aus anderen Ländern zu sehen haben als Berliner Küche. Gott bewahre eine japanische Journalistin („Dame“) soll sagen können, dass für sie große Würste wichtig sind, wenn es um Berlin geht. Billy Boy Wagner bietet der deutschen Zentrale für Tourismus großzügig seine Hilfe an.

In einem Video anlässlich seines Preises als „Gastronomieinnovator 2018“ mokiert er auf seiner Facebookseite, dass keine einzige Frau einen Gewinn erhalten hat.  Er sieht es als Gastroinnovator 2018 als seine Aufgabe an, auf diesen Missstand hinzuweisen. Zwei Frauen schlägt er deshalb symbolisch für den Preis vor. Im Video hierzu steht er in einer weißen Hose vor seinem Restaurant. Diese Hose ist insbesondere deshalb wichtig, da eine Frau sofort erkennen kann, ob er rechts oder linksträger ist. Bevor ich mit Angst überlege wie viele Zentimeter zu sehen sind, fällt mein Blick auf die im Schaufenster hängende Vulva, dazu das Schild nobelhart und schmutzig.

Ich mag es, wenn Männer sich ohne persönliche Konsequenzen oder Kosten für Frauen einsetzen. Es hilft uns weiter, wenn Männer ein paar symbolische Worte sprechen gegen Geschlechterungerechtigkeit und gegen die Diskriminierung von Frauen, schon immer. Hätte er den Preis ablehnen können, da er anscheinend durch vornehmliches „Schwanzträgertum“ entschieden und vergeben wurde? Anscheinend nicht.

Zum Speien in Bezug auf dieses Spei selokal ist für mich als Frau allerdings ganz besonders seine als Kunst zelebrierte Objektifizierung von Vulven aus Essen, die er als „Wegzehrung“ Gästen mitgibt, oder zumindest mitgegeben wurden.

Wenn nichts mehr geht, findet man sich halt besonders innovativ, hip und chic, wenn man weibliche Geschlechtsteile in Form von Essen angeboten bekommt als Ware für den Konsum. Das ist so was ganz anderes für mich als Frau in unserer pornofizierten Welt. Innovativ halt.

Wieso keine anderen Körperteile als „Wegzehrung“ mitgegeben werden, erschließt sich mir nicht. Soll es schockieren/überraschen?  Und wenn wieso und wodurch. Sind Vulven überhaupt interessant?  Sie sind doch nicht mehr als ein Teil des weiblichen Körpers. Aber die Argumentation für dieses Projekt will natürlich aussehende Vulven als „Wegzehrung“ mitgeben, um eben gegen Schönheitsideale und zunehmende Intimchirurgie ein Zeichen zu setzen.(https://www.nobelhartundschmutzig.com/blog/2018/04/09/feel-the-v/).

Ich finde es immer so super, wenn sich gegen Pornofizierung und die einseitige Darstellung von Vulven damit gewehrt wird, noch mehr (halt andere) Vulven zum Konsum anzubieten. Eine Teildarstellung des Körpers ist immer eine Objektifizierung, denn es zeigt eben nur einen Teil des Körpers als Objekt.

Ich liebe es auch sehr, wenn Männer sich für die natürliche Darstellung von weiblichen Geschlechtsorganen einsetzen. Viele Frauen sind halt etwas blöde und tendieren zu Intimchirurgie als Folge des gesellschaftlichen Drucks. In einem Kooperationsprojekt mit Ida Aniz und Ellebasi Gorengpeng aus dem Künstler*innenkollektiv Vulvae von Nobelhart und Schmutzig, wird über diese Normen hingewiesen und sensibilisiert. Man sollte nämlich lieber natürlich konsumieren, auch Vulven.

In die Medien schafft man es in jedem Fall immer mit “Vulven” zum Essen, zum Verzehren. So cool. Ganz anders wie sonst im Leben, in dem Vulven gegessen werden. Im englischen bedeutet “eat me ” sowieso die Aufforderung zum Cunnilungus. Nichts liegt näher, als das dies auch einen Platz in der Spitzengastronomie hat. Es geht ja um Essen.

Die Fokussierung auf den Konsum von Frauen, gepaart mit Pornoassoziationen durch den Namen des Restaurants, machen es wirklich zum besonderen Erlebnis der Spitzengastronomie. Als noch Scheinheiliger erlebe ich die Ablehnung von AfD Mitgliedern, wenn dies gepaart ist mit einem autoritärem und elitärem Verständnis von Esskultur, verkauft als hip natürlich. Ich wehre mich sozusagen gegen eine “rechte” Partei, aber ich lege den kompletten Ablauf des Essens für andere Menschen fest, denn ich weiß, was gut ist und gut zu sein hat.

Und Fleisch gibt es sowieso, das versteht sich von selbst. Es wird von Tieren als „Produkt“ gesprochen, dass verwertet wird (..“Die vollständige Verwertung eines Produktes entspricht unserer Ethik, nicht allein bei Tieren,…“ https://www.nobelhartundschmutzig.com/restaurant/)

Wer diese Vorführung von Essen als „Kunst“ nicht versteht, gehört halt zum Plebs. Wer es leid ist, dass Männer sich als „Frauenversteher“ zelebrieren, aber Körperteile von Frauen direkt zum witzigen Konsumieren produzieren, hat natürlich auch kein Verständnis von „Kunst“.

Billy Wagner aber weiß, wo es wirklich lang geht,  „Nobelhart und Schmutzig“.

Guten Appetit.

 

Angriff auf die Weiblichkeit: Salafismus in Algerien

By Steve Evans from Bangalore, India (Flickr) [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

By Steve Evans from Bangalore, India (Flickr) [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Man kann es nicht mehr verleugnen, der Salafismus hat in den letzten Jahren in Algerien rasant an Fahrt aufgenommen. Gerade in den letzten Monaten häuften sich Vorfälle, die ganz klar eine sehr beängstigende Entwicklung aufzeigen, die vielen Angst macht. In Algerien und in Europa breitet sich dieses Unbehagen immer weiter aus.

Nach dem „schwarzen Jahrzehnt“ in den 90er Jahren schien wieder Stabilität und Ruhe eingekehrt zu sein. Das „schwarze Jahrzehnt“ war eine Zeit des Bürgerkriegs zwischen Islamisten und Regierungstruppen. 150 000 Menschen starben und über 6000 werden immer noch vermisst. Leider scheint die Zeit der Stabilität vorbei.

Insbesondere Frauen, die nicht dem gewünschten Bild der Frau im Salafismus entsprechen, werden Opfer der neuen Entwicklung in Algerien, auf verschiedene Arten und Weise. Das war früher so und ist es heute wieder.

Im September 2018 wurden mehrere Frauen (und wenige Männer) in ihrer Wohnung angegriffen, da vermutet wurde, dass sie sich prostituierten. Fünf Frauen lebten zusammen in einer Wohnung. NachbarInnen beobachteten sehr viel Kommen und Gehen von verschiedenen Männern in dieser Wohnung. Nachbarn stürmten dann die Wohnung, verprügelten die Frauen und zerstörten ihr Mobiliar, alles unter den Freudenrufen von benachbarten Frauen.

Die Erinnerung an Hassi Messaoud wurden wieder wach. 2001 wurden arbeitende Frauen in der Stadt Hassi Messaoud von einem Mob von 300 Männern angegriffen, nach einer Predigt eines islamistischen Imams. Der Angriff war nicht organisiert, sondern folgte seiner Hassrede. Die Frauen waren alle angestellt bei ausländischen Ölfirmen und kamen aus anderen Landesteilen, verarmt, um dort Geld für die Ernährung ihrer Familien zu verdienen. Sie wurden der Prostitution beschuldigt und als das „Böse“ beschimpft. Hassi Messaoud repräsentiert, wie mit Frauen umgegangen wurde, die nicht der gewünschten Norm der Hausfrau und Mutter entsprachen. Ebenso zeigt es, wie einfach es war und ist Menschen (Männer in diesem Fall) zu manipulieren und aufzuhetzen. Ich denke Deutsche haben eine vage Erinnerung daran, wie einfach dies sein kann, wenn es „professionell charismatisch“ durchgeführt wird und es gab sicherlich einen Grund für ein Propagandaministerium im dritten Reich……Es funktioniert, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.

Eine nackte Frauenstatue in einem Brunnen, Ain Foura, in der Stadt Setif, geschaffen vom französischen Skulpteur Francis de Saint-Vidal, wurde im Dezember 2017 durch einen Islamisten zerstört. Die Bilder in den Medien waren erschreckend. Ein Mann mit Bart in einer Gandoura stieg den Brunnen hoch und schlug die Brust mit Hammer und Meißel ab. Der Aufschrei in den sozialen Medien war groß. Die Brust wurde mittlerweile wieder restauriert. Die Brust ist ein Sinnbild der Weiblichkeit und dieser Angriff ist auch als Angriff auf die Weiblichkeit zu verstehen, auch wenn es ebenso um „Schamhaftigkeit“ ging.

Ein Islamist, der schnell gefasst wurde, rief im Internet im Sommer 2018 zu einem Angriff mit Säure auf unverschleierte Frauen auf. Die Methode der Säureattacke wird häufig angewandt, da es ein sehr einfaches Kontrollmittel gegenüber Frauen ist. Im Iran wird, zum Beispiel, seit 2017 von einer Zunahme von Säureangriffen auf Frauen, die keinen Schleier trugen, berichtet. Die Angreifer fahren mit ihren Motorrädern an den Opfern vorbei und besprühen sie. In Algerien blieb es bisher bei dem Aufruf, aber das ist bedenklich genug. Es demonstriert ein neues Maß der Akzeptanz wenn man überhaupt so etwas öffentlich ausspricht.

Salafisten werben massiv für den Burkini als einzige angemessene Strandkleidung. Frauen berichten davon, dass sie sexuell im Wasser belästigt werden, wenn sie keinen Burkini tragen. Männer fassen Frauen in diesem Fall einfach unter dem Wasser an, oft beim Tauchen, und behaupten, der sexuelle Übergriff sei ein Versehen.  Dies habe ich leider auch selbst in der Familie erlebt. Die Mehrheit im Wasser ist männlich und es ist kaum möglich zu agieren ohne Sicherheitskräfte in der Nähe. Man kann versuchen den Täter zu ertränken indem man den Kopf weiter nach unten drückt, aber entspanntes Schwimmen ist etwas anderes. Wie für viele andere Frauen auch bleibt nur die Entscheidung nur noch einen der sehr teuren Privatstrände zu besuchen, an denen, noch, Bikini und Badeanzüge getragen werden können.

Ebenso wird über die sozialen Medien eine Kampagne der Diffamierung gegen die Bildungsministerin, Frau Nouria Benghrebit, durchgeführt. Gerade im September hat sie untersagt, dass Lehrerinnen im Niquab unterrichten dürfen. Für uns ist es das Kopftuch, und in Algerien die nächste Stufe der Verhüllung, die im öffentlichen Raum zum Thema wird. Das Thema wird aber genauso erbittert geführt. Die „Stufen“ sind andere.

Außerdem gab es im Sommer 2018 mehrere konzertierte, sehr gezielt geplante Aktionen von Salafisten um Musikgalas zu verhindern. Dies kann man zwar nicht unmittelbar als Angriff auf Frauen bezeichnen, aber es ist dennoch eine sehr bedenkliche Entwicklung, die auf eine gewisse Weise mit Frauen und ihrer Freiheit verbunden ist. Musik wird schließlich auch mit „freizügig“ gekleideten Frauen verbunden. Salafistische Gläubige führten Sabotage der Veranstaltungen durch indem sie im Freien Massengebete durchführten, sozusagen als Blockade. Sie waren erfolgreich und die Galas wurden abgesagt. Während auch viele in Deutschland den in Frankreich lebenden algerischen Sänger L`Algerino entdeckt haben, wird es zukünftig für ihn immer schwieriger sein in Algerien auftreten zu können. Konzerte im Sommer 2018 von ihm konnten noch stattfinden.

Islamisten versuchen das Frauenbild zu beeinflussen. Frauen die “rausgehen” wollen und frei sein möchten, sei es nur um etwas für uns so banales zu tun wie ein Sandwich draußen zu essen, werden als “verkommen” gesehen, sozusagen, und Männer die zulassen das Frauen raus gehen um ein Sandwich zu Essen werden als ein „Dayouth“, als ein verweiblichter Mann bezeichnet.

Kurz vor dem Fastenbrechen während des Ramadans 2018 griffen Männer eine Frau, die noch joggte, brutal an.  Die Männer sagten ihr, dass eine Frau in die Küche gehört. Frauen bereiten im Fastenmonat Ramadan das Essen zu, und die Joggerin hatte es gewagt, anstatt dessen zu joggen.  Der Aufschrei in den sozialen Medien über diesen Vorfall war groß. Nur wenige Tage später wurde als Gegenreaktion eine Aktion von Frauen, einige ohne Kopftuch, einige mit Kopftuch, gestartet, die sich mit dem Slogan:“ Mein Platz ist überall, nicht in der Küche“ trafen um zu Joggen. Doch nur wenige Tage nach der Aktion der Frauen gaben islamistische Frauen in den sozialen Netzwerken in einer großangelegten Gegenkampagne allerdings den Slogan heraus …“Mein Platz ist in der Küche oder woauchimmer mein Mann es will“….

Im Salafismus muss eine Frau tun was ihr Mann will um in das Paradis zu gelangen. Feministische Frauen in Algerien erleben oft andere, salafistische Frauen als ihre Feindinnen. Einige sagen, immer öfter, der größte Feind der Frau ist die Frau. Sicherlich passt dieser Spruch zum Patriarchat. Das Patriarchat fokussiert sich weniger auf den Mann als Ausbeuter, sondern immer auf die Frau. Trotzdem thematisiert es die fehlende gegenseitige Unterstützung, sogar im Fall von tätlichen Übergriffen.

Durch zunehmende salafistische Strukturen wird Solidarität unter Frauen kaum möglich sein; die salafistischen Gegenspielerinnen sind gut organisiert und werden unterstützt. Frauen gegen Frauen-eine Entwicklung, die ablenkt von der eigentlichen Ideologie und dem gemeinsamen Feind, dem salafistisch geprägtem Patriarchat.

Auch in Deutschland sind viele Frauen die der salafistischen Szene zuzurechnen sind sehr aktiv mit Aktionen, wie zum Beispiel Informationsständen zum Kopftuch mit dem Tenor, „Wieso spricht man über uns statt mit uns..“ oder Hijabi Kreiseln mit Vorträgen über die Frau im Islam. Es wird die gegenseitige Stärkung und Unterstützung betont.  Es geht beim Tragen des Kopftuches um das „Wohlgefallen“ Allahs und nicht um das „Wohlgefallen der Gesellschaft“, und das kompromisslose und standhafte Festhalten an die „islamische“ Kleiderordnung ist deshalb das Ziel, egal wie die „weltlichen“ Konsequenzen aussehen mögen. Der Lohn Gottes wird als größer angesehen wie die Integration. Diese Auslegung des Islam folgt dem Wahabismus-es gibt nur eine Kleiderordnung und eine Interpretation des Korans.

Die Unterwerfung vor Gott ist etwas, was auch das „christliche Abendland“ kennt. Es ist nicht Teil eines neuen „Kulturkampfes“ der immer wieder neu beschworen wird. In Europa waren es Nonnen (und Mönche) die einen ähnlichen Lebensweg wählten. Auch sie verabschiedeten sich vom „weltlichen Leben“. Frauen haben nur im Unterschied zum Christentum Kinder zu bekommen. Nonnen ist dies untersagt, aber beide ordnen sich der „weltlichen Ordnung“ unter.

Bevor „das Andere“ in der Sichtweise auf diese Entwicklung und die Mitwirkung von Frauen konstruiert wird, wie es gerne in Bezug auf den Islam und den Orient getan wird, sollten wir salafistische Frauen als „rechte Frauen“ definieren. Ihre Strategien unterscheiden sich in keiner Weise von den Strategien von anderen Frauen in der westlichen Welt, die rechten, konservativen Strukturen zuzuordnen sind. Andrea Dworkin und in der Zusammenfassung Annelie Borchert führen detailliert aus wieso rechte Frauen dieser Ideologie folgen (https://kritischeperspektive.com/kp/2018-26-andrea-dworkins-right-wing-women-warum-sich-frauen-der-rechten-zuwenden/).

Salafistische Frauen erhoffen sich durch ihre Unterordnung an den Mann (bzw Unterordnung gegenüber Gott, der angeblich genau diese Unterordnung verlangt) beschützt und respektiert zu werden und somit zu überleben, in Sicherheit.

Frauen, die sich verschleiern werden gelobt und gewinnen an „Wert“. In den sozialen Medien erlebt man direkt wie Männer Frauen, die sich verschleiern loben.  Salafistische Männer  „belehren“ andere direkt über die Notwendigkeit für Frauen sich zu verhüllen. Wer liebt und artig ist, bekommt sozusagen ein virtuelles „Smiley“ von Männern und wird zu einer geliebten „Schwester“ im Glauben.

Frauen finden in Algerien, trotz zunehmend höherer Abschlüsse an den Schulen und Universitäten kaum eine Stelle. Nur 13-18 Prozent aller Frauen arbeiten. Zusätzlich sind sexuelle Übergriffe bei der Arbeit häufig. Das finanzielle unabhängige Leben ist also nur sehr bedingt möglich.

Frauen werden in Algerien (wie auch sonst fast überall) aufgeteilt in “Huren und Heilige”.  Salafistische Frauen haben sich  für den Weg der “Heiligen” entschieden. Zur Abgrenzung definieren auch sie andere Frauen als „Huren“; sie sind im Patriarchat im Konkurrenzkampf zu ihnen und können durch die Bekämpfung der anderen Frauen die eigene Position stärken. Weiblichkeit definieren auch sie als das Dasein als Mutter und als Hausfrau. Leider führt ein Konkurrenzkampf im Kontext von Religion zu immer extremeren Verhaltensweisen, denn eine andere Frau ist immer noch religiöser und diese weitere Religiosität muss man selbst auch erreichen. Eine Spirale die nur zum Niquab/Burka führen kann. Diese Versuche der Anpassung im Patriarchat finden natürlich auch auf anderen Ebenen statt, je nachdem welches Modell zur Unterordnung in welchem Patriarchat gerade gewünscht ist (weibliche Genitalverstümmelung, absolute sexuelle Verfügbarkeit usw).

Zusätzlich spielt sicherlich auch Pornografie eine Rolle. Frauen glauben, durch „gläubige“ Männer sicher zu sein davor, dass diese Männer Pornos ansehen. Die Religion bietet ihnen ein übergeordnetes Kontrollinstrument. Wenn Sie, die salafistischen Frauen „lieb und artig“ sind, wird sozusagen sich der Mann treu und respektvoll ihnen gegenüber verhalten. Auch hier gibt es das christliche Äquivalent mit dem bekannten Spruch…“the family that prays together stays together“ (die Familie, die zusammen betet, bleibt zusammen).

Salafisten selbst greifen alles an, was nicht der strengen wahabitischen Auslegung des Korans gehört. Der Koran und die Definitionsmacht hierüber gehören ihnen, ihrer Meinung nach. Frauen zu besitzen, Frauen zu haben die ihnen zur Verfügung stehen müssen, ist sowieso das Ziel aller Männer überall.

Die direkte Einmischung von Frauen aus den ehemaligen Kolonialländern zu diesem Thema ist leider prinzipiell kontraproduktiv, zumindest in Ländern wie Algerien.  Die Verschleierung oder viel besser der Versuch der Entschleierung ist eng verknüpft mit den Erfahrungen mit der Kolonialmacht Frankreich. Die Kolonialzeit hat für uns in Europa nie wirklich existiert. Wir wurden in der Schule von dem Thema weitestgehend verschont. Die Wahrheit über die brutale Ausbeutung und Ermordung unzähliger Menschen wurde “verschleiert”. Doch begleiten die Folgen des brutalen Kolonialismus Menschen in den ehemaligen Kolonialländern bis heute. Kolonialismus bildet einen Teil der Identität. Kapitalismus und der Westen sind definiert als System der Ausbeutung im Kontext des (kulturellen) Rassismus.

Der Kampf gegen Salafismus selbst wird in Algerien immer erbitterter geführt; eine komplette Eskalation kann möglich sein. Die Wellen würden auch nach Europa spülen. Schon jetzt berührt uns die Angst vor Salafismus, leider gesehen als identisch mit allen islamischen Strömungen. Salafisten definieren den Islam, sie haben schon diese Macht übernommen. Allein das ist eine schreckliche Entwicklung.

Die Spaltung Algeriens insgesamt hat sich verstärkt. Immer mehr Frauen versuchen im salafistischen Patriarchat zu überleben und wählen den Weg der Anpassung. Die Perspektive ist nicht rosig. Tatsächlich gibt es eine kleine Gegenbewegung. Ebenso lassen sich immer mehr Frauen scheiden oder verzichten auf eine Ehe. Immer mehr Frauen äußern sich sehr deutlich zu männlichem Verhalten. Sie werten es ab. Ein Blatt wird hier nicht mehr vor den Mund genommen.

Insgesamt aber ist alles möglich. Wenn der jetzige Präsident Bouteflika sterben sollte, der seit 1999 im Amt ist, wird ein Machtvakuum erlebt. Wer wird versuchen dies zu füllen?

Bauchtanzromantik und Prostitution: die „Ouled Nail“

Auguste MAURE - Collection privée Gilles Dupont

Auguste MAURE - Collection privée Gilles Dupont

Wer kennt Sie nicht, die Bilder und Fotos von früher, vor vielen Jahrzehnten, auf denen halbnackte Frauen orientalischer Herkunft verträumt in die Kamera schauen oder den Maler zu betrachten scheinen. Diese Bilder schufen früher Sehnsucht, insbesondere bei Männern, und waren mitverantwortlich oder begründeten die sogenannte „Haremsromantik“. Schöne Frauen, die nichts mehr liebten wie in glitzernder Kleidung Granatäpfel und Feigen in die Münder der Männer aus den Kolonialländern zu stopfen und Ihnen sinnlich, erotisch jeden sexuellen Wunsch zu erfüllen. Ganz im Gegenteil zu den prüden und erschöpften Frauen Europas im 17ten und 18ten Jahrhundert, die nur Kartoffelsuppe zu bieten schienen.

Schon früher hatten Männer ein Hang dazu, die „bessere“ Frau zu präsentieren. Heute sind es prostituierte Frauen aus Bulgarien und Rumänien, die für ein paar Euro in Deutschland jeden Wunsch erfüllen müssen und gleichsam verachtet werden, da sie jeden Wunsch erfüllen. Oder früher, vor zwanzig Jahren, waren es die „unterwürfigen“ thailändischen Frauen, die noch geheiratet werden mussten um in Deutschland sexuell zur Verfügung zu stehen. Die Beispiele sind endlos, es gibt und gab immer eine noch bessere Frau in der Unterwürfigkeit und im Gehorsam. Die Frauen werden häufig verkauft als “Exotik” bis hin zu Sex Dolls in der heutigen Zeit. Mehr ist dann wirklich nicht vorstellbar. Diese „Exotik“ ist und war Rassismus, triefend von sexuellen Zuschreibungen basierend auf Herkunft.

In Algerien wurden die prostituierten Frauen der „Ouled Nail“, Frauen aus der Stadt Bou-Saada, im vorigen Jahrhundert vom deutschen Fotografen Rudolf Lehnert fotografiert.  Wahrscheinlich nicht nur fotografiert, da er sich offensichtlich in den geschlossenen Räumen der Prostitution aufhielt. Die Bilder sind eine schreckliche Dokumentation des Kolonialismus und der Prostitution. Blutjunge Mädchen präsentieren sich halbnackt, verewigt zum Abwichsen auf Postkarten für die Masturbationsbedürfnisse europäischer Männer. Wahrscheinlich blieben sie ohne zusätzliche finanzielle Kompensation für ihre „Vervielfältigung“.

Rudolf Lehnert, zusammen mit Ernst Heinrich Landrock (L und L), waren vor mehr wie hundert Jahren sehr bekannt als Fotografen der Orientalistik. R. Lehnert reiste 1904 nach Tunesien und eröffnete in Kooperation mit Landrock ein Fotostudio in Tunis. Fotos aus dem Orient waren seine „Passion“, insbesondere eben die Fotoreihen blutjunger Mädchen. Er fotografierte auch die jungen Mädchen der Ouled Nail aus Bou-Saada.

Die Geschichte der „Ouled Nail“ ist aber weniger exotisch und erotisch wie es uns die  Orientromantik der Vergangenheit glauben machen wollte. Diese ist sowieso heute fast völlig verschwunden, stehen Frauen, auch früher in Bou-Saada übrigens völlig verschleiert, nicht mehr so einfach dem europäischen Mann sexuell zur Verfügung. Es gibt tatsächlich noch Burkaporno, aber es gibt sowieso jeglichen Fetisch den Mann sich ausdenken kann. Mir fällt jedenfalls keine andere Erklärung ein für das Verschwinden der Orienterotik beim westlichen Mann. Wahrscheinlich spielt aber auch das „Überangebot“ der Ware Frau aus aller Welt eine Rolle.

Die Prostitution der Ouled Nail in Bou-Saada entspricht der Entwicklung der Prostitution überall.

Das Militär kam, ließ sich mit einer Garnison nieder, und brauchte Frauen für die Soldaten, in anderen Worten, Männer mit Geld verlangten Frauen und bekamen sie. Hier können wir dem Ganzen nur noch Bauchtanz und sehr sehr viel Schmuck beifügen als Element der ewig gleichen Geschichte der Prostitution. Dazu kommt vermeintlich einen Hauch von Fernwehromantik und Exotik. Und die Idee der Selbstbestimmung und Mitwirkung der prostituierten Frauen gehört auch dazu. Die Einheimischen, sprich Eingeborenen, wollten es nicht anders und sind einfach so. Ähnlich wird das Konzept noch heute reproduziert im „interracial porn“. Verschiedene Ethnien sind sexuell anders und „brauchen es“.

Die Bevölkerung Bou-Saadas bestand ursprünglich, vor dem 18ten Jahrhundert, aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen wie Araber, Juden, Mozabiten, Europäer, dem Militär und den „öffentlichen Frauen“ (filles publiques), aus denen die Ouled Nail hervorgingen. Sie tanzten bei Festen und Veranstaltungen und führten traditionelle Tänze auf. Als Bou-Saada kolonialisiert wurde im Jahre 1845, lebten hier 5000 Menschen. In diesem Zeitraum zog eine Garnison von 500 Männern  in den Ort.

Am Abend saßen die Händler und die Soldaten in den maurischen Cafes um sich abzulenken. Die jungen Mädchen der Ouled Nail begannen dort mit ihrer festlichen Kleidung und Verzierungen zu tanzen. Da sich aus diesem Entertainment schnell Prostitution entwickelte, entstand das „Asyl der Naila“, ein abgeschlossenes Gebiet. 1930 hatte Bou-Saada schon 50 000 Einwohner und es entstand eine „Toleranzzone“, die auch als Straße der Ouled Nail bezeichnet wurde. 1952 gab es hier zwanzig Häuser mit durchschnittlich fünf prostituierten Mädchen oder Frauen.

Bou-Saada war immer eine touristische Stadt und so wurden die Abende „m`bita“ initiiert, an denen gesungen und getanzt wurde. Die Tänze entsprachen zuerst traditionellen Tänzen, wie der Tanz Saadaoui, der auch Naili genannt wurde. Die Kostüme wurden immer ausgefallener und auffälliger um für die Männer interessant zu bleiben. Es kam schließlich zum „Nackttanz“ am zweiten Teil des Abends. Die Musiker haben dann in der Regel ihre Gesichter gegen die Wand gerichtet und gespielt. Als Muslime wollten sie die nackten Frauen nicht sehen. Die Frauen der Ouled Nail verzichteten in den geschlossenen Räumen der Prostitution auf ihre Schleier, aber außerhalb trugen sie den Schleier bu`awina, der nur noch ein Ohr zu sehen ließ. Unter dem Schleier trugen die Ouled Nail ihren kompletten Schmuck und ihre Kostüme. Vollverschleierung war ein traditionelles Gebot für alle Frauen in Bou-Saada, inklusive der Ouled Nail.

Die jungen prostituierten Frauen der Ouled Nail rekrutierten sich aus der Familie oder aus der Dorfgemeinschaft. Für die Initiierung in den Tanz, der den Eintrittspunkt in die Prostitution darstellte, war eine längere „Ausbildung“ notwendig. Fatima die Kapitänin zum Beispiel besaß 20 junge Tänzerinnen, die sie aus ihrem Dorf rekrutiert hatte und Yamina hatte alle ihre Schwestern und Nichten in den orientalischen Tanz und entsprechend in die Prostitution eingeführt. Wenig mehr ist bekannt. Die Verwaltung von Bou-Saada setzte die Steuern fest und legte die Prostitutionstage für die einzelnen Gruppen zur Konfliktvermeidung fest (Militär und Zivil getrennt). Regeln für die Prostitution wurden auch von der Verwaltung in Algier festgelegt, ebenso Gesundheitskontrollen.

Die Prostitution finanzierte den Familien der Ouled Nail Häuser, Gärten und Viehbesitz. Es erlaubte ihnen zu leben.

Es gab Kinder, da traditionelle Verhütung nicht immer effektiv war. Die Mädchen waren dann auch vorbestimmt für die Prostitution, sprich Bauchtanz, und die Jungen konnten durch Bildung eventuell das Milieu verlassen oder „verwalteten“ die Angelegenheiten der prostituierten Familienangehörigen.

Viele der „Ouled Nail“ waren bald gezeichnet vom Alkohol und vom Tabak und verelendeten. Auch hier in einer anderen Zeit und Kultur war die Benutzung des Körpers durch fremde Männer anscheinend nur mit Suchtmittelkonsum erträglich. Einige Frauen schafften den Ausstieg. Teilweise konnten sie den Weg Gottes als Option wählen. Sie kamen dann zur Gemeinschaft der Schwestern im Islam und spendeten Geld an wohltätige Zwecke. Wenn genug Geld vorhanden war, wurde in eine Reise nach Mekka investiert.

Jüngere „Ouled Nail“ konnten manchmal heiraten als Option des Ausstiegs. Der Prophet Mohammed empfahl den gläubigen Männern die Heirat einer prostituierten Frau um die Prostitution zu beenden. Wie man gläubig sein kann und Zugang zu Frauenkörpern kaufen kann, ist natürlich fraglich. Christliche Männer wurden nie geheiratet (oder umgekehrt, sie heirateten keine Ouled Nail).

Nach 40 Tagen Kontaktabbruch zum zukünftigen Ehemann war eine Hochzeit möglich. Diese Zeitperiode der Abstinenz ist im Koran vorgeschrieben, um vor einer Ehe sicher zu stellen, dass eine Frau nicht schwanger ist und ganz im Sinne des Patriarchats die Vaterschaft vermeintlich sicher festlegen zu können.

Die Prostitution der „Ouled Nail“ verschwand mit der algerischen Unabhängigkeit, ebenso verschwanden viele nähere Informationen zu diesem Thema.

Insgesamt war in Algerien die Geschichte der Prostitution vor der Kolonialzeit eine Geschichte der Sklaverei und „Geliebten“. Regeln der Prostitution wurden erst von der Kolonialverwaltung aufgestellt, da die Gesundheit der Soldaten gewährleistet werden musste. Gott bewahre, die Truppen sollten alle an Syphillis verrecken und die ehrenvoll keusch wartenden Ehefrauen im französischen Vaterland etwas von den sexuellen Aktivitäten ihrer Ehemänner oder Verlobten erfahren. Daran hat sich bis heute nichts geändert; nur die wenigsten Partnerinnen von Soldaten, egal welcher Nation, ahnen etwas von deren sexueller Ausbeutung von einheimischen Frauen. Der Zusammenhang von Prostitution und Militär ist eng, immer und überall, aber die eigenen Ehemänner sind sicherlich immer edel und gut.

Frauen in der Prostitution in Algerien waren immer einheimische Frauen, unabhängig ihrer männlichen Benutzer. Auch die prostituierten Frauen für die Soldaten Nordafrikas im zweiten Weltkrieg in Europa kamen aus Algerien, nicht aus Europa. In der untersten Ebene der Hierarchie der Prostitution fanden und finden sich immer mehrheitlich die Ethnien, die am meisten verachtet wurden und werden. Trotz aller Möglichkeiten sich sexuell selbst zu verwirklichen, haben sich also keine Frauen der französischen Oberschicht gefunden um sich durch die Prostitution mit algerischen Soldaten in Frankreich ein eigenes Einkommen zu verschaffen…

1859 gab es in Algier 15 Häuser der Prostitution. Später gab es getrennte Häuser für Europäer und für Algerier, aber die prostituierten Frauen waren immer einheimische Frauen. Nur die Männer sollten sich nicht mischen, aber die unterste Schicht der Frauen, kolonialisierte Frauen, waren für alle benutzbar. Auch nach der algerischen Unabhängigkeit blieben 19 Häuser der Prostitution, ganz legal, aber völlig versteckt, und seit 1995 floriert die Prostitution in den Luxushotels. Ebenso findet Prostitution in Diskotheken statt, wahrscheinlich für Menschen aus Europa kaum erkennbar. Nach einer Befragung des Institutes Abassa aus dem Jahr 2007 gibt es 1,2 Millionen prostituierte Frauen in Algerien. Geschätzte 4 Millionen (bei einer Bevölkerung von heute 40 Millionen) leben direkt oder indirekt von dem Geld der Prostitution. Diese Zahlen machen sprachlos.

In dem Bordell Europas, Deutschland, soll es nur 400 000 prostituierte Frauen geben. Ich kann nicht sagen, ob entweder die deutschen Zahlen stark übertrieben sind, oder ob eigentlich ganz Algerien ein Bordell ist. Ich vermute, dass die deutschen Zahlen leicht untertreiben sind.

Kurz gefasst, frühere männliche Orientromantik war eigentlich nur eine idealisierte Geschichte der sexuellen Ausbeutung von Frauen. Bauchtanz, der Tanz von halbbekleideten Frauen für Männer für Geld, ist ein Tanz der Prostitution. Die ist eigentlich auch körpersprachlich nahe liegend. Bauchtanz für fremde Männer ist die orientalische/nordafrikanische Form des Table Dance sozusagen.

Frauen wurden in der Kolonialzeit zwar prostituiert, und durch das Militär benutzt, aber zeitgleich wurde damit gewoben, die Rolle der Frau in Algerien zu verbessern, durch Kampagnen, auch mit dem Ziel der Entschleierung. Man finde den Fehler; die Kampagnen waren nicht von Erfolg gekrönt.

1959 wurden schließlich 2 Millionen Algerier und Algerierinnen zwangsinterniert. Die französische Armee setzte auch hier in einem nicht mehr ermittelbaren Ausmaß sexuelle Gewalt gegen Frauen ein. Vielfach wird noch heute erzählt, dass Mädchen und Frauen in den Dörfern vor der Internierung versucht haben sich mit Dreck zu beschmieren, sich nicht zu waschen, sich die Haare abzurasieren. Sie hatten Angst vor Vergewaltigungen durch französische Soldaten. Genützt hat es wahrscheinlich so viel wie es anderen Frauen in anderen Ländern genützt hat die ähnliche Maßnahmen ergriffen haben. Gar nicht. Sie glaubten aber, es gehe bei Vergewaltigung um sexuelle Lust und nicht um Macht und Erniedrigung. Orientalische angebliche Mystik und Sinnlichkeit hatten hier jedenfalls keinen Platz.

Was aber noch mehr erschreckt, immer wieder, ist die ewig gleiche Geschichte der Prostitution und ihrer Verklärung bis hin zu, in diesem Fall, „Romantik“ der orientalischen Frau im letzten und vorletzten Jahrhundert.

Und um ganz ehrlich zu sein widert mich zusätzlich der Soldatenkult immer wieder neu an. Die Unterwerfung und Benutzung von Frauen überall auf der Welt durch das Militär, ob im Krieg oder danach ist erschreckend. Ob ich als Frau durch John, Tarek, Reinhard, oder Miguel prostituiert oder vergewaltigt werde, bleibt sich irgendwie gleich.

Nacktfotos von Lehnert https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Orientalist_nude_photographs_by_Lehnert_%26_Landrock

https://algeriepart.com/2017/10/08/enquete-lhistoire-meconnue-de-prostitution-algerie/

https://journals.openedition.org/clio/584  La danseuse prostituée dite « Ouled Naïl », entre mythe et réalité (1830-1962). Des rapports sociaux et des pratiques concrètes, B. Ferhati.

Aufnahmen Youtube der Ouled Nail:

https://www.youtube.com/watch?v=Guc_SvyGBkI