Patriarchale Verhältnisse benachteiligen Frauen systematisch am Arbeitsmarkt

Alfred T. Palmer [Public domain], via Wikimedia Commons

Dieser Artikel erschien zunächst bei der Huffington Post Deutschland

Wenn wir darüber sprechen, warum Frauen sich auch im 21. Jahrhundert noch überwiegend in einer prekären Situation wiederfinden, dann kommen wir nicht umhin uns mit dem Arbeitsbegriff auseinanderzusetzen, die historische Entwicklung zu betrachten und uns die Dynamiken im Feld der Ökonomie anzuschauen.

Frauenarbeit – Männerarbeit

Die Trennung der Arbeitswelt in einen öffentlichen Bereich (des Mannes) und den häuslichen Bereich (der Frau) wird traditionell als “natürlich” angesehen, ohne dabei zu berücksichtigen, dass sich diese Arbeitsteilung erst mit der patriachalen Ordnung entwickelt hat.

In ihr werden Frauen definiert über ihre reproduktiven Funktionen, also über die Produktion von Babies.

Um den “Vorrang der Vaterschaft” (künstlich) herzustellen, muss nach dem französischen Soziologen Bourdieu die “wirkliche Arbeit der Frau beim Gebären” verschleiert werden. Die gleiche Gesellschaft, die häusliche Arbeit als “wichtigste Stütze der Gesellschaft” glorifiziert, wertet sie als “Frauenarbeit” ab.

So werden häusliche Tätigkeiten bei der Berechnung des Bruttoinlandsproduktes unsichtbar gemacht. “Hausfrauen” gelten hier als “Nichtproduzierende”, “inaktiv” und “unbeschäftigt”.

Zusammen mit der häufiger von Frauen abgeleisteten ehrenamtlichen Tätigkeit, würde das jeweilige BIP bei Berücksichtigung all dieser Tätigkeiten um 40% steigen.

Studien zeigen deutlich, dass weltweit Frauen mehr arbeiten als Männer – und dass die Beteiligung an der Lohnarbeit zu kaum oder keiner Reduzierung ihrer häuslichen Tätigkeiten geführt hat: Frauen tragen weiterhin die hauptsächliche Sorge für die Erziehung von Kindern und Pflege von Älteren.

Nicht zuletzt ermöglicht die häusliche Arbeit von Frauen oft erst den beruflichen Erfolg des Mannes – hierher rührt das bekannte Sprichwort “Hinter jedem Mann, steht eine starke Frau, die ihm den Rücken frei hält”.

Der Umstand jedoch, dass die häusliche Arbeit von Frauen kein Geld-Äquivalent hat, trägt auch in den Augen der Frauen selbst zu ihrer Abwertung bei. “Nur” Hausfrau und Mutter zu sein ist bis heute gleichbedeutend damit, “nichts aus seinem Leben zu machen” und “unproduktiv” zu sein.

Bourdieu weist die geläufige Betrachtung nur der produktiven Tätigkeiten als Arbeit als “ethnozentrisch” und historische Erfindung zurück. Arbeit, so sagt er, sei eigentlich definiert als “Ausübung einer gesellschaftlichen Funktion, die man als “allumfassend” oder undifferenziert bezeichnen kann, und die auch Tätigkeiten einschließt, die nicht durch Geld sanktioniert werden.”.

Die geschlechtliche Arbeitsteilung sei objektiv strukturiert in den Gegensatz männlich, öffentlich, diskontinuierlich und außergewöhnlich versus weiblich, privat bzw. verborgen, kontinuierlich und gewöhnlich.

Die Radikalfeministin Andrea Dworkin benannte in ihrem Aufsatz “Sexual Economics” die maßgeblichen Mechanismen, die den untergeordneten Status der Frau auf dem Arbeitsmarkt aufrecht erhalten und die 1998 auch von Bourdieu in seinem soziologischen Spätwerk “Die Männliche Herrschaft” bestätigt wurden.

Frauen erhalten geringere Löhne als Männer, für die gleiche Arbeit

Die unbereinigte Lohnlücke, die sich aus der unterschiedlichen Anerkennung verschiedener Berufe, unterschiedlichen Eingruppierungen oder Teilzeittätigkeit ergibt, liegt derzeit in Deutschland bei 22 Prozent. Aber auch aus dem Vergleich der Entgelte von Frauen und Männern mit gleichen Merkmalen (Ausbildung, Bildungsabschluss, Berufserfahrung) ergibt sich ein so genannter “unerklärter Rest”.

Frauen werden systematisch von Arbeit ausgeschlossen, die durch hohen Status, konkrete Macht und hohe finanzielle Anerkennung gekennzeichnet ist.

So weist der aktuell neu gewählte Deutsche Bundestag mit 30,7% einen nach wie vor sehr niedrigen (und von einem Rückgang gekennzeichneten) Frauenanteil auf. Bei Frauen in Führungspositionen liegt Deutschland mit 35% im europäischen Vergleich weit hinten.

In jedem sozialen Feld sind Frauen in der Feldhierarchie unten

Frauen üben die niedersten Tätigkeiten in einer Gesellschaft aus, egal was darunter jeweils verstanden wird. So sind Männer eher Ärzte, Rechtsanwälte oder haben eine Vollprofessur inne, Frauen sind eher Krankenschwestern, Rechtsanwaltsgehilfinnen oder wissenschaftliche Hilfskräfte.

Bourdieu weist darauf hin, dass sich die Lage der Frauen zwar sichtbar verändert hat, zum einen durch einen erweiterten Zugang zu Hochschulbildung und damit zu bezahlter Arbeit und der öffentlichen Sphäre, zum anderen durch eine gewachsene Distanz zu den häuslichen Tätigkeiten und Reproduktionsfunktionen durch eine verbreitetere Nutzung von Verhütungsmitteln, kürzere Unterbrechungen der Berufstätigkeit, eine steigende Scheidungs- und eine sinkende Heiratsrate.

Dennoch stellt er fest, dass die relativen Positionen unverändert geblieben sind: Bei gleichen Voraussetzungen nehmen Frauen stets die weniger günstigen Positionen ein und ihre Zugangschancen sind umso geringer, je seltener und gefragter eine Position ist.

Wenn Frauen in größerer Zahl in ein Arbeitsfeld strömen, wird dieses Feld feminisiert und damit an Prestige abgewertet

Stellen Frauen die Mehrheit in einem Feld, nimmt dieses den niedrigen Status der Frau an. Treten Männer in ein Feld ein, dann bringen sie Prestige hinein. Demnach wird eine Tätigkeit dadurch zu einer qualifizierten Tätigkeit, dass Männer sie ausüben.

So wurde der Arztberuf in der ehemaligen Sowjetunion überwiegend von Frauen ausgeübt, die gegenüber den Männern in Handwerksberufen schlechter bezahlt wurden.

Falls sich jemals schon einmal gefragt hat, warum kochen zwar gemeinhin als weibliche Tätigkeit gilt, jedoch die meisten Sterneköche männlich sind: Gesellschaftlich kann sich ein Mann, nach Bourdieu, zu bestimmten, sozial als geringwertig qualifizierten Tätigkeiten nicht herablassen.

Indem er bislang als weiblich geltende Tätigkeiten jedoch an sich reißt und außerhalb der Privatsphäre erfüllt, kann er diese bei Frauen “qualitätslosen” Tätigkeiten aufwerten und zu Ruhm verhelfen .

Auf diese Weise wird die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann endlos fortgesetzt, auch dann wenn Frauen Lohnarbeiten und unabhängig davon, welche Arbeit Frauen machen.

Quoten sind nicht die Lösung für das Problem

Der moderne Staat selbst reproduziert die männlich-weiblich Dichotomie in seiner Struktur, Bourdieu nennt es die “paternalistische und protektive rechte Hand” (die nehmende) und die “sozial orientierte linke Hand” (die gebende).

Da Frauen durch ihre Prekarisierung stärker auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, und neoliberale Kürzungen immer zuerst auf den Sozialstaat angewandt werden, sind Frauen immer stärker von Austeritätsmaßnahmen betroffen.

Der liberalfeministischen Ansatz, nach dem der Staat durch eine paritätische Beteiligung von Frauen zu deren kollektiver Befreiung beitragen können, ist ein Trugschluss: Eine Parität in politischen Instanzen kommt vorrangig jenen Frauen zugute, die aus denselben Regionen des sozialen Raumes (Klasse, Ethnie, …) stammen wie die Männer, die gegenwärtig die herrschenden Positionen einnehmen.

Eine amerikanische Soziologin und Feministin fasste dies zuletzt so zusammen:

“Indem ein paar (zumeist weiße) Frauen in den Club gelassen werden, hat das Patriarchat eine Abstreitklausel gegen das Argument der zweiten Welle des Feminismus, dass Frauen als Klasse unterdrückt sind eingeführt.

Systeme der Unterdrückung sind jedoch flexibel genug um ein paar Mitglieder der untergeordneten Gruppen zu absorbieren; sie ziehen sogar ihre Stärke aus der Illusion der Neutralität, die durch diese Ausnahmen generiert wird.

Eine Sheryl Sandberg bei Facebook oder eine Nancy Pelosi in der Regierung ändern jedoch nicht die strukturelle Realität des Patriarchats.”

Es lässt sich empirisch feststellen, dass hohe Positionen bei Frauen, also beruflicher Erfolg, in aller Regel in “Misserfolg” im häuslichen Bereich resultieren: Höheren Scheidungsraten, Kinderlosigkeit oder späte Elternschaft, etc.

Auch umgekehrt ist ein Erfolg im privaten Bereich oft nur mit Misserfolg im beruflichen Bereich realisierbar, zum Beispiel durch eine Teilzeitbeschäftigung, die Frau als Konkurrentin der Männer ausschließt.

Immer häufiger wird heutzutage die Zwei-Job-Belastung von Frauen auch auf Kosten anderer Frauen gelöst:

Das berufliche Vorwärtskommen beruht entweder auf der Abhängigkeit von Familienangehörigen, beispielsweise bei der der Kinderbetreuung, auf der Verlagerung häuslicher Tätigkeiten in den Verantwortungsbereich des Staates (wo die Linie der “Frauenarbeit” in Unterricht, Pflege und Dienstleistung fortgeführt wird) – oder in der Bezahlung osteuropäischer Arbeitsmigrantinnen, wodurch Frauen zu Komplizinnen der Ausbeutung von Frauen aus anderen Ländern werden.

Pierre Bourdieu und Radikalfeministinnen sind sich einig: Die patriarchalen Strukturen werden sich reproduzieren, solange sie bestehen.

Aufzulösen ist die Benachteiligung von Frauen in der Arbeitswelt, wie in jedem anderen sozialen Feld deshalb nur, durch die Ablösung der patriachalen Strukturen, die den Sexismus, Klassismus und Rassismus unauflösbar in sich tragen.

Hannah – ein buddhistischer Weg zur Freiheit oder: Der Lama, die Frauen und Pegida

Als Hannah Nydahl von Dänemark 1968 mit ihrem Mann Ole Nydahl nach Tibet aufbrach, konnte sie kaum erahnen, wie sehr diese Reise ihr Leben verändern würde. Sie trafen dort den einflussreichen Drukpa-Siddha Lopön Tsechu Rinpoche, einflussreicher Lehrmeister des Buddhismus und wurden Schüler des 16. Kamarpas, des höchsten Lamas der tibetischen Karma-Kagyü-Schule. Drei Jahre blieben sie bei ihm und kehrten im Anschluss nach Europa zurück, um den Buddhismus dort seiner wachsenden Anhängerschar zugänglich zu machen. Zwei Faktoren spielten dabei eine Rolle: Die gewalttätige Unterdrückung und Zerstörung des tibetischen Buddhismus durch China und die Begeisterung der Hippies für die Lehren des Buddhismus. Hannah und Ole bereisten in 28 Jahren 80 Länder und errichteten mehrere hundert buddhistische Zentren.

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Freiheit von der Pille – eine Unabhängigkeitserklärung

Anfang des Jahres veröffentlichte Sabine Kray auf ZEITonline einen Artikel mit dem Titel “Die Antibabypille ist unzumutbar”, der binnen kürzester Zeit tausendfach gelesen und geteilt wurde. Ihr Artikel traf einen Nerv: Immer mehr Frauen fragen sich, welchen Risiken sie sich eigentlich mit der jahrzehntelangen hormonellen Verhütung aussetzen. “Freiheit von der Pille – eine Unabhängigkeitserklärung” ist gerade erschienen und setzt sich genau mit diesem Thema auseinander.

Verhütung in Deutschland, die Kontrolle über den weiblichen Körper, das sind auch Ende des Jahres 2017 aufgeladene Themen. Eine Gießener Ärztin muss sich gerade vor Gericht verantworten, weil sie auf ihrer Internetseite angab, Abtreibungen durchzuführen. Als Anfang der 1960er die Antibabypille nach Deutschland kam, wurde sie sehr bald zum Inbegriff weiblicher und sexueller Freiheit. Sex ohne die Angst, schwanger zu werden, war auf einmal möglich und beflügelte die Vorstellung von freier Liebe in der Hippie-Zeit – so wird es uns zumindest erzählt.

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Ich bleibe eine Tochter des Lichts – Meine Flucht aus den Fängen der IS-Terroristen

Die Jesidin Shirin ist 19, als im August 2014 der IS ihr Dorf im Irak überfällt und sie entführt. In “Ich bleibe eine Tochter des Lichts” erzählt sie ihre Geschichte. Shirin will 2014 Abitur machen, sie hat einen Jungen kennengelernt, eine junge Frau am Anfang ihres Lebens. Als die Männer in ihr Dorf einfallen, fürchtet sich Shirin nicht, denn unter den Männern sind viele ihrer muslimischen Nachbarn, Ärzte, Lehrer Freunde sogar, Menschen, mit denen ihre Familie und andere Jesiden lange friedlich zusammenlebten. Doch Shirin findet sich schon bald in einem Albtraum wieder. Es war ihr eigener Lehrer, ein Sunnit, der sie verraten hat. Der IS entführt sie und viele weitere jesidische Frauen und Mädchen und versklavt sie. Die Frauen und Mädchen werden immer wieder vergewaltigt – “verheiratet” nennt das der IS. Ihr erster “Ehemann” verprügelt sie nur, verkauft sie dann aber weiter. Neunmal wird sie “verheiratet”, wie ein Gegenstand unter den IS-Kämpfern weitergereicht. Schläge, Misshandlungen, Essensentzug und andere Folter wechseln sich mit Vergewaltigungen ab. Als Shirin schwanger wird, treibt sie das Kind ohne fremde Hilfe ab. Nach Monaten Folter gelingt ihr schließlich die Flucht.

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Celestine Ware: Schwarzer Feminismus

Woman Power Emblem Red

Public Domain

Cel(l)estine Ware war eine schwarze radikalfeminsitische Aktivistin, Autorin (z.B. von “Woman Power: The Movement for Women’s Liberation”)und eine der Gründerinnen der New York Radical Feminists. Bei dem nachfolgenden Artikel handelt es sich um Auszüge eines Textes aus der Anthologie Radical Feminism, herausgegeben von Anne Koedt, Ellen Levine, Anita Rapone. Der vollständige Text kann hier gelesen werden.

Die Ablehnung von schwarzen Frauen durch schwarze Männer ist ein Phänomen, welches sich am besten durch den Hass der schwarzen Männer auf das Schwarzsein und durch das Bedürfnis zu dominieren, welches den männlich-weiblichen Beziehungen zugrunde liegt, erklären lässt. Als solche, ist diese Ablehnung eine exzellente Untersuchung für Feministinnen. … Die Reaktion der schwarzen Männer ist der Vorläufer dessen, dem sich alle Feministinnen gegenüber sehen werden, wenn sie an Stärke gewinnen. Sobald Frauen anfangen Positionen der Gleichheit mit Männern anzunehmen, wird ihnen bösartige Gewalt entgegen schlagen, genau wie die, die gerade von schwarzen Frauen ertragen wird. Sie werden auch feststellen, dass Männer sie zugunsten von „feminineren“ Frauen ablehnen werden. […]

Wenn es einer schwarzen Frau gelungen ist, was selten der Fall war, eine prominente Position zu erkämpfen, wurde ihr das bitterlich krumm genommen von den schwarzen Männern. [… ] Dennoch hat die Geschichte schwarze Frauen unabhängiger als die meisten amerikanischen Frauen gemacht. Da sie nicht vom schwarzen Mann abhängig sein konnten in Bezug auf ihre finanzielle Absicherung oder ihren Schutz, haben sie keine Angewohnheit zur Unterordnung unter die männliche Autorität erworben.  Aufgrund dieses Versagens eine  Unterwürfigkeit zum Mann zu entwickeln, werden schwarze Frauen sowohl von schwarzen Männern aus der Unter- als auch Mittelschicht herabgesetzt. Der schwarze Mittelschichts-Mann, wie Mr. Hernton, betrachtet die schwarze Frau als dominant und kastrierend:

„Wiederholt wurde ich Zeuge davon wie Negro Frauen ihre weißen Ehemänner regelrecht dominiert haben. […] In allen außer ein paar wenigen schwarze Frau – weißer Mann – Beziehungen ist es der Mann der sich anpassen muss […]“  […]

Der Unterschichts-Schwarze sieht schwarze Frauen als Bitches an. Der Wohlfahrtsstaat hat die arme Frau ökonomisch unabhängig von den Männern, die in ihr Leben kommen und gehen und auf die sie sich nicht verlassen konnte, gemacht. Arme schwarze Männer beklagen sich darüber, dass ihnen gesagt wird „Verpiss dich! Und komm nicht wieder, bevor du nicht einen Job hast!“ Es gibt einen Antagonismus zwischen schwarzen Männer und Frauen, vor allem in den ärmeren Segmenten der Community. Die Frauen verachten die Männer dafür, dass diese nicht in der Lage sind Arbeit zu finden und für ihre Familien zu sorgen, oder dass sie ihr Geld beim Glücksspiel verzocken oder an andere Frauen oder für Alkohol verschleudern. Die Männer fluchen über die Frauen, weil die nicht feminin sind und Trost spenden.

Der Fehler, den sowohl SoziologInnen als auch die schwarzen Männer machen, ist die Annahme, dass diese Frauen es gewählt haben Kopf ihrer Familien zu werden. Sie wurden standardmäßig zu Haushaltsvorständen – weil sie die einzigen in ihren Familien sind, die Verantwortung zeigen. […]

Es ist der Druck der Armut und des Lebens im Slum, die die schwarze Familien zerreiben  und die Rolle des Mannes als Vater und Beschützer zerstören. Es ist dieser Druck, nicht die schwazrne Frauen, die Männer mit Selbstvertrauen zu Helden des Ghettos machen. In Harlem, in Watts, in Hough, gewinnt der angebetete Mann das Spiel: er kleidet sich schrill, hat eine Reihe von Freundinnen und keinen richtigen Job. Er kommt mit einem bisschen von diesem und einem bisschen von jenem über die Runden. Für den armen Mann bedeutet die traditionelle Rolle des Haushaltsvorstands keine Vergrößerung des Egos. Ökonomischer und sozialer Rassismus zwingen ihn in dieser Rolle inadäquat zu sein.  Deshalb wurde die schwarze Bitch kreiert, um den Schwindler zu rechtfertigen.

Fletcher Knebel zufolge war es Abbey Lincoln, die erstmalig den aktuellen (noch unorganisierten) Unmut schwarzer Frauen verbalisierte […]: „Wir sind die Frauen, deren Nase „zu groß“ ist, deren Mund „zu groß und vorlaut“ ist, deren Hinterteil „zu groß und breit“ ist, deren Füße „zu groß und platt“ sind, deren Gesichter „zu schwarz und glänzend“ sind, die einfach für jeden verdammt noch mal „zu“ sind.“ Sie bezog sich dabei auf Sapphire, die Amazone in der Vorstellung schwarzer Männer. […].

Kürzlich sagte ein schwarzer Lehrer: „Für den schwarzen Mann ist die schwarze Frau zu sehr wie seine Mutter. Er empfindet sie als dominant, rechthaberisch, als eine Frau, die den Laden schmeißt. Er möchte jedoch eine begehrenswerte, einfache Sexkumpanin, und die findet er in der weißen Frau.“ Was wird passieren, wenn diese begehrenswerte weiße Puppe zur Realität wird? Vielleicht wird sie zurückgewiesen für eine unbeschwerte Orientalin? […]

Angst und Furcht lassen den schwarzen Mann die „böse“ schwarze Frau konstruieren. Derzeit hat die „schwarze Bitch“ ziemlich wenig mit der tatsächlichen schwarzen Frau zu tun […]. Die Zitate legen nahe, dass die Männer die da reden kaum ernsthaften Kontakt zu irgendwelchen Frauen haben. […] Ich vermute, dass die schwarze Literatur zunehmend aus giftigen Angriffen auf die böse schwarze Mutter bestehen wird, wenn schwarze Männer zunehmend Machtpositionen übernehmen.

Robert Jensen: The End of Patriarchy

Interessanterweise höre ich in regelmäßigen Abständen (und immer häufiger), dass meine Facebook-Posts oder radikalfeministischen Statements einen konkreten Nutzen durch Denkanstöße für männliche Freunde haben, bzw. sie – für sich ganz persönlich – mit „meinem Feminismus“ etwas anfangen können. Daran wurde ich immer wieder bei der Lektüre von Jensens „Das Ende des Patriarchats. Radikaler Feminismus für Männer“ erinnert.

Man könnte angesichts des Titels versucht sein zu glauben, dass der amerikanische Journalismus-Professor und „Culture Reframed“-Aktivist Robert Jensen hier ein „Ich erkläre euch mal den Feminismus“-Buch vorlegt hat – aber das ist weder sein Anspruch, noch sein Ziel. Vielmehr geht es ihm darum, aus seiner männlichen Position heraus, zu erläutern, warum radikaler Feminismus für ihn als Mann einen unschätzbaren Wert hat. Oder wie Autor Jeffrey Masson sagt: Es ist kein „Mansplaining“-Buch, sondern das Gegenteil davon: ein „Mann-hört-auf-Frauen“-Buch. Wer also tiefgreifende radikalfeministische Analysen lesen will, sollte nach wie vor (und sowieso) zu den Klassikern greifen.

Freimütig räumt Jensen im Vorwort ein, dass sich in ihm zunächst alles gegen die feministische Analyse gesträubt hat, dass jedoch irgendetwas in ihm wollte, dass er weiterliest – seine Hauptmotivation war geprägt von Eigennutz, der Suche nach einem Ausweg aus dem ständigen Wettkampf „ein Mann zu sein“. (S. 3) Jensen nutzt die feministische Theorie, um seine Erfahrungen in einer sexistischen Gesellschaft (den Vereinigten Staaten von Amerika) für sich erklärbar zu machen (S. 16). Er sieht seine Aufgabe als privilegiertes Mitglied der herrschenden Gruppe darin, die Ergebnisse seines Selbstreflektions-Prozesses öffentlich zur Diskussion zu stellen (S. 17).

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Feminist Fight Club – wie man in einer sexistischen Arbeitsumgebung überlebt

“Feminist Fight Club” von Jessica Bennett erschien bereits 2016, ist aber definitiv mein liebstes feministisches Buch für 2017. Die preisgekrönte Journalistin Jessica Bennett (Newsweek, New York Times) hat ein unterhaltsames wie bitterernstes Buch herausgegeben, in dem es um Sexismus am Arbeitsplatz geht. Nein, nicht den, mit den tatschenden Chefs. Den gibt es immer seltener. Dafür immer häufiger den “subtilen Sexismus”. Den, der für eine Einzelne gar nicht so schlimm ist, in der Summe aber verheerend.

Mit viel Humor und Scharfsinn beschreibt sie, auf welche Art von Männern man im Berufsleben so stößt – und wie man mit ihnen umgeht. Da gibt es die “Manterrupters” – die Kerle, die einen ständig unterbrechen. Oder die “Bropropriator” – die Typen, die sich deine Arbeit aneignen und für ihre ausgeben. Der “Himinator” glaubt, ständig anderen zu erklären, was du eigentlich sagen wolltest – und der “Menstruhater” fragt dich bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit, ob du so zickig bist, weil du deine Tage hast.

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Gena Corea: Die neuen Reproduktionstechnologien

Bei dem nachfolgenden Beitrag handelt es sich um eine Übersetzung von Passagen aus einer Rede mit dem Titel “The New Reproductive Technologies” von vom 6. April 1987. Der gesamte Beitrag von Gena Corea auf Englisch ist hier zu finden.

Gewalt gegen Frauen war von Beginn an Teil der […] Gynäkologie in den Vereinigen Staaten. Damit ihr eine Ahnung bekommt, lasst mich euch von John M. Sims, dem „Vater der Gynäkologie“ erzählen.

1845 […] hatte Sims die Idee für eine neue Operation [zur Behandlung von Blasen-Scheiden-Fisteln]. […] Er machte einen Deal mit den Besitzern von schwarzen Frauen [Sklavinnen] um an ihnen herum zu experimentieren. Die Besitzer waren für die Bekleidung und die Steuern für die Frauen verantwortlich, Sims für deren Verpflegung und Unterkunft. Er hielt die Frauen in einem Gebäude hinter seinem Haus – einem Gebäude welches er „Krankenhaus“ nannte.

Er kam auf diese Weise in den Besitz mehrerer Frauen, die er in seinem „Krankenhaus“ für vier Jahre hielt, in denen er bis zu dreißig Operationen an jeder von ihnen durchführte, ohne jegliche Anästhesie. Anästhesie wurde zu dieser Zeit erstmalig von Dr. James Simpson in Schottland angewandt, amerikanischen Ärzten war sie noch unbekannt.

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Marilyn Frye: Wer will ein Stück vom Kuchen?

Quelle: https://alchetron.com

Übersetzung von Passagen aus dem Text „Who Wants a Piece of the Pie“ aus „Willful Virgin: Essays in Feminism (1992, The Crossing Press). Den vollständigen Text findet ihr hier.

1976

Für Feministinnen besteht das allgegenwärtige moralische Problem in Bezug darauf wie man leben sollte darin, das eigene Leben mit den feministischen Werten in Einklang zu bringen. […] Kurz gefasst: Wir müssen uns um unsere Existenzsicherung und etwas darüber hinaus kümmern, wir wollen diese auf eine gesunde Art und Weise verdienen, und all das müssen wir in einer uns feindlich gesinnten, sexistischen Gesellschaft schaffen. Wenn wir uns die Leben von Menschen allgemein mal anschauen, dann scheint es fast schon ein Luxus zu sein, mehr als die Existenzsicherung zu verlangen, und es könnte naheliegend sein zu sagen, dass in einer feministischen Ethik Luxus fast schon elitär erscheint. Da ist etwas dran, aber das ist nicht alles. Zum einen kann es schon sein, dass Revolution so etwas wie Luxus ist – denn man findet ihr Momentum nicht unter den richtig Bettelarmen. Auf der anderen Seite: Wenn es als Luxus angesehen wird, Ressourcen über dem Existenzminimum zu haben, dann wurden wohl viele von uns in den Luxus hineingeboren, genauso sicher wie wir in unsere Unterdrückung als Frauen hineingeboren wurden […].

Für manche von uns ergibt sich dieses Dilemma konkret in Bezug auf Arbeit und Privilegien. Einige Feministinnen haben Zugang zu Positionen im Establishment oder einer Profession, oder streben dies an. […] Es gibt Feministinnen, die demgegenüber misstrauisch sind und die geneigt sind, solche Möglichkeiten oder Hoffnungen aufzugeben, als Teil ihrer Ablehnung von Klassenprivilegien.

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We Were Feminists Once: Wie Feminismus zu einer Marke verkam

Das Buch “We Were Feminists Once: From Riot Grrrl to CoverGirl®, the Buying and Selling of a Political Movement” von Andi Zeisler, einer der Macherinnen hinter Bitch Media, liegt seit Monaten auf meinem “Must read” Stapel und nun habe ich so lange gewartet, dass es die deutsche Übersetzung unter dem Titel “Wir waren doch einmal Feministinnen” beim Rotpunktverlag gibt. Umso wichtiger, es endlich zu lesen und zu rezensieren. Denn: Das Buch ist wichtig.

Feminismus, so die Analyse der Autorin, ist in vielen Fällen zu einer Marke geworden, inhaltsleer und ohne gesellschaftliche Wirkung. Alles Mögliche gilt als feministisch, Unterhosen, Push-Up BHs, Zigaretten, Mode, Make-Up, Beyonce, Filme. Das Label “feministisch” hilft dabei, die Sachen an die Frau zu bringen. “Marketplace feminism” nennt Zeisler das und sie zeigt auf, dass dieser eng mit Entwicklungen innerhalb des Feminismus verbunden ist. Der sogenannte “3rd Wave”-Feminismus seit Anfang der 90er Jahre erklärte, dass alles eine Frage der “Choice”, der Entscheidung für etwas ist. Feminismus ist demnach nicht mehr, als die freiwillige Entscheidung für Dinge, die sich ohnehin nicht ändern lassen, die Entscheidung, nicht der Inhalt oder die Folgen, gelten als feministisch. Wenn aber die “Choice” das entscheidende Moment für Feminismus ist, dann passt sie hervorragend zum Konsum, zur Kaufentscheidung und das Label “Feminismus” kann auf so ziemlich alles gepackt werden, was Frauen betrifft. In diesem Sinne ist das Buch eine ziemlich erfrischende Abrechnung mit dem Spaßfeminismus oder “liberalen Feminismus”, obwohl sich Zeisler selbst als 3rd Wave Feministin versteht und den ein oder anderen Seitenhieb auf radikale Feministinnen (die, die ihre Kritik an der Gesellschaft und nicht der invididuellen Entscheidung ausrichten) verkneifen kann.

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