Ab heute alleinerziehend

Mutter mit Kind

Photo by Thiago Cerqueira on Unsplash

Tina Corbé ist alleinerziehende Mutter, beruflich erfolgreich und sie hat genug davon, dass Alleinerziehende ständig als Mütter zweiter Klasse behandelt werden. Wie alle jungen Frauen träumte auch sie von einer klassischen Familie – bis das Leben zuschlug. Der erste Mann betrog sie mit der besten Freundin, der zweite setzte sie schwanger vor die Tür. Da entschied Tina Corbé, die Ärmel hochzukrempeln und sich alleine durchzuschlagen – mit Erfolg: Heute ist sie auf der Karriereleiter weit oben und lebt mit ihren Töchtern ein unabhängiges und sorgenfreies Leben. Der Weg dorthin war steinig: Sorgerechtsstreitigkeiten, eine lebensbedrohliche Erkrankung, fehlende Unterhaltszahlungen, Diskriminierung durch Arbeitgeber, Jugendamt und Lehrer – Tina Corbé hat alles erlebt, was Alleinerziehenden in Deutschland zugemutet wird. In ihrem gerade erschienen Buch “Ab heute alleinerziehend” schreibt sie über die Situation von Ein-Eltern-Familien:

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Die alltägliche männliche Raumeinnahme

Manspreading (Stockholm Metro)

By Peter Isotalo (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Eigentlich wollte ich ursprünglich das Zitat des Mannes, der mir heute “begegnete” verwenden, das da hieß: “Mädel, deine Titten wackeln!”, aber vermutlich zensiert uns dann Facebook oder ein ähnliches Szenario. Von den alltäglichen Lebensrealitäten dürfen Frauen ja nicht schreiben, ohne sexualisiert zu werden (Stillen z. B.). Es sei denn, es geht um den ultmativen Fun im Porno und nackte Ärsche, die für Autofirmen werben. Aber back to topic:

In der Straße, in der ich wohne, gibt es ein Bowling-Center. Und in dem ist ein Zigarettenautomat. Da ich rauche und meine Kippen aus waren, schlappte ich also gegen späten Nachmittag darunter und zog mir eine Schachtel Kippen. Vorher hatte ich mir über mein Spaghetti-Shirt, das ich in meiner Wohnung (ohne BH) trage, ein T-Shirt übergezogen. Immer noch ohne BH, hört, hört.

Ein Mann auf 12 Uhr, der mich passieren will, bleibt vor mir stehen und sagt: “Mädel, deine Titten wackeln, is asozial … aber ich mag’s”, dabei schmatzt er, während er irgendwas Fetttriefendes in sich reinschiebt, das Fett aus seinen Mundwinkeln läuft und er grinst.

Ich bin nicht sehr schlagfertig, wenn auch in vielen Punkten selbstsicherer geworden. Trotzdem fiel mir nichts anderes ein, als zu sagen, “verpiss dich!”. Nicht sehr originell, aber ich war ihn – wenigstens – los.

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Cis mit *

Von Elisabeth-Elstop

Vorbemerkung: Es geht hier nicht um * für diverse Personen, also nicht um * für intergeschlechtliche. In deren Selbstbezeichnungen möchte ich mich in voller Solidarität nicht einmischen.

Es geht um das *, wenn es Frauen, die weder intergeschlechtlich sind, noch sich als irgendetwas anderes sehen als Frauen, aufgezwungen wird. Es geht um das „Cis“, das uns aufgezwungen wird.

Mit „Frauen“ sind in diesem Text die Menschen gemeint, die nicht zu den „Penisgeborenen“ gehören. Der Begriff „Penisgeborene“ ist nicht gerade poetisch, aber diejenigen, die für meinesgleichen „Uterusmensch“ oder „Endosexuelle“ oder „Menstruierende“ für angemessen halten, wenn der Begriff „Cisfrau“ dann doch ein paar häufig gegebene körperliche Merkmale oder Aktivitäten nicht abdeckt, haben sicher Verständnis dafür. Dieser Text bezieht sich auf Frauen und, falls gewünscht, auf diejenigen intergeschlechtlichen Menschen, die ihr Leben von Anfang oder von sehr früher Jugend an als Frau gelebt haben und die sich von „Frau“ nicht wegdistanzieren wollen. Penisgeborene, also solche mit Penis oder Penishintergrund, sind mit diesem Begriff in diesem Text nicht gemeint. Vielleicht verstehen Einige, die jetzt noch davon abgestoßen sind, nach der Lektüre des Textes, warum nicht.

Frau* oder Cisfrau oder die Farce, sich doch Pronomen einfach auszusuchen, haben als Begriffe bzw. Praktiken vier Bedeutungen, die sich aus dem Ansatz hinter ihnen ergeben. Das * soll u.a. auf „Konzeptionierungen“ oder Selbstbezeichnungen hinweisen. Doch es geht um mehr.

Dass aus dem Körper eines Menschen, auch aus dem geschlechtlich bestimmten Körper, nicht auf Fähigkeiten oder Eigenschaften geschlossen werden kann, ist Grundverständnis im Feminismus.

Das * oder das „Cis“ drücken aus, dass sich die einzelne Frau zwar (noch) als „Frau“ bezeichnen darf, aber nur unter der Bedingung, dass es eben mehrere „Konzeptionen“ davon gibt, nur unter der Maßgabe, dass sie sich selber nicht in diesem Begriff als Norm sieht. Denn Gott und Kaiser samt Vaterland bewahret, dass diese Wesen – Frauen! – sich irgendwo als Norm setzen.

Mit * oder als „Cisfrau“ (oder den „selbst ausgesuchten“ Pronomen) bleiben mir nur diese Möglichkeiten:

  • Ich erkenne an, dass ich nicht das Recht auf Normsetzung habe, nenne mich wie gefordert und akzeptiere damit meine eigene Unterdrückung. Das ist unattraktiv.
  • Ich erkenne an, dass ich in dieser Gesellschaft als Frau erkannt werde, weil ich den gesellschaftlichen Klischees oder Erwartungen zu „Frau“ entspreche. Der Körper der Frau darf ja als Referenzpunkt nicht genannt werden, also bleiben Klischees samt sozialer Rolle, wenn ich das * oder das „cis“ akzeptiere, identifiziere ich mich mit diesen gesellschaftlichen Klischees und dieser Rolle. Das ist eine Definition, die aus jedem Akt geschlechtsspezifischer Gewalt oder Diskriminierung ein (Cis-) Privileg macht.
  • Demgegenüber wird gesagt, dass ich individuell den Begriff „Frau“ für mich ja definieren kann, wie ich will, dass ich mich ja so nennen kann, wenn, wann und wie ich will, und alle anderen auch – um den Preis der Bedeutungslosigkeit der Lautfolge <frau>. Darauf lässt sich keine politische Bewegung gründen.
  • Die vierte Möglichkeit, die mir vor allem mit dem * bleibt, ist die Distanzierung nach dem Motto, dass Manche mich für eine „Frau“ halten mögen, ich mich aber anders empfinde – ein Akt der Entsolidarisierung und Klischeezuweisung an andere.
    Auch darauf lässt sich keine Bewegung gründen.

Im besten Fall landen wir damit, was unsere Rechte als Menschen angeht, im allgemein humanitären Bereich, und dass das für Frauenrechte nicht ausreicht, hat sich die letzten 7000–10000 Jahre und auch die letzten 7–10 immer wieder gezeigt.

Im schlimmsten und im wahrscheinlicheren Fall landen wir da, wo wir die letzten 7000–10000 Jahre immer wieder hindelegiert wurden: Im sprachlosen Bereich.

Auch darauf lässt sich keine politische Bewegung gründen.

Deswegen, und da capo, da capo, da capo crescendo –

zur Wiederholung folgende Feststellungen zu unserer Gesellschaft:

Radikaler Feminismus geht davon aus,

… dass die Benachteiligung und die Unterdrückung von Frauen eine gesellschaftliche Entscheidung nach Blick auf unseren Körper ist, eine Rollenzuweisung und eine Positionsanweisung in einer hierarchischen Gesellschaft und nicht eine Folge unserer Selbstzuschreibung, und dass wir davon auch nicht durch Abschaffen der Analysekriterien und einem Verschieben von Begriffen wegkommen.

… dass die Sozialisation von Frauen, die bis in konkrete Körpererfahrungen reicht, eine andere ist als die Sozialisation anderer Personen und dass daher die ohne Penis geborenen nach wie vor das Recht auf eigene Räume haben müssen – und auf eigene Definitionen in politisch tragfähigen Begriffen, die mehr zum Ausdruck bringen als allgemein humanitäre Anliegen und etwas anderes als die Akzeptanz unserer Unterdrückung.

… dass unsere pausenlose Sozialisation als mütterliche, verständnisvolle, nährende und bescheidene Personen, als nützliche Idiotinnen, die sich um alles kümmern, außer sich selber, unserer Befreiung im Weg steht und wir daher eigene Räume nach wie vor brauchen, Räume ohne die Profitierenden der jetzigen Ordnung, deren Privilegierung in der Akzeptanz sämtlicher Forderungen uns gegenüber dokumentiert ist, unabhängig von anderen Problemen oder Diskriminierungen, denen sie ausgesetzt sind. 

… dass wir anderen keine eigenen Räume streitig machen und keine individuelle Selbstbezeichnung, aber auf unseren Räumen und Begriffen bestehen. Das bedeutet auch einen Begriff „Frau“, der nicht jede Person einschließt, die das fordert.

Die Alternative zu diesen Forderungen können wir in der Entwicklung des LFT – des Lesbenfrühlingstreffens – ablesen. Es ist die gleiche Entwicklung, die JEDER Frauenraum und jede Fraueninitiative genommen hat, die sich geöffnet hat.

Am Anfang waren nur einzelne Männer da, bei Lesben einzelne Trans, die zunächst noch vorsichtig und solidarisch waren. Einige blieben und bleiben es auch. Gleichzeitig bedeutete sowohl die Sozialisation vieler dieser Männer und Transfrauen als auch die der Frauen eine Marginalisierung, ein Zurückdrängen, ein Verschieben der Frauenthemen und entsprechender Anliegen, ein ewiges Platzmachen, ein braves Zuhören durch die Frauen.

Im nächsten Schritt waren diese Männer und sind jetzt die Transfrauen erheblich prominenter vertreten – in den Vorständen, den entscheidenden Gremien, in der Vertretung nach außen, bei Entscheidungen nach innen – sie sind nicht nur informell maßgeblich, sondern bereits formell angekommen und dominieren jetzt die gesamte Struktur des Raumes oder der Gruppe.

Im letzten Schritt ist aus einer feministischen Initiative oder einem Frauenraum mit frauenpolitischen Schwerpunkten einfach eine weitere allgemeine Initiative geworden. Sei es bei den Gewerkschaften, sei in den Parteien und sei es bei Queer. Das Mittel dazu war immer der Verlass auf unsere Sozialisation und das Einschwören auf „gemeinsame“ Ziele, die Behauptung, dass wir „gemeinsam“ doch viel stärker sind.

Trans* sind durch Übernahme und Kolonisierung des Feminismus tatsächlich stärker. Ohne Feministinnen wären sie eine winzige Splittergruppe.  Bei Konservativen, Reaktionären und Rechten hat der jetzige, aggressive Transaktivismus nichts zu holen, da diesen Leuten der Blick auf die Zusammenhänge fehlt um zu verstehen, wie sehr ihre Anliegen durch diesen Aktivismus eigentlich bedient werden. Also sichern sich Trans die Linke und die Grünen und Antifa-Gruppen. Feministinnen haben bei den Linken nur oberflächliche Freunde, mehr als Zugang zu Abtreibungen und folgenlose Ablehnung allzu offener Gewalt ist selten drin. Der Gedanke, dass es den lauten Frauen endlich an den Kragen geht, jetzt, wo es bei Gleichstellungen nicht mehr „nur“ um Frauen geht, lässt die linke Blogosphäre richtiggehend schnurren, jauchzen und frohlocken.   

Was passiert, wenn Frauen weiterhin einen Fokus auf Frauenthemen und Solidarität einfordern, konnten wir bei Michfest sehen, wir können es bei den Dykemarches sehen – eine gerne akzeptierte, weit unterstützte oder, falls die Taktiken zu sehr auffallen, geflissentlich übersehene Kampagne der Verleumdungen und der Gewalt beseitigen diese Veranstaltungen oder entstellen sie bis zur Unkenntlichkeit. Hierzulande dient der schnelle aalglatt hingeworfene Satz der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ als Einschüchterungstaktik. Die wirkt, auch wenn es absurd ist, wenn Bedenken zu eigenen Räumen und Sprache damit bedacht werden und noch absurder, wenn ausgerechnet denen, die sich für links halten, nicht anderes einfällt als „Feminazi“ ….

Was hier leider auch im Feminismus verwechselt wird, ist solidarisches Handeln mit Selbstaufgabe, Solidarität mit Zulassen von Übernahme bzw. Kolonisierung. Sich mit Trans* gegen die AfD zu stellen, geht auch ohne Aufgabe unserer Räume und Sprache. 

Dass unsere Solidarität immer nur eine Einbahnstraße ist, können Frauen immer dann beobachten, wenn wir nicht sehr dezidierte und laute Forderungen stellen, wenn wir nicht damit drohen, unsere Solidarität und Unterstützung von einer Berücksichtigung auch unserer Belange abhängig zu machen. Wenn wir unsere Forderungen nicht aufgeben, führt das hin- und wieder zu ermutigenden Ansätzen, Erlebnissen – die Entwicklungen, wenn wir das nicht tun, haben wir immer wieder und wieder gesehen.

Feministische Praxis nicht nur für die, die wir mögen

Zugegeben: Als ich die Schlagzeile las, dass die Betreiberin einer Escort-Agentur und “Sexarbeiterin” Salome Balthus von der Zeitung die Welt in der sie seit einigen Monaten eine Kolumne unter dem Titel “Das Kanarienvögelchen” schrieb, gefeuert wurde, dachte ich mir “Das wurde aber auch Zeit”. War es mir doch völlig schleierhaft, warum sie diese Möglichkeit überhaupt erst bekommen hatte. Ob einer die Inhalte oder der Schreibstil einer anderen Person gefallen oder nicht, ist ja eher subjektiv und Geschmackssache.

Politisch jedoch hatte ich in mehrfacher Hinsicht ein Problem mit dem Podium, welches ihr dort geboten wurde: Zum einen halte ich es nach wie vor für unerträglich, wie viel Raum Mainstream-Medien jenen Menschen einräumen, die sich für die Erhaltung einer der patriachalsten und frauenfeindlichsten Institutionen unserer Gesellschaft, der Prostitution, stark machen – ohne gleichermaßen auch jenen Frauen in und außerhalb der Prostitution diesen Raum zuzugestehen, die Prostitution als kommerzialisierte sexuelle Gewalt empfinden und für eine Welt ohne Prostitution und Frauenverachtung kämpfen. Dem Netzwerk Ella beispielsweise kommt dieses Privileg nicht zu. Dies ist jedoch den jeweiligen Medien und einer Gesellschaft anzulasten, die natürlich lieber jenen ein Sprachrohr verleiht, welche die gegebenen Machthierarchien stärken – und eben nicht jenen, die diese in Frage stellen.

Unklar ist, ob Balthus an der Prostitution der auf ihrer Agentur-Seite angebotenen Frauen verdient. Ist dem so, dann wäre dies in meinen Augen moralisch verwerflich und nach dem von mir und uns vertretenen Nordischen Modell kriminell und strafbar. Dass sie sich, ihre Agentur und ihre “Hetären”-Kolleginen angesichts des Bewerbungsfragebogens auf der Seite offensichtlich für besonders elitär und intellektuell hält: geschenkt.

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Algerien-Aufbruch oder Salafismus

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/eb/Algiers_harbor_1899.jpg

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Seit mehreren Wochen ist Algerien erwacht. Es finden Massendemonstrationen gegen des fünfte Mandat des Präsidenten Bouteflika statt. Die Wahlen sind am 18 April geplant. Allerdings wird ein Systemwechsel gefordert, nicht nur das Ende seiner Präsidentschaft.

Abdelaziz Bouteflika befindet sich im Universitätskrankenhaus in Genf und mittlerweile hat amüsanterweise eine Algerierin eine gesetzliche Betreuung für ihn in der Schweiz beantragt, da er nicht mehr für sich selbst entscheiden können soll.

Bisher waren die Proteste friedlich, aus Angst vor davor, dass Algerien eine ähnliche Entwicklung wie Libyen oder Syrien nehmen könnte (das Ausland will an die Buletten sozusagen, an das Erdöl und an das Gasvorkommen), und aus Angst vor der Zeit des “schwarzen Jahrzehntes” in den 90er Jahren.

Ab heute beginnt ein Generalstreik in ganz Algerien. Am 08. März demonstrierten Frauen, Kinder und Männer friedlich gemeinsam, was deutlich in den Medien betont wurde. Die Ferien der Universitäten wurden gestern um eine Woche vorgezogen und beginnen ab heute, da die Studenten und Studentinnen maßgeblich an den Protesten beteiligt waren und dies weiter verhindert werden soll. An den Universitäten liegt der Frauenanteil der Studierenden übrigens auch bei über der Hälfte (in den wissenschaftlichen Studiengängen bei 54 Prozent).

Algerien ist reich an Erdöl und Erdgas, mit engen Verbindungen zu Frankreich. Wenn Algerien zerfällt,  betrifft dies Europa nochmals mehr wie Syrien und Libyen.

Im Moment wirken die Proteste einheitlich und dies wird betont gefeiert, als “ein vereintes Algerien”, dass den Aufbruch geschafft hat zu einer neuen Zeit.

Aber ist es das wirklich, vereint?

Nein, Algerien ist nicht wirklich vereint und eine Spaltung im Land bestand schon länger. Was wird also passieren wenn der gemeinsame “Feind”, Bouteflika und die “Macht/das System” (le pouvoir) besiegt sein sollten?

Es ist eine spannende Zeit. Wird dafür optiert, die Kandidatur von Bouteflika doch zu beenden, aus gesundheitlichen Gründen um die “Macht” fortführen zu können? Wer wird das Machtvakuum füllen?

Vor Allem, wie sah die Situation im Land vorher aus?. Was wird im Augenblick durch die Proteste überdeckt? Jede Thematisierung eines eventuellen internen Konflikts in Algerien wird im Moment als Gefahr gesehen, auch wenn dieser Konflikt, insbesondere die Zunahme des Salafismus, vorher ein offenes Thema war.

Viele bezeichnen Algerien seit längerer Zeit als Tschkoupistan-eine Wortmischung aus Scheiße/Idiotisch und Afghanistan. Das liegt auch an der Zunahme des religiösen Extremismus, es bezieht sich deshalb ja auf Afghanistan. Der Salafismus  nahm zu ohne nennenswerten Widerstand des Staates. Und angesichts der Auswirkung auf Frauen und zunehmende salafistische Übergriffe auf Frauen, sind die Strukturen im Hintergrund dieser Entwicklung spannend, für Frauen, für uns.

In Algier, auf den Straßen, waren 2018 mehrheitlich nur dunkel verschleierte Frauen zu sehen. Dies war noch vor wenigen Jahren nicht der Fall; es waren nur vereinzelte Frauen dunkel verschleiert. Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Geschäften die dunkle muslimische Kleidung bis hin zur Burka verkaufen. Unverschleierte Frauen sind im Straßenbild wirklich nicht mehr präsent. In der Kabylei, Heimat der Imazighen, Berber, nur wenige hundert Kilometer von der Hauptstadt Algier entfernt, zeigt sich ein völlig anderes Bild. Nur wenige Frauen tragen ein Kopftuch, und mehrheitlich werden bunte kabylische Kleider getragen.

Allerdings stellt auch das Tragen kabylischer Kleider eine Art Zwang für Frauen dar. Die eigene Identität als Imazighen muss durch die weibliche Kleidung Aufrecht erhalten werden. Männer tragen westliche Kleidung, auch wenn man sie im Winter teilweise noch Burnus tragen sieht.

Kabylen wurden durch Araber im siebten Jahrhundert besiegt, und ihre Kultur sozusagen kolonialisiert. Viele Kabylen wünschen sich immer noch häufig die Trennung des Staates von der Religion, einen “etat laic”. Der Hass auf alles arabische ist groß. Viele bezeichnen sich offen als Rassisten gegenüber Arabern.

Umgekehrt ist die Abwertung auch groß. Es wird gesagt, dass Kabylen nicht gläubig sind, da sie Alkohol trinken (was sie tun) und Wildschwein essen. In einem Museum in Algier zum Beispiel sieht man in einer Ausstellung Figuren in einem Dorf der Kabylei, wie sie Wildschwein rösten. Das ganze wird untermalt durch bestialischen Schinkengeruch, damit es auch jede/r wahrnimmt.

Männer in der Kabylei trinken tatsächlich Alkohol in Mengen (im Vergleich zu dem Rest Algeriens, und natürlich nicht alle Männer), was zwar gegen eine Islamisierung spricht, aber das knappe Familieneinkommen wird trotzdem für den Alkohol ausgegeben und den Frauen sozusagen entzogen. Frauen „dürfen“ keinen Alkohol trinken, sofern sie als einigermaßen respektabel gelten möchten. Da das Leben in dörflichen Gemeinschaften stattfindet, sind die Optionen zu anderem Handeln gering. Die soziale Kontrolle ist stark. Frauen werden im öffentlichen Raum nicht belästigt, da jeder jeden kennt. Oder um einen Bekannten zu zitieren ” Ich weiß nicht, was die Männer hier machen würden, wenn sie bei Belästigungen keine auf das Maul bekommen würden..”

Es gibt, sehr wenige, Diskotheken mit Alkoholausschank, Orte der Prostitution. Die Welt ist geteilt, Algier und die Bergregion der Kabylei. Ja, es gibt noch andere Teile Algeriens, aber die Bevölkerung lebt mehrheitlich im Norden des Landes und der Unterschied der “Welten” ist hier besonders groß.

Die Träume über eine matrifokale Kultur der BerberInnen liegen weit in der Vergangenheit, Jahrhunderte weit. Und auch die Tuareg, die dies noch eher bewahren konnten, kämpfen durch die Klimaveränderung nur noch um ihr nacktes Überleben.

Männer können, im Geheimen, trinken und prostituierte Frauen kaufen. Mädchen und Frauen suchen ihren Ausweg im Bereich Bildung. Die Studiengänge in Algerien sind mehrheitlich besetzt durch Frauen und sie erreichen auch schon vorher in viel höheren Zahlen das Äquivalent des Abiturs.

Was diese Entwicklung bringen wird, wird spannend. Jetzt schon wird von gebildeten Frauen und „Eseln“ auf der Straße (Männern) gesprochen, wenn es um diese Bildungskluft zwischen Männern und Frauen geht. Immer mehr Frauen, ob mit Kopftuch oder ohne, drücken ihre Aversion gegen Männer in den sozialen Netzwerken aus, beschimpfen Sie für sexuelle Übergriffe in Algerien und im Ausland. Die Begeisterung in den sozialen Netzwerken bei Übergriffen von Algeriern im Ausland ist immer groß…”die Affen ruinieren unseren Ruf auch noch in Europa, überall wo sie herumhängen”.

Salafistische Frauen stellen das andere Spektrum dar.

Der Organisationsgrad der religiös extremistischen Strukturen ist bemerkenswert und wird ebenso zunehmend in den sozialen Medien thematisiert.

Moscheen werden mit verschiedenen Methoden von salafistischen Imamen übernommen, die Stadtteile Draria, Hydra, Kouba etc in Algier gehören dazu. Ein Gläubiger berichtet davon, dass seine Schwester, die Kopftuch trägt, in der Moschee zum Freitagsgebet von anderen Frauen wegen ihrer Kleidung zurückgewiesen wurde, da sie nicht komplett verschleiert war und keine Burka trug.

Es wird davon gesprochen, dass Salafisten einen wahren Angriff auf Moscheen durchführen, die nicht der wahren Religionsauslegung folgen, sondern der algerischen Variante des Islam folgen.

Es wird von verschiedenen Methoden berichtet, die angewandt werden um die Kontrolle der Gesellschaft zu übernehmen, und die eigene Auslegung des Korans zu predigen. Imame berichten davon, dass ihnen zum Beispiel Geld geboten wurde, und sie schließlich mit körperlicher Gewalt bedroht wurden um Platz zu machen für Salafisten in ihren Moscheen.

Die Organisation der Salafisten ist extrem strukturiert und organisiert. Die einzelnen Teile des Landes sind in Regionen aufgeteilt, mit jeweils einem Verantwortlichen. Der Salafismus wird durch soziale Medien verbreitet und ebenso durch Fernsehkanäle, auf allen Ebenen. Professionelles Propagandamanagement sozusagen.

In den Moscheen wird eine unendliche Anzahl von Broschüren wahabistischen Inhalts verteilt. Die Broschüren werden überall ausgelegt, zwischen die ausliegenden Exemplare des Korans.

Es wird in den Broschüren zum Beispiel dazu aufgerufen nicht den Geburtstag des Propheten zu feiern, wie sonst üblich, denn dies sei eine Feierlichkeit Satans. Ebenso wird sich mit der möglichen Rocklänge von Frauenkleidern befasst, es wird verboten Musik zu hören, oder Photos zu machen. Sufismus wird auch als das Werk Satans angeprangert.

Die Beamte des algerischen Ministeriums für religiöse Angelegenheiten konfiszierten hunderttausende dieser Broschüren bei ihren Überprüfungen, die der „Reinigung“ der Moscheen von anderen Auslegungen des Islam dienen. Einige der Broschüren kommen aus Saudi- Arabien, andere haben keinen Hinweis auf die Herausgeber oder überhaupt den Ort der Druckerei.

Die Broschüren sind mittlerweile auch in Arztpraxen zu finden, in den Wartezimmern.

Die Salafisten versuchen größere Ansammlungen von Moscheen zu übernehmen. Sie bieten freiwillig ihre Hilfe an um sich leicht Zugang zu verschaffen.

Die Kabylei und der Süden des Landes wurden angeblich als Orte des Djihad gegen die Häretiker erklärt.

In einigen Orten in der Kabylei wurden die Kontrolle über Moscheen schon durch Salafisten übernommen, laut einer Quelle sind 8 von 10 Moscheen schon in der Hand der Salafisten. Die Kabylei hat die größte Konzentration von Moscheen im gesamten Land, so dass das Ministerium für religiöse Angelegenheiten nicht alle Imamstellen besetzen kann. Die Situation ist insgesamt bekannt. Kabylen selbst sagen, dass die Kabylei ein Unruheherd sei und deshalb versucht wird durch Moscheen über Religion die Kontrolle zu bekommen.

Der algerische Unabhängigkeitskrieg hatte auch seinen Ursprung in der Kabylei und die Kultur hat, wie gesagt, viele Stimmen, die Säkularismus als Staatsform fordern.

Kabylische Medien sind einfach zu lesen, da sie in der Regel in Französisch veröffentlicht werden. Arabisch ist in diesem Teil des Landes verpönt, auch wenn es jede/r spricht, wenn notwendig. Eine kulturelle Spaltung, die sich durch den Salafismus bis über die Schmerzgrenze hinaus verstärken kann.

Aber auch in der Kabylei sind die Moscheen zur Freitagspredigt voll, sehr viel voller wie vor Jahrzehnten. Die Predigten werden, netterweise, über Lautsprecher verbreitet, so dass es kein Entkommen gibt. Durch die große Anzahl der Moscheen hört man die Predigt der nächsten Moschee, wenn man sich von einer Moschee räumlich entfernt hat und diese leiser wird. Dies war wahrscheinlich der Traum eines jeden Dorfpfarrers vor Jahrzehnten-die Predigt direkt nach draußen schallen zu lassen…

Einige der Moscheen, mit unklarer Finanzierungsquelle, sind größer wie das ganze Dorf. Teilweise schürt sich Widerstand gegen neue Konstruktionen in der Bevölkerung der Kabylei. Vor kurzem wurde in einem Ort in der Kabylei mit Gewalt gedroht, sollte ein weiterer geplanter Moscheebau durchgeführt werden.

In der Kabylei wird davon berichtet, dass viele Salafisten nicht aus der Region kommen, sondern aus Algier oder Blida.

Die Kabylei und der Süden des Landes sind „sensible Orte“. Wenn der Salafismus hier weiter zunimmt, werden religiöse Konflikte geschaffen und einige gehen davon aus, dass dies geplant ist, von wem auch immer. Die Salafisten kommen nicht in den Süden oder in die Kabylei um Urlaub zu machen, so schön es dort ist, sondern verfolgen eine andere Agenda.

Vor einigen Jahren hat der Saudi-arabische Prinz Mohammed Ben Salmane in Zeitungsberichten behauptet, dass die Förderung des Wahabismus in anderen arabischen Ländern von amerikanischen und anderen Verbündeten vor Jahrzehnten gefordert wurde, um im kalten Krieg die Einflussnahme der Soviet Union auf arabische Länder zu verhindern und durch Religion selbst mehr Einfluss nehmen zu können. Eine wirklich spannende Idee, geostrategisch gedacht, vielleicht auch heute noch.

Seit einiger Zeit wird sich in Deutschland politisch und medial auf die Türkei konzentriert, aber was ist mit Saudi- Arabien angesichts der übergreifenden Einflussnahme? Ist dies nicht viel interessanter? Sollten wir nicht eher auf Saudi-Arabien achten?

Saudi-Arabien hat über Wohlfahrtsorganisationen (islamische Weltliga, Islamic Relief Organisation), schon im Kosovo, in Bosnien und in Albanien Moscheen und Imame finanziert, unter anderem.

Vorfälle im Kontext wahabitischer Gruppen gibt es seit den 90er Jahren vermehrt; hunderte von Kosovoalbanern sind dem Djihad im mittleren Osten beigetreten. In Libyen wurden salafistische Gruppierungen gegen Ghaddafi auch mit Geld überhäuft, mit Geld aus Saudi-Arabien.

2018 gab es über 100 Köpfungen in Saudi-Arabien. Eine der bekanntesten Tötungen war die der Menschenrechtsaktivistin Esra Al Ghamgam am 20 August 2018. Das Schweigen der internationalen Medien und der Politik hierzu war bemerkenswert. Es gab keinen Aufschrei, nichts.

Es gab ein paar Diskussionen in Europa auf politischer Ebene angesichts der Kriegsführung im Jemen und deutscher Waffenlieferungen an Saudi-Arabien. Das war es aber auch schon.

Wieso interessiert sich der Westen nicht wirklich für Saudi- Arabien, auch angesichts des „Überschwappens“ des Salafismus in den Westen?  Die Übernahme der Definitionsmacht des Islams mit der strengen Auslegung des Wahabismus, der alle, die dieser Auslegung nicht folgen, zu Ungläubigen erklärt ist bedenklich. Dies erinnert irgendwie an den IS, denn die Rigidität des Glaubens ist ähnlich, irgendwie.

Und natürlich, wieso interessiert sich niemand für Saudi-Arabien und die wahabistische Auslegung der Frauenrolle, die plötzlich zu einer islamischen Rolle umdefiniert wurde. War nicht die Rolle der Frau in Afghanistan so wichtig für den Westen im Kampf gegen die Taliban? Fragen über Fragen.

Man mag sich fragen, welchen Europäer sollte es interessieren, wenn Algerien im Bürgerkrieg endet. Wer interessiert sich überhaupt für Algerien, das Land der Bakterien und 2018 der Cholera? Algerien hat eine Bevölkerung von 40 Millionen Menschen, von denen schon im Augenblick viele ihre Lebenssituation als so unerträglich finden, dass sie davon träumen „Harraga“ zu machen, das heißt ihr Leben mit einem „Glücksboot“ (Glück in Bezug auf am Leben zu bleiben) zu riskieren und über das Meer nach Europa zu fahren. Die Entfernung zu Europa ist nicht wirklich unüberbrückbar, wenn man den Tod in Kauf nimmt.

Sollte es durch die Islamisierung und Spaltung der Gesellschaft zu einem Bürgerkrieg kommen, nach den Demonstrationen der letzten Wochen,  oder zu einer Situation wie im „schwarzen Jahrzehnt“ in den 90er Jahren, als Menschen durch Terror ermordet wurden und Ausgangssperre herrschte, wird der Flüchtlingsstrom ein neues Ausmaß annehmen.

Insbesondere aber Frauen werden im Patriarchat des Wahabismus zu Grunde gehen, und sich für die Anpassung durch religiöse Unterwerfung entscheiden müssen. Vielleicht schafft Algerien aber auch den Weg zu einem neuen System, dass Staat und Religion trennt, da die Angst vor einem völligen Bürgerkrieg eine wahabistische Übernahme unmöglich machen könnte. Die Angst vor der “fremden Hand” ( “la main etrangere”), den ausländischen Geheimdiensten, ist ebenso groß. Es bleibt spannend in den nächsten Wochen und Monaten.

Die Lügen meines Vaters oder: Freiheit ist ein Inside-Job


Es ist ein bisschen aus der Mode gekommen, Existenzialistin zu sein. Das liegt vermutlich daran, dass wir heute ein gewaltiges Angebot vorgefertigter Rollen haben, zwischen denen wir wählen können, ohne zu erkennen, dass aus Unterdrückung nicht Freiheit wird, sobald wir nur zwischen verschiedenen Formen der Unterdrückung wählen können.

Simone de Beauvoir schrieb nicht zufällig eines der grundlegenden Bücher der Frauenbewegung. Sie und Jean-Paul Sartre lebten ihre persönliche Freiheit auch in ihrer Beziehung zueinander, die im Nachhinein immer wieder Interpretationen unterworfen wurde, die deren Erfolg nicht am Grad der persönlichen Freiheit und des Glücks maßen, sondern sie in ihre Denkmuster einzupassen suchten. Mal war Simone de Beauvoir unzufrieden und eifersüchtig, mal hatte Sartre einen Minderwertigkeitskomplex wegen seines Aussehens und deshalb so viele Affären. Die beiden lachen wahrscheinlich bis heute darüber, dass ihre Freiheit noch in nachfolgenden Generationen nicht als Wert an sich betrachtet wird, sondern ihre fehlende Anpassung an soziale Normen als mangelnde Anpassungsleistung und damit defizitäre Persönlichkeitsleistung betrachtet wird. Dabei wird der rhetorische Fehler begangen, im Vorfeld vorauszusetzen, dass Anpassung etwas war, das die beiden jemals als sinnig und nützlich betrachtet hätten.

Revolution ist, wenn man trotzdem lacht

Sowohl Sartre als auch Beauvoir erkannten, dass man die Zusammenhänge, in denen man geboren wird, ob familiär oder gesellschaftlich, nicht ändern kann. Doch anders als viele Soziologen sahen sie diese Verhältnisse nicht als unveränderbar prägend oder auch nur als dominanten Einfluss auf den Lebensweg eines Menschen an. Jeder Mensch hat das philosophische Recht, jederzeit nach dem Leben und der Persönlichkeit zu streben, die er für sich als richtig erachtet. Er hat ein Recht, seine Existenz so zu nutzen, wie er es möchte und niemand, kein Staat, keine Eltern, keine Moral und keine Ideologie hat das Recht, ihn daran zu hindern. Alles, was dieses Recht auf die Gestaltung der eigenen Existenz einschränkt, kann niemals dem Frieden oder Freiheit dienen, da ist der Existenzialismus radikal. Doch der Existenzialismus sagt auch: Nur weil wir im Außen unfrei sind und das kritisieren, dürfen wir nicht aufhören, alle Erfahrungen zu sammeln, alles Wissen zu erfahren, und alle Dinge zu leben, die wir als für unsere Existenz als notwendig erachten. Wir müssen unsere philosophische Reise zu uns selbst antreten, damit aus der äußeren Unfreiheit keine innere Selbstunterwerfung wird. Wir allein sind es für uns selbst, die unserer Existenz einen Sinn geben, und wenn wir das nicht tun, kommen wir irgendwann an einen Punkt, in dem wir in unserem Leben keinen Sinn mehr sehen, egal, wie erfolgreich es im Außen ist. Gelingt uns diese Sinnstiftung aber, und zwar immer wieder, dann überstehen wir selbst schreckliche Erfahrungen relativ unbeschadet, wie etwa die Beobachtungen Antonovsky an Holocaust-Überlebenden zeigten, aus denen er Begriffe wie »Resilienz« und das Modell der Salutogenese ableitete. Revolution ist eben, wenn man trotzdem lacht.

Das Streben nach Glück macht frei

Nun muss man nicht unbedingt Sartre gelesen zu haben, um innere Freiheit zu erreichen. Die Persönlichkeit mancher Menschen hat so starke Triebkräfte, dass ihnen niemals einfallen würde, diese einzuschränken. So zu sein wie alle anderen, ist für sie nicht erstrebenswert, denn sie haben ein unerschütterliches Vertrauen in sich selbst. In meinem Umfeld gibt es zwei solcher Menschen, meinen Sohn und meine Schwiegermutter und das ist kein Zufall. Mein Sohn konnte ohne die Unterdrückungserfahrung korrumpierter väterlicher Autorität aufwachsen und ist deshalb für die Zuschreibungen von außen immun, so immun, dass ich daran jedes Mal verzweifle, wenn ich von ihm Anpassung »zu seinem eigenen Besten« einfordere. »Dir ist wichtiger, was die Leute denken, als dass ich glücklich bin«, sagte er einmal zu mir und erinnerte mich zugleich daran, dass ich nicht nur übergriffig handelte, sondern auch entgegen meiner eigenen Wahrheit. Männer, die Probleme mit ihrer Männlichkeit haben, reagieren auf meinen Sohn immer mit dem Wunsch, ihn autoritär zu unterdrücken, selbst, wenn sie ihn nur fünf Minuten lang kennen. Unnötig zu sagen, dass ihn das wenig beeindruckt, und er dahinter die angst- und komplexgesteuerten Motive erkennt, die eine solche Reaktion bedingen.

Meine Schwiegermutter wiederum ist der stärkste und glücklichste Mensch, den ich kenne. Sie hat schon sehr früh entschieden, dass ihr Glück nicht im Außen liegt, sondern im Inneren und auch wenn sie bisweilen etwas ungeduldig wird, wenn die Menschen, die sie liebt, nicht so schnell erkennen, was für sie richtig ist und sich vom Außen steuern lassen, so betrachtet sie das Glück eines jeden als zusätzliche Bereicherung ihres eigenen. Ihr Sohn ist der erste Mann, mit dem für mich eine tiefere Partnerschaft, die auch meine Kinder einschloss, Sinn machte, denn er kann meinem Sohn eben jenen positiven Männlichkeitsbezug vermitteln, den er braucht, und zwar unabhängig von mir. Die Freude darüber ließ mich vergessen, dass nach allen Gesetzen der bürgerlichen Moral mir ein neues familiäres Glück nicht zugestanden wurde. Neu deshalb, weil die erste Familie meiner Kinder aus mir und meiner Mutter bestand. Mir gab das die Freiheit, all das auszuprobieren oder zu erreichen, was ich jenseits des Kinderkriegens für wichtig hielt und es gab lange keinen Grund, daran etwas zu ändern, bis meine Mutter von ihren frühesten Verletzungen als Frau eingeholt wurde und nicht den Mut hatte, sie zu bearbeiten.

Deine Freiheit bedroht meine Lügen

Diese Entscheidung musste ich akzeptieren und den Weg ohne sie weitergehen, bis zu dem Tag, an dem ich meinen Mann traf. Dass die weniger reflektierten Teile meiner Familie darin endlich den Hinweis sahen, dass zu ihrer großen Erleichterung doch noch »normal« wurde, nahm ich mit Humor. Wenn es sie glücklich machte, was in meinem Leben geschah, wenn auch aus den falschen Gründen, dann war das in Ordnung. Womit ich nicht rechnete, war, dass meine Familiengründung als direkter Angriff auf jene Lügengebäude betrachtet wurde, auf denen pathologische Familiensysteme im Patriarchat eben so basieren. Revolution ist, wenn man trotzdem lacht – wer anders ist, hat zumindest unglücklich zu sein, oder Scham zu empfinden, so lautet die Verdammungsregel der bürgerlichen Gesellschaft, auf keinen Fall aber darf er die bürgerlichen Institutionen, in meinem Fall die Ehe, nutzen und sie in etwas verwandeln, das seinem inneren Streben, seiner eigenen Transzendenz entspricht. Mir war nicht klar, dass der Umstand, dass ich heiratete, die normierenden Kräfte meiner Familie auf den Plan rufen würde, die eine bürgerliche Einordnung meiner Heirat vornahmen. Anders gesagt: Meine Hochzeit ging auch sie etwas an.

Das Patriarchat schickt seine Schergen

Sie taten es in Form der Frau meines Vaters. Er schickte sie vor, weil er das Aufeinandertreffen mit meinem neuen Mann fürchtete. Sie ist nur sechs Jahre älter als ich und in einer Stepford-Wives-mäßigen Weise angepasst, dass es manchmal in eine Karikatur abgleitet, sowohl, was ihre Rolle als Frau, als auch in der Gesellschaft angeht. Selbstständiges Denken hat sie nie gelernt, auf Konflikte reagiert sie mit haltlosem Weinen, nie mit Argumenten. Obwohl mir das immer klar war, hielt ich es nie für nötig, darüber nachzudenken, was der Umstand, dass mein Vater sich so eine Frau gewählt hatte und zwar exakt zu dem Zeitpunkt in seinem Leben, als ich als fast Erwachsene auf ihn traf, mit mir zu tun haben könnte. Sein Leben hatte für mich kaum Relevanz und aus Gutmütigkeit sah ich darüber hinweg, wie seine Frau mein Leben beurteilte, immerhin war ich erwachsen und mein Glück nicht davon abhängig, was sie dachte. Dass sowohl er als auch sie meine Existenz und meine Lebensführung als beständigen Affront sahen und auf mich all das projizierten, was sie in ihrem eigenen Leben verleugneten, hatte ich übersehen und deshalb verzichtet, bewusst zu analysieren, ob ich dabei mitspielen wollte oder nicht. Um ihre Inszenierung der perfekten Familie nicht zu gefährden, musste um meine Existenz ein ganzes Gebäude aus Lügen errichtet werden, das vor allem ihn von seinen Schuldgefühlen entlastete.

Meine Stepford-Stepmum kam also in mein Zuhause und begann sofort damit, zu urteilen und alles, was in Widerspruch zu ihren Vorstellungen stand, zu verurteilen. Ich ignorierte es, weil es mir zu anstrengend war, so ein dummes Verhalten durch eine Reaktion aufzuwerten und weil ich auch erkannte, dass sie irgendwie steckengeblieben war. Mit Anfang 20 lebte ich auch meine Daddy-Issues aus, in dem ich mit älteren Männern schlief, bis ich keine Lust mehr auf alte und mäßig impotente Männer mit wehleidiger Sehnsucht nach einer zweiten Jugend mehr hatte. Sie hingegen hatte so einen geheiratet und sich selbst damit die Chance genommen, jemals etwas anderes zu sein, als die junge Unschuld. Mit 42 war das keine erfüllende Rolle mehr und es gelang ihr nicht, eine andere zu finden. Das verstand ich und hatte Verständnis für sie. Sollte sie doch reden, ich hörte einfach weg.
Doch es reichte ihr nicht mehr, dass ich schwieg. Ihr Glaubenssystem der perfekten Familie und der Beziehung zu meinem Vater war für sie längst nicht mehr so belohnend, wie noch vor ein paar Jahren, der schöne Schein war verblasst. Wenn meine Liebe echt war, konnte es ihre nicht sein. Also musste meine attackiert werden.

Von »falschen« und »richtigen« Menschen

Sie stellte mir lauter Fragen dazu, weshalb wir heirateten. Am liebsten hätte sie gehört, dass ich eine klassische Versorgerehe eingehe, jetzt, wo meine Mutter nicht mehr an meiner Seite war oder von meinem neuen Partner einen leisen Hinweis darauf bekommen, dass auch er mit mir nicht ganz einverstanden war. Mit jeder Antwort, die ihr zeigte, dass wir uns tatsächlich aus Freiheit und Liebe dazu entschlossen und dass dann auch noch meine Schwiegereltern, nach bürgerlichen Maßstäben »normal«, das voll und ganz unterstützten, demaskierte mit einem Mal die ganzen Manipulationen und Lügen, auf denen ihr Leben basierte. Da saß sie, die Stepford-Frau und sah, dass ich, die unangepasste Frau, eine, die sich die Haare abrasiert und einfach tat, was sie wollte, einen Mann gefunden hatte, der mich so liebte, wie ich bin und in meiner Freiheit niemals eine Bedrohung für seine eigene gesehen sah. Sie hingegen hatte doch alles richtig gemacht, bis zur Gestaltung ihres Äußeren und dennoch nie einen Antrag, ein weißes Kleid und eine richtige Hochzeit bekommen. Mehr noch: Das Alter warf seine Schatten voraus und mit ihm die Bedeutungslosigkeit, die das Patriarchat für Frauen bereithält.


Sie reagierte mit dem ganzen Gift, das sich in so einem Leben anhäuft. Mein Mann sei zu klein und verdiene zu wenig, ich sei zu dick und viel zu streitsüchtig und wenn ich nicht noch ein Kind bekäme, würde mich mein Mann sicher verlassen, urteilte sie in atemberaubender Geschwindigkeit. Gleichzeitig begann sie, ihm die ganzen Lügen zu erzählen, die man sich in der Familie meines Vaters so erzählte, um ihn auch gleich auf diese Geschichten einzuschwören. Nun war er aber in einer Familie aufgewachsen, die authentisch kommuniziert und reagierte immer irritierter. Es gelang ihr nicht, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Ihre Laune verschlechterte sich zusehends. Es dauerte einen Tag, bis sie sich davon so weit erholt hatte, um mich anzurufen, und diese Niederlage auszugleichen versuchte. In bester spießbürgerlicher Anmaßung erklärte sie mir, dass mein Leben zwar jetzt vielleicht ok war, aber dass es so nicht bleiben würde. Er würde mich verlassen, wir würden verarmen, die Kinder zutiefst gestört werden. Und nun holte mich mein eigenes Versäumnis ein, das Verhältnis zu meinem Vater nie aufgeräumt zu haben und ihr deshalb überhaupt die Position verschafft zu haben, solche Urteile zu fällen und sich auch noch zum Sprachrohr meines Vaters zu machen. Sie bestimmten über »richtig« oder »falsch«. Ich war »falsch« und hatte deshalb auch kein Anrecht auf ein »richtiges« Leben und eine »richtige« Hochzeit, ebenso nicht wie auf einen »richtigen« Vater.

Existenzialismus war auch die Antwort auf die Erfahrungen der NS-Zeit. Die Unterordnung unter ein großes Ganzes, ohne es kritisch zu reflektieren und die mörderische Einteilung in »richtige« und »falsche« Menschen und der Entscheidung darüber, ob sie ein Recht hatten, zu existieren, wurde als die autoritäre Wurzel des Mordens freigelegt. Die Studentenbewegung erkannte später, dass diese Wurzel auch in der BRD der 1960er und 1970er Jahre nach wie vor die Gesellschaft maßgeblich prägte – und bekämpfte sie, auf der Straße und mit theoretischer Durchdringung. Die zweite Frauenbewegung entstand in diesem Geist und analyiserte, dass die Unterdrückung der Frau mit der Beseitigung dieser Verhältnisse nicht beendet sein würde. Sie nutzten die erprobten Instrumente der Dekonstruktion von patriarchaler Herrschaft und setzte dabei vor allem auch auf eine innere Befreiung durch Gesprächskreise und das Aufschreiben und Aussprechen eigener Erfahrungen und ihrer Einordnung in die Unterdrückungserfahrung, so dass sich ein feministisches Bewusstsein ausbilden konnte. Die Frauen damals ahnten, dass eine gesamtgesellschaftliche Befreiung schwer werden würde, schon deshalb, weil dieses »conscious raising« unvollständig bleiben musste.

Es blieb aber ein wichtiges Instrument des Feminismus. Welche deiner Erfahrungen machst du nur, weil du eine Frau bist? Sie haben mit deiner Persönlichkeit nichts zu tun, sondern sind eine Zuschreibung von außen. Erkenne sie und unterbinde den Einfluss, den sie auf deine Entwicklung haben. Dazu gehören Schönheitsideale, geschlechtliche Diskriminierung und andere Unterdrückungserfahrungen. Auf diese Weise wird verhindert, dass es zu einer Selbstunterwerfung kommt, und gleichzeitig ist das der Schlüssel zur freien Gestaltung der eigenen Existenz. Wenn dir egal ist, was die Gesellschaft als wünschenswertes Frauenbild vorgibt und für dessen Erfüllung verspricht, dann wirst du Schönheit weder als vorrangiges Ziel deiner Existenz formulieren noch daran zerbrechen, wenn du nach diesen Normen nicht (mehr) schön bist. Mehr noch: Die Verletzungen, die das Leben als Frau mit sich bringt, können als Ausdruck für ein defizitäres Gesellschaftssystem und nicht als persönliches Versagen erkannt werden. Sie haben auf das Maß unseres persönlichen Glücks keinen Einfluss und verlieren damit ihre Macht über uns, auch wenn wir ihnen im Außen nach wie vor ausgeliefert sind.

Die Deutung deiner Existenz gehört dir

Wenn wir nicht selbst bestimmen, wer wir sein wollen und wer wir sind, dann übernimmt das die Gesellschaft, die nicht dem Ziel der größtmöglichen persönlichen Freiheit nachstrebt, sondern nach kapitalistischer Geldvermehrung und sozialer Kontrolle. Sie nimmt unsere Existenz und ordnet sie ihren Interessen unter. Das Glücksversprechen kann sie nicht einlösen, denn individuelles Glück war nie ihr Ziel, sondern die freiwillige Mitarbeit am Projekt Kapitalismus, der die bürgerliche Gesellschaft als Garanten braucht. Wer dabei mitmacht, darf sich den Button »normal« und »moralisch gut« anheften und so noch stolz darauf sein, sich selbst zum Sklaven fremder Interessen zu machen. Die Verachtung für jene, die diesem Betrug aufsitzen und sich moralisch zum Bestimmer über die Existenzen anderer aufschwingen, während sie in Wahrheit nur dem eigenen Leben den Sinn nehmen, eint Künstler, Revoluzzer und Aussteiger. Wer gelernt hat, für sich selbst zu denken und das eigene Urteil zum Maßstab des Handelns zu machen, hat für Kants moralischen Imperativ nur noch ein müdes Lächeln übrig. Trotzdem sind sie in der Minderheit. Den meisten Menschen fehlt es schlicht an Mut, aus den Verhältnissen auszubrechen und sich innerlich zu befreien. Einen selbstbestimmten Entwurf für die eigene Existenz zu machen, erfüllt sie mit schrecklicher Angst, also greifen sie bereitwillig nach den Schablonen, die ihnen die Gesellschaft anbietet, und nehmen die so entstandene Gleichförmigkeit in der »Mitte der Gesellschaft« auch noch als Beleg dafür, dass es ihnen zusteht, nicht nur zu definieren, was »normal« ist, sondern auch noch mit plumpesten Mitteln einzufordern, dass alle anderen das auch so sehen.


Wenn die Unterordnung unter diese konstruierte Normalität aber der Sinn ihres Lebens ist und für alle Menschen funktionieren soll, dann ist es für sie ein schrecklicher Affront, wenn jemand das ablehnt und dann – oh Wunder – glücklicher und erfolgreicher ist, als sie selbst. Das ist der Grund für die Aggressivität, mit der der »Normalbürger« sich zum Vertreter der Normalität aufschwingt und andere maßregelt, sogar, wenn sie nur einen abweichenden Kleidungsstil pflegen. Sie fordern Anpassung, weil die Freiheit der anderen ihre Lebenslüge offenbart und ihrer Selbstunterwerfung den Sinn nimmt. Der Weg zu gesellschaftlichem Erfolg mag Anpassung sein, der Weg zum Glück funktioniert nur über Selbstverwirklichung.

Das Patriarchat schafft pathologische Familien

All das hatte die Stepford-Frau in meinem Zuhause gesehen und musste es nun demontieren, um nicht daran ihr eigenes Glaubenssystem zerbrechen zu lassen. Dass sie dazu zu wirklich übergriffigen Mitteln griff, ließ mich endlich hinsehen und erkennen, dass ich etwas tun musste.
Als die Wut nachließ, nutzte ich sie und begann, die Lügen, die ich sonst freundlich überhört hatte, zu widerlegen, und zwar mit Dokumenten, mit den Aussagen anderer, mit Erinnerungen, die mit anderen übereinstimmten. Als ich das getan hatte, griff ich auf die Ressourcen zurück, die mein Leben für mich bereithält. Ich rief die Coachs und Therapeuten in meinem Umfeld an und redete. War ich nun verrückt oder waren die es? Sehr bald zeichnete sich das Bild einer pathologischen Familie, von der ich geglaubt hatte, ich sei ohnehin kein Teil von ihr. In Wahrheit hatte man mir dort die Sündenbockfunktion zugewiesen, die man auch benutzte, um die gemeinsamen Kinder, vor allem die Tochter, in der Spur zu halten. »Sei nicht so emotional, du bist ja wie sie«, hieß es da. Und was mit mir geschehen war, das wusste man ja: Ausgrenzung und ein Leben ohne Mann, am Rande des Irrsinns. Der Umstand, dass ich sowohl von meinem Bildungsstandard als auch von meinem Einkommen inklusive der sonstigen Lebensleistungen jedem von ihnen überlegen war, wurde gekonnt ignoriert, denn ohne Mann konnte ich ja nicht glücklich sein, wenigstens das. Erst jetzt hörte ich auf einmal die ganzen Aussagen, die mein Vater so über Frauen getroffen hatte und erkannte, dass es sich um einen ziemlich unspektakulären Sexisten mit Angst vor Frauen handelte. Schlimmer noch: Zwar konnte er hin und wieder ein paar altlinke Phrasen murmeln, den Mumm dazu, sich irgendwo zu engagieren hatte er nie. Er benutzte sie nur, um die eigene Anpassung an bürgerliche Normen damit zu rechtfertigen, dass er ja eigentlich ein Linker war. Ein ungeouteter, sozusagen.


Ich nahm mir die Lügen vor, die meine Stepford-Stepmum unablässig erzählte und entlarvte sie, indem ich mich an das hielt, was Schwarz auf Weiß zu beweisen war, oder woran sich auch andere erinnerte. Sie saß an der Wurzel meiner Herkunft und bestimmte über meine Geschichte. Zu wissen, wo man herkommt, und welche Umstände die eigene Geburt begleiteten, ist für jeden Menschen von Bedeutung und ich entschied, dass nicht länger sie und ihr Lügensystem das Recht hatten, meine Geschichte zu korrumpieren, vor allem nicht vor meiner eigenen Familie

Das System reagierte, wie erwartet. »Eine intakte Familie kann mit Widerspruch und abweichendem Verhalten umgehen, indem sie es integriert. Eine pathologische hingegen wird mit Gewalt und Unterdrückung reagieren, die meistens darauf abzielt, den, der dem Pathologischen etwas Wahres entgegenhält, kaltzustellen. Wer die Wahrheit sagt, der wird für verrückt erklärt und ausgeschlossen. Viele werden süchtig oder bringen sich um und bestätigen damit schlimmerweise noch, was man ihnen vorher unterstellt hat«, erklärte mir mein Lieblings-Coach am Telefon. »Also, mach dich auf etwas gefasst.«


Mein Vater, der sonst keine zwei Worte mit mir reden kann, ohne panisch den Raum zu verlassen, hatte sich versichert, dass mich in seiner Familie niemand darin unterstützen würde, die ewigen Lügengeschichten zu beseitigen, bevor er mich anrief. In väterlichem Allmachtswahn erklärte er mir das Familienurteil: Ich sei verrückt. Es war wie im Lehrbuch. Er schrie und tobte und beschimpfte mich. Das hatte ich erwartet und versuchte immer wieder, ihn auf die Dinge zu lenken, die keine Interpretationsfrage waren, sondern Fakten. Das machte ihn immer wütender.

Er zog alle Register, beanspruchte in patriarchalem Allmachtswahn die Deutung über mein Leben und dann tat er mir den Gefallen und wechselte auf eine Ebene, die ich sehr gut kenne.
Er begann, mich als Frau zu attackieren. Und auf einmal waren da nur noch die billigen Angriffe, die rhetorisch sehr unversierte Trolle manchmal unter feministische Analysen posten. Fast tat er mir leid.
Wenn er mir schon kein Vater gewesen war, konnte er dann nicht wenigstens ein besserer Gegner sein? Weshalb er das nicht konnte, zeigte er mir kurz darauf und gab mir damit die Möglichkeit, ein für alle Mal den Kontakt zu ihm und seiner Familie zu beenden.

»Ich bin eben nur ein einfacher KFZ-Mechaniker«, schrie er, als ich erneut darum bat, bei den Fakten zu bleiben. »Ich bin nicht so intelligent wie du.« Und ein paar Sätze weiter faselte er etwas davon, dass mein Einfordern der Wahrheit doch »meine Intelligenz« beleidige.
Ein paar Mal, nicht sehr oft, war ich in meinem Leben Männern begegnet, die sich durch den Umstand, dass ich nach ihren Maßstäben »intelligent« war, verunsichern ließen und auf diese Verunsicherung meistens mit Abwertung und Wut reagierten. Einige wenige bekamen dann auf einmal keinen mehr hoch, andere setzten dann auf sexuelle Dominanz. Keine Frage, dass ich mit letzteren mehr Spaß hatte. Ich ahnte, zu welcher Sorte mein Vater gehörte.

Meine Geschichte gehört mir

Und da war er nun, mein Vater, und agierte auf der Ebene dieser Männer. Ich war nicht mehr wütend. Ich brauchte auch seine Anerkennung für die Fakten, die ich zusammengetragen hatte, nicht mehr. Sein pathologisches Familiensystem würde einfach noch mehr Lügen und Schweigen erzeugen, und mich aufgrund meines »Aufstandes« weiter für verrückt erklären. Alle Schuldgefühle, alle Lügen würden bei mir abgeladen, damit sie weiter funktionierten und sobald etwas in meinem Leben diesem Narrativ zu offensichtlich nicht mehr entsprach, würde man eine »Einordnung« vornehmen, so wie es die Stepford-Stepmum getan hatte. Ich erklärte ihm, dass er mich mal konnte und legte auf. Ich hatte die Kritik zusammengetragen, die Revolution konnten andere übernehmen. Die Kräfte, die das kranke System meines Vaters zusammenhielten, mochten noch für eine Weile funktionieren, ich aber war jetzt frei davon, ein Teil von ihnen sein zu müssen. Ich hatte mir meine eigene Geschichte zurückgeholt und zum Teil meiner Existenz gemacht.

Feminismus ist die Analyse der eigenen Unterdrückung

Das Ausbleiben der erhofften gesellschaftlichen Revolution ist für Linke und Feministinnen gleichermaßen enttäuschend und führt häufig zu einem Abwerten der eigenen Analyse. Dabei wird übersehen, dass wir sie als Mittel der eigenen Transzendenz nutzen und innere Freiheit erreichen können. Wir verhindern, dass wir die äußere Unterdrückung internalisieren und sie uns von innen aushöhlt. Machen wir das nicht, verlieren wir den sinnvollen Bezug zu unserem Leben und dem Kummer, den es bereithält.
Es hat keine Dekonstruktion der Unterdrückung im Inneren stattgefunden, und ohne sie kann es keine Freiheit geben. Wer sich ihrer bewusst wird, wer hinschaut, entdeckt, dass wir uns manche Fessel selbst anlegen und sie sogar an unsere Kinder weitergeben und damit die Saat für die innere Selbstentfremdung auf dem nächsten Acker ausbringen. Schlimmer noch: Wir schätzen die innere Befreiung so gering ein, dass wir auf sie verzichten, wenn es keine äußere gibt, dabei kann uns genau die niemand nehmen.

Auch deine Kinder gehören dir nicht

Ob wir dazu bereit sind, entscheiden wir für uns selbst. Für manche beinhaltet das zu schmerzliche Wahrheiten oder Konsequenzen, dass ihnen eine völlige Befreiung nicht gelingt. Trotzdem werden sie dem universalen Auftrag an uns Menschen gerecht, der besagt, dass die gegenwärtige Generation auf mehr Wissen und mehr Erfahrungen zurückgreifen kann, als alle vorher und deshalb etwas hinterlassen muss, das besser ist, als das, was sie vorfanden. Das gilt gesamtgesellschaftlich, aber vor allem familiär. Die Kinder sollen es einmal besser haben als wir selbst und von unseren Erfahrungen, aber auch von unseren Kämpfen und Erfolgen profitieren. Damit erhält die eigene Transzendenz scheinbar eine Bedeutung über die eigene Existenz hinaus. In Wirklichkeit aber steht es uns gar nicht zu, mehr als ein Angebot für unsere Kinder und den Raum für persönliche Freiheit zu schaffen. Sie wählen selbst, was sie für ihren Lebensweg brauchen. Der wahre Auftrag an uns selbst ist, es besser zu machen als unsere Eltern und uns damit endgültig von ihnen zu emanzipieren. Damit verbleibt die Beschäftigung in unserer Entwicklung und verhindert, dass wir als Eltern die Autonomie der Existenz unserer Kinder verletzen.

Die Biologie bestimmt deine Freiheit im Außen, nicht in deinem Selbstbild

Man hat Simone de Beauvoir oft vorgeworfen, dass sie »mütterfeindlich« sei. In Wirklichkeit wies sie nur zurück, dass die Tatsache, dass man als Frau geboren wird, bedeuten muss, dass Kinder zu bekommen, zu einem glücklichen Leben gehört und vorrangiger Sinn unserer Existenz als Frauen ist.
»Man wird nicht als Frau geboren, man wird es«, ist ihr berühmtestes Zitat. Dieses Frausein umfasst alle Rollen, in die man uns im Laufe unseres Lebens pressen will. Manchen können wir nicht entkommen. Aber wir können sie als das sehen, was sie sind: Instrumente der Unterdrückung. Und wir können die wichtigste Verantwortung übernehmen, die es gibt: Die für unsere eigene Existenz. Indem wir sie nicht mehr den Interessen anderer zur Verfügung stellen und deren Werte internalisieren, befreien wir nicht nur uns selbst. Wir entziehen den Übergriffen in unsere Selbstbestimmung auch Stück für Stück die äußere Legitimation. Die Drohung: »Wenn du Feministin bist, bekommst du keinen Mann und wirst unglücklich« verliert ihre Macht, wenn man erkennt, wie viele angepasste Frauen unglücklich sind. Der Feminismus hat uns als gesellschaftliche Gruppe noch nicht befreit, doch er vermag jede einzelne von uns von der patriarchalen Vereinnahmung der eigenen Existenz bewahren und vor allem vor der Internalisierung der immanenten Urteile, was oder wie eine Frau zu sein hat. Darüber bestimmen allein wir selbst.

Glück entsteht, wo Freiheit den Raum dafür geschaffen hat

»Freiheit ist, was du mit dem machst, was man mit dir getan hat«, schrieb Sartre. Der Satz hängt über meiner Eingangstür.

Mein Vater, der KFZ-Mechaniker, las nie Sartre. Alice Schwarzer fand er kacke. Ich verkörperte für ihn alles, wovor er Angst hatte, und verstand nie, dass die Ursache dafür bei ihm lag und nicht in meinem Verhalten. Anders als meine Mutter konnte er mir eine autonome Existenz nie zugestehen. Als ich sie einforderte, zielte er rücksichtslos auf die wunden Punkte, die ich als seine Tochter nach patriarchaler Lesart doch für ihn haben musste. Er traf nicht, denn ich hatte sie alle längst dekonstruiert und auf den Müll gekippt.

Ein Vater ist nur, wer die väterliche Rolle auch erfüllt, ansonsten gibt es keinen Grund für die patriarchale Erhöhung des Vaters. Alle Kulturen der Welt kennen eine soziale Mutterrolle, nicht alle die des sozialen Vaters. Diese feministische Dekonstruktion ermöglichte mir schon vor 20 Jahren, auch ohne den Segen meines Vaters einfach das zu tun, was ich für richtig hielt. Dass ich damit unbewusst einen für das autoritäre Weltbild meines Vaters nur schwer zu ertragenden Widerspruch erzeugte, den er als bedrohlich erlebte, untermauert einmal mehr, wie sehr auch unsere engsten Beziehungen noch immer von patriarchalen Mustern geprägt sind. Autoritäre Väter reagieren auf die Autonomie ihrer Töchter mit panischer Angst vor der übertragenen »Entmannung«. Mein »Aufstand« versetzte meinen Vater in solche Aufregung, dass er nach 20 Jahren zum ersten Mal meine Mutter anrief. Sie nahm nicht ab.

Mein Widerspruch gegen die falschen Storys rund um meine Geburt und mein Mut, meinem Vater zu widersprechen und meine »Verurteilung« in Kauf zu nehmen, entlasteten auch sie von dem erdrückenden Schuldgefühl, es hätte an ihr gelegen, dass er mich ablehnte. Wir hatten uns unsere gemeinsame Geschichte zurückgeholt und ihre Schatten dahin zurückgelenkt, wo sie herkamen: zu meinem Vater.

Als Vater in einem patriarchalen System hatte er geglaubt, meine Zeugung gäbe ihm trotz des Vollversagens als Vater das Recht, die Deutung meiner Existenz zu übernehmen oder seiner Stepford-Frau zu überlassen, damit sie damit ihre Minderwertigkeitskomplexe kompensieren konnte.

Bei manchen Treffen in linken Gruppen verabschiedeten wir uns manchmal mit den Worten: »Ich wünsche dir die Freiheit«. Ich finde, das ist der beste Wunsch für einen anderen Menschen, den es gibt.

Patriarchat und Neoliberalismus

Vortrag von Inge Kleine bei der FILIA-Konferenz in Salford/Manchester am 21. Oktober 2018. Originaltext hier

Zu allererst möchte ich FILIA, das heißt dem großartigen Organisationsteam dafür danken, dass sie diese Konferenz und diese Möglichkeit geschaffen haben, so viel großartige Aktivistinnen und Feministinnen zu treffen.

Mein Thema ist die Widerstandsfähigkeit des Patriarchats und wie schwierig es ist, ihm auf unserem Kampf dagegen nicht auf den Leim zu gehen.

In seiner fortlaufenden Selbstbestätigung gelingt es im Patriarchat, unsere Kämpfe, zumindest in westlichen Ländern oder denen des globalen Nordens, als obsolet, als überkommen darzustellen (1), womit es uns direkt in die erste Reihe an Fallen schickt. Männer deuten dabei auf andere Länder, „woanders“ hin, am liebsten nach Süden or „Osten“ und auf dortige Gesellschaften. Dies ist ein sehr alter Trick, da Liberalismus und Kolonialismus zusammengehören (2), und er funktioniert so: „Hier haben wir keine wirklichen Probleme, aber schaut mal dorthin! Da solltet ihr hinschauen. Arabische Länder!“ Die unmittelbare Reaktion zumindest einer deutschen Feministin könnte darin bestehen klar zu stellen, dass Algerien mehr weibliche Abgeordnete im Parlament hat als Deutschland, samt dem sofortigen Genuss die Selbstgefälligkeit aus dem Gesicht der Herrklärer verschwinden zu sehen. Aber diese Reaktion enthält Fehler, weil sie uns sofort zu typischen wenn auch indirekten Fehlschlüssen führt, die „unserer“ Überlegenheit, denn warum sollte Algerien nicht mehr Frauen als Abgeordnete haben als Deutschland und was für Einstellungen sind nötig, damit wir davon ausgehen, dass Algerien als Beleidigung für selbstgefällige Deutsche genutzt werden kann? Und dies geht noch weiter. Nachdem ich meinen rechten Fuß tief in den Morast des Patriarchats gestellt habe, lasst mich den linken Fuß gleich nachziehen. Unterschiede abzustreiten oder darauf zu bestehen, dass das Patriarchat überall herrscht und dass unsere Kämpfe überall die gleichen sind, kann uns dazu verleiten, wichtige Informationen über unsere Schwestern zu übersehen, es kann uns dazu bringen – in diesem Fall westliche Feministinnen – nicht zu sehen, wo ihre Kämpfe andere sind oder wo die konkreten Rahmenbedinungen andere sind. Es dient auch dazu, Aufmerksamkeit abzuziehen und sie wieder hübsch auf uns selber zu lenken. Und während ich spüre, wie ich immer tiefer im Matsch versinke, lasst mich noch die dritte Falle dazu stellen, wenn eine Anerkennung von Unterschieden in unseren täglichen Herausforderungen und Kämpfen zu Ansichten führt, die mal ein „Lieblings-“artikel von mir verbreitete, in dem stand, dass muslimische Mädchen in Pakistan Werte der Familiensolidarität hätten, die bedeuteten, dass sie keine individuelle Freiheit wollen oder brauchen.

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Feministischer Porno oder das übliche in rosa?

Frau am Computer

CC0

Erika Lusts Film Live Love Lust

(Radikal)Feministinnen von Andrea Dworkin bis Gail Dines kritisieren Pornographie seit Jahrzehnten und sie haben gute Argumente: Die „Arbeitsbedingungen“ in der Branche sind für die Darstellerinnen unzumutbar, dargestellt wird nicht Sex, sondern Männergewalt gegen Frauen, und es ist diese Gewalt an der sich die Konsumenten – größtenteils Männer – aufgeilen, deren Frauenbild von den Darstellungen beeinflusst und geprägt wird.

Trotzdem hält sich hartnäckig das Gerücht, es ließen sich doch wohl auch „feministische Pornos“ produzieren, für ein weibliches Publikum. Als Paradebeispiele werden meist die Filme der 1977 in Schweden geborenen studierten Politikwissenschaftlerin Erika Lust genannt, die seit 2004 „Pornos für Frauen“ dreht, die auch diverse Preise bekommen haben. Ob sie ihre Darstellerinnen wirklich besser behandelt als andere Produzenten, ist fragwürdig, die Dokumentation Hot Girls Wanted lässt eher auf das Gegenteil schließen. Auch das Interesse der Frauen an den Filmen scheint sich in Grenzen zu halten: Das Unternehmen schätzt, dass lediglich 15-25 % der KonsumentInnen weiblich sind, die meisten sind also Männer, von denen manche eventuell noch ihre Partnerinnen dazu überreden können, gemeinsam einen Porno zu schauen. Das Label „feministisch“ bzw. „frauenfreundlich“ hilft dabei natürlich, Widerstände zu brechen.

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Eine radikalfeministische Perspektive auf die ‚freie Wahl‘

Feministisches Symbol

By weegaweek - File:Feminist philosophy.png, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=72704008

Ein Gastbeitrag von Ines Jancar

Früher hielt ich, wie viele Menschen das tun, BDSM für eine Facette des privaten Sexlebens, die man ausleben kann oder auch nicht. Die meisten verbinden damit die gängigen Utensilien wie Peitschen, Handschellen und Fetischoutfits, auf die man sich in der Gesellschaft teils humorvoll teils verschämt bezieht. Deutlich seltener kommen die zugrundeliegenden Mechanismen von Unterwerfung und Unterworfenwerden öffentlich zur Sprache. Diese symbollastige Verklärung sorgt dafür, dass BDSM gemeinhin als eine Frage des persönlichen Geschmacks deklariert wird. Auch der Nachdruck, mit dem von BDSM-Seite bisweilen auf den Unterschied zwischen den BDSM-Praktiken und dem ‚eigentlichen Leben‘ hingewiesen wird, den sogenannte Vanillas nicht richtig verstünden, verstärkt diesen Eindruck. Setzt man sich mit BDSM (theoretisch oder auch praktisch in der Szene) auseinander, wird einem allerdings bewusst, dass dort ähnliche asymmetrische Geschlechterverhältnisse bestehen, wie man sie von clichéhaftem Vanilla-Sex und auch grundsätzlich in den Gesellschaftsstrukturen kennt.

Leider gibt es wenige aussagekräftige Statistiken zu dem Thema – was meine Annahme, dass BDSM als Privatsache gilt, verstärkt –, daher muss ich mich auf meine Eindrücke und die anderer, in BDSM involvierter Menschen sowie die spärlichen zur Verfügung stehenden Quellen zum Thema und gängigen Portale (fetlife, joyclub) beziehen. Dabei erhärtet sich der Eindruck, dass sich mehr Männer relativ gesehen zum (insgesamt größeren1) männlichen Anteil in der BDSM-Szene als „(extrem) dominant und sadistisch“ beschreiben, hingegen deutlich mehr Frauen2 relativ gesehen zum (insgesamt kleineren) weiblichen Anteil in der BDSM-Szene sich als „(extrem) devot und masochistisch“ beschreiben.3 Noch signifikanter wird die Asymmetrie, wenn man nur heterosexuelle Menschen berücksichtigt. Manche Quellen, die etwas vereinfacht in dominante und submissive Rollen unterschieden, sprechen von einer 75%igen dominanten Präferenz bei Männern und gar bis zu 96%igen submissiven Präferenz bei Frauen4 – ein Verhältnis, das ungeachtet der genauen Zahlen meinen Eindruck der beiden Tendenzen bestätigt.

So sehr unterscheidet sich das Bild der BDSM-Szene also auch nicht von den anderweitig anzutreffenden stereotypen Rollenverteilungen. Dass es auch sogenannten außererotischen BDSM gibt, macht zudem deutlich, dass BDSM keineswegs nur eine sexuelle Präferenz ist, sondern mit dem ‚eigentlichen Leben‘ fest verwoben ist. Die Besonderheit von BDSM liegt vielmehr darin, dass Verhaltensweisen und Machtverhältnisse, die man aus dem alltäglichen Leben kennt, im BDSM explizit gemacht werden. Hierin sehe ich übrigens den großen Vorteil von BDSM gegenüber den impliziten alltäglichen Formen, Menschen zu unterwerfen oder sich ihnen zu unterwerfen: Die Machtverhältnisse werden expliziert und somit verhandelbar. Aber wo werden diese Machtverhältnisse und ihr Kontext zum alltäglichen Leben letztlich verhandelt? Erstaunlich selten wie mir scheint. Weiterlesen

Manifest gegen die Vermarktung des Frauenkörpers

gegen die vermarktung des frauenkörpers

Spanische Feministinnen haben diese Kampagne initiiert, um deren Weiterverbreitung wir dringlich bitten. Vielleicht ist ja auch jemand unter euch, der mit Übersetzen helfen kann? Wie auch immer. Es reicht. Please share.

MANIFEST GEGEN DIE VERMARKTUNG DES FRAUENKÖRPERS

Zum 25. November 2018, dem internationalen Tag gegen die Gewalt an Frauen, wollen wir, Feministinnen aus diversen Orten der Welt

ANZEIGEN

Dass das patriarchale System eine Reihe ökonomischer, politischer und kultureller Mechanismen geschaffen hat, die die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern fördern und für die sexuelle und reproduktive Ausbeutung der Frauen Voraussetzung sind;

Dass die Gewalt, die Männer aus der ganzen Welt von der Pornografie lernen und weltweit in der Prostitution ausüben, das Bild der Frau erniedrigt, die männliche sexuelle Gewalt normalisiert und die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern verstärkt;

Dass der neoliberale Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten alle Bereiche des menschlichen Lebens zur Ware gemacht hat, einschließlich Sexualität und Reproduktion. Er hat somit Millionen Frauen und Mädchen, oft von extremer Armut betroffen,  zu einer für die sexuelle und reproduktive Ausbeutung bestimmten Ware degradiert;

Dass der Diskurs des neoliberalen Kapitalismus über die individuelle Freiheit und die Einwilligung die ideologische Grundlage zur Rechtfertigung der Ausbeutung von Frauen und Mädchen in der Pornografie, in der Prostitution und in der Leihmutterschaft darstellt;

Dass die aus Freiern und Zuhältern zusammengesetzte Pro-Prostitution-Lobby, von denen einige der Mitglieder qualifizierte Machtpositionen innehaben, großen Druck ausübt mit dem Zweck, dass die Pornografie, die Prostitution und die Leihmutterschaft legalisiert und als freiwillige Entscheidungen angesehen werden, so dass die Kriminalität, die Gewalt, der Menschenhandel und die Sklaverei, die diesen Geschäften zugrunde liegen, verborgen bleiben.

WIR FORDERN

  • Dass die zuständigen internationalen Organisationen eine Weltkonvention zum Schutz der Menschenrechte VON Frauen und Mädchen gegen alle Formen der patriarchalen Gewalt unterzeichnen;
  • Dass in dieser Weltkonvention alle Formen der Gewalt für Praktiken erklärt werden, die mit den Menschenrechten der Frauen und Mädchen unvereinbar sind, einschließlich der Prostitution und der Ersatzmutterschaft;
  • Dass in den einzelnen Staaten Gesetze intern erlassen werden, die alle Formen der Zuhälterei bestrafen, und Mechanismen für die Beschlagnahme der Erträge, die durch sexuelle Ausbeutung von Frauen und Minderjährigen erworbenen werden, zugunsten der Überlebenden der Prostitution verwendet werden;
  • Dass die einzelnen Staaten Gesetze entwickeln, die die Nachfrage nach Prostitution bestrafen, da Freier für diese extreme Art der Gewalt gegen Frauen unmittelbar verantwortlich sind;
  • Dass die Staaten jedes Gesetz oder jede Verordnung abschaffen, die Sanktionen oder Strafen über Frauen bezüglich deren Prostitutionstätigkeit verhängen, sowie jegliche Vorstrafen oder Verwaltungssanktion, die aus einer vorherigen Gesetzgebung stammen könnten.
  • Dass die Staaten ausreichende Mechanismen und Mittel zur Verfügung stellen, damit für die in der Prostitution gefangenen Frauen ein Ausweg aus dieser Form der extremen Gewalt und Ausbeutung gewährleistet ist.
  • Dass die Staaten eine rechtliche Regelung treffen, die jede Form der reproduktiven Ausbeutung von Frauen verhindert. Darüber hinaus soll in der staatlichen Rechtsordnung sichergestellt werden, dass keine zukünftige Regelungen Leihmutterschaftsverträge erlauben oder gar legalisieren können.

Die Prostitution, die Pornografie und die Leihmutterschaft sind brutale formen der sexuellen Ausbeutung und der Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Aus diesem Grund bündeln wir feministische Frauen unsere Stimmen, um die Straffreiheit der Täter anzuprangern und den Mangel an Engagement seitens der Regierungen für die Abschaffung von Praktiken, die die Ungleichheit und die Gewalt vertiefen, zu verurteilen.

7. September 2018

MANIFEST (PDF)


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