Das Missverständnis um die Intersektionalität – und die Konsequenzen daraus

Seit geraumer Zeit stellen wir immer wieder fest, dass das wichtige Konzept der Intersektionalität im Queer-/Liberalfeminismus in einer Art und Weise gebraucht wird, welches es in seinem ursprünglichen Sinn und Intention unbrauchbar macht. Wie so viele feministische Konzepte im Laufe der Zeit „geschrottet“ wurden, so erging es auch diesem.  

Ich konnte bisher nie so ganz greifen, was genau da schief gelaufen ist. Bis zu dieser Woche, bei einer Veranstaltung an der Uni Mainz mit der Taz- und Missy Magazin-Autorin Hengameh Yaghoobifarah. Bisher dachte ich nämlich immer, der Fehler in der Rezeption bestünde ausschließlich darin, dass Mehrfachdiskriminierungen von der Kategorie Geschlecht (im Sinne von „sex“, nicht „gender“) abgetrennt und munter aufaddiert würden. Tatsächlich habe ich jetzt verstanden, dass der Dritte Welle Feminismus einem grundlegenden Missverständnis aufgesessen ist, welches mir nun auch einige irritierende politische Aktionen aus diesen Reihen der letzten Jahre erklärt.  Aber dazu am Ende mehr.

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Was das Schicksal »Frau« bedeutet oder das Verschwinden der Amazonen

Photo by Julian Santa Ana on Unsplash

Als die spanischen Conquistadoren vor rund 500 Jahren Südamerika durchfuhren, trafen sie an den Ufern des mächtigen Stroms durch den Urwald wehrhafte Frauen, die auf sie schossen. Sie nannten sie in Anlehnung an die griechischen Mythen Amazonen und den Fluss Amazonas.

Die Amazonen, die in den griechischen Sagen beschrieben werden, sind vermutlich Überbleibsel vorantiker matrifokaler Gruppen, die im griechischen Reich, das aus seiner Frauenfeindlichkeit keinen Hehl machte (es gab staatlich organisierte Bordelle, um die Truppen ruhig zu halten), überlebt haben, von denen wir aber heute so gut wie nichts wissen. In der Rückschau werden sie entweder dämonisiert oder sexualisiert. Das haben sie mit ihren Schwestern am Amazonas übrigens gemeinsam, letztere erlebten dann noch die ganze Brutalität der spanischen Eroberung, auch wenn mancher Zeitgenosse behauptete, die Amazonen Südamerikas seien so wild auf die stinkenden Spanier und Portugiesen gewesen, die da ihres Wegs kamen, dass sie sich quasi auf sie stürzten. Wer’s glaubt!

So weit nichts Neues. Doch was bedeutet das für uns Frauen und unser Verhältnis zum Widerstand gegen das Patriarchat? Welchen historischen Vorbildern, Heldinnen folgen wir – an welche erinnern wir uns überhaupt? Einige wenige Wissenschaftlerinnen versuchen die Geschichte der Frau – die Herstory – dem Dunkel der Geschichte zu entreißen – ein Dunkel, dass die männlichen Geschichtsschreiber nicht zufällig darüber legten. Wir sollen uns nicht erinnern, nicht daran, wie es VORHER war, also vor dem Patriarchat, damit wir uns nicht vorstellen können, dass es ein DANACH gibt.

Zu viele Widersprüche oder »Feminist Awakening«

Das ist der Grund, weshalb die Beschäftigung mit dem Feminismus für viele Frauen wie eine Art »Erweckung« ist. Auf einmal versteht man, welche Ursache all die vielen Widersprüche, die Verletzungen, die Angriffe und Zurücksetzungen des Alltags haben, die vorher keinen Sinn machten, willkürlich wirkten. Wir begreifen, dass das, was wir erleben – öffentliches Onanieren in der S-Bahn, sexistische Sprüche, tatschende Chefs, pornoschauende Freunde, Pick-Up-Artists, die Allgegenwärtigkeit von sexueller Gewalt – nicht zufällig uns passiert oder weil wir etwas falsch machen, sondern einfach, weil wir Frauen sind. Frausein, das ist ein Schicksal. Nicht natürlicherweise, oh nein, sondern weil es dazu gemacht wird.

Frauen müssen härter arbeiten, mehr aushalten, mehr leisten und leben in der ständigen Gefahr, entweder vergewaltigt oder von ihrem Lebenspartner umgebracht zu werden. Das gilt allerdings nur für die vermeintlich so gleichberechtigte »westliche« Welt, in anderen Gegenden haben Frauen sogar noch mehr zu befürchten, dafür gibt es dort keine offiziell erlaubte besteuerte Serienvergewaltigung in Form von Prostitution, sondern nur die heimliche.

Frauen, die wehrhaft sind, die sich querstellen, aufbegehren, widersprechen, sind einer größeren Gefahr ausgesetzt, angegriffen, verletzt oder sogar getötet zu werden und das überall auf der Welt. Und bevor jetzt wieder jemand einen Beleg dafür fordert, sucht auch eine der vielen Studien dazu aus, es gibt genug, der Rest ist – leider – Erfahrungswissen.

Das heißt nicht, dass die, die stillhalten, weniger gefährdet sind, ganz darwinistisch betrachtet bedeutet der Umstand, dass das Patriarchat noch immer existiert, dass Anpassung an seine Regeln die Überlebenschancen für eine Frau erhöht, Widerstand hingegen senkt. Es ist kein Zufall, dass Darwin ein Frauenfeind war und seine Theorien schon für allerlei misogynen Bullshit herhalten mussten, doch folgt man ihnen, so ergibt sich eine traurige Schlussfolgerung.

Was »Ehrenmänner« so drauf haben

Diese wurde mir klar, als ich, mich der Arbeit entziehend, die Serie »Basar des Schicksals« schaute, die auf einem realen Brand im Paris des 19. Jahrhunderts basiert. Darin wird in drastischen Szenen gezeigt, dass die Männer die durch ihre Röcke behinderten Frauen niederprügelten, um aus dem Inferno zu entkommen, die Toten waren demnach alle weiblich. Bei den Geschlechtsgenossen sorgte dieses Verhalten der »Ehrenmänner« nur für ein Schulterzucken – sind ja »nur Frauen«.

Klar, wenn ich Frauen wie Vieh oder Gegenstände betrachte, ist Gewalt oder Mord an ihnen auch kein Verbrechen.

Diese Sichtweise ist keineswegs der überschäumenden Fantasie der Serienmacherinnen geschuldet, sondern sie repräsentiert eine historische Wahrheit, die seit etwa 7000 Jahren Realität ist. Die Folgen sehen wir an der weltweiten Gewalt an Frauen, jeden Tag stirbt allein in Deutschland eine durch die Hand von Partner oder Ex-Partner.

Frauen sind »Besitz«, sie sind »minderwertig«, »anfällig«, »Gefäße«, »keine vollwertigen Menschen« (Darwin!), nicht zu ähnlich kognitiven Leistungen fähig wie Männer, »Kindern ähnlich«, »hysterisch« (ihr wisst schon wer), sie sind »austauschbar«, »Gebärmaschinen«, »Bettwärmer«.

Das ist nur ein kurzer Abriss all der Zuschreibungen, die von Philosophen (Fuck you, Aristoteles), Staatsmännern, Ärzten, Autoren (ja, auch denen der Gegenwart), Frauen gegenüber gemacht wurden.

In dem Mann Frauen das Recht absprach, vollwertige Menschen zu sein, setzte er den Wert ihres Lebens, ihrer seelischen und körperlichen Integrität herab oder löschte ihn gleich aus.

Die unsichtbaren Amazonen der Vergangenheit

Da das Patriarchat seit so vielen Jahren fortbesteht und sich als die erfolgreichste Ideologie der Menschheit erwiesen hat (es existiert seit 7000 Jahren weltweit, in fast allen Kulturen), ja, aus der »Erfolgsgeschichte Mensch« gar nicht wegzudenken ist, ist klar, dass die, die sich gegen die Unterdrückung erhoben haben, die unbekannten, unsichtbaren Amazonen, vernichtet wurden. Nicht nur das, sie wurden ausradiert aus der Geschichtee, denn wir können heute nur noch ahnen, dass es sie gab.

Es gab sie, als das Patriarchat mit der Auslöschung der Göttinnenkulte begann, als es Ehebruch (nur für die Frau) ebenso wie Abtreibung unter Strafe stellte, dem Mann das Recht gab, seine Frau zu prügeln oder bei Untreue gleich zu töten (die Römer), ihnen Besitz fortnahm und einen idiotischen Kult um Jungfräulichkeit inszenierte und Menstruationsblut ebenso diskriminierte wie alte Frauen oder jene, die »nicht zu gebrauchen« waren.

Es gab sie, wann immer Frauenrechte (ja, die echten, nicht die, die das Patriarchat uns zugesteht) bedroht oder verletzt wurden, es gab mutige Frauen, die widersprachen, sich widersetzten, ihr Leben riskierten, allein oder mit anderen. Sie alle sind verschwunden, erst ab der jüngeren Vergangenheit, mit dem Beginn der ersten Frauenbewegung, kennen wir überhaupt wieder ihre Namen.

Amazone, Angepasste, von beiden steckt in jeder von uns etwas

Doch zu was macht das uns, wenn nur die Netten, die Angepassten, die Ehefrauen, die Unterwürfigen, die Überlebenden, überlebten? Forscher wissen, dass wir erfolgreiche Überlebensstrategien genetisch direkt an unsere Kinder weitergeben. Wie viel wahrscheinlicher ist es, dass wir aus einer langen Reihe angepasster Frauen stammen, jene, deren Kinder von einem Ehemann beschützt wurden, von einem Familiennamen, von einer Herkunft? Wie sehr steckt uns die Anpassung in den Genen?

Ich schreibe das, weil ich das Gefühl kenne, dass eine empfindet, wenn sie mal wieder eine Frau sagen hört »Feminismus? Kann ich nichts mit anfangen. Wir sind doch längst gleichberechtigt. Was wollt ihr denn noch?«

Dann beißt frau sich auf die Zunge, versucht, sie nicht zu verachten, sich daran zu erinnern, dass man selbst einmal so gedacht hat (ich nicht und viele andere auch nicht, aber das tut nichts zur Sache), man nimmt sich vielleicht die Zeit, ihr etwas zu erklären, oder schweigt, weil man müde ist.

Ich bin jetzt Mitte 30. Vor zehn Jahren brannte ich für den Feminismus. Es gab keine Diskussion, in die ich mich nicht hineinstürzte. Ich rede mit meinem eigenen Vater nicht mehr, weil ich ihn als miesen Sexisten enttarnte (kann man nachlesen hier auf dem Blog). Ich kannte keine Kompromisse, wieso auch, verflucht noch mal! Wenn man erst einmal verstanden hat, was das »Schicksal Frau« bedeutet, bekommt man eine verdammte Wut, an der man entweder erstickt oder sie in Aktionismus umwandelt.

Beides macht müde. Beides sorgt für Verletzungen, dafür, dass Beziehungen, Freundschaften kaputtgehen, dass frau als »schwierig« oder »anstrengend« gilt. Man kann nicht lange an vorderster Front stehen – ich konnte es nicht – deshalb gilt mein tiefer Respekt all jenen, die es noch immer und ohne zu weichen tun. Das war keine bewusste Entscheidung. Irgendwann traf ich, ganz Mittelklasse Mitte 30, ohne nennenswerte Sorgen (nämlich ohne Ehemann), die Entscheidung, dass es sich ja doch irgendwie leben lässt im Patriarchat, dass ich mich daran einrichten, damit klar kommen kann.

Doch an dieser Stelle ist es mit dem Patriarchat wie mit dem Kapitalismus. Es kriegt jede(n) von uns. Es sei denn, man gehört zu den oberen 10.000 und sogar dann. Es gibt kein Klarkommen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Widerstand gegen das Patriarchat ist potenziell tödlich

Manchmal ist es eine Weile leichter, das zu ignorieren, wegzusehen, doch tief in sich weiß jede Frau, dass es stimmt. Und genau das ist entscheidend: Lasst uns einander nicht vorwerfen, dass sich die Anpassung über Jahrhunderte in unser Frausein geschlichen hat. Jede von uns muss überleben, das galt damals und tut es heute. Lasst uns uns selbst nicht vorhalten, dass wir nicht stark genug sind. Widerstand gegen das Patriarchat ist potenziell tödlich, manchmal schnell, manchmal schleichend, in jedem Fall kostet er uns Lebenskraft. Jede von uns hat das Recht, aus diesem Leben das Beste zu machen, was ihr das »Schicksal« Frau an Freiraum lässt. Im Patriarchat ist jede Frau, die über sich sagen kann »Ich bin frei« oder »Ich bin glücklich« ein Sieg, eine kleine Revolution. Denn: Keine von uns ist frei, solange eine Einzige von uns unterdrückt wird.

Die Amazonen sind verschwunden, ausgelöscht. Ebenso wie die lange Reihe jener Frauen, die den Männern Widerstand leisteten. Archäologische Funde lassen vermuten, dass es eine vorpatriarchale Zeit gab, in der wir Frauen ebenso groß und stark wurden wie Männer. Unsere »schwächere« Physiognomie hat man uns »angezüchtet«. Widerlich, ne? Das Wort? Aber leider zutreffend. Wir heutigen Frauen sind aller Wahrscheinlichkeit nach das Ergebnis jahrtausendelanger Zucht- und Züchtigungsversuche (die Wortähnlichkeit ist kein Zufall). Die besten Frauen, die Mann sich machen kann.

Pech nur, dass in jeder von uns eben auch noch Amazonenblut fließt, das Blut unbekannter, namenloser früher Feministinnen. Sehen wir nicht die Anpassung in der anderen. Sehen wir diesen Geist des Widerstands, der dort schlummert, sich ausruht, auf den rechten Moment wartet.

Alle Zucht hat nichts genutzt. Wir sind noch da, widerständiger als je zuvor. Feminismus ist nichts, was von außen an eine herangetragen wird. Er entsteht in jeder von uns in dem Moment, in dem wir erkennen, wie unser »Schicksal« und unser »Frausein« zusammenhängen. Wenn wir verstehen, dass die Amazone nur die andere Seite der Medaille einer Angepassten ist und umgekehrt. Alle Zucht hat nichts genutzt. Wir sind noch da, widerständiger als je zuvor. Feminismus ist nichts, was von außen an eine herangetragen wird. Er entsteht in jeder von uns in dem Moment, in dem wir erkennen, wie unser »Schicksal« und unser »Frausein« zusammenhängen. Wenn wir verstehen, dass die Amazone nur die andere Seite der Medaille einer Angepassten ist und umgekehrt.

What the actual fuck!? Ein Rant über Täter, die um eine “zweite Chance” betteln

Pixabay Public Domain

Als wir 2013 begannen die Morde in der Prostitution in unserem Projekt “Sexindustry Kills” zu dokumentieren, waren wir uns dessen bewusst, dass die Dokumentation der Schicksale jener Frauen, die in der Prostitution einen gewaltvollen Tod fanden ein zweischneidiges Schwert ist: Auf der einen Seite war es uns wichtig, dass diese Frauen nicht vergessen werden. Deutlich zu machen, dass sie unsere Schwestern sind, die fehlen. Zu vermitteln, dass sie Frauen mit Schicksalen, Träumen und Wünschen waren und nicht irgendwelche anonymen Frauen, die oft von der breiten Öffentlichkeit auf ihre Prostitutionstätigkeit reduziert werden. Dass sie Familien hatten und FreundInnen, die sie vermissen. Wir haben zahlreiche rührende Zuschriften erhalten, von jenen, die auch noch nach vielen Jahren an die Frauen denken, die so brutal aus unserer Mitte gerissen wurden.

Auf der anderen Seite war uns auch bewusst, dass die Dokumentation auch dazu beiträgt, die Prostitutionstätigkeit besagter Frauen weiter öffentlich zu machen. Einige dieser Frauen wollten, dass die Tatsache, wie sie Geld verdienten / zum Teil auch verdienen mussten, niemals publik wird. Nicht den Menschen, die ihnen nahe standen gegenüber und schon gar nicht einer großen Öffentlichkeit. Wir versuchen, dieses leider oft nicht aufzulösende Spannungsfeld damit zu mindern, indem wir den Auftritt so neutral wie möglich gestalten

Keinerlei Skrupel hatten wir jedoch jemals gegenüber der Benennung der Täter. Jener Männer – zumeist Freier – die die verdammte Verantwortung dafür tragen, dass diese Frauen nicht mehr leben. Was wir nicht für möglich gehalten hätten: Dass diese Typen tatsächlich die Chuzpe haben uns anzuschreiben und um Löschung ihrer Namen zu bitten winseln. Bisher haben wir diese Zuschriften immer bewusst mit Ignoranz gestraft: Unsere Aufmerksamkeit haben DIE nicht verdient. Irgendwann platzt einer jedoch die Hutschnur und deshalb lassen wir euch hier und heute an zwei solcher erbärmlichen Exemplare teilhaben.

Ein “Löschantrag” eines gewissen Tim Schüler erreichte uns bereits im Jahr 2015. Besagter Tim ermordete in den 1990er Jahren gemeinsam mit seinem Kumpel Till-Hauke Heldt zunächst einen nepalesischen Flüchtling sowie einen Bremer Kaufmann. Heldt stand auf Sadomaso, träumte von einer SM-Welt, in der er nach Lust und Laune fesseln, bestrafen und erniedrigen konnte. Er eröffnete ein Bordell in einem ehemaligen Flüchtlingsheim, in dem seit 1998 auch Yvonne Polzin prostituiert – und von Heldt schamlos ausgenutzt – wurde. „Sie hat fantastisch gearbeitet, weil sie in mich verliebt war“, sagte Heldt. Er war fasziniert von der „totalen Unterordnung bis zur Selbstaufgabe“ und behandelte sie „wie Dreck“. In seinen Augen beging Yvonne einen “Tabubruch”, als sie vor seinem Privathaus auftauchte – und seine bürgerliche Fassade mit Frau und Kindern bedrohte. Er lud sie ein zu einem “romantischen Wochenende” – in Wahrheit hatte er ihre “Beseitigung” geplant. Bereits im Vorfeld hatte er einen Handwerker einen Ofen bauen lassen, der zu Yvonnes Krematorium werden sollte. Nach dem Mord stellte sich heraus, dass besagter Ofen nicht so funktionierte, wie er sollte und hier trat unser Spezi Tim Schüler auf den Plan: Gemeinsam tüftelten die beiden, wie sie den Ofen doch noch wie gewünscht zum Laufen bringen konnten. Als dies scheiterte, beschafften die beiden Winkelschleifer, Trennscheiben, Beil und Fleischwolf. Dem Klempner, der anschließend bei der Entsorgung des Ofens helfen sollte und aufgrund des Leichengeruchs Verdacht schöpfte, erzählten sie was von “Rehfleisch”. Dieser musste sich zwei Mal an die Polizei wenden, bis diese die abenteuerliche Geschichte glaubte und Ermittlungen eingeleitet wurden. Heldt wurde zu dreimal lebenslänglich, Schüler zu 9 Jahren Haft verurteilt. Die Gesamtfreiheitsstrafe betrug 15 Jahre.

Nachfolgend dokumentieren wir Tim Schülers Löschgesuch:

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich beantrage den folgenden Artikel zu löschen: http://sexindustry-kills.de/doku.php?id=prostitutionmurders:de:yvonnepolzin
Meine Wiedereingliederung in die Gesellschaft, insbesondere in das Arbeitsleben wird erheblich beschwert.
Ein besonderes öffentliches Interesse an meiner Person, das meinen Löschungsanspruch ausnahmsweise entfallen ließe, ist nicht ersichtlich.

Mit freundlichem Gruß

Tim Schüler

Nicht nur, dass Schüler offensichtlich meint, dass wir in irgendeiner Weise uns verantwortlich fühlen müssen, damit ihm, der an drei Morden beteiligt war, seine “Wiedereingliederung in die Gesellschaft” gelingen kann, er faselt darüber hinaus noch etwas von einem Löschungsanspruch. Man will seinen Augen nicht trauen. Auch ist er so vermessen zu fordern, dass der Artikel ersatzlos gestrichen wird – und damit Yvonne aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwindet. Die Erinnerung an eine Frau, die – anders als Herr Schüler – kein Teil dieser Gesellschaft mehr ist – weil sein Kumpel Heldt entschieden hat, ihr Leben zu beenden.

Es gibt also “kein öffentliches Interesse an der Person Tim Schüler”? Nun, das sehen wir leider anders.

Hartnäckig erweist sich unser Fallbeispiel Numero 2:

Bereits vor mehr als einem halben Jahr bat ein gewisser Dirk Goldmann um die Abkürzung seines Nachnamens. Goldmann zeichnet sich gemeinsam mit seinen Kumpels verantwortlich für den brutalen Mord an Beate Fischer in Berlin im Jahr 1994. Beate, Mutter zweier Kinder, wurde von einer vierköpfigen Naziclique, darunter Goldmann, mehr als zehn Stunden brutal gefoltert, mehrfach vergewaltigt, man rasierte ihr die Haare ab und versuchte, sie zu ertränken und zu vergiften. Schließlich wurde sie durch Strangulation ermordet und nackt in einen Teppich gewickelt vor Mülltonnen entsorgt. Das Gericht verhängte lebenslange Haft für den Haupttäter Matthias F. (Nachname leider unbekannt) sowie neun und zehn Jahre Jugendstrafe für die Mittäter. Der Richter sagt in der Urteilsbegründung, die Neonazis „haben nach ihrer Wolfsmoral Sex als die Bühne ihrer Macht benutzt“. 2019 fand in Berlin anlässlich der 25 Jahre zurück liegenden Tat eine Gedenkaktion für Beate Fischer statt. Im Mai 2019 schickte uns Goldmann diesen rührseligen Text:

Weil die Tat nun also 25 Jahre zurück liegt und der werte Herr Goldmann dafür ein paar Jahre seines Lebens in Haft verbringen musste, habe er also seiner Meinung nach ein Recht auf ein “halbwegs normales Leben”, denn er führe ja jetzt ein “komplett neues Leben”. Ach so.

Nachdem diese “Bitte im Löschung / Änderung” (sic!) bei uns auf taube Ohren stieß, versuchte er es jetzt in zwei aktuellen Mails (Dezember 2019 und Januar 2020) unter einem anderen Namen. Wir dokumentieren diese hier:

Eine “2. Chance” hätte er gerne der Herr, denn er habe seine “Vergangenheit abgelegt”. Deshalb, liebe Feministinnen, “reitet” doch bitte bitte nicht so auf der Vergangenheit “rum”. Zwei Wochen später setzt er noch eins drauf:

Da ist aber jemand einem Irrtum aufgesessen: Nicht “zufälligerweise” nennen wir einen Täter mit vollem Namen, sondern ganz bewusst und intendiert. Nachdem wir ein paar Minuten über die Frage sinnierten, ob man auch “ehemaliges Opfer” werden kann, wo es doch offenbar “ehemalige Täter” gibt, waren wir für eine Sekunde ganz angetan, weil Herr Goldmann sich jetzt “mittlerweile” doch für “schwächere engagiert” und der rechten Szene den Rücken gekehrt hat. Nicht. Bitte wie? Das soll uns überzeugen? Sorry, not sorry: Nein!

Eins ist nämlich auffällig, und das macht uns am meisten wütend: Nicht mit einer einzigen Silbe erwähnt Goldmann Beate. Das hat er mit Tim Schüler gemein. Alles dreht sich ausschließlich um die Konsequenzen, die diese Taten für die Leben der Täter haben. Die Opfer finden keine Erwähnung – nicht einmal mit einer klitzekleinen Silbe. Narzissmus much!?

Das Tragische an der ganzen Sache:

Anders als Yvonne und Beate, hatten diese Typen eine Wahl bei der ganzen Angelegenheit. Niemand hat ihnen einen Mord aufgezwungen, und ihre Leben wurden nicht ausgelöscht.

Beate und Yvonne hatten mit 32 und 31 Jahren ihre Leben noch vor sich.

Ihnen gehört unser Mitgefühl.

Ihnen ganz alleine.

Kein Vergeben, kein Vergessen.

I believe her – Ich glaube Ihr. Vergewaltigungsdrama in Zypern

The Shadow of Justice

"The Shadow of Justice" by Jack via Flickr, [CC BY-NC-ND 2.0]

Das Jahr 2019 endete mit einem Schock für eine junge 19-jährige Britin in Zypern. Das Jahr endete ebenso stellvertretend für alle Frauen mit einem Schock, für alle Frauen, die glaubten, dass wir die schlimmsten Auswüchse von Rapeculture in Europa hinter uns gelassen haben. Ihre Geschichte weist erschreckende Parallelen zum Netflix Film ,,Unbelievable‘‘ auf.  ,,Unbelievable‘‘ (Unglaubwürdig) handelt von einer ebenfalls 18 jährigen Frau, die vergewaltigt wurde und von der Polizei in den USA der Falschaussage beschuldigt wurde. Sie musste ihre Anzeige zurückziehen und sagen, dass sie gelogen hatte und es nie eine Vergewaltigung gegeben hat. 

Dieser Film hat eine grausame, neue aktuelle Wiederholung in der Wirklichkeit gefunden. Wer hätte das gedacht in der Zeit von ,,#metoo‘‘?

Die junge britische Frau, deren Anonymität bisher gewahrt werden konnte, wurde am 30.12.2019 von einem Richter in Zypern schuldig gesprochen wegen Falschaussage. Sie hatte Mitte Juli 2019 Anzeige erstattet, da sie von einer  Gruppe von zwölf jungen israelischen Männern im Alter von 15 bis 22 Jahren im Urlaubsort Ayia Napa vergewaltigt wurde. Die Anzeige hat sie kurze Zeit später zurück gezogen.  Es drohen ihr jetzt bis zu einem Jahr Gefängnis und eine Geldstrafe von 1000 Euro.

Die junge Frau befand sich für einen durch Arbeit finanzierten Urlaub auf Zypern. Sie lernte dort einen 21-jährigen Israeli, angehender Fußballspieler, kennen und begann eine Romanze mit ihm. Es gibt Fotos von beiden zusammen aus dieser kurzen gemeinsamen Zeit.  Wenige Tage nach dem Kennenlernen hatte sie freiwillig Sex im Hotelzimmer mit ihm. Hier findet die romantische Zeit ein brutales Ende. Während sie mit ihrem neuen Freund Sex hatte, kamen plötzlich und überraschend 11 seiner Freunde in das Zimmer.  Ihr Partner hielt sie fest nach unten während sich seine Freunde mit der Vergewaltigung abwechselten. Sie weiß nicht wie viele es waren, aber Kondome mit verschiedenen DNA Spuren der Männer wurden im Zimmer gefunden. Die sexuellen Handlungen wurden zum Teil gefilmt. Es gibt Videoausschnitte, die auf Pornoseiten hochgeladen wurden. Vielleicht war hier geplant sie mit den Aufnahmen unter Druck zu setzen und eine Anzeigenerstattung zu verhindern. 

Die Männer wollten fast alle bald ihren Militärdienst in Israel ableisten und machten deshalb kurz vor Antritt gemeinsam Urlaub. Zeugenaussagen belegen, dass die Männer an dem Tag der Vergewaltigung vor dem Hotelzimmer gemeinsam warteten und einer von ihnen sagte, … :‘‘ dass das englische Mädchen bald kommen würde ‚ und das sie sie alle ficken würden..”. Sie gaben dabei an und lachten. 

Die damals 18 Jährige wurde von ihren Freundinnen, nachdem sie aus dem Zimmer entkommen konnte, in ein medizinisches Zentrum gebracht, und dort riefen die Mitarbeiter die Polizei.

Die Männer wurden nach der Anzeigenerstattung inhaftiert. Nachdem die 18-Jährige jedoch am 27.Juli die Anzeige zurücknahm, wurden die Täter entlassen und am Flughafen von Ben Gurion bei ihrer Ankunft wie Helden empfangen. Es wurde mit Champagner angestoßen, und sie sangen:…‘‘ die Britin ist eine Hure”…Alleine diese Vorstellung löst bei mir Übelkeit aus. Wie kann man Männer, die ein GangBang durchführten, feiern?  Wieso ist eine Frau eine Hure? Was sind denn dann diese Männer? Nichts mehr wie dreckige Täter.

Nach Erstattung ihrer Anzeige wurde sie nochmals am 27 Juli von der Polizei verhört. Sie wurde, laut ihrer Familie und laut ihr, an diesem Tag gezwungen ihre Anzeige zurück zu ziehen. Es gibt Aussagen auf Snapchat die dies bestätigen.

Sie wurde von Dr. Tizzard, einer britischen Psychologin, mit PTSD diagnostiziert. Hierzu wurde eine Stimmanalyse durchgeführt. Ja, das ist mittlerweile möglich. Unsere Stimme verrät vieles über unsere Psyche. Die junge Frau wurde in diesem traumatisierten Zustand verhört, alleine, über neun Stunden lang. Ein Anwalt wurde ihr nicht zur Verfügung gestellt.  Der Horror den sie hier erleben musste ist unvorstellbar.  Es gibt auch keine Aufnahmen dieses Verhörs. Allerdings ist dies mittlerweile Standard und auch in Zypern sollten mittlerweile die technischen Voraussetzungen bestehen um Verhöre aufzunehmen. Oder war es Absicht, keine Aufnahmen anzufertigen?

Die Rücknahme ihrer Anzeige wurde auf ein Blatt Papier geschrieben und laut Familie in schlechtem Englisch…:,, I discovered them recording me doing sexual intercourse.‘‘…:,,Ich entdeckte wie sie mich filmten während ich Geschlechtsverkehr ausübte…‘‘. In der Gerichtsverhandlung sagte sie, sie hatte bei diesem Verhör Angst um ihr Leben. 

Die Verteidigung sagt aus, dass die junge Frau freiwillig Sex mit 12 Männern haben wollte und nur wegen der Videoaufnahme, die gegen ihren Willen stattfand, Anzeige erstattete. Ein kurzer Ausschnitt der Aufnahme fand sich vor kurzem auf Pornoseiten wieder und wurde durch die Männer in sozialen Medien und bei Whatsapp geteilt. In diesem hört man die Männer auf Hebräisch sagen‘‘ .. du bist meine Hure, sag, dass du meine Hure bist…‘‘. Sie ist daraufhin zu hören, wie sie fragt, was sie sagen und bekommt die Antwort auf Englisch:,,Wir sagen, dass du sehr sexy bist..‘‘.

Sie musste nach der Aussage, dass sie nicht vergewaltigt wurde, einen Monat in das Gefängnis in Zypern. Mittlerweile wohnt sie in sicheren Unterkünften auf Zypern, da sie zwar entlassen wurde, aber ihr Pass von den zyprischen Behörden eingezogen wurde. Man stelle sich vor, dass ein Urlaubsflirt im Gefängnis endet mit monatelangem Aufenthalt im Ausland… 

Weitere rechtliche Ungereimtheiten finden sich im Umgang mit der forensischen Pathologie wieder. Der forensische Gutachter der Familie, Dr. Matsakis, wurde erst im Zeugenstand bei Gericht mit dem staatlichen Bericht der Pathologie konfrontiert. Der Bericht stellt deutliche Verletzungen dar, inklusive Vaginalblut, die mit dem Bericht der jungen Frau über den Ablauf der Vergewaltigung übereinstimmen. 

Zypern hat eine sehr schlechte Statistik bezüglich der Verurteilung von Vergewaltigungen, wie übrigens auch Deutschland. Natürlich werden in diesem Fall auch politische Aspekte diskutiert. Zypern sucht eine wirtschaftliche Beziehung zu Israel und einer der jungen Männern soll der Sohn eines ehemaligen israelischen Politikers sein. Diese Faktoren sind aber nur der zusätzliche Zuckerguss auf der Torte. Auch diese Aspekte sind übertragbar. Immer wieder spielt der politische gesellschaftliche Einfluss der Eltern von Tätern eine Rolle in erschreckenden Urteilen von öffentlichkeitswirksamen, medial bekannten, Vergewaltigungsfällen in aller Welt. Auch hier nichts Neues. Diese junge Frau kommt aus der Mittelschicht und hatte einen begehrten Studienplatz, den sie jetzt verloren hat. Normalerweise sind Mittelschicht und Studium Pluspunkte im Kampf bei Gericht für Frauen, aber im Zweifel nützt auch das nichts. Zumindest nicht, wenn die Gegenseite einen mindestens ähnlichen Hintergrund hat. Und ja, natürlich sollte dies keine Relevanz haben, aber auch dies wird in den britischen Medien besonders hervorgehoben.

Verschiedene, auch deutsche Medien, haben über den Fall berichtet. Interessanterweise findet man aber, je nach Quelle, andere Inhalte. Relevante Informationen werden weggelassen, die junge Frau wird als Folge in den Kommentarspalten als Lügnerin bezeichnet, sowie alle Frauen implizit als Lügnerinnen bezeichnet werden. Wenn eine lügt über eine Vergewaltigung, dann lügen automatisch alle Frauen, immer. In welcher Welt möchte eine Frau, freiwillig, mit 12 Männern Sex haben?  Welcher kranken Pornofantasie ist diese Idee entsprungen?

Aus vielen Gründen berührt mich dieser Fall besonders. Wahrscheinlich, da auch ich mich, als ich jung war, in riskante Situationen begeben habe, die nur mit Glück nicht in einer Vergewaltigung endeten. 

Vielleicht auch, da ich Töchter habe und weiß, wie jung eine 18-Jährige tatsächlich ist.

Vielleicht auch, da ich mir vorstellen kann , wie es sich anfühlen muss mit einem Urlaubsflirt Sex und Spaß zu haben, und zu erleben wie elf weitere Männer das Zimmer währenddessen betreten.

Während eines Urlaubs in Tunesien in einer Hotelanlage, vor vielen Jahren, öffnete meine kleine Tochter die Zimmertür als es klopfte.  Zehn junge Männer betraten daraufhin das Zimmer während ich lesend im Bett lag. Ich wusste, dass mein Leben an einem seidenen Faden hing und musste vom Bett aus ein makaberes Gespräch führen. Der junge Mann behauptete, er sei von der Rezeption geschickt worden, da die Lampe nicht mehr funktionieren würde. Ich antwortete ganz ruhig, dass alle Lampen funktionieren würden und wir verabschiedeten uns freundlich voneinander. Meine Töchter waren auch ruhig. Hätte auch nur eine von uns geschrien, oder gezeigt, dass wir anderes vermuteten, wäre der ganze Vorfall anders verlaufen. Nur durch diese Idiotie klappte es. Ich glaube meine Töchter haben mich gerettet, aber auch die Tatsache, dass ich im Bett lag. Die Gruppe hatte sich spontan entschieden mich in Ruhe zu lassen, und brauchte eine Geschichte, um wieder gehen zu können. In der Nacht fanden danach mehrere Raubüberfälle in der Anlage statt.

Das ist nicht vergleichbar, in keiner Weise, aber ich kann mich trotzdem noch an das Gefühl der absoluten Ohnmacht und Hilflosigkeit in der Situation erinnern. Ich war komplett chancenlos angesichts einer Übermacht von 10 Männern. Ich glaube, wir wissen alle, dass wir Alles tun würden um eine solche Situation einfach nur zu überleben. Ich hätte Alles getan. Stellen wir uns einfach vor in einem Zimmer vor 12 Männern zu liegen, wie diese junge 18 jährige Frau, nackt….welche Optionen hätten wir?

Den Kampf, den die junge Frau in Zypern führt, ist ein Kampf für uns Alle. Im Augenblick wurden über 80000 englische Pfund gespendet um alle notwendigen Gerichtskosten zahlen zu können. Das Crowdfunding wird ohne Entschädigung von einem englischen Anwalt koordiniert. Die Familie wird, sollte es sein müssen, bis vor den europäischen Gerichtshof gehen. Justice Abroad unterstützt die Familie.

Wie fühlt es sich an als Mutter einen Sohn zu haben, der an einer Gruppenvergewaltigung teilnimmt. Einen Sohn zu haben, der es als normal ansieht, eine Frau als Hure zu beschimpfen um sie dann zu vergewaltigen, abwechselnd mit seinen Freunden. Würde man ihn mit Champagner empfangen nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis? Wurde mit diesen jungen Männern über Pornografie gesprochen? Ab welchem Alter konnten sie Pornografie konsumieren? Wurde mit ihnen über Sexualität, Gewalt, Konsens, Intimität, Verantwortung, Ethik und Leidenschaft gesprochen, als sie noch jung genug waren um sich anders  entwickeln zu können?

Ich für mich kann sagen, dass ich keinen Sohn mehr hätte, wäre mein Sohn an einer Gruppenvergewaltigung beteiligt. Wahrscheinlich hätte ich aber genau deshalb keinen Sohn, der dies tun würde. Aber das sind Mutmaßungen. Würde ich über Pornografie mit meinem Sohn sprechen? Die Auswirkungen von Pornografie? Über Männlichkeit und Sexualität? Wie früh würde ich mit ihm darüber sprechen? Pornokonsum beginnt in der heutigen Zeit mit 12 Jahren.

Die Vorgehensweise dieser Vergewaltigung erinnert an den Ablauf von Pornofilmen. Hier gibt es für mich keinen Zweifel. Mit wie viel Jahren haben diese Männer angefangen Pornos zu sehen? Wie oft konsumieren sie jetzt Pornos. Hat jemand diese Frage gestellt? Hat jemand den Zusammenhang von Pornografie und Taten wie diesen in den Medien hergestellt? Ich habe bisher Nirgends etwas davon gelesen. Nirgends. 

Die Methode der Gruppenvergewaltigung wiederholt sich mittlerweile, so erscheint es mir zumindest. Ein Mann beginnt eine romantische Beziehung und leitet eine Gruppenvergewaltigung ein. Zur Erpressung wird die Vergewaltigung aufgenommen. Einen ähnlichen Fall mit Serienvergewaltigungen durch Freunde  gab es vor einigen Jahren in Deutschland, unter anderem. Es reicht.

Was bleibt zu sagen: Ich glaube ihr.

https://www.iol.co.za/news/world/drunken-sex-video-of-israel-teens-gang-rape-accuser-goes-viral-30119338

https://www.gofundme.com/f/Help-Teen-Victim-Get-Justice-In-Cyprus

 Fundraiser by John Hobbs : Help Teen Victim Get Justice In Cyprus – GoFundMeJohn Hobbs Help Teen Victim Get Justice In Cyprus In the early hours of Sunday the 28th of July 2019, following a week of traumatic events, our daughter was awww.gofundme.com

https://www.theguardian.com/uk-news/2019/dec/30/briton-found-guilty-over-ayia-napa-false-claim-cyprus

Der Radikalfeminismus in Deutschland ist erstarkt

Woman Power Symbol, Feminist Fist

Public Domain C00

Als wir im Jahr 2014 diesen Blog gründeten, geschah dies u. a. aus der gemeinsamen Wut gegen die bestehenden Zustände und weil wir uns in dem, was die feministische Landschaft in Deutschland uns bot, nicht (mehr) aufgehoben und vertreten fühlten. Einige von uns waren lange Zeit sehr intensiv in linken Zusammenhängen unterwegs, um letztlich festzustellen, dass auch hier eine radikale Kritik am Patriarchat lediglich einen weißen Punkt auf der politischen Landkarte bildete.

Der liberale Feminismus und der Queerfeminismus dominierte die Debatten, ließ aber keine Differenzen zu und gab die Meinungen vor, die die Feministin von heute zu den Kernthemen zu haben hatte: Prostitution und Pornografie z. B. galten und gelten hier u. a. als Ermächtigungstool oder als Ausdruck (vermeintlich) weiblicher sexueller Befreiung. Dass aus beiden Institutionen die Unterdrückung der Frau als Klasse nur so herausschreit, stieß und stößt auf taube Ohren. Schließlich sollte es darum gehen, das Patriarchat nicht etwa abschaffen zu wollen und es radikal zu analysieren, sondern sich möglichst gemütlich darin einzurichten: Empowerment und Choice als Wohlfühlkonzepte und individuelle statt universelle Werte. Wie viel eine Frau unterdrückt wird, das bestimmt sie einfach selbst: ganz schön praktisch.

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#IranProtests: Es geht um alles oder nichts

Manchmal ist das Leben geprägt von merkwürdigen Zufällen. Erst vor knapp zwei Wochen habe ich auf der Plattform eines großen internationalen Buchhandels eine Rezension zu „Islamists Ruined My Iran: The Second Coming“, einem Buch eines jungen, talentierten Autors über die Situation im Iran veröffentlicht, und nur wenige Tage später erlebt das Land Aufstände gegen das Regime, die von ExpertInnen bereits als die größten seit ca. 40 Jahren beschrieben werden.

Seit fünf Tagen ist der Aufstand im vollen Gange, seit mehr als vier Tagen haben Auslands-IranerInnen bedingt durch die Abschaltung des Internets durch das Mullah-Regime, nun bereits keinen Kontakt zu ihren Angehörigen. Nur ca. 5% der Tweets zu den Protesten kommen aus dem Iran selbst, hauptsächlich von Regime-Vertrauten und Funktionären – für die Handvoll anderer Tweets mussten Aktivistinnen mit komplizierten Proxy-Server-Umwegen agieren.

Währenddessen wurden bereits Tausende verhaftet, die Zahl der Todesopfer hat die 200er Marke überschritten. Im „Westen“ wird der Protest verkürzt auf einen Konflikt um eine „Erhöhung der Benzinpreise“, für die die US-Sanktionen gegen das Land verantwortlich seien. Die schiere Verzweiflung (und Wut) ist bei Twitter unten den Hashtags #IranProtests und #Internet4Iran zu spüren: Warum kommt dem Aufbegehren gegen die nunmehr vier Jahrzehnte währende fundamentalistische Herrschaft keine internationale Aufmerksamkeit zu? Und warum ist es so schlecht bestellt um die Solidarität der „freien und demokratischen Welt“?

Das eingangs erwähnte Buch, oder wie der Autor es selbst nennt „Manifest“, zeichnet sich meines Erachtens dadurch aus, dass es zum einen auf knapp 79 Seiten einen sehr kompakten aber sehr umfangreichen Überblick über die Geschichte des Landes und die ökonomischen, sozialen, kulturellen und ökologischen Auswirkungen der „Islamischen Revolution“ von 1979 liefert. Zum anderen gelingt es ihm zwischen struktureller und individueller Ebene zu trennen. Trotz der Schilderung der Ernsthaftigkeit der Lage des Landes, die bereits vor dem 14. November als höchstkritisch zu bewerten war, wird vor allem auch die Verbundenheit zum Land und seinen Menschen und die Hoffnung auf eine Veränderung spürbar. Und, wie er angesichts der neuen Situation konstatiert wird sich in den aktuellen Protesten zeigen, ob diese Veränderung nun eintritt, oder – wenn der Versuch der Befreiung fehlschlägt – die gewaltvolle Reaktion des Regimes jeden Hoffnungsschimmer völlig zunichte macht. Es geht um alles oder nichts.

Wenn es jedoch nicht, wie allenthalben suggeriert, um steigende Benzinpreise geht, um was dann? Zum einen um die Tatsache, dass  das Land, welches einst für Modernisierung stand und für seine Dichtkunst von Autoren wie Hafez oder Rumi bekannt war, von einer „stabilen und prosperierenden Nation“, in eine ernsthafte Wirtschaftsrezession manövriert wurde, die Millionen von Iranerinnen und Iranern in die Armut getrieben hat: Steigende Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Inflation sind nur ein paar wenige Stichpunkte. Zum anderen geht das autoritäre Regime unerbittlich mit seinen KritikerInnen um: Inhaftierungen und Exekutionen sind an der Tagesordnung, freie Meinungsäußerung undenkbar. Die Abwendung von der Religion steht unter Todesstrafe, Händchenhalten eines unverheirateten Paares in der Öffentlichkeit führt mitunter zu stundenlangen Arrestierungen. Ethnische und religiöse Minderheiten werden diskriminiert und verfolgt.

Was bedeutet all dies konkret für das Leben von Frauen im Iran?

  • Insbesondere in der ölreichen, aber dennoch von niedriger Beschäftigung und schlechter Luftqualität geprägten Khuzestan-Provinz und in den westlichen Städten des Irans, sehen sich junge Frauen zur Prostitution aus ökonomischer Not gezwungen. Auch Anzeigen für Organverkäufe sind an der Tagesordnung, die Straßen Teherans von Obdachlosigkeit geprägt.
  • Das Tragen des Hijab ist verpflichtend. Die Initiative „My Stealthy Freedom“, im Jahr 2014 initiiert durch die Aktivistin und Exil-Iranerin Masih Alinejad, zeigt Fotos von mutigen Frauen im Iran, die trotz aller Repression ihre Verschleierung ablegen.  Yasaman Aryani , Monireh Arabshahi und Mojgan Keshavarz zeigten sich am diesjährigen Internationalen Frauentag ohne Hijab und wurden wegen Verstoß gegen das Verschleierungsgesetzes und damit der „Anstiftung und Begünstigung von Verdorbenheit und Prostitution“ zu Haftstrafen von zusammen 55 Jahren verurteilt.
  • Fussballfan Sahar Khodayari , auch bekannt als „Das blaue Mädchen“ schlich sich, wie viele andere Frauen als Mann verkleidet in die iranischen Fussballstadien, und wurde für diese „sündhafte Tat“ verhaftet und zu einer Haftstrafe verurteilt. Nach der Anhörung übergoss sie sich vor dem Gerichtsgebäude mit Benzin und zündete sich an. Sie starb eine Woche später im Krankenhaus. Erst im Oktober diesen Jahres durften Frauen erstmalig nach 40 Jahren wieder offiziell ein Fussballstadion betreten
  • Frauen wie die Rechtsanwältin Nasrin Sotudeh, die sich für die Rechte von Frauen und politisch Verfolgten stark machen, werden wegen „Propaganda gegen den Staat“ inhaftiert und mit Peitschenhieben bestraft. Sie sitzt derzeit im Evin-Gefängnis in Teheran eine Haftstrafe von 33 Jahren ab
  • Die 17-Jährige Nazanin Fatehi erstach im Jahr 2004 in Notwehr einen der drei Männer, die sie und ihre 15-Jährige Nichte vergewaltigen uns wurde hierfür 2006 zum Tod durch Erhängen verurteilt. Erst nach internationalem Protest, inklusive der UN, konnte 2007 ihre Freilassung gegen Zahlung eines „Blutgeldes“ erwirkt werden
  • Homosexuelle Handlungen werden im Iran bestraft– bei Männern sofort mit der Todesstrafe, bei Frauen zunächst mit 100 Peitschenhieben und bei der vierten Wiederholung ebenfalls mit der Todesstrafe. (siehe auch)
  • … Die Liste könnte wohl  endlos weitergeführt werden

Die aktuellen Proteste sind deshalb kaum überraschend geprägt von Rufen nach dem Sturz des „islamistischen Regimes“ und der Beendigung der fundamentalistischen Herrschaft.

Unter den Todesopfern sind auch Frauen. Die wenigen verfügbaren Videoaufnahmen zeigen uns, dass Frauen bei den Protesten aktiv mitmischen: So sehen wir eine Frau, die ein antiamerikanisches Banner vom Mast reißt mit den Worten „Unser Feind sind nicht die USA, unser Feind derzeit ist das Iranische Regime“. Oder eine Frau, die sich ihren verpflichtenden Hijab auf einer Brücke unter Applaus der Umstehenden vom Kopf reißt und ruft „Wir leiden seit nunmehr 40 Jahren“. Die Iranische Autorin Roya Hakakian schreibt auf Twitter „So sieht #MeToo im Iran aus: Frauen, die seit 40 Jahren unter der Geschlechter-Apartheid leiden, sind führend bei den #IranProtests“

Was erwarten die Menschen aus dem Iran nun von uns und der internationalen Community? Vor allem internationalen Druck auf das fundamentalistische Regime den Zugang zum Internet im Land wieder für alle herzustellen. Da die Menschen vor Ort derzeit keine Stimme haben, ist es essentiell, dass wir nicht wegschauen, sondern unsere Stimmen erheben. Das Regime muss nun endlich, nach 40 Jahren Tyrannei gegen seine Bevölkerung zur Rechenschaft gezogen werden. 

Frauen, werdet Juristinnen!

Manchmal frage ich mich, ob es mir irgendwie Spaß bereitet, mir das Leben besonders schwer zu machen. Als wäre es nicht schon schwer genug als Feministin und Lesbe im Patriarchat, studiere ich auch noch einen der wohl patriarchalischsten Studiengänge überhaupt: Jura. 

Ich kenne keine einzige andere feministische Juristin oder Jurastudentin, zumindest nicht im realen Leben. Nirgendwo ernte ich so angewiderte Blicke in Bezug auf meine Körperbehaarung wie im Juridicum. Ich freue mich, wenn ich in der Literaturliste meiner Hausarbeit mal eine einzelne Autorin aufzählen kann (die ich mühsam gesucht habe, denn die gängige juristische Literatur ist Männerterrain). Vermutlich fühlt man sich in kaum einem anderen Studiengang so alleingelassen und ins kalte Wasser geworfen. Es ist ein Studium für EinzelgängerInnen- und vielleicht liegt es mir auch deshalb so sehr. Ich habe mich mein Leben lang allein durchgekämpft und mein Ding gemacht- das setze ich in meinem Studium jetzt fort. Es ist nicht immer leicht; um ehrlich zu sein, ist es sogar meist sehr schwierig, aber für mich steht fest, dass ich diesen Weg gehen möchte.

Denn: Ich will Juristin werden. Ich liebe Jura, trotz allem. Ich liebe es, mich in Fälle einzuarbeiten, immer tiefer in die Materie abzutauchen, zu merken, wie meine Argumentationsfähigkeit und meine Allgemeinbildung immer weiter wachsen. Oft werde ich gefragt, wie das denn eigentlich zusammen passt: Jura studieren und Feministin sein. Anfangs war Jura ein bisschen so etwas wie mein dunkles Geheimnis, das nicht so recht zu meinem sonstigen Leben passen wollte. Mittlerweile habe ich festgestellt: Jura und Feminismus, das schließt sich nicht aus, ganz im Gegenteil. Recht organisiert Herrschaft (wie Catherine MacKinnon prägnant auf den Punkt brachte), insofern ist es nur logisch, dort anzusetzen, wenn man Herrschaft verändern möchte. 

Jura ist ein sehr patriarchalischer Studiengang, das ist wohl ein offenes Geheimnis. Wer Jura studiert, braucht ein enorm dickes Fell. Der Druck und der Konkurrenzkampf sind oft kaum auszuhalten, ab dem ersten Semester schwebt ein unsichtbares Schwert namens Staatsexamen über einer und an allen Ecken und Enden wird geraten, man solle vielleicht doch etwas anderes machen, wenn man sich nicht sicher sei, ob man wirklich gut genug ist für Jura. Letztes Jahr erschien eine Studie über die Benachteiligung von Frauen im mündlichen Staatsexamen. Je höher die Punktzahl, desto größer die Geschlechterdifferenz (bei 9 Punkten, d. h. Prädikatsexamen, liegt die Differenz bei 12 %; ab 11,5 Punkten – spätestens da beginnt ist im juristischen Staatsexamen das Sahnetortenbuffett – liegt die Differenz bei 32 %). Deutlich geringer fällt die Differenz übrigens aus, wenn eine Frau in der Prüfungskommission sitzt.

Ein weiteres Problem: Moot Courts. Dabei handelt es sich um Gerichtslabore, in denen Jurastudierende Gerichtsverhandlungen nachstellen und üben. Eine super Sache, bloß offenbar nicht für Frauen. Die kanadische Jura-Studentin Amanda Byrd erzählt exemplarisch davon, wie sie sich wochenlang auf den Moot Court vorbereitete und das Feedback darin bestand, dass sie häufiger lächeln solle, dann wirke sie weniger gelangweilt. Ihr Kommilitone hingegen bekam eine dezidierte inhaltliche Rückmeldung.

Meine wohl wichtigste Erkenntnis im Jurastudium bisher: Recht ist kein ideologiefreier Raum. Das Patriarchat urteilt immer mit. Es gibt auch nicht „die eine richtige Lösung“ im Recht. Manchmal erzähle ich meinen nicht-juristischen Freundinnen (also sprich: meinen Freundinnen) von Klausur- oder Hausarbeitsfällen und werde anschließend gefragt, was denn nun die Antwort sei. Klar, manche Sachverhalte sind recht eindeutig, aber in der Regel lautet die zugegebenermaßen unbefriedigende Antwort: „Es kommt darauf an“. Wenn es anders wäre, bräuchten wir ja gar keine JuristInnen mehr, sondern könnten Sachverhalte in Maschinen eingeben, die diese dann mit den entsprechenden Gesetzen abgleichen würden und automatisch zu einem Ergebnis kämen. 

Gesetze müssen immer ausgelegt werden. Ohne en detail in die juristische Methodenlehre einsteigen zu wollen: Es gibt vier Auslegungsmethoden- die Auslegung nach dem Wortlaut des Gesetzes, die historische Auslegung (in welchem geschichtlichen Kontext entstand das Gesetz?), die systematische Auslegung (welche Stellung hat die Norm innerhalb des Gesetzes; steht sie z. B. ganz zu Beginn wie die Menschenwürde im GG?) und die teleologische Auslegung (welchen Sinn und Zweck verfolgt der Gesetzgeber mit dem Gesetz?). Auslegung ist immer Argumentationssache. Letztlich gilt: Wer Gesetze auslegen kann, hat Jura verstanden. Klingt einfach, braucht aber sehr viel Übung. 

Ich bin noch mitten im Übungsprozess, aber so viel ist mir inzwischen klar geworden: Man darf sich von (scheinbaren) Autoritäten nicht einschüchtern lassen, gerade als Frau in der Rechtswissenschaft. JuristInnen sind oft sehr gut im Argumentieren und Einschüchtern- das ist ja auch meist ihr Job. Das heißt aber nicht, dass sie die „Wahrheit“ gepachtet haben, auch dann nicht, wenn sie BGH-Richter sind oder ein anderes hohes Amt innehaben. Nächste Woche findet am Landgericht Karlsruhe ein Prozess gegen die Journalistin Gaby Mayr statt- der ehemalige BGH-Richter Thomas Fischer hat wegen ihrer kritischen Berichterstattung zu den Prozessen gegen die wegen Verstoßes gegen § 219a StGB angeklagten Ärztinnen Unterlassungsklage gegen sie erhoben- und weil Mayr den Fischer StGB-Kommentar kritisiert. (Weitere Informationen zum Fall mit entsprechenden Verlinkungen finden sich z. B. auf der Solidaritätswebsite für Kristina Hänel). Kommentare sind so etwas wie die „Bibel“ der JuristInnen- dort stehen zu jedem Gesetz Anmerkungen zur Auslegung. Und ja, es ist richtig, dass in allen StGB-Kommentaren sinngemäß dasselbe zur Auslegung des § 219a steht- aber das Berufen auf Autoritäten allein (sei es BGH oder juristischer Kommentar) sollte kein Argument dafür sein, am Status Quo festzuhalten. Problematisch wird es immer dann, wenn die Sprechposition einer Person entscheidender ist als die hervorgebrachten Argumente.

Denn auch wenn sich Recht mit Veränderung relativ schwer tut, ist Veränderung nicht nur möglich, sondern sogar geboten. Recht ist immer ein Spiegel der Werte der Gesellschaft, und diese Werte verändern sich nun einmal mit der Zeit. Es sei nur exemplarisch erinnert an die bis 1996 straffreie Vergewaltigung in der Ehe bzw. den berüchtigten, inzwischen weggefallenen § 175 StGB (die Strafbarkeit von Homosexualität). 

Wenn ich Zweifel daran habe, warum ich mir all das antue – die Einsamkeit, die Versagensangst, das konservative Studium – dann führe ich mir vor Augen, was das Ziel meines Weges ist. Letztes Jahr war ich bei dem Gerichtsprozess gegen Nora Szász und Natascha Nicklaus, beide waren angeklagt wegen Verstoßes gegen § 219a StGB (“Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft”). Allein, dass es diesen Paragraphen immer noch gibt, macht mich gleichermaßen fassungslos und wütend. Aber: Es hat mir nochmal deutlich gezeigt, wohin meine Reise gehen soll. Ich möchte Frauen unterstützen, ihnen konkrete Lösungsmöglichkeiten aufzeigen, mein Wissen weitergeben. Ich möchte Frauen im Rahmen meiner Möglichkeiten ein Stück Gerechtigkeit zurückgeben in all diesem patriarchalen Unrecht, das uns widerfährt. Einen schöneren Beruf kann ich mir nicht vorstellen.

Ob man bzw. frau Jura spannend findet, ist sicher Geschmackssache. Sicher ist, dass juristische Kenntnisse enorm dazu beitragen, Herrschaftsverhältnisse zu analysieren und zu verstehen- und das bildet die Basis für die Veränderung von Machtstrukturen. Ich möchte jede Frau, insbesondere jede feministische Frau, die Interesse an Jura hat, ermutigen, das Studium aufzunehmen und sich nicht beirren zu lassen. Frauen, werdet Juristinnen! Wir brauchen uns. Dringend.

Studie über Ungleichbehandlung im Jura-Studium:

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/juristische-pruefung-diskriminierung-von-frauen-und-migranten-15560024-p2.html

Amandas Erfahrungsbericht über ihren Moot Court: https://www.cbc.ca/radio/thesundayedition/the-sunday-edition-june-3-2018-1.4685998/i-spent-hundreds-of-hours-preparing-for-moot-court-when-i-got-there-i-was-told-to-smile-more-1.4687442

Ab heute alleinerziehend

Mutter mit Kind

Photo by Thiago Cerqueira on Unsplash

Tina Corbé ist alleinerziehende Mutter, beruflich erfolgreich und sie hat genug davon, dass Alleinerziehende ständig als Mütter zweiter Klasse behandelt werden. Wie alle jungen Frauen träumte auch sie von einer klassischen Familie – bis das Leben zuschlug. Der erste Mann betrog sie mit der besten Freundin, der zweite setzte sie schwanger vor die Tür. Da entschied Tina Corbé, die Ärmel hochzukrempeln und sich alleine durchzuschlagen – mit Erfolg: Heute ist sie auf der Karriereleiter weit oben und lebt mit ihren Töchtern ein unabhängiges und sorgenfreies Leben. Der Weg dorthin war steinig: Sorgerechtsstreitigkeiten, eine lebensbedrohliche Erkrankung, fehlende Unterhaltszahlungen, Diskriminierung durch Arbeitgeber, Jugendamt und Lehrer – Tina Corbé hat alles erlebt, was Alleinerziehenden in Deutschland zugemutet wird. In ihrem gerade erschienen Buch “Ab heute alleinerziehend” schreibt sie über die Situation von Ein-Eltern-Familien:

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Die alltägliche männliche Raumeinnahme

Manspreading (Stockholm Metro)

By Peter Isotalo (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Eigentlich wollte ich ursprünglich das Zitat des Mannes, der mir heute “begegnete” verwenden, das da hieß: “Mädel, deine Titten wackeln!”, aber vermutlich zensiert uns dann Facebook oder ein ähnliches Szenario. Von den alltäglichen Lebensrealitäten dürfen Frauen ja nicht schreiben, ohne sexualisiert zu werden (Stillen z. B.). Es sei denn, es geht um den ultmativen Fun im Porno und nackte Ärsche, die für Autofirmen werben. Aber back to topic:

In der Straße, in der ich wohne, gibt es ein Bowling-Center. Und in dem ist ein Zigarettenautomat. Da ich rauche und meine Kippen aus waren, schlappte ich also gegen späten Nachmittag darunter und zog mir eine Schachtel Kippen. Vorher hatte ich mir über mein Spaghetti-Shirt, das ich in meiner Wohnung (ohne BH) trage, ein T-Shirt übergezogen. Immer noch ohne BH, hört, hört.

Ein Mann auf 12 Uhr, der mich passieren will, bleibt vor mir stehen und sagt: “Mädel, deine Titten wackeln, is asozial … aber ich mag’s”, dabei schmatzt er, während er irgendwas Fetttriefendes in sich reinschiebt, das Fett aus seinen Mundwinkeln läuft und er grinst.

Ich bin nicht sehr schlagfertig, wenn auch in vielen Punkten selbstsicherer geworden. Trotzdem fiel mir nichts anderes ein, als zu sagen, “verpiss dich!”. Nicht sehr originell, aber ich war ihn – wenigstens – los.

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Cis mit *

Von Elisabeth-Elstop

Vorbemerkung: Es geht hier nicht um * für diverse Personen, also nicht um * für intergeschlechtliche. In deren Selbstbezeichnungen möchte ich mich in voller Solidarität nicht einmischen.

Es geht um das *, wenn es Frauen, die weder intergeschlechtlich sind, noch sich als irgendetwas anderes sehen als Frauen, aufgezwungen wird. Es geht um das „Cis“, das uns aufgezwungen wird.

Mit „Frauen“ sind in diesem Text die Menschen gemeint, die nicht zu den „Penisgeborenen“ gehören. Der Begriff „Penisgeborene“ ist nicht gerade poetisch, aber diejenigen, die für meinesgleichen „Uterusmensch“ oder „Endosexuelle“ oder „Menstruierende“ für angemessen halten, wenn der Begriff „Cisfrau“ dann doch ein paar häufig gegebene körperliche Merkmale oder Aktivitäten nicht abdeckt, haben sicher Verständnis dafür. Dieser Text bezieht sich auf Frauen und, falls gewünscht, auf diejenigen intergeschlechtlichen Menschen, die ihr Leben von Anfang oder von sehr früher Jugend an als Frau gelebt haben und die sich von „Frau“ nicht wegdistanzieren wollen. Penisgeborene, also solche mit Penis oder Penishintergrund, sind mit diesem Begriff in diesem Text nicht gemeint. Vielleicht verstehen Einige, die jetzt noch davon abgestoßen sind, nach der Lektüre des Textes, warum nicht.

Frau* oder Cisfrau oder die Farce, sich doch Pronomen einfach auszusuchen, haben als Begriffe bzw. Praktiken vier Bedeutungen, die sich aus dem Ansatz hinter ihnen ergeben. Das * soll u.a. auf „Konzeptionierungen“ oder Selbstbezeichnungen hinweisen. Doch es geht um mehr.

Dass aus dem Körper eines Menschen, auch aus dem geschlechtlich bestimmten Körper, nicht auf Fähigkeiten oder Eigenschaften geschlossen werden kann, ist Grundverständnis im Feminismus.

Das * oder das „Cis“ drücken aus, dass sich die einzelne Frau zwar (noch) als „Frau“ bezeichnen darf, aber nur unter der Bedingung, dass es eben mehrere „Konzeptionen“ davon gibt, nur unter der Maßgabe, dass sie sich selber nicht in diesem Begriff als Norm sieht. Denn Gott und Kaiser samt Vaterland bewahret, dass diese Wesen – Frauen! – sich irgendwo als Norm setzen.

Mit * oder als „Cisfrau“ (oder den „selbst ausgesuchten“ Pronomen) bleiben mir nur diese Möglichkeiten:

  • Ich erkenne an, dass ich nicht das Recht auf Normsetzung habe, nenne mich wie gefordert und akzeptiere damit meine eigene Unterdrückung. Das ist unattraktiv.
  • Ich erkenne an, dass ich in dieser Gesellschaft als Frau erkannt werde, weil ich den gesellschaftlichen Klischees oder Erwartungen zu „Frau“ entspreche. Der Körper der Frau darf ja als Referenzpunkt nicht genannt werden, also bleiben Klischees samt sozialer Rolle, wenn ich das * oder das „cis“ akzeptiere, identifiziere ich mich mit diesen gesellschaftlichen Klischees und dieser Rolle. Das ist eine Definition, die aus jedem Akt geschlechtsspezifischer Gewalt oder Diskriminierung ein (Cis-) Privileg macht.
  • Demgegenüber wird gesagt, dass ich individuell den Begriff „Frau“ für mich ja definieren kann, wie ich will, dass ich mich ja so nennen kann, wenn, wann und wie ich will, und alle anderen auch – um den Preis der Bedeutungslosigkeit der Lautfolge <frau>. Darauf lässt sich keine politische Bewegung gründen.
  • Die vierte Möglichkeit, die mir vor allem mit dem * bleibt, ist die Distanzierung nach dem Motto, dass Manche mich für eine „Frau“ halten mögen, ich mich aber anders empfinde – ein Akt der Entsolidarisierung und Klischeezuweisung an andere.
    Auch darauf lässt sich keine Bewegung gründen.

Im besten Fall landen wir damit, was unsere Rechte als Menschen angeht, im allgemein humanitären Bereich, und dass das für Frauenrechte nicht ausreicht, hat sich die letzten 7000–10000 Jahre und auch die letzten 7–10 immer wieder gezeigt.

Im schlimmsten und im wahrscheinlicheren Fall landen wir da, wo wir die letzten 7000–10000 Jahre immer wieder hindelegiert wurden: Im sprachlosen Bereich.

Auch darauf lässt sich keine politische Bewegung gründen.

Deswegen, und da capo, da capo, da capo crescendo –

zur Wiederholung folgende Feststellungen zu unserer Gesellschaft:

Radikaler Feminismus geht davon aus,

… dass die Benachteiligung und die Unterdrückung von Frauen eine gesellschaftliche Entscheidung nach Blick auf unseren Körper ist, eine Rollenzuweisung und eine Positionsanweisung in einer hierarchischen Gesellschaft und nicht eine Folge unserer Selbstzuschreibung, und dass wir davon auch nicht durch Abschaffen der Analysekriterien und einem Verschieben von Begriffen wegkommen.

… dass die Sozialisation von Frauen, die bis in konkrete Körpererfahrungen reicht, eine andere ist als die Sozialisation anderer Personen und dass daher die ohne Penis geborenen nach wie vor das Recht auf eigene Räume haben müssen – und auf eigene Definitionen in politisch tragfähigen Begriffen, die mehr zum Ausdruck bringen als allgemein humanitäre Anliegen und etwas anderes als die Akzeptanz unserer Unterdrückung.

… dass unsere pausenlose Sozialisation als mütterliche, verständnisvolle, nährende und bescheidene Personen, als nützliche Idiotinnen, die sich um alles kümmern, außer sich selber, unserer Befreiung im Weg steht und wir daher eigene Räume nach wie vor brauchen, Räume ohne die Profitierenden der jetzigen Ordnung, deren Privilegierung in der Akzeptanz sämtlicher Forderungen uns gegenüber dokumentiert ist, unabhängig von anderen Problemen oder Diskriminierungen, denen sie ausgesetzt sind. 

… dass wir anderen keine eigenen Räume streitig machen und keine individuelle Selbstbezeichnung, aber auf unseren Räumen und Begriffen bestehen. Das bedeutet auch einen Begriff „Frau“, der nicht jede Person einschließt, die das fordert.

Die Alternative zu diesen Forderungen können wir in der Entwicklung des LFT – des Lesbenfrühlingstreffens – ablesen. Es ist die gleiche Entwicklung, die JEDER Frauenraum und jede Fraueninitiative genommen hat, die sich geöffnet hat.

Am Anfang waren nur einzelne Männer da, bei Lesben einzelne Trans, die zunächst noch vorsichtig und solidarisch waren. Einige blieben und bleiben es auch. Gleichzeitig bedeutete sowohl die Sozialisation vieler dieser Männer und Transfrauen als auch die der Frauen eine Marginalisierung, ein Zurückdrängen, ein Verschieben der Frauenthemen und entsprechender Anliegen, ein ewiges Platzmachen, ein braves Zuhören durch die Frauen.

Im nächsten Schritt waren diese Männer und sind jetzt die Transfrauen erheblich prominenter vertreten – in den Vorständen, den entscheidenden Gremien, in der Vertretung nach außen, bei Entscheidungen nach innen – sie sind nicht nur informell maßgeblich, sondern bereits formell angekommen und dominieren jetzt die gesamte Struktur des Raumes oder der Gruppe.

Im letzten Schritt ist aus einer feministischen Initiative oder einem Frauenraum mit frauenpolitischen Schwerpunkten einfach eine weitere allgemeine Initiative geworden. Sei es bei den Gewerkschaften, sei in den Parteien und sei es bei Queer. Das Mittel dazu war immer der Verlass auf unsere Sozialisation und das Einschwören auf „gemeinsame“ Ziele, die Behauptung, dass wir „gemeinsam“ doch viel stärker sind.

Trans* sind durch Übernahme und Kolonisierung des Feminismus tatsächlich stärker. Ohne Feministinnen wären sie eine winzige Splittergruppe.  Bei Konservativen, Reaktionären und Rechten hat der jetzige, aggressive Transaktivismus nichts zu holen, da diesen Leuten der Blick auf die Zusammenhänge fehlt um zu verstehen, wie sehr ihre Anliegen durch diesen Aktivismus eigentlich bedient werden. Also sichern sich Trans die Linke und die Grünen und Antifa-Gruppen. Feministinnen haben bei den Linken nur oberflächliche Freunde, mehr als Zugang zu Abtreibungen und folgenlose Ablehnung allzu offener Gewalt ist selten drin. Der Gedanke, dass es den lauten Frauen endlich an den Kragen geht, jetzt, wo es bei Gleichstellungen nicht mehr „nur“ um Frauen geht, lässt die linke Blogosphäre richtiggehend schnurren, jauchzen und frohlocken.   

Was passiert, wenn Frauen weiterhin einen Fokus auf Frauenthemen und Solidarität einfordern, konnten wir bei Michfest sehen, wir können es bei den Dykemarches sehen – eine gerne akzeptierte, weit unterstützte oder, falls die Taktiken zu sehr auffallen, geflissentlich übersehene Kampagne der Verleumdungen und der Gewalt beseitigen diese Veranstaltungen oder entstellen sie bis zur Unkenntlichkeit. Hierzulande dient der schnelle aalglatt hingeworfene Satz der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ als Einschüchterungstaktik. Die wirkt, auch wenn es absurd ist, wenn Bedenken zu eigenen Räumen und Sprache damit bedacht werden und noch absurder, wenn ausgerechnet denen, die sich für links halten, nicht anderes einfällt als „Feminazi“ ….

Was hier leider auch im Feminismus verwechselt wird, ist solidarisches Handeln mit Selbstaufgabe, Solidarität mit Zulassen von Übernahme bzw. Kolonisierung. Sich mit Trans* gegen die AfD zu stellen, geht auch ohne Aufgabe unserer Räume und Sprache. 

Dass unsere Solidarität immer nur eine Einbahnstraße ist, können Frauen immer dann beobachten, wenn wir nicht sehr dezidierte und laute Forderungen stellen, wenn wir nicht damit drohen, unsere Solidarität und Unterstützung von einer Berücksichtigung auch unserer Belange abhängig zu machen. Wenn wir unsere Forderungen nicht aufgeben, führt das hin- und wieder zu ermutigenden Ansätzen, Erlebnissen – die Entwicklungen, wenn wir das nicht tun, haben wir immer wieder und wieder gesehen.