Lesbische Zustände 2018

Es ist etwa Halbzeit 2018: Einige Lesbenevents liegen hinter, einige noch vor uns. Ich blicke mit gemischten Gefühlen auf die lesbische Landschaft in Deutschland. Einerseits ist ein Wiederaufflammen, ein Bewusstsein für die Bedeutung lesbischer Sichtbarkeit und Räume, eine Repolitisierung auszumachen. Auf dem LFT (Lesbenfrühlingstreffen) in Göttingen sprachen etliche ältere Lesben davon, sie hätten endlich wieder Hoffnung, dass sich jüngere Generationen aufmachen, ihr Erbe weiterzutragen. Viele junge Frauen standen an den Mikros, äußerten ihre Meinung, setzten sich aktiv ein für die Gestaltung ihrer Lesbenräume. Lesbische Sichtbarkeit ist in aller Munde, es werden zahlreiche neue Dyke Marches initiiert, es tut sich etwas, ist in Bewegung.

Und doch gibt es ein Aber. Obwohl neue (scheinbare) Lesbenorte geschaffen und alte wiederbelebt werden, sind sie eben in weiten Teilen nicht das, was aus radikalfeministischer Sicht Lesbenorte sind. Denn sie alle sind schon längst keine Frauenräume mehr. Transidentifizierte Männer sind selbstverständlich nicht nur „mitgemeint“ (denn mitgemeint werden ja nur Frauen), sondern explizit willkommen geheißen. Diese Haltung ist gerade in Lesbenräumen fatal: Etliche Lesben haben sexuelle Gewalt überlebt und in Lesbenräumen sichere Orte für sich gefunden. Wenn diese Orte für Männer geöffnet werden, sind sie nicht mehr sicher für Frauen. Wir können uns nicht mehr frei bewegen und nicht mehr frei sprechen. Lesbenorte, an denen ständig Männer und ihre Befindlichkeiten Thema sind, darüber diskutiert wird, ob Lesben Frauen sind und Heteras sich als Lesben identifizieren: Es ist absurd, wozu Queer-Politik führt.

Ebenfalls mit gemischten Gefühlen blicke ich auf die Debatte über lesbische Sichtbarkeit. Lesbische Sichtbarkeit ist wichtig, aber sie kann nicht das Hauptziel sein. Es geht doch vor allem darum, aus welchen Gründen und Motivationen heraus Frauen lesbisch leben. Auf welche Weise sie lesbisch leben. Sind sie politische Lesben oder leben sie nur scheinbar zufällig mit Frauen zusammen, ansonsten aber ganz patriarchatskonform? Und: Wie geht es weiter nach der Sichtbarkeit? Sind wir zufrieden, wenn wir sichtbar sind? Endet damit die Gewalt gegen Frauen, Mädchen und Lesben? Können wir so frei sein? Erlangen wir so unsere Räume zurück? Letzteres vielleicht. Wobei sich hier die Frage stellt, wer die Definitionshoheit über die Bedeutung der Wörter „Frau“ und „Lesbe“ hat. Wenn wir uns die Dyke Marches anschauen, die fast ausschließlich Sternchen im Namen tragen (und selbst wenn sie es nicht tun, was fast noch schlimmer ist, Männer selbstverständlich mit einschließen) und die Beschreibung tragen „for pan, bi and queer girls*“ (Lesben kommen also entweder gar nicht oder als einige von vielen vor), lässt sich die Frage schnell beantworten: Natürlich entscheiden im Patriarchat Männer darüber, was Begriffe bedeuten und wie Frauen sich organisieren dürfen.

Aber es gibt auch die andere Seite: ein Erstarken radikalfeministischer Analyse auch und vor allem unter jüngeren Frauen. Es handelt sich nämlich weniger (wie oft behauptet) um einen Generationen- als vielmehr um einen Ideologiekonflikt. Ich war dieses Jahr zwei Mal bei radikalfeministisch-lesbischen Treffen an einem reinen Frauenort und habe mich zum ersten Mal richtig zu Hause gefühlt. Es gibt sie doch- die Orte, an denen radikalfeministische Frauen (und zwar jeden Alters) unter sich sein können, mit allem, was das beinhaltet: von politischen Workshops zu Zwangsheteronormativität und patriarchaler Psychotherapie über körpernormierungsfreie Bewegungsmöglichkeiten bis hin zu abendlichen Sonia Johnson-Lesekreisen und feministischen Liedern am Lagerfeuer. Das alles, ohne sich über männliche Befindlichkeiten Gedanken machen zu müssen. Ohne sich in ständiger Angst vor Objektifizierung und Gewalt bewegen zu müssen. Es gibt sie, die Orte der Heilung, des Ankommens, des Zu-sich-Findens. Das traurigste daran ist wohl die Erkenntnis, dass es viel mehr dieser Orte geben könnte, wenn sich die feministische Landschaft anders gestalten würde. Das schönste ist das Wissen darüber, dass wir zurückkehren können an diese Orte, wenn wir sie brauchen. Zum ersten Mal seit langem habe ich das Gefühl, dass sich etwas bewegt in meinem Leben, über die Analyse hinaus: Ich habe Schwestern kennengelernt, von denen eine Kraft ausgeht, die mir Kraft gibt. Ich habe eine Idee davon bekommen, was entstehen kann, wenn Frauen sich zusammentun.

Auch das LFT diskutiert gerade darüber, ob es nächstes Jahr ein LFT mit Sternchen geben soll. Ein Grund, pessimistisch zu sein? Vielleicht. Doch ich weiß inzwischen, es gibt viele alte Lesben, die mit ihrer Meinung nicht hinter den Berg halten, die laut kämpfen für ihre Räume, die sich nicht so schnell von Männern und patriarchalen Kleinhaltungsstrategien einschüchtern lassen. Und das Beste ist: Es sind nicht mehr nur alte Lesben, die das tun, sondern auch immer mehr junge. Wir werden uns vernetzen, wir werden laut sein. Ihr habt die Rechnung ohne uns gemacht.

“Feministischer Porno”? Warnung: Rant.

We don't need no patriarchal education.

Public DomainChristopher Dombres

Ein Gastbeitrag von Inge Kleine zur Forderung der SPD Berlin “feministische Pornographie” staatlich zu subventionieren:

* “Die Darstellung von Vielfalt an Körperformen, Geschlechtern, ethnischer Herkunft, Sexualität und Sexualpraktiken.”

Das ist ja mal eine echte Neuerung in Pornos, echt – da werden bisher ja keine schwarzen Menschen gezeigt, oder Frauen mit Kopftuch, oder Asiatinnen, oder “Zigeunerinnen” oder, oder, oder, oder …….

Ganz toll. Und es gibt auch einen Mangel an der Darstellung von “Sexualpraktiken” in Pornos. Oder? Also her damit, damit sie dann in einer Reihe mit der Vielfalt der Personen stehen, Gangbang in der in Pornos typischen Variante braucht ja auch beides, weiße (Frauen), (schwarze) Gangs …..

Und verdammt noch mal – einer der wenigen Vorteile darin, zufällig lesbisch zu sein, bestand bisher darin, bei diesem Mist weitestgehend ignoriert zu werden, keine Vorschriften zu kriegen, was Lesbe zu tun hat oder wie sie zu stöhnen hat oder sonst etwas. Die “Lesbenpornos” waren genauso Gewalt wie die anderen, aber die hatten ja mit uns nichts zu tun.
Aber jetzt soll es ja “realistisch” werden. Weil Kameras, Regieanweisungen, nachträgliche Tonspuren und Geld für jede Handlung ja so realistisch sind – und davon abgesehen – gerade wenn etwas “realistisch” ist, möchte ich damit nicht auch noch diesen Voyerismus bedient sehen.

Mal im Ernst.
WEN WOLLT IHR HIER VERARSCHEN??

*Verhütung (wenn nicht, dann nur im (dokumentierten) Konsens)

Klar – eine Unterschrift zeigt und beweist ja den “Konsens”. Alles gut. Ist dann im Zusatzmaterial zu sehen.

*Die explizite Darstellung von Konsens und Kommunikation

Klar – wir plappern einfach in der Eingangszene, wie sehr wir Vergewaltigungsphantasien lieben und das jetzt spielen, und dann ist alles hunkie-furzi-fick-galori!

Ich wiederhole mich: WEN WOLLT IHR HONKS VERARSCHEN?

Die schöne neue Welt für Frauen – zerquetscht zwischen diesen Optionen:
(1) Einer rassistischen, Frauen-an-den-Herd, Lesben-und-Schwule-bitte-raus, Väter-sind-die-Herren-über-(Ex-)frauen-und-Kinder Partei (und zwei dahin ausfransenden Parteien) und
(2) mehreren Parteien mit schöner Einigkeit zu Frauen: Frauen bitte A.-in-die-Luft und Frauen, macht ein paar Kurse wegen des Würgereflexes, bei Schmerzen bei Anal hilft ganz viel Gleitcreme und ein paar Entspannungsübungen, ein paar Sternchen, ein paar Formulierungen, ein paar Behauptungen, ein bisschen Gequatsche zu “mainstream”, zu Sexismus und zu Rassismus, nur um ihn zu bedienen, und alles ist gut – diese Parteien dann.

Die alte Kontroverse zwischen Konservativen und “Liberalen” so richtig vor die Nase geklatscht, mit ein paar Modifikationen auf der linken Seite: “Die einzelne Frau gehört nur einem Mann, und der hat alle Rechte auf sie” (Konservative, AfDler, Männerrechtler-offen-rechts-Variante), oder “Frauen haben immer allen Männern zugänglich zu sein, aber weil wir ehemaligen sozialistischen und linken Leute inzwischen keine Texte mehr lesen, geschweige denn sie verstehen, dürfen die Frauen dafür ein bisschen Geld nehmen, und sie müssen lernen, dass es freiwillig sein muss, und das ist doch tooooooooooolllllllllllllllllllll! Und gar kein Mainstream, nein igitt, wir sind [enter buzzword here]!” (Linke, Grüne, SPD, CDU, Männerrechtler-angeblich-links-Variante.)
Abgefuckt seid ihr, sonst nichts.

Und zig gehorsame Frauen unterstützen das. Denn wir sind so in diese Formen getreten worden, dass wir Alpträume kriegen beim Gedanken, zu Männern einfach “Nein” zu sagen.

Echt. Ich glaube, ich habe bei Pornos mehr Respekt oder komme mit Schenkel klopfenden Wichsbolzen besser zurecht, als mit A-Löchern, die mir diesen Mist erzählen.

Und dann möchte ich noch wissen, was die SPD sonst noch alles tut, um nie irgendwo politische Verantwortung übernehmen zu müssen.

Seid doch einfach ehrlich, sagt doch einfach, Frauen sind Drei-Loch-Fickpakete, manche Trans und manche junge Männer sind Zwei-Loch-Fick-Pakete, wir sind dafür, es so zu gestalten, dass ihr es ein paar Jahre überlebt, und wieso, das Wahlrecht habt ihr ja noch, und wir sagen doch die ganze Zeit, dass es freiwillig sein MUSS, also was soll’s.
Warum nicht einfach ehrlich sein.


Und wir sind alle so sozialisiert, dass wir uns nicht wehren.

Das patriarchale Trauma: Warum Männer morden und Frauen Vergewaltigungsfantasien haben

Es ist schon wieder passiert. Ein junger Mann hat eine Waffe genommen und in einer Schule in den USA zehn Menschen erschossen. Das erste seiner Opfer ist nach Angaben von “Bild” ein Mädchen, dem er sich immer wieder versucht hatte zu nähern. “Tragische Liebesgeschichte” nennt die Bildzeitung das und bezieht sich auf Aussagen der Mutter. “Zurückgewiesene Liebe” wird immer wieder als Rachegrund genannt, wenn ein Mann gewalttätig wird. Statistisch gesehen stirbt in Deutschland jeden Tag eine Frau durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners aufgrund von “enttäuschter Liebe”. Hinter dem Euphemismus “enttäuschte Liebe” verbirgt sich nichts anderes als die auch mit Gewalt durchsetzbare männliche Anspruchshaltung, Frauen hätten ihnen zur Verfügung zu stehen. Die Frau als Dienerin, als Gefäß des Mannes, als sein Besitz und Anhängsel ist die Definition, die das Patriarchat Frauen zuweist. Lehnen Frauen diese Rolle ab und bewegen sich außerhalb der für ihr Geschlecht vorgegebenen Grenzen, etwa in dem sie alleinerziehend, selbstbestimmt, unabhängig leben, so setzen sie sich überall auf der Welt der Gefahr aus, dafür getötet zu werden. Es braucht kein frauenhassendes Regime, um diese misogyne Exekutive zu betreiben, vielmehr schwingen sich Männer auch im ach so liberalen und offenen Westen regelmäßig dazu auf, Frauen wieder auf ihre Plätze zu verweisen – mit Hasskommentaren, Drohungen und Gewalt, gegen fremde Frauen, aber vor allem gegen die Frauen, auf die sie glauben, ein “Anrecht” zu haben: Bekannte, Nachbarinnen, Kolleginnen, Partnerinnen, Ehefrauen, Töchter. Die Autorin Kate Manne hat in ihrem Buch “Down Girl” analysiert, dass der Anstieg dieser offenen, blutigen Gewalt gegen Frauen in direktem Zusammenhang mit dem Kampf gegen Frauenrechte steht. Je mehr Frauen, etwa wie bei #metoo, sich gegen sexuelle Gewalt wehren und auf ihre Selbstbestimmung auch in anderen Bereichen pochen, umso heftiger fällt der Pushback der patriarchalen Ordnung aus.

Das Gift der männlichen Erwartungshaltung

Als vor einem Monat Alek. M. in Toronto ein Massaker vor allem an Frauen verübte und sich dabei ausdrücklich auf einen anderen Massenmörder – Eliott Rodger – bezog, der ebenfalls aus Frauenhass tötete, wurden die Medien auf das Phänomen der Incels aufmerksam, der “unfreiwillig Zölibatären”, die sich in Foren wie 4chan oder Reddit austauschen und sich darüber beklagen, dass keine Frau mit ihnen Sex haben möchte. Das liegt, laut Incel-Logik, daran, dass Frauen nur auf Männer mit gutem Aussehen und/oder Geld stehen und deshalb werden sie an ihrem “Anrecht” auf Sex und Reproduktion gehindert. Nicht wenige fordern deshalb, dass es eine “Umverteilung” von Sex geben soll und Frauen dazu gebracht werden sollen, auch Sex mit Männern zu haben, auf die sie keine Lust haben.

Das Ganze wäre absurd, lächerlich und bemitleidenswert, wenn die Incel-Ideologie nicht immer wieder wie bei den letzten Massakern Grundlage für Übergriffe und Gewalt gegen Frauen werden würde. Es handelt sich bei den Incels nicht nur um ein paar verirrte Männer, wie in den Medien gerne suggeriert wird, sondern um ein heterogenes Gemisch von hunderttausenden Männern vor allem aus den USA und Europa mit Überschneidungen zur Männerrechtsszene (MRA’s) und den Pick-Up-Artists. Es sind keine verwirrten Hinterwäldler, keine rückständigen Religionsfanatiker, sondern vielfach gut ausgebildete Männer, die sich an anderen Stellen für Demokratie, Fortschritt und Liberalisierung einsetzen. Sie sind für Fortschritt und für Technik, doch die Unterwerfung der Frau wollen sie aufrecht erhalten. Sie protestieren gegen zu viel Überwachung und laschen Datenschutz und geben sich gern besonders innovativ und zukunftsorientiert. Ihr Frauenbild aber ist in seinem Kern so reaktionär wie das religiöser Fundamentalisten, nur wird ihr Frauenhass nicht durch eine religiöse Schrift, sondern vor allem durch Pornos und sexistisch eingefärbte wissenschaftliche Schlussfolgerungen beflügelt. Incels verkörpern eine neue Generation von Frauenhassern, nicht länger religiös oder moralisch motiviert hassen und Gewalt verüben, sondern auf Grundlage vermeintlich rationaler Überlegungen und wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Die Freiheit von Frauen erleben Incels und ihre Sympathisanten als Bedrohung ihrer männlichen Privilegien und als Hindernis beim Zugriff auf Frauenkörper, die sie mit Hass im Netz, Hass auf der Straße und notfalls auch mit Gewalt bekämpfen. Ihr Frauenhass hat Schnittmengen mit den hasserfüllten Äußerungen der Väterrechtsszene, in der Morde und Gewalt an Frauen regelmäßig von einzelnen Mitgliedern – unberichtigt vom Rest der Community – als natürliche Reaktion auf das Verhalten von Frauen erklärt werden. Frauen, die nicht gehorchen, Frauen, die sich nicht unterordnen, Frauen, die sich nicht zur Verfügung stellen und Frauen, die über ihr Leben selbst bestimmen möchten – auch nach einer Ehe oder einer Beziehung, aus der Kinder hervorgegangen sind. Incels und die Gruppen, mit denen sie Schnittmengen haben, sind ein noch sehr junges Phänomen des alten Patriarchats, ein neuer Weg, die bekannten männlichen Vorrechte zu proklamieren und durchzusetzen. Der Shitstorm im Internet, mit dem jede Feministin irgendwann überzogen wird, sobald sie eine gewisse Reichweite hat, ist ein Arm dieser Bewegung, die frauenmordenden Attentäter ein anderer. Sie eint die gemeinsame Ideologie.

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DSGVO / Abonnement-Funktion auf dieser Seite

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Warum Alice Weidel keine Nazischlampe ist

Eine kleine Solidaritätserklärung von Anneli Borchert

 

Der Rapper Farid Bang, neulich im Kreuzfeuer der Kritik wegen antisemitischer Äußerungen, hat Alice Weidel in einem seiner, mh, „Songs“ als „Nazibitch“ bezeichnet.
Weidel prüft jetzt rechtliche Schritte – sie werden erfolglos sein. Denn Alice Weidel von der AfD darf, das ist gerichtlich seit ungefähr einem Jahr bestätigt, satirisch „Nazischlampe“ genannt werden.
Weidel hatte gefordert, politische Korrektheit auf der Müllkippe zu entsorgen, daraufhin hatte der Moderator Christian Behring in der Satiresendung „extra3“ sie so genannt.
Das Gericht befand, Weidel dürfe Schlampe genannt werden, schließlich erfolge diese Beleidigung nur, weil sie nun mal eine Frau sei.
Nicht nur, dass ein deutsches Gericht befindet, dass Frauen wegen ihres Frauseins beleidigt werden dürfen, nein, auch in den Kommentarspalten linker und feministischer Medien tobt sich wegen dieser beider Vorfälle der bewusste und unbewusste Antifeminismus hierzulande aus. Der, der aus den eigenen Reihen kommt, trifft am meisten. Es ist unglaublich, aber wenig überraschend, dass auch und gerade linke Menschen das vermeintliche Recht verteidigen, Weidel als Schlampe bezeichnen zu dürfen.
Zu dieser ganzen Kackscheisse hier ist Folgendes zu sagen.

1. Das Wort „Schlampe“ ist eine Beleidigung, die nicht darauf abzielt, bloßzustellen, dass Weidel Bockmist erzählt und das am laufenden Band, sondern die sie ALS FRAU trifft, sie zielt auf ihr Frausein ab. Diese Beleidigung sagt nicht „Weidel sagt bekloppte Dinge“ oder „Weidel hat mal wieder was megabescheuertes rausgehauen“ oder sonstwas, sondern sie hat zum eigentlich Kern, Weidel herabzusetzen, WEIL SIE EINE FRAU IST. Das ist schlicht NICHT OKAY. Ich begreife nicht, wie man das verteidigen kann. Wenn eine schwarze Person was beklopptes sagt, ist es doch wohl auch ein Unterschied, ob ich sage „das war jetzt echt hirnverbrannt / völliger Bockmist / …“ oder ob ich sage „du Neg**“. Warum muss man das überhaupt erklären? Das Wort „Schlampe“ trifft nicht nur Weidel, es trifft uns Frauen, es trifft alle Frauen ALS FRAUEN.

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Graue Gesichter vor grauen Plattenbauten in natürlich grauem Nieselregen – Bilder von Ostdeutschland in Medien und westdeutschen Köpfen

(ein kleiner Rant von Anneli Borchert)

Letzten Winter hat mich eine Bekannte aus Westdeutschland in Dresden besucht. Sie fahre, äußerte sie, zum ersten Mal in den Osten und hoffe, dass trotz der 5 Grad minus „alles klappe, mit Strom und so“. Als ich daraufhin witzelte, sie habe Glück, diesmal seien die Rohre nicht eingefroren und wir hätten deshalb sogar mal fliessend Wasser, hat sie das erschreckenderweise nicht als Witz verstanden. Das hat mich schon irritiert.

Noch verstörter war ich, als ich ihr Dresden zeigte und sie immer wieder äußerte „Das hätte ich ja nicht gedacht, ihr habt ja hier richtige Häuser!“ (… what) und „Das ist ja voll schön hier, wirklich schön, ich bin erstaunt!“ Auf die Frage, warum sie das überrasche, dass es in Dresden schön sei, meinte sie: „Ich dachte halt, ihr wohnt hier alle in Plattenbauten, weil ihr doch alle arbeitslos seid.“

Für den Moment war ich wirklich geflasht davon, dass eine gebildete, kulturell interessierte Person nicht nur derart vorurteilsbehaftet ist, sondern sich nicht mal dafür schämt, derartige Blödigkeiten auch noch rauszuhauen (statt nur still zu denken).

Zunächst mal, 30 Jahre nach der Wende immer noch „nie im Osten gewesen“ zu sein ist halt doch eigentlich schon peinlich, oder? Ich meine hallo, das ist Ostdeutschland und nicht Südamerika jetzt. Man braucht kein halbes Jahr oder so, um herzukommen und sich zu vergewissern, ob wir nun nur Plattenbauten (etwas, dass  es im Westen ja so überhaupt nicht gibt) haben oder doch vielleicht auch paar schöne Landschaften (die Chefin einer Freundin neulich zu ihr ganz erstaunt: „Ich habe ja gehört im Osten soll es sogar auch ein paar schöne Ecken geben?“ – really…) und eventuell sogar Kulturstädte. Ich meine, hallo, Dresden zum Beispiel, das ist nicht Hinterhermsdorf, jedeR hat schonmal vom Zwinger gehört, und man kennt doch die Bilder von der Brühlschen Terrasse, von der Gemäldegalerie und der Semperoper, oder nicht?

Leider ist meine Bekannte da nicht die einzige Person, die es noch nie für nötig gehalten hat, sich Ostdeutschland mal anzuschauen, weil es da eh nichts zu sehen gibt außer halt Plattenbauten, in denen ungebildete, kulturlose Menschen wohnen.

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Polyamorie – Befreiung oder Patriarchat in neuen Kleidern?

Wenn man sich aktuell auf Datingplattformen umsieht, bekommt man schnell den Eindruck, dass monogame Beziehungen ganz schön old school sind. Viele ab Mitte 20 bezeichnen sich selbst als “polyamorös”, also als Menschen, die ohne Eifersucht und Besitzdenken Beziehungen mit mehreren Partnern eingehen. Das Konzept der Polyamorie erfährt bereits seit einigen Jahren viel Aufwind, ganz neu ist es nicht. Schon in den 68ern galt: “Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment”. Von dieser Haltung gibt es eine direkte und sexistische Kontinuität zum aktuellen Polyamorie-Trend.

Von der freien Liebe, die gar keine ist

Die Idee, neue Beziehungs- und Liebesformen, also “freie Liebe” auszuprobieren, gibt es nicht erst seit der Hippie-Zeit, auch in den freiheitsliebenden 1920er Jahren fanden sich erste Ansätze dazu. Besonders in linken und linksliberalen Zusammenhängen gibt es Anhänger von neuen Beziehungsformen. Die bürgerliche Ehe wird als Zwangskonstrukt verstanden, das der Entfaltung des Individuums und der Liebe entgegensteht. Wahrlich wird kaum jemand bestreiten, dass eine Ehe früher wenig mit Liebe, aber viel mit Besitz, Bürgerlichkeit und vor allem patriarchaler Ordnung zu tun hatte. Auch heute noch begünstigt ein Trauschein vor allem jene Lebensmodelle, die euphemistisch “traditionell” genannt werden, in Wirklichkeit aber vor allem den Männern dienen: Klassische Versorgerehe, sie bleibt daheim und kümmert sich um Haushalt und Kinder und wenn er sie nach ein paar Jahren gegen ein jüngeres Modell austauscht, hat sie Pech gehabt.

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Incels: Der Hass der zurückgewiesenen Männer

Alek Minassian, der Attentäter von Toronto, der 15 Menschen ermordete, darunter vor allem Frauen, wurde von Frauenhass getrieben. Ein Facebook-Post, den er kurz vor seiner Tat absetzte, zeigt, dass er sich als ein »Incel« betrachtete. »Incel« ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus dem Englischen »Involuntary« und »Celibate« – zu Deutsch: »Unfreiwillig zölibatär.«

Am Montag, den 23.04.2018, lenkte Alek Minassian einen weißen Kleintransporter auf die Gehsteige der Innenstadt von Toronto. Auf einer Länge von 2,2 Kilometern überfuhr er Passanten und zielte dabei vor allem auf Frauen. Zehn Menschen wurden getötet, 15 weitere verletzt. Zuvor äußerte er sich auf Facebook zu den Umständen seiner Tat.

»The incel Rebellion has already begun! We will overthrow all the Chads and Stacys! All hail the Supreme Gentleman Elliot Rodger!« zu Deutsch : »Die Rebellion der unfreiwillig Zölibatären hat begonnen. Wir werden die Chads [bei Frauen erfolgreiche Männer] und Stacys [Frauen] niederringen. Heil dem überlegenen Gentleman Eliott Rodger!« – eine wirre, von Frauenhass triefende Nachricht, die einen Frauenmörder zum Helden erhebt. Wer aber sind diese Incels?

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Viva la Vagina – oder: Nichts Neues über da unten

Es gibt diese Bücher, die total gehypt werden, und wenn man sie dann liest, fragt man sich warum. Das Buch der beiden norwegischen Ärztinnen Nina Brochmann und Ellen Støkken Dahl “Viva la Vagina – alles über das weibliche Geschlecht” ist so ein Buch. In Norwegen ein Beststeller, wurde es nun in 30 Sprachen übersetzt und überall sehr lobend besprochen. Zwei Frauen, die anderen Frauen erklären, wie das mit der Vulva, der Vagina, dem G-Spot und dem Sex ist. Ich war wirklich neugierig. Immerhin sehen wir Frauen unsere Geschlechtsteile ja nicht und in der Tat: Es gibt viele Dinge, die wir nicht wissen. Deshalb: Toll, dass diese beiden Frauen das angehen – und der Erfolg gibt ihnen Recht. Offenbar ist das Bedürfnis von Frauen, mehr über ihre Vagina zu erfahren, auch im Jahr 2018 immer noch riesig.

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“Down girl” – die Logik der Misogynie

“Misogynie” ist ein sperriges Wort. In “Two and a half men” machen sie sich darüber lustig. Es ist Griechisch und bedeutet “Frauenhass”. Die amerikanische Philosophin und Autorin Kate Manne hat sich mit der Logik von Misogynie beschäftigt. “Down Girl: The logic of misogyny”, erschienen bei Oxford Press, analysiert, was Misogynie ist – und warum sie gegenwärtig sogar erstarkt.

Misogynie ist nicht der Hass gegen alle Frauen. Wenn Frauen sich im Patriarchat angepasst verhalten, gibt es gar keinen Grund für Männer sie zu hassen. Sie sind nützlich und machen den Männern das Leben angenehm, ihre Leistung ermöglicht überhaupt erst das Zusammenleben in einer neoliberalen und kapitalistischen Gesellschaft. In ihrer Nutzbarkeit liegt aber auch die Wurzel des Frauenhasses. Dieser richtet sich explizit gegen jene Frauen, die gegen die patriarchale Werteordnung und die eigene Ausbeutung aufbegehren. Im Patriarchat sind nur Männer Menschen, wenn Frauen als Menschen wahrgenommen werden wollen, fühlen sich Männer angegriffen, das hat schon Simone de Beauvoir festgestellt. Das erklärt auch, warum sich zum Beispiel Trolle im Internet an Frauen abarbeiten, die sie gar nicht kennen, sie haben das Gefühl, dass das widerständige Verhalten der Frauen ein Angriff auf sie selbst ist.

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