Die Freiheit meiner Tochter oder: Religion hat an Schulen nichts verloren!

Meine Tochter hat lange Haare. Sie weigert sich, sie zu kämmen und meistens sehen sie aus wie eine Mischung aus Vogelnest und Dreadlocks, auch die vielen süßen, bunten Spangen, die ich ihr immer in das Haar stecken möchte, lehnt sie ab, genauso wie geflochtene Zöpfe. Sie will ihr Haar lang und wild.
»Wenn ich mich drehe, fliegen meine Haare im Kreis«, sagt sie und dreht sich, bis mir schwindelig wird. Ich erinnere mich daran, dass ich das als Kind auch getan habe und lasse sie. Ab und zu schneide ich ihr Kaugummi oder anderes Zeug aus den Haaren und überrede sie, sie mit gutem Shampoo zu waschen. Es sind ihre Haare, es ist ihr Kopf.
Seit ein paar Tagen diskutiert Deutschland ein Kopftuchverbot an Schulen und Kindergärten. In Österreich ist ein entsprechendes Gesetz geplant. Viele Argumente werden ausgetauscht. Die Gegner sagen, das Verbot würde einseitig Musliminnen diskriminieren, es sei populistisch und ausländerfeindlich. Rassistisch. Andere argumentieren mit Freiheit und Frauenrechten und dem Schutz der Kinder. Ein paar besonders Schlaue verweisen auf die Frühsexualisierung junger Mädchen und Kinder in unserer Kultur. Terre des Femmes fordert das Kopftuchverbot an Schulen schon lange.

Freiheit von religiöser Symbolik muss für alle gelten

In einem säkularen Land hat Religion an der Schule nichts verloren. Die Realität sieht anders aus. Religionsunterricht kann zwar durch Ethik ersetzt werden, faktisch fehlt es aber an Grundschulen an Ethiklehrern und deshalb haben die Kinder dann oft beaufsichtigte Bewegung. Religion aber wiederum darf nur von Fachlehrern unterrichtet werden und deshalb hat beispielsweise meine Tochter gerade mal wieder ihre Klassenlehrerin um einige Schulstunden weniger, weil die nämlich in anderen Klassen Religion unterrichten muss. Religion ist überall. Als meine große Tochter nicht mit zum Einschulungsgottesdienst ging, musste sie ihrer Klassenlehrerin (auch Religionslehrerin) komische Fragen beantworten. Ich selbst habe mich ab der dritten Klasse geweigert, in Religionsunterricht zu gehen und musste deshalb samt meiner Mutter zum Schulrektor. Unsere Schulen sind also kein religionsfreier Raum. Wenn wir das Kopftuchverbot fordern, dann nur, wenn wir die Schulen wirklich und konsequent von jeder religiösen Symbolik und Indoktrinierung befreien und Religion endlich wirklich zur Privatsache machen. Genau danach sieht es aber aktuell nicht aus – wir diskutieren über das Kopftuchverbot, nicht aber über eine echte Abschaffung von Religion an Schulen. Das macht die Debatte heuchlerisch und auch ziemlich verlogen. Also alles lassen, wie es ist? Auch weil es schwer vorstellbar ist, dass der deutsche Staat jüdischen Kindern etwa das Tragen der Kippa verbietet?

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Die diskriminierenden oder die diskriminierten Lesben? Erfahrungsbericht einer Lesbe im Radikalfeminismus

Radikaler Feminismus. Endlich ankommen und verstanden werden nach zunehmenden Anfeindungen und Überwerfungen im Queerfeminismus. Mein Hafen.

So ging es mir lange Zeit. Doch es gibt einen Streitpunkt, der mir zunehmend an die Substanz geht. Manchmal frage ich mich, ob ich noch richtig bin im radikalen Feminismus.

Schon als ich vor einigen Jahren Radikalfeminismus für mich entdeckte, gab es immer wieder Diskussionen, in denen einige Frauen von einem „lesbischen Feminismus“ berichteten. Mich interessierte das damals nicht besonders, denn ich hätte mich zu der Zeit nicht als Lesbe bezeichnet. Außerdem verstand ich nicht, was das sollte. Wir im Radikalfeminismus kämpfen doch für alle Frauen, wofür da ein eigener lesbischer Feminismus?

Dann lernte ich Lesben kennen, erst online und dann auch ganz in echt. Diese Lesben erzählten davon, wie unsichtbar sie sich oft fühlten, auch in radikalfeministischen Kontexten. Ständig gehe es nur um Hetera-Sex und wie Heteras es vereinbaren können, Feministin zu sein und trotzdem Männer zu lieben. Lesben? Achso, naja klar, die gibt’s halt auch, will ja auch niemand bestreiten. Aber sie müssen sich schon bemerkbar machen, von alleine denkt niemand an sie.

Ich merkte zunehmend, dass ich mich in lesbischen Kreisen sehr wohl fühlte. Ein wenig fehl am Platze, denn ich hielt mich ja zu der Zeit für keine Lesbe, aber irgendwie sehr geborgen. Mir gefiel es so fantastisch, dass sich die Debatten nicht ständig um Männer drehten, sondern einzig und allein Frauen im Zentrum standen. So hatte ich mir Feminismus immer gewünscht.

Irgendwann war ich dann mal wieder auf einer Frauenveranstaltung, die überwiegend von Heteras besucht wurde. Eine Frau sprach von „ihrem Mann“ und ich war einen Moment lang völlig irritiert. Ich war so sehr in lesbische Veranstaltungen involviert gewesen, dass ich ganz vergessen hatte, dass es auch Hetera-Feministinnen gab.

Ungefähr ab diesem Zeitpunkt fing ich an, mich in bestimmten radikalfeministischen Kreisen unwohl zu fühlen. Diskussionen gelangten immer wieder an den Punkt, an dessen Ende die entscheidende Frage stand, ob sich radikaler Feminismus und (Liebes-) Beziehungen mit Männern ausschließen. Die meisten Heteras sagten Nein, viele Lesben Ja, und nicht selten lieferten sich beide Seiten eine Schlammschlacht.

Ich wollte der Sache näher auf den Grund gehen und begann, in klassischer feministischer Literatur nach Anregungen zu suchen. Neben Sheila Jeffreys war es auch Simone de Beauvoir, die bei mir für ein entscheidendes Aha-Erlebnis sorgte. Sie führt in „Das andere Geschlecht“ aus, warum es für Frauen so schwer bis unmöglich ist, sich aus ihrer Unterdrückung zu befreien. Ihre Antwort ist ebenso simpel wie grandios: Weil Frauen die einzige unterdrückte Gruppe sind, die sich mit ihrem Unterdrücker stärker solidarisieren als mit ihren Schwestern. Während sich etwa JüdInnen oder PoC (People of Colour) viel stärker zusammenschließen (sowohl räumlich als auch emotional), leben Frauen mit Männern zusammen – freiwillig. Keine Person of Colour würde freiwillig mit einem Rassisten ihr Leben teilen (und ja, mir ist klar, dass dieser Vergleich hinkt, weil Männer im Gegensatz zu Rassisten nicht alle Arschlöcher sind – not all men und so, aber ich glaube, der Grundgedanke wurde klar). Wer dieses Prinzip durchdrungen hat, versteht auch, warum Heteronormativität so immens wichtig ist, um das Patriarchat aufrecht zu erhalten. Denn nur so kann das System funktionieren: durch die Selbstzerfleischung zwischen Frauen gepaart mit der Liebe von Frauen zu Männern.

Als ich den Artikel „Politisch und sexuell? Lesbisch!“ veröffentlichte, wurde ich von verschiedenen Heteras angegangen, die sich (wahlweise von mir persönlich oder gerne auch allgemein von „den Lesben“) diskriminiert fühlten. Klar, Lesben diskriminieren Heteras. Strukturelle Analyse lässt grüßen. Mir fällt dazu ein: Getroffene Hunde bellen. Auch ich kenne das. Es gibt Männer, die mir wichtig sind (woran ich auch nichts ändern möchte) und deren Verhalten ich oft nicht mit meinen Überzeugungen vereinbaren kann. Wenn mich jemand darauf anspricht, bin ich getroffen. Weil mir diese Männer wichtig sind. Mir ist das bewusst. Manchmal finde ich es blöd, manchmal nicht so schlimm, aber es ist mir bewusst: Mein feministischer Anspruch und meine Lebensrealität sind oft widersprüchlich.

Ich denke dann oft an die Analogie des Beine-Rasierens: Viele radikale Feministinnen kritisieren es, wenn Frauen äußern, sie würden sich ja gar nicht für Männer rasieren, sondern fänden es eben an sich selbst schöner so. Zu Recht, denn diese Darstellung lässt außer Acht, dass wir alle patriarchal sozialisiert wurden, d. h. wir lernen alle von klein auf „Haare an Frauenkörpern sind eklig“. Und mit einer heteronormativen Sozialisation verhält es sich eben ganz genauso. Fast alle denken bei dem Wort „Sex“ an PiV (Penis in Vagina) – selbst viele Lesben. Aber Sexualität ist so viel mehr. Uns wird so oft vermittelt, wir müssten doch irgendwie tief in uns spüren, zu welchem Geschlecht wir uns hingezogen fühlen. Plump formuliert: ob uns nun Penisse oder Vulven antörnen. Das ist ein hochgradig patriarchaler Gedanke. Weil das Patriarchat eben durch Heteronormativität und solche Vorstellungen von Sexualität und körperlicher Anziehung funktioniert.

Berichte von lesbischen Feministinnen aus den 70er-Jahren können gerade jüngeren Frauen dabei zum Beispiel sehr die Augen öffnen. Es ging nicht hauptsächlich darum, als Frau Sex mit Frauen zu haben, sondern vielmehr darum, gemeinsam zu wohnen, Frauen das eigene Leben zu widmen, sie zu lieben (und ich gebe hier jetzt bewusst keine Definition von Liebe). All das ist lesbisches Leben und Wirken.

Ich schaffe es übrigens auch nicht, mich nicht zu rasieren. Mir ist aber völlig klar, dass das ein Widerspruch und nicht mit meiner feministischen Grundhaltung zu vereinbaren ist. Ich deute das nicht um und erzähle Menschen, Beine rasieren wäre ein feministischer Move. Nicht alles, was ich tue, ist feministisch, und das ist wohl bei uns allen so. Wichtig finde ich, das für mich selbst zu wissen, zu reflektieren, mich immer wieder zu fragen, warum ich mich mit welchen Menschen umgebe oder bestimmte Dinge tue (ob ich sie dann ändere, ist dann erst die zweite Frage). Lesben anzugreifen ist jedenfalls so ziemlich der unfeministischste Akt, den es gibt.

Radikale Feministin zu sein und gleichzeitig lesbisch zu leben, ist oft kein Zufall, sondern eine logische Konsequenz –  die praktische Umsetzung einer Theorie, wenn man so möchte. Denn beides gründet sich in der Liebe zu Frauen.

Im radikalen Feminismus fühle ich mich oft nicht zu Hause, weil Lesben nicht selten mindestens ausgeklammert werden, während mir der lesbische Feminismus oft zu wenig radikalfeministisch ist. In reinen Lesbengruppen gibt es häufig keinen Konsens über Prostitution und die Transthematik, wie er sich im Radikalfeminismus findet. Zwar ist kontroverser Meinungsaustausch prinzipiell immer zu begrüßen, aber oft beginnen Diskussionen dann, sich im Kreis zu drehen und ich habe häufig einfach keine Lust, zum tausendsten Mal erklären zu müssen, warum Prostitution Gewalt gegen Frauen ist.

Ich glaube, ich muss mich damit abfinden, dass ich nirgendwo wirklich dazu gehöre. Vielleicht ist das aber auch gar nicht so schlecht. Denn wenn man von allen Seiten Zuspruch erfährt, ist das meist ein klares Indiz dafür, dass man den Status Quo stützt.

Liebesbrief an F. oder warum Feministinnen (keinen) Sex haben

Feministinnen können ja gar keinen Sex haben, weil sie Männer hassen. Die will doch eh kein Mann, hab ich recht?

Die Unterstellung, dass man als Feministin keinen Sex haben kann, weil man Männer natürlich kategorisch ablehne, habe ich leider schon zu oft wahrgenommen. Ein neues Level erreichte dies jedoch, als ich neulich mal wieder auf meiner heiß geliebten Datingplattform Tinder unterwegs war, denn dort traf ich einen jungen Mann namens F.

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Nationalismus, Trauma und Patriarchat

Bundesarchiv, Idealbild der deutschen Mutter aus: SS-Leitheft, Februar 1943, CC-BY-SA 3.0

Ein Gastbeitrag von Antje Holtzmann

Wir alle haben ein Bild vor Augen, wenn wir an Neonazis denken: Springerstiefel, Glatze, Thor Steinar oder Consdaple Kleidung, grölend mit einer Flasche Bier in der Hand. Wenn wir an Neonazis denken, denken wir in der Regel an einen weißen cis-Mann. Aber was ist mit den Frauen der Bewegung? Wie dürfen wir uns die Rolle der Frau der rechten Szene vorstellen und was sind Beweggründe, sich als Frau einer absolut misogynen Bewegung anzuschließen? Oder wie kommt es, dass Menschen dem Nationalismus verfallen, die gar nicht dumm genug sind, den haltlosen Argumenten dieser Ideologie glauben zu schenken?

Nach drei Jahren in der rechten Szene kann ich von meinen persönlichen Erfahrungen erzählen und glaube auch, eine neue Perspektive auf das Thema eröffnen zu können.Um Zusammenhänge besser aufzeigen zu können, muss ich erst einmal ein bisschen autobiographisch werden. Ich komme aus einer bayrischen Großstadt, wuchs ohne Vater bei einer psychisch kranken Mutter auf und kam dann zu Pflegeeltern. Die Zeit bei meiner Mutter war ich mit ihren Traumata konfrontiert und wurde auch selbst von Bekannten der Familie sexuell missbraucht. Ab meiner Pubertät erlebte ich immer wieder sexuelle Gewalt und begann dann mit 14 mit der Prostitution. Frauenhass war für mich sowohl Realität, als auch Normalität. Auch meine Mutter negierte jegliche Weiblichkeit. Sie schnitt mir seit meinem zweiten Lebensjahr die Haare kurz und wandelte meinen Vornamen in die männliche Variante um. Sie selbst gab sich auch Mühe, möglichst maskulin auszusehen.

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Lieber mit Nazis als von Frauen reden – Debattenkultur auf sächsisch

Ich war grad im Stadtmuseum und habe da eine Veranstaltung besucht, die „Wie die BRD nach Sachsen kam“ hieß. Da wurde ein neuer Band der „Dresdner Hefte“ rausgegeben (die ich sehr schätze), und es ging um ostdeutsche Identität, westdeutsche Eliten und natürlich unser ostdeutsches Problem mit Rechtsextremismus.

Ich will jetzt gar nicht dieses ganze Thema aufrollen, es geht mir um was ganz anderes.

Wir saßen da jetzt so im Stadtmuseum rum, 3 Männer auf dem Podium, ein Mann als Moderator, das Publikum auch überwiegend männlich und, naja, älter. Das zum Setting.

Was mir schwer im Magen liegt, ist, dass die ganze Veranstaltung lang nicht ein einziges Mal gegendert wurde. Es hieß immer nur „der Künstler“, „der Ostdeutsche“, „wir müssen ihn verstehen“, „der junge Ausbildungsabbrecher“, „der sieht, wie sein Vater nichts hinkriegt und arbeitslos ist“ usw.  Und es war klar, hier wird nicht nur generisch männlich bezeichnet, hier ist auch definitiv männlich gemeint.

Der Kracher war jetzt der Schluss. Es ging um die Fanschar von Dynamo Dresden, und Frank Richter, ehemaliger Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, meinte doch glatt, er sehe da ein großes Bedürfnis nach Identität, nach einer kämpferischen Gemeinschaft, eine Sehnsucht, die ins Leere liefe, denn „vielleicht haben wir sie auch zu früh abgestempelt“ und dann hätten sie noch durch ein „völlig weiblich dominiertes Schulsystem gemusst, in dem die Jungen eben nicht kriegen, was sie brauchen“.

Ich bin gerade dezent fassungslos darüber, dass die ganze Debatte über (bis auf die explizite Nennung von 3 Künstlerinnen) keine Frauen vorkamen, und dann, als wir endlich mal gnädigerweise erwähnt wurden, war es nicht etwa, um mal nach unseren Bedürfnissen zu fragen oder auf unsere Situation hinzuweisen, nein, dann war es, um uns auch noch die Schuld daran zuzuschieben, dass Scheissdynamoassinazis Scheissdynamoassinazis sind.

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Dickpics schicken ist wie Blumen schenken – jede Frau freut sich drüber

Dickpics, anscheinend die neuen Selfies unserer Generation, zu schicken scheint als Mann in Zeiten von Tinder, Lovoo und wie sie alle heißen fast schon als normal zu gelten. Ist ja „nur“ ein Penis, oder? Oder nicht?

Das bizarrste an der ganzen Sache – und gleichzeitig auch das traurigste – ist doch, dass ich gezwungenermaßen irgendwie, ja doch zwangläufig, davon ausgehen muss, dass die Menschen, die ungefragt, ungebeten, ohne Aufforderung ein Bild ihres Gemächts schicken, nicht die kompetentesten, intelligentesten, geschweige denn respektvollsten Menschen sind. Ein Bild ihres Geschlechtsteils, auf das sie scheinbar unsagbar stolz sind und es wie eine Trophäe rumzeigen müssen. Kurze Anmerkung, es ist ein Penis und den haben ziemlich viele Männer auf dieser Welt – ja es tut mir leid, du bist nicht einzigartig, nur weil du einen Penis hast und verdienst dafür keine besondere Aufmerksamkeit. Den Höhepunkt erreicht diese mir suspekte Situation dann in der zu häufig daraufhin folgenden Frage, die die Person, dessen Geschlechtsteil ich nun gezwungenermaßen betrachten musste, mir stellt: „Und, wie gefällt er dir?“

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Zukunft Rotlicht(-Profiteure)

Rotlichviertel Frankfurt am Main

By Arne Hückelheim [CC BY-SA 3.0 or GFDL], via Wikimedia Commons

Auf einer Internetseite wird – ganz frisch – eine “bundesweite Zusammenkunft für Sexworker und Betreiber” unter dem Motto Zukunft Rotlicht 2018 beworben. Die Veranstaltung, die sich als “Deutschlands 1. Rotlicht-Kongress” präsentiert, ist angekündigt für den 23. April in Frankfurt a. M.

Sie findet im SAALBAU Gallus statt, einem Bürgergemeinschaftshaus, wo FrankfurterInnen und Nicht-FrankfurterInnen seit vielen Jahren zum kulturellen, sozialen, kreativen, politischen und festlichen Austausch zusammenkommen.

Zukunft Rotlicht 2018 verspricht “Wissen & Networking”, “Branchenbekannte Fachfirmen kennenlernen” und “Experten (!sic) aller relevanter Bereiche”, darüber hinaus u. a. Kaffee, Brezeln, Currywurst und Prosecco (letzteren aber nur, wenn an der “PartyNetzwerk – Afterwork – Party” teilgenommen wird).

Ermöglicht bzw. “gesponsert” wird das Event vom “Rotlicht” selbst, finden sich im Footer doch fast ausnahmslos Unternehmen, deren Profit sich aus der Sexindustrie speist. Allerdings ist die Sponsorenliste im Laufe der letzten Tage etwas geschrumpft, die Verweise auf einschlägige Anzeigenportale zur Vermittlung von Sexjobs Frauen in der Prostitution wie ladies.de oder kollegin.de sind zwischenzeitlich aus der heißen Auflistung verschwunden. Verstehe einer das Rotlicht, das ist ein guter Punkt, denn es sollte tatsächlich einmal gefragt werden, wer denn damit so gemeint ist, mit diesem „Rotlicht“ und dieser ominösen „bundesweiten Zusammenkunft für Sexworker und Betreiber“. Dass das alles so herrlich ungegendert ist, deutet ja bereits eine einschlägige Richtung an.

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Ich bin eine Frau – nicht nur am Frauentag

Ich bin eine Frau. Dieser Satz ist ebenso simpel wie allumfassend. Er bestimmt mein ganzes Leben und auch das meines Umfeldes. Ich werde als Frau wahrgenommen, als Frau behandelt, wurde als Frau geboren, werde als Frau sterben.

Die Hälfte der Weltbevölkerung besteht aus Frauen. Trotzdem ist vielen nicht bewusst, was das eigentlich bedeutet: eine Frau zu sein. Mein Umfeld meldet mir häufig zurück, ich solle mich nicht so sehr darauf versteifen, denn ich wäre ja noch viel mehr als eine Frau. Bin ich das?

Natürlich, es gibt vieles, was mich ausmacht. Ich bin Erziehungswissenschaftlerin, Studentin, Läuferin, Hundebesitzerin. Ich bin lesbisch. Ich bin manchmal wild entschlossen, manchmal sprachlos, mal laut, mal leise. Ich bin hitzköpfig, denke über alles endlos nach, bin zielstrebig und ehrgeizig. Und all das bin ich: als Frau.

Erst seit ein paar Jahren ist mir bewusst, was das in seiner Gänze bedeutet. Als ich ein Mädchen war, wusste ich natürlich, dass ich irgendwann mal eine Frau werden würde. Ich hörte einmal, wie sich meine Mutter mit einer Freundin darüber austauschte, ob ihre Töchter denn schon ihre Tage hätten. Das wäre ja ein wichtiger Schritt, damit würde sich nun vieles ändern. Wenn du deine Tage hast, bist du deinem Schritt zur Frau ein gutes Stück näher gekommen. Du wirst bald mit Männern Sex haben, du kannst nun schwanger werden. Das ist es, was dich als Frau ausmacht.

Etwa im gleichen Alter gab es in der Schule unter uns Mädchen nur ein Thema: unsere Zukunft. Den wenigsten ging es dabei darum, die eigenen Stärken auszubauen und zu verwirklichen. Nein, Zukunft bedeutete, sich auszumalen, wie der künftige Ehemann aussehen sollte, wie viele Kinder man mit ihm zeugen würde und wie das Einfamilienhaus auszusehen hätte.

Kurze Zeit später wurde mir auch physisch bewusst, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Meine Brüste waren nun deutlich wahrnehmbar, und auch ich nahm mich anders wahr. Mir wurde mit voller Wucht bewusst, dass dieser Körper nicht mir gehörte. Er war ein Buffet: Männer bedienten sich an verschiedenen Stellen, wie es ihnen gerade genehm war. Und ich sollte mich daran erfreuen. Denn ich war ja eine Außenseiterin, aber plötzlich hatte ich große Brüste und damit doch eine Chance auf Aufstieg.

Die Schule hatte großen Anteil daran, dieses Gerüst aufrechtzuerhalten. Es war so selbstverständlich, dass es immer nur um Männer ging, dass es niemandem von uns auffiel. Dass es immer wieder Frauenbewegungen gab, dass wichtige Philosophinnen, Ärztinnen und Naturwissenschaftlerinnen Geschichte geschrieben haben, das lernte ich erst im Studium.

Dass sich Männer, und zwar ganz besonders Männer in Machtpositionen, alles erlauben dürfen, das lernte ich hingegen schon in der Schule. Ich erinnere mich noch gut an einen Lehrer, der Schülerinnen regelmäßig zu nah kam. Wenn wir Gruppenarbeit machten oder eine Frage stellten, kniete er sich vor unsere Tische, so dass sein Gesicht nur wenige Zentimeter von unserem entfernt war. Als dies auf einem Elternabend thematisiert wurde, grinste besagter Lehrer breit und süffisant und belehrte unsere Mütter, so wäre das eben in dem Alter, wir würden uns das eben alle wünschen und uns deshalb einbilden, es würde passieren. Die Allmachtsfantasien eines Junglehrers: eine ganze Klasse 14-jähriger Mädchen fährt voll auf ihn ab.

Es passierte natürlich nichts weiter und die Botschaft an uns lautete: So ist er eben. Müssen wir mit umgehen. Pech gehabt.

Eine Botschaft, die sich durch mein Leben als Frau zieht. Ich habe Pech gehabt. Ich gehöre zu der Hälfte der Weltbevölkerung, die keine Rechte hat. Dieser Gedanke, wenn man ihn einmal wirklich zulässt, ist ein vernichtender. Mich hat er in eine tiefe Krise gestürzt. Ich verstehe, warum ihn so viele Frauen nicht zulassen und zu Ende denken möchten. Aber nur das kann uns letztendlich befreien. Wir müssen konsequent zu Ende denken. Wir müssen uns mit unserer Geschichte als Frauen beschäftigen. Wir müssen verstehen, und zwar wirklich verstehen, bis in die letzte Zelle unseres Körpers, was es bedeutet, im Patriarchat eine Frau zu sein.

Morgen ist Frauentag und ich habe lange überlegt, auf eine Demo in meiner Stadt zu gehen. Letztlich habe ich mich dagegen entschieden. Im Veranstaltungstext heißt es, man gehe auf die Straße, um sich gegen alle möglichen Diskriminierungsformen zu positionieren. Wir stellen die Hälfte der Weltbevölkerung, aber nicht einmal an einem einzigen Tag im Jahr dürfen wir einfach nur für uns auf die Straße gehen? Niemand käme auf die Idee, bei einer Demo gegen die Macht von Großbanken darauf zu bestehen, gleichzeitig auch für die Rechte von nicht-binären Personen zu demonstrieren. Selbstverständlich ist die Demo außerdem offen für alle, die sich solidarisch zeigen möchten. Macht ja aber ohnehin keinen Unterschied mehr, wenn ohnehin alle eingeschlossen sind, die sich als Frauen identifizieren.

Meine feministische Vision ist eine andere. Ich möchte nicht am Frauentag gemeinsam mit Männern auf die Straße gehen in der Hoffnung, dass wir ja in naher Zukunft ganz gleichberechtigt nebeneinander leben könnten. Es wird nicht passieren, denn Männer haben nicht das geringste Interesse daran. Sie alle profitieren vom Patriarchat. Frauen sind die einzige unterdrückte Gruppe, die mit der Überzeugung aufwächst, dass ihr Unterdrücker zum wichtigsten Menschen ihres Lebens werden muss. Dass sie Kinder mit ihrem Unterdrücker haben, ihn lieben und als ihren Retter ansehen soll.

Solange wir mit Männern zusammen leben, sie uns wichtiger sind und wir uns solidarischer mit ihnen zeigen als mit anderen Frauen, ja, als mit uns selbst, solange wird sich außer ein paar Schönheitsoperationen am Patriarchat nichts ändern. Das haben mich die feministischen Klassiker, unsere Vordenkerinnen, gelehrt. Das System Patriarchat kann nur dann nicht mehr funktionieren, wenn Frauen nicht mehr mitmachen. Wenn Frauen eigene Kulturen bilden, nicht mehr mit ihrem Unterdrücker zusammen leben, sondern sich gegenseitig ihr Leben und Wirken widmen. Das ist eine unpopuläre Position, selbst in feministischen Kreisen, und ich rechne auch dieses Mal wieder mit viel Kritik dafür. Denn diese Position bedeutet, alles neu denken zu müssen, auch bestimmte Dinge aufgeben zu müssen. Aber sich einem System zu verweigern, das unser ganzes Leben bestimmt, erfordert nun einmal drastische Maßnahmen.

Ich werde es mir morgen bei mir zu Hause gemütlich machen. Mit meiner Hündin, auf meinem Sofa, mit Büchern von Mary Daly, Audre Lorde und Sheila Jeffreys. Für meinen persönlichen Frauentag.

Die älteste Unterdrückung der Welt

Der 8. März ist traditionell der Tag im Jahr, an dem eine Bestandsaufnahme zum Thema Frauenrechte erfolgt. Misstände werden beklagt, Erfolge betont und Maßnahmen eingefordert. Bis – ja, bis zum nächsten Jahr. Zwischendrin bleibt alles, wie es ist. Leider stimmt das so nicht. Es ist eine trügerische Annahme, zu glauben, das, was wir als Erfolg empfinden, bliebe uns erhalten. Frauenrechte – Frauenfreiheit – Frauenfrieden – haben wir doch längst. Wozu noch Feminismus? Gerade macht eine Frauenbeauftragte von sich reden, weil sie unsere Nationalhymne entmänlichen möchte. Haben wir keine größeren Sorgen, heißt es da. Von deutschem Kulturgut wird gefaselt, und davon, dass wir Frauen ja immer mitgemeint sind. Sind wir nicht. Unser Denken, unsere Sprache, unsere Gesellschaft rotieren um den Mann. Er ist die Norm, wir sind die Abweichung. Subjekt, Verb, Objekt, Mann bestimmt die Frau, diese von Catharine MacKinnon aufgestellte Gleichung gilt noch immer und durchdringt jeden Teil unseres Alltags. Im Patriarchat haben Frauen keine Rechte. Sie haben Zugeständnisse auf Widerruf.

Es war Catharine MacKinnon, die mich zur Feministin machte. An der Universität stieß ich auf ihren grandiosen Text “Toward a feminist theory of the State”. Er ließ mich verstehen, dass das, was mir als Frau geschieht, keine individuelle Angelegenheit ist, sondern eine gesellschaftliche, eine öffentliche. Es wird den Frauen nur immer eingeredet, dass es an uns liegt. Es liegt an uns, dass wir weniger verdienen als unsere männlichen Kollegen – wir verhandeln schlecht. Es liegt an uns, dass wir sexueller Belästigung und Gewalt ausgesetzt sind – wir setzen die falschen Signale und inszenieren uns als Opfer. Es liegt an uns, dass man uns weniger Autorität zumisst – wir verkaufen uns falsch. Es liegt auch an uns, so heißt es, dass der Feminismus nicht vorankommt. Wir lassen den Männern nicht genug Männlichkeit. Wir laden sie nicht genug ein. Dass viele Männer schlicht wenig Lust darauf haben, auf ihre angeborenen Privilegien zu verzichten, darüber wird geschwiegen.

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Die arme und die nicht arme Prostituierte

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Ky via Flickr, (CC BY 2.0)

Hinweis: Der Artikel wurde zwischenzeitlich einmal offline genommen (aus Gründen), beim Wiederherstellungsprozess sind leider ein paar Kommentare verschütt gegangen, das bitten wir zu entschuldigen, gfs. dann einfach nochmal kommentieren.

Oder: Die Zwangsprostituierte und die “freiwillige” Prostituierte

Oder: What the fuck

Zwei Dinge kamen in Diskussionen um Prostitution neuerdings immer wieder auf.

  1. Es gehe nicht um die “weiße, freiwillige deutsche Prostituierte, die sich nebenbei ein Taschengeld verdient”, sondern um Zwangsprostituierte und Frauen, die sich aus Notlagen heraus prostituieren.
  2. Die Forderung, bis wir das Nordische Modell durchgesetzt hätten, müssten wir auf die straffe Umsetzung des ProstSchG pochen, denn dies sei wenigstens etwas und besser als nichts.

Dazu habe ich als ehemals prostituierte Frau Folgendes zu sagen:

Ich möchte Prostitution abschaffen.

Und will sie keiner einzigen Frau zumuten. Ich wiederhole: keiner.

Auch nicht der “Freiwilligen” oder der, die sagt, sie habe ein Recht dazu, sie wolle das so, auch nicht der weißen deutschen Studentin, die sich damit ihr Studium finanziert. Weil es keinen Unterschied macht.

„Ja, aber die weiße deutsche “freiwillige” Prostituierte …“

Ja, was aber?

Selbstverständlich respektiere ich die Frau, die das sagt und ihre “Entscheidung”. Aber ich spiele das damit verbundene Leid nicht herunter – auch wenn sie es gegenwärtig noch anders sieht. Ich weiß um die Umstände, die so eine „Entscheidung“ bedingen, es könnte sich – by the way – um Zwang handeln – ich sag’s ja nur.

Fangen wir ernsthaft diese Diskussion (wieder) an? Auszuklamüsieren, was nun Zwang ist und was nicht?

Wann habe ich angefangen zu pennen, um nicht mitzukriegen, dass wir uns ob der Basics immer noch nicht klar respektive einig sind?

So zu tun, als leite sich aus Parametern wie weiß, Sprachkenntnisse, deutsche Staatsangehörigkeit die Legitimation einer Zweispaltung ab, nämlich in arme ausgebeutete Zwangs-Prostituierte vs. „gut situierte“ (oder wie auch immer andere) Prostituierte, ist naiv, zynisch und entbehrt jeder feministischen und wissenschaftlichen Grundlage. Sie lässt Faktoren außen vor, die maßgeblich mitbedingen, ob wir prostituiert werden.

Wissen wir eigentlich auch schon längst – dachte ich.

Prostitution ist etwas, was keiner Frau zugemutet werden darf.

Sie muss weg.

Es gibt objektive Kriterien, die definieren, was sexuelle Ausbeutung ist. Prostitution ist sexuelle Ausbeutung. Durch eine Umdefinition, die im Grunde das Ende des Herunterbrechens auf die subjektive Ebene ist, nämlich: ich fühle mich nicht ausgebeutet (ich finde es empowernd, ich mache das gerne, etc.), wird die Ausbeutung nicht weniger Ausbeutung. Durch die Spaltung von außen in die, die zwangsprostituiert wird und die, die es „freiwillig tut“, wird die Ausbeutung auch nicht weniger Ausbeutung. So oder so: die Folgen für die Frau und nicht zuletzt für die Gesellschaft bleiben gravierend, ja katastrophal.

Prostitution schadet. Prostitution tötet. Prostitution macht den Körper und die Seele kaputt. Oft ein Leben lang.
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