#BRAGER – Ein Spiel als “Vergewaltigung”, “Blitzkrieg” und “Holocaust” auf Twitter

Brazil and Croatia match at the FIFA World Cup (2014-06-12; fans)

By copa2014.gov.br (Brazil beat Croatia in World Cup opening match) [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons

Das gestrige Spiel von Deutschland gegen Brasilien wird in den Medien bereits als “historische Demütigung”, als Spiel, das in die Geschichte eingehen wird, gefeiert. 7:1 gewannen die Deutschen gegen die sonst so übermächtigen Favoriten aus Brasilien. Die Fans tobten, in Deutschland waren die Straßen wie leergefegt, unterbrochen wurde die Stille nur aus den nicht abbrechenden Begeisterungsschreien der deutschen Wohnzimmer und den Public Viewing Arenen. Auch in den Sozialen Netzwerken war dies zu spüren, allen voran bei Twitter unter BRAGER (die Zusammensetzung aus Brasilien und Germany), das Hashtag, unter dem sich so ziemlich jeder zu Wort meldete. Viele Kommentare waren witzig, andere einfach nur voller Begeisterung. Andere benutzten, um ihrer nationalistischen und sexistischen Gesinnung passend zum Spiel Ausdruck zu verleihen, so oft die Hashtags #Blitzkrieg #Holocaust und #Vergewaltigung, dass diese gemeinsam mit BRAGER die bundesweiten Twittertrends anführten.

Die Deutschen stehen im Finale, die Weltmeisterschaft ist zum Greifen nah und die Brasilianer hatten einfach keine Chance gegen das überlegene Spiel der Deutschen. Nun kann man darüber diskutieren, ob man Fußball in seiner kommerzialisierten, nationalistischen Struktur überhaupt gut finden kann, ob die Welt nicht ohnhein größere Probleme hat wie Syrien oder den neu aufgeflammten Nahost-Konflikt. Besonders abstoßend an den Kommentaren auf Twitter war allerdings, dass viele Nutzer es für lustig hielten, den Angriffssturm der Deutschen sowohl mit dem Hashtag #Brager als auch mit Hashtags wie #Holocaust, #Blitzkrieg oder #Vergewaltigung zu kommentieren, und das in solchem Ausmaß, dass diese Begriffe deutschlandweit trendeten, also so oft vorkamen, dass Twitter sie zu den am häufigsten verwendeten Hashtags in Deutschland zählte. Kommentare dieser Art zeigen, wie eng Fußball mit Nationalismus verbunden ist, wie wenig Sensibilität und Respekt Deutsche im Umgang mit dem Wort Holocaust, immerhin dem Tod von 6 Millionen Deutschen durch Deutsche vor siebzig Jahren, einem der schrecklichsten Ereignisse der Weltgeschichte haben, dessen Verwendung im Zusammenhang mit einem Fußballmatch Antisemitismus pur ist, ebenso wie die Bezeichnung “Blitzkrieg”, der ebenfalls von den Nationalsozialisten erfunden wude. Diese Begriffe zu verwenden, ist nicht nur politisch inkorrekt, die Tatsache, dass sie “trendeten”, zeigt, wie selbstverständlich sie in unserer Gesellschaft immer noch Verwendung finden, dass nicht wenige Twitterer das sogar als lustig und besonders passend empfanden.

Dass der Sieg über eine andere Mannschaft als “Vergewaltigung” gefeiert wird, ist ein weiterer Beleg unserer “Vergewaltigungskultur”. Wer vergewaltigt, hat Macht, ist ein Sieger. Vergewaltiger sind Sieger, keine Täter, das verdeutlicht uns der Trend dieses Hashtags. Ihn zu verwenden ist abstoßend und gegenüber jedem Opfer sexueller Gewalt eine unglaubliche Unverschämtheit und außerdem Sexismus pur.
Die eigene Mannschaft zu bejubeln, gerade bei einem Spiel wie gestern, ist eine Sache. Begriffe wie “Holocaust”, “Vergewaltigung” und “Blitzkrieg” zu benutzen und damit das millionenfache Leid von Opfern für ein Fußball-Halbfinale zu relativieren, ist eine ganz andere, der mit aller Entschiedenheit widersprochen werden muss.
Es zeigt sich, dass im Rahmen von Fußball die Grenzen von Anstand, von Ethik, weit gedehnt werden – “WM-Fieber” nennt sich das dann. Deutschland hat gestern ein historisches Spiel abgeliefert, noch Generationen werden davon sprechen. Auf Twitter hat es sich wieder von seiner hässlichsten, nationalistischen und sexistischen Seite gezeigt. Das schmälert die Lust, sich mit der deutschen Mannschaft zu freuen.
Abstoßend, inakzeptabel und jedem Twitterer, der ein solches Hashtag benutzt, gehört der Account gesperrt.

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