Carol J. Adams: Bitch, Chick, Kuh: Die Rechte von Frauen und (anderen) Tieren

Carol J. Adams [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

(Teil)Übersetzung eines Beitrags von Carol J. Adams mit dem Titel „Bitch, Chick, Cow: Women’s and (Other) Animals‘ Rights“, im Sammelband „Sisterhood is Forever“, The Women’s Anthology for a New Millennium. Washington Square Press 2003, herausgegeben von Robin Morgan.

Feministinnen sehen nicht andere Dinge als andere Menschen; Feministinnen sehen die gleichen Dinge anders. Eine Sache, die Feministinnen anders sehen, sind Tiere. Was wir anders sehen ist … die Abwesenheit des Tieres. Wir sehen das Tier, dessen Existenz zu einem Essen, einem Mantel oder einem Paar Schuhe geführt hat. Wir sehen auch, dass das was abwesend ist … mit ethischen, praktischen und ökonomischen Imperativen aufgeladen ist: „Unsere Gesellschaft tötet ungestraft Tiere; Was ist unsere Verantwortung?“ Und wir Tierrechts-Feministinnen, wir Tierbefreiungs-Ökofeministinnen, wir veganen Feministinnen (ich weiß es gar nicht, wie wir uns nennen sollen?) antworten: „Unsere Verantwortung liegt darin, damit aufzuhören, Tiere zu benutzen und zu misshandeln“. Unser Bewusstsein hat uns hierher geführt.

Sandra Bartky … hat festgestellt, dass „Feministisches Bewusstsein … einen „Fakt“ in einen „Widerspruch“ verwandelt.“ Fakt: Menschen (auch Feministinnen) benutzen Tiere für Essen, Sport, Kleidung und andere Verbrauchsgüter. Widerspruch:  diese Ausbeutung von Tieren wird fortgesetzt, obwohl Tiere einzigartige, individuelle Wesen sind, die soziale Beziehungen genießen und eine große Bandbreite von Fähigkeiten haben, inklusive der, Schmerz zu empfinden.

Wie können Menschen, insbesondere Feministinnen, Tiere benutzen?  Aufgrund von individueller mentaler Abspaltung, und aufgrund von gesellschaftlicher Abspaltung – die es erlaubt, dass der Widerspruch der einen Person, der Fakt einer anderen Person bleibt. Es ist sowohl eine Last und ein Geschenk lebensverändernden Bewusstseins, zu versuchen Bedingungen für andere zu schaffen und diese Erfahrung der Entflechtung eines Faktes in einen Widerspruch zu machen. …

Ich erinnere mich genau an den Moment, als bei mir aus einem Fakt ein Widerspruch wurde. Ich wollte gerade einen weiteren Bissen meines Hamburgers nehmen … Plötzlich dachte ich an den toten Körper von Jimmy [meinem gerade verstorbenen Pony] und fragte mich: „Warum esse ich eine tote Kuh, aber würde niemals mein totes Pony essen?“ Da erkannte ich meine eigene Doppelmoral. Der Fakt des Hamburgers, wurde zu einem Widerspruch:

„Wie kann ich, eine Feministin, die sich für ein Ende der Gewalt einsetzt und deren Ziel Befreiung ist, geschlachtete Tiere essen?“

Eine Freundin erzählt eine andere Geschichte. Sie wurde von ihrem Ehemann fast zu Tode gewürgt. Plötzlich dachte sie: „Mein Ehemann sagt er liebt mich, und trotzdem versucht er mich zu töten. Ich sage ich liebe Tiere und trotzdem esse ich sie.“ Inmitten eines mörderischen Anschlags auf ihr Leben, hat sie einen lebensverändernden Widerspruch erfahren. Sie könnte der Attacke entkommen, dem Ehemann, der Ehe, und ihrer eigenen Komplizenschaft in Bezug auf das Töten von Tieren; sie wurde Tierrechtsaktivistin.

Es ist nicht überraschend, dass Frauen, die sich bewusst darüber sind, wie sexuelle Gewalt unseren Leben innewohnt, dieses Wissen auf andere Lebewesen ausweiten können. Gewalt gegen Tiere ist sehr oft ein Aspekt von sexueller und häuslicher Gewalt. Ein Vergewaltiger, ein Pädokrimineller, ein Schläger – kann damit drohen ein geliebtes Tier zu töten, um sein Opfer in Angst zu versetzen oder zu kontrollieren (oder es tatsächlich töten). Sexualstraftäter und Serienmörder begannen ihre gewaltvollen Aktivitäten häufig mit dem Quälen und Töten von Tieren. In zahlreiche tragische Fälle von High-School-Gewalt waren Jungen oder junge Männer involviert, die zuvor Tiere gejagt, erschossen oder gequält hatten. ..

[Frauen und Tiere sind miteinander verbunden] Tiere werden verweiblicht und sexualisiert; Frauen werden animalisiert.

Falsch generierte Worte (mankind), die Männern einen vollwertigen menschlichen Status verleihen, müssen parallel zu tierischen Abwertungen von Frauen analysiert werden (catty, bitch, sow, shrew, dog, chick, cow). Joan Dunayer, die Autorin von „Animal Equality: Language and Liberation“ demonstriert, dass

„die Anwendung von Bildern abgewerteter nicht-menschlicher Spezien auf Frauen, Frauen als unterlegen und verfügbar für Misshandlung kennzeichnet; Männern Bilder von der verherrlichten menschlichen Spezies anzuhängen, macht Männer überlegen und befugt sie auszubeuten.“

Das ist nichts Neues. Historisch betrachtet, war die ideologische Rechtfertigung für die angebliche Unterlegenheit von Frauen uns mit Kindern, Tieren, der Natur und dem Körper zu assoziieren – die alle abgewertet wurden. …

Der profeministische Journalist Jim Mason stellte vor, dass das ursprüngliche Modell der Unterdrückung das der Domestizierung von Tieren war, und das hieraus … die Unterdrückung der Frau entstand. … Marilyn French identifiziert die Herrschaft über die Frauen als Ergebnis maskuliner Verleugnung der Mensch-Tier-Verbindung. Sie argumentiert:

„Das Patriarchat ist eine Ideologie, die auf der Annahme beruht, dass der Mensch sich von den Tieren unterscheidet und ihnen überlegen ist … aufgrund des Kontakts des Menschen zu einer höheren Macht/Wissen, namens Gott, Vernunft oder Kontrolle. Der Grund für die Existenz des Menschen liegt darin, alle Tiere zu unterwerfen und seine göttliche Natur zu erkennen, jener Part, der ihn von allen Tieren unterscheidet.“ …

Ein feministische Antwort … war es lange, dass Frauen über Intellekt und Rationalität verfügen – wie Männer und nicht wie Tiere.  Vielleicht war das eine notwendige Phase in der Transformation der kulturellen Ideologie über Frauen. Mit dieser Antwort verknüpft ist die, die erklärt, dass Frauen nichts mit Tieren zu tun haben.

Zugegebenermaßen befeuert die Tierrechtsbewegung dieses Momentum. …  Werbung, Poster und Leinwände für Anti-Pelz-Kampagnen zeigen Models und Schauspielerinnen mit der … Bekanntmachung: „Lieber bin ich nackt, als Pelz zu tragen“. PETA ist der Meinung, dass Pornographie Produkte verkauft …  und ist Allianzen mit Hugh Hefner eingegangen, benutzte Playboy-identifizierte Frauen und stellte Gewalt gegen Frauen in deren Kampagnen dar, zugunsten von Tieren. Während manche Tierrechtsaktivisten glauben, dass ihre Position auch einschließt, gegen die Abtreibungsrechte von Frauen zu sein, lehnen feministische Tierverteidigerinnen erzwungene Schwangerschaften und Sterilisationen für ALLE weiblichen Lebewesen ab – menschlich oder nicht-menschlich. Das Tierrechts-Argument der 1970er und 1980er Jahre lautete „Wir haben jetzt Zivilrechte und Frauenrechte „gemacht“. Jetzt ist es Zeit für Tierrechte.“ Dieses Argument … ist höchst problematisch. Jemand, der gegen Rassismus oder Sexismus kämpft, weiß, wie fragil jede Bewegung bei diesen Fragen ist, und ist vielleicht nicht bereit seine Interessensvertretung auszuweiten, um anderen Spezien einzubeziehen. Weiterhin wird hier die Benutzung von Tieren so adressiert, als wäre sie nicht verknüpft mit der Unterdrückung von nicht-dominanten Menschen. Und weil die Tierrechtsbewegung nicht den Status von Tieren, allen Frauen und nicht-weißen Menschen theoretisch verknüpft hat, hat sie manchmal den sexualisierten Status von Frauen unerhört ausgenutzt und die männliche Dominanz in ihren Organisationen aufrecht erhalten, während sie gleichzeitig davon profitierten, dass die Mehrheit der TierrechtsaktivistInnen Frauen sind.

Vieles ist verloren, wenn diese Bewegungen unverbunden bleiben. …  Viele Feministinnen sind damit beschäftigt die Intersektionen von Feminismus, Veganismus und Tierrechtsaktivismus zusammen zu bringen. Wir glauben, dass Feminismus die transformative Philosophie ist, die sich für eine Verbesserung für alle Lebensformen einsetzt. Wir glauben, dass keine Kreatur frei sein wird, bevor alle frei sein werden, und bevor nicht die Mentalität der Herrschaft in ALL ihren Formen beendet wurde. …

1976 habe ich die Frage in einer feministischen Zeitschrift gestellt: „Wenn es unser Ziel ist in einer Welt ohne Unterdrückung zu leben, wie passt Fleischkonsum in diese Vision?“  Fleischkonsum wird zu einer zentralen Frage, aufgrund seiner vielen ausbeuterischen Praktiken – inklusive der Unterdrückung der ArbeiterInnen, die die geschlachteten Tiere töten, verarbeiten und verpacken müssen. Diese ArbeiterInnen sind meistens  POC, MigrantInnen und arme europäische-amerikanische Frauen, und sie tragen die höchste Gefahr für Arbeitsunfälle. …

Ich habe argumentiert, dass die Opposition zum Vegetarismus in patriarchalen Kulturen aus der sexuellen Politik des Fleisches resultiert: Fleischkonsum wird assoziiert mit Potenz, wird als symbolisch für Maskulinität betrachtet (Fleischwerbung setzt Tiere heute in klassische pornographische Posen, so dass Männer indirekt auch die Ausbeutung von Frauen genießen können, ohne es offen zugeben zu müssen). Mit der Verbreitung von US-amerikanischen Firmen in anderen Teilen der Welt (insbesondere Fast-Food-Restaurants, die auf Burger spezialisiert sind), betreffen viele Themen, die von westlichen, feministischen Tierverteidigerinnen angesprochen werden … auch andere Kulturen. …

Ihr mögt fragen, „Hat das was mit Sisterhood zu tun?“ und ich antworte: „Ja.“ Denn die meisten Tiere, die ausgebeutet werden, werden ausgebeutet, weil sie weiblich sind, z.B. weil sie gebären, oder weil sie Milch oder Eier produzieren. Kühe werden gemolken bis sie physisch geschwächt sind, manchmal werden sie „downers“, unfähig sich im Schlachthof zu bewegen. Die ersten reproduktiven Technologien, Embryonen-Transplante, wurden für die Rinder-Industrie entwickelt – und erst dann auf Frauen transferiert. Hühner werden in kleinen Käfigen gehalten um Eier zu produzieren. Klon-Experimente an Schafen, Schweinen und Kälbern sind alle weiblich-basiert.

Fakten, die sich in Widersprüche auflösen … Eine Kriegsgenerin, die Blut im Schlachthof für einen Protest sammelt, und sich plötzlich fragt wie sie weiterhin Tiere essen kann; eine feministische Akademikerin, die dabei zusieht, wie Eier aus einem weiblichen Stör geerntet werden; eine Frau, die aufhörte Leder zu tragen, nachdem sie „Das Schweigen der Lämmer“ gesehen hatte. Das feministische Bewusstsein bereitet uns auf diese Momente vor. … Werden wir … vom Fleischgeruch, vom Anblick der Tiere im Zoo oder Zirkus, dem Gefühl von Leder, der „Notwendigkeit“ von Tierprodukten oder Tierversuchen, in Versuchung geführt, „aber nur nicht heute“? Oder lassen wir diesen Widerspruch in uns glühen und uns weiterbringen, eine lebensverändernde Erkenntnis nach der anderen haben?

Junge Feministinnen, die ich auf den Uni-Campussen treffe, geben mir Hoffnung. Viele von ihnen sind vegan seit ihrem – sagen wir – zwölften Lebensjahr; sie haben ihren ersten Tierrechts-Protest mit vielleicht 14 organisiert. Und auf dem College setzen sie sich dafür ein, dass diese zwei Formen des Bewusstseins miteinander im Dialog bleiben. Die jungen Leute sind bereit, sich gegen den impliziten Sexismus der Werbung der Milchindustrie zu stellen. Sie arbeiten in Frauenhäusern, während sie sich um Ressourcen für Tiere kümmern … Sie sponsern vegane Fundraiser für Frauenhäuser, organisieren Projekte, die sich mit der Ausbeutung von Frauen als Fleisch beschäftigen und sie klären ihre ProfessorInnen auf über Tierexperimente, basierend auf feministischer Kritik an patriarchal kontrollierter Wissenschaft. Sie sind Teil des feministischen Prozesses der Vorstellung und Rekonstruktion menschlicher Natur, und sie fangen an der Basis an, der Basis, die wir alle berücksichtigen sollten: Warum müssen wir menschlich als gegensätzlich zu tierisch definieren? Letzen Endes sind auch wir Tiere.

3 Kommentare

  1. Bri Lunzer-Rieder

    Nö. Zu kurz gedacht.
    Es ist längst ALLES in Besitz aufgeteilt. In EIGENTUM verwandelt worden…
    wenn jetzt den Tieren ihr Existenzrecht, das im Nutzen für uns Menschen besteht, auch noch abgesprochen wird; dann zerstören wir das lebensrecht vieler Nutz-Tiere.

    auch das Pony gab es nur, weil die Schreiberin dieses Textes ein solches Pferd HABEN wollte…;-)

    Warum wohl, hm ?

    Genau; um dieses letztlich für sich; zu nutzen.

    Entscheidend ist die QUALITÄT DES LEBENS.

    Und zwar vor dem Tod.
    Dieser widerum sollte, wenn, rasch und möglichst schmerzlos sein können.
    Auf DAS sollte echter Tierschutz abzielen.

    Übrigens; ich `habe`selbst Tiere. In Verantwortung. Komplett.
    Und halte Null von falschen Pseudomoralismen.
    Die letztlich nur dazu führen, dass es bald gar keine Haus-Tierarten mehr gibt.

  2. Tierversuche, Pelzfarmen, Hühnerbatterien und Schlachthöfe sollten abgeschafft werden. Das sind die schlimmsten FolterKZ’s für sog. Nutztiere.
    Diskussionslos! Ausserdem gibt es bereits die Möglichkeit Fleisch aus Zellen
    zu züchten. Ja; und im weitesten Sinn ist ja auch der Mensch ein „Nutzwesen“. Durch seine Arbeit erbringt er für die Gemeinschaft einen Nutzen. Trotzdem wurden auch hier die schlimmsten Auswüchse wie Sklaverei verboten. So sollte es eben auch bei den Tieren sein.

  3. @Bri Lunzer-Rieder:

    Richtig, es geht um die Lebensqualität der Tiere. Und eine solche haben die meisten Haus- und Nutztiere nicht, ihr Dasein ist somit als Selbstzweck sinnlos. Deshalb sollte das Ziel einer modernen Gesellschaft sein, Tierhaltung abzuschaffen. Haustierarten mögen für den Menschen als Kulturgut und Erleichterung des Lebens wichtig sein, aber für die betroffenen Tiere ist diese Existenz nicht schön. Ich hab schliesslich nichts davon wenn ich als (verzüchtetes) Tier in menschlicher Gefangenschaft zur Welt komme uns meine Bedürfnisse nicht befriedigen kann.

    Dass Tiere in unserer Gesellschaft als Besitz betrachtet werden, genauso wie Frauen als Sexobjekte und Gebärmaschinen gelten, ist Tatsache, aber das ist ja wohl nicht akzeptabel.

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