Kategorie: Buch- und Filmtipps

Viva la Vagina – oder: Nichts Neues über da unten

Es gibt diese Bücher, die total gehypt werden, und wenn man sie dann liest, fragt man sich warum. Das Buch der beiden norwegischen Ärztinnen Nina Brochmann und Ellen Støkken Dahl “Viva la Vagina – alles über das weibliche Geschlecht” ist so ein Buch. In Norwegen ein Beststeller, wurde es nun in 30 Sprachen übersetzt und überall sehr lobend besprochen. Zwei Frauen, die anderen Frauen erklären, wie das mit der Vulva, der Vagina, dem G-Spot und dem Sex ist. Ich war wirklich neugierig. Immerhin sehen wir Frauen unsere Geschlechtsteile ja nicht und in der Tat: Es gibt viele Dinge, die wir nicht wissen. Deshalb: Toll, dass diese beiden Frauen das angehen – und der Erfolg gibt ihnen Recht. Offenbar ist das Bedürfnis von Frauen, mehr über ihre Vagina zu erfahren, auch im Jahr 2018 immer noch riesig.

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“Down girl” – die Logik der Misogynie

“Misogynie” ist ein sperriges Wort. In “Two and a half men” machen sie sich darüber lustig. Es ist Griechisch und bedeutet “Frauenhass”. Die amerikanische Philosophin und Autorin Kate Manne hat sich mit der Logik von Misogynie beschäftigt. “Down Girl: The logic of misogyny”, erschienen bei Oxford Press, analysiert, was Misogynie ist – und warum sie gegenwärtig sogar erstarkt.

Misogynie ist nicht der Hass gegen alle Frauen. Wenn Frauen sich im Patriarchat angepasst verhalten, gibt es gar keinen Grund für Männer sie zu hassen. Sie sind nützlich und machen den Männern das Leben angenehm, ihre Leistung ermöglicht überhaupt erst das Zusammenleben in einer neoliberalen und kapitalistischen Gesellschaft. In ihrer Nutzbarkeit liegt aber auch die Wurzel des Frauenhasses. Dieser richtet sich explizit gegen jene Frauen, die gegen die patriarchale Werteordnung und die eigene Ausbeutung aufbegehren. Im Patriarchat sind nur Männer Menschen, wenn Frauen als Menschen wahrgenommen werden wollen, fühlen sich Männer angegriffen, das hat schon Simone de Beauvoir festgestellt. Das erklärt auch, warum sich zum Beispiel Trolle im Internet an Frauen abarbeiten, die sie gar nicht kennen, sie haben das Gefühl, dass das widerständige Verhalten der Frauen ein Angriff auf sie selbst ist.

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Unser Buch ist erschienen: Störenfriedas – Feminismus radikal gedacht

Vier Jahre feministischer Blog, zwei Jahre Arbeit an dem Buch, nun ist es endlich erschienen. Auf über 500 Seiten geht es um Themen wie Prostitution, Porno, sexuelle Gewalt und den Kampf gegen patriarchalen Bullshit. Mit Beiträgen von: Mira Sigel, Manuela Schon, Caroline Werner, Hanna Dahlberg, Dr. Inge Kleine, Anneli Borchert, Huschke Mau, Marie Merklinger (SPACE International, Germany), Anna Hoheide, Ariane Panther, Katharina Maunz, Eva Bachmann, Dr. Anita Heiliger und Gabriele Uhlmann

Der Feminismus ist eine der erfolgreichsten Bewegungen der Welt, trotzdem gehören Sexismus, sexuelle Gewalt, sexuelle Ausbeutung und Diskriminierung noch immer zum Alltag von Frauen.
Radikaler Feminismus dekonstruiert und demaskiert sexistische Unterdrückung und führt sie auf ihre patriarchalen Ursprünge zurück.
Prostitution, Pornografie und sexuelle Gewalt werden durch eine bis heute nicht überwundene sexistische Grundhaltung gespeist, die zu kritisieren sich jeder einzelne Beitrag in diesem Buch vorgenommen hat. Wie steht es um die Alternativen – wie könnte eine Gesellschaft jenseits von geschlechtlicher Unterdrückung aussehen?

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Niemand wurde gezwungen, ein Lächeln für bare Münze zu nehmen

Foto: Bitchflicks

Oralsex ist heute eine jener Sexpraktiken, die zum Standard gehören. Sexpraktiken finden ihren Einzug in das private Sexleben fast immer über die Sexindustrie: Das im Porno gesehene will nachpraktiziert werden, schlägt sich zunächst in der Prostitution in den Freierwünschen und –forderungen nieder, bis eine gesellschaftliche Normalisierung – bis hin zur Normierung – stattgefunden hat. Der Pornofilm, der die Verbreitung des Oralsex eingeleitet hat, war der Film „Deep Throat“. Mit einem Budget von nur 25.000 Euro abgedreht, brachte er den Produzenten bis heute mehrere Milliarden Dollar ein, und hinterließ die Hauptprotagonistin mit einem Schuldenberg.

Ein (liberal-)feministischer Blog bezeichnete die Hauptdarstellerin des Filmes, Linda Lovelace, vor einigen Jahren als „wichtige Akteurin des Blowjobs“ was zu einigem Widerspruch führte, da Linda Boreman, wie sie wirklich hieß, ein Vergewaltigungsopfer und eine zwangsprostituierte Frau war, und sich in den USA den (radikal-)feministischen Kämpfen gegen die Pornographie und die Industrie angeschlossen hatte. Die Kritik wurde erwidert mit der lapidaren Aussage: „„Sie [Linda] ist im Diskurs um das ganze Thema eine wichtige Akteurin. Auch als Betroffene verliert man den Status und die Kompetenz der Handelnden nicht.“

Anlässlich dieser Diskussion hatte ich mir damals vorgenommen, die beiden biographischen Bücher von Linda Boreman, die auch in deutscher Sprache unter den Titeln „Ich packe aus!“ und „Ich bin frei“ erschienen sind, irgendwann einmal zu lesen. Die (lange aufgeschobene) Lektüre hat mir noch einmal eines deutlich gemacht: Die Worte „Vergewaltigung“ und „Zwangsprostitution“ kommen ohne Hintergründe gefüllt fast schon harmlos da her. Sie sind in keinster Weise in der Lage, das unermessliche Leid, was Frauen in unserer Gesellschaft zugefügt wird, in Worte zu fassen und abzubilden. Dass Linda Boreman ihr Martyrium überlebt hat, grenzt für mich an ein Wunder. Der Umgang der Gesellschaft mit ihr ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.

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Der Traum von Freiheit: “10 unbekümmerte Anarchistinnen”

Es geht ihnen nicht schlecht, den 10 Frauen aus dem Schweizer Jura. Die Uhrenindustrie boomt, der Schnee ist weiß und Milch gibt es eigentlich immer. Doch als 1872 der Anarchistenkongress in ihrer Heimatstadt Saint-Imier tagt und sie Bakunins Reden lauschen, regt sich in den Frauen im Alter zwischen 10 und 31 ein Freiheitsdrang, der nicht mehr zu zähmen ist. Hinaus in die Welt möchten sie frei sein, ohne Herrschaft und fassen einen mutigen Plan: Sie wandern nach Patagonien aus. Ihre einzige Versicherung sind die Uhrenzwiebeln, die sie mitnehmen. Zwei von ihnen reisen voraus, wollen ihre Liebe zueinander frei lieben und finden einen gewaltsamen Tod.

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Eine von uns: “Oh, Simone!” von Julia Korbik

Über Simone de Beauvoir wird viel gestritten unter Feministinnen. Manche sagen, sie sei überholt, andere, sie sei “mütterfeindlich”. Alice Schwarzer begegnete Simone de Beauvoir ab 1970 immer wieder und setzte der französischen Feministin und Vordenkerin in vielen Texten ein Denkmal, trotzdem gerät Simone de Beauvoir immer wieder in Vergessenheit. Aktuell ist mit “Oh, Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten” eine neue Simone de Beauvoir Biografie von Julia Korbik im Rowohlt Verlag erschienen und gehört zu den aktuellen Highlights feministischer Literatur.

Mit viel Hingabe und Mut hat sich Julia Korbik auf Spurensuche nach Simone de Beauvoir begeben, besonders gut gefallen hat mir die Karte von Paris am Anfang des Buches, in der verschiedene Orte, an denen Simone de Beauvoir gewirkt und gelebt hat, eingezeichnet sind, etwa Simones erstes eigenes Zimmer in der Avenue Deufert-Rochereau Nr. 91, wobei natürlich sofort Virgina Woolf vor Augen tritt, die verlangte, jede Frau müsse einen “room of her own”, einen Raum nur für sich haben.

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Schwestern, warum nur sind wir so zahm geworden?

Patriarchat bekämpfen (Demobild)

(c) Maria Schmidt

Maria Schmidt aus Berlin empfiehlt die radikalfeministischen Bücher von Christa Mulack

„Natürlich sind Frauen nicht die besseren Menschen, Gott bewahre!“: Das ist landläufige Meinung, auch z.B. bei Emma. Ein altbekannter (Angst?)reflex von Frauen, auch frauenliebenden, Herrschaft, Macht und Taten von Männern, die Tag für Tag die gesamte Welt mit ihren Grausamkeiten und ihrer ungeheuerlichen Zerstörungswut in Atem halten, nicht als das Grundübel (an)zuerkennen.

„Frauen sind auch nicht besser“: Ich kann’s nicht mehr hören und ich glaub’s auch nicht. Jetzt endlich habe ich eine gedanken- und wortmächtige Schwester im Geiste gefunden und bin dabei, ihre Bücher zu verschlingen: Christa Mulack: 1.)„…und wieder fühle ich mich schuldig – Ursachen und Lösung eines weiblichen Problems“, 2.)„Natürlich weiblich – Die Heimatlosigkeit der Frau im Patriarchat“ und 3.) „Religion ist zu wichtig, um sie Männern zu überlassen“ sind die Titel dreier ihrer Bücher aus den 90er Jahren, die für mich wie eine Offenbarung sind. Ihre Bücher möchte ich allen ans Herz legen, die immer noch versuchen zu begreifen, warum die Welt für eine deutliche Verbesserung und Rettung vor ihrer eigenen Zerstörung offensichtlich unzugänglich ist. Für die, die Christa Mulacks bahnbrechenden und überaus wichtigen Thesen noch nicht kennen, zitiere ich aus Buch 3:

Das wesentlich höhere Niveau, auf dem Frauen sich überwiegend bewegen, die moralische Überlegenheit ihrer Verhaltensmuster werden in ihrem leben- und kulturschaffenden und -erhaltenden Wert kaum wahrgenommen und schon gar nicht gesellschaftlich honoriert. (S.13)

Statt sich mit dem eigenen Geschlecht zu verbünden, stellen Frauen an Frauen weitaus höhere ethische Anforderungen als an den Mann. (S.14)

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Buch: Pornographie. Männer beherrschen Frauen (Andrea Dworkin)

„Pornographie“ wurde 1979 von der radikalfeministischen Vordenkerin und Soziologin Andrea Dworkin geschrieben und erschien 1987 in deutscher Sprache im Fischer Taschenbuch Verlag in der Reihe „Die Frau in der Gesellschaft“. Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich halte dieses Buch für eines der klügsten, scharfsinnigsten und wichtigsten Bücher, die ich jemals gelesen habe. 38, bzw. 30 Jahre später müssen wir feststellen, dass unsere Gesellschaft heute eine andere sein könnte, hätte man Andrea seinerzeit zugehört und die notwendigen Konsequenzen aus den erkannten Fehlentwicklungen gezogen.

In ihrem Vorwort zur deutsche Ausgabe beschreibt Alice Schwarzer die neue Entwicklung wie folgt:

„Wie schon andere Feministinnen vor ihr, entlarvt auch Dworkin (die Feministin mit der linken Vergangenheit) die Rolle der Linken […] als besonders zynisch: Sie benutzt und erniedrigt die Frauen auch noch im Namen der (sexuellen) Freiheit. Ihre konservativen Väter genossen sexuelle Dienstleistungen noch hinter bigott verschlossenen Türen. Ihre Söhne stehen öffentlich dazu: Nutten-Look und Zuhälter-Attitüde beherrschen die Szene, die Mutter-Hure feiert ihre Wiederauferstehung in den Kultfilmen der Intelligenzia […], die Bukowskis bleiben WG-Bestseller, Peep-Shows und Puffs sind „geil““ (S. 11f)

Erst durch Andrea Dworkin (seinerzeit die Lektüre der Rede „Women Hating Left and Right“) habe ich, als linke Feministin, die sich gegen die Sexindustrie engagiert, verstanden, dass der Gegenwind, der einem aus den eigenen politischen Zusammenhängen entgegenschlägt kein Zufall oder eine deutsche Besonderheit ist, sondern, dass sehr viele Feministinnen vor mir / vor uns die gleichen bitteren Enttäuschungen machen mussten.

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Buch: Beauty and Misogyny. Harmful Cultural Practices in the West (Sheila Jeffreys)

Sheila Jeffreys ist Professorin an der Universität von Melbourne, an der sie Sexualpolitik und internationale feministische Politik lehrt. Seit 1973 setzt sie sich für lesbische Politik ein und ist Aktivistin gegen Pornographie und Gewalt gegen Frauen. Sie ist Mitglied der Coalition Against Trafficking in Women und hat insgesamt neun Bücher über Sexualitätsgeschichte und –politik veröffentlicht. Auf Deutsch erschienen ist ihr Buch „Die industrialisierte Vagina. Die politische Ökonomie des globalen Sexhandels“. Dieses Review bezieht sich auf die zweite Edition des bei Routledge in englischer Sprache erschienenen Buches „Beauty and Misogyny. Harmful Cultural Practices in the West“.

In ihrem Vorwort verleiht Jeffreys ihrer Verwunderung Ausdruck, dass die Ablehnung der Schönheitsindustrie zwar Konsens in der so genannten zweiten Welle des Feminismus war – in erster Linie beruhend auf den Analysen dergleichen von Catharina MacKinnon und Andrea Dworkin – dass diese Linie jedoch nicht bis heute fortgeführt wurde. Von den postmodernen Feministinnen nachvollziehbarer Weise nicht –  jedoch auch nicht von den Aktivistinnen des “radikalfeministischen Revivals” (S. 1).

The „grip of culture on the body“. Beauty practices as women`s agency or women`s subordination

In ihrem ersten Kapitel erläutert Jeffreys Grundlagen radikalfeministischer Kritik, die insbesondere auf der Durchbrechung der Öffentlichkeit/Privat-Dichotomie beruht: Die Unterdrückung der Frau ist allgemein deshalb so erfolgreich, weil sie durch die Betonung der Privatsphäre geschützt wird. „Das Private ist Politisch“ war und ist deshalb ein wichtiger Ansatz um dies zu durchbrechen.

Eine besondere Bedeutung für einen Backlash gegenüber den radikalfeministischen Analysen kam dem Buch „The New Feminism“ von Natasha Walter zu, welches jene Dichotomie im Feminismus wieder einführte und die Sexualisierung von Ikonen wie Madonna zu einem Ausdruck von weiblicher Unabhängigkeit und Sexualität erhob. Während viele nachfolgende Bücher in die gleiche Kerbe schlugen, veröffentlichte Walter zehn Jahre nach „The New Feminism“ ihr Buch „Living Dolls. The Return of Sexism“, wo sie alle ihre vorherigen Thesen über den Haufen warf und sagte:

„Ich bin bereit zuzugeben, dass ich komplett falsch gelegen habe“ (S. 11, 13)

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Hannah – ein buddhistischer Weg zur Freiheit oder: Der Lama, die Frauen und Pegida

Als Hannah Nydahl von Dänemark 1968 mit ihrem Mann Ole Nydahl nach Tibet aufbrach, konnte sie kaum erahnen, wie sehr diese Reise ihr Leben verändern würde. Sie trafen dort den einflussreichen Drukpa-Siddha Lopön Tsechu Rinpoche, einflussreicher Lehrmeister des Buddhismus und wurden Schüler des 16. Kamarpas, des höchsten Lamas der tibetischen Karma-Kagyü-Schule. Drei Jahre blieben sie bei ihm und kehrten im Anschluss nach Europa zurück, um den Buddhismus dort seiner wachsenden Anhängerschar zugänglich zu machen. Zwei Faktoren spielten dabei eine Rolle: Die gewalttätige Unterdrückung und Zerstörung des tibetischen Buddhismus durch China und die Begeisterung der Hippies für die Lehren des Buddhismus. Hannah und Ole bereisten in 28 Jahren 80 Länder und errichteten mehrere hundert buddhistische Zentren.

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