Kategorie: Buch- und Filmtipps

Hannah – ein buddhistischer Weg zur Freiheit oder: Der Lama, die Frauen und Pegida

Als Hannah Nydahl von Dänemark 1968 mit ihrem Mann Ole Nydahl nach Tibet aufbrach, konnte sie kaum erahnen, wie sehr diese Reise ihr Leben verändern würde. Sie trafen dort den einflussreichen Drukpa-Siddha Lopön Tsechu Rinpoche, einflussreicher Lehrmeister des Buddhismus und wurden Schüler des 16. Kamarpas, des höchsten Lamas der tibetischen Karma-Kagyü-Schule. Drei Jahre blieben sie bei ihm und kehrten im Anschluss nach Europa zurück, um den Buddhismus dort seiner wachsenden Anhängerschar zugänglich zu machen. Zwei Faktoren spielten dabei eine Rolle: Die gewalttätige Unterdrückung und Zerstörung des tibetischen Buddhismus durch China und die Begeisterung der Hippies für die Lehren des Buddhismus. Hannah und Ole bereisten in 28 Jahren 80 Länder und errichteten mehrere hundert buddhistische Zentren.

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Freiheit von der Pille – eine Unabhängigkeitserklärung

Anfang des Jahres veröffentlichte Sabine Kray auf ZEITonline einen Artikel mit dem Titel “Die Antibabypille ist unzumutbar”, der binnen kürzester Zeit tausendfach gelesen und geteilt wurde. Ihr Artikel traf einen Nerv: Immer mehr Frauen fragen sich, welchen Risiken sie sich eigentlich mit der jahrzehntelangen hormonellen Verhütung aussetzen. “Freiheit von der Pille – eine Unabhängigkeitserklärung” ist gerade erschienen und setzt sich genau mit diesem Thema auseinander.

Verhütung in Deutschland, die Kontrolle über den weiblichen Körper, das sind auch Ende des Jahres 2017 aufgeladene Themen. Eine Gießener Ärztin muss sich gerade vor Gericht verantworten, weil sie auf ihrer Internetseite angab, Abtreibungen durchzuführen. Als Anfang der 1960er die Antibabypille nach Deutschland kam, wurde sie sehr bald zum Inbegriff weiblicher und sexueller Freiheit. Sex ohne die Angst, schwanger zu werden, war auf einmal möglich und beflügelte die Vorstellung von freier Liebe in der Hippie-Zeit – so wird es uns zumindest erzählt.

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Ich bleibe eine Tochter des Lichts – Meine Flucht aus den Fängen der IS-Terroristen

Die Jesidin Shirin ist 19, als im August 2014 der IS ihr Dorf im Irak überfällt und sie entführt. In “Ich bleibe eine Tochter des Lichts” erzählt sie ihre Geschichte. Shirin will 2014 Abitur machen, sie hat einen Jungen kennengelernt, eine junge Frau am Anfang ihres Lebens. Als die Männer in ihr Dorf einfallen, fürchtet sich Shirin nicht, denn unter den Männern sind viele ihrer muslimischen Nachbarn, Ärzte, Lehrer Freunde sogar, Menschen, mit denen ihre Familie und andere Jesiden lange friedlich zusammenlebten. Doch Shirin findet sich schon bald in einem Albtraum wieder. Es war ihr eigener Lehrer, ein Sunnit, der sie verraten hat. Der IS entführt sie und viele weitere jesidische Frauen und Mädchen und versklavt sie. Die Frauen und Mädchen werden immer wieder vergewaltigt – “verheiratet” nennt das der IS. Ihr erster “Ehemann” verprügelt sie nur, verkauft sie dann aber weiter. Neunmal wird sie “verheiratet”, wie ein Gegenstand unter den IS-Kämpfern weitergereicht. Schläge, Misshandlungen, Essensentzug und andere Folter wechseln sich mit Vergewaltigungen ab. Als Shirin schwanger wird, treibt sie das Kind ohne fremde Hilfe ab. Nach Monaten Folter gelingt ihr schließlich die Flucht.

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Robert Jensen: The End of Patriarchy

Interessanterweise höre ich in regelmäßigen Abständen (und immer häufiger), dass meine Facebook-Posts oder radikalfeministischen Statements einen konkreten Nutzen durch Denkanstöße für männliche Freunde haben, bzw. sie – für sich ganz persönlich – mit „meinem Feminismus“ etwas anfangen können. Daran wurde ich immer wieder bei der Lektüre von Jensens „Das Ende des Patriarchats. Radikaler Feminismus für Männer“ erinnert.

Man könnte angesichts des Titels versucht sein zu glauben, dass der amerikanische Journalismus-Professor und „Culture Reframed“-Aktivist Robert Jensen hier ein „Ich erkläre euch mal den Feminismus“-Buch vorlegt hat – aber das ist weder sein Anspruch, noch sein Ziel. Vielmehr geht es ihm darum, aus seiner männlichen Position heraus, zu erläutern, warum radikaler Feminismus für ihn als Mann einen unschätzbaren Wert hat. Oder wie Autor Jeffrey Masson sagt: Es ist kein „Mansplaining“-Buch, sondern das Gegenteil davon: ein „Mann-hört-auf-Frauen“-Buch. Wer also tiefgreifende radikalfeministische Analysen lesen will, sollte nach wie vor (und sowieso) zu den Klassikern greifen.

Freimütig räumt Jensen im Vorwort ein, dass sich in ihm zunächst alles gegen die feministische Analyse gesträubt hat, dass jedoch irgendetwas in ihm wollte, dass er weiterliest – seine Hauptmotivation war geprägt von Eigennutz, der Suche nach einem Ausweg aus dem ständigen Wettkampf „ein Mann zu sein“. (S. 3) Jensen nutzt die feministische Theorie, um seine Erfahrungen in einer sexistischen Gesellschaft (den Vereinigten Staaten von Amerika) für sich erklärbar zu machen (S. 16). Er sieht seine Aufgabe als privilegiertes Mitglied der herrschenden Gruppe darin, die Ergebnisse seines Selbstreflektions-Prozesses öffentlich zur Diskussion zu stellen (S. 17).

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Feminist Fight Club – wie man in einer sexistischen Arbeitsumgebung überlebt

“Feminist Fight Club” von Jessica Bennett erschien bereits 2016, ist aber definitiv mein liebstes feministisches Buch für 2017. Die preisgekrönte Journalistin Jessica Bennett (Newsweek, New York Times) hat ein unterhaltsames wie bitterernstes Buch herausgegeben, in dem es um Sexismus am Arbeitsplatz geht. Nein, nicht den, mit den tatschenden Chefs. Den gibt es immer seltener. Dafür immer häufiger den “subtilen Sexismus”. Den, der für eine Einzelne gar nicht so schlimm ist, in der Summe aber verheerend.

Mit viel Humor und Scharfsinn beschreibt sie, auf welche Art von Männern man im Berufsleben so stößt – und wie man mit ihnen umgeht. Da gibt es die “Manterrupters” – die Kerle, die einen ständig unterbrechen. Oder die “Bropropriator” – die Typen, die sich deine Arbeit aneignen und für ihre ausgeben. Der “Himinator” glaubt, ständig anderen zu erklären, was du eigentlich sagen wolltest – und der “Menstruhater” fragt dich bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit, ob du so zickig bist, weil du deine Tage hast.

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We Were Feminists Once: Wie Feminismus zu einer Marke verkam

Das Buch “We Were Feminists Once: From Riot Grrrl to CoverGirl®, the Buying and Selling of a Political Movement” von Andi Zeisler, einer der Macherinnen hinter Bitch Media, liegt seit Monaten auf meinem “Must read” Stapel und nun habe ich so lange gewartet, dass es die deutsche Übersetzung unter dem Titel “Wir waren doch einmal Feministinnen” beim Rotpunktverlag gibt. Umso wichtiger, es endlich zu lesen und zu rezensieren. Denn: Das Buch ist wichtig.

Feminismus, so die Analyse der Autorin, ist in vielen Fällen zu einer Marke geworden, inhaltsleer und ohne gesellschaftliche Wirkung. Alles Mögliche gilt als feministisch, Unterhosen, Push-Up BHs, Zigaretten, Mode, Make-Up, Beyonce, Filme. Das Label “feministisch” hilft dabei, die Sachen an die Frau zu bringen. “Marketplace feminism” nennt Zeisler das und sie zeigt auf, dass dieser eng mit Entwicklungen innerhalb des Feminismus verbunden ist. Der sogenannte “3rd Wave”-Feminismus seit Anfang der 90er Jahre erklärte, dass alles eine Frage der “Choice”, der Entscheidung für etwas ist. Feminismus ist demnach nicht mehr, als die freiwillige Entscheidung für Dinge, die sich ohnehin nicht ändern lassen, die Entscheidung, nicht der Inhalt oder die Folgen, gelten als feministisch. Wenn aber die “Choice” das entscheidende Moment für Feminismus ist, dann passt sie hervorragend zum Konsum, zur Kaufentscheidung und das Label “Feminismus” kann auf so ziemlich alles gepackt werden, was Frauen betrifft. In diesem Sinne ist das Buch eine ziemlich erfrischende Abrechnung mit dem Spaßfeminismus oder “liberalen Feminismus”, obwohl sich Zeisler selbst als 3rd Wave Feministin versteht und den ein oder anderen Seitenhieb auf radikale Feministinnen (die, die ihre Kritik an der Gesellschaft und nicht der invididuellen Entscheidung ausrichten) verkneifen kann.

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Mein Leben als Sexobjekt: Jessica Valenti “Sex Object”

Irgendwie ist das Jahr schon fast wieder zu Ende und der Stapel an neu erschienen Büchern, die ich in diesem Jahr noch unbedingt lesen wollte, ist immer noch viel zu hoch. Eines der Bücher ist “Sex Objekt: A Memoir” von der Publizistin Jessica Valenti. Bekannt wurde sie durch ihre bissigen Artikel – und weil sie vermutlich zu den meistgehassten Frauen im Internet gehört. Morddrohungen gegen sie und ihre Familie sorgten 2016 dafür, dass sie sich aus allen Social Media Kanälen zurückzog. Ihr sehr persönlicher Bericht über den allgegenwärtigen Sexismus, der sich tief in all unsere Beziehungen gegraben hat, ist angesichts der Weinstein-Affäre besonders aktuell.

Being a sex object ist not special. This particular experience of sexism – the way women are treated like objects, the way we sometimes make ourselves into objects, and how the daily sloughing away of our humanity impacts not just our lives and experiences but our very sense of self – is not an unusal one.

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Lieb und teuer oder: Männer sind die wahren Opfer der Prostitution

In der vergangenen Woche gab es bereits einige Interviews mit der Autorin Ilan Stephani über ihr Buch “Lieb und teuer: Was ich im Puff über das Leben gelernt habe”. Die Autorin hat zwei Jahre lang in einem Bordell gearbeitet und schreibt aus dem Abstand mehrerer Jahre heraus über ihre Erlebnisse. Das Buch wurde in Zusammenarbeit mit der Autorin Theresa Bäuerlein verfasst, die bereits andere Bücher rund um das Thema Sex geschrieben hat. Genau das merkt man dem Buch dann auch an: Es liest sich wie eine professionell verfasste Euphemisierung der aktuellen Prostitutionsdebatte, die aber vor allem durch ein Werkzeug funktioniert: Mitleid mit den Männern. Die leiden nämlich am meisten unter der Prostitution. Mehr als alle Frauen, die sie ausüben.

Ilan Stephani war Studentin, als sie aus Neugierde in Berlin eine Veranstaltung von Hydra e.V. besuchte, bei der Nichtprostituierte mit Prostituierten frühstücken. Sie zeigt sich verwundert, weil die versammelten Prostituierten darüber diskutieren, wie sie ihre Kinder in die Waldorfschule geben. Ganz normale, deutsche Mittelschichtfrauen, hm? Wenn man nicht gleich so dick aufgetragen hätte, mit der Waldorfschule anzufangen, hätte diese Szene vielleicht Glaubwürdigkeit besessen, aber sie sorgte bei mir direkt für das erste Stirnrunzeln, das sich dann über das Buch hinweg noch vertieft.

Vorneweg: Ich möchte Stephani ihre Erfahrungen nicht absprechen. Und ich stimme in zwei entscheidenden Punkten mit ihr überein: Um Prostituierte zu werden, muss keine von uns sexuelle Gewalt erleben oder drogenabhängig oder Migrantin sein. Die ganz normale Sozialisierung als Frau ist die perfekte Vorbereitung auf das Leben als Prostituierte, den Dienst am Mann. Der zweite Punkt ist die Erkenntnis, dass Prostitution nicht nur uns Frauen schadet, sondern eben auch den Männern, die Sex als Dienstleistung und Frauen als Ware betrachten und damit eine kapitalisierte, entmenschlichte Form der Sexualität leben, die sie am Ende auch unzufrieden macht.

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Radikalfeministische Literatur in deutscher Sprache

Pixabay. Public Domain

Nachfolgend haben wir eine Leseliste für euch zusammengestellt, die radikalfeministische Literatur beinhaltet, die in deutscher Sprache erschienen ist. Manches ist schon älter, und nur noch antiquarisch erhältlich. Hierbei kann man aber auch Glück haben und den ein oder anderen Titel bei ZVAB, Booklooker und Co oft schon für wenige Euro gebraucht bekommen…

Viel Spass bei der Lektüre! Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, weitere Hinweise werden gerne aufgenommen!

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Der Bericht einer Überlebenden: “Das Inzesttagebuch”

In den vergangenen Wochen seit dem Erscheinen von “Anonyma – das Inzesttagebuch” gab es so gut wie keine Büchergruppe, in der das Buch nicht heftig diskutiert wurde. Eins steht fest: Es rüttelt auf, es schockiert. Und das ist, liest man die Sprache, auch eine seiner Absichten. Viele Sätze sind dazu gemacht, der Leserin/dem Leser mit voller Wucht eine Wahrheit in das Gesicht zu schleudern, die ihnen den Atem nimmt. Da ist ein kleines Mädchen, eines, wie viele kleine Mädchen, aus einer ganz normalen Familie, und dieses Mädchen hat ein schreckliches Geheimnis: Es wird vom eigenen Vater missbraucht, seit es im Kindergartenalter war. Um die heftigen Übergriffe des Vaters, bei dem es nicht nur beim Berühren bleibt, sondern regelmäßig zu Penetration und sogar Verstümmelungen kommt, zu überleben, beginnt die anonyme Schreiberin, Lust zu entwickeln, die sich bis in wahnsinnige Orgasmen steigert, schon als Kind. Lust ist ihr Überlebensmechanismus, für den sie sich schämt, den sie aber auch nicht leugnet und der am Ende ihr ganzes weiteres Leben überschatten wird.

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