Kategorie: Buch- und Filmtipps

„Ein sauberer, gut beleuchteter Raum“: Future Sex – die sexuelle Zukunft der Frauen

Emily Witt ist Journalistin, sie schreibt unter anderem für die New York Times und den New Yorker. Sie hat sich mit ihrem ersten Buch eine ehrgeizige Aufgabe vorgenommen: sie will den zukünftigen Sex insbesondere der Frauen untersuchen.

Das Cover von „Future Sex: Wie wir heute lieben – ein Selbstversuch“ kommt seltsam reißerisch daher, auch wenn der Verlag Suhrkamp Nova bereits erahnen lässt, dass mehr dahinter steckt. Emily Witt wird ihrer Aufgabe gerecht. Mit großem literarischen Geschick beschreibt sie ihre eigene Suche nach Antworten auf die Fragen: Was für einen Sex will ich und was bestimmt ihn?

Weiterlesen

Chimamanda Ngozi Adichie: Dear Ijeawele

Copyright: Random House

Chimamanda Ngozi Adichie gehört zu den wichtigsten feministischen Stimmen unserer Zeit. Mit dem Buch „Dear Ijeawele, or A Feminist Manifesto in Fifteen Suggestions„, erschienen bei Random House und als deutsche Übersetzung unter dem Titel „Liebe Ijeawele. Wie unsere Töchter zu selbstbestimmten Frauen werden“ beim S. Fischer Verlag, knüpft in seiner Bedeutung an Chimamandas bekanntesten Text „We should all be feminists an“.

Weiterlesen

Beißreflexe – Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten

Beißreflexe - Buchcover

Beißreflexe - Querverlag, 2017

Heute scheint es selbstverständlich, dass queer irgendwie alles ist, was sich selbst eine Abweichung von Norm zuschreibt. Niemand will heute mehr normal sein, also sind alle queer, denn jede sexuelle Differenz, jeder Fetisch wird zum Bestandteil einer Identität.

Ein AutorInnen-Kollektiv rund um Patsy L’Amour lalove hat einen Sammelband herausgebracht, dessen Beiträge sich kritisch mit der queerfemistischen (Netz)szene (in Berlin) und den dort vorherrschenden Strukturen, der Meinungs- und Diskussionskultur und ihren Reglements auseinandersetzen. Auch wenn Kritik und das Aufzeigen dieser destruktiven Strukturen und Dynamiken bereits stattgefunden hat und glücklicherweise zunimmt: Die Beiträge füllen in ihrer Komprimiertheit und Klarheit eine Lücke und eine längst fällige und breite Debatte könnte mit dem vorliegenden Band angestoßen werden (oder schon angestoßen worden sein, das illustriert jedenfalls das korrespondierende Twitter-Spektakel).

Die AutorInnen widmen sich den übergeordneten Themen Betroffenheit, Schmutzräume und Trigger, Privilegiencheck, Queere Theorie, Pinkwashing und Antisemitismus, Queering Islam, Queer in Berlin.

Weiterlesen

Wo Mut die Seele trägt – Wir Frauen in Afghanistan

Als Nahid Shahalimi in den 1970er Jahren in Kabul auf die Welt kam, herrschte dort das „Goldene Zeitalter“: Mädchen studierten, arbeiteten und bewegten sich frei. Die 1980er Jahre veränderten alles und sie floh mit 12 Jahren aus Afghanistan, studierte in Kanada und lebt heute in Deutschland. Ihre Heimat Afghanistan konnte sie dennoch nicht vergessen und so reiste sie fast drei Jahre lang durch das zerissene Land auf der Suche nach den Frauen. Sie fand sie und hat mit ihrem Buch „Wo Mut die Seele trägt – Wir Frauen in Afghanistan“, erschienen beim Elisabeth Sandmann Verlag, ein einzigartiges und tief berührendes Dokument über sehr unterschiedliche Frauen in Afghanistan geschaffen, die jeden Tag unerschrocken gegen Unterdrückung, Krieg, Terror und Chaos kämpfen.

„Dieses Buch möchte ein neues Licht auf die Persönlichkeiten einiger afghanischer Frauen und ihrer Situationen werfen, vor allem aber möchte es die andere Seite des mitunter so einseitigen Opferbildes zeigen, das so oft in den Medien gezeichnet wird. Unglaubliche Widerstandskraft, große Leistungen und noch größere Träume sind die Kräfte, die bei jeder einzelnen dieser afghanischen Frauen durchscheinen. Sie alle sagen: Wir wollen Afghanistan nicht verlassen. Es ist unsere Heimat, und wir werden das Land gemeinsam gestärkt wieder aufbauen.“

Weiterlesen

Buchrezension: Ware Frau. Prostitution, Leihmutterschaft, Menschenhandel

„Ware Frau. Prostitution, Leihmutterschaft, Menschenhandel“ ist die lang ersehnte deutsche Übersetzung von Ekmans bekanntem Buch „Being & Being Bought: Prostitution, Surrogacy & the Split Self“ (im schwedischen Original „Varat och varan: prostitution, surrogatmödraskap och den delade människan“).

Prostitution und Leihmutterschaft scheinen auf den ersten Blick zwei gänzlich unterschiedliche Themen zu sein. Doch Ekman analysiert präzise die beiden ausbeuterischen und menschenverachtenden Systeme und zeigt scharfsinnig die Parallelen auf. Beide Systeme funktionieren durch die Abspaltung des eigenen Selbst der Frauen. Dies ist einerseits ein Selbstschutz, um die Ausbeutung zu ertragen und spielt andererseits den Ausbeutern in die Hände, da dadurch das System aufrechterhalten bleibt.

Weiterlesen

Wenn Männer mir die Welt erklären

Randomhouse

Rebecca Solnits wunderbares Buch „Men explaining things to me“ ist endlich in deutscher Übersetzung bei btb/Randomhouse unter dem Titel „Wenn Männer mir die Welt erklären“ erschienen. Es ist eine Sammlung analytischer Essays rund um die Themen Alltagssexismus und sexuelle Gewalt. Niemand erklärt „Mansplaining“ zu Deutsch „Herrklären“ besser als Rebecca Solnit, das spezifisch männliche Verhalten, Frauen Sachverhalte erklären zu wollen, von denen sie sich in besserer Kenntnis wähnen, nur weil sie Männer sind. Absurd bis unfreiwillig komisch sind Rebecca Solnits Ausführungen, ein aufrüttelndes Dokument über die Geschlechterverhältnisse unserer Zeit.

„Männer erklären mir die Welt, mir und anderen Frauen, ob sie nun wissen, wovon sie reden oder nicht. Manche Männer jedenfalls. Jede Frau weiß, wovon ich spreche. Es ist jener Dünkel, der jeder Frau auf jedem Gebiet ab und an das Leben schwer macht; der verhindert, dass Frauen ihre Meinung äußern oder, falls sie es doch wagen, dass sie gehört werden; der junge Frauen brutal zum Schweigen bringt, indem er ihnen, ähnlich wie Belästigungen auf der Straße, vermittelt, dass diese Welt nicht ihre ist. Er schult uns Selbstzweifel und Selbstbeschränkung, während er zugleich das durch nichts gestützte überzogene Selbstvertrauen der Männer stärkt.“

Weiterlesen

Chris Kraus: I love Dick

Matthes und Seitz http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/i-love-dick.html

Diese Buchrezension kann ich nicht wie jede andere schreiben. „I love Dick“ gehört zu den Büchern, die mein Leben verändert haben. Ich las es 2005 mit Anfang 20 und ich erinnere mich an jede der gefühlten Phasen, während des Lesens. Am Anfang nervte mich dieses überdrehte, hyperintellektuelle Pärchen, vor allem regte ich mich über Sylvére auf, diesen alten, selbstverliebten Mann, der sich in das neu entdeckte Begehren seiner Frau einmischte. Ich fand Dick, den Cowboy, so unglaublich lächerlich, und ich liebte Chris, ich liebte sie so sehr, denn sie war ich und sie war die Freundin, die ältere Ratgeberin, die ich mich so sehr wünschte.

Weil ich dieses Buch, das nun endlich, dank des Verlags Matthes und Seitz, auf Deutsch erschienen ist, so sehr liebe, kann ich es wohl kaum neutral bewerten. Als ich erfuhr, dass es nun auch auf Deutsch erscheint, durchfuhr mich ein Schreck. Was, wenn Leute hier das Buch zerreißen, wenn sie es anders interpretieren als ich, wenn sie es mir wegnehmen, wenn es Leute, die ich nicht leiden kann, aus den falschen Gründen feiern? Letzteres ist bereits eingetreten. Trotzdem las ich es noch einmal auf Deutsch, und jetzt, 12 Jahre später, liebe ich es noch mehr als mit Mitte 20.

Weiterlesen

Simon Häggström: Shadow`s Law. The True Story of a Swedish Detective Inspector Fighting Prostitution

von Manuela Schon

Simon Häggström ist seit mehr als 10 Jahren Polizeikommissar bei der Anti-Prostitutionseinheit in Stockholm. Er und seine KollegInnen sind verantwortlich für die Umsetzung des so genannten „Sexkaufverbots“ in der schwedischen Hauptstadt. Sprich: Sie überführen Freier und führen sie der für sie vorgesehen Bestrafung zu. Wie das genau abläuft, und dass diese Ermittlungsarbeit kein Hexenwerk ist, davon bekommt man in seinem Buch SHADOW`S LAW, welches nach schwedisch nun auch auf englisch veröffentlicht wurde, einen guten Eindruck.

Wenn über die schwedische Prostitutionsgesetzgebung gesprochen wird hören wir immer die gleichen Argumente und Mythen. Das Buch leistet einen wichtigen Beitrag dazu mit vielen dieser Mythen aus Sicht der Polizei aufzuräumen. Dabei lässt sich der Autor sehr viel Raum für Selbstkritik und LeserInnen erfahren eine Menge darüber, welchen Lernprozess Institutionen durchlaufen müssen, die mit der Implementierung einer solchen Gesetzgebung beauftragt werden.

Wer von dem Buch eine rosarote Darstellung der schwedischen Gesetzgebung erwartet wird eines besseren belehrt, denn die Schwierigkeiten die richtigen Entscheidungen im Sinne der Betroffenen zu treffen werden an einigen Stellen deutlich und werden von Häggström auch ganz offen benannt. Vor allem das ambivalente Verhältnis der prostituierten Frauen gegenüber der Polizei wird mehrfach betont. Auch übt der Autor da wo es notwendig ist offen Kritik an den Institutionen und zeigt auf wo sie seiner Meinung nach in der Implementierung versagen.

Weiterlesen

Der Zuhälterstaat und die Sexindustrie – Kat Banyard: Pimp State

Buchcover "Pimp State" von Kate Banyard

Die Zahlen zur Sexindustrie sind erschreckend: 50 Prozent der Frauen landen bereits vor ihrem 18. Geburtstag in der Prostitution, über 50 Prozent werden von Freiern vergewaltigt und fast alle haben Missbrachserfahrungen und/oder sind drogenabhängig. Pornos werden immer gewalttätiger und extremer. Prostitution ist sexuelle Gewalt, Porno ist – und der Anteil steigt – zu großen Teilen gefilmte sexuelle Gewalt. Trotzdem wächst die Sexindustrie in jedem Jahr, verschleißt rücksichtslos tausende von jungen Frauen weltweit und erfreut sich einer zunehmenden „Akzeptanz“ in der Mitte der Gesellschaft. Wie ist das möglich? Genau dieser Frage geht die britische Feministin und Wissenschaftlerin Kat Banyard in ihrem Buch „Pimp State: Sex, Money and the Future of Equality“ nach, das bereits im Juni 2016 bei Faber & Faber erschien und leider bislang noch nicht in deutscher Übersetzung vorliegt. Trotzdem gilt es bereits jetzt als Status Quo Grundlagenwerk für alle, die sich mit den Zusammenhängen der Sexindustrie beschäftigen.

Weiterlesen

„Mütter unerwünscht“ Christina Mundlos

Mütter unerwünscht, Tectum Verlag

Mütter sind unerwünscht bei der Arbeit in Deutschland, genau das beweist Christina Mundlos in ihrem neuen Buch. Mobbing, Sexismus, und Diskriminierung am Arbeitsplatz gegenüber Müttern, und gegenüber Frauen, die noch jung genug sind um Kinder bekommen zu können, sind das alltägliche Geschäft in Deutschland.Die Strategien der Arbeitgeber, ob gezielt oder auf Vorurteilen basierend, sind vielfältig und nicht immer gleich erkennbar, aber sie alle haben das Ziel, Frauen aus dem Arbeitsmarkt zu drängen. Nicht Frauen sind verantwortlich für die sehr niedrige weibliche Erwerbstätigkeitsquote in Deutschland, sondern die Ursache sind Mobbing und Diskriminierung.

Wie auch in ihrem Buch “Trauma unter der Geburt“ und „Regretting Motherhood“ arbeitet Christina Mundlos mit Erfahrungsberichten von betroffenen Frauen. 25 Frauen unterschiedlicher Berufe und Hintergründe schildern eindringlich, was ihnen gemeinsam ist, nämlich der Versuch von Arbeitgebern sie aus dem Beruf zu drängen. Individuelle Erfahrungen bezüglich Mobbing und Diskriminierung im Kontext von Schwangerschaft und der Rolle als Mutter bei der Arbeit kann als purer Zufall oder persönliche Schwächen abgetan werden, aber die überwältigende Anzahl der Berichte mit genau diesen Erfahrungen kann nicht mehr abgetan werden. Das Private wird sozusagen zum Politischen, denn wenn es so viele Frauen betrifft, dann kann es sich nur um ein strukturelles, gesellschaftliches Problem handeln.

Weiterlesen