Kategorie: Feminismus

Celestine Ware: Schwarzer Feminismus

Woman Power Emblem Red

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Cel(l)estine Ware war eine schwarze radikalfeminsitische Aktivistin, Autorin (z.B. von “Woman Power: The Movement for Women’s Liberation”)und eine der Gründerinnen der New York Radical Feminists. Bei dem nachfolgenden Artikel handelt es sich um Auszüge eines Textes aus der Anthologie Radical Feminism, herausgegeben von Anne Koedt, Ellen Levine, Anita Rapone. Der vollständige Text kann hier gelesen werden.

Die Ablehnung von schwarzen Frauen durch schwarze Männer ist ein Phänomen, welches sich am besten durch den Hass der schwarzen Männer auf das Schwarzsein und durch das Bedürfnis zu dominieren, welches den männlich-weiblichen Beziehungen zugrunde liegt, erklären lässt. Als solche, ist diese Ablehnung eine exzellente Untersuchung für Feministinnen. … Die Reaktion der schwarzen Männer ist der Vorläufer dessen, dem sich alle Feministinnen gegenüber sehen werden, wenn sie an Stärke gewinnen. Sobald Frauen anfangen Positionen der Gleichheit mit Männern anzunehmen, wird ihnen bösartige Gewalt entgegen schlagen, genau wie die, die gerade von schwarzen Frauen ertragen wird. Sie werden auch feststellen, dass Männer sie zugunsten von „feminineren“ Frauen ablehnen werden. […]

Wenn es einer schwarzen Frau gelungen ist, was selten der Fall war, eine prominente Position zu erkämpfen, wurde ihr das bitterlich krumm genommen von den schwarzen Männern. [… ] Dennoch hat die Geschichte schwarze Frauen unabhängiger als die meisten amerikanischen Frauen gemacht. Da sie nicht vom schwarzen Mann abhängig sein konnten in Bezug auf ihre finanzielle Absicherung oder ihren Schutz, haben sie keine Angewohnheit zur Unterordnung unter die männliche Autorität erworben.  Aufgrund dieses Versagens eine  Unterwürfigkeit zum Mann zu entwickeln, werden schwarze Frauen sowohl von schwarzen Männern aus der Unter- als auch Mittelschicht herabgesetzt. Der schwarze Mittelschichts-Mann, wie Mr. Hernton, betrachtet die schwarze Frau als dominant und kastrierend:

„Wiederholt wurde ich Zeuge davon wie Negro Frauen ihre weißen Ehemänner regelrecht dominiert haben. […] In allen außer ein paar wenigen schwarze Frau – weißer Mann – Beziehungen ist es der Mann der sich anpassen muss […]“  […]

Der Unterschichts-Schwarze sieht schwarze Frauen als Bitches an. Der Wohlfahrtsstaat hat die arme Frau ökonomisch unabhängig von den Männern, die in ihr Leben kommen und gehen und auf die sie sich nicht verlassen konnte, gemacht. Arme schwarze Männer beklagen sich darüber, dass ihnen gesagt wird „Verpiss dich! Und komm nicht wieder, bevor du nicht einen Job hast!“ Es gibt einen Antagonismus zwischen schwarzen Männer und Frauen, vor allem in den ärmeren Segmenten der Community. Die Frauen verachten die Männer dafür, dass diese nicht in der Lage sind Arbeit zu finden und für ihre Familien zu sorgen, oder dass sie ihr Geld beim Glücksspiel verzocken oder an andere Frauen oder für Alkohol verschleudern. Die Männer fluchen über die Frauen, weil die nicht feminin sind und Trost spenden.

Der Fehler, den sowohl SoziologInnen als auch die schwarzen Männer machen, ist die Annahme, dass diese Frauen es gewählt haben Kopf ihrer Familien zu werden. Sie wurden standardmäßig zu Haushaltsvorständen – weil sie die einzigen in ihren Familien sind, die Verantwortung zeigen. […]

Es ist der Druck der Armut und des Lebens im Slum, die die schwarze Familien zerreiben  und die Rolle des Mannes als Vater und Beschützer zerstören. Es ist dieser Druck, nicht die schwazrne Frauen, die Männer mit Selbstvertrauen zu Helden des Ghettos machen. In Harlem, in Watts, in Hough, gewinnt der angebetete Mann das Spiel: er kleidet sich schrill, hat eine Reihe von Freundinnen und keinen richtigen Job. Er kommt mit einem bisschen von diesem und einem bisschen von jenem über die Runden. Für den armen Mann bedeutet die traditionelle Rolle des Haushaltsvorstands keine Vergrößerung des Egos. Ökonomischer und sozialer Rassismus zwingen ihn in dieser Rolle inadäquat zu sein.  Deshalb wurde die schwarze Bitch kreiert, um den Schwindler zu rechtfertigen.

Fletcher Knebel zufolge war es Abbey Lincoln, die erstmalig den aktuellen (noch unorganisierten) Unmut schwarzer Frauen verbalisierte […]: „Wir sind die Frauen, deren Nase „zu groß“ ist, deren Mund „zu groß und vorlaut“ ist, deren Hinterteil „zu groß und breit“ ist, deren Füße „zu groß und platt“ sind, deren Gesichter „zu schwarz und glänzend“ sind, die einfach für jeden verdammt noch mal „zu“ sind.“ Sie bezog sich dabei auf Sapphire, die Amazone in der Vorstellung schwarzer Männer. […].

Kürzlich sagte ein schwarzer Lehrer: „Für den schwarzen Mann ist die schwarze Frau zu sehr wie seine Mutter. Er empfindet sie als dominant, rechthaberisch, als eine Frau, die den Laden schmeißt. Er möchte jedoch eine begehrenswerte, einfache Sexkumpanin, und die findet er in der weißen Frau.“ Was wird passieren, wenn diese begehrenswerte weiße Puppe zur Realität wird? Vielleicht wird sie zurückgewiesen für eine unbeschwerte Orientalin? […]

Angst und Furcht lassen den schwarzen Mann die „böse“ schwarze Frau konstruieren. Derzeit hat die „schwarze Bitch“ ziemlich wenig mit der tatsächlichen schwarzen Frau zu tun […]. Die Zitate legen nahe, dass die Männer die da reden kaum ernsthaften Kontakt zu irgendwelchen Frauen haben. […] Ich vermute, dass die schwarze Literatur zunehmend aus giftigen Angriffen auf die böse schwarze Mutter bestehen wird, wenn schwarze Männer zunehmend Machtpositionen übernehmen.

Gena Corea: Die neuen Reproduktionstechnologien

Bei dem nachfolgenden Beitrag handelt es sich um eine Übersetzung von Passagen aus einer Rede mit dem Titel “The New Reproductive Technologies” von vom 6. April 1987. Der gesamte Beitrag von Gena Corea auf Englisch ist hier zu finden.

Gewalt gegen Frauen war von Beginn an Teil der […] Gynäkologie in den Vereinigen Staaten. Damit ihr eine Ahnung bekommt, lasst mich euch von John M. Sims, dem „Vater der Gynäkologie“ erzählen.

1845 […] hatte Sims die Idee für eine neue Operation [zur Behandlung von Blasen-Scheiden-Fisteln]. […] Er machte einen Deal mit den Besitzern von schwarzen Frauen [Sklavinnen] um an ihnen herum zu experimentieren. Die Besitzer waren für die Bekleidung und die Steuern für die Frauen verantwortlich, Sims für deren Verpflegung und Unterkunft. Er hielt die Frauen in einem Gebäude hinter seinem Haus – einem Gebäude welches er „Krankenhaus“ nannte.

Er kam auf diese Weise in den Besitz mehrerer Frauen, die er in seinem „Krankenhaus“ für vier Jahre hielt, in denen er bis zu dreißig Operationen an jeder von ihnen durchführte, ohne jegliche Anästhesie. Anästhesie wurde zu dieser Zeit erstmalig von Dr. James Simpson in Schottland angewandt, amerikanischen Ärzten war sie noch unbekannt.

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Marilyn Frye: Wer will ein Stück vom Kuchen?

Quelle: https://alchetron.com

Übersetzung von Passagen aus dem Text „Who Wants a Piece of the Pie“ aus „Willful Virgin: Essays in Feminism (1992, The Crossing Press). Den vollständigen Text findet ihr hier.

1976

Für Feministinnen besteht das allgegenwärtige moralische Problem in Bezug darauf wie man leben sollte darin, das eigene Leben mit den feministischen Werten in Einklang zu bringen. […] Kurz gefasst: Wir müssen uns um unsere Existenzsicherung und etwas darüber hinaus kümmern, wir wollen diese auf eine gesunde Art und Weise verdienen, und all das müssen wir in einer uns feindlich gesinnten, sexistischen Gesellschaft schaffen. Wenn wir uns die Leben von Menschen allgemein mal anschauen, dann scheint es fast schon ein Luxus zu sein, mehr als die Existenzsicherung zu verlangen, und es könnte naheliegend sein zu sagen, dass in einer feministischen Ethik Luxus fast schon elitär erscheint. Da ist etwas dran, aber das ist nicht alles. Zum einen kann es schon sein, dass Revolution so etwas wie Luxus ist – denn man findet ihr Momentum nicht unter den richtig Bettelarmen. Auf der anderen Seite: Wenn es als Luxus angesehen wird, Ressourcen über dem Existenzminimum zu haben, dann wurden wohl viele von uns in den Luxus hineingeboren, genauso sicher wie wir in unsere Unterdrückung als Frauen hineingeboren wurden […].

Für manche von uns ergibt sich dieses Dilemma konkret in Bezug auf Arbeit und Privilegien. Einige Feministinnen haben Zugang zu Positionen im Establishment oder einer Profession, oder streben dies an. […] Es gibt Feministinnen, die demgegenüber misstrauisch sind und die geneigt sind, solche Möglichkeiten oder Hoffnungen aufzugeben, als Teil ihrer Ablehnung von Klassenprivilegien.

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Catharine MacKinnon: Von der Praxis zur Theorie, oder: Was ist überhaupt eine „weiße“ Frau

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Nachfolgend die Übersetzung von Auszügen aus einem Text aus dem Jahr 1991 der US-amerikanischen Juristin und Radikalfeministin Catharine MacKinnon zu der Frage der Intersektionalität von Geschlecht, Ethnizität und Klasse und der Frage, ob Unterdrückung “weiße”, “privilegierte” Frauen vielleicht gar nicht (be)trifft. Der gesamte Text auf Englisch ist hier zu finden.

„Bin ich denn keine Frau?“ – Sojourner Truth

„Schwarze Feministinnen sprechen als Frauen, weil wir Frauen sind…“ – Audre Lorde

Man sagt häufig, dass etwas zwar in der Theorie gut klingt, aber sich in der Praxis anders erweist. Ich wollte dann immer, dass die Theorie dann wohl nicht so gut ist, nicht wahr? […]  Das konventionelle Bild von der Beziehung zwischen den beiden ist, dass man zuerst eine Theorie hat, und dann die Praxis. Du hast erst eine Idee, dann handelst du nach ihr. […]

Die postmoderne Version dieses Verhältnisses zwischen Theorie und Praxis ist Diskurs bis zum Umfallen. Theorie erzeugt nicht Praxis, sondern noch mehr Text. Es erscheint so, als könnte man Machtverhältnisse dekonstruieren, indem man ihre Markierungen im Kopf hin und her schiebt. Wie alle anderen formellen Idealismen, gibt es bei diesem Theorieansatz die unbewusste Tendenz existierende Machtverhältnisse zu reproduzieren, zum Teil weil es sich um eine vollkommen verlagerte Elitentätigkeit handelt. […] Nicht die Welt ist der Antrieb, sondern der Kopf.  Erst denkt man über sozialen Wandel nach, dann handelt man. Bücher beziehen sich auf Bücher, Köpfe unterhalten sich mit Köpfen.  Und nicht Körper pressen sich an Körper oder Menschen bewegen Menschen. […]

Die Bewegung zur Befreiung von Frauen […] funktioniert anders herum. Erst kommt die Praxis, dann die Theorie. […] Feminismus war eine Praxis, lange bevor er eine Theorie war. […] Die Frauenbewegung […], in der Frauen sich entgegengesetzt der Festlegungen in Bezug auf andere Frauen bewegen, bleibt mehr Praxis als Theorie. Das ist der Unterschied zum akademischen Feminismus. […] Die Theorie zu dieser Praxis zu schreiben, bedeutet nicht, sich durch Rätsel zu tüfteln […], nicht über Utopien zu fantasieren, nicht zu moralisieren oder Menschen zu erzählen, was sie zu tun haben. Es geht nicht um die Ausübung von Autorität; die Theorie lenkt die Praxis nicht. Die Aufgabe besteht darin, sich auf das Leben einzulassen durch das Entwickeln von Mechanismen, die identifizieren und kritisieren, anstatt soziale Praktiken der Unterordnung zu reproduzieren und sie besteht darin Werkzeuge aus dem Bewusstsein und dem Widerstand von Frauen zu entwickeln, die den praktischen Kampf gegen Ungleichheit unterstützen. Diese Art von Theorie setzt Bescheidenheit voraus und benötigt Partizipation. […]

Ich möchte untersuchen, wie die Realität von Geschlechterungleichheit, die Erfahrungen von Frauen in dieser Welt, die Konturen von Geschlechterdiskriminierung im Gesetz geformt hat/haben.

Geschlechtergleichheit als rechtliches Konzept wurde traditionell nicht theorisiert unter Einbeziehung von sexueller Belästigung oder Reproduktion, weil die Gleichberechtigungstheorie aus der Praxis von Männern entwickelt wurde, nicht der von Frauen. […] Es gibt Männer, die auf diese Art und Weise geschädigt wurden, aber sie sind wenige, und sie werden nicht als geschädigt angesehen weil sie Männer sind, sondern obwohl sie Männer sind oder als abweichend von ihnen betrachtet werden. […] Deshalb werden Sexualität und Reproduktion nicht als Gleichberechtigungs-Themen im traditionellen Ansatz betrachtet. […]

Mechelle Vinson setzte sexuelle Belästigung am Arbeitsmarkt als Geschlechterdiskriminierung nach dem bürgerlichen Recht durch. […] Ihre Sichtweise, dass das was ihr Vorgesetzter Sidney Taylor ihr antat, sein wiederholtes Penisschwingen in ihrer Anwesenheit im Tresorraum der Bank, ihr deshalb angetan wurde, weil sie eine Frau ist, änderte die Theorie der Geschlechterdiskriminierung für alle Frauen. […] Lillian Garland setzte durch, dass die Garantie von unbezahltem Urlaub für schwangere Frauen nach dem Gesetz keine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist, sondern ein Schritt in die Richtung zur Beendigung von Geschlechterdiskriminierung. […] Es war ihr Widerstand gegen ihren Arbeitgeber […], der sich weigerte sie nach ihrer Schwangerschaftspause wieder einzustellen; Es war ihre Identifikation dieser Praxis als gesetzwidrige Behandlung, aufgrund der Tatsache, dass sie eine Frau war, die dem Geschlechter-Gleichberechtigungs-Gesetz einen Schubs in die Richtung von Gleichberechtigung gab […].

Was ist also gemeint, wenn hier von einer Behandlung „als Frau“ die Rede ist? Es meint, ein empirisches Statement über die Realität zu machen, um die Realität der Situation der Frau zu beschreiben. […] Unter Einbeziehung aller Unterschiede, können wir über die Gruppe der Frauen sagen, dass sie eine kollektive, soziale Geschichte der Entmachtung, Ausbeutung und Unterordnung hat, die bis in die Gegenwart reicht. „Wie eine Frau“ behandelt zu werden, bedeutet diesem Sinn nach, auf bestimmte Weise benachteiligt zu sein, rührend aus der Tatsache, dem weiblichen Geschlecht zugerechnet zu werden. […]

Andrea Dworkin sagte vor langer Zeit, dass die Situation der Frauen eine neue Art zu Denken voraussetzt, und nicht nur das Denken neuer Dinge. „Frau“ als Abstraktion, Destillation, gemeinsamer Nenner, oder Idee ist die alte Art zu denken […] aber es ist nicht eine neue Art zu denken. Noch ist das Denken „als Frau“, als Verkörperung einer kollektiven Erfahrung, das gleichbedeutend mit „wie eine Frau“ zu denken, was die Reproduktion der Determinanten und zu denken wie ein Opfer bedeuten würde. […]

Theorie auf die konventionelle abstrakte Art zu machen, wie viele es tun, bedeutet die Annahme zu importieren, dass alle Frauen gleich sind, oder sie sind keine Frauen. Was sie zu einer Frau macht ist ihre Passgenauigkeit zu der Abstraktion „Frau“ oder ihre Konformität zu einer festen, postulierten weiblichen Essenz. Die Konsequenz hieraus ist es, Dominanz zu reproduzieren.  […] Einfacher biologischer Determinismus wird so als kritische Theorie des sozialen Wandels präsentiert. […] Hier fehlt die Berücksichtigung männlicher Dominanz. Es gibt in Bezug auf Vergewaltigung keine biologische Notwendigkeit […] Beide hier benannten Frauen sind schwarz. Dies unterstützt meine Ahnung, dass eine Theorie dann nicht wahr ist, oder dann nicht funktioniert, wenn sie nicht […] für alle Frauen gilt. […]

In den jüngsten Kritiken gegenüber feministischer Arbeit wird gesagt, dass Ethnie (race) oder Klasse nicht ausreichend berücksichtigt werden, und dabei ist es lohnenswert zu erkennen, dass die Tatsache, dass es etwas wie „Rasse“ oder „Klasse“ gibt, angenommen wird, obwohl beides normalerweise eher als Abstraktionen behandelt wird um Geschlecht zu attackieren, denn als konkrete Realitäten, wenn sie denn überhaupt zur Sprache kommen. […] Immer werden „Rasse“ und Klasse als unproblematischer weise real betrachtet, und keiner Erklärung oder theoretischen Konstruktion bedürfend. Nur Geschlecht ist nicht real und muss gerechtfertigt werden. […] Dass es einen Unterschied gibt zwischen den Erfahrungen von Männern und Women of Colour, und von Frauen der Arbeiterklasse und Männern unabhängig ihrer ethnischen Zugehörigkeit, bedeutet nicht zu behaupten, dass „Rasse“ und Klasse keine bedeutsamen Konzepte wären. Ich habe noch niemanden sagen gehört, dass man nicht ohne Geschlechterspezifizierung über „People of Colour“ diskutieren könnte. Jedoch hat die Phrase „People of Colour und „weiße“ Frauen“ das frühere „Frauen und Minderheiten“ ersetzt, von dem Women of Colour zu Recht nicht wahrgenommen haben als würde es sie doppelt beinhalten, und als würden sie einen „weißen“ Standard für Geschlecht verkörpern und einen männlichen für „Rasse“. Aber ich höre zum Beispiel nichts über „alle Frauen und Men of Colour. Es ist bedeutsam darüber nachzudenken, dass wenn Women of Colour sich auf „Menschen, die aussehen wie ich“ beziehen, dass sie Menschen mit anderer Hautfarbe meinen, und nicht Frauen, obwohl sowohl „Rasse“ als auch Geschlecht visuelle Zuweisungen sind, beide sowohl Klarheit als auch Uneindeutigkeit beinhalten, und beide Unterdrückung markieren, und damit Gemeinschaft.

In Verbindung hiermit, habe ich kürzlich mitbekommen, dass es hierbei um die “weiße” Frau geht, deshalb habe ich mich entschlossen herausfinden zu wollen was das ist. Diese Kreatur ist nicht arm, wird nicht geschlagen, nicht vergewaltigt (nicht wirklich), nicht als Kind sexuell missbraucht, wird nicht als Teenager schwanger, wird nicht prostituiert und auch nicht in die Pornographie gezwungen, sie ist als Mutter nicht von Sozialleistungen abhängig und wird nicht ökonomisch ausgebeutet. Sie arbeitet nicht. Entweder entspricht sie dem Bild, das der “weiße” Mann von ihr hat – verweichlicht, verhätschelt, privilegiert, beschützt, unbeständig und maßlos – oder sie ist das Bild, das der “schwarze” Mann von ihr hat – all das genannte, plus das „hübsche weiße Girl“ (was hässlich wie die Nacht bedeutet, aber die ultimative Schönheit bedeutet, weil sie “weiß” ist). […] Sie schüttelt ihr Haar, fühlt sich immer hübsch, beschwert sich über die Dienste der People of Colour, gibt wenig Trinkgeld, kann nichts, macht nichts, weiß nichts, und fantasiert über Sex mit schwarzen Männern, während sie diese beschuldigt sie vergewaltigt zu haben. Wie Ntozake Shange ausführt, hängt die gesamte Westliche Zivilisation von ihr ab. Und als Krönung besitzt sie die Unverfrorenheit […] zu denken, dass sie befreit werden muss. […]

Dieses Bild ist nur sehr schwer mit der Realität [der “weißen” Frau] in Einklang zu bringen: Der Tatsache, dass die Mehrheit der Armen “weiße” Frauen und ihre Kinder sind (mindestens die Hälfte davon sind weiblich); der Tatsache, dass Frauen systematisch in ihrem Zuhause geschlagen werden, von ihnen nahe stehenden Männern und Serienkillern gleichermaßen getötet werden, als Kinder sexuell missbraucht werden, tatsächlich vergewaltigt werden (zumeist von “weißen” Männern) und dass sogar “schwarze” Männer, im Durchschnitt, mehr verdienen als sie. Wenn man dies nicht so genau wüsste, dann könnte man durch das Bild des “weißen” Mannes fehlgeleitet werden. […]

Man könnte meinen, dass der Mythos der “weißen” Männer, dass sie “weiße” Frauen schützen, der Wirklichkeit entsprechen würde, und nicht ein rassistisches Cover über ihr exklusives und nicht in Frage gestelltes Recht auf sexuellen Zugriff – was bedeutet, dass sie sie vergewaltigen können, und es auch tun, eine Haltung die sich in dem Ausschluss von Vergewaltigung in der Ehe zeigt und den weitgehend nutzlosen Gesetzen gegen Vergewaltigung im Allgemeinen.  Man könnte meinen, dass die einzigen “weißen” Frauen in den Bordellen im Süden während des Civil War in „Vom Winde verweht“ existierten. Dies alles soll nicht heißen, dass es so etwas wie Privilegien aufgrund der Hautfarbe nicht geben würde, sondern eher, dass diese “weiße” Frauen niemals vor der Brutalität und der Frauenverachtung der Männer bewahrt haben, zumeist aber nicht exklusiv von “weißen” Männern […]. In anderen Worten: Den „weißen Mädchen“ in dieser Theorie geht in der Realität der “weißen” Frauen und der Praxis der männlichen Vorherrschaft ziemlich viel ab.

Neben der Trivialisierung der Unterordnung der “weißen” Frau, die implizit in der herablassenden Verspottung „heterosexuelle, weiße, ökonomisch privilegierte Frau“ (Eine Phrase, die zu einem feststehenden Begriff geworden ist […]) deutlich wird, liegt die Auffassung, dass es an sich gar keine Frauenunterdrückung gibt. […]

Drehen wir das Ganze mal rum. Wie ich erwähnt habe, waren sowohl Mechelle Vinson und Lillian Garland afro-amerikanische Frauen. Wurde Mechelle Vinson nicht als Frau sexuell belästigt? Wurde Lillian Garland nicht als Frau schwanger? Sie haben das so gesehen. Der Dreh- und Angelpunkt ihrer Fälle lag darin, dass sie sich als geschädigt „auf der Basis von Geschlecht“ sahen, das heißt, weil sie Frauen sind. Die Täter, und die Gesetze unter denen sie benachteiligt wurden, sahen sie als Frauen. Was ist Frausein, wenn es nicht beinhaltet als eine Frau unterdrückt zu sein? Als die Reconstruction Amendments „Schwarzen das Wahlrecht gaben“, und “schwarze” Frauen immer noch nicht wählen durften, wurden sie dann nicht „als Frauen“ von der Wahl ausgeschlossen? Wenn afro-amerikanische Frauen doppelt so häufig vergewaltigt werden als “weiße” Frauen, werden sie dann nicht als Frauen vergewaltigt? Das bedeutet nicht, dass ihre Ethnie irrelevant wäre und es bedeutet auch nicht, dass ihre Verletzungen außerhalb des rassistischen Kontextes verstanden werden können. Es bedeutet vielmehr, dass „Geschlecht“ sich aus den Erfahrungen aller Frauen ergibt, inklusive der ihren. […] Es bedeutet, dass jede Frau, auf ihre Weise, alle Frauen ist.

Die Behandlung von Frauen in der Pornographie zeigt diesen Ansatz in grafischer Weise. Auf irgendeine Weise sind alle Frauen im Porno. Afro-amerikanische Frauen werden dargeboten in Fesseln, sich wehrend, in Käfigen, als Tiere, unersättlich. Wie Andrea Dworkin gezeigt hat, macht die sexualisierte Feindschaft ihnen gegenüber ihre Haut zu einem Geschlechtsorgan […]. Asiatische Frauen sind passiv, träge, so wie tot, grausam gefoltert. Latinas sind heiße Mommas. Fülle den Rest der abwertenden und feindseligen rassistischen Stereotype, die du kennst, ein; dort [im Porno] ist es Sex. Dies wird nicht den Männern angetan, nicht in heterosexueller Pornographie. Was “weißen” Frauen angetan wird ist eine Art Boden; es ist die beste Weise wie jemand behandelt wird und das reicht von Playboy über SM bis hin zu Snuff. Was “weißen” Frauen angetan wird, das kann allen Frauen angetan werden […] Das macht “weiße” Frauen nicht zur Essenz der Weiblichkeit. Es ist eine Realität, dass hieran beobachtet werden kann, was den am meisten privilegierten Frauen angetan werden kann und angetan wird. Dies ist es, was das Privileg als eine Frau dir einbringen kann: am meisten wertgeschätzt zu sein als totes Fleisch. […]

“Weiß” ist nicht unmarkiert; es ist ein spezifischer Geschmack. So definiert und benutzt zu werden, definiert was Frau sein in der Praxis bedeutet. […]

Meiner Meinung nach ist der Subtext von der Kritik an Unterdrückung „als Frau“, dass die Kritik davon ausgeht, dass es so etwas nicht gibt, und dies ist Ent-Identifizierung mit Frauen. Eine der Konsequenzen daraus ist die Zerstörung jeglicher Basis für eine Rechtsprechung für Geschlechtergleichberechtigung. Ein Argument, dass von vielen WoC vorgebracht ist, ist, dass die Theorie über Frauen alle Frauen einschließen muss, und wenn dies der Fall ist, dann wird die Theorie sich ändern. Auf einer Ebene ist das notwendigerweise richtig. Auf der anderen Seite ignoriert dies die gestaltenden Beiträge von WoC zu feministischer Theorie, seit deren Beginn. Ich habe jedoch das Gefühl, dass viele Frauen, nicht nur WoC und nicht nur Akademikerinnen, nicht einfach „nur Frauen“ sein wollen, [….] weil dies bedeutet in einer Kategorie mit „ihr“ zu sein, der nutzlosen “weißen” Frau, deren erste Reaktion es ist, wenn es ein bisschen grober wird, in Tränen auszubrechen. Ich habe das Gefühl, dass Menschen mehr Würde darin ausmachen, in einer Gruppe zu sein, die auch Männer beinhaltet, als in einer Gruppe zu sein, die die ultimative Reduzierung auf die Vorstellung von Unterdrückung einschließt, diese Anstifterin von Lynchmobs, diese lächerliche Quenglerin, […] die “weiße” Frau. Es scheint, dass wenn die Unterdrückung auch einen Mann betrifft, dass du wahrscheinlicher auch als unterdrückt anerkannt wirst, im Gegensatz zu minderwertig. […]

Ungleich zu anderen Frauen teilt die “weiße” Frau, die nicht arm oder aus der ArbeiterInnenklasse ist, oder lesbisch, oder jüdisch, oder mit Behinderung, oder alt oder jung, ihre Unterdrückung nicht mit einem Mann.  Das macht ihren Zustand in keinster Weise maßgeblicher für die Definition von Frau, als die Situation irgendeiner anderen Frau. Ihre Unterdrückung jedoch zu trivialisieren, weil es nicht potentiell rassistisch oder klassenbasiert oder heterosexistisch oder antisemitisch ist, definiert die Bedeutung von „anti-Frau“ mit einer besonderen Klarheit. Die Vorstellung, Konstruktion und Behandlung der “weißen” Frau wird zu einem sehr sensitiven Indikator für das Maß in dem Frauen, als solche, verachtet werden. […]

Die lila Pille oder das Klagelied der unterdrückten Männer

2016 erschien der US-amerikanische Film “The Red Pill”, in dem die Feministin Cassie Jaye eigentlich eine Dokumentation über Antifeministen machen möchte und am Ende einen Film über unterdrückte Männer herausbringt. Wer mal das Bedürfnis hat, so richtig in männlichen Tränen zu baden, der ist mit diesem Film gut beraten. Männer sind häufiger Opfer von Gewalt (durch andere Männer), sie sterben zahlreicher als Frauen im Krieg und bei Arbeitsunfällen, werden kriminell oder bringen sich um. Sie als Opfer anzuerkennen würde eigentlich beinhalten, die Täter, nämlich vorrangig Männer und männliche geprägte Strukturen zu benennen,  und zwar nicht nur durch ein paar Feministinnen und Soziolgen, sondern als Gesellschaft, um dann die entsprechenden Konsequenzen daraus zu ziehen. Ich habe kürzlich in einem Artikel gelesen, dass radikale Akzeptanz der Weg zur Heilung ist, wenn im Leben etwas schief läuft, weil sich nur auf Basis dieser Akzeptanz Möglichkeiten zum Handeln ergeben. Radikale Akzeptanz männlicher Gewalt und ihrer Folgen als Ist-Zustand wäre der erste Schritt, um sie und ihre Ursachen zu bekämpfen. Erkennen wir an: Die Bodycounts der Männer sind eine Folge der patriarchalen Gesellschaftsordnung. Ihre Erfahrungen werden verursacht durch ein System, das Männer Frauen gegenüber privilegiert, intern aber auch noch einmal Hierarchien kennt, weil es schon in seinem Kern darauf angelegt ist, Menschen nach ihrer Nützlichkeit hin einzusortieren (Soldat, Prostituierte, Mutter, Arbeiter, etc.). Genau das aber wird im Film gepflegt umschifft, dafür aber eine gehörige Portion schlechtes Gewissen an die Frauen ausgeschüttet, die angeblich nur für ihre eigenen Interessen kämpfen.

Frau =Summe ihrer Funktionen

Da der Film bislang nicht in deutscher Synchro erschienen ist, hatte ich die Hoffnung, dieser Kelch würde an uns vorübergehen, aber schlichte Überzeugungen verbreiten sich eben schnell und spätestens, seit ich “Lieb und teuer” gelesen habe, weiß ich, dass die Argumente längst hier angekommen sind. Kaum gehört die Anerkennung von Frauenrechten zunehmend zum Common Sense, drücken Männer kollektiv ihr Unbehagen darüber aus und sofort sind eifrige Frauen zur Stelle, die den Aufprall auf der Realität für Männer bereitwillig abfedern. Männer können nichts dafür. Die Gesellschaft macht sie so, jenes alienhafte Konstrukt, auf das die Männer selbst keinerlei Einfluss haben. Männer verhalten sich nur so, weil wir so sehen wollen. Das sind die Hauptlinien des alten, neuen Pro-Mann-Feminismus.

Komplexere Einsichten wiederum sickern nur etappenweise in den Mainstream und die Erkenntnis, dass es weder den Entfaltungsmöglichkeiten des Individuums noch der Gesellschaft zuträglich ist, wenn der eine Teil der Menschheit den anderen beherrscht, beide aber nur zusammen das Überleben der Spezies organisieren können, gewinnt immer mehr Menschen für sich. Die Wissenschaft arbeitet aber lieber daran, das Problem durch die Verlagerung der Schwangerschaften in Maschinen aus der Welt zu räumen. Es ist offenbar einfacher, sich vorzustellen, dass wir demnächst von Maschinen ausgetragen werden, als dass Männer und Frauen in Frieden leben. Politisch wird bereits daran gefeilt, dem Mann als Erzeuger das Recht zu geben, je nach seinem Willen die Gestaltung der sozialen Mutterschaft nach einer Schwangerschaft zu bestimmen und diese auf Wunsch sogar ganz von der biologischen zu trennen. Das wachsende Interesse an weiblichen Sexrobotern belegt die intensiven Bestrebungen, Frauen auf ihre Funktionalität zu reduzieren und ihr Menschsein überflüssig zu machen. Weibliches Sein wird utilitarisch aufgeteilt auf seine Funktion als Sexobjekt, Mutter, Fürsorgerin, Partnerin. Anstelle Weiblichkeit zu integrieren, wird diese in ihre Bestandteile zerlegt und verwertet. Kurz gefasst: Statt das Geschlechterproblem zu lösen, werden einzelne Aspekte des Frauseins kurzerhand outgesourct und in einen Rahmen verlagert, in dem Frauen nicht mehr widersprechen können. Maximale Entfremdung und Verwertung unter patriarchalen Vorzeichen, das sind die düsteren Aussichten. Dass diese Versuche parallel zur Rechtfertigungsrhetorik ablaufen, ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines geänderten Machtverhältnisses: Feministische Anliegen können nicht länger ignoriert werden, also muss ein neuer Umgang mit ihnen gefunden werden.

Die Weinstein-Debatte wird folgenlos bleiben

Bezeichnend ist etwa die Sache Harvey Weinstein, Filmproduzent aus Hollywood, der junge Schauspielerinnen in sein Hotelzimmer bestellte und dort sexuell attackierte. Sein Verhalten wurde durch gleich mehrere andere Hollywoodgrößen gedeckt, die alle wussten, was dort vor sich ging. Seither haben sich zahlreiche Frauen zu Wort gemeldet, unter dem #metoo melden sich unzählige Opfer sexueller Gewalt, darunter viele Prominente. Anders als zuvor konnten die Frauen nicht rechtzeitig zum Schweigen gebracht werden. Sie nutzten ihre Öffentlichkeit und brachten, gegen heftigen Widerstand, das System Weinstein zu Fall, bis sich schlussendlch alle von ihm distanzierten. Gleichzeitig zeigten die vielen Beiträge einmal mehr mit voller Wucht, dass sexuelle Gewalt ein Massenphänomen ist, keine Ausnahme. Sie ist ein immanenter Teil unseres Zusammenlebens, sie findet nicht irgendwo am Rand statt, sondern in unserer Mitte.
Die Frage muss demnach nicht heißen: Wer hat sie erlebt – sondern welche Strukturen haben sie ermöglicht? Damit ist aber leider auch schon absehbar, wohin die ganze Aufregung führen wird: Nirgendwohin. Weder werden strengere Gesetze erlassen werden noch weniger Vergewaltigungswitze erzählt, noch werden reiche, weiße Männer damit aufhören, von ihnen abhängige Frauen sexuell zu attackieren, noch wird daraus eine tiefergehende Debatte entstehen, welche gesellschaftlichen Ursachen Vergewaltigungen haben. Jetzt, wo die Sache öffentlich ist, beeilen sich alle, sich von ihm zu distanzieren, doch aufgehalten hat ihn niemand. Aus diesem Grund wird die Empörung am Ende auch verpuffen: Um jemanden wie Weinstein zu verhindern, bedarf es einer tiefgreifenden Reformation unserer Gesellschaft und unseres Geschlechterverhältnisses. Die ganze Empörung ist nicht mehr als ein Echo, das sehr schnell verklingen wird. Wenn eine Tat oder ein Verhalten moralisch verurteilt wird, dann wird damit zugleich gesagt, dass man das Verhalten weder verhindern kann noch will. Was ich verhindern kann, muss ich nicht verurteilen. Das schaffe ich einfach ab. Sexuelle Gewalt im Patriarchat grundsätzlich zu verhindern, ist aber ein Ding der Unmöglichkeit, da beides unauflöslich zusammen gehört. Die Unterdrückung der Frau ist undenkbar ohne die latente, allgegenwärtige Bedrohung sexueller Übergriffe.

Sexuelle Gewalt ist ein Angriff auf die Identität

Es ist vielleicht unnötig, das hierhin zu schreiben, aber der Vollständigkeit halber: Vergewaltigungen haben nichts mit Sex zu tun. “Sex” beschreibt nur, welchen Bereich die Gewalt betrifft, so wie psychische Gewalt sich gegen die Seele richtet. Sexuelle Gewalt ist ein wichtiges Mittel der Unterwerfung und ein besonders perfides. Anders als viele andere Bereiche lässt sich Sexualität nicht endgültig rational durchdringen, genau das macht ja ihren Reiz aus. Sie ist Körper, Trieb, das Gegenteil von Denken. Wer uns hier trifft, verursacht nachhaltigem Schaden. Sex ist ein Teil unserer Identität, deshalb zielt sexuelle Gewalt auch immer darauf ab, einen Teil unserer Identität zu vernichten. Das trifft, nur um das zu betonen, nicht auf jede Art von Gewalt zu, oder konkret: Es gibt Gewaltformen, die nicht auf unsere individuelle, sondern “nur” kollektive Identität abzielen. Sexuelle Gewalt trifft aber immer beides. Sie trifft unsere individuelle Sexualität, weil wir fortan Sex mit Gewalt, mit Angst, und mit Schmerz verbinden, weil sie uns mit Scham erfüllt und weil sie uns die Fähigkeit zur Lust nehmen kann. Sie trifft unsere kollektive Sexualität als Frauen, weil wir alle potenzielle Opfer sind.

Die lila Pille und das Ende des Patriarchats

“The Red Pill” spielte mit dem Titel auf die “Matrix”-Filme an. Wer sich entscheidet, die richtige Pille zu nehmen, erkennt laut Narrativ des Films auf einmal, dass der Feminismus die Realität verzerrt und die wahren Subjektive unserer Fürsorge und unseres gesellschaftlichen Befreiungskampfes eigentlich die Männer sein sollten. Die Matrix ist also nach dieser Lesart nicht das Patriarchat in Form des gerade dank der Weinstein-Sache wieder überwältigend sichtbaren Umstands, dass viele Männer auf der ganzen Welt Frauen sexuell attackieren und dabei von einem System aus Helfern und Wegschauern unterstützt werden, nein, die Matrix ist laut “The Red Pill” die Scheinwelt der Frauenunterdrückung, die die wahren Leidtragenden unsichtbar macht. Die Männer. Es gehört zu den ganz großen Kunststücken patriarchaler Logik, dass es am Ende immer so ist, dass sich alles um Männer dreht. Was immer Frauen auch vortragen, zum Schluss wird über Männer gesprochen. Aus diesem Grund ist “The Red Pill” der Beweis für das genaue Gegenteil seiner intendierten Aussage.

Es stellt sich weiter die Frage, gegen WEN sich denn dann der Kampf gegen die Matrix richten soll, um mal im Bild des Films zu bleiben. Was genau sollen wir abschaffen, damit Männer sich nicht mehr gegenseitig verprügeln oder denken, Sex zu kaufen sei ihr gutes Recht? Den Feminismus als blaue Pille? Wenn dieser Feminismus jenen meint, der Prostitution zu Sexarbeit euphemisiert und Loblieder auf Hugh Hefner singt – richtig! Aber eigentlich brauchen wir die lila Pille. Die lila Pille bedeutet die Erkenntnis, dass Leben im Patriarchat menschenfeindlich ist, dass es uns allen, Frauen wie Männern schadet, wenn es zwischen uns eine Herrschaft des einen Geschlechts über das andere gibt, gestützt durch unzählige, subtile oder auch offensichtliche Institutionen. Wie genau die Bruderschaft des Männlichen funktioniert, unausgesprochen, unsichtbar und doch hoch wirksam, belegt der Fall Weinstein eindrucksvoll.

Widerstand statt Anpassung

Um geschlechtliche Unterdrückung zu rechtfertigen, werden allerlei argumentative Verrenkungen geübt: Gerade verkündet Bodo Ramelow, dass er aufgrund seines Glaubens ein Problem mit Abtreibungen habe, da verteilt die Bundeszentrale für Politische Bildung ein Buch über Vergewaltigungen, das von Opfern und Frauenverbänden heftig für seine Verharmlosung sexueller Gewalt kritisiert wurde, da zieht ein Bundestag in Berlin ein, in dem weniger Frauen als zuvor sitzen und eine der zukünftigen Regierungsparteien (FDP) hat sich öffentlich vom Engagement für Frauenrechte verabschiedet. Da wird ein Buch frenetisch gefeiert, das erklärt, Freier seien Opfer und verdienten unser Mitleid und die prominente Feministinnen bekommen zwar Schnappatmung, wenn Heidi Klum Mädchen objektiviziert, finden aber Prostitution und Porno total gut. Sie kämpfen nämlich nicht etwa um das Recht, nicht mehr bewertet zu werden, sondern sie fordern, dass bitteschön alle Frauen positive Noten für ihr Äußeres bekommen. Dass man die Bewertung an sich abschaffen könnte und einfach niemand mehr das Recht hat, das Äußere eines anderen zu beurteilen, auf den Gedanken kommen sie nicht. Es wird darum gekämpft, sich einrichten zu dürfen, im Patriarchat, ohne die Kraft für eine grundlegende Veränderung aufzubringen.

Anpassung statt Veränderung: Ständig geht es darum,  an sich selbst zu arbeiten, sich zu verändern, mehr auf die Männer einzugehen, ihre Bedürfnisse zu verstehen und damit der Frau näher zu kommen, die man sein zu wollen hat. Pole Dancing als Zeitvertreib, Schönheits-OPs ab 40, Tonnen von Kosmetik, Geld für die Fitnessindustrie und kostenloser Pornosex für frustrierte Männer, das sind die Attribute die frau im Patriarchat mitbringen sollte.

In irgendeinem Schwachsinnsblatt musste ich sogar vor kurzem lesen, wie junge Frauen jungen Männern erklären, dass sie eigentlich schon gerne jedes Mal beim Sex kommen würden, aber da das ja bei ihnen mit der Erregungskurve nicht so einfach ist, wäre es schon ok, wenn sie nicht immer kommen. Es wird überhaupt nicht gefragt, ob man dann nicht einfach den Sex der Erregungskurve von Frauen anpassen sollte, männliche Sexualität bleibt das Maß aller Dinge. Frauen bleibt nur, den Status Quo für sich positiv umzudeuten. Das ist für mich und viele andere aber keine Option.

Die Wirkung der lila Pille

Die lila Pille würde sofort den Weg freimachen für eine Gesellschaft, in der ich mich darauf verlassen kann, dass mein Gegenüber, mit dem ich schlafe, zusammen bin, Kinder habe, nicht nur Wohnung und Bett mit mir teilt, sondern auch die tiefe Überzeugung, dass nicht nur ich Frau UND Mensch zugleich bin, und zwar ein Mensch so wie er selbst, sondern dass das auf ALLE Frauen zutrifft, auch die, die er nicht kennt, die er nicht mag, die er im Porno sieht oder die er kaufen kann. Das Problem: Es gibt sie nicht, die lila Zauberpille. Männer müssen selbst erkennen, dass es eigentlich ziemlich armselig ist, Menschen gegen Geld mit der eigenen Sexualität zu belästigen und wenn sie dannn bereit sind, das Recht auf gekauften Sex gegen echten Sex mit Frauen zu tauschen, die sie wirklich wollen – dann hey! Legt los! Was genau hält euch auf? Wer zwingt euch, in den Puff zu gehen, ungefragte Penisbilder zu verschicken oder anzunehmen, ein Blowjob sei ein Vorspiel? Wer genau macht aus dem Wissen um weibliche Sexualität ein gut gehütetes Staatsgeheimnis? Was verhindert, dass ihr Frauen radikal als Menschen anerkennt und dementsprechend behandelt, im Großen, wie im Kleinen? Die lila Pille wird es nicht geben, wenn wir eine andere Gesellschaft möchten, müssen wir für sie kämpfen.

Die Jahrhundertwende hat angerufen und möchte ihre Geschlechterklischees zurück

Hier liegt nämlich die eigentliche Abwertung: Wenn die Partizipation am patriarchalen Schlagabtausch als unveränderlich hingenommen wird, dann bedeutet das im Umkehrschluss, dass wir die biologistische Lesart annehmen, dass “Männer nun einmal so sind”: Männer verfügen nach dieser Betrachtung nur über einen gering ausgeprägten Freien Willen, nur wenig Impulskontrolle und Hang zur Gewalt, alles Eigenschaften, die von Frauen, aufgrund ihrer “gebenden” und “verstehenden” Natur sozialverträglich eingehegt werden müssen. Wir sollen bessere Frauen werden, damit Männer bessere Männer sein können. Das sind Argumentationen, die Anfang des 20. Jahrhunderts modern waren, die hundertmal von Feministinnen und Soziologinnen widerlegt wurden und die dennoch wie Sockenpuppen immer wieder wiederauferstehen.

Am Anfang jeder Heilung steht die radikale Akzeptanz. Wir müssen akzeptieren, dass patriarchale Überzeugungen keine Zukunft haben, auch nicht unter neuem Label. Der Gesellschaftsentwurf “Menschsein = Mannsein” ist in jeder Hinsicht gescheitert. Wir müssen uns die Wurzeln der Misere anschauen, in der wir stecken und die ja neuerdings sogar von einigen Feministinnen besungen wird, wenn auch nur als Klagelied über die missverstandenen Männer. Wir müssen auch akzeptieren, dass der Abschied vom Patriarchat schmerzhaft sein könnte für die Männer, die am meisten von ihm profitieren. Und wir müssen akzeptieren, dass es nicht unsere Aufgabe als Frauen ist, diesen Abschied für die Männer zu erleichtern.

Andrea Dworkin: Abtreibung

Andrea Dworkin

By Open Media Ltd. (Uploaded by Open Media Ltd. (AnOpenMedium)) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Bei dem nachfolgenden Text handelt es sich um eine Übersetzung von Auszügen aus dem Kapitel “Abortion” aus Andrea Dworkins Buch “Right-Wing Women. The Politics of Domesticated Females“.

Frauen reden nicht über ihre Abtreibungen, illegale Abtreibungen, weil sie beschämt sind, von der Erinnerung an diese Abtreibungen; Sie sind beschämt, bei der Erinnerung an ihre Verzweiflung, ihre Panik, das Geld aufzutreiben, einen Abtreibungsarzt zu finden, den Schmutz, die Gefahr, die Verschwiegenheit. Frauen sind beschämt, bei der Erinnerung daran, dass sie um Hilfe bitten mussten, um Hilfe flehen mussten, bei der Erinnerung an jene, die sich abwandten, und sie im Regen stehen ließen. Frauen sind beschämt, bei der Erinnerung an die Angst. Frauen sind beschämt, bei der Erinnerung an das physische Eindringen, die Penetration, den Schmerz, den Übergriff; unzählige Frauen wurden von ihrem Abtreiber vor oder während der Abtreibung sexuell missbraucht; sie hassen es sich daran zu erinnern. […] Frauen hassen es, sich an illegale Abtreibungen zu erinnern, weil sie fast daran gestorben sind, daran hätten sterben können, sterben wollten, hofften sie würden nicht sterben, Versprechen an Gott machten und ihn anflehten sie nicht sterben zu lassen, sie hatten Angst zu sterben vorher, währenddessen oder danach […] Frauen hassen es auch deshalb, sich an illegale Abtreibungen zu erinnern, weil ihre Ehemänner nichts davon erleben mussten […]

Frauen schweigen auch deshalb über Abtreibungen, weil sie das Kind haben wollten, aber der Mann nicht; weil sie weitere Kinder haben wollten, aber sie nicht haben konnten; weil sie die Abtreibung niemals bereuten aber die nachfolgenden Kinder; weil sie mehr als eine Abtreibung hatten […]. Frauen schweigen über Abtreibungen, weil Abtreibung in der Ehe egoistisch und unbarmherzig ist, und die Frau als herzlos und lieblos markiert – und sie es dennoch getan hat. […]

Erzwungener Sex, in der Regel Geschlechtsverkehr, ist ein zentrales Thema im Leben jeder Frau. Sie muss ihn mögen, oder kontrollieren, oder manipulieren, oder sich dagegen zur Wehr setzen oder ihn vermeiden; sie muss eine Beziehung dazu entwickeln, zu dem männlichen Bestehen auf Geschlechtsverkehr, zu dem männlichen Bestehen auf ihrer sexuellen Funktion in Beziehung zu ihm. Sie wird gemessen und beurteilt werden an der Natur und Qualität ihrer Beziehung zu Geschlechtsverkehr. Ihr Charakter wird bemessen an ihrer Beziehung zu Geschlechtsverkehr, da Männer diese Beziehung evaluieren. […] Geschlechtsverkehr kann nicht außerhalb dieses Systems des Zwangs analysiert werden. Aber der Zwang wird versteckt und verleugnet durch einen Staudamm der Propaganda, durch Pornographie bis hin zu sogenannten Frauenmagazinen, die anstreben uns zu überzeugen, dass  Anpassung Weiblichkeit bedeute, oder dass Anpassung Freiheit sei, oder dass Anpassung ein strategischer Weg sei, ein bestimmtes Maß an Selbstbestimmung zu erreichen.

Die Propaganda für Weiblichkeit (Weiblichkeit als offensichtliche Akzeptanz von Sex nach männlichen Bedingungen mit Wohlwollen […]) wird produziert im Einklang mit dem gefühlten Bedürfnis von Männern Geschlechtsverkehr zu haben. In Zeiten feministischen Widerstandes, erreicht eine solche Propaganda geometrische Dimensionen. Die Propaganda betont, dass Geschlechtsverkehr einer Frau Vergnügen bereiten kann, wenn sie es richtig macht; vor allem dann, wenn ihre Einstellungen dazu und zum Mann stimmen. Die richtige Einstellung ist es,  ihn zu wollen. Die richtige Einstellung ist es, diese Männer zu begehren, WEIL sie sich auf phallische Penetration einlassen. Die richtige Einstellung ist es, Geschlechtsverkehr zu wollen, weil Männer ihn wollen. Die richtige Einstellung ist es, nicht egoistisch zu sein, insbesondere in Bezug auf Orgasmen. Dies verbietet eine Sexualität für Frauen außerhalb der Grenzen männlicher Dominanz. Dies macht eine frauenzentrierte Sexualität unmöglich. Was es ermöglicht, ist eine Existenz der Frau in einem System, in dem Männer die Bewertung ihrer Existenz als Individuum kontrollieren. Diese Bewertung basiert auf ihrer sexuellen Konformität in einem sexuellen System, welches auf seinem Recht sie zu besitzen beruht. […] Frauen wird beigebracht, Männer zu brauchen, nicht sexuell, sondern metaphorisch betrachtet. […] Die Regeln werden gelehrt, die Handlungen versteckt. […]

Die Propaganda für Weiblichkeit lehrt Frauen immer und immer wieder, unendlich, dass sie Geschlechtsverkehr mögen müssen; Und diese Lektion muss sie immer und immer wieder gelehrt werden, weil Geschlechtsverkehr im Allgemeinen nicht ihre Sexualität ausdrückt und die männliche Benutzung von Frauen nur sehr selten etwas mit der Frau als einem Individuum zu tun hat. Die Sexualität, die sie mögen sollen, erkennt ihre Individualität nicht in bedeutsamer Weise an, oder ehrt diese. […] Ungeachtet all dieser Propaganda, den Bergen davon, benötigt Geschlechtsverkehr Zwang; Zwang ist immer noch essentiell um Frauen dazu zu bringen, Geschlechtsverkehr zu haben – zumindest auf eine systematische und nachhaltige Art und Weise. […] Wenn der Zwang nicht essentiell wäre, dann wäre er nicht so vorherrschend. […]

Die erste Art des Zwangs ist physische Gewalt: vorherrschend bei Vergewaltigung, häuslicher Gewalt, Misshandlungen.

Die zweite Art des Zwangs ist das Machtungleichgewicht zwischen männlich und weiblich, welches jede sexuelle Handlung an sich zu einem Akt des Zwangs macht: zum Beispiel der sexuelle Missbrauch von Mädchen in ihren Familien.

Die dritte Art des Zwangs ist ökonomisch: Frauen werden arm gehalten um Frauen sexuell verfügbar und sexuell gefügig zu halten

Die vierte Art des Zwangs ist kulturell und breitenwirksam: frauenverachtende Propaganda, die Frauen zu legitimen und begehrenswerten sexuellen Zielscheiben macht; frauenverachtende Gesetze, die entweder die sexuelle Gewalt gegen Frauen sanktionieren oder in ihrer tatsächlichen Anwendung erlauben; frauenverachtende Praktiken der verbalen Belästigung, unterstützt von drohender physischer Gewalt auf den Straßen oder am Arbeitsplatz; frauenverachtende Lehrbücher, die benutzt werden um Frauenhass in der Ausbildung von Ärzten, Juristen und anderen Professionellen als zentrales Element der Praxis dieser Professionen beizubringen; frauenverachtende Kunst, die sexuelle Gewalt romantisiert, stilisiert und feiert; frauenverachtende Unterhaltung, die Frauen als Klasse lächerlich, dumm, verachtenswert und zum sexuellen Eigentum von Männern macht.

Da Frauen als geschlechtliche Klasse für Sex ausgebeutet werden, ist es unmöglich über die Sexualität von Frauen außerhalb des Kontextes von erzwungenem Sex zu sprechen, oder zumindest, ohne auf erzwungenen Sex Bezug zu nehmen. Und dennoch, um erzwungenen Sex unsichtbar und gleichzeitig am Leben zu erhalten, wird es jedes Mal auf jede erdenklich andere Weise diskutiert. […]

Es ist insbesondere durch Geschlechtsverkehr, dass Männer ihre Macht und Dominanz über Frauen ausdrücken und erhalten. Das Recht von Männern auf Frauenkörper zum Zweck des Geschlechtsverkehrs bleiben das Herz, die Seele und die Eier männlicher Vormachtstellung: das gilt unabhängig davon, welcher Stil zur Verteidigung des koitalen Zugriffs verwendet wird, der rechte oder der linke.

Jede Frau – ganz egal welcher sexuellen Orientierung, persönlichen Vorlieben, persönlicher Geschichte, politischer Ideologie – lebt in diesem System erzwungenen Sexes. Dies gilt auch dann, wenn sie niemals irgendeine sexuelle Nötigung erfahren hat, oder ob sie Geschlechtsverkehr als Form der Intimität mag oder nicht, oder ob sie als Individuum Erfahrungen mit Geschlechtsverkehr hat, die, ihrer Meinung nach, das Diktum der Geschlechter oder die Institutionen des Zwangs überwinden. Dies ist auch dann wahr, wenn – in ihren Augen – der Zwang erotisch, essentiell, zentral, heilig, bedeutungsvoll, großartig ist. Das ist sogar dann wahr, wenn – in ihrem Fall – sie Geschlechtsverkehr zurückweist und sich verbittet: wenn sie subjektiv außerhalb der Gesetze der Schwerkraft lebt, werden sich die Gesetze der Schwerkraft offensichtlich aufdrängen. Jede Frau wird von diesem System erzwungenen Sexes umgeben und von ihm eingeschlossen. Es wirkt auf sie, es formt sie, es definiert ihre Grenzen und ihre Möglichkeiten, es zähmt sie, es domestiziert sie, es bestimmt die Natur und Qualität ihrer Privatsphäre: es schränkt sie ein. Sie funktioniert in ihm und mit unablässigem Bezug zu ihm. Das gleiche System, in welchem sie ist, ist in ihr.  […]

Norman Mailer hat in den 60er Jahren angemerkt, dass das Problem mit der Sexuellen Revolution das war, dass sie in die Hände der falschen Leute gekommen ist. Er hatte Recht. Nämlich in die Hand der Männer.

Die populäre Idee war, dass Ficken gut ist, so gut, dass je mehr davon, desto besser. Die populäre Idee war, dass die Leute ficken sollten, wen sie wollten, übersetzt für die Mädels bedeutete dies, dass sie gefickt werden wollten – so oft wie nur irgendwie menschlich möglich. Für Frauen ist dies nur möglich mit ausreichend Partnerwechseln. Die Frequenz der Männer ergibt sich aus deren Vorlagen von Erektion und Ejakulation. Frauen wurden sehr viel häufiger gefickt als Männer fickten.

Die Philosophie der Sexuellen Revolution ist auf vor die 60er Jahre zu datieren.  Sie zeigte sich regelmäßig in linken Ideologien und Bewegungen […] Es war sehr einfach. Ein Haufen gemeiner Bastarde, die Liebe machen hassten, machten Krieg. Ein Haufen von Jungs, die Blumen mochten, machten Liebe und lehnten das Krieg machen ab. Diese Jungs waren wundervoll und schön. Sie wollten Frieden. Sie redeten über Liebe, Liebe, Liebe, nicht romantische Liebe, sondern Liebe zur Mannheit (von den Frauen als Liebe zur Menschlichkeit übersetzt) Sie ließen ihre Haare lang wachsen, malten ihre Gesichter an, trugen bunte Kleidung und riskierten es wie Mädchen behandelt zu werden. Weil sie es ablehnten in den Krieg zu ziehen, waren sie feige und Sissies und schwach, wie Mädchen. Kein Wunder, dass die Mädchen in den 60ern dachten, diese Jungs wären ihre speziellen Freunde, ihre speziellen Verbündeten, jeder einzelne ein Liebhaber. […]

Die Mädchen waren richtige Idealistinnen. Sie hassten den Vietnam-Krieg und ihre eigenen Leben standen, anders als die der Jungs, auf dem Spiel, denn viele von ihnen waren vergewaltigt worden. Sie waren insbesondere idealistisch, weil sie so sehr an Frieden und Freiheit glaubten, dass sie dachten, diese seien auch für sie intendiert. Sie wussten, dass ihre Mütter nicht frei waren – sie sahen die kleinen, beschränkten, weiblichen Leben – und sie wollten nicht wie ihre Mütter sein. Sie akzeptierten die Definition der Jungs von sexueller Freiheit, denn es machte sie mehr als jede andere Idee oder Praxis, anders als ihre Mütter. Während die Mütter Sex geheim und privat halten mussten, verbunden mit Angst und Scham, riefen die Mädchen Sex als ihr Recht aus, als ihr Vergnügen, ihre Freiheit. Sie prangerten die Dummheit ihrer Mütter an und schlossen sich mit den langhaarigen Jungs zusammen, die Frieden, Freiheit und überall ficken wollten.  […]

Sexuelle Radikalität wurde nach klassisch männlichen Bedingungen definiert: Die Anzahl der PartnerInnen, die Häufigkeit von Sex, die Arten von Sex (zum Beispiel Gruppensex), der Eifer an Sex teilzunehmen. […] Erzwungener Sex kam vor – sogar oft; aber der Traum lebte weiter. Lesbentum wurde nie eigenständig als Liebe machen anerkannt, sondern immer nur als kinky Gelegenheit für männlichen Voyeurismus und die Möglichkeit zwei feuchte Frauen zu ficken; trotzdem, der Traum lebte weiter.  Mit männlicher Homosexualität wurde gespielt, sie wurde unbestimmt toleriert, aber größtenteils verachtet und gefürchtet, denn die heterosexuellen Männer mit ihren Blumen konnten es nicht ertragen „wie Frauen“ gefickt zu werden; aber der Traum lebte weiter. […]

Die Mädchen der 60er lebten, was Marxisten einen „Widerspruch“ nennen, aber gleichzeitig nicht als solchen erkannten. Indem die Grenzen der Geschlechter durch einen offensichtlich einzigen Standard an sexueller Befreiungspraxis abgeschafft werden sollten, partizipierten sie zunehmend in dem am meisten Geschlechter-festschreibenden Akt: Ficken. Die Männer wurden männlicher. Die Welt der Gegenkultur wurde mehr und mehr und aggressiv männlich-dominiert. Aus den Mädchen wurden Frauen – die sich im Besitz von einem oder einem Mann und seinen Kumpels wiederfanden […], sie wurden getauscht, gruppengefickt, gesammelt, kollektiviert, objektifiziert, in den heißen Scheiß aus der Pornographie verwandelt, und sozial neu in ihre traditionell weiblichen Rollen abgetrennt. Empirisch betrachtet, wurde sexuelle Befreiung in den 1960er Jahren im großen Stil von Frauen praktiziert und es funktionierte nicht: meint, es befreite die Frauen nicht. Das Ziel – so stellte sich heraus – war Männer zu befreien, damit sie Frauen ohne bürgerliche Einschränkungen benutzen können, und darin war sie erfolgreich. Eine Konsequenz für Frauen war die Intensivierung der Erfahrung sexuell weiblich zu sein – genau das Gegenteil von dem, was diese idealistischen Mädchen sich für sich selbst erträumt haben. Indem sie eine Vielzahl von Männern in einer Vielzahl von Umständen erlebten, entdeckten Frauen, die keine Prostituierten waren, die unpersönliche und klassenbedingte Natur ihrer sexuellen Funktion. Sie entdeckten die absolute Irrelevanz ihrer eigenen individuellen, ästhetischen, ethischen oder politischen Befindlichkeiten […] im Sex, wie er von Männern praktiziert wurde. Der sexuelle Standard war der Mann-fickt-Frau-Fick, und Frauen dienten ihm – es diente nicht den Frauen.

In der sexuellen Befreiungsbewegung der 1960er Jahre waren Zwang oder untergeordneter Status von Frauen kein Thema, weder in der Ideologie, noch in der Praxis. Es wurde angenommen, dass in einem nicht unterdrückten Status, jeder jederzeit Geschlechtsverkehr wollen würde […] und es wurde angenommen, dass wenn Frauen Geschlechtsverkehr ablehnten, keinen Orgasmus vom Geschlechtsverkehr bekämen oder Geschlechtsverkehr nicht zu einer bestimmten Zeit mit einem bestimmten Mann wollen würden, oder mit weniger Partnern als verfügbar, oder wenn sie müde wurden, oder verärgert waren, dass dies alles Zeichen oder Beweis für sexuelle Unterdrückung wären. Ficken an sich war Freiheit an sich. Wenn Vergewaltigung – offensichtliche, klare, brutale Vergewaltigung –  auftrat, dann wurde sie ignoriert. […] Implizit gab es die Überzeugung, dass Zwang nicht notwendig wäre, wenn Frauen nicht unterdrückt wären; Frauen würden ficken wollen und müssten nicht dazu gezwungen werden; also war es ihre Unterdrückung, und nicht der Zwang, welcher der Freiheit im Weg stand. […] Niemand wurde für erzwungene sexuelle Handlungen, Vergewaltigungen, Schläge gegen Frauen zur Rechenschaft gezogen, wenn es nicht die Frauen selbst waren, denen die Schuld in die Schuhe geschoben wurde – in der Regel dafür, dass sie sich nicht fügen wollten. Das waren vor allem Frauen, die sich fügen wollten – die das versprochene Land der sexuellen Freiheit wollten – und trotzdem ihre Grenzen hatten, ihre Vorlieben, ihre Geschmäcker, ihr Verlangen nach Intimität mit bestimmten Männern und nicht anderen, Launen, die nicht notwendigerweise von der Menstruation oder dem Mond abhingen, Tage an denen sie lieber arbeiten oder lesen wollten; und sie wurden für [all das] bestraft. […] Zwang wurde gegen sie ausgeübt, oder sie wurden bedroht und erniedrigt oder rausgeworfen. […]

In den Garten der irdischen Freuden, der als 60er Gegenkultur bekannt war, drang die Schwangerschaft ein, fast immer grob. Und selbst dann und dort [sah man in ihr] eine der echten Hürden für weibliches Ficken auf männliche Nachfrage. Schwangerschaften machten Frauen ambivalent, zögerlich, besorgt, mürrisch, beschäftigten sie; sie führten sogar dazu, dass Frauen nein sagten. In den 1960er Jahren war die Pille nicht einfach zu bekommen, und nichts anderes versprach Sicherheit. Insbesondere unverheiratete Frauen hatten Probleme Kontrazeptiva, inklusive dem Diaphragma, zu bekommen, und Abtreibung war illegal und gefährlich. […] Besonders schwer zu beeinflussen waren Frauen, die bereits illegale Abtreibungen gehabt hatten. Egal was sie über Ficken dachten, egal wie sehr sie es liebten oder tolerierten, sie wussten es hatte Konsequenzen für sie, verbunden mit Schmerzen und Blut, und sie wussten es kostete die Männer so gut wie nichts, außer vielleicht manchmal ein bisschen Geld. Schwangerschaft war eine materielle Realität und sie konnte nicht wegdiskutiert werden. […]

Schwangerschaft, als Tatsache, war ein Anti-Aphrodisiakum. Schwangerschaft, die damit verbundene Last, erschwerte es den Blumenjungen die Blumenmädchen zu ficken […]. Es war die Bremse, die Schwangerschaft dem Ficken auferlegte, die Abtreibung zu einem hochprioritären Thema für Männer in den 1960er Jahren machte – nicht nur für die jungen Männer, auch für die älteren linken Männer, die von der Gegenkultur Sex abschöpften, und sogar für traditionellere Männer, die ab und zu in den Pool der Hippie-Mädchen tauchten.  Die Entkriminalisierung der Abtreibung – das war das politische Ziel – wurde als letzter freudiger Ansporn gesehen: Sie würde Frauen absolut verfügbar, absolut „frei“ machen. Damit die sexuelle Revolution funktionieren konnte, musste Abtreibung für Frauen jederzeit verfügbar sein. Wenn sie es nicht war, dann würde Ficken für die Männer nicht jederzeit verfügbar sein. Flachlegen stand auf dem Spiel. Nicht nur das Flachlegen an sich, sondern die Art und Weise des Flachlegens, die eine große Zahl von Männern und Jungs immer gewollt hatte – viele Mädchen, die es jederzeit wollten, außerhalb der Ehe, kostenlos. Die männlich-dominierte Linke agitierte und kämpfte und argumentierte und organisierte sogar für die Abtreibungsrechte für Frauen, und stellte sogar politische und finanzielle Ressourcen dafür zur Verfügung. Die Linke war militant bei diesem Thema.

Aber dann, Ende der 1960er Jahre, wurden Frauen, die sowohl politisch als auch sexuell aktiv waren, auf neue Weise radikal: Sie wurden Feministinnen. Sie wurden nicht Betty Friedans Hausfrauen. […] Robin Morgan schrieb 1970:

„Wir haben den Feind getroffen und er ist unser Freund. Und gefährlich. […] Es tut weh zu verstehen, dass eine Frau in Woodstock oder Altamont als verklemmt oder zur Spielverderberin erklärt werden konnte, wenn sie nicht vergewaltigt werden wollte.“

Das waren die Anfänge: Anzuerkennen, dass die brüderlichen Liebhaber sexuelle Ausbeuter waren, die genauso zynisch waren wie die anderen Ausbeuter. […] Es war die grobe und schreckliche Realisierung, die sich als explosiv erwies, dass Sex nicht brüderlich-schwesterlich war, sondern Herrscher-Sklave – und dass dieser mutige neue Radikale nicht nur Meister in seinem eigenen Heim sein wollte, sondern Pascha in seinem eigenen Harem. Die Frauen wurden entfacht durch die Realisierung, dass sie sexuell benutzt worden waren. Diese Frauen diskutierten Sex und Politik miteinander und reichten damit über die männliche Agenda der sexuellen Befreiung hinaus  […] – und sie entdeckten, dass ihre Erfahrungen erstaunlich gleich waren und von erzwungenem Sex zu sexueller Erniedrigung bis hin zum Verstoß und zynischer Manipulation, sowohl als Dienstgesinde als auch als Stück Hintern, reichten. Und dass die Männer tief verwurzelt waren in Sex als Macht: Sie wollten die Frauen zum ficken und keine Revolution. Die Männer weigerten sich, sich zu ändern und, noch bedeutender als das, sie hassten die Frauen dafür, dass sie ihnen, nicht mehr als nach den alten Bedingungen, dienen wollten – da hatten wir [die sexuelle Revolution] enthüllt, für das was sie war. Und die Frauen verließen die Männer – in Scharen. Die Frauen formten eine autonome Frauenbewegung, eine militante feministische Bewegung, um gegen die sexuellen Grausamkeiten, die sie erfahren mussten, anzukämpfen und um für die sexuelle Gerechtigkeit, die ihnen verwehrt worden war, zu kämpfen.

Aus ihren eigenen Erfahrungen […] fanden die Frauen ihre erste Prämisse für ihre politische Bewegung: Dass die Freiheit für eine Frau von ihrer absoluten Kontrolle über ihren eigenen Körper in Bezug auf Sex und Reproduktion abhängig ist, und nicht ohne diese existieren kann. Dies beinhaltete nicht nur das Recht eine Schwangerschaft zu terminieren, sondern auch das Recht keinen Sex zu haben, nein zu sagen, nicht gefickt zu werden. Für Frauen führte dies zu vielen […] sexueller Entdeckungen, auch über die Natur und Politik ihre eigenen sexuellen Begierde, aber für Männer handelte es sich dabei um eine Einbahnstraße – viele von ihnen erkannten Feminismus niemals außerhalb ihres eigenen sexuellen Verlustes an; Feministinnen nahmen ihnen den einfachen Fick weg. Sie taten alles um der feministischen Bewegung das Rückgrat zu brechen – und in Wahrheit haben sie damit bis heute nicht aufgehört. Besonders bedeutend war dabei die Veränderung in Bezug auf die politische Positionierung gegenüber Abtreibung. Das Recht auf Abtreibung, definiert als intrinsischer Teil der sexuellen Befreiung war für sie essentiell gewesen […] Das Recht auf Abtreibung, definiert als intrinsischer Teil des Rechts der Frau auf Kontrolle über ihren Körper, auch in Bezug auf Sex, war eine Angelegenheit von höchster Indifferenz.

Die materiellen Ressourcen wurden eingefroren. Feministinnen kämpften den Kampf für entkriminalisierte Abtreibung […] auf der Straße und in den Gerichtssälen mit schwindender männlicher Unterstützung. 1973 gab der Supreme Court Frauen die legalisierte Abtreibung: Abtreibung, die vom Staat reguliert wird.

Wenn bis 1973 die linken Männer noch eine heftige Indifferenz gegenüber Abtreibungsrechten zu feministischen Bedingungen an den Tag gelegt hatten, schwang diese Gleichgültigkeit nach 1973 in offene Feindseligkeit um: Feministinnen hatten jetzt das Recht auf Abtreibung und sagten immer noch nein – nein zu Sex zu männlichen Bedingungen und zu einer Politik, die von diesen Männern dominiert wurde. Legalisierte Abtreibung machte diese Frauen nicht verfügbarer für Sex; im Gegenteil gewann die Frauenbewegung an Größe und Bedeutung und das männliche sexuelle Privileg wurde immer intensiver  in Frage gestellt, mit immer größerer Leidenschaft und immer größerem Ehrgeiz. Die linken Männer wandten sich vom politischen Aktivismus ab: ohne das einfache Flachlegen, waren sie nicht in der Lage sich für radikale Politik einzusetzen. In der Therapie entdeckten sie, dass […] sie Trauma im Mutterleib erfahren haben. Fetale Psychologie […] entwickelte sich auf der therapeutischen Linken (dem Nachlass der männlichen gegenkulturellen Linken), noch bevor irgendein rechter Minister oder Gesetzgeber jemals auf die Idee gekommen ist, sich politisch für fertilisierte Eizellen als Personen unter dem Schutz des Fourteenth Amendment einzusetzen […]. Auf der gewaltfreien Linken wurde Abtreibung zunehmend als Mord angesehen […] „Abtreibung ist die heimische Seite des nuklearen Rüstungswettkampfs“, schrieb ein männlicher Pazifist im Jahr 1980 […] Ohne einfachen Fick hatten sich die Dinge auf der Linken offensichtlich geändert.

Die Demokratische Partei, das Heim des linken Establishments, […] hat die Abtreibungsrechte schon 1972 aufgegeben, als George McGovern, der gegen Richard Nixon kandidierte, sich weigerte sich zu Abtreibung zu bekennen […] Als 1976 durch den Hyde Amendment die Medicaid-Finanzierung für Abtreibungen gestrichen wurde, fand dies Jesse Jacksons Unterstützung […]. Gerichtliche Auseinandersetzungen verzögerten die Implementierung, aber Jimmy Carter, der mithilfe von feministischen und linken Gruppen in die Demokratische Partei gewählt worden war, hatte seinen Mann Joseph A. Califano, Jr., den Kopf des Deparment of Health, Education und Welfare, der die Bundesfinanzierung für Abtreibung via administrativem Befehl blockierte. […]

Die männliche Linke wandte sich von Abtreibungsrechten aus besonders furchtbaren Gründen ab: Die Jungs wurden nicht flachgelegt; es herrschte Bitterkeit und Ärger gegenüber den Feministinnen, weil sie eine Bewegung zum Erliegen brachten (indem sie sich ihr entzogen), die sowohl Macht als auch Sex für Männer bedeutete; und es gab auch diese bekannte, kaltschnäuzige Gleichgültigkeit des sexuellen Ausbeuters – wenn er sie nicht ficken konnte, dann war sie nicht real.

Die Hoffnung der männlichen Linken ist es, dass der Verlust der Abtreibungsrechte Frauen wieder ihrem Rang zuführt – oder auch die Angst davor. Und die männliche Linke hat alles was ihnen möglich war für diesen Verlust getan. Die Linke hat ein Vakuum geschaffen, dass die Rechte sich anschickt zu füllen. […] Aber die Linke hat nicht nur mit Abwesenheit geglänzt, sondern war auch präsent, außer sich darüber, dass Frauen ihre eigenen Körper kontrollieren, außer sich darüber, dass sie sich gegen sexuelle Ausbeutung organisieren, was per Definitionem meint, dass Frauen sich gegen die sexuellen Werte der Linken organisieren. Wenn die feministischen Frauen ihre Abtreibungsrechte verloren haben, dann werden sie von den Linken Männern zurückerwartet – um um Hilfe zu betteln […], bereit einen Deal zu schließen, bereit ihre Beine wieder zu spreizen. Auf der Linken werden Frauen Abtreibung zu männlichen Bedingungen erhalten, als Teil der sexuellen Befreiung, oder Frauen werden keine Abtreibung haben, oder nur mit Todesrisiko.

Und die Jungs der 60er sind auch erwachsenen geworden. Sie sind älter geworden. Sie sind nun Männer im Leben, nicht nur im Fick. Sie wollen Babies. Obligatorische Schwangerschaft ist fast der einzige Weg, der sicher stellt, dass sie sie bekommen. […]

Die Mädels der gegenkulturellen Linken lagen falsch: nicht über BürgerInnenrechte, den Vietnamkrieg oder das imperialistische Amerika, aber über Sex und Männer. Es ist fair zu sagen, dass das Schweigen der Mütter ein reales, toughes und unsentimentales Wissen über Männer und Geschlechtsverkehr versteckte, und dass die laute Sexualität der Töchter romantische Ignoranz verdeckte.

Die Zeiten haben sich geändert. Das Schweigen wurde erschüttert – bzw. Teile des Schweigens wurden erschüttert. Rechte Frauen verteidigen die traditionelle Familie öffentlich; sie sind laut und sie sind zahlreich. Sie sind besonders laut über legale Abtreibung, die sie verabscheuen; und was sie über legale Abtreibung zu sagen haben, steht in Verbindung zu dem, was sie über Sex wissen. […] Die 60er Jahre sind nicht spurlos an ihnen vorbeigezogen. Sie haben von dem, was sie gesehen haben, gelernt. Sie sahen die zynische männliche Benutzung von Abtreibung um Frauen zu leichteren Ficks zu machen – zunächst die politische Nutzung des Themas, und dann, nach der Legalisierung, die tatsächliche Benutzung der medizinischen Prozedur. Als Abtreibung legal geworden war, sahen sie eine massive soziale Bewegung um den sexuellen Zugriff auf Frauen zu männlichen Bedingungen zu sichern – die Schwemme an Pornographie; und in der Tat verknüpfen sie die beiden Themen, und sie tun dies nicht aufgrund von Hysterie. Abtreibung, so sagen sie, floriert in einer pornographischen Gesellschaft. Pornographie, sagen sie, floriert in dem, was sie Abtreibungsgesellschaft nennen. Was sie meinen ist, dass beides Frauen zum Fick degradiert. Sie haben gesehen, dass die Linke sich für Frauen nur zu ihren eigenen sexuellen Bedingungen einsetzt – als Ficks; Sie finden das rechte Angebot ein klein wenig generöser. Sie sind nicht geblendet von dem Versprechen der Abtreibung als Wahlmöglichkeit, als sexuelle Selbstbestimmung, als weibliche Kontrolle über den eigenen Körper, weil sie wissen, dass dieses Versprechen Unsinn ist; so lange Männer Macht über Frauen haben, werden Männer Abtreibung nur zu ihren Bedingungen erlauben.

Rechte Frauen sehen in Promiskuität, die legale Abtreibung vereinfacht, die Generalisierung von Zwang. Sie sehen Zwang in der Ehe als essentiell eindämmbar – eingedämmt in der Ehe, limitiert auf einen Mann zur gleichen Zeit. Sie versuchen mit ihm „klarzukommen“. Sie sehen diese Limitierung – ein Mann zur gleichen Zeit – als notwendigen Schutz vor den vielen Männern, die das Gleiche tun würden und für die sie zu sexual-liberalen Bedingungen verfügbar sein müssten, Bedingungen […] die durch Abtreibungsrechte möglich gemacht wurden. Mit diesem ganzen öffentlichen Gerede führen sie die traditionelle Stille von Frauen über Zwang in der Ehe fort: aber alles was sie tun beruht auf ihrem Wissen darüber, und sie sehen nicht, wie mehr Zwang besser sein sollte als weniger Zwang – und mehr Männer bedeutet mehr Zwang gegenüber ihnen.

Rechte Frauen beschuldigen Feministinnen der Doppelmoral und der Grausamkeit weil sie für legale Abtreibung eintreten, weil, ihrer Meinung nach, legale Abtreibung sie zu verfügbaren Ficks macht, ohne Konsequenzen für die Männer. In ihrer Sicht, ist Schwangerschaft die einzige Konsequenz des Sex, die Männer dafür zur Verantwortung zieht, was Männer Frauen antun. Dieser Zwangsläufigkeit beraubt, werden Frauen ihrem überzeugendsten Argument, nein zu Geschlechtsverkehr zu sagen, beraubt.  Die Ablehnung von Empfängnisverhütung beruht auf dem gleichen Prinzip.

Rechte Frauen haben den Zynismus der Linken bei der Benutzung von Abtreibung um Frauen sexuell verfügbar zu machen gesehen, und sie haben ebenfalls gesehen, wie die Linke Frauen fallen ließ, die nein sagten. Sie wissen, dass Männer keine Prinzipien oder politischen Agenden haben, die nicht kongruent sind mit dem Sex, den sie wollen.  […] Sie wissen, dass jede Frau versucht, den für sich besten Deal zu machen. Sie stellen sich der Realität und was sie sehen, ist, dass Frauen gefickt werden, egal ob sie wollen oder nicht. Rechte Frauen werden von weniger Männern gefickt; Offene Abtreibung nimmt Frauen die Schwangerschaft als soziale und sexuelle Kontrolle über Männer; sobald eine Frau Schwangerschaft einfach und offen und ohne Todesrisiko planen kann, wird sie ihrer besten Möglichkeit nein zu sagen entledigt […]. Die Konsequenzen einer Schwangerschaft könnten ihn abhalten […] Die rechte Frau macht den aus ihrer Sicht besten Deal. Ihr Deal verspricht, dass sie nur von ihm gefickt werden muss, und nicht von all seinen Kumpels auch noch; dass er für die Kinder bezahlen wird; dass sie in seinem Haus auf seinem Einkommen leben kann; und sie lächelt und sagt, dass sie eine Mami sein will und Hausfrau spielen will.  […]

Willkommen im Patriarchat: Sonderpreis für Vergewaltigungs-Diskurs

"Take rape seriously" - Protester with Placard Reproductive rights activist Shelby Knox.

by Women's eNews via Flickr, [CC BY 2.0]

Man kann nun wirklich nicht sagen, dass Mithu Sanyal durch ihren empörenden Vorschlag, Opfer sexueller Gewalt wertneutral als Erlebende zu bezeichnen (da man ja nicht wisse, wie sie die ihnen angetane Tat selbst einordnen) und der daraus folgenden, erhitzten Debatte irgend etwas an Reputation eingebüßt hat.

Ganz im Gegenteil, sie bekam nachdem belegbar aus rechten Kreisen gegen sie lancierten Shitstorm – gegen den Radikalfeministinnen sie trotz inhaltlicher Kritik verteidigten und denen sie dennoch den schwarzen Peter zuschob und als Initatorinnen von Vergewaltigungsdrohungen bezichtigte (und damit aktiven Täterschutz betrieb) sehr viel trostspendende Anerkennung.

Während sie ein Interview nach dem anderen geben durfte, interessierte man sich im medialen Mainstream so gut wie nicht für die Position der Initatorinnen, des sich kritisch mit ihren Positionen auseinandersetzenden Offenen Briefes – darunter zahlreiche Betroffene sexueller Gewalt. Während ihr und ihrer Sichtweise also breiter Raum eingeräumt wurde, ignorierte man die Gegenseite so gut es ging. Die TAZ richtete sogar derweil eine eigene Kolumne mit dem Titel „Mithulogie“ für Sanyal ein, Titel wie „Das Piss-Manifest“ lassen den inhaltlichen Tiefgang bereits erahnen.

Zum Tode Hugh Hefners, dem Playboy-Gründer, der Nacktfotos von Marilyn Monroe auf dem Cover seines Magazins ohne deren Konsens abdruckte, der mit Fotos von Minderjährigen pädokriminelle Fantasien anheizte und legitimierte und über den wir von ehemaligen „Bunnies“ erfahren, wie mies er sie behandelte und dass er die von Bill Cosby gerne für seine sexuellen Gewalttaten eingesetzten KO-Tropfen als „Schenkelöffner“ bezeichnete, bescherte sie diesem Frauenfeind einen äußerst wohlwollenden Nachruf:

„Hugh Hefner habe sich bereits in den 1950er- und 60er-Jahren für Empfängnisverhütung und Abtreibung eingesetzt, betont Mithu Sanyal. Er habe sich später auch für die Ehe für alle und gegen Waffen und die Todesstrafe ausgesprochen. “Frauen haben ein eigenes sexuelles Begehren”, habe Hefner in einer Zeit gesagt, als das noch undenkbar war. “Die Playmates haben einem immer in die Augen geguckt. Die hat man nicht irgendwie beobachtet, sondern die haben einen angeguckt und gesagt: Hey, ich will was aktiv!”

Auf ihrer Facebook-Seite schreibt sie allen ernstes:

„Denn der Ober-Playboy und Viagra-Fan Hugh Hefner ist durchaus eine faszinierende, komplexe Figur. Ja, der Playboy ist auch sexistisch, aber er ist eben auch feministisch – zumindest wenn es nach Hugh Hefner geht.“

Kein Wort auch darüber, dass Hefner eng mit der Mafia verbunden war, darunter Linda Boremans Zuhälter und Ehemann Chuck Traynor, dass er einen maßgeblichen Anteil an dem Vorantreiben der Objektifizierung von Frauen trug oder auch nur den Hauch einer Ahnung davon, welche Vorteile sein Kampf für Abtreibungsrechte vielleicht für Männer, die Frauen sexuell ausbeuten wollen, haben könnte. Immer wieder erwische ich mich dabei, mich zu fragen ob Sanyal und die Liberalfeministinnen die Zusammenhänge wirklich NICHT SEHEN, aus Blindheit oder Unvermögen, oder ob sie BEWUSST UND AKTIV den Boden für das Patriarchat ebnen.

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Sheila Jeffreys: Schönheitspraktiken und Frauenhass

Bildquelle: http://www.sheilajeffreys.com/

Im Nachfolgenden handelt es sich um Auszüge einer Rede, gehalten von Sheila Jeffreys auf der Andrea Dworkin Commemorative Conference am 7. April 2006

[Ich möchte heute darüber sprechen] wie inspirierend [Andrea Dworkins Buch „Women Hating” aus dem Jahr 1974…] für das Schreiben meines Buches „Beauty and Misogny“ war. Auch möchte ich ein wenig über „Right Wing Women“ sprechen, ein weiteres wichtiges Buch, ich glaube aus dem Jahr 1977.

Als ich Anfang der 1970er Jahre Feministin wurde, wusste ich nichts von „Women Hating“. […] Erst später habe ich die Bücher gefunden. […] Wenn ich über Weiblichkeit und Männlichkeit spreche, dann rede ich von nichts dergleichen, wie der verrückten modernen postmodernen Idee, dass man sein Geschlecht wählen oder verändern kann, sondern ich verstehe [darunter] die Verhaltensweisen männlicher Dominanz, Männlichkeit, und weiblicher Unterordnung,  Weiblichkeit. Es geht um Verhaltensweisen in der Machthierarchie, und ich möchte das gerade heraus sagen, ich glaube nicht, dass Gender diese umfasst.

[…]

[Dworkin] analysiert in „Woman Hating“ die Idee von Schönheit als einem Aspekt aufgrund dessen  Frauen gehasst werden in der männlich dominierten Kultur und sie klagt diese Kultur des Frauenhasses als verantwortlich für die Tode, Verletzungen und Gewalt gegen Frauen an, und sagt, dass der Feminismus nach Alternativen sucht um die Kultur, wie wir sie kennen, zu zerstören, und nach unseren Vorstellungen neu aufzubauen. Ich finde das Wort „zerstören“ ist stark, es ist gut und es ist ausschlaggebend. Es geht nicht darum an den Rändern der Kultur etwas herumzuflicken, sondern ich bitte euch heute, euch Gedanken darüber zu machen, wie wir dieses Gender, wie es manchmal genannt wird, zerstören können, von dem ich glaube, dass Geschlechterrollen es passender umschreibt.  […] Heute spricht kaum einer mehr von der Zerstörung der Kultur, denn wir leben in konservativen Zeiten. Wir alle haben gelernt unsere Sprache zu mäßigen, denke ich. Andrea hat das nicht getan. Sie hat es abgelehnt ihre Sprache zu mäßigen. Es ist nach wie vor notwendig die Kultur zu zerstören, aber ich glaube der Optimismus der späten 1970er Jahre über die Möglichkeiten eines radikalen, sozialen Wandels existiert meines Erachtens nicht mehr.

Als ich für mein aktuelles Buch, „Beauty and Misogyny“ recherchiert habe, habe ich nach feministischen Schriften gesucht, die deutlich und unmissverständlich die Schäden durch die Schönheitspraktiken des Westens benennen, sowie die Notwendigkeit sie zu beseitigen. Kaum etwas von diesen Denkweisen der frühen Siebziger […] ist tatsächlich nieder geschrieben worden. Andrea hat es getan, aber ich habe diese Politiken, die sich radikal mit Schönheitspraktiken beschäftigen, kaum sonst wo gefunden. Die einzige andere Person, die ich finden konnte, war Sandra Bartky in den späten 1970er Jahren.

[…]

Andrea Dworkin sieht Schönheitspraktiken als erheblich schädigende Effekte auf die Körper und Leben von Frauen auslösend an […] :

„Schönheitsstandards beschreiben präzise die Beziehungen, die Individuen zu ihrem eigenen Körper haben werden. Sie schränken ihre Mobilität ein [denkt an Absatzschuhe, enge Röcke], die Spontaneität, die Körperhaltung, den Gang, das, wofür sie ihren Körper nutzen können.“

Und dann sagt sie, in Anführungszeichen:

“Sie definieren präzise die Dimensionen der physischen Freiheit.”

Das ist für mich entscheidend. […] Schönheitspraktiken sind nicht nur eine Art optionaler Wahl, zusätzlich, sondern sie konstruieren grundlegend, wer eine Frau ist und deshalb deren Vorstellungskraft, denn sie beschränken ihre Bewegungen und erschaffen erst die möglichen Verhaltensweisen ihres Körpers.

Sie sagt auch, dass Schönheitspraktiken psychologische Effekte auf Frauen haben, denn das Verhältnis zwischen physischer Freiheit und psychischer Entwicklung, intellektuellen Möglichkeiten und kreativem Potential, ist ein verbundenes.

[…]

Sie weist darauf hin, dass in unserer Kultur [… ] nicht ein einziges Teil des weiblichen Körpers unberührt oder unverändert bleibt. […]  Von Kopf bis Fuß, jeder Teil ihres Gesichts und jeder Teil ihres Körpers wird Gegenstand der Modifizierung und Veränderung.

[…]

Heute müssen wir uns mit invasiveren und schädigenderen […]  Praktiken auseinandersetzen [als zu Andreas Zeiten]. 1974 waren [zum Beispiel noch] nicht viele Frauen gepierced […] [Nehmen] wir die „Fotze“, das Wort welches wir damals benutzt haben, ich war jetzt nicht so besonders scharf darauf es so zu nennen, aber ok. Die Fotze wird heute deodoriert, rasiert und einparfümiert. Wir müssen sagen komplett rasiert, denn die Frauen in westlichen Kulturen machen heute Brazilian Waxing um das Haar vollständig zu entfernen. 1974 wurde vielleicht nur ein bisschen an den Rändern rasiert, wer weiß. Und heute gibt es Labioplastik, wo Chirurgen Teile der Labia entfernen, weil Frauen sagen, dass sie unansehnlich ist, oder weil ihnen (von Chirurgen) erklärt wird, dass es besser beim Geschlechtsverkehr sei, weil man sich sonst dabei verhakt. Und ich denk mir, Donnerwetter, ich war mal heterosexuell, und ich kann mich nicht an dieses Problem erinnern, und auch nicht, dass andere von diesem Problem erzählt hätten ([Gelächter]

[…]

Es gibt heute viel mehr Brustimplantate als noch 1974, […] es gibt viel mehr gewöhnlichere kosmetische Chirurgie, die schon fast wie Make-Up ist. Frauen lassen sich Botox in ihre Gesichter spritzen um ihre Muskeln zu paralysieren, als etwas völlig alltägliches, jeden Monat zu erneuern, und so weiter. Worüber ich also in meinem Buch schreibe, ist, dass im Vergleich zu den Praktiken von 1974, […] das was wir heute haben sehr viel invasiver ist, die Praktiken jetzt unter die Haut gehen, mit Blut verbunden sind, und sehr viel brutaler und scherzhafter sind, als die Praktiken von damals.

Was Andrea auch sagt über diese Praktiken, ist, dass „Schönheitspraktiken lebenswichtig für die Wirtschaft sind“. Das ist wahr, aber es gab nur sehr wenig Untersuchungen dazu, WIE unerlässlich sie für die Wirtschaft sind, und: „Sie sind ein zentraler Inhalt von männlich weiblicher Unterscheidung, die unmittelbarste physische und psychische Realität eine Frau zu sein.“ In anderen Worten schaffen sie Geschlechterdifferenzierung. Diese Praktiken – sehr schädigend, schmerzhaft, extrem teuer, zeitverschwendend und den Körper einschränkend, sowie das beeinflussend was Frauen denken können – sie schaffen Geschlechterdifferenzierung. Wie könnten wir sonst wissen wer oben und wer unten ist, und es ist grundlegend für männliche Dominanz, dass wir wissen, wer oben und wer unten ist. Sonst kann das System nicht arbeiten. Ich denke sie erklärt das wirklich gut.

[…]

[Und heute] hat sich nichts verändert, Frauen sind nicht frei aus dem Haus zu gehen, mit beiden Füssen auf dem Boden, die Hände in den Taschen, ohne sich Sorgen machen zu müssen wie sie aussehen, mit unverhülltem Gesicht. So ist es nicht gekommen. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass das passieren kann, dass Frauen dieses Menschenrecht und die Freiheit haben können, die Männer haben, einfach nur auf dieser Welt zu sein, die Straße entlang zu laufen. So ist es nicht gekommen.

[…]

Die kosmetischen Chirurgen beschneiden auch Gender, und schreiben Gender ein, in die Körper der Männer, die trans-sexen und trans-gendern. Und dieselben Chirurgen entfernen die Labia von Frauen und erschaffen Labia, angeblich von Frauen, für Männer, die trans-gendern. Es gibt Webseiten auf denen sie all das Zeug anbieten. Was sie [anbieten] wird immer heftiger, ich vermute mal, in Zukunft wird es auch die Entfernung von Gliedmaßen auf Nachfrage geben, denn das ist der neueste Schrei, dahin geht es. Es nennt sich „Body Integrity Disorder“, die vor allem Männer haben, ich glaube die meisten von ihnen schwule Männer, die sich wünschen ihre Arme oder Beine abgenommen zu bekommen […] Ich glaube es gibt nicht wirklich Grenzen für die extraordinären Formen aggressiver Operationen, die von plastischen Chirurgen durchgeführt werden.

Als Antwort auf die feministische Ablehnung von Schönheitspraktiken […] habe ich selbst solche Praktiken im Jahr 1973 abgelegt. Der Grund dafür war die Lektüre zweier Bücher, „Sexual Politics“ [von Kate Millett] und „The Female Eunuch“ [von Germaine Greer] in den Jahren 1970 und 1971. Davor hatte ich langes, glattes Haar, welches mir ins Gesicht fiel. Ich wollte nicht, dass die Leute mein Gesicht sehen, und es war gefärbt. Ich habe alle möglichen Arten von Make-Up benutzt, inklusive vieler verschiedener Farben um meine Augen, falsche Augenbrauen, und so weiter. Ich habe mir die Achseln und Beine enthaart, ich habe High Heels getragen, ich hab den ganzen Kram gemacht. Ich war heterosexuell und ich habe akzeptiert, dass ich den sexuellen Frondienst ableisten muss.

Andrea Dworkin hat diese Schönheitspraktiken allesamt fallen lassen, und das ist einer der aussagekräftigsten Weisen, mit denen ihre KritikerInnen sie immer wieder an den Pranger gestellt haben. Aber ihre lebenslange Entschlossenheit in der Ablehnung dessen, was sie Geschlechterrollen nannte, und was die jetzt Gender nennen, und Weiblichkeit war schon immer eine Inspiration für andere Feministinnen. Nur wenige amerikanische Feministinnen haben Weiblichkeit vollständig abgelehnt. Trotz ihrer zweifellos wichtigen Verdienste, haben sie Weiblichkeit nicht genauso entschieden und geradlinig zurückgewiesen wie Andrea das im Verlauf ihrer Karriere getan hat.

Wir leben in einer Welt, in der die sozialen und politischen Voraussetzungen nicht durch ideologische Kontrolle in die Gedanken der BürgerInnen eingeimpft, sondern in ihr Fleisch eingeschnitten werden. Im Besonderen werden die physischen Voraussetzungen, die das richtige Gender darstellen sollen, in die Brüste von Frauen, ihre Labia und Lippen geschnitten, und auf die Körper von Männern, die sich entscheiden Frauen zu sein. Und die Brutalität dieser Praktiken ist ein Indikator dafür, dass wir unter einem anspruchsvolleren Gender-Regime leben [als je zuvor]. Ich nehme an, dass ihr euch in vielerlei Hinsicht in einer schlechteren Position in Bezug auf Gender befindet, als wir vorher. […] Der Begriff Gender war in den 1970er Jahren nicht geläufig, als Andrea Dworkin ihre Schriften verfasste, und sie verwendete den Begriff Geschlechterrollen. Und ich mag diesen Begriff, denn der macht deutlich, dass die Verhaltensweisen, die er beschreibt, sozial konstruiert sind. Es handelt sich um einen netten, geradlinigen Begriff, der aus der Soziologie kommt.  In den 1990er Jahren wurde der Begriff Gender von vielen Feministinnen übernommen […] und ich habe das nie so Recht verstanden und ich habe den Begriff Gender auch nie gemocht.

Was schnell klar geworden ist, ist, dass […] der Begriff Gender sehr schnell von jenen angeeignet wurde, die eine völlig andere Politik verfolgen als der Feminismus, und die tatsächlich in vielen Fällen Antifeminismus betreiben. In den 90er Jahren wurden die Frauenstudien in den Universitäten von den Gender Studies übernommen. Die Frauenabteilungen in den Buchläden, wurden durch die Genderabteilungen übernommen. Und in der Zwischenzeit […] durchlief der Begriff „Gender“ eine Metamorphose […] hin zu seinen Ursprüngen. […] Die Sexologen hatten den Begriff in den 50er Jahren verwendet und ihm eine biologische Basis gegeben, sie sagten es gäbe ein biologisches Substrat im Gehirn von Männern und Frauen, welches bedeute, dass sie das richtige Geschlechterverhalten entweder lernen oder nicht lernen können. [Dass sich eine Person in einem anderen und falschen Gender befindet] […] kann man nicht beweisen, aber es wird heute als biologische Basis für Transgender betrachtet.

„Gender“ wurde zu einem alternativen Wort für Geschlecht, Geschlecht wurde von Feministinnen immer als biologisch und Gender als sozial konstruiert angesehen, schließlich wurde „Gender“ die Vertretung für Geschlecht […] Sex und Gender sind im öffentlichen Bewusstsein eine Metamorphose eingegangen. […] Heute sind Transgenderisten für ihre neuen Identitäten den tradtionellen Auffassungen von Gender  […] verpflichtet, während Feministinnen der siebziger und achtziger Jahre der Meinung waren, dass Geschlechterrollen abgeschafft werden müssen, damit Frauen Freiheit erlangen können. Transgender versuchen [hingegen] Gender vor Kritik abzuschotten.

[…]

Judith Butler nennt uns jetzt „Bio-Frauen“. So dass Transgenderismus ein Konzept von wahren Frauen entwirft, und Frauen, die nicht Transgender sind, jetzt eine Vorsilbe vor ihrem Namen brauchen und “nicht-trans” oder “bio” werden. Hallo, Bio-Frauen! [Gelächter]

[…]

In der Gesetzgebung [des Gender Recognition Act] wird Gender synonym mit Geschlecht (sex) verwendet. Das Gesetz erlaubt es Männern oder Frauen […] ein Zertifikat zu erhalten, welches sie nun einem anderen Gender zuschreibt. Dieser Prozess bedarf keiner Operation oder einer Hormonbehandlung, sondern nur eines Dokumentes von einem Mediziner/einer Medizinerin, die attestiert, dass diese Person den Real Life Test gemacht hat, die Kleidung des anderen Geschlechts zu tragen. Das ist alles, was notwendig ist.

[…]

Eines der Dinge, die ich rätselhaft finde, ist, dass wenn ich mir die Debatte im House of Lords anschaue, ich am meisten mit der radikalen Rechten übereinstimme. Die Person, mit der ich am meisten übereinstimme, und ich denke er wird darüber nicht sehr erfreut sein, ist Norman Tebbitt [von der Conservative Party]. Als Reaktion auf den Gender Recognition Act sagte er, nachdem er eine sehr gute Definition von Gender als soziales Konstrukt gegeben hat, in eurem Gesetz habt ihr da was durcheinander gebracht, es sollte wohl sex heißen und nicht gender. Und Lord Filkin, der für die Regierung spricht, die für die Gesetzgebung verantwortlich ist, sagt, dass sex und gender das Gleiche sind und überhaupt, was spiele es denn für eine Rolle? Ist das nicht außergewöhnlich? Tebbitt bezichtigt ihn dann des linguistischen Relativismus. Was ich gut finde (Gelächter) Ich hätte es nicht besser benennen können. Tebbitt sagt auch, dass wir die brutale Verstümmelung des Transgenderismus eine schädliche kulturelle  Praxis nennen würden, wenn sie in anderen Kulturen, außerhalb von Großbritannien durchgeführt würde […] Er macht all diese Argumente von der politischen Rechten aus gesehen, und das ist ziemlich peinlich in meinen Augen, aber ich muss es sagen, dass die fortschrittlichen und linken Leute die Menschenrechtsverletzungen des Transgenderismus nicht anerkennen und auch nicht anerkennen, wie verrückt diese Gesetzgebung ist.  […] Jeder muss verrückt werden um diese Gesetzgebung zu verstehen oder auf sie zu antworten.

Was mich sehr besorgt ist, dass […] wenn der Staat jetzt durch das Gesetz Gender reguliert, und nicht nur noch Geschlecht (sex) […] was sage ich denn dann, wenn ich vor dieses Gender Recognition Panel komme? Ich kann dann nicht mehr „nein danke“ zu denen sagen. Ich glaube wir haben eine dramatische Stufe erreicht, auf der Staat und Gesetzgebung daran beteiligt werden Gender zu regulieren, auf eine unglaublich traditionelle und sehr fiese, irgendwie auch brutale, Weise.

Warum sind […] eine solche Praxis des Transgenderismus und diese Gesetzgebung akzeptabel? Ich denke, weil es eine sehr tiefsitzende Annahme in westlichen Gesellschaften und vielleicht allen Kulturen gibt, dass so etwas wie Gender existiert, existieren muss, dass wir uns diesem nicht entledigen können, dass es einen irgendwie unvermeidlichen biologischen Unterschied gibt […] . Was sich niemand vorstellen kann, ist dass Gender überwunden werden kann, […] und entfernt werden kann, so dass alle Frauen mit ihren Füssen auf dem Boden stehen können. Das ist meines Erachtens das Grundlegende an der Arbeit von Andrea Dworkin und an „Woman Hating“, wenn sie sagt „Wir müssen die Kultur, wie wir sie kennen, zerstören.“ Nicht Gender passend machen mit außergewöhnlicher Gesetzgebung, schrecklichen verstümmelnden Operationen und Hormonen […] für diese unglücklichen Menschen, die vom Gendersystem, in dem wir derzeit leben, verwirrt und kaputt gemacht wurden.

[…]

Andrea Dowrkins Arbeit sorgt dafür, dass ich mich geistig gesund fühle. Sie hilft mir dabei, dass es sich für mich sinnvoll anfühlt, auf die Abschaffung von Gender hinzuarbeiten. Und sie hilft mir in meiner Überzeugung, dass Feminismus wiederkommen wird. […] Die Tatsache, dass junge Frauen Interesse an der Arbeit von Andreas Dworkin haben, macht mich zuversichtlicher gegenüber der Zukunft. Danke euch. [Applaus]

Prostituiert euch!

By i_hate_sult (http://www.webcitation.org/5zQfwo653) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Eigentlich hab ich mir ja abgewöhnt jeden Pups aus dem Popfeminismus-Häppy-Sexwörk-Libfem-Queer-Prostitution-ist-Sexarbeit-s-Lager zu kommentieren, aber zwei brandaktuelle Artikel sind so dermaßen schräg, dass ich es mir nicht verkneifen kann.

Erst wurde mir ein Artikel, der beim STERN, bzw. NEON (Kernzielgruppe: „Menschen zwischen 20 und 35 Jahren mit hohem Bildungsstand und überdurchschnittlichem Einkommen“) veröffentlicht wurde, in die Facebook-Timeline gespült. Titel: „Warum du dich lieber an Huren statt an Barbies orientieren solltest. Du willst Dich schöner fühlen? Vergiss die klassischen Beautytipps und lerne von Prostituierten, erstelle Dir ein Profil bei einer Escort-Seite und übe Dominaposen.“

Zunächst einmal springt einem bereits in dieser Überschrift das Patriarchat mit nacktem Arsch ins Gesicht, wies doch bereits der Soziologe Pierre Bourdieu, bewusst anknüpfend an die brillanten Analysen der Radikalfeministinnen der 1970er Jahre, darauf hin, dass „Körper für andere (Männer) machen“ müssen, eines der zentralen Kennzeichen der „Männlichen Herrschaft“ ist. Und wieso sollen sich junge Frauen eigentlich zwischen „Huren“ und „Barbie“ entscheiden müssen?

Über die Autorin erfahren wir:

„Die Schriftstellerin Anna Basener hat für ihren Roman „Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte“ ein illegales Ruhrpott-Bordell erfunden. Sie hat dafür mit Prostituierten, Dominas und Bordellwirtschafterinnen gesprochen und gelernt, dass Moralisieren keinem hilft, am wenigsten den Sexarbeiterinnen.“

Besagte Autorin leitet in ihrem Text nach ihren Gesprächen mit ein paar prostituierten Frauen, die sich als Sexarbeiterinnen verstehen, aus deren individuellen Sichtweisen allgemeingültige Aussagen ab. Nun, that`s not exactly how Gesellschaftsanalyse works. Okay, vielleicht wollte sie auch nur einen (in ihren Augen) unterhaltsamen Text schreiben, aber ich will mal exemplarisch an ein paar Beispielen deutlich machen, warum hier was gründlich schief gelaufen ist.

„Marleen ist 26, Studentin und Hure. Sie hat in ihrer Jugend gelernt, dass sie zu dünn ist. Keine Kurven, wenig Busen, das ist nicht sexy, dachte sie bis sie angefangen hat anzuschaffen. Jetzt weiß sie, dass sie heiß ist. Umgekehrt gibt es aber auch dicke Prostituierte, deren Geschäftsmodell es ist, Männer zu befriedigen, die dünne Frauen geheiratet haben mutmaßlich aus Prestigegründen. Sie machen eine „Riesenmark“ damit, dass es gesellschaftsfähiger ist, auf Barbie-Blaupausen zu stehen, auch wenn man selbst lieber was zum Anfassen hätte.“

Gewagte These: Eigentlich sind es gar nicht die Frauen, die hier unterdrückt sind, sondern die armen Männer, die nicht zu ihren wahren Fetischen stehen dürfen (denn nichts anderes ist es, wenn man SexualpartnerInnen aufgrund von zum Beispiel optischen Vorlieben auswählt), sondern gesellschaftskonform ihre Ehefrauen auszuwählen haben? Huh? Nun ist es ja tatsächlich so, dass die Ehefrau oder Partnerin nicht selten als Statussymbol (in Bourdieus Worten „symbolisches Kapital“) fungiert, aber, dass die Bordelle jetzt überdurchschnittlich mit „dicken Prostituierten“ gefüllt sind, das entbehrt nun wirklich jeder Grundlage. Und was hier auch nicht erwähnt wird, ist, dass Freier sehr häufig auf Abwechslung stehen: Heute dick, morgen dünn, übermorgen ne „MILF“, nächste Woche mal ein „Teenie“ und auch in Bezug auf die ethnische Zugehörigkeit erweist Freier sich gerne als „welterfahren“ und „Kosmopolit“. Der Pro-Prostitutions-Verein Dona Carmen spricht diesbezüglich von „Völkerverständigung von unten“. Isses nich HERRlich?

Im Grund gar nicht so verkehrt ist das hier:

“Eine These: Weil Bordelle beweisen, dass den konventionellen Schönheitsidealen nicht zu trauen ist. Es sind Orte, an denen der Wert eines Körpers nicht von Hollywood, Fashionshows oder Werbung definiert wird, sondern vom Markt. Ob ein Angebot auch auf Nachfrage stößt, lässt sich schlicht und ergreifend am Preis ablesen.”

Da steckt empirisch belegbar sehr viel Richtiges drin. Nämlich: Dass es sich um einen Prostitutionsmarkt handelt, dass die Nachfrage das Angebot bestimmt, und dass es Preisunterschiede gibt. Nur das mit den „konventionellen Schönheitsidealen“, die sich hier angeblich nicht wiederfinden, das stimmt so nicht, Frau Basener. Hätten sie mal in den sehr aufschlussreichen Artikel des Economist geschaut, dann hätten sie es besser gewusst.

Die haben nämlich Freierforen und sage und schreibe 190.000 Angebotsprofile aus 84 Städten und 12 Ländern im Zeitraum von 1999 bis 2014 ausgewertet in Bezuf auf die körperlichen Attribute der prostituierten Frauen, sowie die angebotenen Leistungen und Preise. – Diese Ökonomen! –  Die höchsten Preise sind mit dünnen Frauen mit sehr langen, blonden Haaren oder mit vollen Brüsten zu erzielen. Huch! Erkennbar blondierte Haare sind preismindernd, jedoch immer noch unter den „Premium“-Angeboten. Zwischen kleinen Brüsten und einem D-Cup liegen 40 Dollar Preisunterschied, weshalb eine Brustvergrößerung (die mit 3.700 Dollar Kosten beziffert wird) sich ökonomisch bereits nach 90 Stunden amortisiert. – Wie nüchtern die doch solche Zusammenhänge darstellen können!

Jetzt könnte man noch einwerfen: Aber Aussehen ist nicht alles! Denn preisgestaltend sind Studien zufolge ja auch die existentielle Not und der Freiwilligkeitsgrad derjenigen, die sich anbieten (müssen). Eine gehandelte Frau, eine aus rassistischen Gründen in der Hierarchie ganz unten stehenden Romni oder eine Drogenprostituierte, die ihren nächsten Schuss braucht, sind in der Regel „günstiger zu haben“, als beispielsweise die deutsche Hobbyprostituierte, deren Existenz grundsätzlich bereits anderweitig gesichert ist. Auch das abzuringende Leistungsspektrum ist bei den genannten Personengruppen, die unter besonders viel Druck stehen und auch jenen, deren persönliche Grenzen durch massive Gewalterfahrungen extrem verletzt wurden, sehr viel größer. Man könnte auch sagen „viel für wenig Geld“ ist einem großen Teil der Freier wichtiger als die Optik. Aber auf solche Zusammenhänge hinzuweisen wäre ja auch ein bisschen zu viel verlangt.

Weiter geht’s mit einem Pro-Tipp:

„Natürlich müsste man sich gar nicht darum scheren, irgendjemandem zu gefallen. Begehrt zu werden kann nicht der einzige Schlüssel zu einem besseren Verhältnis zum eigenen Aussehen sein. Eigentlich muss das von innen kommen, klar. Ist aber leichter gesagt als getan, denn: Wie kommt das Bewusstsein für die eigene Schönheit überhaupt erst in einen hinein? […]. Lernen wir also von den Huren. Was hilft, ist die Dominapose: Breitbeinig stehen, Hände in die Hüften, Kinn hochnehmen. Stärkt das Selbstwertgefühl und schreibt sich in den Körper. Kat Rix […] wollte eine geile Frau sein, also hat sie entschieden, dass sie eine ist. Das klingt einfacher, als es ist, und braucht Zeit. Aber was hilft, ist die Dominapose. [Die Dominas haben …] der Männerwelt schon vor Wonder Woman‘s Erfindung ihre Schönheit und Stärke entgegengeschleudert.“

Fhlks9a0aßd98sfd97(=D()S=(D(=  [<——- das sind die Tastenabdrücke, die ihr die nächsten Tage auf meiner Stirn bewundern könnt).  Ach, wisst ihr was, ich lass das einfach mal für sich sprechen….  (Ob ihr bewusst ist, dass sich das tatsächliche Machtverhältnis auch nicht rumdreht, wenn der Freier dafür bezahlt den devoten Part zu übernehmen – und dennoch genauestens und bis ins letzte Detail bestimmt was genau gemacht wird?)

Die Autorin endete damit den Leserinnen folgendes vorzuschlagen:

„Eine praktische Übung fürs Selbstwertgefühl: Erstell dir ein Profil auf einer Escort-Seite (oder auch komplett offline) und trag zusammen, warum du attraktiv bist so attraktiv, dass Sex mit dir Geld kostet. Nicht falsch verstehen: Ich spreche hier nur von einer Übung, nicht davon, das Profil wirklich hochzuladen oder anschaffen zu gehen. Es geht mir nicht um Berufsberatung, sondern um einen neuen Blick auf Schönheit. Es geht auch nicht um den tatsächlichen Preis, den du verlangen könntest, sondern um deinen Wert.“

Seufz. Das ist also die Botschaft an die jungen Frauen, die NEON lesen: Euer Wert bemisst sich in eurer Schönheit, und die Hoheit über diese zu befinden liegt bei euch selbst. Lassen wir mal den flapsigen Ton beiseite: Es ist doch einfach furchtbar, wie durchtränkt dieser gesamte Artikel, der am Ende mit diesem „praktischen Vorschlag“ gekrönt wird, mit den Vorstellungen der patriarchalen Unterordnung der Frau, deren Wert sich darin bemisst, wie schön, wie attraktiv, sie ist und schließlich, wie gut sie sich auf einem Markt verkaufen kann – sei es als tatsächlich prostituierte Frau mit materieller Entgeltung oder nur in dem hier angedachten symbolischen Sinn. Ich weiß nicht, aber das ist doch irgendwie unendlich traurig???

Der Titel des zweiten Textes, zu dem ich was sagen möchte, knüpft an dieser Stelle wunderbar an: Für „Huren sind wir alle“ bekommt das liberalfeministische Missy Magazine gerade mal wieder in der ihrigen Facebook-Kommentarspalte ordentlich die Hucke voll. Meines Erachtens völlig zu Recht.

Der Autor, „Christian Schmacht, geboren 1989, queerer Autor und Sexarbeiter, […] mag es […] sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben“, steigt ein mit der Schilderung einer „konsensualen Sexzene, die an Erfahrungen von sexualisierter Gewalt erinnern kann.“ Auf eine Zitierung meinerseits wird verzichtet, die Schlagworte Kehlenfick, Tränen, Würgereflex, Kotze, Gesichtsbesamung dürften reichen.

Irgendwie spricht es für sich selbst, wenn man angesichts von deutlichen Schilderungen von Gewalt und Erniedrigung extra darauf hinweisen muss, dass es sich um konsensuale Handlungen handelt. Das liegt daran, dass mit dem Konsens-Konzept auch die brutalsten Foltermethoden legitimiert werden können, denn „er/sie wollte es ja so“. Nicht hinterfragt wird dabei, woher diese Wünsche, diese Zustimmung überhaupt herrührt. Das alles führt, wie wir schon häufig erläutert haben, dazu, dass es keinen objektiven Gewaltbegriff mehr in Bezug auf die Sexualität gibt, obwohl ein Gewaltakt nun mal auch dann ein Gewaltakt bleibt, wenn er von demjenigen oder derjenigen, der/die ihn erfährt subjektiv nicht als Gewalt aufgefasst wird. Liberale Konfusionsarbeit at its best.

Die ehemalige Prostituierte Huschke Mau kommentiert dies richtigerweise wie folgt:

Echt schade, dass ihr anscheinend nicht wisst, was sexualisierte Gewalt ist. Denn ja, wenn mir jemand den Schwanz reinschiebt bis ich kotzen muss, obwohl das nicht abgesprochen war, dann IST das sexualisierte Gewalt und keine “konsensuale Sexszene” die an “sexualisierte Gewalt erinnern kann”. Ich als Exprostituierte danke trotzdem für den Artikel: Das Sexgeschäft wird in ihm realistisch dargestellt. Wenn auch, wie man bei euch nach diesem Artikel ja vermuten muss, unfreiwillig und nicht bewusst. Aber es wird klar, Freier sind grenzüberschreitende, gewaltausübende Täter. Danke dafür.“

Der Autor fährt fort:

Dann gehe ich mich waschen und lasse unterwegs das Kotzhandtuch verschwinden und denke daran, wie wir gerade erst diesen Song von SXTN gehört haben, Skyler und ich: „Hass Frau, du nichts, ich Mann. Blase, bis du kotzt, aber kotz auf meinen Schwanz.“ Sie haben die Stimme von Alice Schwarzer gesampelt, die sich in einer Talkshow über HipHop empört, und dazu rappen sie von Frauenhass. Das war gestern, als wir nachts über die Autobahn fuhren. Wir redeten über die Lyrics und waren uns einig, dass sie uns gefallen und dass wir Alice Schwarzer hassen und dass SXTN es schaffen, gleichzeitig Typen zu dissen und sich über Alice-Schwarzer-Feminismus lustig zu machen.“

Das ist Feminismus 2.0.: Frauenhass im allgemeinen (SXTN Lyrics) und Frauenhass im konkreten (Hass auf Alice Schwarzer) sind damit ganz offensichtlich problemlos kompatibel. Und klar: Das allseits beliebte Alice Schwarzer Bashing funktioniert in gewissen Kreisen sowieso IMMER. So ein durchschaubares fishing for sympathies. Warum echte Gesellschaftskritik üben, wenn einen die Herzen der Sexualliberalen auch schon für „Schlag die Alice“ zufliegen.

Und auch die Rapperin Sooke, die in gewissen Kreisen durch einen vermeintlich transphoben Songtext in Ungnade gefallen ist, bekommt nochmal eins mitgegeben:

„Die queere Rapperin Sookee hat einen Song gemacht über Sexarbeit auf ihrem neuen Album. Der Song heißt „Hurensohn“ und handelt vom Sohn einer Hure und davon, dass er ein richtig liebenswerter Bursche ist, der seine Mutter respektiert. Ich höre ihn mir manchmal an, weil er so unangenehm ist, wie auf einem entzündeten Pickel rumzudrücken, um den Schmerz zu spüren und den Eiter fließen zu sehen. Ich frage mich, warum Sookee nicht stattdessen über sich selbst schreibt. Darüber, warum sie selbst keine Sexarbeiterin ist (falls sie keine Sexarbeiterin ist), oder wie oft in ihrem Leben sie schon sexuelle Dienstleistungen gegen andere Vorzüge eingetauscht hat?“

Das klingt ein bisschen so, als solle sie sich – vermutlich eigentlich wir alle –  jetzt dafür rechtfertigen, dass /wenn sie/wir selbst keine „Sexarbeiterin“ / „Hure“ ist/sind. Denn eigentlich und überhaupt, wisst ihr:

„Sexuelle Dienstleistungen gegen Aufmerksamkeit ist ein bewährter Deal, dafür brauchen wir uns nicht zu schämen. Klar hat sie mehr verdient, ich auch, wir alle. Aber im Leben gibt es viele miese Deals.“

Eine Kommentatorin fasst trefflich zusammen: „Neoliberal as fuck, literally.“ Yup, genau das ist es! Forderungen, Vorschläge, Ideen dass und wie sich etwas in dieser Gesellschaft ändern kann sucht man hier vergebens. Stattdessen die übliche Leier, wir prostituieren uns eh ALLE, die einen so und die anderen so, aber „so ist das Leben“ und schön, dass wir mal drüber geredet haben und das wars? Ahjo.

Das Missy Magazine unterstreicht in der Kommentarspalte das Anliegen des Autors die Grenzen in Bezug auf die Gruppe von Menschen, die als Prostitutierte zu bezeichnen sind, auszuweiten:

„Der Text weist auf etwas hin, was sehr viele Sexarbeitsgegner*innen verkürzen beziehungsweise nicht mitdenken: Wo beginnt Sexarbeit eigentlich?“

Hätten die Missys vielleicht mal Radfem Klassiker wie „Pornographie“ von Andrea Dworkin gelesen, dann wüssten sie, dass diese von ihnen vertretene Sichtweise urpatriarchal ist. In der patriarchalen Lesart gibt es genau zwei Arten von Huren: 1) Die Ehe-Hure, die der Privatbesitz eines einzigen Mannes ist, und diesem sexuell zur Verfügung zu stehen hat (wir erinnern uns vielleicht daran, dass Vergewaltigung in der Ehe erst seit den späten 1990er Jahren ein Straftatbestand ist?) und 2) die Hure, die Allgemeinbesitz ist, und an der sich alle Männer erfreuen dürfen. Welche dieser beiden für uns vorgesehenen Rollen, die beide eine Seite der selben patriarchalen Medaille sind, uns genehm ist, das dürfen wir uns aussuchen, wenn es nicht für uns ausgesucht wird.

Also, was sollen wir in unserer Gesellschaftsanalyse denn bitte noch erweitern, liebe Missys? Die von euch konstatierte Verkürzung trifft doch vor allem auf euch selbst zu.

Aber dankbar können wir euch ja irgendwie schon sein für diesen Peak-Libfem-esken-Artikel, macht ruhig weiter so, denn wie einer bei euch so schön schreibt:

„Zumindest danke ich dafür, dass ich einen Text habe, mit dem ich unkompliziert vermitteln kann, weshalb ich keinen käuflichen Sex will.“

Gender ist keine Identität, es ist ein Werkzeug des Patriarchats: Eine feministische Sicht auf Genderidentitätspolitik

Dieser Text ist eine Übersetzung des am 15. August 2016 auf dem Blog Gender Critical Greens erschienenen Beitrags »Gender is not an identity, it is a tool of patriarchy: A feminist view of gender-identity«. Feststehende oder teilweise ins Deutsche übernommene englische Begriffe sind in Klammern ergänzt. Fußnoten entsprechen Erklärungen und Anmerkungen der Übersetzerin.

Menschen sind alle einfach in Ordnung

Männer sind in Ordnung, Frauen sind in Ordnung. Jeder Körper ist in Ordnung, jeder Körper ist perfekt. Wenn wir das glauben, dann muss jedes Gefühl der Abspaltung oder negative Gefühle gegenüber unseren Körpern eine furchtbare Qual sein, ob nun durch Trauma, Misshandlung, gesellschaftlichen Druck, Verletzung, Krankheit, Sexismus, Rassismus oder Disableismus[1] verursacht.

Biologie

Biologisch kommen Menschen in zwei Geschlechtern vor, d. h. wir sind sexuell[2] zweigestaltig (dimorph). Eine kleine Anzahl von Menschen wird intersexuell geboren, was die Realität von zwei Geschlechtern aber nicht negiert, sondern eher bestätigt. Man kann keine Kombination von zwei Dingen sein, wenn die beiden Dinge nicht existieren. Herkömmlicherweise wurden die Körper intersexueller Menschen chirurgisch bei der Geburt verändert, um dem einen oder anderen Geschlecht zu entsprechen. Allerdings gibt es mittlerweile eine Bewegung von intersexuellen Menschen, die die Validität dieses Vorgehens anzweifeln. Wenn alle Körper gut sind, warum sollte man Säuglingen, die nicht in der Lage sind zuzustimmen, diese Konformität aufzwingen? Warum sollte man perfekte Körper, wie es alle Körper sind, chirurgisch verändern?

Feministische Ansichten zu Unterdrückung

Die Feministische Denkweise, wie sie durch Bewusstseinsbildung, Schreiben und Aktivismus entwickelt wurde, bietet eine Analyse von biologischem (Sex) und sozialem Geschlecht (Gender), die Gender als ein System von Erwartungen, Zwängen und Hierachie betrachtet, das Männern und Frauen aufgenötigt wird. Sie behauptet, dass die patriarchale Gesellschaft ein hierarchisches System der Unterdrückung zwischen den biologischen Geschlechtern erschaffen hat, demzufolge Männer als Klasse Macht über Frauen als Klasse haben. Diese repressive Hierarchie überschneidet sich mit allen anderen Hierachien, sprich Rassismus, Disableismus, Klassismus,[3] Homophobie, usw., um komplexe, verwobene Hierachien zu schaffen, die unterschiedliche Konsequenzen für verschiedene Gruppen haben. Individuen in einer Unterdrückergruppe können natürlich verletzt und verzweifelt sein, auch infolge ihrer Rolle in der Hierachie. Der Feminismus konzentriert sich auf die Bedeutung unseres biologischen Geschlechtes, denn wenn wir uns anschauen, wie Sexismus2 funktioniert, beobachten wir durch unsere Erfahrungen, dass Biologie die Entschuldigung für die Unterdrückung von Frauen sowie ein wesentlicher und entscheidender Schauplatz dieser Unterdrückung ist. Wir werden also nicht aufgrund dessen, wie wir uns identifizieren, in dieser Gesellschaft unterdrückt, diskriminiert, kontrolliert und misshandelt, sondern durch das Fortpflanzungssystem unserer Körper, durch sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung (und die Bedrohung durch sie), durch Prostitution, Pornographie, Gebärfähigkeit und alle Aspekte unserer Fruchtbarkeit. Seit Tausenden von Jahren haben Männer Frauen kontrolliert – ökonomisch, sozial, sexuell, emotional und physisch – durch unsere Körper und unsere Fruchtbarkeit.

Diese Ansicht bedeutet nicht, dass wir der Biologie erlauben, uns zu definieren. Im Gegenteil macht Feminismus geltend, dass jede Frau alles tun oder sein kann, dass die Tatsache unserer Weiblichkeit niemals ein limitierender Faktor sein sollte, dass wir ohne Einschränkungen sein sollten und dass alles, was uns als Frauen einschränkt, kontrolliert, diskriminiert oder verletzt, falsch ist. Aber wir können uns nicht einfach aus der Unterdrückung herausidentifizieren, und das Verleugnen der Realität unserer biologischen Beschaffenheit hindert uns daran, das benennen, konfrontieren und uns dagegen organisieren zu können, was uns durch unsere Körper angetan wird.

Feministische Ansichten zu Gender

Gender ist ein Set an gesellschaftlich auferlegten, gesellschaftlich konstruierten Normen, die die Struktur, durch die alle Männer und Frauen (in Schubladen) eingesperrt werden, aber im Speziellen auch die Bausteine der Hierarchie zwischen Männern und Frauen sind. Ab einem sehr jungen Alter, fast ab der Geburt,[4] werden diese Gendererwartungen durch die Kleidung, die wir tragen, die Spielsachen, mit denen wir spielen, die Farben, die als angemessen betrachtet werden, das Verhalten, das von uns erwartet wird, die Haltung, die uns gegenüber ausgedrückt wird, aufgezwungen. Sie mögen von Kultur zu Kultur und durch die Geschichte hindurch variieren, aber der Zweck ist derselbe, nämlich uns entsprechend unseres biologischen Geschlechtes in die Rollen der Gesellschaft umzumodeln. Diese Genderschubladen sind schädlich für Jungen und Männer, vor allem in dem Maße, dass sie den Ausdruck von Gefühlen der Traurigkeit, Kummer oder Angst streng verbieten und das Weinen und Zittern als Schwach- und Femininsein unterdrücken. Sie prägen unsere Jungen in einen Zustand der Abspaltung von ihren Gefühlen, was zutiefst schädlich für sie selbst und die Gesellschaft ist. In vielerlei Hinsicht sind jedoch die Einschränkungen, die Mädchen durch Gender auferlegt werden, die Grundlage für den Sexismus und die Misogynie, die das Leben von Frauen zerstört.

Genderidentität?

Gender ist, was Feminismus seit Jahrzehnten kritisiert hat, so dass das neuere Konzept der Genderidentität als etwas, das gewählt und gefeiert werden kann, für Feministinnen ein seltsames ist. Die Kategorien nichtbinär (non-binary), genderfließend (genderfluid), agender und eine Unzahl anderer Identitäten scheinen Ausdrücke der Unzufriedenheit mit »Frausein« oder »Mannsein« in dieser Gesellschaft zu sein. Zu Recht! Niemand möchte durch seine Biologie, durch das, was die Gesellschaft uns auf Basis unserer Biologie aufzwingt, durch sozial konstruierte Genderrollen eingeschränkt werden. Aber die Realität zu leugnen, indem versucht wird, sich aus Mann- oder Frausein herauszuidentifizieren, wird nicht nur nicht funktionieren, da Sexismus sich nicht darum schert, wie wir uns »identifizieren« könnten, sondern auch unwillentlich die Genderrollen verstärken. Es ist wie unsere Hände hochzuhalten und zu sagen »Du hast gewonnen, eine Frau kann in dieser Gesellschaft nicht stark sein, ein Mann kann nicht einfühlsam und fürsorglich sein, und da ich all das sein will, bin ich eindeutig keine Frau/kein Mann.« Nein, nein, nein! Lasst uns nicht die Lügen des Patriarchats schlucken, lasst uns darauf beharren, dass die objektive Definition von uns als weiblich oder männlich, die auf biologischen Realitäten basiert, niemals unsere Persönlichkeit, unsere Haltungen, unsere Fähigkeiten, unsere Wünsche, unser Verhalten, unseren Platz in der Welt definieren wird.

Es ist zudem sehr gefährlich, unsere Biologie zu verleugnen. Menschen können ihr Geschlecht nicht wirklich ändern. Wir können Hormone nehmen und uns auf chirurgische Veränderungen an unseren Körpern einlassen. Diese können unser Aussehen, Stimme, Körperbehaarung, Brüste, Genitalien verändern, aber wir werden immer biologisch sein, als was wir geboren wurden, und gesundheitliche Bedürfnisse haben, die darauf basieren, dass z. B. nur Männer Prostatakrebs bekommen und sich Symptome von Herzkrankheiten für Frauen anders äußern.

Transitionieren

Wenn wir geboren werden, werden wir aufgrund objektiver Beobachtungen der Genitalien als männlich oder weiblich bezeichnet und nicht, wie es gerade modisch wird zu sagen, »bei der Geburt dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zugewiesen« (assigned female/male at birth). Was uns zugewiesen wird, sind gesellschaftliche Rollen basierend auf unserem (biologischen) Geschlecht, und das ist es, was problematisch ist. Transitionieren, wie weit eine Person damit auch gehen könnte, kann jemanden also nicht in das gegenteilige Geschlecht transformieren. Man kann nur »als« das gegenteilige Geschlecht »leben«, also sozial transitionieren und sein Erscheinungsbild ändern. Viele von uns, besonders in der LGB-Gemeinschaft und der Frauenbewegung, respektieren die Entscheidung von Individuen, dies zu tun, seit Jahren, indem wir sie mit dem Namen und dem Pronomen, das sie erbitten, ansprechen; und die grundlegenden Menschenrechte diktieren, dass niemand auf Basis dieser Entscheidung diskriminiert werden sollte, sei es beim Arbeitsplatz, Wohnraum, Zugang zu Dienstleistungen, usw. Noch sollte irgendeine Transperson misshandelt oder angegriffen werden. Jede derartige Diskriminierung oder Misshandlung wird zu Recht »Transphobie« genannt.

»Männlich-zu-Trans«-Menschen

Männlich-zu-Trans-Menschen[5] (male to trans, MTT) wurden als Männer, also Mitglieder der Gruppe, der Macht und Privilegien gegenüber Frauen gewährt werden, erzogen. Sie wurden dazu konditioniert, die Privilegien dieser Gruppe zu übernehmen, und haben tatsächlich von diesen Privilegien profitiert. Sie werden unweigerlich Verhaltensmuster und Anspruchshaltung (entitlement), die mit dieser Gruppe verbunden sind, in sich tragen. Das ist wahr, wie verletzt oder verzweifelt sie sich auch gefühlt haben. Zu behaupten, dass sie eigentlich Frauen sind, Mitglieder der unterdrückten Gruppe, und überdies, obwohl sie männliche Körper haben und als männliche Menschen erzogen wurden, immer Frauen waren; Zugehörigkeit zur unterdrückten Gruppe zu beanspruchen und somit die Definition dieser Gruppe (sprich weiblich als objektiv durch das biologische Geschlecht definiert) zu ändern ist eine extreme Form von Sexismus und besonders bitter für Frauen selbst. Die Behauptung »Transfrauen sind Frauen« ist eine Ideologie ohne faktische Grundlage, die von vielen MTTs nicht geglaubt oder eingehalten wird. Die Übernahme dieser Behauptung ist nicht die einzige Art, Transmenschen zu unterstützen, und tatsächlich ziemlich wenig hilfreich für Individuen, die damit hadern, einen Weg zu finden, glücklich in ihren männlichen Körpern zu leben. Der Grund, dass diese Behauptung eigentlich keine Grundlage hat, ist, was, abgesehen von biologischem Geschlecht, ist die Definition von weiblich? Ist es ein Gefühl? Ist es eine Identität? Ist es ein Hirn getrennt von einem Körper? Die von uns, die als Frauen geboren und erzogen wurden und als Frauen in dieser Gesellschaft leben, mögen ganz nachvollziehbarerweise sagen, dass solche Definitionen eine Beleidigung gegenüber unseren Leben und Erfahrungen sind, gegenüber den 85 000 Frauen, von denen bekannt ist, dass sie jedes Jahr in England und Wales vergewaltigt werden, gegenüber den 35 % von Frauen weltweit, die männliche Gewalt durchleben. Jeder Versuch, weiblich anders als durch Biologie zu definieren, greift unweigerlich auf Genderstereotype zurück, so dass alle Verweise dieser Ideologie darauf, »eine Frau zu sein« oder »sich wie eine Frau zu fühlen«, auf solchen sozial konstruierten Ideen beruhen, wie feminine Kleidung tragen, mit Puppen spielen, Make-up tragen, »mädchenhafte« Dinge tun und ganz entscheidend keine »Jungs«-Sachen machen zu wollen. Seltsamerweise manifestiert sich das selten in dem Bedürfnis, Hausarbeit zu erledigen oder 14 % weniger Bezahlung zu erhalten, als sie das als Mann täten. Es wird als Ablehnung von Genderrollen porträtiert, ist aber eigentlich eine Übernahme der Stereotype, die mit dem gegenteiligen Geschlecht verbunden werden, somit ein Verstärken dieser Stereotype, da diese nur zu einem Geschlecht gehören, und demnach eine zutiefst traditionelle, regressive und misogyne Einstellung. Sorry, Jungs, dass ihr es nicht schafft, aus eurer restriktiven Genderschublade auszubrechen, indem ihr in unsere springt und uns in diesem Vorgang umdefiniert! Das müsst ihr auch nicht. Männer können alles sein, alles tragen, alles tun, alles fühlen. Frauen definieren oder limitieren euch nicht, nur das Konzept von Gender tut es.

Der Backlash gegen den Feminismus…

Die feministische Kritik und Anfechtung der Genderrollen hatte ein großes Maß an Erfolg in den 70ern und 80ern, zum Vorteil von allen. Early Learning Centres[6] warben für das ent-gendern von Spielzeug, Mädchen konnten Latzhosen tragen und auf Bäume klettern, Jungen konnten sich durch Spielen mit Puppen auf die Vaterschaft vorbereiten, Bücher entwickelten sich von »Janet und John«[7] zu Geschichten mit starken weiblichen Charakteren weiter. Der Rückschlag (Backlash) gegen den Feminismus wurde absichtlich von einem kapitalistischen System gefördert, das es vorzog zweimal so viele Güter an Eltern zu verkaufen, und mit diesem Backlash wurden Genderrollen enger denn je. Die Gesellschaft ließ sich auf die ganze Prinzessinnenmetapher mit sexualisierter Kleidung für jüngere und jüngere Mädchen ein, während Jungen zurück in die Macho-Superheldenrollen gedrückt wurden und von ihnen einmal mehr erwartet wurde, hart zu sein und niemals Gefühle zu zeigen. Das war eine absichtliche Umkehrung von vielen der Errungenschaften der Frauenbefreiungsbewegung und schädlich für uns alle.

…und seine Konsequenzen

Es ist kein Zufall, dass die jüngste massive Zunahme und das Interesse am Transitionieren, besonders unter Jugendlichen, zu einer Zeit aufgetreten ist, in der die Verengung der Genderrollen zu einer Tyrannei geworden ist und junge Menschen zu Recht aus diesen Schubladen ausbrechen wollen. Die feministische Analyse von Machtverhältnissen ist über die Jahre zu der Notwendigkeit von »Gendergleichberechtigung« verunglimpft worden, als wenn willkürliche und unerklärliche Diskriminierung eher das Problem wäre, als ein bewusst kultiviertes Machtsystem. Das Fehlen einer Analyse, dass Genderrollen und Hierarchie das Problem sind, hat zu der Auffassung geführt, dass, wenn wir die Regeln und Rollen der Gesellschaft nicht mögen, etwas mit uns falsch ist und wir uns selbst ändern müssen; dass »Gender« die Realität ist und nicht biologisches Geschlecht; dass wir uns selbst neu definieren müssen, nicht als das Geschlecht, das wir sind, sondern entweder als das gegenteilige Geschlecht oder als eine neue »Genderidentität«. Die feministische Sicht, dass Gender eine Illusion ist, ein gesellschaftlich aufgezwungenes Set an Regeln, die Männer und Frauen auf ihren Plätzen halten und die Vorherrschaft von Männern über Frauen aufrechterhalten, ist eine, von der viele junge Menschen abgehalten wurden, sie zu hören, durch eine Gesellschaft, die ein Interesse daran hat, den Status quo zu wahren. Es scheint immer noch revolutionär zu sein, zu sagen, »Frauen und Mädchen können alles sein, Jungen und Männer können alles sein! Da ist nichts falsch an dir, wenn du dich nicht anpasst, es ist die Gesellschaft, die falschliegt!«. Es ist jetzt dringender denn je geworden, das laut und deutlich zu reklamieren, denn unsere Mädchen werden in den Stürmen der Genderidentität hin und her geschleudert und kommen zu einigen besorgniserregenden und geradezu gefährlichen Schlussfolgerungen.

»Weiblich-zu-Trans«-Menschen

Der größte Anstieg an Überweisungen zu »Genderidentität«-Kliniken findet sich neuerdings unter Mädchen und jungen Frauen. Unsere Aufmerksamkeit wurde von MTTs beansprucht, die durch die Wirksamkeit von männlichen Mustern der Anspruchshaltung und Selbstzentrierung, mit denen sie aufgezogen wurden, die ganze mediale Aufmerksamkeit eingenommen haben. Frauen sind damit beschäftigt, den Eingriff in unsere hart erkämpften Räume für frauenzentrierte Praxis, z. B. Krisenzentren für Vergewaltigungsopfer, Frauenhäuser, feministische Organisationen und lesbische Räume, zu bewältigen und zu versuchen, Lösungen auszuhandeln, die inklusiv sind, aber als Frauen geborenen Frauen das Recht erlauben, sich zu treffen und sich zusammen zu organisieren. Aber währenddessen werden unsere gendernichtkonformen Mädchen hinter unseren Rücken ermutigt zu denken, dass sie männlich sind. Das ereignet sich auf Seiten sozialer Medien wie Reddit und Tumblr durch eine Ideologie, die besagt, wenn du nicht feminin bist oder dir Femininsein nicht behagt, dann bist du nicht weiblich. Viele Mädchen, die in unserer derzeit hochsexualisierten Gesellschaft in die Pubertät kommen, sind beunruhigt, ängstlich, unglücklich damit und lehnen ab, was von ihnen erwartet wird, wenn ihre Körper sich ändern. Das muss nicht überraschen. Umgeben zu sein von einer Generation an Jungen, groß geworden mit Internetpornographie und konfrontiert mit hypersexualisierten Bildern von Frauen, stellt ein einschüchterndes, wenn nicht gar geradezu missbräuchliches Klima für heranwachsende Mädchen dar. Kaum verwunderlich also, dass Mädchen die Rolle der sexuellen Verfügbarkeit ablehnen und mit ihr ihre eigenen sich entwickelnden Körper, die ein Magnet für alles von »kleineren« Objektifizierungen bis hin zu völligem sexuellen Missbrauch zu sein scheinen. Die Vergewaltigungskultur (rape culture) ist gesund und munter, und Mädchen, die durch die Stromschnellen der Pubertät navigieren, haben jeden Grund, es abzulehnen, eine Frau zu werden. Es gibt derzeit nur sehr wenig Spielraum oder Möglichkeiten, sich als Frau in dieser Gesellschaft aus der Objektifizierung auszuklinken.

Extrem besorgniserregend ist, dass ein Mädchen, das sich einer Genderidentitätsklinik als potentiell »trans« vorstellt, zumeist als Ergebnis einer Social-Media-Kultur, die sie animiert hat zu glauben, dass sie das vielleicht sei, zunehmend in dieser starren Position »bestätigt« wird, was nahezu unvermeidlich zur gesellschaftlichen Transition führt. Mädchen binden dann ihre Brüste ab, was zu eingeengten Lungen und Atmungsproblemen führt. Mädchen haben Mastektomien.[8] Mädchen nehmen pubertätshemmende Hormone, gefolgt von Testosteron (das nicht allgemein für Mädchen und Frauen zugelassen ist), was häufig in dauerhafter Sterilisation resultiert. Dauerhafte Sterilisation, ermöglicht von Erwachsenen in verantwortlichen Funktionen. Von künftigen Genitaloperationen ganz zu schweigen. Solch ein Weg sollte absolut die letzte Option sein, wenn die ganze andere therapeutische Unterstützung ausgeschöpft worden ist. Die Erwachsenengesellschaft lässt unsere jungen gendernonkonformen Mädchen allumfassend im Stich. Wir sollten ihnen dazu gratulieren, die Erfüllung femininer Genderollen zu verweigern, ihnen vergewissern, dass da nichts wie auch immer falsch an ihnen und ihren Körpern ist, und die Schuld einzig und allein einer misogynen Kultur aufladen. Wie konnte es dazu kommen, dass es eine fortschrittliche Position ist, die Verstümmelung von Mädchenkörpern zu fördern, wenn das Leben als weiblicher Mensch für sie unerträglich geworden ist? Warum geraten wir nicht in Aufruhr deswegen? Junge Leute werden immer mit Stilen, Verhaltensweisen, Definitionen und Identitäten experimentieren. Und sie werden ein Reinreden der Erwachsenenwelt in ihre Kultur nicht begrüßen. Aber wir reden hier nicht nur von einer Gothikphase. Erwachsene, inklusive Eltern und Fachleute aller Art, haben eine Verpflichtung, für unsere jungen Leute zu sorgen, und die Konsequenzen der Transition für Mädchen sind einfach zu drastisch und langlebig, um sie dieser Ideologie zu überlassen.

Lesbische Bekehrung & professionelle Verantwortung

Was auch klar ist, ist, dass viele dieser Mädchen, wenn man sie in Ruhe ließe, sicherlich zu Lesben heranwachsen würden. Das wissen wir von den Berichten detransitionierender Frauen ebenso wie von Lesben, die wissen, dass sie als trans gesehen worden wären, wenn das derzeitige Klima um sie herum geherrscht hätte, als sie jung waren. In wiederholten Studien wurde gezeigt, dass eine lesbische Identität in Mädchen für gewöhnlich oft nicht bis zum Ende des Teenageralters oder den frühen Zwanzigern ausgebildet ist. Das bedeutet, dass viele Mädchen, die zu selbstidentifizierenden Lesben heranwachsen würden, durch soziale Medien, Transideologie und wohlmeinende, aber fehlgeleitete Fachanlaufstellen zu dem Glauben »verführt« (»groomed«) werden, sie seien eher »trans« als einfach Mädchen, die es ablehnen, sexuell für Jungen und Männer verfügbar zu sein oder ihre erwartete Rolle als junge Frauen zu erfüllen. Es gibt Fälle von jungen Menschen, denen in Transforen geraten wird, ihren Eltern zu sagen, dass sie suizidal sind, um an die gewünschte Behandlung zu gelangen. Was für eine perverse Gesellschaft bietet Müttern die Wahl zwischen Mastektomie oder Selbstmord für ihre geliebten Töchter? Diesen Mädchen und ihren Eltern ist nicht gedient mit professionellen Stellen, die sich auf ein Denksystem eingelassen haben, das besagt, wir müssen die Identität einer jungen Person um jeden Preis bestätigen und etwas anderes zu tun ist »transphob«. Wir haben die Verantwortung, eine alternative feministische Perspektive auf ihre Not als junge Frauen anzubieten. Wir würden die Sicht einer Anorektikerin auf sich selbst als fett oder das selbstverletzende »Recht« von Jugendlichen darauf, ihre Körper zu schädigen, nicht »bestätigen«. Wir würden uns die tiefer liegenden Ursachen ansehen und unsere Sorgfaltspflicht immer, immer ernst nehmen. Das Gleiche muss bei Fällen von potentiellen »Trans«-Jugendlichen getan werden.

Es gibt auch zunehmende Bestrebungen, das Konzept, dass es möglich sei, das Geschlecht zu ändern, gegenüber immer jüngeren und jüngeren Kindern zu normalisieren, immer mit dem Verweis auf Genderstereotype. Bücher für 3–5-jährige unterbreiten die regressive Unwahrheit, wenn du eine Schleife im Haar tragen und feminine Dinge tun willst, dann musst du natürlich ein Mädchen sein, und wenn es dein Wunsch ist, Femininität, die Farbe Pink und Rüschenkleider abzulehnen, also ein aktives, dynamisches Mädchen zu sein, dann musst du ein Junge sein. Wie konnte es dazu kommen? Und wie konnte man es auch noch als feministisch betrachten?

Gender & Realität

Wir hören immer wieder von Leuten, die sich selbst als trans definieren, dass sie sich wie eine Frau fühlen, die im Körper eines Mannes gefangen ist, oder andersherum. Frauen wissen, dass ihre Realität kein Gefühl ist, das irgendein Mann beanspruchen kann, aber wir müssen anerkennen, dass dieses Gefühl real ist. Es ist vollkommen zulässig zu beteuern, dass man Gefühle von Unzufriedenheit oder Abspaltung gegenüber seinem Körper hat, allgemein Körperdysmorphie genannt. (Genderdysphorie ist ein eher umstrittener Begriff. Wenn Gender ein soziales Konstrukt und nicht angeboren ist, wie es der Feminismus behauptet, dann ist mit seinem Gender unzufrieden zu sein einfach menschlich, und somit sind wir alle tatsächlich oder potentiell genderdysphorisch, was es eher zu einem unsinnigen Begriff macht.) Doch dieses Leiden als »sich wie eine Frau fühlen« zu umschreiben, birgt eine Reihe an Fragen. Wie kann jemand wissen, wie sich das gegenteilige Geschlecht fühlt? Ist Frau- oder Mannsein mehr ein Gefühl als eine biologische Realität? Abgesehen davon sind Gefühle keine gute Handlungsanleitung. Alles, was sich als schlechtes Gefühl über einen selbst ausdrückt, besonders wenn es so unerträglich wird, dass man nicht fähig ist, in dem Körper, den man hat, zu leben, ist sicherlich etwas, womit eine Person therapeutische Hilfe braucht. Gefühle müssen durch unsere natürlichen Heilungsprozesse des Weinens, Zitterns, usw. rausgelassen werden und die Arbeit mit einer/m guten Therapeut/in wird das erreichen. Tiefe Gefühle bedürfen tiefer Befreiung. Wir alle wissen, wieviel besser wir uns nach einem guten, langen Weinkrampf fühlen können. Natürlich ist verständnisvolle therapeutische Hilfe sehr oft nicht verfügbar, zumindest sicherlich nicht in hinreichendem Umfang und Qualität, um tief verwurzeltes Leid zu bewältigen, und wir wissen von Detransitionierten und anderen, dass Körperdysmorphie ihre Wurzeln oft in physischem oder sexuellem Missbrauch oder anderen traumatischen Lebenserfahrungen hat, wobei die Genderkomponente des Leidens nur der  oberen Schicht entspricht. Auf diese Weise werden die Gefühle der Notwendigkeit, das Geschlecht zu verändern, nicht nur validiert, sondern auch als ein vernünftiger Leitfaden für das Handeln einer Gesellschaft dargestellt, die Gendernonkonformität nicht ertragen kann und aktiv bestraft. Wenn Individuen, die Körperdysmorphie in solch einem Ausmaß erleben, dass sie sich in einer Genderidentitätsklinik vorstellen, keine umfassende therapeutische Unterstützung zuteil wird, um die Ursachen für ihr Leiden freizulegen und ihnen zu helfen, sich von ihrem Schmerz zu erholen, sondern sie eher in ihrer Selbstdiagnose »bestätigt« werden, dann gibt die Gesellschaft ihre Verantwortlichkeit ab und lässt sie im Stich.

Drogen

Wie mit vielen anderen Situationen in der Gesellschaft, bedeutet das Fehlen einer vernünftigen, konsequenten und angemessenen therapeutischen Hilfe, dass die Menschen alternative Mittel zur Bewältigung ihres Schmerzes finden müssen. Das manifestiert sich häufig in der Einnahme von Drogen. Vom Kaffee jeden Morgen, um uns selbst aufzuwecken, über Tabletten, um uns beim Einschlafen zu helfen, bis hin zu Alkohol oder illegalen Drogen, um unsere Gefühle zu betäuben, und Medikamenten gegen psychische Erkrankungen können Drogen uns besser fühlen lassen und sind in einer mangelhaften Gesellschaft eine Lösung, bei der die meisten von uns mehr oder minder mitmachen. Hormonelle Medikamente unterscheiden sich da nicht, so dass eine Person, die Hormone nimmt, um die Attribute des gegenteiligen Geschlechts zu imitieren, sich sehr wohl »besser fühlen« mag. Das ist keine Überraschung, aber es ist nicht mehr ein Beweis dafür, dass sie wirklich ein »Mann in einem Frauenkörper« waren, als dafür, dass eine Anorektikerin wirklich fett ist. Gefühle, obwohl real, sind nicht die Realität.

Transphobie

Machen wir uns klar, dass Lesben, schwule Männer und Frauen allgemein, vor allem Feministinnen, seit Jahrzehnten die lautstärksten, konsequentesten und praktischsten Verbündeten für Transmenschen sind. Wir wissen, wie es ist, missbraucht zu werden, einfach aufgrund dessen, wer man ist, diskriminiert zu werden, AußenseiterInnen in einer starren Gesellschaft zu sein. Frauen, Lesben und schwule Männer sind die natürlichen Verbündeten der Transmenschen. Was hat sich also verändert? Warum gibt es einen Konflikt zwischen Feministinnen und der Transgemeinschaft? Warum wird Germain Greer, eine der Gründungsmütter des Feminismus, in Transkreisen verunglimpft? Warum sind Toiletten zum Schauplatz des Ärgernisses geworden? Warum wird radikalen Feministinnen wie Julie Bindel, eine Lesbe und seit Jahren Aktivistin gegen Gewalt gegen Frauen, in Universitäten kein Rederecht gewährt (no-platforming), eine Taktik, die ursprünglich gegen den Faschismus eingesetzt wurde? Keine progressive Person will transphob sein, und viele Einzelpersonen und Organisationen wurden jüngst dazu verleitet oder genötigt, eine bestimmte Ideologie zu übernehmen, nämlich dass es etwas wie »Genderidentität« gibt, die völlig vom biologischen Geschlecht getrennt ist, dass Mann- oder Frausein ein Gefühl ist, das nichts mit Biologie zu tun hat, und dass die einzige Art, Transmenschen zu unterstützen und wirklich zu vermeiden als transphob betrachtet zu werden, die Übernahme dieser Ideologie ist. Es muss laut und deutlich gesagt werden, dass das nicht wahr ist. Transmenschen sind viele und vielfältig und nicht alle mit dieser Denkweise einverstanden. Viele MTTs und FTTs sehen sich selbst immer noch als das Geschlecht, als das sie geboren wurden. Viele transitionieren nur teilweise, manchmal nur gesellschaftlich, und verändern ihre Identitäten im Laufe der Zeit. Viele entscheiden, dass sie einen Fehler begangen haben oder dass das Transitionieren das Unglück nicht aufgelöst hat, das sie zu vetreiben suchten, und viele dieser Menschen detransitionieren. Die Transideologie würde darauf bestehen, dass wir unbedingt akzeptieren, dass eine MTT-Person eine Frau ist. Das entbindet sie bequemerweise nicht nur von jeglicher Verantwortung für die Männlichkeit, mit der sie aufwuchsen und von der sie profitierten, sondern birgt zudem die Frage: Sind sie nicht länger weiblich, wenn sie detransitionieren? An welchem Punkt wird ein detransitionierender MTT wieder ein Mann? Detransitionierte bringen die essentialistische Ansicht einer angeborenen Genderidentität, die Biologie übertrumpft, in Verlegenheit. Unglücklicherweise für die Transideologie weigern sie sich wegzugehen, und je mehr Transitionen wir sehen, desto mehr werden sie Teil der Landschaft unserer Welt sein.

Die Unterstützung des Rechtes von Transmenschen auf Freiheit von Diskriminierung und Missbrauch muss nicht bedeuten, einer Ideologie zuzustimmen, die sich als rückständig, misogyn und gegen die Befreiung aller Menschen von Genderstereotypen erwiesen hat. Es ist nicht transphob, wissenschaftlich zur Biologie zu stehen oder dem zu widersprechen, dass ein biologischer Mann eigentlich eine Frau ist, nur weil er sagt, dass er es ist. Tatsächlich verharmlost das Beharren auf dieser einen Ansicht reale und schädliche Transphobie. Das resultiert z. B. in den absurden, aber ultimativ gefährlichen Aktionen des NHS (National Health Service),[9] der Erinnerungsmitteilungen zu Gebärmutterhalsabstrichen an MTTs sendet, die keinen Gebärmutterhals haben, und nicht an FTTs, die einen Gebärmutterhals haben. Zweifellos haben Ideologien, wenn sie darauf bestehen Politik und Praxis mitzugestalten, Konsequenzen, und diese Ideologie hat negative Konsequenzen für Transmenschen selbst. Wir müssen dies bei der Prüfung aller vorgeschlagenen Rechtsvorschriften oder Richtlinien zu Transfragen berücksichtigen.

Lesbophobie

Lesben sind Frauen, die sich sexuell zu Frauen hingezogen fühlen. Das wäre bis vor kurzem eine unstrittige Aussage gewesen. Jetzt haben wir eine Situation, in der die genaue Definition von »Frauen« angefochten und umdefiniert wird. Wenn »Frau« nicht länger erwachsener weiblicher Mensch (adult human female) bedeutet, wenn »Frau«-sein einfach ein Gefühl sein kann, wenn eine Person, die als Junge/Mann geboren und erzogen wurde und oft noch einen intakten männlichen Körper besitzt, sich selbst als Frau definieren kann, dann sind die Gesellschaft und vor allem Lesben mit einem Dilemma konfrontiert. Wenn Transfrauen eine unterdrückte Minderheit von Frauen sind, dann könnte logischerweise eine Lesbe, die sagt, sie würde eine Beziehung mit einer Person mit männlichen Genitalien nicht in Betracht ziehen, als transphob bezeichnet werden. Es ist für jede rational denkende Person kaum zu glauben, aber das geschieht tatsächlich. Das nennt sich die »cotton ceiling« (»Baumwolldecke«)[10] und wird benutzt, um Lesben zu kritisieren und missbrauchen. Lesben wird gesagt, sie sind allein dadurch transphob, wer sie sind, Liebhaberinnen von Frauen. Das ist nicht nur lächerlich, sondern zutiefst antilesbisch, und die LGBT-Gemeinschaft und gewiss alle, die sich selbst als GegnerInnen von Homophobie verstehen, müssen das benennen. Es zeigt zudem, wohin Logik, die auf falschen Prämissen beruht, hinführen kann.

Geschlechtergetrennte Einrichtungen

Es ist wichtig, dass alle Menschen, einschließlich Kinder, in der Lage sind, eine öffentliche Toilette oder Umkleide in Sicherheit zu benutzen. Dies wurde herkömmlich durch Trennung auf Basis des biologischen Geschlechtes erreicht, unter der Annahme, dass das hauptsächliche Sicherheitsproblem männliche Gewalt gegenüber und Missbrauch von Frauen und Mädchen ist, obwohl dies die Frage nach der Gewalt heterosexueller Männer gegenüber schwulen Männern aufwirft, denen noch nie praktisch oder rechtlich Einrichtungen zum Schutz vor homophobem Missbrauch angedient wurden. Zweifellos verdient jede Person, die physisch transitioniert ist oder sich im Transitionsprozess befindet, die gleiche Sicherheit vor männlicher Gewalt. Jedoch ist das Beharren darauf, dass Frauen und Mädchen auf ihre eigene Sicherheit verzichten müssen, indem sie Menschen mit männlichen Körpern einfach auf der Grundlage der Selbstdeklaration in reine Frauenräume (female-only spaces) inkludieren, falsch und gefährlich. Viele FTTs stehen verständlicherweise ambivalent dazu, auf die Nutzung von Einrichtungen für Männer zu bestehen, und bevorzugen tatsächlich oft die der Frauen. Also ist das Problem nicht Identität. Das Problem ist männliche Gewalt und das Thema ist Sicherheit. Wir müssen das Problem benennen, um praktische Lösungen zu finden, die die Sicherheit für alle gewährleisten, ohne dass die Rechte einer Gruppe die der anderen außer Kraft setzen. Das ist sicherlich nicht zu viel verlangt von der Menschheit.

Lügen, verdammte Lügen, Statistiken und alles andere

Viele, die unterschiedliche Genderidentitäten annehmen, genießen die Freiheit, sich endlich selbst zu definieren; es liegt ein Element der Verspieltheit und Subversion darin, Teil dieses Trends zu sein, der Spaß macht und verlockend ist. Meinetwegen. Es steht uns allen frei, uns selbst zu nennen, was auch immer wir wollen, wir können unsere Meinung ändern, wir können Spaß daran haben, die gesellschaftlichen Erwartungen zu untergraben. Aber es macht etwas aus, ob Identität oder Biologie das Maß einer Frau oder eines Mannes ist. Es macht etwas aus in der gesellschaftlichen Erfassung von Statistiken. Wenn jeder sich als Frau identifizieren kann, wie können wir dann Informationen über die Position von Frauen in der Gesellschaft z. B. in Hinblick auf Verdiensthöhe, Gesundheit, Kriminalität oder Gewalt sammeln? Wenn die unzähligen Identitäten der Menschen, die sich immer wieder von einem Jahr zum nächsten ändern, die Definitionen sind, nach denen wir Statistiken zusammentragen, dann wird die auf diesen Statistiken beruhende Sozialpolitik nutzlos sein. Es macht etwas aus, in Hinblick auf Gefängnisse, wo eine Transidentität dazu führen kann, dass ein gewalttätiger männlicher Täter mit schutz- und machtlosen Frauen untergebracht wird. Es macht etwas aus im Sport, wo von Frauen nun erwartet wird, gegen biologische Männer anzutreten, denen höhere Testosteronspiegel erlaubt werden als Frauen, die als Frauen geboren wurden. Es macht etwas aus, wenn wir versuchen die jahrhundertelange Diskriminierung gegen Frauen durch die Einführung von Quoten im öffentlichen Leben, in Politik und Organisationen zu beseitigen; wenn jeder sich als Frau identifizieren kann, dann werden als Frauen geborene Frauen einmal mehr auf der Verliererseite stehen. Allen steht frei, sich zu identifizieren, wie auch immer sie wollen, aber sobald wir diese persönliche Präferenz und den Ausdruck von Persönlichkeit auf denselben Status wie biologisches Geschlecht erheben, machen wir auf einen Schlag all die Errungenschaften zunichte, die Frauen erreicht haben und noch immer in unserer männlich dominierten Gesellschaft erreichen müssen.

Debatte & Stille

Debatten und Diskussionen haben sich durchweg als eine essentielle Voraussetzung für progressive Veränderungen in der Gesellschaft erwiesen. Es gibt derzeit gegensätzliche Sichtweisen und Interessenkonflikte zu den Fragen des Sexismus, der Frauenrechte, der Genderidentität und der Transrechte. In progressiven Bewegungen müssen wir immer bestrebt sein weiter zu denken, offen für Debatten zu sein und einander zuzuhören, um Unterdrückung und Misshandlung aller Menschengruppen zu beenden. Es ist daher besorgniserregend, das Mundtotmachen (silencing) von Feministinnen zu beobachten, die eine Transideologie infrage gestellt haben, die darauf beharrt, dass ihre Analyse die Wahrheit ist und der einzige Weg, Transmenschen zu unterstützen. Feministinnen wird das Rederecht in Universitäten entzogen; Frauen werden in den sozialen Medien verbal missbraucht und bedroht; das Akronym TERF (Trans Exclusionary Radical Feminist, Trans-ausschließende Radikalfeministin) wird als Beleidigung und Drohung und misogyne Verunglimpfung gegen Frauen verwendet; Lesben werden regelmäßig Vergewaltigungen angedroht und als transphob gebrandmarkt. Das ist keine Art eine Befreiungsbewegung zu führen und keine Art Verbündete für eine Sache zu gewinnen. Darauf zu beharren, dass Jahrzehnte an feministischem Denken transphob sind, und abweichende Meinungen auszuschalten ist kontraproduktiv und beleidigend. Feministinnen glauben, dass es die einschränkenden Konsequenzen der Genderrollen und -hierarchie sind, die alle Frauen unterdrücken und alle Männer verletzen. Das schließt Menschen ein, die sich zeitweise als trans, genderfließend, nichtbinär, genderqueer, usw. identifizieren könnten. Wir sind alle verärgert über die gesellschaftliche Einschränkung unserer Menschlichkeit aufgrund unseres biologischen Geschlechts. Um dem ein Ende zu setzen und uns zu befreien, müssen wir offen für eine respektvolle Debatte zu diesem Thema sein oder wir werden nie Fortschritte machen. Jedes Mundtotmachen nützt nur einer misogynen, homophoben und patriarchalen Gesellschaft, und dann werden wir alle Verlierer sein. Lasst uns stattdessen diesen Kampf um Freiheit von den lähmenden Genderfesseln gewinnen!

Erläuterungen:

[1] Disableismus bezeichnet Vorurteile oder Diskriminierung aufgrund von Behinderung.

[2] Die Wortherkunft gibt bereits preis, dass sich »sexuell«, »Sexismus«, »homo-, bi-, heterosexuell«, usw. auf das biologische Geschlecht (Sex) und nicht auf das soziale Geschlecht (Gender) oder eine Identität beziehen.

[3] Klassismus bezeichnet Vorurteile oder Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder der sozialen Position und richtet sich überwiegend gegen Angehörige einer »niedrigeren« sozialen Klasse.

[4] Bedenkt man, dass weibliche Föten in einigen Ländern besonders häufig abgetrieben werden, dass Frauen generell und insbesondere Frauen, die keine Söhne gebären, in einigen Ländern schlechter ernährt werden, was sich zwangsweise auf das Ungeborene auswirkt, dann ergibt sich die Schlussfolgerung, dass Kinder bereits vor der Geburt mit diesen Erwartungen und Haltungen konfrontiert werden.

[5] Neuerdings wird zunehmend der Begriff »transidentifizierte Männer/Frauen« (trans-identified males/females, TIM/FIM) als genauere Alternative zu Männlich/Weiblich-zu-Trans (male/female to trans, MTT/FTT) verwendet. MTT/FTT impliziert, dass das Mann-/Frausein verlassen oder abgelegt werden könne, wohingegen TIM/FIM deutlich macht, dass es sich bei der Person nach wie vor um einen Mann/eine Frau handelt.

[6] Early Learning Centre ist eine frühere britische Ladenkette, die Spielzeug für sehr junge Kinder verkaufte und jetzt als Versandhandel vertreibt.

[7] Janet und John sind die Hauptcharaktere einer englischsprachigen Kinderbuchreihe für 4- bis 7-Jährige.

[8] Mastektomie bezeichnet die Entfernung der Brust- bzw. Milchdrüse bei Säugetieren.

[9] Der National Health Service (NHS, Nationaler Gesundheitsdienst) entspricht dem staatlichen Gesundheitssystem in Großbritannien und Nordirland.

[10] Die Metapher cotton ceiling (»Baumwolldecke«) bezieht sich auf die (Baumwoll-)Unterwäsche von Lesben, die für transidentifizierte Männer – ähnlich der »gläsernen Decke« für Frauen in Unternehmen – nicht überwindbar ist.