Kategorie: Feminismus

Gleichberechtigung in Zeiten von Corona – warum Frauen die Krise härter trifft

Corona ist da und noch tun sich viele damit schwer, zu akzeptieren, dass auch nach der Pandemie unsere Welt eine andere sein wird. Viele Dinge werden sich dauerhaft ändern – von unserem Reiseverhalten bis zu unserer Arbeitswelt. Gerade letztere zeigt sich aber in den vergangenen beiden Tagen gewohnt misogyn, und anscheinend stört sich niemand daran.

Kinder zu Hause – Mütter auch

Schauen wir uns eine klassische Kleinfamilie mit zwei Kindern im Schul- oder Kita-Alter an. Seit gestern sind die Schulen dicht, Eltern müssen die Betreuung ihrer Kinder selbst organisieren, die Großeltern können auch nicht helfen.

In den meisten Familien arbeitet die Frau weniger als der Mann und verdient auch entsprechend weniger. Also ist die Entscheidung klar: Er geht weiter arbeiten, sie bleibt zu Hause. Wenn man den Politikern auf den Mund schaut, dann hört man, dass Kinderbetreuung zwar Vorrang hat und man, sofern man die Kleinen wirklicht nicht einfach sich selbst überlassen kann, um seine kapitalistische Pflicht auch in Zeiten von Corona zu erfüllen, zu Hause bleiben kann, ohne Kündigung befürchten zu müssen. Na, das ist doch super, oder? Wie schön, dass wir in einem Rechtsstaat leben. Was die Lohnfortzahlung angeht, hofft man “auf großzügige und solidarische Regelungen der Unternehmer”. What?

Die aufmerksame Zeitungsleserin kratzt sich grübelnd am Kopf. Wann genau haben sich deutsche Unternehmer je “solidarisch und großzügig” verhalten? Unternehmen sind nur einem einzigen Ziel verpflichtet: Ihrem Profit. Und der ist in noch nicht abschätzbarer Weise in Gefahr.

Die Unternehmen können bislang noch nicht ermessen, wie sehr sie die Auswirkungen der Corona-Krise trifft. Bevor sie also “großzügig” beim Gehalt einer Sekretärin oder Sachbearbeiterin sind, die bei den Kiddies zu Hause bleibt, sorgen sie in allererster Linie für sich selbst, bzw. ihr Management und/oder ihre Aktionäre. Und, oh Wunder, gerade bei ersteren gibt es ein klares Männerübergewicht.

Während also die Herren zur Rettung der Welt und Profite eilen, sitzen Frauen zu Hause und bibbern darum, ihr oft schon ohnehin mageres Gehalt auch dann noch zu bekommen, wenn sie auf ihre Kinder aufpasst und möglichst nicht stattdessen die Kündigung.

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Feminismus 2020. Bestandsaufnahme anlässlich des 8. März in Berlin.

Bild- Text: „Dies ist keine Fiktion. Dies ist real. Die Freiheit der Rede für Frauen beginnt mit ihrer körperlichen Integrität, die wahr und real und ehrlich und absolut ist. Es gibt keine Ausnahmen.“
„Es gibt keine Ausnahmen für Männer, die privilegiert sind, um einzudringen. Und es gibt keine Ausnahmen für Frauen, wo gesagt wird: ‚Ach ja, das darfst Du nicht mit dieser Frau machen, aber siehst du die da drüben? Ja, das ist okay, mach es mit ihr. Die vermisst keine.‘ “ Wir vermissen sie. Wir wollen sie zurück. Andrea Dworkin, zu Pornografie und „Redefreiheit“.

Frauenbezogene Kontroversen 2020: „Wir entschuldigen uns für die Existenz anderer Meinungen“ …. zum „Frauen*kampftag“ in Berlin

Der Internationale Frauenkampftag hat eine stolze Geschichte. Er begann mit Gewalt gegen politisch aktive Frauen:

Am 8. März 1909 wurde er das erste Mal als Tag der Rechte von Arbeiterinnen und der Frauenrechte in den USA abgehalten. Organisiert hatte ihn die Socialist Party of America, die damit an den 8-tägigen Streik der Textilarbeiterinnen aus dem Jahr 1908 erinnerte, der wiederum der Streiktage von Textilarbeiterinnen aus den Jahren 1857 und 1858, ebenfalls in New York, gedachte. 1857 brach während des Streiks in der Fabrik ein Brand aus, und da die Türen und Notausgänge verschlossen waren, um eine Zusammenarbeit der Frauen mit anderen Arbeitern während des Streiks zu verhindern, starben 129 Textilarbeiterinnen im Feuer.  (1)

1910 schlug die deutsche Sozialistin Luise Zietz (2) auf dem 8. Internationalen Sozialistenkongress der Sozialistischen Internationalen (3) in Kopenhagen vor, diesen Tag grundsätzlich zum Internationalen Tag der Frau zu erklären. Die Delegierten, darunter 100 Frauen aus 17 Ländern, verpflichteten sich gleiche Rechte für Frauen und das Frauenwahlrecht zu unterstützen. Vorausgegangen war Ende August die Zweite Internationale Sozialistische Frauenkonferenz (4), auf der Clara Zetkin (5) die Einführung eines internationalen Frauentags eingebracht hatte. Am 19. März 1911 wurde der Internationale Tag der Frau erstmalig in Deutschland, Österreich, Dänemark und der Schweiz abgehalten, über 1 Million Frauen und Männer nahmen daran teil. 1913 organisierten Frauen in Russland ihren ersten internationalen Frauentag, am 8. März 1914 demonstrierten Frauen europaweit für Solidarität und Frieden, 1917 hielten wieder russische Frauen einen Tag für „Brot und Frieden“ ab.  Holland, Frankreich, Schweden und nach 1918 die damalige Tschechoslowakei zogen nach. In den 20er-Jahren gewann der Internationale Frauentag als Kampftag immer mehr an Bedeutung und es kamen Länder der ganzen Erde dazu: China, Japan, England, Finnland, Estland, Litauen, Polen, Bulgarien, Rumänien, Türkei und Iran. Zu Beginn der 30er-Jahre wurden die Internationalen Frauentage angesichts der drohenden faschistischen Gefahr ein Sammelbecken gegen den Faschismus. Unter den faschistischen Diktaturen in Europa wurde der Internationale Frauentag verboten. (6)

Die UN zog nach, als sie 1975 als das Internationale Jahr der Frau und den 8. März zum internationalen Tag der Frau (und des Friedens) ausriefen.  Der Song dazu kam von Helen Reddy: I’m a woman, hear me roar. (7)

Nun zu Berlin, Deutschland, 2020.

Da die Frauenbewegung idealerweise aus sehr vielen Frauen mit vielen verschiedenen Erfahrungen besteht, die durch ihre verschiedenen Positionen innerhalb der patriarchalen Gesellschaft sehr unterschiedliche Wahrnehmungen mitbringen und sehr verschiedene Einblicke deutlich machen können, sind Meinungsverschiedenheiten zu erwarten und vor allem zu wünschen: Wie sollte eine Bewegung alle Frauen erreichen und ihre Ziele einbinden, wie könnten wir zu echten Gemeinsamkeiten kommen, wenn es diese Kontroversen nicht gäbe? Und was bedeutet es für uns, wenn solche Kontroversen nicht engagiert, aber dennoch vernünftig ausgetragen werden können?

Die Organisator*innen des 8. März in Berlin haben in ihrem Statement nach der Demonstration befunden, dass Schilder mit Aufschriften zur Abschaffung der Prostitution und gegen die Essentialisierung von Geschlechterrollen eine schlimmere Gewalt darstellen als eine auf Frauen geworfene Glasflasche.

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Rache am Patriarchat? Oder doch nur ein leises Rauschen im Blätterwald?

Manche Dinge lassen eine einfach immer wieder ratlos zurück. Aktuell geht es mir so mit einem Protest gegen den ungeheuerlichen Vorgang eines linken Festival-Mitveranstalters, der über Jahre hinweg weibliche Festivalbesucherinnen auf der Toilette und unter die Dusche heimlich gefilmt und diese Videos auf einer Porno-Plattform, XHamster, hochgeladen hat. Der Schock bei vielen jungen Frauen, die auf der Fusion oder Monis Rache waren, sitzt zu Recht tief: „Sind auch Videos von mir online, ohne dass ich etwas darüber weiß?“, „Wie finde ich raus ob ich betroffen und damit Opfer sexueller Gewalt geworden bin?“

Dass sich also Protest regt ist völlig nachvollziehbar. Über das WIE  kann man sich offenbar aber wie immer streiten. Zum einen ist da der Demo-Aufruf selbst, der vor Inkonsistenzen nur so strotzt. Das Demo-Motto lässt das bereits erahnen, lautet es doch: Rache am Patriarchat! My body is not your porn. Still <3ing my Choice“. Der erste Teil klingt radikal und scheint sich gegen die patriachalen Strukturen zu wenden, die Frauen sexualisieren und objektifizieren. Der zweite Teil lässt allerdings bereits erahnen, dass das große aber noch folgen wird. Und die Vorahnung bestätigt sich auch im folgenden Text. Dort heißt es:

Wir werden uns nicht aus öffentlichen Räumen zurückziehen, sondern wir wollen, dass sie sich verändern, damit wir uns wohl fühlen können. Alle Menschen sollen selbst bestimmen, ob und mit wem sie Sex haben möchten. Alle Menschen sollen selber bestimmen können, ob sie mit dem eigenen Körper oder erotischen Dienstleistungen Geld verdienen wollen. Kein Mensch soll sexualisierte Gewalt erleben.“

Dass die Pornokultur AN SICH bereits Grund dafür ist, dass ALLE Frauen ständig und immer wieder im privaten und öffentlichen Raum objektifiziert werden und sexuelle Gewalt erleben, scheint bei den Initatorinnen nicht angekommen zu sein. Studien zeigen eindeutig, welchen negativen Einfluss Pornokonsum auf das Verständnis von sexueller Gewalt auf Männer UND Frauen hat. Das zum einen. Feministische Analyse, nach der Pornographie gefilmte Prostitution ist, die Frauen zu Objekten degradiert (siehe zum Beispiel von Andrea Dworkin): Fehlanzeige. Und dann auch noch das Unvermeidliche: Sexuelle Übergriffigkeit von Freiern gegenüber prostituierten Frauen, wird mal wieder nicht als solche erkannt: Dass es per definitionem sexuelle Gewalt IST, wenn sich ein Freier Zugang zum Körper einer Frau erkauft, die ohne materielle oder andere Entschädigung, diesen an ihr oder ihn ihr durchgeführten sexuellen Handlungen nicht zugestimmt hätte, wird nicht erkannt. Eine Erwähnung empirischer Erkenntnisse, dass das „wollen“ der Ausübung „erotischer Dienstleistungen“ mit statistisch relevanten Zusammenhängen auf erlebten Grenzverletzungen beruht oder aufgrund finanzieller oder anderer Zwänge erfolgt: Findet nicht statt.

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Das Missverständnis um die Intersektionalität – und die Konsequenzen daraus

Seit geraumer Zeit stellen wir immer wieder fest, dass das wichtige Konzept der Intersektionalität im Queer-/Liberalfeminismus in einer Art und Weise gebraucht wird, welches es in seinem ursprünglichen Sinn und Intention unbrauchbar macht. Wie so viele feministische Konzepte im Laufe der Zeit „geschrottet“ wurden, so erging es auch diesem.  

Ich konnte bisher nie so ganz greifen, was genau da schief gelaufen ist. Bis zu dieser Woche, bei einer Veranstaltung an der Uni Mainz mit der Taz- und Missy Magazin-Autorin Hengameh Yaghoobifarah. Bisher dachte ich nämlich immer, der Fehler in der Rezeption bestünde ausschließlich darin, dass Mehrfachdiskriminierungen von der Kategorie Geschlecht (im Sinne von „sex“, nicht „gender“) abgetrennt und munter aufaddiert würden. Tatsächlich habe ich jetzt verstanden, dass der Dritte Welle Feminismus einem grundlegenden Missverständnis aufgesessen ist, welches mir nun auch einige irritierende politische Aktionen aus diesen Reihen der letzten Jahre erklärt.  Aber dazu am Ende mehr.

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Was das Schicksal »Frau« bedeutet oder das Verschwinden der Amazonen

Photo by Julian Santa Ana on Unsplash

Als die spanischen Conquistadoren vor rund 500 Jahren Südamerika durchfuhren, trafen sie an den Ufern des mächtigen Stroms durch den Urwald wehrhafte Frauen, die auf sie schossen. Sie nannten sie in Anlehnung an die griechischen Mythen Amazonen und den Fluss Amazonas.

Die Amazonen, die in den griechischen Sagen beschrieben werden, sind vermutlich Überbleibsel vorantiker matrifokaler Gruppen, die im griechischen Reich, das aus seiner Frauenfeindlichkeit keinen Hehl machte (es gab staatlich organisierte Bordelle, um die Truppen ruhig zu halten), überlebt haben, von denen wir aber heute so gut wie nichts wissen. In der Rückschau werden sie entweder dämonisiert oder sexualisiert. Das haben sie mit ihren Schwestern am Amazonas übrigens gemeinsam, letztere erlebten dann noch die ganze Brutalität der spanischen Eroberung, auch wenn mancher Zeitgenosse behauptete, die Amazonen Südamerikas seien so wild auf die stinkenden Spanier und Portugiesen gewesen, die da ihres Wegs kamen, dass sie sich quasi auf sie stürzten. Wer’s glaubt!

So weit nichts Neues. Doch was bedeutet das für uns Frauen und unser Verhältnis zum Widerstand gegen das Patriarchat? Welchen historischen Vorbildern, Heldinnen folgen wir – an welche erinnern wir uns überhaupt? Einige wenige Wissenschaftlerinnen versuchen die Geschichte der Frau – die Herstory – dem Dunkel der Geschichte zu entreißen – ein Dunkel, dass die männlichen Geschichtsschreiber nicht zufällig darüber legten. Wir sollen uns nicht erinnern, nicht daran, wie es VORHER war, also vor dem Patriarchat, damit wir uns nicht vorstellen können, dass es ein DANACH gibt.

Zu viele Widersprüche oder »Feminist Awakening«

Das ist der Grund, weshalb die Beschäftigung mit dem Feminismus für viele Frauen wie eine Art »Erweckung« ist. Auf einmal versteht man, welche Ursache all die vielen Widersprüche, die Verletzungen, die Angriffe und Zurücksetzungen des Alltags haben, die vorher keinen Sinn machten, willkürlich wirkten. Wir begreifen, dass das, was wir erleben – öffentliches Onanieren in der S-Bahn, sexistische Sprüche, tatschende Chefs, pornoschauende Freunde, Pick-Up-Artists, die Allgegenwärtigkeit von sexueller Gewalt – nicht zufällig uns passiert oder weil wir etwas falsch machen, sondern einfach, weil wir Frauen sind. Frausein, das ist ein Schicksal. Nicht natürlicherweise, oh nein, sondern weil es dazu gemacht wird.

Frauen müssen härter arbeiten, mehr aushalten, mehr leisten und leben in der ständigen Gefahr, entweder vergewaltigt oder von ihrem Lebenspartner umgebracht zu werden. Das gilt allerdings nur für die vermeintlich so gleichberechtigte »westliche« Welt, in anderen Gegenden haben Frauen sogar noch mehr zu befürchten, dafür gibt es dort keine offiziell erlaubte besteuerte Serienvergewaltigung in Form von Prostitution, sondern nur die heimliche.

Frauen, die wehrhaft sind, die sich querstellen, aufbegehren, widersprechen, sind einer größeren Gefahr ausgesetzt, angegriffen, verletzt oder sogar getötet zu werden und das überall auf der Welt. Und bevor jetzt wieder jemand einen Beleg dafür fordert, sucht auch eine der vielen Studien dazu aus, es gibt genug, der Rest ist – leider – Erfahrungswissen.

Das heißt nicht, dass die, die stillhalten, weniger gefährdet sind, ganz darwinistisch betrachtet bedeutet der Umstand, dass das Patriarchat noch immer existiert, dass Anpassung an seine Regeln die Überlebenschancen für eine Frau erhöht, Widerstand hingegen senkt. Es ist kein Zufall, dass Darwin ein Frauenfeind war und seine Theorien schon für allerlei misogynen Bullshit herhalten mussten, doch folgt man ihnen, so ergibt sich eine traurige Schlussfolgerung.

Was »Ehrenmänner« so drauf haben

Diese wurde mir klar, als ich, mich der Arbeit entziehend, die Serie »Basar des Schicksals« schaute, die auf einem realen Brand im Paris des 19. Jahrhunderts basiert. Darin wird in drastischen Szenen gezeigt, dass die Männer die durch ihre Röcke behinderten Frauen niederprügelten, um aus dem Inferno zu entkommen, die Toten waren demnach alle weiblich. Bei den Geschlechtsgenossen sorgte dieses Verhalten der »Ehrenmänner« nur für ein Schulterzucken – sind ja »nur Frauen«.

Klar, wenn ich Frauen wie Vieh oder Gegenstände betrachte, ist Gewalt oder Mord an ihnen auch kein Verbrechen.

Diese Sichtweise ist keineswegs der überschäumenden Fantasie der Serienmacherinnen geschuldet, sondern sie repräsentiert eine historische Wahrheit, die seit etwa 7000 Jahren Realität ist. Die Folgen sehen wir an der weltweiten Gewalt an Frauen, jeden Tag stirbt allein in Deutschland eine durch die Hand von Partner oder Ex-Partner.

Frauen sind »Besitz«, sie sind »minderwertig«, »anfällig«, »Gefäße«, »keine vollwertigen Menschen« (Darwin!), nicht zu ähnlich kognitiven Leistungen fähig wie Männer, »Kindern ähnlich«, »hysterisch« (ihr wisst schon wer), sie sind »austauschbar«, »Gebärmaschinen«, »Bettwärmer«.

Das ist nur ein kurzer Abriss all der Zuschreibungen, die von Philosophen (Fuck you, Aristoteles), Staatsmännern, Ärzten, Autoren (ja, auch denen der Gegenwart), Frauen gegenüber gemacht wurden.

In dem Mann Frauen das Recht absprach, vollwertige Menschen zu sein, setzte er den Wert ihres Lebens, ihrer seelischen und körperlichen Integrität herab oder löschte ihn gleich aus.

Die unsichtbaren Amazonen der Vergangenheit

Da das Patriarchat seit so vielen Jahren fortbesteht und sich als die erfolgreichste Ideologie der Menschheit erwiesen hat (es existiert seit 7000 Jahren weltweit, in fast allen Kulturen), ja, aus der »Erfolgsgeschichte Mensch« gar nicht wegzudenken ist, ist klar, dass die, die sich gegen die Unterdrückung erhoben haben, die unbekannten, unsichtbaren Amazonen, vernichtet wurden. Nicht nur das, sie wurden ausradiert aus der Geschichtee, denn wir können heute nur noch ahnen, dass es sie gab.

Es gab sie, als das Patriarchat mit der Auslöschung der Göttinnenkulte begann, als es Ehebruch (nur für die Frau) ebenso wie Abtreibung unter Strafe stellte, dem Mann das Recht gab, seine Frau zu prügeln oder bei Untreue gleich zu töten (die Römer), ihnen Besitz fortnahm und einen idiotischen Kult um Jungfräulichkeit inszenierte und Menstruationsblut ebenso diskriminierte wie alte Frauen oder jene, die »nicht zu gebrauchen« waren.

Es gab sie, wann immer Frauenrechte (ja, die echten, nicht die, die das Patriarchat uns zugesteht) bedroht oder verletzt wurden, es gab mutige Frauen, die widersprachen, sich widersetzten, ihr Leben riskierten, allein oder mit anderen. Sie alle sind verschwunden, erst ab der jüngeren Vergangenheit, mit dem Beginn der ersten Frauenbewegung, kennen wir überhaupt wieder ihre Namen.

Amazone, Angepasste, von beiden steckt in jeder von uns etwas

Doch zu was macht das uns, wenn nur die Netten, die Angepassten, die Ehefrauen, die Unterwürfigen, die Überlebenden, überlebten? Forscher wissen, dass wir erfolgreiche Überlebensstrategien genetisch direkt an unsere Kinder weitergeben. Wie viel wahrscheinlicher ist es, dass wir aus einer langen Reihe angepasster Frauen stammen, jene, deren Kinder von einem Ehemann beschützt wurden, von einem Familiennamen, von einer Herkunft? Wie sehr steckt uns die Anpassung in den Genen?

Ich schreibe das, weil ich das Gefühl kenne, dass eine empfindet, wenn sie mal wieder eine Frau sagen hört »Feminismus? Kann ich nichts mit anfangen. Wir sind doch längst gleichberechtigt. Was wollt ihr denn noch?«

Dann beißt frau sich auf die Zunge, versucht, sie nicht zu verachten, sich daran zu erinnern, dass man selbst einmal so gedacht hat (ich nicht und viele andere auch nicht, aber das tut nichts zur Sache), man nimmt sich vielleicht die Zeit, ihr etwas zu erklären, oder schweigt, weil man müde ist.

Ich bin jetzt Mitte 30. Vor zehn Jahren brannte ich für den Feminismus. Es gab keine Diskussion, in die ich mich nicht hineinstürzte. Ich rede mit meinem eigenen Vater nicht mehr, weil ich ihn als miesen Sexisten enttarnte (kann man nachlesen hier auf dem Blog). Ich kannte keine Kompromisse, wieso auch, verflucht noch mal! Wenn man erst einmal verstanden hat, was das »Schicksal Frau« bedeutet, bekommt man eine verdammte Wut, an der man entweder erstickt oder sie in Aktionismus umwandelt.

Beides macht müde. Beides sorgt für Verletzungen, dafür, dass Beziehungen, Freundschaften kaputtgehen, dass frau als »schwierig« oder »anstrengend« gilt. Man kann nicht lange an vorderster Front stehen – ich konnte es nicht – deshalb gilt mein tiefer Respekt all jenen, die es noch immer und ohne zu weichen tun. Das war keine bewusste Entscheidung. Irgendwann traf ich, ganz Mittelklasse Mitte 30, ohne nennenswerte Sorgen (nämlich ohne Ehemann), die Entscheidung, dass es sich ja doch irgendwie leben lässt im Patriarchat, dass ich mich daran einrichten, damit klar kommen kann.

Doch an dieser Stelle ist es mit dem Patriarchat wie mit dem Kapitalismus. Es kriegt jede(n) von uns. Es sei denn, man gehört zu den oberen 10.000 und sogar dann. Es gibt kein Klarkommen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Widerstand gegen das Patriarchat ist potenziell tödlich

Manchmal ist es eine Weile leichter, das zu ignorieren, wegzusehen, doch tief in sich weiß jede Frau, dass es stimmt. Und genau das ist entscheidend: Lasst uns einander nicht vorwerfen, dass sich die Anpassung über Jahrhunderte in unser Frausein geschlichen hat. Jede von uns muss überleben, das galt damals und tut es heute. Lasst uns uns selbst nicht vorhalten, dass wir nicht stark genug sind. Widerstand gegen das Patriarchat ist potenziell tödlich, manchmal schnell, manchmal schleichend, in jedem Fall kostet er uns Lebenskraft. Jede von uns hat das Recht, aus diesem Leben das Beste zu machen, was ihr das »Schicksal« Frau an Freiraum lässt. Im Patriarchat ist jede Frau, die über sich sagen kann »Ich bin frei« oder »Ich bin glücklich« ein Sieg, eine kleine Revolution. Denn: Keine von uns ist frei, solange eine Einzige von uns unterdrückt wird.

Die Amazonen sind verschwunden, ausgelöscht. Ebenso wie die lange Reihe jener Frauen, die den Männern Widerstand leisteten. Archäologische Funde lassen vermuten, dass es eine vorpatriarchale Zeit gab, in der wir Frauen ebenso groß und stark wurden wie Männer. Unsere »schwächere« Physiognomie hat man uns »angezüchtet«. Widerlich, ne? Das Wort? Aber leider zutreffend. Wir heutigen Frauen sind aller Wahrscheinlichkeit nach das Ergebnis jahrtausendelanger Zucht- und Züchtigungsversuche (die Wortähnlichkeit ist kein Zufall). Die besten Frauen, die Mann sich machen kann.

Pech nur, dass in jeder von uns eben auch noch Amazonenblut fließt, das Blut unbekannter, namenloser früher Feministinnen. Sehen wir nicht die Anpassung in der anderen. Sehen wir diesen Geist des Widerstands, der dort schlummert, sich ausruht, auf den rechten Moment wartet.

Alle Zucht hat nichts genutzt. Wir sind noch da, widerständiger als je zuvor. Feminismus ist nichts, was von außen an eine herangetragen wird. Er entsteht in jeder von uns in dem Moment, in dem wir erkennen, wie unser »Schicksal« und unser »Frausein« zusammenhängen. Wenn wir verstehen, dass die Amazone nur die andere Seite der Medaille einer Angepassten ist und umgekehrt. Alle Zucht hat nichts genutzt. Wir sind noch da, widerständiger als je zuvor. Feminismus ist nichts, was von außen an eine herangetragen wird. Er entsteht in jeder von uns in dem Moment, in dem wir erkennen, wie unser »Schicksal« und unser »Frausein« zusammenhängen. Wenn wir verstehen, dass die Amazone nur die andere Seite der Medaille einer Angepassten ist und umgekehrt.

Der Radikalfeminismus in Deutschland ist erstarkt

Woman Power Symbol, Feminist Fist

Public Domain C00

Als wir im Jahr 2014 diesen Blog gründeten, geschah dies u. a. aus der gemeinsamen Wut gegen die bestehenden Zustände und weil wir uns in dem, was die feministische Landschaft in Deutschland uns bot, nicht (mehr) aufgehoben und vertreten fühlten. Einige von uns waren lange Zeit sehr intensiv in linken Zusammenhängen unterwegs, um letztlich festzustellen, dass auch hier eine radikale Kritik am Patriarchat lediglich einen weißen Punkt auf der politischen Landkarte bildete.

Der liberale Feminismus und der Queerfeminismus dominierte die Debatten, ließ aber keine Differenzen zu und gab die Meinungen vor, die die Feministin von heute zu den Kernthemen zu haben hatte: Prostitution und Pornografie z. B. galten und gelten hier u. a. als Ermächtigungstool oder als Ausdruck (vermeintlich) weiblicher sexueller Befreiung. Dass aus beiden Institutionen die Unterdrückung der Frau als Klasse nur so herausschreit, stieß und stößt auf taube Ohren. Schließlich sollte es darum gehen, das Patriarchat nicht etwa abschaffen zu wollen und es radikal zu analysieren, sondern sich möglichst gemütlich darin einzurichten: Empowerment und Choice als Wohlfühlkonzepte und individuelle statt universelle Werte. Wie viel eine Frau unterdrückt wird, das bestimmt sie einfach selbst: ganz schön praktisch.

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#IranProtests: Es geht um alles oder nichts

Manchmal ist das Leben geprägt von merkwürdigen Zufällen. Erst vor knapp zwei Wochen habe ich auf der Plattform eines großen internationalen Buchhandels eine Rezension zu „Islamists Ruined My Iran: The Second Coming“, einem Buch eines jungen, talentierten Autors über die Situation im Iran veröffentlicht, und nur wenige Tage später erlebt das Land Aufstände gegen das Regime, die von ExpertInnen bereits als die größten seit ca. 40 Jahren beschrieben werden.

Seit fünf Tagen ist der Aufstand im vollen Gange, seit mehr als vier Tagen haben Auslands-IranerInnen bedingt durch die Abschaltung des Internets durch das Mullah-Regime, nun bereits keinen Kontakt zu ihren Angehörigen. Nur ca. 5% der Tweets zu den Protesten kommen aus dem Iran selbst, hauptsächlich von Regime-Vertrauten und Funktionären – für die Handvoll anderer Tweets mussten Aktivistinnen mit komplizierten Proxy-Server-Umwegen agieren.

Währenddessen wurden bereits Tausende verhaftet, die Zahl der Todesopfer hat die 200er Marke überschritten. Im „Westen“ wird der Protest verkürzt auf einen Konflikt um eine „Erhöhung der Benzinpreise“, für die die US-Sanktionen gegen das Land verantwortlich seien. Die schiere Verzweiflung (und Wut) ist bei Twitter unten den Hashtags #IranProtests und #Internet4Iran zu spüren: Warum kommt dem Aufbegehren gegen die nunmehr vier Jahrzehnte währende fundamentalistische Herrschaft keine internationale Aufmerksamkeit zu? Und warum ist es so schlecht bestellt um die Solidarität der „freien und demokratischen Welt“?

Das eingangs erwähnte Buch, oder wie der Autor es selbst nennt „Manifest“, zeichnet sich meines Erachtens dadurch aus, dass es zum einen auf knapp 79 Seiten einen sehr kompakten aber sehr umfangreichen Überblick über die Geschichte des Landes und die ökonomischen, sozialen, kulturellen und ökologischen Auswirkungen der „Islamischen Revolution“ von 1979 liefert. Zum anderen gelingt es ihm zwischen struktureller und individueller Ebene zu trennen. Trotz der Schilderung der Ernsthaftigkeit der Lage des Landes, die bereits vor dem 14. November als höchstkritisch zu bewerten war, wird vor allem auch die Verbundenheit zum Land und seinen Menschen und die Hoffnung auf eine Veränderung spürbar. Und, wie er angesichts der neuen Situation konstatiert wird sich in den aktuellen Protesten zeigen, ob diese Veränderung nun eintritt, oder – wenn der Versuch der Befreiung fehlschlägt – die gewaltvolle Reaktion des Regimes jeden Hoffnungsschimmer völlig zunichte macht. Es geht um alles oder nichts.

Wenn es jedoch nicht, wie allenthalben suggeriert, um steigende Benzinpreise geht, um was dann? Zum einen um die Tatsache, dass  das Land, welches einst für Modernisierung stand und für seine Dichtkunst von Autoren wie Hafez oder Rumi bekannt war, von einer „stabilen und prosperierenden Nation“, in eine ernsthafte Wirtschaftsrezession manövriert wurde, die Millionen von Iranerinnen und Iranern in die Armut getrieben hat: Steigende Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Inflation sind nur ein paar wenige Stichpunkte. Zum anderen geht das autoritäre Regime unerbittlich mit seinen KritikerInnen um: Inhaftierungen und Exekutionen sind an der Tagesordnung, freie Meinungsäußerung undenkbar. Die Abwendung von der Religion steht unter Todesstrafe, Händchenhalten eines unverheirateten Paares in der Öffentlichkeit führt mitunter zu stundenlangen Arrestierungen. Ethnische und religiöse Minderheiten werden diskriminiert und verfolgt.

Was bedeutet all dies konkret für das Leben von Frauen im Iran?

  • Insbesondere in der ölreichen, aber dennoch von niedriger Beschäftigung und schlechter Luftqualität geprägten Khuzestan-Provinz und in den westlichen Städten des Irans, sehen sich junge Frauen zur Prostitution aus ökonomischer Not gezwungen. Auch Anzeigen für Organverkäufe sind an der Tagesordnung, die Straßen Teherans von Obdachlosigkeit geprägt.
  • Das Tragen des Hijab ist verpflichtend. Die Initiative „My Stealthy Freedom“, im Jahr 2014 initiiert durch die Aktivistin und Exil-Iranerin Masih Alinejad, zeigt Fotos von mutigen Frauen im Iran, die trotz aller Repression ihre Verschleierung ablegen.  Yasaman Aryani , Monireh Arabshahi und Mojgan Keshavarz zeigten sich am diesjährigen Internationalen Frauentag ohne Hijab und wurden wegen Verstoß gegen das Verschleierungsgesetzes und damit der „Anstiftung und Begünstigung von Verdorbenheit und Prostitution“ zu Haftstrafen von zusammen 55 Jahren verurteilt.
  • Fussballfan Sahar Khodayari , auch bekannt als „Das blaue Mädchen“ schlich sich, wie viele andere Frauen als Mann verkleidet in die iranischen Fussballstadien, und wurde für diese „sündhafte Tat“ verhaftet und zu einer Haftstrafe verurteilt. Nach der Anhörung übergoss sie sich vor dem Gerichtsgebäude mit Benzin und zündete sich an. Sie starb eine Woche später im Krankenhaus. Erst im Oktober diesen Jahres durften Frauen erstmalig nach 40 Jahren wieder offiziell ein Fussballstadion betreten
  • Frauen wie die Rechtsanwältin Nasrin Sotudeh, die sich für die Rechte von Frauen und politisch Verfolgten stark machen, werden wegen „Propaganda gegen den Staat“ inhaftiert und mit Peitschenhieben bestraft. Sie sitzt derzeit im Evin-Gefängnis in Teheran eine Haftstrafe von 33 Jahren ab
  • Die 17-Jährige Nazanin Fatehi erstach im Jahr 2004 in Notwehr einen der drei Männer, die sie und ihre 15-Jährige Nichte vergewaltigen uns wurde hierfür 2006 zum Tod durch Erhängen verurteilt. Erst nach internationalem Protest, inklusive der UN, konnte 2007 ihre Freilassung gegen Zahlung eines „Blutgeldes“ erwirkt werden
  • Homosexuelle Handlungen werden im Iran bestraft– bei Männern sofort mit der Todesstrafe, bei Frauen zunächst mit 100 Peitschenhieben und bei der vierten Wiederholung ebenfalls mit der Todesstrafe. (siehe auch)
  • … Die Liste könnte wohl  endlos weitergeführt werden

Die aktuellen Proteste sind deshalb kaum überraschend geprägt von Rufen nach dem Sturz des „islamistischen Regimes“ und der Beendigung der fundamentalistischen Herrschaft.

Unter den Todesopfern sind auch Frauen. Die wenigen verfügbaren Videoaufnahmen zeigen uns, dass Frauen bei den Protesten aktiv mitmischen: So sehen wir eine Frau, die ein antiamerikanisches Banner vom Mast reißt mit den Worten „Unser Feind sind nicht die USA, unser Feind derzeit ist das Iranische Regime“. Oder eine Frau, die sich ihren verpflichtenden Hijab auf einer Brücke unter Applaus der Umstehenden vom Kopf reißt und ruft „Wir leiden seit nunmehr 40 Jahren“. Die Iranische Autorin Roya Hakakian schreibt auf Twitter „So sieht #MeToo im Iran aus: Frauen, die seit 40 Jahren unter der Geschlechter-Apartheid leiden, sind führend bei den #IranProtests“

Was erwarten die Menschen aus dem Iran nun von uns und der internationalen Community? Vor allem internationalen Druck auf das fundamentalistische Regime den Zugang zum Internet im Land wieder für alle herzustellen. Da die Menschen vor Ort derzeit keine Stimme haben, ist es essentiell, dass wir nicht wegschauen, sondern unsere Stimmen erheben. Das Regime muss nun endlich, nach 40 Jahren Tyrannei gegen seine Bevölkerung zur Rechenschaft gezogen werden. 

Frauen, werdet Juristinnen!

Manchmal frage ich mich, ob es mir irgendwie Spaß bereitet, mir das Leben besonders schwer zu machen. Als wäre es nicht schon schwer genug als Feministin und Lesbe im Patriarchat, studiere ich auch noch einen der wohl patriarchalischsten Studiengänge überhaupt: Jura. 

Ich kenne keine einzige andere feministische Juristin oder Jurastudentin, zumindest nicht im realen Leben. Nirgendwo ernte ich so angewiderte Blicke in Bezug auf meine Körperbehaarung wie im Juridicum. Ich freue mich, wenn ich in der Literaturliste meiner Hausarbeit mal eine einzelne Autorin aufzählen kann (die ich mühsam gesucht habe, denn die gängige juristische Literatur ist Männerterrain). Vermutlich fühlt man sich in kaum einem anderen Studiengang so alleingelassen und ins kalte Wasser geworfen. Es ist ein Studium für EinzelgängerInnen- und vielleicht liegt es mir auch deshalb so sehr. Ich habe mich mein Leben lang allein durchgekämpft und mein Ding gemacht- das setze ich in meinem Studium jetzt fort. Es ist nicht immer leicht; um ehrlich zu sein, ist es sogar meist sehr schwierig, aber für mich steht fest, dass ich diesen Weg gehen möchte.

Denn: Ich will Juristin werden. Ich liebe Jura, trotz allem. Ich liebe es, mich in Fälle einzuarbeiten, immer tiefer in die Materie abzutauchen, zu merken, wie meine Argumentationsfähigkeit und meine Allgemeinbildung immer weiter wachsen. Oft werde ich gefragt, wie das denn eigentlich zusammen passt: Jura studieren und Feministin sein. Anfangs war Jura ein bisschen so etwas wie mein dunkles Geheimnis, das nicht so recht zu meinem sonstigen Leben passen wollte. Mittlerweile habe ich festgestellt: Jura und Feminismus, das schließt sich nicht aus, ganz im Gegenteil. Recht organisiert Herrschaft (wie Catherine MacKinnon prägnant auf den Punkt brachte), insofern ist es nur logisch, dort anzusetzen, wenn man Herrschaft verändern möchte. 

Jura ist ein sehr patriarchalischer Studiengang, das ist wohl ein offenes Geheimnis. Wer Jura studiert, braucht ein enorm dickes Fell. Der Druck und der Konkurrenzkampf sind oft kaum auszuhalten, ab dem ersten Semester schwebt ein unsichtbares Schwert namens Staatsexamen über einer und an allen Ecken und Enden wird geraten, man solle vielleicht doch etwas anderes machen, wenn man sich nicht sicher sei, ob man wirklich gut genug ist für Jura. Letztes Jahr erschien eine Studie über die Benachteiligung von Frauen im mündlichen Staatsexamen. Je höher die Punktzahl, desto größer die Geschlechterdifferenz (bei 9 Punkten, d. h. Prädikatsexamen, liegt die Differenz bei 12 %; ab 11,5 Punkten – spätestens da beginnt ist im juristischen Staatsexamen das Sahnetortenbuffett – liegt die Differenz bei 32 %). Deutlich geringer fällt die Differenz übrigens aus, wenn eine Frau in der Prüfungskommission sitzt.

Ein weiteres Problem: Moot Courts. Dabei handelt es sich um Gerichtslabore, in denen Jurastudierende Gerichtsverhandlungen nachstellen und üben. Eine super Sache, bloß offenbar nicht für Frauen. Die kanadische Jura-Studentin Amanda Byrd erzählt exemplarisch davon, wie sie sich wochenlang auf den Moot Court vorbereitete und das Feedback darin bestand, dass sie häufiger lächeln solle, dann wirke sie weniger gelangweilt. Ihr Kommilitone hingegen bekam eine dezidierte inhaltliche Rückmeldung.

Meine wohl wichtigste Erkenntnis im Jurastudium bisher: Recht ist kein ideologiefreier Raum. Das Patriarchat urteilt immer mit. Es gibt auch nicht „die eine richtige Lösung“ im Recht. Manchmal erzähle ich meinen nicht-juristischen Freundinnen (also sprich: meinen Freundinnen) von Klausur- oder Hausarbeitsfällen und werde anschließend gefragt, was denn nun die Antwort sei. Klar, manche Sachverhalte sind recht eindeutig, aber in der Regel lautet die zugegebenermaßen unbefriedigende Antwort: „Es kommt darauf an“. Wenn es anders wäre, bräuchten wir ja gar keine JuristInnen mehr, sondern könnten Sachverhalte in Maschinen eingeben, die diese dann mit den entsprechenden Gesetzen abgleichen würden und automatisch zu einem Ergebnis kämen. 

Gesetze müssen immer ausgelegt werden. Ohne en detail in die juristische Methodenlehre einsteigen zu wollen: Es gibt vier Auslegungsmethoden- die Auslegung nach dem Wortlaut des Gesetzes, die historische Auslegung (in welchem geschichtlichen Kontext entstand das Gesetz?), die systematische Auslegung (welche Stellung hat die Norm innerhalb des Gesetzes; steht sie z. B. ganz zu Beginn wie die Menschenwürde im GG?) und die teleologische Auslegung (welchen Sinn und Zweck verfolgt der Gesetzgeber mit dem Gesetz?). Auslegung ist immer Argumentationssache. Letztlich gilt: Wer Gesetze auslegen kann, hat Jura verstanden. Klingt einfach, braucht aber sehr viel Übung. 

Ich bin noch mitten im Übungsprozess, aber so viel ist mir inzwischen klar geworden: Man darf sich von (scheinbaren) Autoritäten nicht einschüchtern lassen, gerade als Frau in der Rechtswissenschaft. JuristInnen sind oft sehr gut im Argumentieren und Einschüchtern- das ist ja auch meist ihr Job. Das heißt aber nicht, dass sie die „Wahrheit“ gepachtet haben, auch dann nicht, wenn sie BGH-Richter sind oder ein anderes hohes Amt innehaben. Nächste Woche findet am Landgericht Karlsruhe ein Prozess gegen die Journalistin Gaby Mayr statt- der ehemalige BGH-Richter Thomas Fischer hat wegen ihrer kritischen Berichterstattung zu den Prozessen gegen die wegen Verstoßes gegen § 219a StGB angeklagten Ärztinnen Unterlassungsklage gegen sie erhoben- und weil Mayr den Fischer StGB-Kommentar kritisiert. (Weitere Informationen zum Fall mit entsprechenden Verlinkungen finden sich z. B. auf der Solidaritätswebsite für Kristina Hänel). Kommentare sind so etwas wie die „Bibel“ der JuristInnen- dort stehen zu jedem Gesetz Anmerkungen zur Auslegung. Und ja, es ist richtig, dass in allen StGB-Kommentaren sinngemäß dasselbe zur Auslegung des § 219a steht- aber das Berufen auf Autoritäten allein (sei es BGH oder juristischer Kommentar) sollte kein Argument dafür sein, am Status Quo festzuhalten. Problematisch wird es immer dann, wenn die Sprechposition einer Person entscheidender ist als die hervorgebrachten Argumente.

Denn auch wenn sich Recht mit Veränderung relativ schwer tut, ist Veränderung nicht nur möglich, sondern sogar geboten. Recht ist immer ein Spiegel der Werte der Gesellschaft, und diese Werte verändern sich nun einmal mit der Zeit. Es sei nur exemplarisch erinnert an die bis 1996 straffreie Vergewaltigung in der Ehe bzw. den berüchtigten, inzwischen weggefallenen § 175 StGB (die Strafbarkeit von Homosexualität). 

Wenn ich Zweifel daran habe, warum ich mir all das antue – die Einsamkeit, die Versagensangst, das konservative Studium – dann führe ich mir vor Augen, was das Ziel meines Weges ist. Letztes Jahr war ich bei dem Gerichtsprozess gegen Nora Szász und Natascha Nicklaus, beide waren angeklagt wegen Verstoßes gegen § 219a StGB (“Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft”). Allein, dass es diesen Paragraphen immer noch gibt, macht mich gleichermaßen fassungslos und wütend. Aber: Es hat mir nochmal deutlich gezeigt, wohin meine Reise gehen soll. Ich möchte Frauen unterstützen, ihnen konkrete Lösungsmöglichkeiten aufzeigen, mein Wissen weitergeben. Ich möchte Frauen im Rahmen meiner Möglichkeiten ein Stück Gerechtigkeit zurückgeben in all diesem patriarchalen Unrecht, das uns widerfährt. Einen schöneren Beruf kann ich mir nicht vorstellen.

Ob man bzw. frau Jura spannend findet, ist sicher Geschmackssache. Sicher ist, dass juristische Kenntnisse enorm dazu beitragen, Herrschaftsverhältnisse zu analysieren und zu verstehen- und das bildet die Basis für die Veränderung von Machtstrukturen. Ich möchte jede Frau, insbesondere jede feministische Frau, die Interesse an Jura hat, ermutigen, das Studium aufzunehmen und sich nicht beirren zu lassen. Frauen, werdet Juristinnen! Wir brauchen uns. Dringend.

Studie über Ungleichbehandlung im Jura-Studium:

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/juristische-pruefung-diskriminierung-von-frauen-und-migranten-15560024-p2.html

Amandas Erfahrungsbericht über ihren Moot Court: https://www.cbc.ca/radio/thesundayedition/the-sunday-edition-june-3-2018-1.4685998/i-spent-hundreds-of-hours-preparing-for-moot-court-when-i-got-there-i-was-told-to-smile-more-1.4687442

Die alltägliche männliche Raumeinnahme

Manspreading (Stockholm Metro)

By Peter Isotalo (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Eigentlich wollte ich ursprünglich das Zitat des Mannes, der mir heute “begegnete” verwenden, das da hieß: “Mädel, deine Titten wackeln!”, aber vermutlich zensiert uns dann Facebook oder ein ähnliches Szenario. Von den alltäglichen Lebensrealitäten dürfen Frauen ja nicht schreiben, ohne sexualisiert zu werden (Stillen z. B.). Es sei denn, es geht um den ultmativen Fun im Porno und nackte Ärsche, die für Autofirmen werben. Aber back to topic:

In der Straße, in der ich wohne, gibt es ein Bowling-Center. Und in dem ist ein Zigarettenautomat. Da ich rauche und meine Kippen aus waren, schlappte ich also gegen späten Nachmittag darunter und zog mir eine Schachtel Kippen. Vorher hatte ich mir über mein Spaghetti-Shirt, das ich in meiner Wohnung (ohne BH) trage, ein T-Shirt übergezogen. Immer noch ohne BH, hört, hört.

Ein Mann auf 12 Uhr, der mich passieren will, bleibt vor mir stehen und sagt: “Mädel, deine Titten wackeln, is asozial … aber ich mag’s”, dabei schmatzt er, während er irgendwas Fetttriefendes in sich reinschiebt, das Fett aus seinen Mundwinkeln läuft und er grinst.

Ich bin nicht sehr schlagfertig, wenn auch in vielen Punkten selbstsicherer geworden. Trotzdem fiel mir nichts anderes ein, als zu sagen, “verpiss dich!”. Nicht sehr originell, aber ich war ihn – wenigstens – los.

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Feministische Praxis nicht nur für die, die wir mögen

Zugegeben: Als ich die Schlagzeile las, dass die Betreiberin einer Escort-Agentur und “Sexarbeiterin” Salome Balthus von der Zeitung die Welt in der sie seit einigen Monaten eine Kolumne unter dem Titel “Das Kanarienvögelchen” schrieb, gefeuert wurde, dachte ich mir “Das wurde aber auch Zeit”. War es mir doch völlig schleierhaft, warum sie diese Möglichkeit überhaupt erst bekommen hatte. Ob einer die Inhalte oder der Schreibstil einer anderen Person gefallen oder nicht, ist ja eher subjektiv und Geschmackssache.

Politisch jedoch hatte ich in mehrfacher Hinsicht ein Problem mit dem Podium, welches ihr dort geboten wurde: Zum einen halte ich es nach wie vor für unerträglich, wie viel Raum Mainstream-Medien jenen Menschen einräumen, die sich für die Erhaltung einer der patriachalsten und frauenfeindlichsten Institutionen unserer Gesellschaft, der Prostitution, stark machen – ohne gleichermaßen auch jenen Frauen in und außerhalb der Prostitution diesen Raum zuzugestehen, die Prostitution als kommerzialisierte sexuelle Gewalt empfinden und für eine Welt ohne Prostitution und Frauenverachtung kämpfen. Dem Netzwerk Ella beispielsweise kommt dieses Privileg nicht zu. Dies ist jedoch den jeweiligen Medien und einer Gesellschaft anzulasten, die natürlich lieber jenen ein Sprachrohr verleiht, welche die gegebenen Machthierarchien stärken – und eben nicht jenen, die diese in Frage stellen.

Unklar ist, ob Balthus an der Prostitution der auf ihrer Agentur-Seite angebotenen Frauen verdient. Ist dem so, dann wäre dies in meinen Augen moralisch verwerflich und nach dem von mir und uns vertretenen Nordischen Modell kriminell und strafbar. Dass sie sich, ihre Agentur und ihre “Hetären”-Kolleginen angesichts des Bewerbungsfragebogens auf der Seite offensichtlich für besonders elitär und intellektuell hält: geschenkt.

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