Kategorie: Feminismus

Prostituiert euch!

By i_hate_sult (http://www.webcitation.org/5zQfwo653) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Eigentlich hab ich mir ja abgewöhnt jeden Pups aus dem PopfeminismusHäppySexwörkLibfemQueerProstitutionistSexarbeit-s-Lager zu kommentieren, aber zwei brandaktuelle Artikel sind so dermaßen schräg, dass ich es mir nicht verkneifen kann.

Erst wurde mir ein Artikel, der beim STERN, bzw. NEON (Kernzielgruppe: „Menschen zwischen 20 und 35 Jahren mit hohem Bildungsstand und überdurchschnittlichem Einkommen“) veröffentlicht wurde, in die Facebook-Timeline gespült. Titel: „Warum du dich lieber an Huren statt an Barbies orientieren solltest. Du willst Dich schöner fühlen? Vergiss die klassischen Beautytipps und lerne von Prostituierten, erstelle Dir ein Profil bei einer Escort-Seite und übe Dominaposen.“

Zunächst einmal springt einem bereits in dieser Überschrift das Patriarchat mit nacktem Arsch ins Gesicht, wies doch bereits der Soziologe Pierre Bourdieu, bewusst anknüpfend an die brillanten Analysen der Radikalfeministinnen der 1970er Jahre, darauf hin, dass „Körper für andere (Männer) machen“ müssen, eines der zentralen Kennzeichen der „Männlichen Herrschaft“ ist. Und wieso sollen sich junge Frauen eigentlich zwischen „Huren“ und „Barbie“ entscheiden müssen?

Über die Autorin erfahren wir:

„Die Schriftstellerin Anna Basener hat für ihren Roman „Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte“ ein illegales Ruhrpott-Bordell erfunden. Sie hat dafür mit Prostituierten, Dominas und Bordellwirtschafterinnen gesprochen und gelernt, dass Moralisieren keinem hilft, am wenigsten den Sexarbeiterinnen.“

Besagte Autorin leitet in ihrem Text nach ihren Gesprächen mit ein paar prostituierten Frauen, die sich als Sexarbeiterinnen verstehen, aus deren individuellen Sichtweisen allgemeingültige Aussagen ab. Nun, that`s not exactly how Gesellschaftsanalyse works. Okay, vielleicht wollte sie auch nur einen (in ihren Augen) unterhaltsamen Text schreiben, aber ich will mal exemplarisch an ein paar Beispielen deutlich machen, warum hier was gründlich schief gelaufen ist.

„Marleen ist 26, Studentin und Hure. Sie hat in ihrer Jugend gelernt, dass sie zu dünn ist. Keine Kurven, wenig Busen, das ist nicht sexy, dachte sie bis sie angefangen hat anzuschaffen. Jetzt weiß sie, dass sie heiß ist. Umgekehrt gibt es aber auch dicke Prostituierte, deren Geschäftsmodell es ist, Männer zu befriedigen, die dünne Frauen geheiratet haben mutmaßlich aus Prestigegründen. Sie machen eine „Riesenmark“ damit, dass es gesellschaftsfähiger ist, auf Barbie-Blaupausen zu stehen, auch wenn man selbst lieber was zum Anfassen hätte.“

Gewagte These: Eigentlich sind es gar nicht die Frauen, die hier unterdrückt sind, sondern die armen Männer, die nicht zu ihren wahren Fetischen stehen dürfen (denn nichts anderes ist es, wenn man SexualpartnerInnen aufgrund von zum Beispiel optischen Vorlieben auswählt), sondern gesellschaftskonform ihre Ehefrauen auszuwählen haben? Huh? Nun ist es ja tatsächlich so, dass die Ehefrau oder Partnerin nicht selten als Statussymbol (in Bourdieus Worten „symbolisches Kapital“) fungiert, aber, dass die Bordelle jetzt überdurchschnittlich mit „dicken Prostituierten“ gefüllt sind, das entbehrt nun wirklich jeder Grundlage. Und was hier auch nicht erwähnt wird, ist, dass Freier sehr häufig auf Abwechslung stehen: Heute dick, morgen dünn, übermorgen ne „MILF“, nächste Woche mal ein „Teenie“ und auch in Bezug auf die ethnische Zugehörigkeit erweist Freier sich gerne als „welterfahren“ und „Kosmopolit“. Der Pro-Prostitutions-Verein Dona Carmen spricht diesbezüglich von „Völkerverständigung von unten“. Isses nich HERRlich?

Im Grund gar nicht so verkehrt ist das hier:

„Eine These: Weil Bordelle beweisen, dass den konventionellen Schönheitsidealen nicht zu trauen ist. Es sind Orte, an denen der Wert eines Körpers nicht von Hollywood, Fashionshows oder Werbung definiert wird, sondern vom Markt. Ob ein Angebot auch auf Nachfrage stößt, lässt sich schlicht und ergreifend am Preis ablesen.“

Da steckt empirisch belegbar sehr viel Richtiges drin. Nämlich: Dass es sich um einen Prostitutionsmarkt handelt, dass die Nachfrage das Angebot bestimmt, und dass es Preisunterschiede gibt. Nur das mit den „konventionellen Schönheitsidealen“, die sich hier angeblich nicht wiederfinden, das stimmt so nicht, Frau Basener. Hätten sie mal in den sehr aufschlussreichen Artikel des Economist geschaut, dann hätten sie es besser gewusst.

Die haben nämlich Freierforen und sage und schreibe 190.000 Angebotsprofile aus 84 Städten und 12 Ländern im Zeitraum von 1999 bis 2014 ausgewertet in Bezuf auf die körperlichen Attribute der prostituierten Frauen, sowie die angebotenen Leistungen und Preise. – Diese Ökonomen! –  Die höchsten Preise sind mit dünnen Frauen mit sehr langen, blonden Haaren oder mit vollen Brüsten zu erzielen. Huch! Erkennbar blondierte Haare sind preismindernd, jedoch immer noch unter den „Premium“-Angeboten. Zwischen kleinen Brüsten und einem D-Cup liegen 40 Dollar Preisunterschied, weshalb eine Brustvergrößerung (die mit 3.700 Dollar Kosten beziffert wird) sich ökonomisch bereits nach 90 Stunden amortisiert. – Wie nüchtern die doch solche Zusammenhänge darstellen können!

Jetzt könnte man noch einwerfen: Aber Aussehen ist nicht alles! Denn preisgestaltend sind Studien zufolge ja auch die existentielle Not und der Freiwilligkeitsgrad derjenigen, die sich anbieten (müssen). Eine gehandelte Frau, eine aus rassistischen Gründen in der Hierarchie ganz unten stehenden Romni oder eine Drogenprostituierte, die ihren nächsten Schuss braucht, sind in der Regel „günstiger zu haben“, als beispielsweise die deutsche Hobbyprostituierte, deren Existenz grundsätzlich bereits anderweitig gesichert ist. Auch das abzuringende Leistungsspektrum ist bei den genannten Personengruppen, die unter besonders viel Druck stehen und auch jenen, deren persönliche Grenzen durch massive Gewalterfahrungen extrem verletzt wurden, sehr viel größer. Man könnte auch sagen „viel für wenig Geld“ ist einem großen Teil der Freier wichtiger als die Optik. Aber auf solche Zusammenhänge hinzuweisen wäre ja auch ein bisschen zu viel verlangt.

Weiter geht’s mit einem Pro-Tipp:

„Natürlich müsste man sich gar nicht darum scheren, irgendjemandem zu gefallen. Begehrt zu werden kann nicht der einzige Schlüssel zu einem besseren Verhältnis zum eigenen Aussehen sein. Eigentlich muss das von innen kommen, klar. Ist aber leichter gesagt als getan, denn: Wie kommt das Bewusstsein für die eigene Schönheit überhaupt erst in einen hinein? […]. Lernen wir also von den Huren. Was hilft, ist die Dominapose: Breitbeinig stehen, Hände in die Hüften, Kinn hochnehmen. Stärkt das Selbstwertgefühl und schreibt sich in den Körper. Kat Rix […] wollte eine geile Frau sein, also hat sie entschieden, dass sie eine ist. Das klingt einfacher, als es ist, und braucht Zeit. Aber was hilft, ist die Dominapose. [Die Dominas haben …] der Männerwelt schon vor Wonder Woman‘s Erfindung ihre Schönheit und Stärke entgegengeschleudert.“

Fhlks9a0aßd98sfd97(=D()S=(D(=  [<——- das sind die Tastenabdrücke, die ihr die nächsten Tage auf meiner Stirn bewundern könnt).  Ach, wisst ihr was, ich lass das einfach mal für sich sprechen….  (Ob ihr bewusst ist, dass sich das tatsächliche Machtverhältnis auch nicht rumdreht, wenn der Freier dafür bezahlt den devoten Part zu übernehmen – und dennoch genauestens und bis ins letzte Detail bestimmt was genau gemacht wird?)

Die Autorin endete damit den Leserinnen folgendes vorzuschlagen:

„Eine praktische Übung fürs Selbstwertgefühl: Erstell dir ein Profil auf einer Escort-Seite (oder auch komplett offline) und trag zusammen, warum du attraktiv bist so attraktiv, dass Sex mit dir Geld kostet. Nicht falsch verstehen: Ich spreche hier nur von einer Übung, nicht davon, das Profil wirklich hochzuladen oder anschaffen zu gehen. Es geht mir nicht um Berufsberatung, sondern um einen neuen Blick auf Schönheit. Es geht auch nicht um den tatsächlichen Preis, den du verlangen könntest, sondern um deinen Wert.“

Seufz. Das ist also die Botschaft an die jungen Frauen, die NEON lesen: Euer Wert bemisst sich in eurer Schönheit, und die Hoheit über diese zu befinden liegt bei euch selbst. Lassen wir mal den flapsigen Ton beiseite: Es ist doch einfach furchtbar, wie durchtränkt dieser gesamte Artikel, der am Ende mit diesem „praktischen Vorschlag“ gekrönt wird, mit den Vorstellungen der patriarchalen Unterordnung der Frau, deren Wert sich darin bemisst, wie schön, wie attraktiv, sie ist und schließlich, wie gut sie sich auf einem Markt verkaufen kann – sei es als tatsächlich prostituierte Frau mit materieller Entgeltung oder nur in dem hier angedachten symbolischen Sinn. Ich weiß nicht, aber das ist doch irgendwie unendlich traurig???

Der Titel des zweiten Textes, zu dem ich was sagen möchte, knüpft an dieser Stelle wunderbar an: Für „Huren sind wir alle“ bekommt das liberalfeministische Missy Magazine gerade mal wieder in der ihrigen Facebook-Kommentarspalte ordentlich die Hucke voll. Meines Erachtens völlig zu Recht.

Der Autor, „Christian Schmacht, geboren 1989, queerer Autor und Sexarbeiter, […] mag es […] sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben“, steigt ein mit der Schilderung einer „konsensualen Sexzene, die an Erfahrungen von sexualisierter Gewalt erinnern kann.“ Auf eine Zitierung meinerseits wird verzichtet, die Schlagworte Kehlenfick, Tränen, Würgereflex, Kotze, Gesichtsbesamung dürften reichen.

Irgendwie spricht es für sich selbst, wenn man angesichts von deutlichen Schilderungen von Gewalt und Erniedrigung extra darauf hinweisen muss, dass es sich um konsensuale Handlungen handelt. Das liegt daran, dass mit dem Konsens-Konzept auch die brutalsten Foltermethoden legitimiert werden können, denn „er/sie wollte es ja so“. Nicht hinterfragt wird dabei, woher diese Wünsche, diese Zustimmung überhaupt herrührt. Das alles führt, wie wir schon häufig erläutert haben, dazu, dass es keinen objektiven Gewaltbegriff mehr in Bezug auf die Sexualität gibt, obwohl ein Gewaltakt nun mal auch dann ein Gewaltakt bleibt, wenn er von demjenigen oder derjenigen, der/die ihn erfährt subjektiv nicht als Gewalt aufgefasst wird. Liberale Konfusionsarbeit at its best.

Die ehemalige Prostituierte Huschke Mau kommentiert dies richtigerweise wie folgt:

Echt schade, dass ihr anscheinend nicht wisst, was sexualisierte Gewalt ist. Denn ja, wenn mir jemand den Schwanz reinschiebt bis ich kotzen muss, obwohl das nicht abgesprochen war, dann IST das sexualisierte Gewalt und keine „konsensuale Sexszene“ die an „sexualisierte Gewalt erinnern kann“. Ich als Exprostituierte danke trotzdem für den Artikel: Das Sexgeschäft wird in ihm realistisch dargestellt. Wenn auch, wie man bei euch nach diesem Artikel ja vermuten muss, unfreiwillig und nicht bewusst. Aber es wird klar, Freier sind grenzüberschreitende, gewaltausübende Täter. Danke dafür.“

Der Autor fährt fort:

Dann gehe ich mich waschen und lasse unterwegs das Kotzhandtuch verschwinden und denke daran, wie wir gerade erst diesen Song von SXTN gehört haben, Skyler und ich: „Hass Frau, du nichts, ich Mann. Blase, bis du kotzt, aber kotz auf meinen Schwanz.“ Sie haben die Stimme von Alice Schwarzer gesampelt, die sich in einer Talkshow über HipHop empört, und dazu rappen sie von Frauenhass. Das war gestern, als wir nachts über die Autobahn fuhren. Wir redeten über die Lyrics und waren uns einig, dass sie uns gefallen und dass wir Alice Schwarzer hassen und dass SXTN es schaffen, gleichzeitig Typen zu dissen und sich über Alice-Schwarzer-Feminismus lustig zu machen.“

Das ist Feminismus 2.0.: Frauenhass im allgemeinen (SXTN Lyrics) und Frauenhass im konkreten (Hass auf Alice Schwarzer) sind damit ganz offensichtlich problemlos kompatibel. Und klar: Das allseits beliebte Alice Schwarzer Bashing funktioniert in gewissen Kreisen sowieso IMMER. So ein durchschaubares fishing for sympathies. Warum echte Gesellschaftskritik üben, wenn einen die Herzen der Sexualliberalen auch schon für „Schlag die Alice“ zufliegen.

Und auch die Rapperin Sooke, die in gewissen Kreisen durch einen vermeintlich transphoben Songtext in Ungnade gefallen ist, bekommt nochmal eins mitgegeben:

„Die queere Rapperin Sookee hat einen Song gemacht über Sexarbeit auf ihrem neuen Album. Der Song heißt „Hurensohn“ und handelt vom Sohn einer Hure und davon, dass er ein richtig liebenswerter Bursche ist, der seine Mutter respektiert. Ich höre ihn mir manchmal an, weil er so unangenehm ist, wie auf einem entzündeten Pickel rumzudrücken, um den Schmerz zu spüren und den Eiter fließen zu sehen. Ich frage mich, warum Sookee nicht stattdessen über sich selbst schreibt. Darüber, warum sie selbst keine Sexarbeiterin ist (falls sie keine Sexarbeiterin ist), oder wie oft in ihrem Leben sie schon sexuelle Dienstleistungen gegen andere Vorzüge eingetauscht hat?“

Das klingt ein bisschen so, als solle sie sich – vermutlich eigentlich wir alle –  jetzt dafür rechtfertigen, dass /wenn sie/wir selbst keine „Sexarbeiterin“ / „Hure“ ist/sind. Denn eigentlich und überhaupt, wisst ihr:

„Sexuelle Dienstleistungen gegen Aufmerksamkeit ist ein bewährter Deal, dafür brauchen wir uns nicht zu schämen. Klar hat sie mehr verdient, ich auch, wir alle. Aber im Leben gibt es viele miese Deals.“

Eine Kommentatorin fasst trefflich zusammen: „Neoliberal as fuck, literally.“ Yup, genau das ist es! Forderungen, Vorschläge, Ideen dass und wie sich etwas in dieser Gesellschaft ändern kann sucht man hier vergebens. Stattdessen die übliche Leier, wir prostituieren uns eh ALLE, die einen so und die anderen so, aber „so ist das Leben“ und schön, dass wir mal drüber geredet haben und das wars? Ahjo.

Das Missy Magazine unterstreicht in der Kommentarspalte das Anliegen des Autors die Grenzen in Bezug auf die Gruppe von Menschen, die als Prostitutierte zu bezeichnen sind, auszuweiten:

„Der Text weist auf etwas hin, was sehr viele Sexarbeitsgegner*innen verkürzen beziehungsweise nicht mitdenken: Wo beginnt Sexarbeit eigentlich?“

Hätten die Missys vielleicht mal Radfem Klassiker wie „Pornographie“ von Andrea Dworkin gelesen, dann wüssten sie, dass diese von ihnen vertretene Sichtweise urpatriarchal ist. In der patriarchalen Lesart gibt es genau zwei Arten von Huren: 1) Die Ehe-Hure, die der Privatbesitz eines einzigen Mannes ist, und diesem sexuell zur Verfügung zu stehen hat (wir erinnern uns vielleicht daran, dass Vergewaltigung in der Ehe erst seit den späten 1990er Jahren ein Straftatbestand ist?) und 2) die Hure, die Allgemeinbesitz ist, und an der sich alle Männer erfreuen dürfen. Welche dieser beiden für uns vorgesehenen Rollen, die beide eine Seite der selben patriarchalen Medaille sind, uns genehm ist, das dürfen wir uns aussuchen, wenn es nicht für uns ausgesucht wird.

Also, was sollen wir in unserer Gesellschaftsanalyse denn bitte noch erweitern, liebe Missys? Die von euch konstatierte Verkürzung trifft doch vor allem auf euch selbst zu.

Aber dankbar können wir euch ja irgendwie schon sein für diesen Peak-Libfem-esken-Artikel, macht ruhig weiter so, denn wie einer bei euch so schön schreibt:

„Zumindest danke ich dafür, dass ich einen Text habe, mit dem ich unkompliziert vermitteln kann, weshalb ich keinen käuflichen Sex will.“

Gender ist keine Identität, es ist ein Werkzeug des Patriarchats: Eine feministische Sicht auf Genderidentitätspolitik

Dieser Text ist eine Übersetzung des am 15. August 2016 auf dem Blog Gender Critical Greens erschienenen Beitrags »Gender is not an identity, it is a tool of patriarchy: A feminist view of gender-identity«. Feststehende oder teilweise ins Deutsche übernommene englische Begriffe sind in Klammern ergänzt. Fußnoten entsprechen Erklärungen und Anmerkungen der Übersetzerin.

Menschen sind alle einfach in Ordnung

Männer sind in Ordnung, Frauen sind in Ordnung. Jeder Körper ist in Ordnung, jeder Körper ist perfekt. Wenn wir das glauben, dann muss jedes Gefühl der Abspaltung oder negative Gefühle gegenüber unseren Körpern eine furchtbare Qual sein, ob nun durch Trauma, Misshandlung, gesellschaftlichen Druck, Verletzung, Krankheit, Sexismus, Rassismus oder Disableismus[1] verursacht.

Biologie

Biologisch kommen Menschen in zwei Geschlechtern vor, d. h. wir sind sexuell[2] zweigestaltig (dimorph). Eine kleine Anzahl von Menschen wird intersexuell geboren, was die Realität von zwei Geschlechtern aber nicht negiert, sondern eher bestätigt. Man kann keine Kombination von zwei Dingen sein, wenn die beiden Dinge nicht existieren. Herkömmlicherweise wurden die Körper intersexueller Menschen chirurgisch bei der Geburt verändert, um dem einen oder anderen Geschlecht zu entsprechen. Allerdings gibt es mittlerweile eine Bewegung von intersexuellen Menschen, die die Validität dieses Vorgehens anzweifeln. Wenn alle Körper gut sind, warum sollte man Säuglingen, die nicht in der Lage sind zuzustimmen, diese Konformität aufzwingen? Warum sollte man perfekte Körper, wie es alle Körper sind, chirurgisch verändern?

Feministische Ansichten zu Unterdrückung

Die Feministische Denkweise, wie sie durch Bewusstseinsbildung, Schreiben und Aktivismus entwickelt wurde, bietet eine Analyse von biologischem (Sex) und sozialem Geschlecht (Gender), die Gender als ein System von Erwartungen, Zwängen und Hierachie betrachtet, das Männern und Frauen aufgenötigt wird. Sie behauptet, dass die patriarchale Gesellschaft ein hierarchisches System der Unterdrückung zwischen den biologischen Geschlechtern erschaffen hat, demzufolge Männer als Klasse Macht über Frauen als Klasse haben. Diese repressive Hierarchie überschneidet sich mit allen anderen Hierachien, sprich Rassismus, Disableismus, Klassismus,[3] Homophobie, usw., um komplexe, verwobene Hierachien zu schaffen, die unterschiedliche Konsequenzen für verschiedene Gruppen haben. Individuen in einer Unterdrückergruppe können natürlich verletzt und verzweifelt sein, auch infolge ihrer Rolle in der Hierachie. Der Feminismus konzentriert sich auf die Bedeutung unseres biologischen Geschlechtes, denn wenn wir uns anschauen, wie Sexismus2 funktioniert, beobachten wir durch unsere Erfahrungen, dass Biologie die Entschuldigung für die Unterdrückung von Frauen sowie ein wesentlicher und entscheidender Schauplatz dieser Unterdrückung ist. Wir werden also nicht aufgrund dessen, wie wir uns identifizieren, in dieser Gesellschaft unterdrückt, diskriminiert, kontrolliert und misshandelt, sondern durch das Fortpflanzungssystem unserer Körper, durch sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung (und die Bedrohung durch sie), durch Prostitution, Pornographie, Gebärfähigkeit und alle Aspekte unserer Fruchtbarkeit. Seit Tausenden von Jahren haben Männer Frauen kontrolliert – ökonomisch, sozial, sexuell, emotional und physisch – durch unsere Körper und unsere Fruchtbarkeit.

Diese Ansicht bedeutet nicht, dass wir der Biologie erlauben, uns zu definieren. Im Gegenteil macht Feminismus geltend, dass jede Frau alles tun oder sein kann, dass die Tatsache unserer Weiblichkeit niemals ein limitierender Faktor sein sollte, dass wir ohne Einschränkungen sein sollten und dass alles, was uns als Frauen einschränkt, kontrolliert, diskriminiert oder verletzt, falsch ist. Aber wir können uns nicht einfach aus der Unterdrückung herausidentifizieren, und das Verleugnen der Realität unserer biologischen Beschaffenheit hindert uns daran, das benennen, konfrontieren und uns dagegen organisieren zu können, was uns durch unsere Körper angetan wird.

Feministische Ansichten zu Gender

Gender ist ein Set an gesellschaftlich auferlegten, gesellschaftlich konstruierten Normen, die die Struktur, durch die alle Männer und Frauen (in Schubladen) eingesperrt werden, aber im Speziellen auch die Bausteine der Hierarchie zwischen Männern und Frauen sind. Ab einem sehr jungen Alter, fast ab der Geburt,[4] werden diese Gendererwartungen durch die Kleidung, die wir tragen, die Spielsachen, mit denen wir spielen, die Farben, die als angemessen betrachtet werden, das Verhalten, das von uns erwartet wird, die Haltung, die uns gegenüber ausgedrückt wird, aufgezwungen. Sie mögen von Kultur zu Kultur und durch die Geschichte hindurch variieren, aber der Zweck ist derselbe, nämlich uns entsprechend unseres biologischen Geschlechtes in die Rollen der Gesellschaft umzumodeln. Diese Genderschubladen sind schädlich für Jungen und Männer, vor allem in dem Maße, dass sie den Ausdruck von Gefühlen der Traurigkeit, Kummer oder Angst streng verbieten und das Weinen und Zittern als Schwach- und Femininsein unterdrücken. Sie prägen unsere Jungen in einen Zustand der Abspaltung von ihren Gefühlen, was zutiefst schädlich für sie selbst und die Gesellschaft ist. In vielerlei Hinsicht sind jedoch die Einschränkungen, die Mädchen durch Gender auferlegt werden, die Grundlage für den Sexismus und die Misogynie, die das Leben von Frauen zerstört.

Genderidentität?

Gender ist, was Feminismus seit Jahrzehnten kritisiert hat, so dass das neuere Konzept der Genderidentität als etwas, das gewählt und gefeiert werden kann, für Feministinnen ein seltsames ist. Die Kategorien nichtbinär (non-binary), genderfließend (genderfluid), agender und eine Unzahl anderer Identitäten scheinen Ausdrücke der Unzufriedenheit mit »Frausein« oder »Mannsein« in dieser Gesellschaft zu sein. Zu Recht! Niemand möchte durch seine Biologie, durch das, was die Gesellschaft uns auf Basis unserer Biologie aufzwingt, durch sozial konstruierte Genderrollen eingeschränkt werden. Aber die Realität zu leugnen, indem versucht wird, sich aus Mann- oder Frausein herauszuidentifizieren, wird nicht nur nicht funktionieren, da Sexismus sich nicht darum schert, wie wir uns »identifizieren« könnten, sondern auch unwillentlich die Genderrollen verstärken. Es ist wie unsere Hände hochzuhalten und zu sagen »Du hast gewonnen, eine Frau kann in dieser Gesellschaft nicht stark sein, ein Mann kann nicht einfühlsam und fürsorglich sein, und da ich all das sein will, bin ich eindeutig keine Frau/kein Mann.« Nein, nein, nein! Lasst uns nicht die Lügen des Patriarchats schlucken, lasst uns darauf beharren, dass die objektive Definition von uns als weiblich oder männlich, die auf biologischen Realitäten basiert, niemals unsere Persönlichkeit, unsere Haltungen, unsere Fähigkeiten, unsere Wünsche, unser Verhalten, unseren Platz in der Welt definieren wird.

Es ist zudem sehr gefährlich, unsere Biologie zu verleugnen. Menschen können ihr Geschlecht nicht wirklich ändern. Wir können Hormone nehmen und uns auf chirurgische Veränderungen an unseren Körpern einlassen. Diese können unser Aussehen, Stimme, Körperbehaarung, Brüste, Genitalien verändern, aber wir werden immer biologisch sein, als was wir geboren wurden, und gesundheitliche Bedürfnisse haben, die darauf basieren, dass z. B. nur Männer Prostatakrebs bekommen und sich Symptome von Herzkrankheiten für Frauen anders äußern.

Transitionieren

Wenn wir geboren werden, werden wir aufgrund objektiver Beobachtungen der Genitalien als männlich oder weiblich bezeichnet und nicht, wie es gerade modisch wird zu sagen, »bei der Geburt dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zugewiesen« (assigned female/male at birth). Was uns zugewiesen wird, sind gesellschaftliche Rollen basierend auf unserem (biologischen) Geschlecht, und das ist es, was problematisch ist. Transitionieren, wie weit eine Person damit auch gehen könnte, kann jemanden also nicht in das gegenteilige Geschlecht transformieren. Man kann nur »als« das gegenteilige Geschlecht »leben«, also sozial transitionieren und sein Erscheinungsbild ändern. Viele von uns, besonders in der LGB-Gemeinschaft und der Frauenbewegung, respektieren die Entscheidung von Individuen, dies zu tun, seit Jahren, indem wir sie mit dem Namen und dem Pronomen, das sie erbitten, ansprechen; und die grundlegenden Menschenrechte diktieren, dass niemand auf Basis dieser Entscheidung diskriminiert werden sollte, sei es beim Arbeitsplatz, Wohnraum, Zugang zu Dienstleistungen, usw. Noch sollte irgendeine Transperson misshandelt oder angegriffen werden. Jede derartige Diskriminierung oder Misshandlung wird zu Recht »Transphobie« genannt.

»Männlich-zu-Trans«-Menschen

Männlich-zu-Trans-Menschen[5] (male to trans, MTT) wurden als Männer, also Mitglieder der Gruppe, der Macht und Privilegien gegenüber Frauen gewährt werden, erzogen. Sie wurden dazu konditioniert, die Privilegien dieser Gruppe zu übernehmen, und haben tatsächlich von diesen Privilegien profitiert. Sie werden unweigerlich Verhaltensmuster und Anspruchshaltung (entitlement), die mit dieser Gruppe verbunden sind, in sich tragen. Das ist wahr, wie verletzt oder verzweifelt sie sich auch gefühlt haben. Zu behaupten, dass sie eigentlich Frauen sind, Mitglieder der unterdrückten Gruppe, und überdies, obwohl sie männliche Körper haben und als männliche Menschen erzogen wurden, immer Frauen waren; Zugehörigkeit zur unterdrückten Gruppe zu beanspruchen und somit die Definition dieser Gruppe (sprich weiblich als objektiv durch das biologische Geschlecht definiert) zu ändern ist eine extreme Form von Sexismus und besonders bitter für Frauen selbst. Die Behauptung »Transfrauen sind Frauen« ist eine Ideologie ohne faktische Grundlage, die von vielen MTTs nicht geglaubt oder eingehalten wird. Die Übernahme dieser Behauptung ist nicht die einzige Art, Transmenschen zu unterstützen, und tatsächlich ziemlich wenig hilfreich für Individuen, die damit hadern, einen Weg zu finden, glücklich in ihren männlichen Körpern zu leben. Der Grund, dass diese Behauptung eigentlich keine Grundlage hat, ist, was, abgesehen von biologischem Geschlecht, ist die Definition von weiblich? Ist es ein Gefühl? Ist es eine Identität? Ist es ein Hirn getrennt von einem Körper? Die von uns, die als Frauen geboren und erzogen wurden und als Frauen in dieser Gesellschaft leben, mögen ganz nachvollziehbarerweise sagen, dass solche Definitionen eine Beleidigung gegenüber unseren Leben und Erfahrungen sind, gegenüber den 85 000 Frauen, von denen bekannt ist, dass sie jedes Jahr in England und Wales vergewaltigt werden, gegenüber den 35 % von Frauen weltweit, die männliche Gewalt durchleben. Jeder Versuch, weiblich anders als durch Biologie zu definieren, greift unweigerlich auf Genderstereotype zurück, so dass alle Verweise dieser Ideologie darauf, »eine Frau zu sein« oder »sich wie eine Frau zu fühlen«, auf solchen sozial konstruierten Ideen beruhen, wie feminine Kleidung tragen, mit Puppen spielen, Make-up tragen, »mädchenhafte« Dinge tun und ganz entscheidend keine »Jungs«-Sachen machen zu wollen. Seltsamerweise manifestiert sich das selten in dem Bedürfnis, Hausarbeit zu erledigen oder 14 % weniger Bezahlung zu erhalten, als sie das als Mann täten. Es wird als Ablehnung von Genderrollen porträtiert, ist aber eigentlich eine Übernahme der Stereotype, die mit dem gegenteiligen Geschlecht verbunden werden, somit ein Verstärken dieser Stereotype, da diese nur zu einem Geschlecht gehören, und demnach eine zutiefst traditionelle, regressive und misogyne Einstellung. Sorry, Jungs, dass ihr es nicht schafft, aus eurer restriktiven Genderschublade auszubrechen, indem ihr in unsere springt und uns in diesem Vorgang umdefiniert! Das müsst ihr auch nicht. Männer können alles sein, alles tragen, alles tun, alles fühlen. Frauen definieren oder limitieren euch nicht, nur das Konzept von Gender tut es.

Der Backlash gegen den Feminismus…

Die feministische Kritik und Anfechtung der Genderrollen hatte ein großes Maß an Erfolg in den 70ern und 80ern, zum Vorteil von allen. Early Learning Centres[6] warben für das ent-gendern von Spielzeug, Mädchen konnten Latzhosen tragen und auf Bäume klettern, Jungen konnten sich durch Spielen mit Puppen auf die Vaterschaft vorbereiten, Bücher entwickelten sich von »Janet und John«[7] zu Geschichten mit starken weiblichen Charakteren weiter. Der Rückschlag (Backlash) gegen den Feminismus wurde absichtlich von einem kapitalistischen System gefördert, das es vorzog zweimal so viele Güter an Eltern zu verkaufen, und mit diesem Backlash wurden Genderrollen enger denn je. Die Gesellschaft ließ sich auf die ganze Prinzessinnenmetapher mit sexualisierter Kleidung für jüngere und jüngere Mädchen ein, während Jungen zurück in die Macho-Superheldenrollen gedrückt wurden und von ihnen einmal mehr erwartet wurde, hart zu sein und niemals Gefühle zu zeigen. Das war eine absichtliche Umkehrung von vielen der Errungenschaften der Frauenbefreiungsbewegung und schädlich für uns alle.

…und seine Konsequenzen

Es ist kein Zufall, dass die jüngste massive Zunahme und das Interesse am Transitionieren, besonders unter Jugendlichen, zu einer Zeit aufgetreten ist, in der die Verengung der Genderrollen zu einer Tyrannei geworden ist und junge Menschen zu Recht aus diesen Schubladen ausbrechen wollen. Die feministische Analyse von Machtverhältnissen ist über die Jahre zu der Notwendigkeit von »Gendergleichberechtigung« verunglimpft worden, als wenn willkürliche und unerklärliche Diskriminierung eher das Problem wäre, als ein bewusst kultiviertes Machtsystem. Das Fehlen einer Analyse, dass Genderrollen und Hierarchie das Problem sind, hat zu der Auffassung geführt, dass, wenn wir die Regeln und Rollen der Gesellschaft nicht mögen, etwas mit uns falsch ist und wir uns selbst ändern müssen; dass »Gender« die Realität ist und nicht biologisches Geschlecht; dass wir uns selbst neu definieren müssen, nicht als das Geschlecht, das wir sind, sondern entweder als das gegenteilige Geschlecht oder als eine neue »Genderidentität«. Die feministische Sicht, dass Gender eine Illusion ist, ein gesellschaftlich aufgezwungenes Set an Regeln, die Männer und Frauen auf ihren Plätzen halten und die Vorherrschaft von Männern über Frauen aufrechterhalten, ist eine, von der viele junge Menschen abgehalten wurden, sie zu hören, durch eine Gesellschaft, die ein Interesse daran hat, den Status quo zu wahren. Es scheint immer noch revolutionär zu sein, zu sagen, »Frauen und Mädchen können alles sein, Jungen und Männer können alles sein! Da ist nichts falsch an dir, wenn du dich nicht anpasst, es ist die Gesellschaft, die falschliegt!«. Es ist jetzt dringender denn je geworden, das laut und deutlich zu reklamieren, denn unsere Mädchen werden in den Stürmen der Genderidentität hin und her geschleudert und kommen zu einigen besorgniserregenden und geradezu gefährlichen Schlussfolgerungen.

»Weiblich-zu-Trans«-Menschen

Der größte Anstieg an Überweisungen zu »Genderidentität«-Kliniken findet sich neuerdings unter Mädchen und jungen Frauen. Unsere Aufmerksamkeit wurde von MTTs beansprucht, die durch die Wirksamkeit von männlichen Mustern der Anspruchshaltung und Selbstzentrierung, mit denen sie aufgezogen wurden, die ganze mediale Aufmerksamkeit eingenommen haben. Frauen sind damit beschäftigt, den Eingriff in unsere hart erkämpften Räume für frauenzentrierte Praxis, z. B. Krisenzentren für Vergewaltigungsopfer, Frauenhäuser, feministische Organisationen und lesbische Räume, zu bewältigen und zu versuchen, Lösungen auszuhandeln, die inklusiv sind, aber als Frauen geborenen Frauen das Recht erlauben, sich zu treffen und sich zusammen zu organisieren. Aber währenddessen werden unsere gendernichtkonformen Mädchen hinter unseren Rücken ermutigt zu denken, dass sie männlich sind. Das ereignet sich auf Seiten sozialer Medien wie Reddit und Tumblr durch eine Ideologie, die besagt, wenn du nicht feminin bist oder dir Femininsein nicht behagt, dann bist du nicht weiblich. Viele Mädchen, die in unserer derzeit hochsexualisierten Gesellschaft in die Pubertät kommen, sind beunruhigt, ängstlich, unglücklich damit und lehnen ab, was von ihnen erwartet wird, wenn ihre Körper sich ändern. Das muss nicht überraschen. Umgeben zu sein von einer Generation an Jungen, groß geworden mit Internetpornographie und konfrontiert mit hypersexualisierten Bildern von Frauen, stellt ein einschüchterndes, wenn nicht gar geradezu missbräuchliches Klima für heranwachsende Mädchen dar. Kaum verwunderlich also, dass Mädchen die Rolle der sexuellen Verfügbarkeit ablehnen und mit ihr ihre eigenen sich entwickelnden Körper, die ein Magnet für alles von »kleineren« Objektifizierungen bis hin zu völligem sexuellen Missbrauch zu sein scheinen. Die Vergewaltigungskultur (rape culture) ist gesund und munter, und Mädchen, die durch die Stromschnellen der Pubertät navigieren, haben jeden Grund, es abzulehnen, eine Frau zu werden. Es gibt derzeit nur sehr wenig Spielraum oder Möglichkeiten, sich als Frau in dieser Gesellschaft aus der Objektifizierung auszuklinken.

Extrem besorgniserregend ist, dass ein Mädchen, das sich einer Genderidentitätsklinik als potentiell »trans« vorstellt, zumeist als Ergebnis einer Social-Media-Kultur, die sie animiert hat zu glauben, dass sie das vielleicht sei, zunehmend in dieser starren Position »bestätigt« wird, was nahezu unvermeidlich zur gesellschaftlichen Transition führt. Mädchen binden dann ihre Brüste ab, was zu eingeengten Lungen und Atmungsproblemen führt. Mädchen haben Mastektomien.[8] Mädchen nehmen pubertätshemmende Hormone, gefolgt von Testosteron (das nicht allgemein für Mädchen und Frauen zugelassen ist), was häufig in dauerhafter Sterilisation resultiert. Dauerhafte Sterilisation, ermöglicht von Erwachsenen in verantwortlichen Funktionen. Von künftigen Genitaloperationen ganz zu schweigen. Solch ein Weg sollte absolut die letzte Option sein, wenn die ganze andere therapeutische Unterstützung ausgeschöpft worden ist. Die Erwachsenengesellschaft lässt unsere jungen gendernonkonformen Mädchen allumfassend im Stich. Wir sollten ihnen dazu gratulieren, die Erfüllung femininer Genderollen zu verweigern, ihnen vergewissern, dass da nichts wie auch immer falsch an ihnen und ihren Körpern ist, und die Schuld einzig und allein einer misogynen Kultur aufladen. Wie konnte es dazu kommen, dass es eine fortschrittliche Position ist, die Verstümmelung von Mädchenkörpern zu fördern, wenn das Leben als weiblicher Mensch für sie unerträglich geworden ist? Warum geraten wir nicht in Aufruhr deswegen? Junge Leute werden immer mit Stilen, Verhaltensweisen, Definitionen und Identitäten experimentieren. Und sie werden ein Reinreden der Erwachsenenwelt in ihre Kultur nicht begrüßen. Aber wir reden hier nicht nur von einer Gothikphase. Erwachsene, inklusive Eltern und Fachleute aller Art, haben eine Verpflichtung, für unsere jungen Leute zu sorgen, und die Konsequenzen der Transition für Mädchen sind einfach zu drastisch und langlebig, um sie dieser Ideologie zu überlassen.

Lesbische Bekehrung & professionelle Verantwortung

Was auch klar ist, ist, dass viele dieser Mädchen, wenn man sie in Ruhe ließe, sicherlich zu Lesben heranwachsen würden. Das wissen wir von den Berichten detransitionierender Frauen ebenso wie von Lesben, die wissen, dass sie als trans gesehen worden wären, wenn das derzeitige Klima um sie herum geherrscht hätte, als sie jung waren. In wiederholten Studien wurde gezeigt, dass eine lesbische Identität in Mädchen für gewöhnlich oft nicht bis zum Ende des Teenageralters oder den frühen Zwanzigern ausgebildet ist. Das bedeutet, dass viele Mädchen, die zu selbstidentifizierenden Lesben heranwachsen würden, durch soziale Medien, Transideologie und wohlmeinende, aber fehlgeleitete Fachanlaufstellen zu dem Glauben »verführt« (»groomed«) werden, sie seien eher »trans« als einfach Mädchen, die es ablehnen, sexuell für Jungen und Männer verfügbar zu sein oder ihre erwartete Rolle als junge Frauen zu erfüllen. Es gibt Fälle von jungen Menschen, denen in Transforen geraten wird, ihren Eltern zu sagen, dass sie suizidal sind, um an die gewünschte Behandlung zu gelangen. Was für eine perverse Gesellschaft bietet Müttern die Wahl zwischen Mastektomie oder Selbstmord für ihre geliebten Töchter? Diesen Mädchen und ihren Eltern ist nicht gedient mit professionellen Stellen, die sich auf ein Denksystem eingelassen haben, das besagt, wir müssen die Identität einer jungen Person um jeden Preis bestätigen und etwas anderes zu tun ist »transphob«. Wir haben die Verantwortung, eine alternative feministische Perspektive auf ihre Not als junge Frauen anzubieten. Wir würden die Sicht einer Anorektikerin auf sich selbst als fett oder das selbstverletzende »Recht« von Jugendlichen darauf, ihre Körper zu schädigen, nicht »bestätigen«. Wir würden uns die tiefer liegenden Ursachen ansehen und unsere Sorgfaltspflicht immer, immer ernst nehmen. Das Gleiche muss bei Fällen von potentiellen »Trans«-Jugendlichen getan werden.

Es gibt auch zunehmende Bestrebungen, das Konzept, dass es möglich sei, das Geschlecht zu ändern, gegenüber immer jüngeren und jüngeren Kindern zu normalisieren, immer mit dem Verweis auf Genderstereotype. Bücher für 3–5-jährige unterbreiten die regressive Unwahrheit, wenn du eine Schleife im Haar tragen und feminine Dinge tun willst, dann musst du natürlich ein Mädchen sein, und wenn es dein Wunsch ist, Femininität, die Farbe Pink und Rüschenkleider abzulehnen, also ein aktives, dynamisches Mädchen zu sein, dann musst du ein Junge sein. Wie konnte es dazu kommen? Und wie konnte man es auch noch als feministisch betrachten?

Gender & Realität

Wir hören immer wieder von Leuten, die sich selbst als trans definieren, dass sie sich wie eine Frau fühlen, die im Körper eines Mannes gefangen ist, oder andersherum. Frauen wissen, dass ihre Realität kein Gefühl ist, das irgendein Mann beanspruchen kann, aber wir müssen anerkennen, dass dieses Gefühl real ist. Es ist vollkommen zulässig zu beteuern, dass man Gefühle von Unzufriedenheit oder Abspaltung gegenüber seinem Körper hat, allgemein Körperdysmorphie genannt. (Genderdysphorie ist ein eher umstrittener Begriff. Wenn Gender ein soziales Konstrukt und nicht angeboren ist, wie es der Feminismus behauptet, dann ist mit seinem Gender unzufrieden zu sein einfach menschlich, und somit sind wir alle tatsächlich oder potentiell genderdysphorisch, was es eher zu einem unsinnigen Begriff macht.) Doch dieses Leiden als »sich wie eine Frau fühlen« zu umschreiben, birgt eine Reihe an Fragen. Wie kann jemand wissen, wie sich das gegenteilige Geschlecht fühlt? Ist Frau- oder Mannsein mehr ein Gefühl als eine biologische Realität? Abgesehen davon sind Gefühle keine gute Handlungsanleitung. Alles, was sich als schlechtes Gefühl über einen selbst ausdrückt, besonders wenn es so unerträglich wird, dass man nicht fähig ist, in dem Körper, den man hat, zu leben, ist sicherlich etwas, womit eine Person therapeutische Hilfe braucht. Gefühle müssen durch unsere natürlichen Heilungsprozesse des Weinens, Zitterns, usw. rausgelassen werden und die Arbeit mit einer/m guten Therapeut/in wird das erreichen. Tiefe Gefühle bedürfen tiefer Befreiung. Wir alle wissen, wieviel besser wir uns nach einem guten, langen Weinkrampf fühlen können. Natürlich ist verständnisvolle therapeutische Hilfe sehr oft nicht verfügbar, zumindest sicherlich nicht in hinreichendem Umfang und Qualität, um tief verwurzeltes Leid zu bewältigen, und wir wissen von Detransitionierten und anderen, dass Körperdysmorphie ihre Wurzeln oft in physischem oder sexuellem Missbrauch oder anderen traumatischen Lebenserfahrungen hat, wobei die Genderkomponente des Leidens nur der  oberen Schicht entspricht. Auf diese Weise werden die Gefühle der Notwendigkeit, das Geschlecht zu verändern, nicht nur validiert, sondern auch als ein vernünftiger Leitfaden für das Handeln einer Gesellschaft dargestellt, die Gendernonkonformität nicht ertragen kann und aktiv bestraft. Wenn Individuen, die Körperdysmorphie in solch einem Ausmaß erleben, dass sie sich in einer Genderidentitätsklinik vorstellen, keine umfassende therapeutische Unterstützung zuteil wird, um die Ursachen für ihr Leiden freizulegen und ihnen zu helfen, sich von ihrem Schmerz zu erholen, sondern sie eher in ihrer Selbstdiagnose »bestätigt« werden, dann gibt die Gesellschaft ihre Verantwortlichkeit ab und lässt sie im Stich.

Drogen

Wie mit vielen anderen Situationen in der Gesellschaft, bedeutet das Fehlen einer vernünftigen, konsequenten und angemessenen therapeutischen Hilfe, dass die Menschen alternative Mittel zur Bewältigung ihres Schmerzes finden müssen. Das manifestiert sich häufig in der Einnahme von Drogen. Vom Kaffee jeden Morgen, um uns selbst aufzuwecken, über Tabletten, um uns beim Einschlafen zu helfen, bis hin zu Alkohol oder illegalen Drogen, um unsere Gefühle zu betäuben, und Medikamenten gegen psychische Erkrankungen können Drogen uns besser fühlen lassen und sind in einer mangelhaften Gesellschaft eine Lösung, bei der die meisten von uns mehr oder minder mitmachen. Hormonelle Medikamente unterscheiden sich da nicht, so dass eine Person, die Hormone nimmt, um die Attribute des gegenteiligen Geschlechts zu imitieren, sich sehr wohl »besser fühlen« mag. Das ist keine Überraschung, aber es ist nicht mehr ein Beweis dafür, dass sie wirklich ein »Mann in einem Frauenkörper« waren, als dafür, dass eine Anorektikerin wirklich fett ist. Gefühle, obwohl real, sind nicht die Realität.

Transphobie

Machen wir uns klar, dass Lesben, schwule Männer und Frauen allgemein, vor allem Feministinnen, seit Jahrzehnten die lautstärksten, konsequentesten und praktischsten Verbündeten für Transmenschen sind. Wir wissen, wie es ist, missbraucht zu werden, einfach aufgrund dessen, wer man ist, diskriminiert zu werden, AußenseiterInnen in einer starren Gesellschaft zu sein. Frauen, Lesben und schwule Männer sind die natürlichen Verbündeten der Transmenschen. Was hat sich also verändert? Warum gibt es einen Konflikt zwischen Feministinnen und der Transgemeinschaft? Warum wird Germain Greer, eine der Gründungsmütter des Feminismus, in Transkreisen verunglimpft? Warum sind Toiletten zum Schauplatz des Ärgernisses geworden? Warum wird radikalen Feministinnen wie Julie Bindel, eine Lesbe und seit Jahren Aktivistin gegen Gewalt gegen Frauen, in Universitäten kein Rederecht gewährt (no-platforming), eine Taktik, die ursprünglich gegen den Faschismus eingesetzt wurde? Keine progressive Person will transphob sein, und viele Einzelpersonen und Organisationen wurden jüngst dazu verleitet oder genötigt, eine bestimmte Ideologie zu übernehmen, nämlich dass es etwas wie »Genderidentität« gibt, die völlig vom biologischen Geschlecht getrennt ist, dass Mann- oder Frausein ein Gefühl ist, das nichts mit Biologie zu tun hat, und dass die einzige Art, Transmenschen zu unterstützen und wirklich zu vermeiden als transphob betrachtet zu werden, die Übernahme dieser Ideologie ist. Es muss laut und deutlich gesagt werden, dass das nicht wahr ist. Transmenschen sind viele und vielfältig und nicht alle mit dieser Denkweise einverstanden. Viele MTTs und FTTs sehen sich selbst immer noch als das Geschlecht, als das sie geboren wurden. Viele transitionieren nur teilweise, manchmal nur gesellschaftlich, und verändern ihre Identitäten im Laufe der Zeit. Viele entscheiden, dass sie einen Fehler begangen haben oder dass das Transitionieren das Unglück nicht aufgelöst hat, das sie zu vetreiben suchten, und viele dieser Menschen detransitionieren. Die Transideologie würde darauf bestehen, dass wir unbedingt akzeptieren, dass eine MTT-Person eine Frau ist. Das entbindet sie bequemerweise nicht nur von jeglicher Verantwortung für die Männlichkeit, mit der sie aufwuchsen und von der sie profitierten, sondern birgt zudem die Frage: Sind sie nicht länger weiblich, wenn sie detransitionieren? An welchem Punkt wird ein detransitionierender MTT wieder ein Mann? Detransitionierte bringen die essentialistische Ansicht einer angeborenen Genderidentität, die Biologie übertrumpft, in Verlegenheit. Unglücklicherweise für die Transideologie weigern sie sich wegzugehen, und je mehr Transitionen wir sehen, desto mehr werden sie Teil der Landschaft unserer Welt sein.

Die Unterstützung des Rechtes von Transmenschen auf Freiheit von Diskriminierung und Missbrauch muss nicht bedeuten, einer Ideologie zuzustimmen, die sich als rückständig, misogyn und gegen die Befreiung aller Menschen von Genderstereotypen erwiesen hat. Es ist nicht transphob, wissenschaftlich zur Biologie zu stehen oder dem zu widersprechen, dass ein biologischer Mann eigentlich eine Frau ist, nur weil er sagt, dass er es ist. Tatsächlich verharmlost das Beharren auf dieser einen Ansicht reale und schädliche Transphobie. Das resultiert z. B. in den absurden, aber ultimativ gefährlichen Aktionen des NHS (National Health Service),[9] der Erinnerungsmitteilungen zu Gebärmutterhalsabstrichen an MTTs sendet, die keinen Gebärmutterhals haben, und nicht an FTTs, die einen Gebärmutterhals haben. Zweifellos haben Ideologien, wenn sie darauf bestehen Politik und Praxis mitzugestalten, Konsequenzen, und diese Ideologie hat negative Konsequenzen für Transmenschen selbst. Wir müssen dies bei der Prüfung aller vorgeschlagenen Rechtsvorschriften oder Richtlinien zu Transfragen berücksichtigen.

Lesbophobie

Lesben sind Frauen, die sich sexuell zu Frauen hingezogen fühlen. Das wäre bis vor kurzem eine unstrittige Aussage gewesen. Jetzt haben wir eine Situation, in der die genaue Definition von »Frauen« angefochten und umdefiniert wird. Wenn »Frau« nicht länger erwachsener weiblicher Mensch (adult human female) bedeutet, wenn »Frau«-sein einfach ein Gefühl sein kann, wenn eine Person, die als Junge/Mann geboren und erzogen wurde und oft noch einen intakten männlichen Körper besitzt, sich selbst als Frau definieren kann, dann sind die Gesellschaft und vor allem Lesben mit einem Dilemma konfrontiert. Wenn Transfrauen eine unterdrückte Minderheit von Frauen sind, dann könnte logischerweise eine Lesbe, die sagt, sie würde eine Beziehung mit einer Person mit männlichen Genitalien nicht in Betracht ziehen, als transphob bezeichnet werden. Es ist für jede rational denkende Person kaum zu glauben, aber das geschieht tatsächlich. Das nennt sich die »cotton ceiling« (»Baumwolldecke«)[10] und wird benutzt, um Lesben zu kritisieren und missbrauchen. Lesben wird gesagt, sie sind allein dadurch transphob, wer sie sind, Liebhaberinnen von Frauen. Das ist nicht nur lächerlich, sondern zutiefst antilesbisch, und die LGBT-Gemeinschaft und gewiss alle, die sich selbst als GegnerInnen von Homophobie verstehen, müssen das benennen. Es zeigt zudem, wohin Logik, die auf falschen Prämissen beruht, hinführen kann.

Geschlechtergetrennte Einrichtungen

Es ist wichtig, dass alle Menschen, einschließlich Kinder, in der Lage sind, eine öffentliche Toilette oder Umkleide in Sicherheit zu benutzen. Dies wurde herkömmlich durch Trennung auf Basis des biologischen Geschlechtes erreicht, unter der Annahme, dass das hauptsächliche Sicherheitsproblem männliche Gewalt gegenüber und Missbrauch von Frauen und Mädchen ist, obwohl dies die Frage nach der Gewalt heterosexueller Männer gegenüber schwulen Männern aufwirft, denen noch nie praktisch oder rechtlich Einrichtungen zum Schutz vor homophobem Missbrauch angedient wurden. Zweifellos verdient jede Person, die physisch transitioniert ist oder sich im Transitionsprozess befindet, die gleiche Sicherheit vor männlicher Gewalt. Jedoch ist das Beharren darauf, dass Frauen und Mädchen auf ihre eigene Sicherheit verzichten müssen, indem sie Menschen mit männlichen Körpern einfach auf der Grundlage der Selbstdeklaration in reine Frauenräume (female-only spaces) inkludieren, falsch und gefährlich. Viele FTTs stehen verständlicherweise ambivalent dazu, auf die Nutzung von Einrichtungen für Männer zu bestehen, und bevorzugen tatsächlich oft die der Frauen. Also ist das Problem nicht Identität. Das Problem ist männliche Gewalt und das Thema ist Sicherheit. Wir müssen das Problem benennen, um praktische Lösungen zu finden, die die Sicherheit für alle gewährleisten, ohne dass die Rechte einer Gruppe die der anderen außer Kraft setzen. Das ist sicherlich nicht zu viel verlangt von der Menschheit.

Lügen, verdammte Lügen, Statistiken und alles andere

Viele, die unterschiedliche Genderidentitäten annehmen, genießen die Freiheit, sich endlich selbst zu definieren; es liegt ein Element der Verspieltheit und Subversion darin, Teil dieses Trends zu sein, der Spaß macht und verlockend ist. Meinetwegen. Es steht uns allen frei, uns selbst zu nennen, was auch immer wir wollen, wir können unsere Meinung ändern, wir können Spaß daran haben, die gesellschaftlichen Erwartungen zu untergraben. Aber es macht etwas aus, ob Identität oder Biologie das Maß einer Frau oder eines Mannes ist. Es macht etwas aus in der gesellschaftlichen Erfassung von Statistiken. Wenn jeder sich als Frau identifizieren kann, wie können wir dann Informationen über die Position von Frauen in der Gesellschaft z. B. in Hinblick auf Verdiensthöhe, Gesundheit, Kriminalität oder Gewalt sammeln? Wenn die unzähligen Identitäten der Menschen, die sich immer wieder von einem Jahr zum nächsten ändern, die Definitionen sind, nach denen wir Statistiken zusammentragen, dann wird die auf diesen Statistiken beruhende Sozialpolitik nutzlos sein. Es macht etwas aus, in Hinblick auf Gefängnisse, wo eine Transidentität dazu führen kann, dass ein gewalttätiger männlicher Täter mit schutz- und machtlosen Frauen untergebracht wird. Es macht etwas aus im Sport, wo von Frauen nun erwartet wird, gegen biologische Männer anzutreten, denen höhere Testosteronspiegel erlaubt werden als Frauen, die als Frauen geboren wurden. Es macht etwas aus, wenn wir versuchen die jahrhundertelange Diskriminierung gegen Frauen durch die Einführung von Quoten im öffentlichen Leben, in Politik und Organisationen zu beseitigen; wenn jeder sich als Frau identifizieren kann, dann werden als Frauen geborene Frauen einmal mehr auf der Verliererseite stehen. Allen steht frei, sich zu identifizieren, wie auch immer sie wollen, aber sobald wir diese persönliche Präferenz und den Ausdruck von Persönlichkeit auf denselben Status wie biologisches Geschlecht erheben, machen wir auf einen Schlag all die Errungenschaften zunichte, die Frauen erreicht haben und noch immer in unserer männlich dominierten Gesellschaft erreichen müssen.

Debatte & Stille

Debatten und Diskussionen haben sich durchweg als eine essentielle Voraussetzung für progressive Veränderungen in der Gesellschaft erwiesen. Es gibt derzeit gegensätzliche Sichtweisen und Interessenkonflikte zu den Fragen des Sexismus, der Frauenrechte, der Genderidentität und der Transrechte. In progressiven Bewegungen müssen wir immer bestrebt sein weiter zu denken, offen für Debatten zu sein und einander zuzuhören, um Unterdrückung und Misshandlung aller Menschengruppen zu beenden. Es ist daher besorgniserregend, das Mundtotmachen (silencing) von Feministinnen zu beobachten, die eine Transideologie infrage gestellt haben, die darauf beharrt, dass ihre Analyse die Wahrheit ist und der einzige Weg, Transmenschen zu unterstützen. Feministinnen wird das Rederecht in Universitäten entzogen; Frauen werden in den sozialen Medien verbal missbraucht und bedroht; das Akronym TERF (Trans Exclusionary Radical Feminist, Trans-ausschließende Radikalfeministin) wird als Beleidigung und Drohung und misogyne Verunglimpfung gegen Frauen verwendet; Lesben werden regelmäßig Vergewaltigungen angedroht und als transphob gebrandmarkt. Das ist keine Art eine Befreiungsbewegung zu führen und keine Art Verbündete für eine Sache zu gewinnen. Darauf zu beharren, dass Jahrzehnte an feministischem Denken transphob sind, und abweichende Meinungen auszuschalten ist kontraproduktiv und beleidigend. Feministinnen glauben, dass es die einschränkenden Konsequenzen der Genderrollen und -hierarchie sind, die alle Frauen unterdrücken und alle Männer verletzen. Das schließt Menschen ein, die sich zeitweise als trans, genderfließend, nichtbinär, genderqueer, usw. identifizieren könnten. Wir sind alle verärgert über die gesellschaftliche Einschränkung unserer Menschlichkeit aufgrund unseres biologischen Geschlechts. Um dem ein Ende zu setzen und uns zu befreien, müssen wir offen für eine respektvolle Debatte zu diesem Thema sein oder wir werden nie Fortschritte machen. Jedes Mundtotmachen nützt nur einer misogynen, homophoben und patriarchalen Gesellschaft, und dann werden wir alle Verlierer sein. Lasst uns stattdessen diesen Kampf um Freiheit von den lähmenden Genderfesseln gewinnen!

Erläuterungen:

[1] Disableismus bezeichnet Vorurteile oder Diskriminierung aufgrund von Behinderung.

[2] Die Wortherkunft gibt bereits preis, dass sich »sexuell«, »Sexismus«, »homo-, bi-, heterosexuell«, usw. auf das biologische Geschlecht (Sex) und nicht auf das soziale Geschlecht (Gender) oder eine Identität beziehen.

[3] Klassismus bezeichnet Vorurteile oder Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder der sozialen Position und richtet sich überwiegend gegen Angehörige einer »niedrigeren« sozialen Klasse.

[4] Bedenkt man, dass weibliche Föten in einigen Ländern besonders häufig abgetrieben werden, dass Frauen generell und insbesondere Frauen, die keine Söhne gebären, in einigen Ländern schlechter ernährt werden, was sich zwangsweise auf das Ungeborene auswirkt, dann ergibt sich die Schlussfolgerung, dass Kinder bereits vor der Geburt mit diesen Erwartungen und Haltungen konfrontiert werden.

[5] Neuerdings wird zunehmend der Begriff »transidentifizierte Männer/Frauen« (trans-identified males/females, TIM/FIM) als genauere Alternative zu Männlich/Weiblich-zu-Trans (male/female to trans, MTT/FTT) verwendet. MTT/FTT impliziert, dass das Mann-/Frausein verlassen oder abgelegt werden könne, wohingegen TIM/FIM deutlich macht, dass es sich bei der Person nach wie vor um einen Mann/eine Frau handelt.

[6] Early Learning Centre ist eine frühere britische Ladenkette, die Spielzeug für sehr junge Kinder verkaufte und jetzt als Versandhandel vertreibt.

[7] Janet und John sind die Hauptcharaktere einer englischsprachigen Kinderbuchreihe für 4- bis 7-Jährige.

[8] Mastektomie bezeichnet die Entfernung der Brust- bzw. Milchdrüse bei Säugetieren.

[9] Der National Health Service (NHS, Nationaler Gesundheitsdienst) entspricht dem staatlichen Gesundheitssystem in Großbritannien und Nordirland.

[10] Die Metapher cotton ceiling (»Baumwolldecke«) bezieht sich auf die (Baumwoll-)Unterwäsche von Lesben, die für transidentifizierte Männer – ähnlich der »gläsernen Decke« für Frauen in Unternehmen – nicht überwindbar ist.

Susi Kaplow: Wütend werden

CCO Public Domain, Pixabay

Der nachfolgende Beitrag erschien in englischer Sprache unter dem Titel „Getting Angry“ in der Anthologie „Radical Feminism“, herausgegben von Anne Koedt, Ellen Levine und Anita Rapone im Jahr 1973. Es handelt sich hierbei um eine gekürzte, übersetzte Fassung.

Ein wütender Mann: Jemand hat seine Rechte verletzt, gegen seine Interessen gehandelt, oder jemandem, den er liebt, Schaden zugefügt. Vielleicht hat seine Wut auch soziale Ursachen – und richtet sich gegen Rassismus oder Militarismus. … Wir sehen ihn Schreien, seine wütenden Phrasen mit Selbstsicherheit und Zuversicht raushauen – oder seine Faust in den Bauch eines Opponenten rammen, mit der gleichen Überzeugung. Wie auch immer wird die Wut überwunden; unser Held hat sie raus gelassen. …

Einer Frau ist es in dieser Gesellschaft nicht erlaubt ihre gesunde Wut geradeheraus auszudrücken. … Eine Frau hat es gelernt ihren Ärger zurückzuhalten: Er geziemt sich nicht, ist ästhetisch anstößig, und wütend zu sein verstößt gegen das süße und weiche weibliche Bild. Die Frau fürchtet ihre eigene Wut auch … Was, wenn sie falsch liegt? Was, wenn die andere Person Recht hat? – Oder noch schlimmer(und das ist die größte Angst), was wenn sie erwidert „Du bist verrückt, ich weiß gar nicht worüber du dich aufregst.“

Warum können Frauen sich selbst nicht zugestehen ihre gesammelte Wut zu zeigen? … Gesunde Wut sagt: „Ich bin ein Mensch. Ich habe menschliche Rechte, die du mir nicht verwehren kannst. Ich habe ein Recht darauf fair und mit Mitgefühl behandelt zu werden. … Ich habe ein Recht darauf selbst voranzukommen, wenn ich niemand anderem damit schade. Und wenn du mir diese Rechte nicht zugestehst, dann werde ich es dir nicht danken, sondern ich werde „Fick dich“ sagen und dich bekämpfen, wenn es sein muss.“ Die Wut eines Menschen stellt ihn in den Mittelpunkt. Sie fordert Aufmerksamkeit ein und das Recht ernst genommen zu werden, sonst … (Sonst rede ich nicht mehr mit dir, arbeite ich nicht mehr mit dir zusammen oder bin nicht mehr freundlich zu dir, sonst ist unsere Verbindung ein für alle Mal gebrochen.)

Wut auszudrücken bedeutet Risiko. Risiko, dass die andere Person selbst wütend wird, dass die andere Person es missverstehen wird oder es ablehnt sich damit auseinanderzusetzen, oder dass die Wut deplatziert ist oder auf falschen Informationen beruht. Deshalb bedarf es Stärke zu sagen, dass man wütend ist – den Mut zu deiner Überzeugung zu stehen und die Fähigkeit zu akzeptieren, dass dein Ärger unerwünscht sein könnte.

Wut ist selbstbewusst und drückt die Absicht aus zu kämpfen, auch wenn dadurch der Status Quo gefährdet wird. Man muss fähig sein ein Risiko einzugehen, und wenn notwendig, eine Niederlage zu akzeptieren, ohne komplett zu kapitulieren. Wut ist darüber hinaus bestimmt. Die traditionelle Frau entspricht genau dem Gegenteil dieser Beschreibung. Sie hat kein Selbstvertrauen in sich und ihren Wahrnehmungen, sie geht Streit aus dem Weg oder folgt den Regeln der Ritterlichkeit und lässt jemand anderen für sie kämpfen. Ihr Selbstbild ist so wackelig, dass jegliche Kritik als Anklage an ihrer Person betrachtet wird. Sie ist eine lebendige und wandelnde Entschuldigung für ihre eigene Existenz.

Auch wenn die Realität sich inzwischen ein wenig geändert hat, werden sich die meisten Frauen irgendwo in dieser Beschreibung wiederfinden. Die Gesellschaft hält an diesem Modell als ihrem Ideal fest und nennt eine wütende Frau unweiblich. Wut nimmt die Frau aus ihrer Erde-Mutter-Rolle, einer Bastion des Friedens und der Ruhe, aus ihrer familiären Rolle als Friedensstifterin, aus ihrer politischen Rolle als Bewahrerin des Status Quo, aus ihrer ökonomischen Rolle als billige Arbeitskraft, aus ihrer sozialen Rolle als Mensch zweiter Klasse. Es nimmt sie komplett aus ihren Rollen und macht sie zu einer Person.

Es ist deshalb kein Zufall, dass die Emotion, die für die meisten Frauen mit dem ersten Schritt der Befreiung einhergeht, Wut ist. Wie viel Selbstwert auch immer du in 20-30 Jahren, in denen dein Verstand durcheinandergebracht wurde, entwickeln konntest, gibt dieser dir ein vages Gefühl dafür, dass deine Situation nicht so ist wie sie sein sollte und sorgt dafür, dass wir uns zaghaft nach möglichen Erklärungen umsehen. Erkenntnisse sind zunächst zögerlich, aber dann fangen sie an, dich unerbittlich wie ein Vorschlaghammer zu treffen, und treiben deine Wut mit jedem Hieb tiefer in dein Bewusstsein.

Deine Rage konzentriert sich auf die Gruppe jener Individuen, die dir den meisten Schaden zugefügt haben. Du bist wütend auf deine Eltern, die lieber einen Jungen gehabt hätten; auf deine Mutter (kombiniert mit Migefühl), weil sie sich selbst hat unterdrücken lassen und es versäumt hat dir ein anderes Vorbild für weibliches Verhalten vorzuleben; auf deinen Vater, der ein günstiges Ego-Polster erhalten hat, auf Kosten von dir und deiner Mutter.

Du bist wütend auf die, die dich auf deine schäbige Rolle vorbereitet haben. Auf die Lehrer, die weniger von dir erwartet haben, weil du ein Mädchen warst. Auf die Ärzte, die dir gesagt haben, dass Empfängnisverhütung Frauensache ist und dir eine Wahl zwischen gefährlichen und ineffektiven Instrumenten gelassen haben, dir dann eine Abtreibung versagt haben, als sie versagten. Auf den Psychologen, der dich frigide genannt hat, weil du keine vaginalen Orgasmen hast und der dich neurotisch genannt hat, weil du mehr willst als die unbezahlte und ungewünschte Rolle eines Dienstmädchens, Krankenpflegerin oder ähnliches…  Auf Arbeitgeber, die dir weniger bezahlt haben und dich in miserablen Jobs gehalten haben. Auf die Botschaft der Medien, die du vorher nie verstanden hast: „Baby, du hast es weit gebracht“ – in eine Sackgasse, eine Straße, die wie für dich vorgezeichnet haben.

Wütend, vor allem, auf Männer. Für den Verkäufer, der dich immer „Schatz“ genannt hat, hast du jetzt ein barsches, knappes: „Nenn mich nicht Schatz“. Für die Männer auf der Straße, die ihre täglichen Erniedrigungen an deinem Körper begehen, hast du ein „Fick dich“, oder, wenn du mutig bist, ein Knie zwischen die Beine. Deine männlichen Freunde (die immer weniger werden), die „total für die Frauenbefreiung“ sind, belegst du mit einem zynischen Blick … .Und für deinen Mann (sollte der noch da sein), hast du eine Menge feindseliger und wütender Fragen. Unterscheidet er sich von anderen Männern? Wenn ja, wie? …

Dies ist eine sehr unbequeme Zeit, die es zu überstehen gilt. Du bist grob mit deiner Wut, die ein Eigenleben zu haben scheint. Deine FreundInnen, von denen die meisten nicht mit dir übereinstimmen, finden dich schrill und schwierig. Und aus Angst sie könnten Recht haben, dass du einfach verrückt bist, verstärkt sich das noch. Du ermüdest dich selbst mit dieser Wut – es ist verdammt anstrengend immer wütend zu sein – die dich nicht mal in Ruhe einen Film gucken oder ein Gespräch führen lässt.

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Schopenhauer für Feministinnen oder: Wie man Antifeministen rhetorisch besiegt

Feminismus im Alltag spielt sich häufig im Netz ab. Dort gibt es Diskussionen, die immer auch vor einer bestimmten Öffentlichkeit geführt werden, mal ganz öffentlich, mal vor einer Fanbase oder einer Gruppe. Feministinnen suchen solche Diskussionen manchmal, weil es wichtig ist, zu widersprechen, wenn Frauenhass relativiert oder sogar akzeptiert und gefördert wird, oft werden sie aber auch in solche Diskussionen gezwungen, weil es vielen Menschen – nicht nur Männern – große Freude bereitet, die Beweisführung zu versuchen, wie sehr der Feminismus falsch liegt, oder, wenn er nicht falsch liegt, alles ganz falsch angeht. Auf der Sachebene kann Mann gegen Feminismus wenig vorbringen, also wird entweder mit erfundenen oder nicht belegbaren Zahlen argumentiert – oder eben der sogenannten Schwarzen Rhetorik, die nur noch scheinbar auf der Sachebene diskutiert.

Neben der Sache geht es also ganz oft nur darum, wer die bessere Rhetorik an den Tag legt, also seine Argumente gut vorträgt, die der anderen entkräftet und manchmal auch schlicht schlagfertiger ist. Wozu das alles, kann man sich fragen. Überzeugte Maskulisten oder Antifeministen wird man damit kaum überzeugt bekommen. Das stimmt. Aber hier kommt ein weiterer wichtiger Punkt der Diskussionen online in das Spiel: Die Öffentlichkeit der anderen Mitleser. Andere, abweichende Meinungen anzubieten, ist zentral, wenn es darum geht, über bestimmte Zusammenhänge wie etwa die Auswirkungen der Prostitution aufzuzeigen. Mit dem „Recht haben“ (Prostitution ist Ausbeutung und institutionalisierter Frauenhass) ist aber noch nichts über das „Recht behalten“ gesagt.

Auch derjenige, der objektiv Recht hat, kann trotzdem eine Diskussion verlieren, das wusste schon Arthur Schopenhauer, als er 1830 „Die Kunst Recht zu behalten verfasste“ – bis heute ein Standardwerk zur Rhetorik – insbesondere der sogenannten „Schwarzen Rhetorik“. Arthur Schopenhauer gehört sicher nicht zur Standardlektüre von Feministinnen. Ein ganzes Buch – „Über die Weiber“ schrieb er einst darüber, warum Frauen eigentlich nur zur Kinderaufzucht oder der Haushaltspflege taugen. Was er über Frauen zu sagen hat, ist bestenfalls Ausdruck einer verängstigten Männerseele oder schlicht Frauenhass. Trotzdem gibt es ein paar Dinge, die wir von Schopenhauer lernen können – insbesondere wie man sich gegenüber schmutziger verbaler Kriegsführung anderer wehren kann. Die besten Rhetoriker der Geschichte waren, das wundert nicht, oft auch glühende Frauenhasser (Aristoteles, Augustinus, Schopenhauer, Nietzsche, die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen).

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Evelina Giobbe: Den liberalen Lügen über Prostitution entgegentreten

Evelina Giobbe - Foto: Privat

Auszüge aus einem Text, veröffentlicht im Sammelband “The Sexual Liberals and The Attack on Feminism“, herausgegeben von Dorchen Leidholdt und Janice G. Raymond im Jahr 1990. Vollständiger Text „Confronting the Liberal Lies About Prostitution“ (auf englisch) auf radfem.org

WHISPER  (Women Hurt In Systems Of Prostitution Engaged In Revolt) ist eine nationale Organisation von Frauen, die die Sexindustrie überlebt haben. … Wir haben dieses Akronym gewählt, weil Frauen im System der Prostitution untereinander über den Zwang, die Erniedrigung, die sexuellen Misshandlungen und die Gewalt auf denen die Prostitution gründet, flüstern, während die Mythen über die Prostitution in der Pornographie und den Mainstream-Medien geradezu herausgeschrien werden – und das von selbsternannten „ExpertInnen“. Diese Mythologie (…) wird illustriert durch die Ideologie der Sexualliberalen, die fälschlicherweise behaupten, dass Prostitution eine Wahl sei; dass Prostitution der Inbegriff der sexuellen Befreiung der Frau sei; dass die Prostituierten die sexuellen und ökonomischen Bedingungen ihrer Interaktionen mit Freiern bestimmen würden; dass Zuhälter/Prostituierte für beide Seiten förderliche soziale und Wirtschaftsbeziehungen seien, in die Frauen sich freiwillig begeben würden … .

Die Sexualliberalen haben drei wesentliche Argumente entwickelt, die die zentrale Rolle von Zuhältern bei der Rekrutierung von Mädchen und Frauen in die so genannte freiwillige Prostitution wegerklären sollen: „Der Zuhälter als Manager“; „Der Zuhälter als stigmatisierte Minderheit“; „Der Zuhälter als Liebhaber und Freund“.  Alle drei Modelle machte sich Priscilla Alexander  [die niemals selbst in der Prostitution war] von der NTFP (National Task Force on Prostitution) und COYOTE (Cast Off Your Old Tired Ethics) zu eigen, ebenso  Arlene Carmen und Howard Moody, die dies von der Kanzel der Judson Memorial Church predigten und in ihrem Buch „Working Women: The Subterranean World of Street Prostitution“ (1985) vertraten. Da deren kollektiven Ansichten repräsentativ für die Förderung von und Entschuldigung für die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Frauen in der Pornographie und Pornographie sind, möchte ich mich damit befassen.

… Zunächst müssen wir uns den Mythos anschauen, nach dem Prostitution einfach ein Job wie jeder andere sei. Wenn es nach den Sexualliberalen geht, dann ist „Prostitution eine traditionelle weibliche Beschäftigung, die alltäglich auftritt und bei der biologisches Verlangen und ökonomische Bedürfnisse sich treffen“. Genauso doppelzüngig empfehlen sie uns es als „Akt, der in erster Linie persönlich und intim ist“ zu sehen und gleichzeitig „eine der letzte Bastionen des kleinen, selbstständigen, wirtschaftsliberalen Kapitalismus“ (Carmen / Moody, 1985). Die Tatsache, dass Prostitution die Objektifizierung des weiblichen Körpers, der auf dem Markt verkauft wird, voraussetzt, entzieht sie dem persönlichen Bereich. Vielmehr haben Überlebende den Akt der Prostitution als „ekelhaft“, „missbräuchlich“ und „wie Vergewaltigung“ beschrieben, und erklärt, dass sie lernen mussten ihren Geist von ihren Körpern abzutrennen oder Drogen und Alkohol konsumieren mussten, um ihre physischen und emotionalen Schmerzen zu  betäuben (WHISPER 1988). Dementsprechend wäre es richtiger Prostitution als zudringlich, ungewollt und oftmals offen gewalttätigen Sex zu sehen, den Frauen aushalten, statt es als „persönlichen und intimen Akt“ zu betrachten.

…Die Sexualliberalen (…) ignorieren, dass Prostitutionsüberlebende wiederholt gesagt haben (…), dass sie Prostitution nicht als Beruf betrachten. (…) Außerdem berücksichtigt diese Analyse nicht die soziale Funktion der Prostitution: das Recht auf bedingungslosen sexuellen Zugriff auf Frauen und Mädchen auf alle Männer auszuweiten, zusätzlich zu den Privilegien, die Ehemänner und Väter innerhalb der Institution der Ehe genießen. Diese Dynamiken werden von den Frauen, die im System der Prostitution benutzt werden verstanden, (…) so äußerte eine Überlebende (…) : „Ich habe gedacht, dass Frauen auf dieser Erde seien um das sexuelle Vergnügen der Männer sicherzustellen, im Tausch gegen ein Dach über dem Kopf und Essen in deinem Magen.“

Manche Sexualliberalen rechtfertigen Prostitution als eine altruistische Kreation von Women of Color:  „Prostitution ist schwarzen Frauen nicht fremd“, schreiben Carmen und Moody. „In den 1920er und 1930er Jahren gab es in jeder südlichen Stadt einen Rotlichtbezirk gegenüber dem schwarzen Ghetto, in dem junge weiße Jungs ihre Männlichkeit mit Hilfe einer „Zwei-Dollar-Hure“ entdeckten. (…) Prostituierte (…) haben Weiße und Schwarze lange vor der Bürgerrechtsbewegung integriert“ Erstaunlicherweise betrachten Carmen und Moody den Kauf und Verkauf von „schwarzen“ Frauen durch weiße Männer und ihre Söhne als Vorhut der Aufhebung der Rassentrennung. (…)

Eine WoC, die Prostitution überlebt hat, dazu:

„Sie haben [in der Stahlindustrie von Indiana] Männer angestellt. Alle Männer bekamen Jobs in den Stahlfabriken dort; jedoch nur wenige Frauen. Du musstest wirklich süss sein oder jemanden kennen, also gab es keine Jobs auf dem Feld, keine Jobs in den Büros, es sei denn du kanntest jemanden; aber es gab jede Menge Jobs für dich in den Stripclubs, als Tänzerin oder in den Restaurants und Bars vor den Fabriken, für wenn die Jungs reinkamen.“

Rassistische Stereotype von WoC in der Pornographie und rassistische Politiken, die pornographische Buchläden, Peep Shows, Oben-Ohne-Bars und Prostitution in die armen Nachbarschaften der Schwarzen und ethnischen Minderheiten legen, erschaffen eine Umgebung, in der WoC besonders verletzlich sind. (…)

Die Rolle des Rassismus bei der Rekrutierung von Frauen in das System der Prostitution und als Hindernis für ihr Entkommen daraus, ist komplex und facettenreich. …

„Prostitution beinhaltet eine Gleichung von Sex und Macht“, sagt COYOTE. Aber statt die Macht der Zuhälter und Freier über Frauen, die in der Prostitution benutzt werden, halten anzuerkennen, behauptet COYOTE ein gegensätzliches Arrangement: „Für die Frau / Prostituierte, besteht die Macht  in der Möglichkeit ihre Bedingungen für Sexualität zu bestimmen, sowie eine Bezahlung für ihre Zeit und Fähigkeiten zu verlangen“ (Priscilla Alexander) Den Feminismus grob entstellend,  behaupten Carmen und Moody: „In einer Gesellschaft, in der Frauen an der Schwelle zur Gleichheit mit Männern stehen, und den Sex nicht nur zu genießen beginnen, sondern auch entscheiden wann und mit wem sie ihn haben, wird die Prostituierte die Verkörperung der Freiheit, die bisher nur eine Fantasie war“. Sie erweitern ihre Unterstützung des männlichen sexuellen Imperativs zum Maß der sexuellen Freiheit von Frauen jedoch, wenn sie die vordergründige Funktion der Prostituierten beschreiben als „(…) sich für Bezahlung der sexuellen Fantasien unserer Brüder, Väter und Söhne ergeben“. (…)

Tatsächlich wird die Ausbeutung durch Zuhälter von Alexander umdefiniert in eine „Arbeitgeber-Arbeitnehmer Beziehung, in der mehrere Prostituierte einen Teil oder ihre ganzen Einnahmen einem Dritten übergeben“. (…)

In einem Versuch Stroh in Gold zu verwandeln, spinnen die Sexualliberalen sich eine Argumentation zur Verteidigung der Prostitution, die auf falschen Annahmen und regelrechten Lügen beruht. Sie behaupten Prostitution sei sowohl eine Manifestation der sexuellen Freiheit der Frauen und von Geschlechtergleichheit. Sie behaupten Frauen würden Prostitution als Beruf wählen. Sie behaupten, dass Frauen sowohl die sexuellen als auch die finanziellen Interaktionen zwischen sich und den Freiern bestimmen würden. Sie behaupten Zuhälter seien kleine Geschäftsführer, die man durch Gewerkschaftsverhandlungen zur Verantwortung ziehen kann und sollte.

Bei der Auswertung der Daten, die im WHISPER Oral History Projekt gesammelt wurden, haben sich kulturell unterstützte Taktiken von Macht und Kontrolle herausgestellt, die die Rekrutierung oder den Zwang von Frauen und Kindern in die Prostitution befördern und effektiv ihren Ausstieg verhindern. These Taktiken beinhalten sexuelle Gewalt im Kindesalter, Vergewaltigung, häusliche Gewalt,  Mangel an Bildung, Diskriminierung am Arbeitsplatz, Armut, Rassismus, Klassismus, Sexismus, Heterosexismus und ungleiche Durchsetzung des Gesetzes. Dieselben Taktiken werden von einzelnen Männern verwendet um Frauen in missbräuchlichen Beziehungen außerhalb der Prostitution zu halten.

90% der Frauen, die am Oral History Projekt von WHISPER teilnahmen berichteten von einem ungeheuren Maß an erlebter physischer und sexueller Gewalt in ihrer Kindheit. 90% waren in ihren Familien geschlagen worden. 74% haben zwischen ihrem 3. und 14. Lebensjahr sexuelle Gewalt erfahren. In dieser Gruppe haben 57% wiederholt sexuelle Gewalt über einen Zeitraum von fünf Jahren erfahren. 43% wurden von zwei oder drei Tätern viktimisiert; 93% wurden von einem Familienmitglied sexueller Gewalt ausgesetzt. Zusätzlich wurden 50% aus dieser Gruppe von einem Nicht-Familienmitglied sexueller Gewalt ausgesetzt.  (…)

Carmen und Moody versuchen die Zuhälter freizusprechen, indem sie ein pseudo-psychologisches Profil dieser Männer erstellen. Was wirklich wichtig sei, schreiben sie, sei „das Selbstbild dieses Mannes, die Art und Weise wie er sich selbst wahrnimmt in seiner Beziehung zur Prostituierten. (…) Er sieht sich nicht als Sklavenhalter von Frauen; Er sieht sich eher als ein Geschäftsmann. (…) Er führt einen kleinen Betrieb.“ Und wenn wir weiterlesen, dann lernen wir, dass in diesem Betrieb „er sich normalerweise entscheidet die Frauen eher mit Sach- und Dienstleistungen zu bezahlen, statt mit Geld.“  Dies ist äquivalent dazu eine Analyse von sexueller Gewalt zu konstruieren, indem man den Sexualstraftäter fragt wie er sich selbst in Relation zu seinem Opfer sieht: Er wird sich selbst nicht als Vergewaltiger sehen, sondern er wird sich eher als ein Liebhaber betrachten.

Carmen und Moody schreiben über den Blick der Gesellschaft auf den Zuhälter: „Der Zuhälter als eine Kategorie Mensch erleidet das gleiche Schicksal wie andere Mitglieder von devianten und Minderheits-Subkulturen.“ (…) Sie fahren fort mit dem was sie als die wahre Erniedrigung durch die Sklaverei empfinden: „Weiße Meister haben schwarze Männer sozial kastriert, indem sie ihnen nicht erlaubten einem eigenen Haushalt vorzustehen, und ihnen den Zugriff auf weiße Frauen verwehrt haben.“ Für Carmen und Moody ist die zeitgenössische Zuhälterei durch schwarze Männer eine Korrektur einer historischen Ungerechtigkeit: „Der schwarze Zuhälter hat die Geschichte umgekehrt“, erklären sie. „Er dominiert schwarze und weiße Frauen [und hat] so den weißen Mann erniedrigt, indem er ihn dafür zahlen lässt für das, was weiße Frauen dem schwarzen Mann freigiebig geben.“

Das rassistische Paradigma (…) lenkt die Aufmerksamkeit von dem organisierten Handel mit Frauen durch weiße Geschäftsmänner in Amerika – den Bordellbetreibern in Nevada; Betreibern von Massagesalons und Escort-Services in den ganzen Vereinigten Staaten; Besitzern und Geschäftsführern von Bars, Nachtclubs und „Tanzstudios“, in denen Prostitution gefördert wird; Betreibern von „Mail Order Bride“-Agenturen; von organisierten, kriminellen Netzwerken, die im geheimen Einverständnis mit amerikanischen GI`s betrügerisch asiatische Frauen in dieses Land handeln und sie in Massagesalons einsperren; von den Pornographen und den Betreibern der „Peep Shows“ und „Live Sex Shows“; und von den linken, selbsternannten Revolutionären, die ihre weiblichen Genossinnen in den 1960er und 1970er Jahren „rausgeworfen“ haben. (…)

Die Familie dient als Übungslager für die Prostitution. Es ist im Interesse der Sexualliberalen, die meisten von ihnen Ehemänner und/oder Väter, diese Institution intakt zu halten. Sie schützen sie durch die Erzwingung von Gesetzen der Privatsphäre, die den Mann vorm Eingriff in seine absolute Autorität zu Hause schützen – ebenso wie diese Gesetze ihr Recht schützen Frauen durch die Pornographie öffentlich zu handeln.

In einem Versuch den Männern jegliche Verantwortung für den Handel mit Frauen abzusprechen, argumentieren Carmen und Moody, dass es „ein Mythos [ist], dass der Zuhälter der vorrangige Grund ist warum Frauen sich in diesem Leben befinden.“ Sie behaupten für die Prostituierten zu sprechen, wenn sie sagen: „(…) die Frauen wählen sehr viel häufiger als nicht den Mann mit dem sie sein wollen und dem sie ihr Geld geben) …. )Frauen verlassen den einen Zuhälter für einen anderen.“ (…) Alexander geht so weit, dass sie behauptet, dass „junge Mädchen (Ausreißerinnen) vorsätzlich in die großen Städte gehen um Zuhälter zu finden….“. (…)

Carmen und Moody beschreiben den Zuhälter als gütig. Sie schreiben: „Der Zuhälter spielt eine vielfältige Rolle (…) in Bezug auf seine Frauen: (…) als Vater, der seine eigensinnige Tochter erzieht … [als] Bruder … [als] Liebhaber. Die vielleicht wichtigste Rolle ist vermutlich, die (…) wenn er den Ehemann mimt:“ Sie behaupten: „Er ist begehrenswert, weil sie glaubt, dass er ein guter Versorger ist, der ihr die Dinge gibt, die sie braucht (…) und das was sie begehrt (…)  und er ihr das ultimative Geschenk machen wird – und sie sei Kind gebären lässt.“ Sie schieben die Schuld auf die Frauen, wenn sie sagen: „In der Subkultur der Prostitution ist der Mann immer noch der König auf einem Berg, während die Frau eine unterwürfige Dienerin ist, wenngleich auch zum größten Teil eine willige.“

Was Carmen und Moody hier beschreiben ist die traditionelle, patriarchale Familie, und indem sie das getan haben, haben sie unbewusst die Wahrheit über Prostitution entlarvt. Prostitution wird zu Hause gelehrt, sozial validiert durch die sexualliberale Ideologie und sowohl durch die Kirche und den Staat durchgesetzt. Das sind sozusagen die männlichen Hierarchien sowohl der konservativen Rechten und der liberalen Linken die hier zusammenwirken und Frauen Prostitution lehren und sie darin halten: die Rechte, indem sie fordert, dass Frauen sozial und sexuell dem  einen Mann in der Ehe untergeordnet sein sollen, und die Linke, indem sie fordert, dass Frauen sozial und sexuell allen Männern durch die Prostitution und die Pornographie untergeordnet sein sollen. Das gemeinsame Ziel ist es ihre Macht zu erhalten Frauen zu besitzen und zu kontrollieren, sowohl in der privaten als auch der öffentlichen Sphäre.

Prostitution ist nicht wie irgendetwas anderes. Vielmehr ist alles andere wie Prostitution, denn sie ist das Modell für die Lage der Frau. Die Trennlinie zwischen der Ehefrau und der Prostituierten – Madonna und Hure – verschwimmt zunehmend, beginnend mit den Versuchen der Frauen sich selbst aus dieser Doppelmoral zu befreien, die enttäuscht wurden durch die Übernahme und Forcierung der „Playboy Philosophie“ durch die liberale Linke.  Dies resultierte in der Ersetzung der Doppelmoral durch einen einzigen männlichen Standard, in dem sexuelle Befreiung ein Synonym für die männliche, sexuelle Objektifizierung von und den bedingungslosen sexuellen Zugriff auf Frauen wurde. Mit dem Eindringen der pornographischen Kabelprogramme und Videokassetten ins eigene Heim wird die „gute Ehefrau“ zunehmend gleichgesetzt mit der „guten Hure“, da immer mehr Frauen gedrängt werden die Szenen aus der Pornographie nachzuahmen. In diesem Kontext wird die Ehefrau bedrängt, verführt und/oder gezwungen die Rolle der Prostituierten zu übernehmen, während der Ehemann die Rolle des Freiers einnimmt. Wettbewerbe von Pornographen, wie Hustler (…) und High Society (…) haben zu einer starken Zunahme von Heim-Pornos geführt. In dieser Situation wird die Frau dazu verpflichtet sich in die Rolle der „Pornoqueen“ zu versetzen, während der Ehemann die Rolle des Pornographen übernimmt. Die Zunahme der „Swinger-Magazine“ und „Frauentausch-Clubs“ ermöglicht Männern sich gleichzeitig in die Rolle des Freiers und Zuhälters zu begeben, indem sie für die Benutzung der Partnerin des einen Mannes zahlen, und im Austausch ihre Ehefrau verfügbar für andere machen.  Die letzte Barriere der Trennung der Rolle von Ehefrau und Prostituierten wird eingerissen, wenn Männer sexuelle Begegnungen mit Prostituierten, die ihre Ehefrauen mit einbeziehen, arrangieren. Eine Prostitutionsüberlebende beschreibt die Dynamiken einer solchen Erfahrung:

„Viele Männer haben es genossen mich mit ihren Ehefrauen als dritte Person einzubringen. Normalerweise endete das damit, dass wir einen Porno anschauten und er dann sagen würde: „Ok, ich möchte, dass du das jetzt mit meiner Frau machst.“ Bei diesen Begebenheiten habe ich die Frau als Opfer empfunden, und dass meine Aufgabe darin bestand ihr weh zu tun. Ich habe ein echtes Machtspiel gespürt, bei dem der Mann seiner Frau offensichtlich sagte: „Wenn du das nicht machst, dann werde ich dich verlassen.“  Da gab es viele Zwischentöne, die für Manipulation und Zwang sprachen.“

Auf jede dieser Weisen symbolisiert Prostitution den Wert der Frauen in der Gesellschaft. Sie ist paradigmatisch für die soziale, sexuelle und ökonomische Unterordnung insofern, dass ihr Status die Basis ist, an dem der Wert aller Frauen gemessen ist, und auf den alle Frauen reduziert werden können. Die Bezahlung, die ein Mann bezahlt um die am meisten verachteten Frauen – Prostituierte – zu schädigen  – setzt den Standard nach dem er die Frauen unter seiner Kontrolle behandeln kann – seine Frau und seine Töchter. (…)

Die Rolle der Prostituierten wird Frauen individuell und als Klasse beigebracht durch die soziale Sanktionierung von kommerzieller sexueller Ausbeutung von Frauen durch Pornographen, die unseren Status zweiter Klasse aufrecht erhält und dennoch von den Sexualliberalen als Befreiung der Frau  angepriesen wird. Die vom Oral History Projekt erhobenen Daten widersprechen dem Argument der Sexualliberalen, dass Pornographie eine harmlose Fantasie sei oder sexuell befreiende Unterhaltung, sondern legen stattdessen nahe, dass Pornographie ein wichtiger Faktor ist in Bezug auf die Gewöhnung von Frauen an die Prostitution. 52% der interviewten Frauen enthüllten, dass Pornographie eine bedeutende Rolle dabei spielte ihnen beizubringen was von ihnen als Prostituierte erwartet würde. 30% gaben an, dass ihre Zuhälter sie regelmäßig pornographischem Material aussetzten um ihnen eine Akzeptanz der dargestellten Praktiken zu indoktrinieren. Eine Überlebende erklärte:

„Er hat Pornographie benutzt um mir Rollenbilder vorzugeben … Er sagte Dinge wie „Ich möchte, dass du so aussiehst“.

Vervollständigt wird die Angelegenheit durch die Benutzung von Pornographie durch Freier. 80% der Überlebenden berichteten, dass ihre Kunden ihnen Pornographie gezeigt haben um die sexuellen Aktivitäten zu illustrieren, die ihnen vorschwebten, inklusive Sadomasochismus, Bondage, Analverkehr, Urin und Kot, die Entfernung von Schambehaarung für die Illusion der Pubertät. Diese Information passt zu der Aussage von Prostitutionsüberlebenden in öffentlichen Anhörungen und vor Kommisionen:

„Pornographie war unser Lehrbuch. Wir haben die Tricks des Gewerbes gelernt, in dem Männer uns Pornographie ausgesetzt haben und uns dazu bringen wollten nachzuahmen was wir sahen. Wir können gar nicht genug betonen was für einen großen Einfluss das hatte.“

53% der Interviewten berichteten, dass  ihre Kunden pornographische Bilder schossen, zusätzlich zu den sexuellen Aktivitäten….

Wir, die Frauen von WHISPER, sind der Brutalität der patriarchalen Familie entkommen, nur um uns selbst den Zuhältern, Kupplern und Vermittlern auf Gedeih und Verderb ausgesetzt zu sehen, die eine Milliarden-Dollar-Industrie geschaffen haben, um zu verkaufen, was uns unsere Väter und Ehemänner ursprünglich von uns gestohlen haben. Wir sind hier um die Lüge über Prostitution zu entlarven, dass Prostitution die Antwort auf die soziale, sexuelle und ökonomische Unterordnung der Frau sei. Prostitution ist KEIN „Beruf“.

„Wenn ich auf mein Leben blicke, dann denke ich wie ich in diese Welt kam, als Kind, und erwartete gefüttert zu werden, angezogen zu werden, beschützt zu werden und mit Respekt und Güte behandelt zu werden, wie jedes andere menschliche Wesen … Ich glaube nicht, dass ich mit dem Wunsch auf diese Welt gekommen bin, eine Prostituierte zu sein. Ich denke, das ist etwas, was mir von den Dynamiken der Gesellschaft auferlegt wurde. Etwas, dass mir beigebracht wurde.“

Prostitution ist kein „Verbrechen ohne Opfer“

„Prostitution ist Gewalt gegen Frauen … es ist die schlimmste Form von Gewalt gegen Frauen, denn du wirst von den Freiern misshandelt, von den Zuhältern, und von der Polizei. Die gesamte Gesellschaft kehrt dir den Rücken zu.“

Prostitution ist ein Verbrechen, dass Frauen von Männern angetan wird (…). Es ist nicht weniger als die Kommerzialisierung der sexuellen Gewalt und Ungleichheit, die Frauen in der traditionellen Familie erleiden, und sie kann auch nichts anderes sein.

„Die Gesetze werden von Männern gemacht und Männer wollen Frauen in der Prostitution halten, weil sie sie kontrollieren wollen, also ist das, was Prostitution ändern könnte, sie nicht zu legalisieren, sondern sie zu beenden und zu stoppen, und ich glaube nicht, dass Männer dies tun wollen. Ich denke Frauen müssen das tun.“

Der Abbau der Institution der Prostitution ist die anspruchsvollste Aufgabe für den zeitgenössischen Feminismus.

 

Carol J. Adams: Bitch, Chick, Kuh: Die Rechte von Frauen und (anderen) Tieren

Carol J. Adams [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

(Teil)Übersetzung eines Beitrags von Carol J. Adams mit dem Titel „Bitch, Chick, Cow: Women’s and (Other) Animals‘ Rights“, im Sammelband „Sisterhood is Forever“, The Women’s Anthology for a New Millennium. Washington Square Press 2003, herausgegeben von Robin Morgan.

Feministinnen sehen nicht andere Dinge als andere Menschen; Feministinnen sehen die gleichen Dinge anders. Eine Sache, die Feministinnen anders sehen, sind Tiere. Was wir anders sehen ist … die Abwesenheit des Tieres. Wir sehen das Tier, dessen Existenz zu einem Essen, einem Mantel oder einem Paar Schuhe geführt hat. Wir sehen auch, dass das was abwesend ist … mit ethischen, praktischen und ökonomischen Imperativen aufgeladen ist: „Unsere Gesellschaft tötet ungestraft Tiere; Was ist unsere Verantwortung?“ Und wir Tierrechts-Feministinnen, wir Tierbefreiungs-Ökofeministinnen, wir veganen Feministinnen (ich weiß es gar nicht, wie wir uns nennen sollen?) antworten: „Unsere Verantwortung liegt darin, damit aufzuhören, Tiere zu benutzen und zu misshandeln“. Unser Bewusstsein hat uns hierher geführt.

Sandra Bartky … hat festgestellt, dass „Feministisches Bewusstsein … einen „Fakt“ in einen „Widerspruch“ verwandelt.“ Fakt: Menschen (auch Feministinnen) benutzen Tiere für Essen, Sport, Kleidung und andere Verbrauchsgüter. Widerspruch:  diese Ausbeutung von Tieren wird fortgesetzt, obwohl Tiere einzigartige, individuelle Wesen sind, die soziale Beziehungen genießen und eine große Bandbreite von Fähigkeiten haben, inklusive der, Schmerz zu empfinden.

Wie können Menschen, insbesondere Feministinnen, Tiere benutzen?  Aufgrund von individueller mentaler Abspaltung, und aufgrund von gesellschaftlicher Abspaltung – die es erlaubt, dass der Widerspruch der einen Person, der Fakt einer anderen Person bleibt. Es ist sowohl eine Last und ein Geschenk lebensverändernden Bewusstseins, zu versuchen Bedingungen für andere zu schaffen und diese Erfahrung der Entflechtung eines Faktes in einen Widerspruch zu machen. …

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Sympathie ist kein Ersatz für Empathie

von Usien (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Heute erschien ein Text im Zeit Magazin, der wie folgt eingeleitet wird:

„Der Moderator Nilz Bokelberg dachte lange, die Geschlechtergerechtigkeit sei erreicht. Die nächsten Generationen werden es besser haben. Dann wurde seine Tochter 16“

Bokelbergs Text endet folgendermaßen:

„Deshalb sind wir dran: wir Väter, Freunde, Brüder, Opas, Onkel, wir Männer. Denn wenn wir nicht bald anfangen, dafür einzustehen, dass unsere Töchter und Schwestern, Freundinnen und Ehefrauen genauso viele Chancen und genauso viele Gehaltserhöhungen bekommen wie wir, wird in diesem Land nie Gerechtigkeit herrschen. Was ist eure Angst? Dass der Kuchen kleiner wird? Mir ist an diesem 16. Geburtstag meiner Tochter klar geworden: Der Kuchen ist groß genug. Es ist genug für alle da. Aber es müssen auch alle die Chance haben, sich ihr Stück abzuholen. Meine Freundin fand es immer schade, dass ich mich nicht so nennen wollte: Feminist. Mit bestimmten Menschen wollte ich damals nicht in einen Topf geworfen werden. Heute weiß ich: Sichtbarkeit ist wichtiger als Eitelkeit. Heute kann ich endlich sagen: Ich bin Mann. Ich bin Vater. Ich bin Feministin.“

Auf den ersten Blick hört sich das doch total feini an: Ein geläuterter Papa, der dank seiner nun fast erwachsenen Tochter nun endlich einsieht, dass die Welt den Feminismus braucht – und Männer, die ihre Eitelkeit beiseitelegen und sich dazu bekennen: Für ihre Liebsten, weil denen soll es ja gut gehen, nicht wahr?

Uh huh. Ganz ehrlich, dieser Text ist so substanzlos, dass er sich den auch genauso gut in die Haare schmieren kann. Weshalb? Deshalb:

Zum einen enthält der Text keinerlei Systemkritik. Generös wird gesagt: Der Kuchen ist groß genug, dass genug für uns alle da ist, sogar für diese komischen anderen Lebewesen da, die Frauen. Keine Reflektion darüber, dass wir in einer patriarchalen Gesellschaft leben, deren zahlreiche Institutionen (Klassismus / Kapitalismus, Rassismus / Krieg, Sexismus, … – schlicht alle Systeme die auf männlicher Herrschaft / Gewalt gründen) ganz bewusst dafür sorgen, dass EBEN NICHT alle ein Stück vom Kuchen abbekommen. Dass die Gesellschaft nur dann eine bessere für alle werden kann, wenn wir einen komplett neuen Kuchen backen, ohne diese ganze „Toxic Masculinity“ und die damit verbundenen Mechanismen des Divide et Impera.

Zum anderen stellt sich die Frage, warum der gute Mann 40 Jahre alt werden musste, um zu merken, dass Frauen in dieser Gesellschaft aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden. Warum erst die Sorge um die eigene Tochter ihm ein Licht aufleuchten lässt, dass da irgendwas schief läuft. Alltagsbeobachtungen in Bezug auf Mutter oder Partnerin hätten ja eigentlich auch bereits den Groschen fallen lassen können. Erst jetzt wo das „eigene Fleisch und Blut“ (der Inbegriff der Männlichkeitskonstruktion übrigens) betroffen ist, da wird der gute Mann (vermeintlich) wach.

Werter Nilz Bokelberg: Ein ach so „mutiges“ Bekenntnis zum Feminismus ändert rein gar nichts an den Machtstrukturen in dieser Gesellschaft. Ein paar Quotenfeministinnen in Politik, Aufsichtsräten und Geschäftsleitungen und Equal Pay auch nicht. Feminismus bedeutet nicht an Männer zu appellieren für ihre Liebsten einzustehen. Nicht etwa für Mädchen. Nicht etwa für Frauen. Sondern nur die, die ihnen nahestehen. Und  da sind wir auch schon beim Kern des Problems.

Männliche Gewalt an Frauen (MVAW) findet in Bokelbergs Text nur in Form von sexueller Belästigung im öffentlichen Raum statt. Von Vergewaltigung, von häuslicher Gewalt, von emotionaler Gewalt – den Formen von MVAW, die am weitesten verbreitet sind, und die am ehesten von nahestehenden Personen begangen werden – spricht er vorsichtshalber erst gar nicht.

Er spricht auch nicht von der Aufteilung von Frauen in die „Heiligen und die Huren“ – die „guten“ Frauen, die die anderen Männer in Ruhe zu lassen haben, und die „schlechten“ Frauen, an denen sich alle austoben dürfen. Jene Aufspaltung, die es möglich macht, dass Freier zum einen Frauen in der Prostitution benutzen und sexuell ausbeuten können und gleichzeitig nicht möchten, dass die eigene Tochter zum Sexobjekt anderer Männer wird.

Und genau liegt der Unterschied zwischen Sympathie und Empathie: Empathie ist auch für andere Menschen da. Jene, die einem nichts bedeuten. Empathie bedeutet nicht, andere Mädchen und Frauen in Ruhe zu lassen, weil sie auch jemandes Mutter, Tochter, Schwester, Freundin oder Partnerin sind. Sondern sie in Ruhe zu lassen, weil sie Menschen sind, die in sich selbst vollständige menschliche Wesen sind und nicht nur in Relation zu einem Mann existieren. Weil sie Menschen sind, die ihren eigenen Wert aus sich selbst beziehen.

Der Name Nils Bokelberg sagt mir nichts, ich kenne ihn nicht. Vielleicht ist er ja einer, der seinen Kumpels Einhalt gebietet, wenn sie sexistische Witze machen. Vielleicht hat er noch nie einen Porno angeschaut und vielleicht schimpft er seine Kumpels, wenn sie ihm von einem Ausflug ins Bordell erzählen. Vielleicht setzt er sich auf seinem Arbeitsplatz dafür ein, dass die weiblichen Kolleginnen, nicht schlechter bezahlt werden und schreitet entschieden ein, wenn sie mit sexistischen Sprüchen im Kollegenkreis abgewertet werden. Wenn auch nur einiges davon zutrifft, dann war er – vermutlich ohne es zu wissen – an diesem Punkt ein guter „feminist ally“ (feministischer Verbündeter, bzw. Verbündeter von Feministinnen).

Ein selbst angetackertes Label „Feminist“? That don`t impress me much!

Sonia Johnson: Unseren Blick von den Typen abwenden

Ausschnitt Buchcover, Sonia Johnson: From Housewife To Heretic

Auszüge aus einer Rede, gehalten am 8. April 1987 an der New York University Law School, veröffentlicht im Sammelband “The Sexual Liberals and The Attack on Feminism“, herausgegeben von Dorchen Leidholdt und Janice G. Raymond im Jahr 1990. Vollständiger Text „Taking Our Eyes Off the Guys, Sonia Johnson“ (auf englisch) auf radfem.org

Alle von uns – alle Frauen im Patriarchat – wurden daran gewöhnt Sklavinnen zu sein, wurden daran gewöhnt Prostituierte zu sein. Alle von uns sind oder waren, in einem gewissen Sinne, Prostituierte und Sklavinnen, und die meisten von uns werden das für den Rest ihres Lebens sein. …

Die patriarchale Familie ist das Modell für jegliche Unterdrückung: Die patriarchale Familie mit dem Mann an der Spitze als Gott und die Frau und die Kinder als Würmer unter ihm – zu oft im wahrsten Sinne des Wortes unter ihm.

Wir haben verstanden, dass das Paradigma – das Macht-über Paradigma, dieses sadomasochistische Paradigma, welches das Patriarchat darstellt – sich auf alles erstreckt, dass es das Modell ist für alle sozialen Institutionen, für alle wirtschaftlichen Strukturen, für die internationale Politik. Die Weißen an der Spitze als Gott, ethnische Minderheiten in der Position der Frauen als Würmer darunter. Es sind die Reichen an der Spitze als Männer, die Armen als Frauen am Boden. Es sind die Menschen oben, alle anderen Lebewesen unten. Es ist groß oben, klein am Boden – große Länder männlich, kleine Länder weiblich – und so weiter. …

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Queerfeminismus: Der Anfang vom Ende der Meinungsdiktatur

Wer sich außerhalb feministischer Kreise bewegt, wird wenig darüber wissen, wie zerstritten die Bewegung ist. Auf den ersten Blick mögen die Bruchlinien zwischen radikalem Feminismus, wie ihn die Störenfriedas vertreten, in Kanada zum Beispiel Feminist Current und in Australien Organisation wie Collective Shout, und dem Queerfeminismus unbedeutend erscheinen. Irgendwie wollen wir doch alle mehr Gerechtigkeit für Frauen, mag man naiverweise denken. Dem ist nicht so. Radikaler Feminismus hat seinen Ursprung in der sogenannten zweiten Welle des Feminismus ab den 1960er Jahren. Radikal weil er Unterdrückung von der Wurzel her denkt (= lat. radix) und die Wurzel unserer Unterdrückung ist unser Geschlecht. Radikaler Feminismus betrachtet Frauen in ihrer Gesamtheit als unterdrückte Klasse und analysiert alle gesellschaftlichen Zusammenhänge davon ausgehend. Ursache für die Unterdrückung sind patriarchale Strukturen, die Herrschaft einiger Männer über die Frauen, von der am Ende alle Männer profitieren.

Diese Strukturen zeigen sich darin, dass Frauen immer noch schlechter bezahlt werden, sie zeigen sich in Alltagssexismus und in der laschen Strafverfolgung von Vergewaltigern, in Vergewaltigungswitzen, im Abtreibungsverbot, in der Hexenjagd auf Mütter und der Glorifizierung der Väter durch Politik und Medien, im erlaubten Sexkauf und der geduldeten Ausbeutung von Frauen als Prostituierte, in der frauenfeindlichen Pornografie und in der wachsenden Akzeptanz von Leihmutterschaft. Das Menschsein wird nach wie vor vom Mann her gedacht, die Frau, die davon abweicht, ist geringer und wird auf ihre Verwertbarkeit für das Patriarchat reduziert. Feminismus, der das benennt, stört die gesellschaftliche Ordnung und wird gerade von Männern, die ihre patriarchalen Privilegien nicht verlieren möchten, auf das Schärfste bekämpft.

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Heulender Wolf: über hohle Einigkeit und die linke Liebe zu verletzten Männern

Es gibt in Tim O’Briens „Was sie trugen“ / „The Things They carried“ eine Geschichte von einem Amerikaner, der mit 20 seinen Marschbefehl vom US Militär erhält, nachdem er aktiv gegen den Vietnam Krieg protestiert hat. Bevor er den Marschbefehl erhielt, so erinnert er sich später, war er dummerweise, mit einer Art überheblicher Arroganz, die er sich später nicht mehr vorstellen konnte, davon ausgegangen, dass die Probleme des Tötens und Sterbens nicht zu seinen persönlichen Angelegenheiten gehörten. Als er den Brief erhielt, fühlte er „eine Wut im Bauch“, die später zu schwelendem Selbstmitleid und dann zu Empfindungslosigkeit wurde.

Er beschreibt, dass er die Möglichkeit gehabt hätte, nach Kanada zu fliehen, in dem er von einem Fischerboot gesprungen und 20 Meter bis zur Küste geschwommen wäre. Er nahm die Möglichkeit nicht wahr. „Intellekt hatte sich gegen Gefühle gestellt“, sagte er später. „Worauf das hinauslief, dummerweise, war ein Gefühl der Schande. Heiße, dumme Schande. Er wollte nicht, dass seine Leute schlecht von ihm dachten.
In ihrer Bezugnahme auf die Geschichte in “Unmaking War Remaking Men“ schreibt Kathleen Barry zu der Entscheidung des Mannes, er habe „die Anforderungen der Männlichkeit über die seiner Menschlichkeit gestellt. Es ist eine Entscheidung, die dazu führte, dass er andere tötete und die ihn viele Jahre lang verfolgte.“

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