Kategorie: Lesbische Sichtbarkeit

Alles Fake-Lesben? Aufräumen mit den Mythen über politisches Lesbentum

Politisches Lesbentum wird in radikalfeministischen und lesbischen Kontexten gerade (wieder) stärker diskutiert. Dabei kommt es immer wieder zu Eskalationen- verständlicherweise, denn es geht ja um nichts Geringeres als die Frage, mit wem frau ihr Leben verbringen möchte. Vor allem ranken sich viele Gerüchte um das Thema, eines der häufigsten wohl: Wir können doch unsere Sexualität nicht verändern. Doch Fakt ist eben: Es gibt Frauen, die sich ganz bewusst dafür entscheiden, genau das zu tun. Als Folge ihrer radikalfeministischen Analyse. Sheila Jeffreys zum Beispiel. Grund genug, darüber ins Gespräch zu kommen.

Leider gibt es kaum deutschsprachige Texte zu dem Thema, wohl aber mehrere englischsprachige. Ein Gastbeitrag des Blogs „radicallesbianfeminists“ (https://radicallesbianfeminists.wordpress.com/2013/11/14/political-lesbian-myth-busting/) widmet sich dem „Myth Busting“, also dem Aufbrechen von Mythen, die sich um politisches Lesbentum ranken.

Die Autorin beginnt mit dem Mythos, dass es bei Lesbentum nur darum gehe, wen frau attraktiv finde oder welche sexuellen Fantasien sie habe. Lesbischsein wird in der Hetero-Gesellschaft (und leider auch nicht selten unter Lesben) ausschließlich als sexuelle Orientierung angesehen. Ich erinnere mich, dass ich es kaum über die Lippen brachte, bei einem Abendessen mit Bekannten meiner Eltern zu erzählen, wo ich gerade herkam: Von einer Lesbendemo. Weil mich die Erfahrung lehrt, dass die meisten Menschen nicht nachvollziehen können, warum ich öffentlich in der Stadt zeigen muss, mit wem ich ins Bett gehe. Weil sie nicht verstehen, dass es gar nicht darum geht, mit wem ich ins Bett gehe. Sondern, worum geht es? Die Autorin des Artikels fasst dies zusammen als:

“Being a lesbian is a social construction of intimacy, community and cultures.“ (Übers.: Lesbischsein ist ein soziales Konstrukt von Vertrautheit, Gemeinschaft und Kultur).

Es geht auch nicht um Männerhass, sondern um die Liebe zu Frauen (und damit übrigens auch um die Liebe zu uns selbst- was erst einmal sehr beängstigend sein kann, weil es verdeutlicht, wie sehr wir zuvor verabscheut wurden)- eine Liebe also, die wir erst erlernen müssen, weil wir nicht in dem Wissen aufwachsen, dass Frauen liebenswert sind. Im Gegenteil.

Es gibt nicht den einen Weg aus der Zwangsheterosexualität. Für einige mag Lesbentum das Ziel sein, andere entscheiden sich (zunächst oder für immer), zölibatär zu leben. Ein lesbisches Leben allein ist per se auch noch nicht patriarchatskritisch, „nor will it, by itself, dismantle patriarchy, though it is a step along the way” (Übers.: noch wird es an sich das Patriarchat auflösen, auch wenn es ein Schritt auf dem Weg dorthin ist). Eine Lesbe, die Männern zwar nicht sexuell, jedoch weiterhin emotional, wirtschaftlich und vor allem ideologisch zur Verfügung steht, stellt keine Gefahr für das Patriarchat dar und wird gesellschaftlich deshalb auch weitgehend als „statistische Abweichung“ toleriert (siehe Mary Dalys Unterscheidung von „Lesben“ und „lesben“).

Wir müssen zu einem Verständnis finden, dass Heterosexualität kein individuelles Begehren ist, sondern eine Institution. Nicht irgendeine Institution, sondern eine sehr zentrale, vielleicht die zentralste überhaupt, um das Patriarchat aufrecht zu erhalten. Wer der Meinung ist, das Patriarchat fände nur im öffentlichen Raum statt und hätte mit der eigenen Hetero-Beziehung nichts zu tun, sollte sich vielleicht noch einmal mit dem Grundsatz „Das Private ist politisch“ aus der zweiten Frauenbewegung vertraut machen. Derzeit gibt es eine politische Akzeptanz (und zwar, wie die Autorin des Artikels schreibt, ausschließlich an dieser Stelle) dafür, dass es kein Entkommen aus dieser Form der Frauenunterdrückung gibt. Es handelt sich also um eine Resignation. Wenn wir etwas ohnehin nicht ändern können, müssen wir auch nicht weiter darüber sprechen. Mal wieder ein geschickter Schachzug des Patriarchats, aber wir durchschauen ihn. Wir sprechen. Viele politische Lesben und radikale Feministinnen sind zu dem Schluss gelangt, dass es keine plausible Erklärung dafür gibt, warum ausgerechnet etwas so männer-zentriertes wie Heterosexualität nicht durch patriarchale Einflüsse sozial erworben worden sein soll, während wir uns bei allen anderen feministischen Themen niemals mit der Begründung „Ist angeboren“ zufrieden geben würden.

Wenn politische Lesben und andere Aussteigerinnen aus der Heterosexualität diese Gedanken äußern, folgen so gut wie immer Empörungsrufe: Sie würden damit „Homo-Heilern“ in die Hände spielen. Und ja, hier zeigt sich, wie wichtig es für die Schwulen-Bewegung damals war, Homosexualität als „ausschließlich angeboren“ zu deklarieren, um sich aus diesen menschenverachtenden Praktiken zu lösen. Aber es ist ein großer Unterschied, ob jemand Menschen mit (physischer oder emotionaler) Gewalt dazu zwingt – und zwar selbstverständlich aus patriarchalen Gründen -, sich „umzuorientieren“ oder ob eine Frau sich entscheidet, diesen Weg zu gehen, weil sie erkannt hat, dass Heterosexualität eine wesentliche Institution des Patriarchats ist und ihr schadet. Maßstab für Feministinnen sollte immer sein, wie sich Frauen befreien können. Und aus der Heterosexualität auszusteigen, ist genau das: eine Befreiung. Die Befreiung aus einer Institution, die es Männern als Klasse ermöglicht, Frauen als Klasse zu unterdrücken:

„In fact, sexuality, as a social construction, is far, far more than merely who we are attracted to at any one point in our lives. It is moulded, institutionalised and structured to benefit men, as a class, and oppress women as a class.“ (Übers.: Sexualität, als soziales Konstrukt, ist viel, viel mehr als bloßes Begehren. Es ist in der Weise geformt, institutionalisiert und strukturiert, dass Männer, als Klasse, davon profitieren und Frauen, als Klasse, unterdrückt werden).

 

Auf einem anderen, sehr empfehlenswerten Blog (http://www.radicalfeminism.co.uk/heterosexuality.html) schreibt eine Autorin dazu sehr treffend:

„The reason feminist women advocate leaving men is because heterosexuality is not a healthy practice; it is conditioned into women from when they are little girls, through making girls think males have more value than themselves and other women. […] To enjoy sleeping with men and feel sexually attracted to them women have to eroticise male dominance and their own submission, this is neither natural nor healthy.“ (Übers.: Der Grund, warum feministische Frauen sich dafür einsetzen, dass Frauen Männer verlassen, ist, dass Heterosexualität keine gesunde Praktik ist; Frauen werden von klein auf darauf konditioniert, indem ihnen eingeredet wird, Männer hätten mehr Wert als sie selbst und andere Frauen. […] Um es genießen zu können, mit Männern zu schlafen und sie sexuell attraktiv zu finden, müssen Frauen männliche Dominanz und ihre eigene Unterdrückung erotisieren- das ist weder natürlich noch gesund.)

 

Ein weiterer Mythos, den die Autorin von „radicallesbianfeminists“ anspricht, ist jener, dass es sich bei politischem Lesbentum um eine Form der Aneignung des Begriffs und der Identität „Lesbe“ handele, bzw. dass politisches Lesbentum selbst eine Identität sei. Politische Lesben würden also nichts anderes tun als transidentifizierte Männer, die sich als Frauen bezeichnen. Hier liegt, so die Autorin, ein Verständnis von „authentischem Lesbentum“ zugrunde. Nur wenn es ein authentisches, „echtes“ Lesbischsein gibt, kann es auch ein unechtes geben. Dieser Mythos bedient also auch die hetero-patriarchale Denkweise, dass Sexualität angeboren und unveränderbar sei.

Es gibt keine „falschen“ Lesben. Wir alle sind vom Hetero-Patriarchat geprägt und bringen diese Prägung mit in unsere lesbischen Beziehungen und Gemeinschaften. Der Weg aus der Zwangsheterosexualität ist oft ein langer, beschwerlicher. Viele Frauen erkennen erst nach Beendigung von Hetero-Beziehungen die Schädigung, die von ihnen ausging. Viele erkennen die Befreiung, die von der Entscheidung für politisches Lesbentum ausgeht. Sie müssen nun nicht mehr in dem ständigen Zwiespalt leben, ein unterdrückerisches System erkannt und analysiert zu haben, sich allerdings nicht (vollständig) daraus befreien zu können:

„Many women have freed themselves from the clash of being intimately tied to an oppressive system while having a radical, critical analysis about it. Many women have discovered that they can, and should, love women as a direct result of their feminism.“ (Übers.: Viele Frauen haben sich von dem Konflikt befreit, einerseits eng an ein unterdrückerisches System gebunden zu sein, während sie gleichzeitig eine radikale, kritische Analyse dazu haben. Viele Frauen haben herausgefunden, dass sie Frauen als eine direkte Folge aus ihrem Feminismus lieben können und sollten).

 

Die Autorin des Blogs „radicalfeminism.co.uk“ hat ein derart schönes Schlusswort zu der Thematik gefunden, dass es hier noch einmal einen Platz finden soll:

„However, we cannot make the decision for you to fight against your own oppression; you have to do that for yourself. Your lesbian sisters will stand by you and support you, if you want to join us in fighting for women’s liberation.“ (Übers.: Wie dem auch sei, wir können nicht für euch die Entscheidung treffen, gegen eure eigene Unterdrückung anzukämpfen, das müsst ihr selbst tun. Eure lesbischen Schwestern werden an eurer Seite stehen und euch unterstützen, wenn ihr euch uns im Kampf für die Befreiung von Frauen anschließen wollt).

 

Wir alle standen irgendwann ganz am Anfang, und das ist völlig in Ordnung. Liebe Late Bloomers, liebe Ex-Heteras, liebe Zweiflerinnen und Suchenden: Ihr seid sehr willkommen.

Lesbische Zustände 2018

Es ist etwa Halbzeit 2018: Einige Lesbenevents liegen hinter, einige noch vor uns. Ich blicke mit gemischten Gefühlen auf die lesbische Landschaft in Deutschland. Einerseits ist ein Wiederaufflammen, ein Bewusstsein für die Bedeutung lesbischer Sichtbarkeit und Räume, eine Repolitisierung auszumachen. Auf dem LFT (Lesbenfrühlingstreffen) in Göttingen sprachen etliche ältere Lesben davon, sie hätten endlich wieder Hoffnung, dass sich jüngere Generationen aufmachen, ihr Erbe weiterzutragen. Viele junge Frauen standen an den Mikros, äußerten ihre Meinung, setzten sich aktiv ein für die Gestaltung ihrer Lesbenräume. Lesbische Sichtbarkeit ist in aller Munde, es werden zahlreiche neue Dyke Marches initiiert, es tut sich etwas, ist in Bewegung.

Und doch gibt es ein Aber. Obwohl neue (scheinbare) Lesbenorte geschaffen und alte wiederbelebt werden, sind sie eben in weiten Teilen nicht das, was aus radikalfeministischer Sicht Lesbenorte sind. Denn sie alle sind schon längst keine Frauenräume mehr. Transidentifizierte Männer sind selbstverständlich nicht nur „mitgemeint“ (denn mitgemeint werden ja nur Frauen), sondern explizit willkommen geheißen. Diese Haltung ist gerade in Lesbenräumen fatal: Etliche Lesben haben sexuelle Gewalt überlebt und in Lesbenräumen sichere Orte für sich gefunden. Wenn diese Orte für Männer geöffnet werden, sind sie nicht mehr sicher für Frauen. Wir können uns nicht mehr frei bewegen und nicht mehr frei sprechen. Lesbenorte, an denen ständig Männer und ihre Befindlichkeiten Thema sind, darüber diskutiert wird, ob Lesben Frauen sind und Heteras sich als Lesben identifizieren: Es ist absurd, wozu Queer-Politik führt.

Ebenfalls mit gemischten Gefühlen blicke ich auf die Debatte über lesbische Sichtbarkeit. Lesbische Sichtbarkeit ist wichtig, aber sie kann nicht das Hauptziel sein. Es geht doch vor allem darum, aus welchen Gründen und Motivationen heraus Frauen lesbisch leben. Auf welche Weise sie lesbisch leben. Sind sie politische Lesben oder leben sie nur scheinbar zufällig mit Frauen zusammen, ansonsten aber ganz patriarchatskonform? Und: Wie geht es weiter nach der Sichtbarkeit? Sind wir zufrieden, wenn wir sichtbar sind? Endet damit die Gewalt gegen Frauen, Mädchen und Lesben? Können wir so frei sein? Erlangen wir so unsere Räume zurück? Letzteres vielleicht. Wobei sich hier die Frage stellt, wer die Definitionshoheit über die Bedeutung der Wörter „Frau“ und „Lesbe“ hat. Wenn wir uns die Dyke Marches anschauen, die fast ausschließlich Sternchen im Namen tragen (und selbst wenn sie es nicht tun, was fast noch schlimmer ist, Männer selbstverständlich mit einschließen) und die Beschreibung tragen „for pan, bi and queer girls*“ (Lesben kommen also entweder gar nicht oder als einige von vielen vor), lässt sich die Frage schnell beantworten: Natürlich entscheiden im Patriarchat Männer darüber, was Begriffe bedeuten und wie Frauen sich organisieren dürfen.

Aber es gibt auch die andere Seite: ein Erstarken radikalfeministischer Analyse auch und vor allem unter jüngeren Frauen. Es handelt sich nämlich weniger (wie oft behauptet) um einen Generationen- als vielmehr um einen Ideologiekonflikt. Ich war dieses Jahr zwei Mal bei radikalfeministisch-lesbischen Treffen an einem reinen Frauenort und habe mich zum ersten Mal richtig zu Hause gefühlt. Es gibt sie doch- die Orte, an denen radikalfeministische Frauen (und zwar jeden Alters) unter sich sein können, mit allem, was das beinhaltet: von politischen Workshops zu Zwangsheteronormativität und patriarchaler Psychotherapie über körpernormierungsfreie Bewegungsmöglichkeiten bis hin zu abendlichen Sonia Johnson-Lesekreisen und feministischen Liedern am Lagerfeuer. Das alles, ohne sich über männliche Befindlichkeiten Gedanken machen zu müssen. Ohne sich in ständiger Angst vor Objektifizierung und Gewalt bewegen zu müssen. Es gibt sie, die Orte der Heilung, des Ankommens, des Zu-sich-Findens. Das traurigste daran ist wohl die Erkenntnis, dass es viel mehr dieser Orte geben könnte, wenn sich die feministische Landschaft anders gestalten würde. Das schönste ist das Wissen darüber, dass wir zurückkehren können an diese Orte, wenn wir sie brauchen. Zum ersten Mal seit langem habe ich das Gefühl, dass sich etwas bewegt in meinem Leben, über die Analyse hinaus: Ich habe Schwestern kennengelernt, von denen eine Kraft ausgeht, die mir Kraft gibt. Ich habe eine Idee davon bekommen, was entstehen kann, wenn Frauen sich zusammentun.

Auch das LFT diskutiert gerade darüber, ob es nächstes Jahr ein LFT mit Sternchen geben soll. Ein Grund, pessimistisch zu sein? Vielleicht. Doch ich weiß inzwischen, es gibt viele alte Lesben, die mit ihrer Meinung nicht hinter den Berg halten, die laut kämpfen für ihre Räume, die sich nicht so schnell von Männern und patriarchalen Kleinhaltungsstrategien einschüchtern lassen. Und das Beste ist: Es sind nicht mehr nur alte Lesben, die das tun, sondern auch immer mehr junge. Wir werden uns vernetzen, wir werden laut sein. Ihr habt die Rechnung ohne uns gemacht.

Die diskriminierenden oder die diskriminierten Lesben? Erfahrungsbericht einer Lesbe im Radikalfeminismus

Radikaler Feminismus. Endlich ankommen und verstanden werden nach zunehmenden Anfeindungen und Überwerfungen im Queerfeminismus. Mein Hafen.

So ging es mir lange Zeit. Doch es gibt einen Streitpunkt, der mir zunehmend an die Substanz geht. Manchmal frage ich mich, ob ich noch richtig bin im radikalen Feminismus.

Schon als ich vor einigen Jahren Radikalfeminismus für mich entdeckte, gab es immer wieder Diskussionen, in denen einige Frauen von einem „lesbischen Feminismus“ berichteten. Mich interessierte das damals nicht besonders, denn ich hätte mich zu der Zeit nicht als Lesbe bezeichnet. Außerdem verstand ich nicht, was das sollte. Wir im Radikalfeminismus kämpfen doch für alle Frauen, wofür da ein eigener lesbischer Feminismus?

Dann lernte ich Lesben kennen, erst online und dann auch ganz in echt. Diese Lesben erzählten davon, wie unsichtbar sie sich oft fühlten, auch in radikalfeministischen Kontexten. Ständig gehe es nur um Hetera-Sex und wie Heteras es vereinbaren können, Feministin zu sein und trotzdem Männer zu lieben. Lesben? Achso, naja klar, die gibt’s halt auch, will ja auch niemand bestreiten. Aber sie müssen sich schon bemerkbar machen, von alleine denkt niemand an sie.

Ich merkte zunehmend, dass ich mich in lesbischen Kreisen sehr wohl fühlte. Ein wenig fehl am Platze, denn ich hielt mich ja zu der Zeit für keine Lesbe, aber irgendwie sehr geborgen. Mir gefiel es so fantastisch, dass sich die Debatten nicht ständig um Männer drehten, sondern einzig und allein Frauen im Zentrum standen. So hatte ich mir Feminismus immer gewünscht.

Irgendwann war ich dann mal wieder auf einer Frauenveranstaltung, die überwiegend von Heteras besucht wurde. Eine Frau sprach von „ihrem Mann“ und ich war einen Moment lang völlig irritiert. Ich war so sehr in lesbische Veranstaltungen involviert gewesen, dass ich ganz vergessen hatte, dass es auch Hetera-Feministinnen gab.

Ungefähr ab diesem Zeitpunkt fing ich an, mich in bestimmten radikalfeministischen Kreisen unwohl zu fühlen. Diskussionen gelangten immer wieder an den Punkt, an dessen Ende die entscheidende Frage stand, ob sich radikaler Feminismus und (Liebes-) Beziehungen mit Männern ausschließen. Die meisten Heteras sagten Nein, viele Lesben Ja, und nicht selten lieferten sich beide Seiten eine Schlammschlacht.

Ich wollte der Sache näher auf den Grund gehen und begann, in klassischer feministischer Literatur nach Anregungen zu suchen. Neben Sheila Jeffreys war es auch Simone de Beauvoir, die bei mir für ein entscheidendes Aha-Erlebnis sorgte. Sie führt in „Das andere Geschlecht“ aus, warum es für Frauen so schwer bis unmöglich ist, sich aus ihrer Unterdrückung zu befreien. Ihre Antwort ist ebenso simpel wie grandios: Weil Frauen die einzige unterdrückte Gruppe sind, die sich mit ihrem Unterdrücker stärker solidarisieren als mit ihren Schwestern. Während sich etwa JüdInnen oder PoC (People of Colour) viel stärker zusammenschließen (sowohl räumlich als auch emotional), leben Frauen mit Männern zusammen – freiwillig. Keine Person of Colour würde freiwillig mit einem Rassisten ihr Leben teilen (und ja, mir ist klar, dass dieser Vergleich hinkt, weil Männer im Gegensatz zu Rassisten nicht alle Arschlöcher sind – not all men und so, aber ich glaube, der Grundgedanke wurde klar). Wer dieses Prinzip durchdrungen hat, versteht auch, warum Heteronormativität so immens wichtig ist, um das Patriarchat aufrecht zu erhalten. Denn nur so kann das System funktionieren: durch die Selbstzerfleischung zwischen Frauen gepaart mit der Liebe von Frauen zu Männern.

Als ich den Artikel „Politisch und sexuell? Lesbisch!“ veröffentlichte, wurde ich von verschiedenen Heteras angegangen, die sich (wahlweise von mir persönlich oder gerne auch allgemein von „den Lesben“) diskriminiert fühlten. Klar, Lesben diskriminieren Heteras. Strukturelle Analyse lässt grüßen. Mir fällt dazu ein: Getroffene Hunde bellen. Auch ich kenne das. Es gibt Männer, die mir wichtig sind (woran ich auch nichts ändern möchte) und deren Verhalten ich oft nicht mit meinen Überzeugungen vereinbaren kann. Wenn mich jemand darauf anspricht, bin ich getroffen. Weil mir diese Männer wichtig sind. Mir ist das bewusst. Manchmal finde ich es blöd, manchmal nicht so schlimm, aber es ist mir bewusst: Mein feministischer Anspruch und meine Lebensrealität sind oft widersprüchlich.

Ich denke dann oft an die Analogie des Beine-Rasierens: Viele radikale Feministinnen kritisieren es, wenn Frauen äußern, sie würden sich ja gar nicht für Männer rasieren, sondern fänden es eben an sich selbst schöner so. Zu Recht, denn diese Darstellung lässt außer Acht, dass wir alle patriarchal sozialisiert wurden, d. h. wir lernen alle von klein auf „Haare an Frauenkörpern sind eklig“. Und mit einer heteronormativen Sozialisation verhält es sich eben ganz genauso. Fast alle denken bei dem Wort „Sex“ an PiV (Penis in Vagina) – selbst viele Lesben. Aber Sexualität ist so viel mehr. Uns wird so oft vermittelt, wir müssten doch irgendwie tief in uns spüren, zu welchem Geschlecht wir uns hingezogen fühlen. Plump formuliert: ob uns nun Penisse oder Vulven antörnen. Das ist ein hochgradig patriarchaler Gedanke. Weil das Patriarchat eben durch Heteronormativität und solche Vorstellungen von Sexualität und körperlicher Anziehung funktioniert.

Berichte von lesbischen Feministinnen aus den 70er-Jahren können gerade jüngeren Frauen dabei zum Beispiel sehr die Augen öffnen. Es ging nicht hauptsächlich darum, als Frau Sex mit Frauen zu haben, sondern vielmehr darum, gemeinsam zu wohnen, Frauen das eigene Leben zu widmen, sie zu lieben (und ich gebe hier jetzt bewusst keine Definition von Liebe). All das ist lesbisches Leben und Wirken.

Ich schaffe es übrigens auch nicht, mich nicht zu rasieren. Mir ist aber völlig klar, dass das ein Widerspruch und nicht mit meiner feministischen Grundhaltung zu vereinbaren ist. Ich deute das nicht um und erzähle Menschen, Beine rasieren wäre ein feministischer Move. Nicht alles, was ich tue, ist feministisch, und das ist wohl bei uns allen so. Wichtig finde ich, das für mich selbst zu wissen, zu reflektieren, mich immer wieder zu fragen, warum ich mich mit welchen Menschen umgebe oder bestimmte Dinge tue (ob ich sie dann ändere, ist dann erst die zweite Frage). Lesben anzugreifen ist jedenfalls so ziemlich der unfeministischste Akt, den es gibt.

Radikale Feministin zu sein und gleichzeitig lesbisch zu leben, ist oft kein Zufall, sondern eine logische Konsequenz –  die praktische Umsetzung einer Theorie, wenn man so möchte. Denn beides gründet sich in der Liebe zu Frauen.

Im radikalen Feminismus fühle ich mich oft nicht zu Hause, weil Lesben nicht selten mindestens ausgeklammert werden, während mir der lesbische Feminismus oft zu wenig radikalfeministisch ist. In reinen Lesbengruppen gibt es häufig keinen Konsens über Prostitution und die Transthematik, wie er sich im Radikalfeminismus findet. Zwar ist kontroverser Meinungsaustausch prinzipiell immer zu begrüßen, aber oft beginnen Diskussionen dann, sich im Kreis zu drehen und ich habe häufig einfach keine Lust, zum tausendsten Mal erklären zu müssen, warum Prostitution Gewalt gegen Frauen ist.

Ich glaube, ich muss mich damit abfinden, dass ich nirgendwo wirklich dazu gehöre. Vielleicht ist das aber auch gar nicht so schlecht. Denn wenn man von allen Seiten Zuspruch erfährt, ist das meist ein klares Indiz dafür, dass man den Status Quo stützt.

Politisch und sexuell? Lesbisch!

Meinen ersten und bisher einzigen Freund hatte ich mit 16. Er war deutlich älter als ich und die Beziehung war eine durch und durch hierarchische. Auch meine Schulfreundinnen waren zu dem Zeitpunkt größtenteils in ihren ersten Beziehungen und tauschten sich fleißig darüber aus. Damals hatte ich zum ersten Mal den Gedanken, dass bei mir etwas anders sein musste, denn diese Gefühle des Verliebtseins, Schmetterlinge im Bauch, all diese Beschreibungen meiner Schulfreundinnen empfand ich nicht.
Nun kann das sehr viele Gründe haben und es ist vermutlich weder möglich noch sinnvoll, hier zu versuchen, einen kausalen Zusammenhang herzustellen. Jedenfalls hatte ich zu dem Zeitpunkt oft den Gedanken, dass ich ja vielleicht lesbisch sein könnte. Es gab Frauen, die mich faszinierten und mir schlaflose Nächte bereiteten. Frauen, die ich bewunderte, anhimmelte, toll fand.
Trotzdem war ich mir immer wieder unsicher. So ein Outing ist ja eine ernste Sache. Vielleicht doch bisexuell? Da könnte ja noch der eine Mann kommen, der mich umhaut. Und es wäre ja ziemlich peinlich, dann allen sagen zu müssen, ich hätte mich getäuscht, ja sorry, doch nicht lesbisch.

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Ein Plädoyer für die feministische Aufmüpfigkeit

Woman Power Symbol, Feminist Fist

Public Domain C00

Oder: Der Tag, an dem ich meine eigene Heldin wurde

November 2017. Ein sozialpädagogisches Masterseminar an einer norddeutschen Hochschule. Es geht um Interventionsmöglichkeiten bei sexualisierter Gewalt. Ich bin Studentin, die an diesem Seminar teilnimmt, und habe dort etwas erlebt, was ich nicht für möglich gehalten hätte, zumindest nicht an diesem Ort.

In der vorletzten Seminarsitzung hielt ein Kommilitone ein Referat, in dem er eine Statistik vorstellte, wonach Lesben, Schwule, Trans- und Inter-Personen besonders häufig von sexueller Gewalt und Diskriminierung betroffen wären. Er merkte daraufhin an, dass es nicht richtig wäre, diese Personengruppen immer nur als Opfer zu stilisieren, denn sie wären meist auch die Täter. In seinem Studiengang hätten „alle Homosexuellen“ Heterosexuelle gestalked, und dieses Verhalten könne er auch erklären: Aids-Medikamente würden nämlich Borderline verursachen, und da ja alle Schwulen Aids-Medikamente nehmen, wären das eben alles Narzissten. Und man dürfe auch nicht vergessen, Schwule würden nicht auf Schwule stehen, sondern auf Männer, und Lesben auf Frauen, nicht auf Lesben.

Ich war im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos und durchlief innerhalb weniger Minuten mehrere Gefühlslagen. Nachdem ich erst dachte, ich hätte mich sicher verhört oder etwas falsch verstanden, wurde ich dann immer ungläubiger und saß irgendwann einfach völlig fassungslos da und habe gewartet, dass endlich jemand interveniert- wenn niemand der Studierenden, dann doch wenigstens die Dozentin. Aber es passierte- nichts. Ein paar wenige Richtigstellungen am Ende des Referates, dann kam der Übergang zum nächsten Vortrag. Ein Übergang, den alle mühelos zu bewerkstelligen schienen. Ich nicht. Homophobe Verschwörungstheorien in einem Master-Seminar und niemand sagt etwas dagegen?

Danach begann es in mir zu arbeiten. Ich sprach die Dozentin nochmal an, ob der Vorfall nun so stehengelassen würde. Daraufhin bot sie mir an, etwas vorzubereiten und in der nächsten Seminarsitzung vorzustellen. Das war immerhin etwas, aber nicht das, was ich mir gewünscht hätte. Ich fühlte mich in meiner Wahrnehmung nicht ernst genommen. Wieder einmal war ich die hysterische Studentin, die alles problematisiert und dramatisiert. Die, die immer das nervige generische Femininum benutzt und für die alle Männer unter Generalverdacht stehen. Die Feministin eben.

Und dann habe ich das getan, was ich immer mache, wenn ich aufgebracht, wütend, durcheinander, alles zusammen bin: Ich habe geschrieben. Einen Text, den ich eigentlich für mich behalten wollte, weil er doch so persönlich geworden ist, dass ich ihn nicht mit dem gesamten Seminar teilen wollte- einem großen Seminar, in dem ich mit kaum einer Kommilitonin bisher ein Wort gewechselt hatte. Aber dann reifte in mir der Entschluss, gerade diesen Text vorzulesen. Weil persönliche Texte eben nochmal ganz anders aufrütteln und berühren als Statistiken.
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Audre Lorde: Sadomasochismus. Es geht nicht um Verurteilung (Interview)

By Rooturu (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

Nachfolgend die Übersetzung von Teilen eines Interview mit Audre Lorde, welches in dem Sammelband “I Am Your Sister: Collected And Unpublished Writings Of Audre Lorde” erschienen ist. Quelle: radfem.org

Susan Leigh Star [Leigh]: Was denkst du über das Sadomasochismus-Phänomen in der lesbischen Community?

Audre Lorde [Audre]: Sadomasochismus in der lesbisch-feministischen Community kann nicht losgelöst von den größeren ökonomischen und sozialen Themen, die unsere Communities umgibt, betrachtet werden. … Trauriger weise fühlt sich Sadomasochismus angenehm an für manche Leute in diesem zeitlichen Entwicklungsstadium. … Sadomasochismus ist deckungsgleich zu anderen Entwicklungen in diesem Land, die mit Dominanz und Unterwerfung zu tun haben, mit ungleichen Machtverhältnissen – politisch, kulturell und ökonomisch. … Weil S/M ein Thema in der herrschenden Kultur ist, ist ein Versuch es „zurückzugewinnen“ (reclaim) im Gegensatz dazu es in Frage zu stellen, eine Entschuldigung sich dieses Verhalten nicht näher ansehen zu müssen. …

Leigh: Du meinst … die Medien fokussieren sich auf Lesben im Speziellen fokussieren,  um sich nicht mit den allgemeinen Implikationen der Existenz dieses Phänomens beschäftigen zu müssen?

Audre: Ja. Und weil diese Machtperspektive ein Teil der weiteren Gesellschaft ist, ist es schwierig es isoliert zu kritisieren. Wie Erich Fromm schon sagte: „Die Tatsache, dass Millionen von Menschen einem Irrtum unterliegen, macht es nicht vernünftig.“

Leigh: Was ist mit der Maxime „Leben und Leben lassen“ … ?

Audre: Ich verstehe den Zusammenhang nicht. Ich stelle ja niemandes Leben in Frage. Ich sage nur, dass wir die Konsequenzen unseres Lebens bedenken sollen. Wenn wir über Feminismus reden, dann ist das private politisch und wir können alles in unserem Leben einer kritischen Überprüfung unterziehen. Wir wurden in einer kranken und abnormalen Gesellschaft großgezogen, und uns sollte es darum gehen uns selbst zurückzugewinnen … .Das ist komplex. Ich spreche nicht davon etwas zu verurteilen, sondern anzuerkennen was da passiert und sich die Frage zu stellen was das bedeutet. Ich will gar nicht irgendjemandes Leben reglementieren, aber wenn wir unsere menschlichen Beziehungen hinterfragen wollen, dann müssen wir auch bereit sein jeden Aspekt dieser Beziehungen zu hinterfragen. Das Subjekt der Revolution sind wir selbst, es sind unsere Leben.

Sadomasochismus ist die institutionalisierte Feier von dominant/unterwürfigen Beziehungen. Und er bereitet uns darauf vor entweder Unterwerfung zu akzeptieren oder Dominanz durchzusetzen. Auch dann wenn es gespielt ist, ist es so, dass die Machtausübung  über eine/n Machtlose/n erotisch ist, empowernd ist, und dies die emotionalen und sozialen Voraussetzungen schafft für die Weiterführung dieser Beziehung, politisch, sozial und ökonomisch.

Sadomasochismus nährt den Glauben, dass Dominanz unausweichlich ist und genossen werden kann. Man kann das vergleichen mit dem Phänomen der Anbetung einer Gottheit mit zwei Gesichtern: Nur den weißen Teil des Vollmonds anzubeten, oder den schwarzen Teil des Mondes, als wären das zwei völlig verschiedene Dinge.  Wir können aber nicht einen Aspekt unseres Lebens einzäunen, die Folgen abtrennen … Das ist es was Integrität bedeutet.

Leigh: [Was sagst du zu denen …], die meinen, dass wir eine liberale Toleranz brauchen in Bezug auf die Sphäre der Sexualität, und dass der „Macht über“ Teil einer Beziehung auf das Schlafzimmer begrenzt ist? …

Audre: Wenn es aufs Schlafzimmer begrenzt ist, warum drucken die dann Broschüren? (z.B. „Lesbischer S/M Reader“) … Es ist im Interesse des kapitalistischen Profit-Systems, dass wir möglichst viele unserer Erfahrungen privatisieren.  Um integrierte Lebensentscheidungen zu treffen, müssen wir die Schleusentore in unseren Leben öffnen, und emotionale Konsistenz herstellen. Das bedeutet nicht, dass wir alle gleich handeln, oder nicht wachsen oder uns entwickeln würden,  sondern, dass es eine grundlegende Integrität gibt, die in all unseren Handlungen erkennbar ist. Niemand von uns ist perfekt, niemand ist mit dieser Integrität geboren, aber wir können in Richtung dieses Ziels arbeiten. …

Manche Dinge in jeder Gesellschaft werden als vollkommen zerstörerisch definiert. Zum Beispiel dieses alte Beispiel „Feuer“ in einem Kino zu schreien. Der Liberalismus hat Pornographie und Gewalt gegen die Ehefrau als Rechte im Einklang mit dem First Amendment [erster Artikel der US-amerikanischen Verfassung) erlaubt. Das passt jedoch nicht in meine Vorstellung vom Leben, und beides ist eine unmittelbare Bedrohung für mein Leben.

Die Frage, die ich mir immer wieder stelle, ist, wer davon profitiert. …

Leigh:  Wo fängt Sadomasochismus deiner Meinung nach an? Wo liegen seine Wurzeln?

Audre: In Form dieses überlegen/unterlege, welches uns tief indoktriniert ist. Dieser erlernten Intoleranz gegenüber Unterschieden.

Jene, die involviert sind in Sadomasochismus spielen diese Intoleranz gegenüber Unterschieden aus …: Überlegenheit, und damit das Recht zu herrschen. Der Konflikt ist vermeintlich selbstlimitierend, da er hinter Schlafzimmer-Türen ausgetragen wird. Aber kann das sein, wenn das Erotische alles in unserem Leben ermächtigt, nährt und durchdringt?

Ich habe mich selbst, sehr genau prüfend, gefragt, ob ich hierüber puritanisch bin – und ich habe mir darüber wirklich sehr sorgfältig Gedanken gemacht – und die Antwort lautet: Nein. Ich glaube, dass wir daran arbeiten ganzheitliche Lebensentscheidungen über unsere Netzwerke zu treffen, und diese Entscheidungen führen uns zu weiteren Entscheidungen und Engagement – bestimmten Weisen die Welt zu betrachten, Veränderung schaffen zu wollen. Wenn sie uns nicht in Richtung Wachstum und Veränderung bringen, dann haben wir nichts auf das wir bauen können, keine Zukunft.

Leigh: Du sagst, dass die Politik des S/M in Verbindung steht mit der Politik allgemeinerer Themen?

Audre: Ich glaube nicht, dass Sexualität vom restlichen Leben getrennt werden kann. Als Frau aus einer ethnischen Minderheit, weiß ich, dass Dominanz und Unterordnung keine Schlafzimmer-Themen sind. Genauso wie es bei Vergewaltigung nicht um Sex geht, geht es auch bei S/M nicht um Sex, sondern darum wie Macht ausgeübt wird. …

Leigh: Manchmal habe ich das Gefühl, dass es eine Art Tyrannei über das Konzept der Gefühle gibt, so als ob man etwas, das man fühlt auch ausleben muss

Audre: Man fühlt keinen Panzer oder Krieg – man fühlt Hass oder Liebe. Gefühle sind nichts Falsches, aber wir sind verantwortlich für das Verhalten, welches wir an den Tag legen um diese Gefühle zu befriedigen.

Leigh: Was ist deine Meinung über das Konzept der Macht von … lesbischen Sadomasochistinnen

Audre: Das S/M-Konzert über „Vanilla“-Sex ist Sex ohne Leidenschaft. Sie sagen, dass es keine Leidenschaft ohne ungleiche Machtverhältnisse geben kann. Meiner Meinung nach hört sich das ziemlich traurig und einsam an, und zerstörerisch.  Die Verknüpfung von Leidenschaft mit Dominanz/Unterwerfung ist der Prototyp des heterosexuellen Bildes von männlich-weiblichen Beziehungen, eines welches Pornographie rechtfertigt. Frauen sollen es lieben Gewalt zu erfahren. Das ist auch die prototypische Rechtfertigung für jedwede Unterdrückung in Beziehungen – dass der unterworfene derjenige ist, der „anders“ ist und die untergeordnete Position genießt.

Facebook und das D-Wort…

… oder die Kompatibilität des Wortes “Dyke”. Ich habe es dann ausprobiert. Immerhin ist ja der Juni internationaler „Pride Month“, also ein Monat für Schwule und Lesben, die LGBTQ*+ Community, und da kann ja mal gratuliert werden.


Bild 1 „Stonewall“

Weniger als eine Minute, nachdem ich es gepostet hatte, meldete facebook mich ab und bei der Wiederanmeldung erschien dies:

Bild 2 – „removed“

Das Wort „Dyke“ (1) verstößt gegen Facebook-Community Standards? Seit wann? Und vor allem: In welchem Kontext? Mein Bild war auf „Freunde“ (Facebook nennt das so) gesetzt – eine größere Öffentlichkeit wurde also gar nicht tangiert.

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Vorwurf Trans*feindlichkeit. Der Ausschluss von Lesben an Hochschulen

Frau mit Tierschädel

CC0

Von Anonyma

Ich hatte kürzlich ein Vorstellungsgespräch für einen Job im Referat für Öffentlichkeitsarbeit im AStA meiner Hochschule. Bereits im Vorstellungsgespräch nahm ich meinen Mut zusammen und erklärte den beiden Mitgliedern des AStA Vorstandes, dass das Autonome Feministische Referat (FemRef) meine Einstellung nicht gutheißen wird. Ich stellte die Bedingung, dass sie hinter mir stehen müssten, sollten sie sich für mich entscheiden. Mir wurde daraufhin eine Entscheidung aufgrund von Qualifikationen zugesichert. Stattdessen wurde die Entscheidung jedoch anhand der Anschuldigung des FemRefs getroffen: Trans*Feindlichkeit.

Wie kam es dazu?

Im November wurde ich gewählte Referentin des Autonomen Feministischen Referats meiner Hochschule. Ich wusste, dass ich mit einigen Ansichten nicht konform war, dachte damals aber noch, dass sich da sicherlich Kompromisse finden ließen. Nur einen Monat später wurde ich gegangen. Ich hatte Aspekte eines Vortrags kritisiert, der von einer der Referent*innen im FemRef gehalten wurde. Ich hatte meine Kritik auf Twitter geäußert – anonym und ohne den Namen der Referent*in oder den Titel des Vortrags zu nennen. Offenbar stand mein Account schon unter Beobachtung, denn in der folgenden FemRef-Sitzung wurde ich mit ausgedruckten Screenshots konfrontiert. Die anderen Referent*innen hatten das Profil mittels fragwürdiger Methoden zu mir zurück verfolgt. Es waren acht Personen anwesend, die mir alle mal ins Gesicht sagen durften wie scheiße sie mich finden. Ich durfte mich nicht äußern.

Auf dem Twitter-Account vertrat ich überwiegend radikalfeministische Ansichten. Wenn ich also sage, dass ich Menschen mit Penissen und/oder männlicher Sozialisation also damit auch trans* Frauen kategorisch als Sexualpartner*innen ausschließe, dann bin ich nicht trans*feindlich sondern einfach lesbisch. Das kann hier sehr schön nachgelesen werden. Ich schränke damit niemandes Rechte ein, sondern verteidige meine eigenen. Transsexuelle Personen selbst, wie beispielsweise Miranda Yardley, vertreten ebenfalls diese Ansicht.

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Lesben nehmen sich viel zu wichtig

Woman Power Symbol, Feminist Fist

Public Domain C00

Und bähm, rausgezockt hat es mich aus der Versenkung. Obwohl: Versenkung gibt es ja eigentlich nicht, wenn ich das singende Twitter-Liedchen mal wörtlich nehmen soll. Denn wir sind Ü.B.E.R.A.L.L. Und wir sind so S.I.C.H.T.B.A.R.

Und jetzt wird es mal Zeit, dass ich mal sage, was mich so richtig abgefahren nervt:

Lesben.

Jeden verdammten Tag. ÜBERALL.

Diese überdimensionale Präsenz lesbischen Begehrens: Sie ist wirklich nicht mehr zum aushalten.

Kennt ihr? Nein? Dann denkt mal nach, an den letzten Spaziergang, die Arbeitsstelle, die Fußgängerzone, Geschäfte, Cafés, Kneipen:

ÜBERALL treiben die sich rum, diese Lesben. ÜBERALL, wo man hinsieht: Frauenpärchen, Frauenpärchen, Frauenpärchen.

Und diese wilden Knutsch-Szenarien erst: furchtbar, können die nicht, ich meine zu Hause und so … MUSS DAS SEIN?

Um ehrlich zu sein, ich komme mit dieser Omnipräsenz meiner Zunft fast kaum noch zurecht. Ich suche mir jetzt eine Therapeutin – eine heterosexuelle selbstredend.

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Rufe alle Lesben bitte kommen!

Ausschnitt Cover "Beiträge 25/26/98"

Die altgewohnten Lesben unter uns wissen, woher der Titel stammt. Und ich gestehe: ich habe ihn gnadenlos geklaut! 1974 veröffentlichte ein Lesbenkollektiv die CLIT-Papiere. 1977 publizierte der Tomyris Selbstverlag die deutsch-sprachige Ausgabe, der ihr den besagten Titel gab. (Übrigens: Leseempfehlung, aber bitte vorher hetero-normative Abwehrreflexe ausschalten – denn da wird das hetero-sexistische Patriarchat gnadenlos bis an die Wurzel analysiert! Im Zweifelsfall: Das mitnehmen, was passt, und das, was nicht passt, zurücklassen 😉 ).

Nun gut, back to topic: Ich meine den Titel ernst. Gibt es Lesben noch? Und wenn ja, wo?

In den letzten Tagen ist in meinem Kopf ein Facepalmenstrand gewachsen, ich las zuviel über Lesben(magazine), zuviel über queer, zuviel über die vermeintlich große Akzeptanz nicht heteronormativen Begehrens in der Gesellschaft und sah im Gegenzug dazu keine Lesben und keine dezidiert lesbenpolitischen Inhalte.

Deswegen wird es Zeit für eine Kolumne! Jawohl! Und ich leite sie völlig durcheinander und unstrukturiert mit ein paar Fragen und Gedanken ein.

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