Kategorie: Patriarchatskritik

Willkommen im Patriarchat: Sonderpreis für Vergewaltigungs-Diskurs

"Take rape seriously" - Protester with Placard Reproductive rights activist Shelby Knox.

by Women's eNews via Flickr, [CC BY 2.0]

Man kann nun wirklich nicht sagen, dass Mithu Sanyal durch ihren empörenden Vorschlag, Opfer sexueller Gewalt wertneutral als Erlebende zu bezeichnen (da man ja nicht wisse, wie sie die ihnen angetane Tat selbst einordnen) und der daraus folgenden, erhitzten Debatte irgend etwas an Reputation eingebüßt hat.

Ganz im Gegenteil, sie bekam nachdem belegbar aus rechten Kreisen gegen sie lancierten Shitstorm – gegen den Radikalfeministinnen sie trotz inhaltlicher Kritik verteidigten und denen sie dennoch den schwarzen Peter zuschob und als Initatorinnen von Vergewaltigungsdrohungen bezichtigte (und damit aktiven Täterschutz betrieb) sehr viel trostspendende Anerkennung.

Während sie ein Interview nach dem anderen geben durfte, interessierte man sich im medialen Mainstream so gut wie nicht für die Position der Initatorinnen, des sich kritisch mit ihren Positionen auseinandersetzenden Offenen Briefes – darunter zahlreiche Betroffene sexueller Gewalt. Während ihr und ihrer Sichtweise also breiter Raum eingeräumt wurde, ignorierte man die Gegenseite so gut es ging. Die TAZ richtete sogar derweil eine eigene Kolumne mit dem Titel „Mithulogie“ für Sanyal ein, Titel wie „Das Piss-Manifest“ lassen den inhaltlichen Tiefgang bereits erahnen.

Zum Tode Hugh Hefners, dem Playboy-Gründer, der Nacktfotos von Marilyn Monroe auf dem Cover seines Magazins ohne deren Konsens abdruckte, der mit Fotos von Minderjährigen pädokriminelle Fantasien anheizte und legitimierte und über den wir von ehemaligen „Bunnies“ erfahren, wie mies er sie behandelte und dass er die von Bill Cosby gerne für seine sexuellen Gewalttaten eingesetzten KO-Tropfen als „Schenkelöffner“ bezeichnete, bescherte sie diesem Frauenfeind einen äußerst wohlwollenden Nachruf:

„Hugh Hefner habe sich bereits in den 1950er- und 60er-Jahren für Empfängnisverhütung und Abtreibung eingesetzt, betont Mithu Sanyal. Er habe sich später auch für die Ehe für alle und gegen Waffen und die Todesstrafe ausgesprochen. „Frauen haben ein eigenes sexuelles Begehren“, habe Hefner in einer Zeit gesagt, als das noch undenkbar war. „Die Playmates haben einem immer in die Augen geguckt. Die hat man nicht irgendwie beobachtet, sondern die haben einen angeguckt und gesagt: Hey, ich will was aktiv!“

Auf ihrer Facebook-Seite schreibt sie allen ernstes:

„Denn der Ober-Playboy und Viagra-Fan Hugh Hefner ist durchaus eine faszinierende, komplexe Figur. Ja, der Playboy ist auch sexistisch, aber er ist eben auch feministisch – zumindest wenn es nach Hugh Hefner geht.“

Kein Wort auch darüber, dass Hefner eng mit der Mafia verbunden war, darunter Linda Boremans Zuhälter und Ehemann Chuck Traynor, dass er einen maßgeblichen Anteil an dem Vorantreiben der Objektifizierung von Frauen trug oder auch nur den Hauch einer Ahnung davon, welche Vorteile sein Kampf für Abtreibungsrechte vielleicht für Männer, die Frauen sexuell ausbeuten wollen, haben könnte. Immer wieder erwische ich mich dabei, mich zu fragen ob Sanyal und die Liberalfeministinnen die Zusammenhänge wirklich NICHT SEHEN, aus Blindheit oder Unvermögen, oder ob sie BEWUSST UND AKTIV den Boden für das Patriarchat ebnen.

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Der Irrtum des Anti-Verhüllungsgebots

Niqab

In Österreich haben SPÖ und ÖVP in Einklang mit dem europäischen Gerichtshof entschieden, dass in der Öffentlichkeit ein Vollverschleierungsverbot bzw. ein „Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz“ gilt. Sprich, Niqab und Burkas, die das Gesicht verstecken, sind ab sofort verboten und werden mit Geldstrafen von 150,- Euro geahndet. Vor Allem Beamte am Flughafen sollen in hohem Maße zum Einsatz kommen und das neue Gesetz „mit Fingerspitzengefühl“ durchsetzen. Es sind allerdings nicht nur Burkas, sondern auch andere Sichthindernisse, wie Atemschutzmasken (ohne medizinischen Grund), Maskierungen o.ä. (außer zur Faschingszeit) untersagt. In Saudi-Arabien wurde daraufhin eine Reisewarnung für Österreich ausgesprochen.

Nun gut. Da könnte frau im ersten Moment denken: „Toll, Österreich tut was für die Befreiung der Frau!“ Denken wir einen Schritt weiter, wird klar, nein. Das ist genau das Gegenteil. Wir müssen uns nicht darüber streiten, dass eine Vollverschleierung antifeministisch ist. Aber wenn wirklich etwas FÜR Frauen getan werden soll, dann bitte doch nicht, indem man einigen von uns ein weiteres Verbot auferlegt!

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Sheila Jeffreys: Schönheitspraktiken und Frauenhass

Bildquelle: http://www.sheilajeffreys.com/

Im Nachfolgenden handelt es sich um Auszüge einer Rede, gehalten von Sheila Jeffreys auf der Andrea Dworkin Commemorative Conference am 7. April 2006

[Ich möchte heute darüber sprechen] wie inspirierend [Andrea Dworkins Buch „Women Hating“ aus dem Jahr 1974…] für das Schreiben meines Buches „Beauty and Misogny“ war. Auch möchte ich ein wenig über „Right Wing Women“ sprechen, ein weiteres wichtiges Buch, ich glaube aus dem Jahr 1977.

Als ich Anfang der 1970er Jahre Feministin wurde, wusste ich nichts von „Women Hating“. […] Erst später habe ich die Bücher gefunden. […] Wenn ich über Weiblichkeit und Männlichkeit spreche, dann rede ich von nichts dergleichen, wie der verrückten modernen postmodernen Idee, dass man sein Geschlecht wählen oder verändern kann, sondern ich verstehe [darunter] die Verhaltensweisen männlicher Dominanz, Männlichkeit, und weiblicher Unterordnung,  Weiblichkeit. Es geht um Verhaltensweisen in der Machthierarchie, und ich möchte das gerade heraus sagen, ich glaube nicht, dass Gender diese umfasst.

[…]

[Dworkin] analysiert in „Woman Hating“ die Idee von Schönheit als einem Aspekt aufgrund dessen  Frauen gehasst werden in der männlich dominierten Kultur und sie klagt diese Kultur des Frauenhasses als verantwortlich für die Tode, Verletzungen und Gewalt gegen Frauen an, und sagt, dass der Feminismus nach Alternativen sucht um die Kultur, wie wir sie kennen, zu zerstören, und nach unseren Vorstellungen neu aufzubauen. Ich finde das Wort „zerstören“ ist stark, es ist gut und es ist ausschlaggebend. Es geht nicht darum an den Rändern der Kultur etwas herumzuflicken, sondern ich bitte euch heute, euch Gedanken darüber zu machen, wie wir dieses Gender, wie es manchmal genannt wird, zerstören können, von dem ich glaube, dass Geschlechterrollen es passender umschreibt.  […] Heute spricht kaum einer mehr von der Zerstörung der Kultur, denn wir leben in konservativen Zeiten. Wir alle haben gelernt unsere Sprache zu mäßigen, denke ich. Andrea hat das nicht getan. Sie hat es abgelehnt ihre Sprache zu mäßigen. Es ist nach wie vor notwendig die Kultur zu zerstören, aber ich glaube der Optimismus der späten 1970er Jahre über die Möglichkeiten eines radikalen, sozialen Wandels existiert meines Erachtens nicht mehr.

Als ich für mein aktuelles Buch, „Beauty and Misogyny“ recherchiert habe, habe ich nach feministischen Schriften gesucht, die deutlich und unmissverständlich die Schäden durch die Schönheitspraktiken des Westens benennen, sowie die Notwendigkeit sie zu beseitigen. Kaum etwas von diesen Denkweisen der frühen Siebziger […] ist tatsächlich nieder geschrieben worden. Andrea hat es getan, aber ich habe diese Politiken, die sich radikal mit Schönheitspraktiken beschäftigen, kaum sonst wo gefunden. Die einzige andere Person, die ich finden konnte, war Sandra Bartky in den späten 1970er Jahren.

[…]

Andrea Dworkin sieht Schönheitspraktiken als erheblich schädigende Effekte auf die Körper und Leben von Frauen auslösend an […] :

„Schönheitsstandards beschreiben präzise die Beziehungen, die Individuen zu ihrem eigenen Körper haben werden. Sie schränken ihre Mobilität ein [denkt an Absatzschuhe, enge Röcke], die Spontaneität, die Körperhaltung, den Gang, das, wofür sie ihren Körper nutzen können.“

Und dann sagt sie, in Anführungszeichen:

„Sie definieren präzise die Dimensionen der physischen Freiheit.“

Das ist für mich entscheidend. […] Schönheitspraktiken sind nicht nur eine Art optionaler Wahl, zusätzlich, sondern sie konstruieren grundlegend, wer eine Frau ist und deshalb deren Vorstellungskraft, denn sie beschränken ihre Bewegungen und erschaffen erst die möglichen Verhaltensweisen ihres Körpers.

Sie sagt auch, dass Schönheitspraktiken psychologische Effekte auf Frauen haben, denn das Verhältnis zwischen physischer Freiheit und psychischer Entwicklung, intellektuellen Möglichkeiten und kreativem Potential, ist ein verbundenes.

[…]

Sie weist darauf hin, dass in unserer Kultur [… ] nicht ein einziges Teil des weiblichen Körpers unberührt oder unverändert bleibt. […]  Von Kopf bis Fuß, jeder Teil ihres Gesichts und jeder Teil ihres Körpers wird Gegenstand der Modifizierung und Veränderung.

[…]

Heute müssen wir uns mit invasiveren und schädigenderen […]  Praktiken auseinandersetzen [als zu Andreas Zeiten]. 1974 waren [zum Beispiel noch] nicht viele Frauen gepierced […] [Nehmen] wir die „Fotze“, das Wort welches wir damals benutzt haben, ich war jetzt nicht so besonders scharf darauf es so zu nennen, aber ok. Die Fotze wird heute deodoriert, rasiert und einparfümiert. Wir müssen sagen komplett rasiert, denn die Frauen in westlichen Kulturen machen heute Brazilian Waxing um das Haar vollständig zu entfernen. 1974 wurde vielleicht nur ein bisschen an den Rändern rasiert, wer weiß. Und heute gibt es Labioplastik, wo Chirurgen Teile der Labia entfernen, weil Frauen sagen, dass sie unansehnlich ist, oder weil ihnen (von Chirurgen) erklärt wird, dass es besser beim Geschlechtsverkehr sei, weil man sich sonst dabei verhakt. Und ich denk mir, Donnerwetter, ich war mal heterosexuell, und ich kann mich nicht an dieses Problem erinnern, und auch nicht, dass andere von diesem Problem erzählt hätten ([Gelächter]

[…]

Es gibt heute viel mehr Brustimplantate als noch 1974, […] es gibt viel mehr gewöhnlichere kosmetische Chirurgie, die schon fast wie Make-Up ist. Frauen lassen sich Botox in ihre Gesichter spritzen um ihre Muskeln zu paralysieren, als etwas völlig alltägliches, jeden Monat zu erneuern, und so weiter. Worüber ich also in meinem Buch schreibe, ist, dass im Vergleich zu den Praktiken von 1974, […] das was wir heute haben sehr viel invasiver ist, die Praktiken jetzt unter die Haut gehen, mit Blut verbunden sind, und sehr viel brutaler und scherzhafter sind, als die Praktiken von damals.

Was Andrea auch sagt über diese Praktiken, ist, dass „Schönheitspraktiken lebenswichtig für die Wirtschaft sind“. Das ist wahr, aber es gab nur sehr wenig Untersuchungen dazu, WIE unerlässlich sie für die Wirtschaft sind, und: „Sie sind ein zentraler Inhalt von männlich weiblicher Unterscheidung, die unmittelbarste physische und psychische Realität eine Frau zu sein.“ In anderen Worten schaffen sie Geschlechterdifferenzierung. Diese Praktiken – sehr schädigend, schmerzhaft, extrem teuer, zeitverschwendend und den Körper einschränkend, sowie das beeinflussend was Frauen denken können – sie schaffen Geschlechterdifferenzierung. Wie könnten wir sonst wissen wer oben und wer unten ist, und es ist grundlegend für männliche Dominanz, dass wir wissen, wer oben und wer unten ist. Sonst kann das System nicht arbeiten. Ich denke sie erklärt das wirklich gut.

[…]

[Und heute] hat sich nichts verändert, Frauen sind nicht frei aus dem Haus zu gehen, mit beiden Füssen auf dem Boden, die Hände in den Taschen, ohne sich Sorgen machen zu müssen wie sie aussehen, mit unverhülltem Gesicht. So ist es nicht gekommen. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass das passieren kann, dass Frauen dieses Menschenrecht und die Freiheit haben können, die Männer haben, einfach nur auf dieser Welt zu sein, die Straße entlang zu laufen. So ist es nicht gekommen.

[…]

Die kosmetischen Chirurgen beschneiden auch Gender, und schreiben Gender ein, in die Körper der Männer, die trans-sexen und trans-gendern. Und dieselben Chirurgen entfernen die Labia von Frauen und erschaffen Labia, angeblich von Frauen, für Männer, die trans-gendern. Es gibt Webseiten auf denen sie all das Zeug anbieten. Was sie [anbieten] wird immer heftiger, ich vermute mal, in Zukunft wird es auch die Entfernung von Gliedmaßen auf Nachfrage geben, denn das ist der neueste Schrei, dahin geht es. Es nennt sich „Body Integrity Disorder“, die vor allem Männer haben, ich glaube die meisten von ihnen schwule Männer, die sich wünschen ihre Arme oder Beine abgenommen zu bekommen […] Ich glaube es gibt nicht wirklich Grenzen für die extraordinären Formen aggressiver Operationen, die von plastischen Chirurgen durchgeführt werden.

Als Antwort auf die feministische Ablehnung von Schönheitspraktiken […] habe ich selbst solche Praktiken im Jahr 1973 abgelegt. Der Grund dafür war die Lektüre zweier Bücher, „Sexual Politics“ [von Kate Millett] und „The Female Eunuch“ [von Germaine Greer] in den Jahren 1970 und 1971. Davor hatte ich langes, glattes Haar, welches mir ins Gesicht fiel. Ich wollte nicht, dass die Leute mein Gesicht sehen, und es war gefärbt. Ich habe alle möglichen Arten von Make-Up benutzt, inklusive vieler verschiedener Farben um meine Augen, falsche Augenbrauen, und so weiter. Ich habe mir die Achseln und Beine enthaart, ich habe High Heels getragen, ich hab den ganzen Kram gemacht. Ich war heterosexuell und ich habe akzeptiert, dass ich den sexuellen Frondienst ableisten muss.

Andrea Dworkin hat diese Schönheitspraktiken allesamt fallen lassen, und das ist einer der aussagekräftigsten Weisen, mit denen ihre KritikerInnen sie immer wieder an den Pranger gestellt haben. Aber ihre lebenslange Entschlossenheit in der Ablehnung dessen, was sie Geschlechterrollen nannte, und was die jetzt Gender nennen, und Weiblichkeit war schon immer eine Inspiration für andere Feministinnen. Nur wenige amerikanische Feministinnen haben Weiblichkeit vollständig abgelehnt. Trotz ihrer zweifellos wichtigen Verdienste, haben sie Weiblichkeit nicht genauso entschieden und geradlinig zurückgewiesen wie Andrea das im Verlauf ihrer Karriere getan hat.

Wir leben in einer Welt, in der die sozialen und politischen Voraussetzungen nicht durch ideologische Kontrolle in die Gedanken der BürgerInnen eingeimpft, sondern in ihr Fleisch eingeschnitten werden. Im Besonderen werden die physischen Voraussetzungen, die das richtige Gender darstellen sollen, in die Brüste von Frauen, ihre Labia und Lippen geschnitten, und auf die Körper von Männern, die sich entscheiden Frauen zu sein. Und die Brutalität dieser Praktiken ist ein Indikator dafür, dass wir unter einem anspruchsvolleren Gender-Regime leben [als je zuvor]. Ich nehme an, dass ihr euch in vielerlei Hinsicht in einer schlechteren Position in Bezug auf Gender befindet, als wir vorher. […] Der Begriff Gender war in den 1970er Jahren nicht geläufig, als Andrea Dworkin ihre Schriften verfasste, und sie verwendete den Begriff Geschlechterrollen. Und ich mag diesen Begriff, denn der macht deutlich, dass die Verhaltensweisen, die er beschreibt, sozial konstruiert sind. Es handelt sich um einen netten, geradlinigen Begriff, der aus der Soziologie kommt.  In den 1990er Jahren wurde der Begriff Gender von vielen Feministinnen übernommen […] und ich habe das nie so Recht verstanden und ich habe den Begriff Gender auch nie gemocht.

Was schnell klar geworden ist, ist, dass […] der Begriff Gender sehr schnell von jenen angeeignet wurde, die eine völlig andere Politik verfolgen als der Feminismus, und die tatsächlich in vielen Fällen Antifeminismus betreiben. In den 90er Jahren wurden die Frauenstudien in den Universitäten von den Gender Studies übernommen. Die Frauenabteilungen in den Buchläden, wurden durch die Genderabteilungen übernommen. Und in der Zwischenzeit […] durchlief der Begriff „Gender“ eine Metamorphose […] hin zu seinen Ursprüngen. […] Die Sexologen hatten den Begriff in den 50er Jahren verwendet und ihm eine biologische Basis gegeben, sie sagten es gäbe ein biologisches Substrat im Gehirn von Männern und Frauen, welches bedeute, dass sie das richtige Geschlechterverhalten entweder lernen oder nicht lernen können. [Dass sich eine Person in einem anderen und falschen Gender befindet] […] kann man nicht beweisen, aber es wird heute als biologische Basis für Transgender betrachtet.

„Gender“ wurde zu einem alternativen Wort für Geschlecht, Geschlecht wurde von Feministinnen immer als biologisch und Gender als sozial konstruiert angesehen, schließlich wurde „Gender“ die Vertretung für Geschlecht […] Sex und Gender sind im öffentlichen Bewusstsein eine Metamorphose eingegangen. […] Heute sind Transgenderisten für ihre neuen Identitäten den tradtionellen Auffassungen von Gender  […] verpflichtet, während Feministinnen der siebziger und achtziger Jahre der Meinung waren, dass Geschlechterrollen abgeschafft werden müssen, damit Frauen Freiheit erlangen können. Transgender versuchen [hingegen] Gender vor Kritik abzuschotten.

[…]

Judith Butler nennt uns jetzt „Bio-Frauen“. So dass Transgenderismus ein Konzept von wahren Frauen entwirft, und Frauen, die nicht Transgender sind, jetzt eine Vorsilbe vor ihrem Namen brauchen und „nicht-trans“ oder „bio“ werden. Hallo, Bio-Frauen! [Gelächter]

[…]

In der Gesetzgebung [des Gender Recognition Act] wird Gender synonym mit Geschlecht (sex) verwendet. Das Gesetz erlaubt es Männern oder Frauen […] ein Zertifikat zu erhalten, welches sie nun einem anderen Gender zuschreibt. Dieser Prozess bedarf keiner Operation oder einer Hormonbehandlung, sondern nur eines Dokumentes von einem Mediziner/einer Medizinerin, die attestiert, dass diese Person den Real Life Test gemacht hat, die Kleidung des anderen Geschlechts zu tragen. Das ist alles, was notwendig ist.

[…]

Eines der Dinge, die ich rätselhaft finde, ist, dass wenn ich mir die Debatte im House of Lords anschaue, ich am meisten mit der radikalen Rechten übereinstimme. Die Person, mit der ich am meisten übereinstimme, und ich denke er wird darüber nicht sehr erfreut sein, ist Norman Tebbitt [von der Conservative Party]. Als Reaktion auf den Gender Recognition Act sagte er, nachdem er eine sehr gute Definition von Gender als soziales Konstrukt gegeben hat, in eurem Gesetz habt ihr da was durcheinander gebracht, es sollte wohl sex heißen und nicht gender. Und Lord Filkin, der für die Regierung spricht, die für die Gesetzgebung verantwortlich ist, sagt, dass sex und gender das Gleiche sind und überhaupt, was spiele es denn für eine Rolle? Ist das nicht außergewöhnlich? Tebbitt bezichtigt ihn dann des linguistischen Relativismus. Was ich gut finde (Gelächter) Ich hätte es nicht besser benennen können. Tebbitt sagt auch, dass wir die brutale Verstümmelung des Transgenderismus eine schädliche kulturelle  Praxis nennen würden, wenn sie in anderen Kulturen, außerhalb von Großbritannien durchgeführt würde […] Er macht all diese Argumente von der politischen Rechten aus gesehen, und das ist ziemlich peinlich in meinen Augen, aber ich muss es sagen, dass die fortschrittlichen und linken Leute die Menschenrechtsverletzungen des Transgenderismus nicht anerkennen und auch nicht anerkennen, wie verrückt diese Gesetzgebung ist.  […] Jeder muss verrückt werden um diese Gesetzgebung zu verstehen oder auf sie zu antworten.

Was mich sehr besorgt ist, dass […] wenn der Staat jetzt durch das Gesetz Gender reguliert, und nicht nur noch Geschlecht (sex) […] was sage ich denn dann, wenn ich vor dieses Gender Recognition Panel komme? Ich kann dann nicht mehr „nein danke“ zu denen sagen. Ich glaube wir haben eine dramatische Stufe erreicht, auf der Staat und Gesetzgebung daran beteiligt werden Gender zu regulieren, auf eine unglaublich traditionelle und sehr fiese, irgendwie auch brutale, Weise.

Warum sind […] eine solche Praxis des Transgenderismus und diese Gesetzgebung akzeptabel? Ich denke, weil es eine sehr tiefsitzende Annahme in westlichen Gesellschaften und vielleicht allen Kulturen gibt, dass so etwas wie Gender existiert, existieren muss, dass wir uns diesem nicht entledigen können, dass es einen irgendwie unvermeidlichen biologischen Unterschied gibt […] . Was sich niemand vorstellen kann, ist dass Gender überwunden werden kann, […] und entfernt werden kann, so dass alle Frauen mit ihren Füssen auf dem Boden stehen können. Das ist meines Erachtens das Grundlegende an der Arbeit von Andrea Dworkin und an „Woman Hating“, wenn sie sagt „Wir müssen die Kultur, wie wir sie kennen, zerstören.“ Nicht Gender passend machen mit außergewöhnlicher Gesetzgebung, schrecklichen verstümmelnden Operationen und Hormonen […] für diese unglücklichen Menschen, die vom Gendersystem, in dem wir derzeit leben, verwirrt und kaputt gemacht wurden.

[…]

Andrea Dowrkins Arbeit sorgt dafür, dass ich mich geistig gesund fühle. Sie hilft mir dabei, dass es sich für mich sinnvoll anfühlt, auf die Abschaffung von Gender hinzuarbeiten. Und sie hilft mir in meiner Überzeugung, dass Feminismus wiederkommen wird. […] Die Tatsache, dass junge Frauen Interesse an der Arbeit von Andreas Dworkin haben, macht mich zuversichtlicher gegenüber der Zukunft. Danke euch. [Applaus]

Sheila Jeffreys: Make-Up und Schleier: Läuft das auf das Gleiche hinaus?

Bildquelle: http://www.sheilajeffreys.com/

Bei der nachfolgenden Übersetzung handelt es sich um Auszüge aus dem 2005 erschienenen Buch „Beauty and Misogyny. Harmful Cultural Practices in the West“ von Sheila Jeffreys.

Statt als zwei Seiten einer Medaille der Frauenunterdrückung, werden der Schleier und Make-Up in der Regel als Gegensätze angesehen. Make-Up wird sogar manchmal als befreite Alternative zum Tragen des Schleiers angesehen. Während es offensichtlich einen Unterschied gibt, wenn von ehrenhaften Frauen in der islamischen Kultur erwartet wird, dass sie ihre Köpfe und Körper bedecken, damit Männer nicht sexuell in Versuchung geführt werden, und im Westen von Frauen erwartet wird, sich so zu kleiden und zu schminken, dass Männer sexuell in Versuchung geführt werden und ein Fest für deren Augen veranstaltet wird, gibt es doch eine Verbindung zwischen den beiden. Diese Erwartungen spiegeln nämlich jeweils den traditionellen Dualismus in Bezug auf die Funktion von Frauen unter männlicher Dominanz wieder. Von Frauen wird traditionell erwartet, sich in die Kategorien Heilige oder Hure einzufügen, auch im Westen. Jungfrauen waren tabu bis zu ihrer Hochzeit und wurden dann sexuell individuell, also von einem Mann, besessen, während Huren zu Diensten von Männern allgemein existierten.

Leider können selbst feministisch Forschende oft nicht außerhalb dieses Dualismus denken, um sich einen autonomen Lebensweg für Frauen, der nicht in diese Kategorien fällt, vorzustellen. Lama Abu-Odeh zum Beispiel, die über die Wiedereinführung des Schleiers in manchen muslimischen Ländern schreibt, spricht davon, dass ihre Annahme als eine arabische Feministin die sei,

„dass arabische Frauen in der Lage sein sollten, sich sexuell auszudrücken, damit sie lieben, spielen, reizen, flirten und aufregen können … Darin sehe ich Akte der Subversion und der Befreiung“,

schreibt sie.  Was sie jedoch als freudvoll ansah, betrachteten die Frauen, die den Schleier anlegten, als „böse“. Indem sie der Rolle für Frauen als sexuell aufregend für Männer gegenüber dem Verhüllen den Vorzug gibt, ist Abu-Odeh gefangen in dieser Dualität, die Frauen unter männlicher Dominanz angeboten wird, Sexobjekt oder Verschleierte, Prostituierte oder Nonne. Es gibt jedoch eine dritte Möglichkeit: Frauen könnten sich selbst neu erfinden, jenseits der Stereotype westlicher und nicht-westlicher patriarchaler Kultur. Frauen könnten Zugang zum Privileg der Männer erhalten, sich nicht um ihr Aussehen scheren zu müssen und ungeschminkt und ohne Kopfbedeckung in die Öffentlichkeit zu treten.

Beides, sowohl Schleier als auch Make-Up, werden oft als freiwillige Verhaltensweisen von Frauen angesehen, die von selbstständiger Wahl gekennzeichnet sind und die Agency ausdrücken. Aber in beiden Fällen gibt es beträchtliche Beweise für den Druck, der von der männlichen Dominanz ausgeht und diese Verhaltensweisen auslöst. Die Wirtschaftshistorikerin Kathy Peiss beispielsweise stellt die These auf, dass die Kosmetikindustrie in den 1920er und 1930er Jahren ihren Durchbruch erzielte, als Frauen die öffentliche Welt der Büros und anderer Arbeitsplätze betraten. Sie sieht das Zurechtmachen der Frauen als Zeichen für eine neue Freiheit. Aber es ist auch eine andere Erklärung möglich. Feministische Kommentatorinnen der Wiedereinführung des Schleiers in muslimischen Ländern Ende des 20. Jahrhunderts weisen darauf hin, dass Frauen sich sicherer und freier fühlen in Bezug auf Beschäftigung und Bewegung im öffentlichen Raum, wenn sie sich verschleiern. Es könnte sein, dass auch das Tragen von Make-Up darauf hinweist, dass Frauen kein automatisches Recht haben den öffentlichen Raum im Westen zu betreten, also gleichberechtigt zu Männern. Make-Up stellt, genauso wie der Schleier, sicher, dass sie maskiert sind und nicht die Unverfrorenheit besitzen sich als jene echten und gleichen Bürgerinnen, die sie in der Theorie sein sollten, zu zeigen. Vielleicht offenbaren sowohl Make-Up als auch Schleier den Mangel an Anspruchsberechtigung von Frauen.

In manchen Fällen ist das Anlegen des Schleiers ein klares Resultat von Zwang und Gewaltandrohungen. Im Iran ist das sich bedecken vorgeschrieben und wird vom Staat vollstreckt. Wie Haleh Afshar erklärt, ist

„die offene Ablehnung des hejab und die Erscheinung in der Öffentlichkeit ohne ihn, mit 74 Schlägen zu bestrafen.“

Hier kann man nicht davon sprechen, dass Frauen „wählen“ können den Schleier zu tragen, da der Durchsetzungsprozess so deutlich und so brutal ist.

„Frauen, die als unadäquat bedeckt betrachtet werden, werden von diesen Männern (Mitgliedern der „Partei Gottes“, den Hezbollahis) mit Messern oder Waffen angegriffen und können froh sein, wenn sie das überleben.“

Make-Up wird nicht mit einer solchen Brutalität in westlichen Kulturen durchgesetzt.

Jedoch wird der Schleier, wie Homa Hoodfar ausführt, aus verschiedenen Gründen in verschiedenen Ländern, manchmal sogar innerhalb eines Landes, getragen. In manchen Situationen gibt es keinen sichtbaren Zwang. Lama Abu-Odeh beschreibt die Wiedereinführung des Schleiers. Sie sagt, dass in den 1970er Jahren Frauen

„die Straßen der arabischen Städte bevölkert haben, die westliche Garderobe trugen: Röcke und Kleider oberhalb der Knie, High Heels und Ärmel, die im Sommer den Oberarm bedeckten. Man konnte in der Regel ihre Haare sehen und sie trugen Make-Up.“

In den 1980er und 1990er Jahren legten viele, sogar viele eben jener Frauen, den Schleier an, hier definiert als Kopftuch. Abu-Odeh lässt uns wissen, dass „ihre Körper das Schlachtfeld zu sein schienen“ zwischen den Werten des Westens, der „kapitalistischen“ Konstruktion, in der weibliche Körper „sexualisiert, objektifiziert, verdinglicht“ werden und der traditionellen, in der Frauenkörper „eingezäunt“, „in Besitz genommen“ und als Hüterinnen der (sexuellen) Familienehre angesehen werden. Die Frauen, die den Schleier anlegten, waren jene, die öffentliche Verkehrsmittel nutzen mussten, um zur Arbeit oder dem Studium zu kommen. So wurden sie weniger wahrscheinlich von Männern sexuell belästigt. Bei Gelegenheiten bei denen sie sexuell belästigt wurden, fühlten sie sich wohler damit verschleiert zu sein, denn dann konnten sie nicht dafür verantwortlich gemacht werden, das missbräuchliche männliche Verhalten angespornt zu haben. Es war einfacher für die verschleierten Frauen und Mädchen empört zu sein und andere empörten sich eher für sie, wenn sie als unschuldige Opfer, die eine solche Behandlung nicht verdient haben, angesehen wurden. Das Anlegen des Schleiers kann insofern als Weg betrachtet werden, die Verletzungen abzumildern, die Frauen als Resultat männlicher Dominanz zugefügt werden. Eine solche „Wahl“ rührt jedoch eher aus einer Unterdrückung, als dass sie Agency ausdrückt.

Hoodfar erklärt die Wiedereinführung des Schleiers in Ägypten, wo es keine Bedrohung durch brutale Bestrafung gibt. Frauen, die sich „wieder verschleiern“ sind, wie Hoodfar es ausdrückt, eher der unteren Mitelschicht zugehörig, haben Universitätsbildung oder sind Büroangestellte im öffentlichen Sektor. Die Gründe, die Hoodfar liefert für die „Wiederverhüllung“, legen nicht nahe, dass Frauen nennenswerte Alternativen zu dieser Entscheidung gehabt hätten. Eine Frau, die Hoodfar interviewte, drückte bevor sie heiratete Widerstand zur Vorstellung einen Schleier zu tragen aus, erfuhr jedoch nennenswerten Druck durch die Familie ihres zukünftigen Ehemannes in Bezug auf ihre Arbeit als Lehrerin, auf die sie sich hatte ausbilden lassen und auf die sie sich freute. Ihre zukünftigen Schwiegereltern argumentierten, dass „die Leute reden würden, und ihre Reputation in Frage gestellt würde“, wenn sie arbeiten gehen würde. Außerdem würde sie sexuelle Belästigungen erfahren, „In überfüllten Bussen würden Männer, die ihren traditionellen Respekt vor Frauen verloren hätten sie belästigen und dies würde ihre Ehre und Würde beschmutzen, und auch die ihres Ehemannes und ihrer Brüder“. Um diesen Druck zu überwinden, beschloss sie eine muhaggaba (eine Verschleierte) zu werden. Dies stellte die Familie des Ehemannes zufrieden.

Die Gründe, die Hoodfar gibt, beziehen sich deutlich auf Versuche von Frauen sich der männlichen Dominanz anzupassen. Der Schleier, sagt sie, demonstriert die Loyalität der Frauen zu den Regeln der männlichen Dominanz, er

„kommuniziert der Gesellschaft im Allgemeinen, und den Ehemännern im Speziellen, laut und deutlich, dass sich die Trägerin an die islamische Idee ihrer Geschlechterrolle gebunden fühlt.“

Verschleierte Frauen können arbeiten, weil sie demonstrieren, dass sie immer noch „traditionelle Werte und Verhaltensweisen“ respektieren. Frauen, die den Schleier tragen, „vermindern die Unsicherheit ihres Ehemannes“ und zeigen ihren Ehemännern, dass „sie als Ehefrauen, nicht im Wettstreit stehen, sondern in Harmonie und Kooperation zu ihnen“.  Im Gegenzug für all diese Zeichen des Gehorsams, versetzt der Schleier

„Frauen in die Lage zu erwarten und zu verlangen, dass ihre Ehemänner sie ehren und ihre islamischen Rechte anerkennen“.

So lassen die Ehemänner die Frauen das Geld, was sie verdienen, behalten und erfüllen ihren Teil der Abmachung „der Familie das Maximum ihrer Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen.“ Keiner der hier genannten Gründe legt eine gewählte Aktivität nahe, die Frauen eine Befriedigung gibt, die abgetrennt ist von den Kräften der männlichen Dominanz. Um das Recht, das Männer besitzen, in der öffentlichen Welt arbeiten zu dürfen, in Anspruch zu nehmen, müssen Frauen sich verschleiern und andere Stereotype und Erwartungen an die untergeordnete Rolle der Frauen erfüllen.

Eine andere Frau, die von Hoodfar interviewt wurde, legte den Schleier an, um konkret sexuelle Belästigungen zu vermeiden, wenn sie nachts spät nach dem Studieren den Bus nach Hause nehmen musste:

„So oft haben mich Leute schlecht behandelt, dass ich nachts nach Hause kam und weinte.“

Sie entschied sich für den Schleier, damit

„die Leute wissen, dass ich eine gute Frau bin, und dass meine Umstände mich zwingen bis spät nachts zu arbeiten“.

Eine Strategie zu suchen, um nicht auf offener Straße von Männern angegriffen zu werden, ist keine Ausübung von freier Wahl, sondern eine Anpassung an Unterdrückung. Der gewöhnliche Mann in Ägypten, der sie belästigt, kann als das bürgerliche Äquivalent angesehen werden zu den Hezbollahs, die Frauen im Iran auspeitschen.

[…]

Abu-Odeh erinnert Feministinnen, die der Meinung sind, dass Frauen den Schleier einfach ablehnen sollten, daran, dass dies „gesellschaftlicher Selbstmord“ wäre. Muslimische Frauen haben keine Stellung um sich gegen den Schleier auszusprechen, weil dies als Verteidigung des Westens angesehen würde. Sie ergänzt den Einfluss islamischer Prediger als einen weiteren Grund für die Wiederverschleierung:

„Eine Frau, die sich entscheidet den Schleier anzulegen, unterliegt in der Regel einer bestimmten ideologischen Indoktrination […], nach der ihr gesagt wird, dass eine muslimische Frau sich bedecken muss, um Männer nicht zu verführen, und dass sie, indem sie dies tut, Allahs Wort befolgt“.

Das kann natürlich eindeutig als religiöse Indoktrination angesehen werden, aber es erscheint mir begründet zu fragen, ob es notwendigerweise machtvoller ist, Mädchen dahingehend zu beeinflussen, sich mit dem Schleier zu bedecken, als das was die Magazine und Mode- und Schönheitskultur des Westens tun, um Mädchen dazu bringen, sich mit Make-Up zu bedecken.

Westlicher Kulturimperialismus – Export schädlicher Praktiken in den Nicht-Westen

Die in Afghanistan angeblich neuerdings von der Herrschaft der Taliban befreiten Frauen, sind gefangen in der patriarchalen Dualität von Heilige und Hure, da ihnen zwei Wahlmöglichkeiten für ihre Erscheinung angeboten werden: die Verhüllung mit der Burka oder die mit Make-Up. Westliche Schönheitspraktiken werden als so offensichtlich natürlich, unvermeidbar und gut für Frauen betrachtet, dass sie den Frauen in Afghanistan wie ein Heiliger Gral angeboten werden. Nach Jahren schrecklichster Unterdrückung, in denen sie nur in einer alles verhüllenden Burka nach draussen gehen konnten, nur in Begleitung eines Mannes reisen durften, ihnen Bildung und Beschäftigung untersagt wurde und in denen sie auf der Straße von den Hütern islamischer Selbstgerechtigkeit ohne Entschädigung verprügelt werden konnten, erscheint die Möglichkeit sich an westlichen Schönheitspraktiken, insbesondere für Gesicht und Haar, zu beteiligen, nicht unbedingt als dringendstes Bedürfnis. Dennoch wird dies so angepriesen.

Die amerikanische Schönheitsindustrie stürzte sich 2002 in der Folgezeit des Krieges nach Afghanistan, unter dem Deckmäntelchen einer dringend benötigten Schönheits-„Hilfe“. Dies wurde in den Medien als positive Unterstützung dargestellt, und nicht als amerikanischer Kulturimperialismus und kapitalistisches Unternehmen. Frauen wurde die Rolle der in Make-Up verhüllten und sexuell objektifizierten Frau angeboten, statt unter der Burka verhüllt zu sein, um sie davor zu schützen, von Männern als Sexobjekte angesehen zu werden. […]  Ein Who ist Who der amerikanischen Schönheitsindustrie, angeführt von der Herausgeberin der Vogue, „eilte bald zur Hilfe“. Ein Ergebnis dieser Großzügigkeit war die Eröffnung einer Schule für Kosmetik, die auf dem Gelände des Afghanischen Ministeriums für Frauenangelegenheiten eröffnete, als wären Schönheitspraktiken tatsächlich ein äußerst wichtiges Menschenrechtsanliegen für Frauen, auf einer Linie mit Bildung, Sicherheit und Arbeit.

Die Hersteller von amerikanischen Schönheitsprodukten gaben Handbücher heraus um das Unterfangen zu unterstützen. Die Herausgeberin der Vogue, Anna Wintour, bezeichnete die Schönheitsindustrie als „unglaublich philantropisch“ und war der Meinung, die Kosmetikschule würde

„nicht nur den afghanischen Frauen helfen besser auszusehen und sich besser zu fühlen, sondern sie sogar mit Beschäftigungsmöglichkeiten versorgen“.

Offensichtlich führte die Situation in den 20 Kosmetiksalons, die nach Beseitigung der Taliban-Kontrolle eröffnet wurden, jedoch zu einer Krise im Gesundheitssystem, da die Bedingungen extrem unhygienisch und gefährlich waren. Eine afghanische Auswanderin berichtet:

„Sie verwenden rostige Scheren, sie haben einen einzigen billigen Kamm für den gesamten Salon und desinfizieren ihn nicht, es gibt kein fließendes Wasser oder Rasierschaum, und es gibt ein echtes Läuseproblem. Sie verwenden Holzstöcke und Gummibänder für die Dauerwellen. Und es gibt keine Watte, so dass die Dauerwellenlösung in die Gesichter der Kundinnen tropft“

[…]

Nicht nur in Afghanistan haben die amerikanischen Kosmetikunternehmen eine Marketing-Möglichkeit gesehen. Sie haben nach dem Fall des kommunistischen Regimes schleunigst die Sowjetunion aufgesucht, um ihre Dienste den Frauen dort anzubieten, und sie streben auch nach China. Wie die Wirtschaftshistorikerin Kathy Peiss es ausdrückt,

„verkaufen sogar in amazonischen Regenwäldern Frauen Avon, Mary Kay und andere Schönheitsprodukte“.

Aber Peiss verschweigt, wie die vielen Menschen, die in Afghanistan westliche Schönheitsideale verkaufen, die Unterdrückung durch diese kolonisierende Aktivität, indem sie auf die damit verbundenen Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen, die dringend darauf angewiesen sind, verweist.

[…]

Die Verhüllung von Frauen in patriarchalen Religionen

Obwohl die erforderte sexuelle Objektifizierung von Frauen im Westen sich sehr von der Verhüllung in Islamischen Regimen zu unterscheiden scheint, ist es aufschlussreich sich die identische kulturelle Basis aus der sowohl westliche als auch islamische Kulturen sich entwickelt haben, vor Augen zu führen. Die Bedeckung des Kopfes ist eine kulturelle Praxis von mittelöstlichen Stämmen, die sich über die monotheistischen Religionen, die in dieser Region entstanden, in andere Teile der Welt verbreitet hat. Die Bedeckung von Kopf und Körper wurde christlichen Frauen im Westen noch bis vor kurzem aufgenötigt. In Bezug auf meine Kindheit in den 1950er Jahren in Malta, wo mein Vater mit der Army stationiert war, erinnere ich mich an die Schilder in den Bussen, die Frauen instruierten „ein marienhaftes Kleid zu tragen“. In vielen Teilen Europas müssen Frauen beim Betreten einer Kirche noch immer ihren Kopf bedecken. Die christliche Religion hat, wie der Islam und die andere patriarchale, monotheistische Religion, das Judentum, seine Wurzeln in früheren patriarchalen Kulturen, die im Mittleren Osten existierten. In diesen frühen Kulturen mussten ehrbare Frauen sich nach dem babylonischen Code des Hammurabi bedecken. Gerda Lerner erklärt in „Die Entstehung des Patriarchats“, dass dieser Code, der vor die drei Religionen zu datieren ist, von Frauen, die keine Prostituierten waren, verlangte, dass sie sich bedeckten, so dass sie damit anzeigen konnten, dass sie der Besitz eines individuellen Mannes waren. Die prostituierten Frauen, in der Regel Sklavinnen, waren hingegen unverhüllt, um anzuzeigen, dass sie der Besitz der Allgemeinheit der Männer waren.

Im frühen Christentum wurde ein ähnlicher Code durchgesetzt. In Pauls Brief an die Korinther im Neuen Testament wird der Bedeckungscode ausgesetzt. Er erklärt, dass „der Kopf jedes Mannes Christus ist; und der Kopf der Frau ist der Mann;  und der Kopf von Christus ist Gott“. Dies soll jedoch durch eine Kopfbedeckung demonstriert werden:

„Ein jeglicher Mann, der betet oder weissagt und hat etwas auf dem Haupt, der schändet sein Haupt. 5 Ein Weib aber, das da betet oder weissagt mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt, denn es ist ebensoviel, als wäre es geschoren. 6 Will sie sich nicht bedecken, so schneide man ihr das Haar ab. Nun es aber übel steht, daß ein Weib verschnittenes Haar habe und geschoren sei, so lasset sie das Haupt bedecken.  7 Der Mann aber soll das Haupt nicht bedecken, sintemal er ist Gottes Bild und Ehre; das Weib aber ist des Mannes Ehre. 8 Denn der Mann ist nicht vom Weibe, sondern das Weib vom Manne. 9 Und der Mann ist nicht geschaffen um des Weibes willen, sondern das Weib um des Mannes willen.“

Die Kopfbedeckung der Frau zeigte an, dass sie der Besitz des Mannes ist. Andere schädliche Praktiken des frühen Christentums gingen mit dem Dresscode einher.

[…]

Was macht eine schädliche kulturelle Praktik aus?

Ich habe in diesem Kapitel die These aufgestellt, dass sowohl die westlichen Kulturen, die vom Christentum beeinflusst sind, als auch die Kulturen, die vom Islam beeinflusst sind, Frauen schädliche kulturelle Praktiken aufzwingen. Nur die Entschlossenheit die politischen Ursprünge, Funktionen und Konsequenzen westlicher Schönheitspraktiken einfach zu ignorieren, kann die Vorstellung ermöglichen, dass die westliche Kultur in Bezug auf die Freiheiten, die sie Frauen in Bezug auf ihre Erscheinung erlaubt, [nicht-westlichen Kulturen] überlegen ist. […] Beide Sets von Regeln, die das Erscheinungsbild betreffen, setzen voraus, dass Frauen „anders/unterwürfig“ sein sollen, und beide setzen voraus, dass Frauen den männlichen sexuellen Bedürfnissen Genüge tun, entweder in dem sie sexuelle Erregung zur Verfügung stellen, oder indem die Frauenkörper versteckt werden, damit Männer weniger erregt werden. In beiden Fällen wird von Frauen erwartet, dass sie die männlichen Bedürfnisse im öffentlichen Raum befriedigen und, dass sie selbst nicht die Freiheiten haben, die Männer besitzen.

Das Konzept schädlicher kultureller Praktiken in Bezug auf die äußere Erscheinung, sollte deshalb nicht auf nicht-westliche Kulturen beschränkt werden. Alle in diesem Buch beleuchteten westlichen Schönheitspraktiken, von Make-Up bis Labioplastik, erfüllen die Kriterien für schädliche kulturelle Praktiken. Ich lege dar, dass sie stereotype Geschlechterrollen produzieren, dass sie aus der Unterordnung der Frauen entspringen, dass sie von Vorteil für die Männer sind und dass sie durch Tradition gerechtfertigt werden. Ich habe in Kapitel 6 dargelegt, dass selbst jene Praktiken, die wenig Effekt auf die Gesundheit von Frauen und Mädchen zu haben scheinen, wie das Tragen von Lippenstift, schädlich sein können. Obwohl westliche Schönheitspraktiken selten durch tatsächliche physische Gewalt aufgezwungen werden, sind sie dennoch kulturell aufgezwungen. Das Scheitern darin Make-Up zu tragen, die Beine zu enthaaren oder die Achseln, mag vielleicht nicht „gesellschaftlicher Selbstmord“ in den westlichen Kulturen sein, aber es beeinflusst, wie ich im Make-Up Kapitel dargelegt habe, die Möglichkeiten von Frauen in Arbeit zu kommen und diese zu behalten [….]. Die weiblichen britischen Abgeordneten, die ich erwähnt habe, mussten weibliche Kleidung tragen und ihre Beine zeigen um irgendeine Legimitation in der Gesetzgebung zu erhalten und sie hätten es sehr unwahrscheinlich dort überlebt, wenn Achselhaare unter ihren Blusen oder Beinhaare durch die Strumpfhosen durchgeblitzt wären.

Natürlich ist mir bewusst, dass das Ausmaß der Schäden, die durch plastische Chirurgie und Lippenstift tragen hervorgerufen werden, nicht das gleiche ist. Die Voraussetzung für die Anerkennung westlicher Schönheitspraktiken als schädliche kulturelle Praktiken, wie von der UN Konvention für die Beseitigung aller Formen der Diskriminierung von Frauen definiert, ist die Veränderung der sozialen Einstellungen, die ihnen unterliegen. Im Fall mancher kosmetischer Schönheitschirurgiepraktiken sind die Konsequenzen ausreichend ernst und eine Regulierung könnte sehr einfach durch gesetzliche Bestrafung der Ärzte erreicht werden, so dass man sie einfach über die Gesetzgebung beenden könnte. Das Tragen von Lippenstift und Enthaarung sollte nicht ausgeklammert werden bei der Betrachtung, […] wobei gesetzliche Maßnahmen hierbei wohl nicht angemessen wären. Sie markieren Frauen als untergeordnet und demonstrieren deutlich stereotype Geschlechterrollen, auch dann wenn sie keine tiefgreifenden Folgen für die Gesundheit von Frauen haben. Die Rolle der Regierungen, die sich der Beendigung solcher Praktiken verschreiben, […] sollte es deshalb sein, die Herstellung von Geschlechterdifferenz zu bekämpfen, sowie jene Vorstellungen und Einstellungen und Geschäftspraktiken, die diese Auffassungen als Fundament der westlichen Kultur festschreiben.

Audre Lorde: Sadomasochismus. Es geht nicht um Verurteilung (Interview)

By Rooturu (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

Nachfolgend die Übersetzung von Teilen eines Interview mit Audre Lorde, welches in dem Sammelband „I Am Your Sister: Collected And Unpublished Writings Of Audre Lorde“ erschienen ist. Quelle: radfem.org

Susan Leigh Star [Leigh]: Was denkst du über das Sadomasochismus-Phänomen in der lesbischen Community?

Audre Lorde [Audre]: Sadomasochismus in der lesbisch-feministischen Community kann nicht losgelöst von den größeren ökonomischen und sozialen Themen, die unsere Communities umgibt, betrachtet werden. … Trauriger weise fühlt sich Sadomasochismus angenehm an für manche Leute in diesem zeitlichen Entwicklungsstadium. … Sadomasochismus ist deckungsgleich zu anderen Entwicklungen in diesem Land, die mit Dominanz und Unterwerfung zu tun haben, mit ungleichen Machtverhältnissen – politisch, kulturell und ökonomisch. … Weil S/M ein Thema in der herrschenden Kultur ist, ist ein Versuch es „zurückzugewinnen“ (reclaim) im Gegensatz dazu es in Frage zu stellen, eine Entschuldigung sich dieses Verhalten nicht näher ansehen zu müssen. …

Leigh: Du meinst … die Medien fokussieren sich auf Lesben im Speziellen fokussieren,  um sich nicht mit den allgemeinen Implikationen der Existenz dieses Phänomens beschäftigen zu müssen?

Audre: Ja. Und weil diese Machtperspektive ein Teil der weiteren Gesellschaft ist, ist es schwierig es isoliert zu kritisieren. Wie Erich Fromm schon sagte: „Die Tatsache, dass Millionen von Menschen einem Irrtum unterliegen, macht es nicht vernünftig.“

Leigh: Was ist mit der Maxime „Leben und Leben lassen“ … ?

Audre: Ich verstehe den Zusammenhang nicht. Ich stelle ja niemandes Leben in Frage. Ich sage nur, dass wir die Konsequenzen unseres Lebens bedenken sollen. Wenn wir über Feminismus reden, dann ist das private politisch und wir können alles in unserem Leben einer kritischen Überprüfung unterziehen. Wir wurden in einer kranken und abnormalen Gesellschaft großgezogen, und uns sollte es darum gehen uns selbst zurückzugewinnen … .Das ist komplex. Ich spreche nicht davon etwas zu verurteilen, sondern anzuerkennen was da passiert und sich die Frage zu stellen was das bedeutet. Ich will gar nicht irgendjemandes Leben reglementieren, aber wenn wir unsere menschlichen Beziehungen hinterfragen wollen, dann müssen wir auch bereit sein jeden Aspekt dieser Beziehungen zu hinterfragen. Das Subjekt der Revolution sind wir selbst, es sind unsere Leben.

Sadomasochismus ist die institutionalisierte Feier von dominant/unterwürfigen Beziehungen. Und er bereitet uns darauf vor entweder Unterwerfung zu akzeptieren oder Dominanz durchzusetzen. Auch dann wenn es gespielt ist, ist es so, dass die Machtausübung  über eine/n Machtlose/n erotisch ist, empowernd ist, und dies die emotionalen und sozialen Voraussetzungen schafft für die Weiterführung dieser Beziehung, politisch, sozial und ökonomisch.

Sadomasochismus nährt den Glauben, dass Dominanz unausweichlich ist und genossen werden kann. Man kann das vergleichen mit dem Phänomen der Anbetung einer Gottheit mit zwei Gesichtern: Nur den weißen Teil des Vollmonds anzubeten, oder den schwarzen Teil des Mondes, als wären das zwei völlig verschiedene Dinge.  Wir können aber nicht einen Aspekt unseres Lebens einzäunen, die Folgen abtrennen … Das ist es was Integrität bedeutet.

Leigh: [Was sagst du zu denen …], die meinen, dass wir eine liberale Toleranz brauchen in Bezug auf die Sphäre der Sexualität, und dass der „Macht über“ Teil einer Beziehung auf das Schlafzimmer begrenzt ist? …

Audre: Wenn es aufs Schlafzimmer begrenzt ist, warum drucken die dann Broschüren? (z.B. „Lesbischer S/M Reader“) … Es ist im Interesse des kapitalistischen Profit-Systems, dass wir möglichst viele unserer Erfahrungen privatisieren.  Um integrierte Lebensentscheidungen zu treffen, müssen wir die Schleusentore in unseren Leben öffnen, und emotionale Konsistenz herstellen. Das bedeutet nicht, dass wir alle gleich handeln, oder nicht wachsen oder uns entwickeln würden,  sondern, dass es eine grundlegende Integrität gibt, die in all unseren Handlungen erkennbar ist. Niemand von uns ist perfekt, niemand ist mit dieser Integrität geboren, aber wir können in Richtung dieses Ziels arbeiten. …

Manche Dinge in jeder Gesellschaft werden als vollkommen zerstörerisch definiert. Zum Beispiel dieses alte Beispiel „Feuer“ in einem Kino zu schreien. Der Liberalismus hat Pornographie und Gewalt gegen die Ehefrau als Rechte im Einklang mit dem First Amendment [erster Artikel der US-amerikanischen Verfassung) erlaubt. Das passt jedoch nicht in meine Vorstellung vom Leben, und beides ist eine unmittelbare Bedrohung für mein Leben.

Die Frage, die ich mir immer wieder stelle, ist, wer davon profitiert. …

Leigh:  Wo fängt Sadomasochismus deiner Meinung nach an? Wo liegen seine Wurzeln?

Audre: In Form dieses überlegen/unterlege, welches uns tief indoktriniert ist. Dieser erlernten Intoleranz gegenüber Unterschieden.

Jene, die involviert sind in Sadomasochismus spielen diese Intoleranz gegenüber Unterschieden aus …: Überlegenheit, und damit das Recht zu herrschen. Der Konflikt ist vermeintlich selbstlimitierend, da er hinter Schlafzimmer-Türen ausgetragen wird. Aber kann das sein, wenn das Erotische alles in unserem Leben ermächtigt, nährt und durchdringt?

Ich habe mich selbst, sehr genau prüfend, gefragt, ob ich hierüber puritanisch bin – und ich habe mir darüber wirklich sehr sorgfältig Gedanken gemacht – und die Antwort lautet: Nein. Ich glaube, dass wir daran arbeiten ganzheitliche Lebensentscheidungen über unsere Netzwerke zu treffen, und diese Entscheidungen führen uns zu weiteren Entscheidungen und Engagement – bestimmten Weisen die Welt zu betrachten, Veränderung schaffen zu wollen. Wenn sie uns nicht in Richtung Wachstum und Veränderung bringen, dann haben wir nichts auf das wir bauen können, keine Zukunft.

Leigh: Du sagst, dass die Politik des S/M in Verbindung steht mit der Politik allgemeinerer Themen?

Audre: Ich glaube nicht, dass Sexualität vom restlichen Leben getrennt werden kann. Als Frau aus einer ethnischen Minderheit, weiß ich, dass Dominanz und Unterordnung keine Schlafzimmer-Themen sind. Genauso wie es bei Vergewaltigung nicht um Sex geht, geht es auch bei S/M nicht um Sex, sondern darum wie Macht ausgeübt wird. …

Leigh: Manchmal habe ich das Gefühl, dass es eine Art Tyrannei über das Konzept der Gefühle gibt, so als ob man etwas, das man fühlt auch ausleben muss

Audre: Man fühlt keinen Panzer oder Krieg – man fühlt Hass oder Liebe. Gefühle sind nichts Falsches, aber wir sind verantwortlich für das Verhalten, welches wir an den Tag legen um diese Gefühle zu befriedigen.

Leigh: Was ist deine Meinung über das Konzept der Macht von … lesbischen Sadomasochistinnen

Audre: Das S/M-Konzert über „Vanilla“-Sex ist Sex ohne Leidenschaft. Sie sagen, dass es keine Leidenschaft ohne ungleiche Machtverhältnisse geben kann. Meiner Meinung nach hört sich das ziemlich traurig und einsam an, und zerstörerisch.  Die Verknüpfung von Leidenschaft mit Dominanz/Unterwerfung ist der Prototyp des heterosexuellen Bildes von männlich-weiblichen Beziehungen, eines welches Pornographie rechtfertigt. Frauen sollen es lieben Gewalt zu erfahren. Das ist auch die prototypische Rechtfertigung für jedwede Unterdrückung in Beziehungen – dass der unterworfene derjenige ist, der „anders“ ist und die untergeordnete Position genießt.

Susi Kaplow: Wütend werden

CCO Public Domain, Pixabay

Der nachfolgende Beitrag erschien in englischer Sprache unter dem Titel „Getting Angry“ in der Anthologie „Radical Feminism“, herausgegben von Anne Koedt, Ellen Levine und Anita Rapone im Jahr 1973. Es handelt sich hierbei um eine gekürzte, übersetzte Fassung.

Ein wütender Mann: Jemand hat seine Rechte verletzt, gegen seine Interessen gehandelt, oder jemandem, den er liebt, Schaden zugefügt. Vielleicht hat seine Wut auch soziale Ursachen – und richtet sich gegen Rassismus oder Militarismus. … Wir sehen ihn Schreien, seine wütenden Phrasen mit Selbstsicherheit und Zuversicht raushauen – oder seine Faust in den Bauch eines Opponenten rammen, mit der gleichen Überzeugung. Wie auch immer wird die Wut überwunden; unser Held hat sie raus gelassen. …

Einer Frau ist es in dieser Gesellschaft nicht erlaubt ihre gesunde Wut geradeheraus auszudrücken. … Eine Frau hat es gelernt ihren Ärger zurückzuhalten: Er geziemt sich nicht, ist ästhetisch anstößig, und wütend zu sein verstößt gegen das süße und weiche weibliche Bild. Die Frau fürchtet ihre eigene Wut auch … Was, wenn sie falsch liegt? Was, wenn die andere Person Recht hat? – Oder noch schlimmer(und das ist die größte Angst), was wenn sie erwidert „Du bist verrückt, ich weiß gar nicht worüber du dich aufregst.“

Warum können Frauen sich selbst nicht zugestehen ihre gesammelte Wut zu zeigen? … Gesunde Wut sagt: „Ich bin ein Mensch. Ich habe menschliche Rechte, die du mir nicht verwehren kannst. Ich habe ein Recht darauf fair und mit Mitgefühl behandelt zu werden. … Ich habe ein Recht darauf selbst voranzukommen, wenn ich niemand anderem damit schade. Und wenn du mir diese Rechte nicht zugestehst, dann werde ich es dir nicht danken, sondern ich werde „Fick dich“ sagen und dich bekämpfen, wenn es sein muss.“ Die Wut eines Menschen stellt ihn in den Mittelpunkt. Sie fordert Aufmerksamkeit ein und das Recht ernst genommen zu werden, sonst … (Sonst rede ich nicht mehr mit dir, arbeite ich nicht mehr mit dir zusammen oder bin nicht mehr freundlich zu dir, sonst ist unsere Verbindung ein für alle Mal gebrochen.)

Wut auszudrücken bedeutet Risiko. Risiko, dass die andere Person selbst wütend wird, dass die andere Person es missverstehen wird oder es ablehnt sich damit auseinanderzusetzen, oder dass die Wut deplatziert ist oder auf falschen Informationen beruht. Deshalb bedarf es Stärke zu sagen, dass man wütend ist – den Mut zu deiner Überzeugung zu stehen und die Fähigkeit zu akzeptieren, dass dein Ärger unerwünscht sein könnte.

Wut ist selbstbewusst und drückt die Absicht aus zu kämpfen, auch wenn dadurch der Status Quo gefährdet wird. Man muss fähig sein ein Risiko einzugehen, und wenn notwendig, eine Niederlage zu akzeptieren, ohne komplett zu kapitulieren. Wut ist darüber hinaus bestimmt. Die traditionelle Frau entspricht genau dem Gegenteil dieser Beschreibung. Sie hat kein Selbstvertrauen in sich und ihren Wahrnehmungen, sie geht Streit aus dem Weg oder folgt den Regeln der Ritterlichkeit und lässt jemand anderen für sie kämpfen. Ihr Selbstbild ist so wackelig, dass jegliche Kritik als Anklage an ihrer Person betrachtet wird. Sie ist eine lebendige und wandelnde Entschuldigung für ihre eigene Existenz.

Auch wenn die Realität sich inzwischen ein wenig geändert hat, werden sich die meisten Frauen irgendwo in dieser Beschreibung wiederfinden. Die Gesellschaft hält an diesem Modell als ihrem Ideal fest und nennt eine wütende Frau unweiblich. Wut nimmt die Frau aus ihrer Erde-Mutter-Rolle, einer Bastion des Friedens und der Ruhe, aus ihrer familiären Rolle als Friedensstifterin, aus ihrer politischen Rolle als Bewahrerin des Status Quo, aus ihrer ökonomischen Rolle als billige Arbeitskraft, aus ihrer sozialen Rolle als Mensch zweiter Klasse. Es nimmt sie komplett aus ihren Rollen und macht sie zu einer Person.

Es ist deshalb kein Zufall, dass die Emotion, die für die meisten Frauen mit dem ersten Schritt der Befreiung einhergeht, Wut ist. Wie viel Selbstwert auch immer du in 20-30 Jahren, in denen dein Verstand durcheinandergebracht wurde, entwickeln konntest, gibt dieser dir ein vages Gefühl dafür, dass deine Situation nicht so ist wie sie sein sollte und sorgt dafür, dass wir uns zaghaft nach möglichen Erklärungen umsehen. Erkenntnisse sind zunächst zögerlich, aber dann fangen sie an, dich unerbittlich wie ein Vorschlaghammer zu treffen, und treiben deine Wut mit jedem Hieb tiefer in dein Bewusstsein.

Deine Rage konzentriert sich auf die Gruppe jener Individuen, die dir den meisten Schaden zugefügt haben. Du bist wütend auf deine Eltern, die lieber einen Jungen gehabt hätten; auf deine Mutter (kombiniert mit Migefühl), weil sie sich selbst hat unterdrücken lassen und es versäumt hat dir ein anderes Vorbild für weibliches Verhalten vorzuleben; auf deinen Vater, der ein günstiges Ego-Polster erhalten hat, auf Kosten von dir und deiner Mutter.

Du bist wütend auf die, die dich auf deine schäbige Rolle vorbereitet haben. Auf die Lehrer, die weniger von dir erwartet haben, weil du ein Mädchen warst. Auf die Ärzte, die dir gesagt haben, dass Empfängnisverhütung Frauensache ist und dir eine Wahl zwischen gefährlichen und ineffektiven Instrumenten gelassen haben, dir dann eine Abtreibung versagt haben, als sie versagten. Auf den Psychologen, der dich frigide genannt hat, weil du keine vaginalen Orgasmen hast und der dich neurotisch genannt hat, weil du mehr willst als die unbezahlte und ungewünschte Rolle eines Dienstmädchens, Krankenpflegerin oder ähnliches…  Auf Arbeitgeber, die dir weniger bezahlt haben und dich in miserablen Jobs gehalten haben. Auf die Botschaft der Medien, die du vorher nie verstanden hast: „Baby, du hast es weit gebracht“ – in eine Sackgasse, eine Straße, die wie für dich vorgezeichnet haben.

Wütend, vor allem, auf Männer. Für den Verkäufer, der dich immer „Schatz“ genannt hat, hast du jetzt ein barsches, knappes: „Nenn mich nicht Schatz“. Für die Männer auf der Straße, die ihre täglichen Erniedrigungen an deinem Körper begehen, hast du ein „Fick dich“, oder, wenn du mutig bist, ein Knie zwischen die Beine. Deine männlichen Freunde (die immer weniger werden), die „total für die Frauenbefreiung“ sind, belegst du mit einem zynischen Blick … .Und für deinen Mann (sollte der noch da sein), hast du eine Menge feindseliger und wütender Fragen. Unterscheidet er sich von anderen Männern? Wenn ja, wie? …

Dies ist eine sehr unbequeme Zeit, die es zu überstehen gilt. Du bist grob mit deiner Wut, die ein Eigenleben zu haben scheint. Deine FreundInnen, von denen die meisten nicht mit dir übereinstimmen, finden dich schrill und schwierig. Und aus Angst sie könnten Recht haben, dass du einfach verrückt bist, verstärkt sich das noch. Du ermüdest dich selbst mit dieser Wut – es ist verdammt anstrengend immer wütend zu sein – die dich nicht mal in Ruhe einen Film gucken oder ein Gespräch führen lässt.

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Carol J. Adams: Bitch, Chick, Kuh: Die Rechte von Frauen und (anderen) Tieren

Carol J. Adams [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

(Teil)Übersetzung eines Beitrags von Carol J. Adams mit dem Titel „Bitch, Chick, Cow: Women’s and (Other) Animals‘ Rights“, im Sammelband „Sisterhood is Forever“, The Women’s Anthology for a New Millennium. Washington Square Press 2003, herausgegeben von Robin Morgan.

Feministinnen sehen nicht andere Dinge als andere Menschen; Feministinnen sehen die gleichen Dinge anders. Eine Sache, die Feministinnen anders sehen, sind Tiere. Was wir anders sehen ist … die Abwesenheit des Tieres. Wir sehen das Tier, dessen Existenz zu einem Essen, einem Mantel oder einem Paar Schuhe geführt hat. Wir sehen auch, dass das was abwesend ist … mit ethischen, praktischen und ökonomischen Imperativen aufgeladen ist: „Unsere Gesellschaft tötet ungestraft Tiere; Was ist unsere Verantwortung?“ Und wir Tierrechts-Feministinnen, wir Tierbefreiungs-Ökofeministinnen, wir veganen Feministinnen (ich weiß es gar nicht, wie wir uns nennen sollen?) antworten: „Unsere Verantwortung liegt darin, damit aufzuhören, Tiere zu benutzen und zu misshandeln“. Unser Bewusstsein hat uns hierher geführt.

Sandra Bartky … hat festgestellt, dass „Feministisches Bewusstsein … einen „Fakt“ in einen „Widerspruch“ verwandelt.“ Fakt: Menschen (auch Feministinnen) benutzen Tiere für Essen, Sport, Kleidung und andere Verbrauchsgüter. Widerspruch:  diese Ausbeutung von Tieren wird fortgesetzt, obwohl Tiere einzigartige, individuelle Wesen sind, die soziale Beziehungen genießen und eine große Bandbreite von Fähigkeiten haben, inklusive der, Schmerz zu empfinden.

Wie können Menschen, insbesondere Feministinnen, Tiere benutzen?  Aufgrund von individueller mentaler Abspaltung, und aufgrund von gesellschaftlicher Abspaltung – die es erlaubt, dass der Widerspruch der einen Person, der Fakt einer anderen Person bleibt. Es ist sowohl eine Last und ein Geschenk lebensverändernden Bewusstseins, zu versuchen Bedingungen für andere zu schaffen und diese Erfahrung der Entflechtung eines Faktes in einen Widerspruch zu machen. …

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Andrea Dworkin: Rechter und linker Frauenhass

Andrea Dworkin

By Open Media Ltd. (Uploaded by Open Media Ltd. (AnOpenMedium)) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Auszüge aus einer Rede, gehalten am 8. April 1987 an der New York University Law School, veröffentlicht im Sammelband “The Sexual Liberals and The Attack on Feminism“, herausgegeben von Dorchen Leidholdt und Janice G. Raymond im Jahr 1990. Vollständiger Text „Woman-Hating Right and Left, Andrea Dworkin“ (auf englisch) auf radfem.org.

Es ist lange her, dass wir zusammengekommen sind, um zu sagen, was wir meinen, was Feminismus ist und warum der Kampf für die Freiheit der Frau so bedeutsam für uns ist, dass wir ihm unser ganzes Leben widmen: nicht drei Stunden am Samstagnachmittag; nicht ein gelegentlicher Brief hier und da; nicht ein empörtes „Oh mein Gott, das meinst du nicht wirklich!“. Wir denken tatsächlich nicht, dass unsere Leben trivial sind. Stellt euch das vor. Und wir denken nicht, dass die Verbrechen, die an uns begangen werden, unbedeutend und klein sind. Das bedeutet, dass wir einen phänomenalen Fortschritt darin gemacht haben zu verstehen, dass wir menschliche Wesen sind, die Rechte haben; dass niemand uns diese Rechte nehmen darf; dass wir geschädigt werden durch eine systematischen Unterordnung von Frauen und dadurch, dass wir systematisch sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Wir haben uns politisch organisiert um zurückzuschlagen und die Gesellschaft, in der wir leben, von Grund auf zu verändern.

Ich denke, als Feministinnen schauen wir auf eine Art und Weise auf Probleme, die andere Menschen nicht zu verstehen scheinen. Um Namen zu nennen, die Rechten und die Linken scheinen nicht zu verstehen, was wir Feministinnen zu tun versuchen. Wir versuchen eine Geschlechterhierarchie zu zerstören, eine Rassenhierarchie (race hierarchy), eine ökonomische Hierarchie, in der Frauen geschädigt werden, entmachtet sind und in der die Gesellschaft eine Brutalität an uns zelebriert und uns die körperliche Integrität und unsere Würde verweigert.

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„Modetrends, die Männer hassen“

 

Der Sommer kommt! Ihr freut euch! Aber VORSICHT! Vorsicht und Alarm!

Der Sommer ist nicht so nett, wie ihr immer gedacht habt. Der Sommer ist eine böse Falle! Gott sei Dank ploppen in den Facebooktimelines momentan wieder massenweise gesponsorte Beiträge auf wie „Diese Beautytrends hassen Männer“, „Auf welche Looks du verzichten solltest“, „Mit diesen Stylingtrends kommst du bei Männern nicht an“. Dieses Phänomen begegnet uns alle Jahre wieder, und wir sollten dankbar dafür sein, dass es Menschen gibt, die sich wirklich, ich meine WIRKLICH Gedanken um uns Frauen machen. Denn jetzt mal ehrlich, nichts  wäre schlimmer für eine Frau, als etwas zu tragen, was Männer nicht MÖGEN. Die reine Katastrophe. Stellt euch das mal vor, ihr zieht früh eure neue supertolle High-waisted-Jeans an, ihr tragt sie den ganzen Tag, ihr fühlt euch super, und abends dann lest ihr in irgendeiner Frauenzeitschrift, dass Männer High-waisted-Jeans an Frauen HASSEN. Und ihr seid also den ganzen Tag rumgerannt und habt keine Wichsvorlage für die Herren der Schöpfung abgegeben. Ihr habt euer Verhalten, euer Make-up, eure Frisur, eure Klamotten, euer VERHALTEN nicht darauf ausgerichtet, Männern zu gefallen. Wie schrecklich! Eure Welt stürzt ein. Habt ihr überhaupt noch eine Lebensberechtigung?

Aber es gibt Abhilfe! All die Frauenzeitschriften, die euch beibringen möchten, wie ihr RICHTIG Frau seid, wie ihr die RICHTIGEN Blowjobs gebt, wie ihr RICHTIG reagiert, wenn euer Wertester Pornos schaut (nicht zicken! Cool bleiben! Mitschauen! Nachmachen! Da steht er total drauf!), mit welchem Lipgloss ihr ihn dazu bringt endlich lieb zu euch zu sein, eilen um euch zu helfen: damit ihr nicht aus Versehen sowas tragt wie Ankle Boots, Dutts, Blümchenmuster, Bubikragen, Pullover in oversize oder Jumpsuits (ja! Männer hassen sie! Das wusstet ihr noch nicht, was? Das gibt ne 6 für eure lahme Recherche!).

 

Jetzt dachte ich mir, dass das eigentlich eine gute Sache ist. Regeln für das andere Geschlecht aufstellen, das gefällt mir. Das ist der Verständigung unter den Geschlechtern zuträglich und verbessert das Miteinander. Und im Sinne der Gleichberechtigung dürfen Frauen ja auch mal was fordern, gell? Es ist ja nicht so, dass hier völlig einseitig massiv überzogene, übergriffige Anforderungen an Frauen gestellt werden dürfen. (Ist euch das bisher so vorgekommen? Macht euch keine Gedanken darum. Geht euch lieber abschminken. Männer hassen dunkelrote Lippenstifte!)

 

Deswegen jetzt hier meine top 7 der Trends, die Frauen an Männern hassen:

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Femizid und das ohrenbetäubende Schweigen der Gesellschaft – Ein Wake-Up-Call

Frau, die sich wehrt

European Parliament (CC BY-NC-ND 2.0)

„Ni Una Menos“ (Nicht eine Weniger) heißt eine Kampagne in Argentinien, die seit mehreren Jahren Gewaltverbrechen gegen Frauen zum Thema macht. Eine ähnliche Bewegung gibt es in Peru. Deutsche Medien von N-TV, über TAZ und Junge Welt berichteten in der Vergangenheit darüber.

So rechnete die TAZ uns am 4. Juni 2016 vor:

Daran, dass in Argentinien rechnerisch alle 32 Stunden eine Frau umgebracht wird, hat sich auch ein Jahr danach wenig geändert. In den letzten zwölf Monaten wurden 275 Mädchen und Frauen ermordet, davon 162 von ihrem Ehemann, Freund, Partner mit oder ohne der Vorsilbe „Ex“

Die Junge Welt schrieb am 15.08.2016:

Mehrere hunderttausend Menschen sind am Samstag in Lima auf die Straße gegangen, um gegen die hohe Zahl von Morden an Frauen zu protestieren. Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 2016 wurden nach Angaben des peruanischen Frauenministeriums 54 Morde und 188 Mordversuche an Frauen registriert.

Männliche Gewalt ist weltweit hauptverantwortlich für den vorzeitigen Tod von Frauen. Fast täglich können wir auch in Deutschland lesen von männlicher Gewalt gegen Frauen, die tödlich oder fast tödlich endet. Einer gesellschaftlichen Anerkennung dieser schlichten Fakten gibt es jedoch nicht. Eingeordnet werden diese Fälle hierzulande von den Medien als „Beziehungs-„ oder „Familiendrama“ – oder seit neuestem auch gerne, wenn der Täter sich ebenfalls umbringt – als „erweiterter Selbstmord“. Die Tatsache, dass meist nur Lokalmedien berichten (wenn überhaupt) und die Einordnung der Taten in den privaten Kontext gibt der Gesellschaft die Entschuldigung wegzusehen. Strukturelle Analysen finden nicht statt, auch linke Medien berichten wie gezeigt gerne mal über Anti-Femicido-Initiativen im Ausland – Empörung über die alltägliche Gewalt vor unserer Haustür gibt es jedoch nicht, sondern – wie auch im Fall der Prostitution – nur ohrenbetäubendes Schweigen.

Dies gilt im Übrigen auch für linken Gruppierungen, die sich sonst (und das ist gut so!!!) überschlagen Initiativen und Gruppen zu gründen zur Bekämpfung jeglicher Formen der Diskriminierung von und Gewalt gegen Menschengruppen. Die Behauptung – eben auch von links – wir seien als Frauen doch weitgehend gleichberechtigt, lässt uns Worte wie „Femizid“ nur schwer über die Lippen bringen. Aber verleugnen können wir die Relevanz des Geschlechts für Hassverbrechen angesichts der Realität doch auch nicht.  Deshalb ist das hier ist ein Wake-Up-Call!

Nachfolgend das Ergebnis einer Schnell-Recherche, die Auflistung beansprucht keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, ist sie defintiv nicht! Die oben genannten Zahlen von Argentinien und Peru toppen wir jedenfalls allemal, interessiert hier im vermeintlich geschlechtergleichberechtigten Wunderland Deutschland nur niemanden kaum jemanden, sind halt nur Frauen. Monat April: 30 Tage, 30 Fällle. Voilá!

Zwischen dem 31. März und 8. April 2017: Der 17 Jahre alte John B. tötet und zerstückelt seine 58 Jahre alte, körperbehinderte Mutter Ilona F. Nachbarn berichten, dass er seine Mutter häufig bedroht und geschlagen haben soll. (Quelle)

2. April 2017, Seelze: Der 41 Jahre alte Christian I. erwürgt seine Freundin, die 29 Jahre alte Jana W. (Quelle)

3. April 2017, Heusenstamm: Ein 55 Jahre alter Mann erschlägt im Streit seine 53 Jahre alte Ehefrau mit einem Werkzeug, durch einen Schlag auf den Kopf. Hintergrund: Trennung (Quelle)

4. April 2017, Leipzig: Ein 34 Jahre alter Mann verletzt seine 28 Jahre alte Ehefrau im Streit schwer. Die Polizei ermittelt wegen eines versuchten Tötungsdeliktes. Die Frau schwebte zeitweise in Lebensgefahr. (Quelle)

5. April 2017, Düsseldorf: Der 30 Jahre alte Maninder S. verletzt seine 24 Jahre alte Ex-Lebensgefährtin schwer. Er flüchtet, als eine Zeugin zur Hilfe eilt. Die Polizei wertet die Tat als versuchtes Tötungsdelikt. Das Opfer schwebte zeitweise in Lebensgefahr. Mutmaßliches Motiv: Der Täter wollte die Trennung nicht akzeptieren. (Quelle)

6. April 2017, Altenburg. Ein 54 Jahre alter Mann tritt massiv auf seine 57 Jahre alte Nachbarin ein und verletzt sie lebensgefährlich. Sie stirbt nach einem Sturz aus dem Fenster. (Quelle)

6. April 2017, Darmstadt: Ein 49 Jahre alter Mann tötet seine 56 Jahre alte Ehefrau. (Quelle)

7. April 2017, München: Ein 32 Jahre alter Mann versucht seine 63 Jahre alte Mutter zu erwürgen. Das Eingreifen eines Nachbarn rettet ihr das Leben, indem er von Balkon zu Balkon klettert und dazwischen geht. Bei dem Täter war bereits in der Vergangenheit eine psychische Erkrankung festgestellt worden, weshalb er wegen versuchten Mordes in einer psychiatrischen Klinik untergebracht wurde. (Quelle)

7. April 2017, Staßfurt: Ein 58 Jahre alter Mann ersticht seine 50 Jahre alte Ehefrau und verletzt den 26 Jahre alten Sohn, der mit lebensbedrohlichen Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert wird. Die Zeitungen berichten von einem „Familiendrama“ (Quelle)

9. April 2017, Kreis Aschaffenburg: Ein 31 Jahre alter Mann ersticht seine 26 Jahre alte Ex-Freundin mit mehreren Messerstichen in den Hals und stürzt sich selbst von der Brücke Dem Täter war aufgrund von häuslicher Gewalt bereits am 17.03.17 ein 14-tägiges Kontaktverbot erteilt worden. Am 6. April musste die Polizei erneut einschreiten. Ein am 7. April beantragtes neuerliches Kontaktverbot wurde mit Beschluss des Amtsgerichts Aschaffenburg vom 7.4.2017 mangels Antragsvoraussetzungen abgewiesen. (Quelle)

12. April 2017, Mömlingen: Ein 47 Jahre alter Mann zerrt im Verlaufe eines Streits seine 43 Jahre alte Ehefrau aus dem Auto und misshandelt sie mit brutaler Gewalt. Der anwesende, 22 Jahre alte, Sohn bringt seine schwer verletzte Mutter in die Wohnung und verständigt den Rettungsdienst. Die Polizei ermittelt wegen versuchter Tötung. (Quelle)

15. April 2017, Cottbus: Eine Gruppe von Männern um die 20 überfährt die 22 Jahre alte ägyptische Gaststudentin Shaden M. Motiv: Rassismus (Quelle)

15. April 2017, Hannover: Ein 25 Jahre alter Mann verletzt die 27 Jahre alte Melissa S. schwer. Sie erliegt am 16. April ihren Verletzungen. (Quelle)

16. April 2017, Mainz: Ein 39 Jahre alter Mann ersticht seine 32 Jahre alte Ehefrau (Quelle)

17. April 2017, Düsseldorf: Ein 39 Jahre alter Mann stößt seine 24 Jahre alte Lebensgefährtin aus dem Fenster. Diese stürzt Meter in die Tiefe. Sie schwebte zwischenzeitlich in Lebensgefahr. Die Polizei ermittelt wegen eines versuchten Tötungsdeliktes. (Quelle)

19. April 2017, Wersten: Ein 67 Jahre alter Mann verletzt seine 10 Jahre jüngere ehemalige Lebensgefährtin auf dem Gelände einer Sportanlage. Er lässt erst von ihr ab, als ein Passant auf das Geschehen aufmerksam wird. Die Polizei wertet die Tat als versuchten Mord in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. (Quelle)

19. April 2017, Unterensingen: Ein 45 Jahre alter Mann tötet seine Tochter und seinen Sohn (8 und 4 Jahre alt) und dann sich selbst. Motiv: Eifersucht. Die Ehefrau ist schuld. Auf Facebook schreibt er: „Sie hat mir alles genommen. Unsere Familie. Unsere Liebe. Unsere Zukunft.“ Und: „Die Vorstellung, dass ich unsere Kinder nicht mehr jeden Tag sehe, dass ein anderer Mann sie anfasst, sie ins Bett bringt, sie in den Schlaf streichelt, bringt mich um den Verstand.“ Die Presse titelt „Familiendrama“ (Quelle)

21. April 2017, Dresden: Der 29 Jahre alte Shahjahan B. ermordet seine Freundin, die 41 Jahre alte Thu T. mit einem „scharfen Gegenstand“ (Quelle)

21. April 2017, Hamburg: Ein 53 Jahre alter Mann verletzt seine 44 Jahre alte Lebensgefährtin schwer. Das Opfer musste mit schweren Kopfverletzungen notoperiert werden und schwebt in Lebensgefahr  (Quelle)

23. April 2017, Syke: Ein 32 Jahre alter Mann erwürgt seine gleichaltrige Lebensgefährtin. Die Presse berichtet von einem „Familiendrama“. (Quelle)

24. April 2017, Berlin: Eine 45 Jahre alte Frau wird tot in ihrer Wohnung gefunden. Die Polizei geht von einem Gewaltverbrechen aus. Die Hintergründe sind noch unklar. (Quelle)

24. April 2017, Sasbach: Ein 50 Jahre alter Mann ersticht seine 43 Jahre alte Ex-Lebensgefährtin im Zuge eines Streits im Treppenhaus. (Quelle)

24. April 2017, Mönchengladbach: Ein Mann schießt auf offener Straße mehrfach auf seine Ex-Partnerin. Die Polizei ermittelt wegen Mordversuchs. Die Medien berichten von einem „Beziehungsdrama“. (Quelle)

24. April 2017, Bad Driburg: Ein 33 Jahre alter Mann ersticht nach einem Ehestreit, in Zuge dessen die 28 Jahre alte Ehefrau fast nackt fliehen muss, seine Tochter (5) und seinen Sohn (8), verletzt die Ehefrau und eine weitere Tochter (3) schwer, und tötet sich dann selbst. Die Medien berichten von einem „Familiendrama“ und „erweiterten Selbstmord“.(Quelle)

26. April 2017, Berlin: Mord an der 45 Jahre alten Janine N. Die Ermittlungen dauern an (Quelle)

28. April 2017, Dülmen: Ein 29 Jahre alter Mann sticht zunächst auf seine 51 Jahre alte Mutter, dann auf seine 31 Jahre alte Schwester ein, als diese zur Hilfe eilt. Die Mutter wird schwer verletzt und schwebt zeitweise in Lebensgefahr. Die Polizei ermittelt wegen versuchten Totschlags. Die Presse berichtet von einem „Familiendrama“. (Quelle)

30. April 2017, Prien: Ein 29 Jahre alter Mann ersticht eine 38 Jahre alte Frau vor den Augen ihrer Kinder vor einem Supermarkt. Der Täter wurde in eine geschlossene Psychiatrie eingewiesen. (Quelle)

30. April 2017, Nürnberg: Ein 31 Jahre alter Mann ersticht seine 61 Jahre alte Mutter. Der Vater (64) liegt schwer verletzt auf Intensivstation. Die Presse spricht von einem „Familiendrama“ (Quelle)

30. April 2017, Ilfeld: Ein 51 Jahre alter Mann tötet seine 48 Jahre alte Freundin nach einem Streit. (Quelle)