Kategorie: Patriarchatskritik

Nationalismus, Trauma und Patriarchat

Bundesarchiv, Idealbild der deutschen Mutter aus: SS-Leitheft, Februar 1943, CC-BY-SA 3.0

Ein Gastbeitrag von Antje Holtzmann

Wir alle haben ein Bild vor Augen, wenn wir an Neonazis denken: Springerstiefel, Glatze, Thor Steinar oder Consdaple Kleidung, grölend mit einer Flasche Bier in der Hand. Wenn wir an Neonazis denken, denken wir in der Regel an einen weißen cis-Mann. Aber was ist mit den Frauen der Bewegung? Wie dürfen wir uns die Rolle der Frau der rechten Szene vorstellen und was sind Beweggründe, sich als Frau einer absolut misogynen Bewegung anzuschließen? Oder wie kommt es, dass Menschen dem Nationalismus verfallen, die gar nicht dumm genug sind, den haltlosen Argumenten dieser Ideologie glauben zu schenken?

Nach drei Jahren in der rechten Szene kann ich von meinen persönlichen Erfahrungen erzählen und glaube auch, eine neue Perspektive auf das Thema eröffnen zu können.Um Zusammenhänge besser aufzeigen zu können, muss ich erst einmal ein bisschen autobiographisch werden. Ich komme aus einer bayrischen Großstadt, wuchs ohne Vater bei einer psychisch kranken Mutter auf und kam dann zu Pflegeeltern. Die Zeit bei meiner Mutter war ich mit ihren Traumata konfrontiert und wurde auch selbst von Bekannten der Familie sexuell missbraucht. Ab meiner Pubertät erlebte ich immer wieder sexuelle Gewalt und begann dann mit 14 mit der Prostitution. Frauenhass war für mich sowohl Realität, als auch Normalität. Auch meine Mutter negierte jegliche Weiblichkeit. Sie schnitt mir seit meinem zweiten Lebensjahr die Haare kurz und wandelte meinen Vornamen in die männliche Variante um. Sie selbst gab sich auch Mühe, möglichst maskulin auszusehen.

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Ich bin eine Frau – nicht nur am Frauentag

Ich bin eine Frau. Dieser Satz ist ebenso simpel wie allumfassend. Er bestimmt mein ganzes Leben und auch das meines Umfeldes. Ich werde als Frau wahrgenommen, als Frau behandelt, wurde als Frau geboren, werde als Frau sterben.

Die Hälfte der Weltbevölkerung besteht aus Frauen. Trotzdem ist vielen nicht bewusst, was das eigentlich bedeutet: eine Frau zu sein. Mein Umfeld meldet mir häufig zurück, ich solle mich nicht so sehr darauf versteifen, denn ich wäre ja noch viel mehr als eine Frau. Bin ich das?

Natürlich, es gibt vieles, was mich ausmacht. Ich bin Erziehungswissenschaftlerin, Studentin, Läuferin, Hundebesitzerin. Ich bin lesbisch. Ich bin manchmal wild entschlossen, manchmal sprachlos, mal laut, mal leise. Ich bin hitzköpfig, denke über alles endlos nach, bin zielstrebig und ehrgeizig. Und all das bin ich: als Frau.

Erst seit ein paar Jahren ist mir bewusst, was das in seiner Gänze bedeutet. Als ich ein Mädchen war, wusste ich natürlich, dass ich irgendwann mal eine Frau werden würde. Ich hörte einmal, wie sich meine Mutter mit einer Freundin darüber austauschte, ob ihre Töchter denn schon ihre Tage hätten. Das wäre ja ein wichtiger Schritt, damit würde sich nun vieles ändern. Wenn du deine Tage hast, bist du deinem Schritt zur Frau ein gutes Stück näher gekommen. Du wirst bald mit Männern Sex haben, du kannst nun schwanger werden. Das ist es, was dich als Frau ausmacht.

Etwa im gleichen Alter gab es in der Schule unter uns Mädchen nur ein Thema: unsere Zukunft. Den wenigsten ging es dabei darum, die eigenen Stärken auszubauen und zu verwirklichen. Nein, Zukunft bedeutete, sich auszumalen, wie der künftige Ehemann aussehen sollte, wie viele Kinder man mit ihm zeugen würde und wie das Einfamilienhaus auszusehen hätte.

Kurze Zeit später wurde mir auch physisch bewusst, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Meine Brüste waren nun deutlich wahrnehmbar, und auch ich nahm mich anders wahr. Mir wurde mit voller Wucht bewusst, dass dieser Körper nicht mir gehörte. Er war ein Buffet: Männer bedienten sich an verschiedenen Stellen, wie es ihnen gerade genehm war. Und ich sollte mich daran erfreuen. Denn ich war ja eine Außenseiterin, aber plötzlich hatte ich große Brüste und damit doch eine Chance auf Aufstieg.

Die Schule hatte großen Anteil daran, dieses Gerüst aufrechtzuerhalten. Es war so selbstverständlich, dass es immer nur um Männer ging, dass es niemandem von uns auffiel. Dass es immer wieder Frauenbewegungen gab, dass wichtige Philosophinnen, Ärztinnen und Naturwissenschaftlerinnen Geschichte geschrieben haben, das lernte ich erst im Studium.

Dass sich Männer, und zwar ganz besonders Männer in Machtpositionen, alles erlauben dürfen, das lernte ich hingegen schon in der Schule. Ich erinnere mich noch gut an einen Lehrer, der Schülerinnen regelmäßig zu nah kam. Wenn wir Gruppenarbeit machten oder eine Frage stellten, kniete er sich vor unsere Tische, so dass sein Gesicht nur wenige Zentimeter von unserem entfernt war. Als dies auf einem Elternabend thematisiert wurde, grinste besagter Lehrer breit und süffisant und belehrte unsere Mütter, so wäre das eben in dem Alter, wir würden uns das eben alle wünschen und uns deshalb einbilden, es würde passieren. Die Allmachtsfantasien eines Junglehrers: eine ganze Klasse 14-jähriger Mädchen fährt voll auf ihn ab.

Es passierte natürlich nichts weiter und die Botschaft an uns lautete: So ist er eben. Müssen wir mit umgehen. Pech gehabt.

Eine Botschaft, die sich durch mein Leben als Frau zieht. Ich habe Pech gehabt. Ich gehöre zu der Hälfte der Weltbevölkerung, die keine Rechte hat. Dieser Gedanke, wenn man ihn einmal wirklich zulässt, ist ein vernichtender. Mich hat er in eine tiefe Krise gestürzt. Ich verstehe, warum ihn so viele Frauen nicht zulassen und zu Ende denken möchten. Aber nur das kann uns letztendlich befreien. Wir müssen konsequent zu Ende denken. Wir müssen uns mit unserer Geschichte als Frauen beschäftigen. Wir müssen verstehen, und zwar wirklich verstehen, bis in die letzte Zelle unseres Körpers, was es bedeutet, im Patriarchat eine Frau zu sein.

Morgen ist Frauentag und ich habe lange überlegt, auf eine Demo in meiner Stadt zu gehen. Letztlich habe ich mich dagegen entschieden. Im Veranstaltungstext heißt es, man gehe auf die Straße, um sich gegen alle möglichen Diskriminierungsformen zu positionieren. Wir stellen die Hälfte der Weltbevölkerung, aber nicht einmal an einem einzigen Tag im Jahr dürfen wir einfach nur für uns auf die Straße gehen? Niemand käme auf die Idee, bei einer Demo gegen die Macht von Großbanken darauf zu bestehen, gleichzeitig auch für die Rechte von nicht-binären Personen zu demonstrieren. Selbstverständlich ist die Demo außerdem offen für alle, die sich solidarisch zeigen möchten. Macht ja aber ohnehin keinen Unterschied mehr, wenn ohnehin alle eingeschlossen sind, die sich als Frauen identifizieren.

Meine feministische Vision ist eine andere. Ich möchte nicht am Frauentag gemeinsam mit Männern auf die Straße gehen in der Hoffnung, dass wir ja in naher Zukunft ganz gleichberechtigt nebeneinander leben könnten. Es wird nicht passieren, denn Männer haben nicht das geringste Interesse daran. Sie alle profitieren vom Patriarchat. Frauen sind die einzige unterdrückte Gruppe, die mit der Überzeugung aufwächst, dass ihr Unterdrücker zum wichtigsten Menschen ihres Lebens werden muss. Dass sie Kinder mit ihrem Unterdrücker haben, ihn lieben und als ihren Retter ansehen soll.

Solange wir mit Männern zusammen leben, sie uns wichtiger sind und wir uns solidarischer mit ihnen zeigen als mit anderen Frauen, ja, als mit uns selbst, solange wird sich außer ein paar Schönheitsoperationen am Patriarchat nichts ändern. Das haben mich die feministischen Klassiker, unsere Vordenkerinnen, gelehrt. Das System Patriarchat kann nur dann nicht mehr funktionieren, wenn Frauen nicht mehr mitmachen. Wenn Frauen eigene Kulturen bilden, nicht mehr mit ihrem Unterdrücker zusammen leben, sondern sich gegenseitig ihr Leben und Wirken widmen. Das ist eine unpopuläre Position, selbst in feministischen Kreisen, und ich rechne auch dieses Mal wieder mit viel Kritik dafür. Denn diese Position bedeutet, alles neu denken zu müssen, auch bestimmte Dinge aufgeben zu müssen. Aber sich einem System zu verweigern, das unser ganzes Leben bestimmt, erfordert nun einmal drastische Maßnahmen.

Ich werde es mir morgen bei mir zu Hause gemütlich machen. Mit meiner Hündin, auf meinem Sofa, mit Büchern von Mary Daly, Audre Lorde und Sheila Jeffreys. Für meinen persönlichen Frauentag.

Andrea Dworkin: Es braucht ein Dorf…

Andrea Dworkin

By Open Media Ltd. (Uploaded by Open Media Ltd. (AnOpenMedium)) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Nachfolgend ein Ausschnitt aus “Heartbreak:The Political Memoir of a Feminist Militant” von Andrea Dworkin (2002)

Es passiert so oft, dass man, zumindest ich, nicht Schritt halten kann. Einer Frau wird nur dann geglaubt, wenn auch andere Frauen vortreten und sagen, dass der Mann oder die Männer, sie auch vergewaltigt hat / haben. Die Sonderbarkeit sollte offensichtlich sein: wenn ich ausgeraubt werde und mein Nachbar nicht, dann wurde ich trotzdem ausgeraubt – es gibt keine gesetzliche oder soziale Vereinbarung, dass auch meine NachbarInnen ausgeraubt werden müssen, damit mir, dem Opfer eines Raubes, geglaubt wird.

[…]

Es braucht ein ganzes Dorf von Frauen um einen Vergewaltiger festzunageln. Manche Vergewaltiger haben Hunderte von Kindern belästigt oder ihnen sexuelle Gewalt angetan, bevor sie erstmals gefasst werden. Vergewaltiger von Frauen sind intellektuell oder unterbemittelt, weiße oder schwarze Unterschicht, geschickt und brutal, schlau und dumm; manche haben viel erreicht im Leben; manche sind reich; manche sind berühmt. Weil immer die Frau vor Gericht steht – diesmal, damit ihre Glaubwürdigkeit evaluiert werden kann – braucht es immer mehr als eine, um die Verhaltensmuster des Täters zu bezeugen.

[…]

Das Glaubwürdigkeitsthema ist geschlechtsspezifisch: Es ist faszinierend, dass es bei all diesen Vergewaltigungen nur so wenige Vergewaltiger gibt. […] Ein Rat an junge Frauen: versucht nicht die Erste zu sein, denn dann gibt es keine anderen, die eure Geschichte bestätigen können. Ihr könnt euch Glaubwürdigkeit nicht verdienen; ihr könnt sie nicht kaufen; ihr könnt sie nicht faken; und ihr seid Närrinen, wenn ihr denkt, ihr hättet sie.

Schwestern, warum nur sind wir so zahm geworden?

Patriarchat bekämpfen (Demobild)

(c) Maria Schmidt

Maria Schmidt aus Berlin empfiehlt die radikalfeministischen Bücher von Christa Mulack

„Natürlich sind Frauen nicht die besseren Menschen, Gott bewahre!“: Das ist landläufige Meinung, auch z.B. bei Emma. Ein altbekannter (Angst?)reflex von Frauen, auch frauenliebenden, Herrschaft, Macht und Taten von Männern, die Tag für Tag die gesamte Welt mit ihren Grausamkeiten und ihrer ungeheuerlichen Zerstörungswut in Atem halten, nicht als das Grundübel (an)zuerkennen.

„Frauen sind auch nicht besser“: Ich kann’s nicht mehr hören und ich glaub’s auch nicht. Jetzt endlich habe ich eine gedanken- und wortmächtige Schwester im Geiste gefunden und bin dabei, ihre Bücher zu verschlingen: Christa Mulack: 1.)„…und wieder fühle ich mich schuldig – Ursachen und Lösung eines weiblichen Problems“, 2.)„Natürlich weiblich – Die Heimatlosigkeit der Frau im Patriarchat“ und 3.) „Religion ist zu wichtig, um sie Männern zu überlassen“ sind die Titel dreier ihrer Bücher aus den 90er Jahren, die für mich wie eine Offenbarung sind. Ihre Bücher möchte ich allen ans Herz legen, die immer noch versuchen zu begreifen, warum die Welt für eine deutliche Verbesserung und Rettung vor ihrer eigenen Zerstörung offensichtlich unzugänglich ist. Für die, die Christa Mulacks bahnbrechenden und überaus wichtigen Thesen noch nicht kennen, zitiere ich aus Buch 3:

Das wesentlich höhere Niveau, auf dem Frauen sich überwiegend bewegen, die moralische Überlegenheit ihrer Verhaltensmuster werden in ihrem leben- und kulturschaffenden und -erhaltenden Wert kaum wahrgenommen und schon gar nicht gesellschaftlich honoriert. (S.13)

Statt sich mit dem eigenen Geschlecht zu verbünden, stellen Frauen an Frauen weitaus höhere ethische Anforderungen als an den Mann. (S.14)

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Buch: Pornographie. Männer beherrschen Frauen (Andrea Dworkin)

„Pornographie“ wurde 1979 von der radikalfeministischen Vordenkerin und Soziologin Andrea Dworkin geschrieben und erschien 1987 in deutscher Sprache im Fischer Taschenbuch Verlag in der Reihe „Die Frau in der Gesellschaft“. Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich halte dieses Buch für eines der klügsten, scharfsinnigsten und wichtigsten Bücher, die ich jemals gelesen habe. 38, bzw. 30 Jahre später müssen wir feststellen, dass unsere Gesellschaft heute eine andere sein könnte, hätte man Andrea seinerzeit zugehört und die notwendigen Konsequenzen aus den erkannten Fehlentwicklungen gezogen.

In ihrem Vorwort zur deutsche Ausgabe beschreibt Alice Schwarzer die neue Entwicklung wie folgt:

„Wie schon andere Feministinnen vor ihr, entlarvt auch Dworkin (die Feministin mit der linken Vergangenheit) die Rolle der Linken […] als besonders zynisch: Sie benutzt und erniedrigt die Frauen auch noch im Namen der (sexuellen) Freiheit. Ihre konservativen Väter genossen sexuelle Dienstleistungen noch hinter bigott verschlossenen Türen. Ihre Söhne stehen öffentlich dazu: Nutten-Look und Zuhälter-Attitüde beherrschen die Szene, die Mutter-Hure feiert ihre Wiederauferstehung in den Kultfilmen der Intelligenzia […], die Bukowskis bleiben WG-Bestseller, Peep-Shows und Puffs sind „geil““ (S. 11f)

Erst durch Andrea Dworkin (seinerzeit die Lektüre der Rede „Women Hating Left and Right“) habe ich, als linke Feministin, die sich gegen die Sexindustrie engagiert, verstanden, dass der Gegenwind, der einem aus den eigenen politischen Zusammenhängen entgegenschlägt kein Zufall oder eine deutsche Besonderheit ist, sondern, dass sehr viele Feministinnen vor mir / vor uns die gleichen bitteren Enttäuschungen machen mussten.

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Patriarchale Verhältnisse benachteiligen Frauen systematisch am Arbeitsmarkt

Alfred T. Palmer [Public domain], via Wikimedia Commons

Dieser Artikel erschien zunächst bei der Huffington Post Deutschland

Wenn wir darüber sprechen, warum Frauen sich auch im 21. Jahrhundert noch überwiegend in einer prekären Situation wiederfinden, dann kommen wir nicht umhin uns mit dem Arbeitsbegriff auseinanderzusetzen, die historische Entwicklung zu betrachten und uns die Dynamiken im Feld der Ökonomie anzuschauen.

Frauenarbeit – Männerarbeit

Die Trennung der Arbeitswelt in einen öffentlichen Bereich (des Mannes) und den häuslichen Bereich (der Frau) wird traditionell als “natürlich” angesehen, ohne dabei zu berücksichtigen, dass sich diese Arbeitsteilung erst mit der patriachalen Ordnung entwickelt hat.

In ihr werden Frauen definiert über ihre reproduktiven Funktionen, also über die Produktion von Babies.

Um den “Vorrang der Vaterschaft” (künstlich) herzustellen, muss nach dem französischen Soziologen Bourdieu die “wirkliche Arbeit der Frau beim Gebären” verschleiert werden. Die gleiche Gesellschaft, die häusliche Arbeit als “wichtigste Stütze der Gesellschaft” glorifiziert, wertet sie als “Frauenarbeit” ab.

So werden häusliche Tätigkeiten bei der Berechnung des Bruttoinlandsproduktes unsichtbar gemacht. “Hausfrauen” gelten hier als “Nichtproduzierende”, “inaktiv” und “unbeschäftigt”.

Zusammen mit der häufiger von Frauen abgeleisteten ehrenamtlichen Tätigkeit, würde das jeweilige BIP bei Berücksichtigung all dieser Tätigkeiten um 40% steigen.

Studien zeigen deutlich, dass weltweit Frauen mehr arbeiten als Männer – und dass die Beteiligung an der Lohnarbeit zu kaum oder keiner Reduzierung ihrer häuslichen Tätigkeiten geführt hat: Frauen tragen weiterhin die hauptsächliche Sorge für die Erziehung von Kindern und Pflege von Älteren.

Nicht zuletzt ermöglicht die häusliche Arbeit von Frauen oft erst den beruflichen Erfolg des Mannes – hierher rührt das bekannte Sprichwort “Hinter jedem Mann, steht eine starke Frau, die ihm den Rücken frei hält”.

Der Umstand jedoch, dass die häusliche Arbeit von Frauen kein Geld-Äquivalent hat, trägt auch in den Augen der Frauen selbst zu ihrer Abwertung bei. “Nur” Hausfrau und Mutter zu sein ist bis heute gleichbedeutend damit, “nichts aus seinem Leben zu machen” und “unproduktiv” zu sein.

Bourdieu weist die geläufige Betrachtung nur der produktiven Tätigkeiten als Arbeit als “ethnozentrisch” und historische Erfindung zurück. Arbeit, so sagt er, sei eigentlich definiert als “Ausübung einer gesellschaftlichen Funktion, die man als “allumfassend” oder undifferenziert bezeichnen kann, und die auch Tätigkeiten einschließt, die nicht durch Geld sanktioniert werden.”.

Die geschlechtliche Arbeitsteilung sei objektiv strukturiert in den Gegensatz männlich, öffentlich, diskontinuierlich und außergewöhnlich versus weiblich, privat bzw. verborgen, kontinuierlich und gewöhnlich.

Die Radikalfeministin Andrea Dworkin benannte in ihrem Aufsatz “Sexual Economics” die maßgeblichen Mechanismen, die den untergeordneten Status der Frau auf dem Arbeitsmarkt aufrecht erhalten und die 1998 auch von Bourdieu in seinem soziologischen Spätwerk “Die Männliche Herrschaft” bestätigt wurden.

Frauen erhalten geringere Löhne als Männer, für die gleiche Arbeit

Die unbereinigte Lohnlücke, die sich aus der unterschiedlichen Anerkennung verschiedener Berufe, unterschiedlichen Eingruppierungen oder Teilzeittätigkeit ergibt, liegt derzeit in Deutschland bei 22 Prozent. Aber auch aus dem Vergleich der Entgelte von Frauen und Männern mit gleichen Merkmalen (Ausbildung, Bildungsabschluss, Berufserfahrung) ergibt sich ein so genannter “unerklärter Rest”.

Frauen werden systematisch von Arbeit ausgeschlossen, die durch hohen Status, konkrete Macht und hohe finanzielle Anerkennung gekennzeichnet ist.

So weist der aktuell neu gewählte Deutsche Bundestag mit 30,7% einen nach wie vor sehr niedrigen (und von einem Rückgang gekennzeichneten) Frauenanteil auf. Bei Frauen in Führungspositionen liegt Deutschland mit 35% im europäischen Vergleich weit hinten.

In jedem sozialen Feld sind Frauen in der Feldhierarchie unten

Frauen üben die niedersten Tätigkeiten in einer Gesellschaft aus, egal was darunter jeweils verstanden wird. So sind Männer eher Ärzte, Rechtsanwälte oder haben eine Vollprofessur inne, Frauen sind eher Krankenschwestern, Rechtsanwaltsgehilfinnen oder wissenschaftliche Hilfskräfte.

Bourdieu weist darauf hin, dass sich die Lage der Frauen zwar sichtbar verändert hat, zum einen durch einen erweiterten Zugang zu Hochschulbildung und damit zu bezahlter Arbeit und der öffentlichen Sphäre, zum anderen durch eine gewachsene Distanz zu den häuslichen Tätigkeiten und Reproduktionsfunktionen durch eine verbreitetere Nutzung von Verhütungsmitteln, kürzere Unterbrechungen der Berufstätigkeit, eine steigende Scheidungs- und eine sinkende Heiratsrate.

Dennoch stellt er fest, dass die relativen Positionen unverändert geblieben sind: Bei gleichen Voraussetzungen nehmen Frauen stets die weniger günstigen Positionen ein und ihre Zugangschancen sind umso geringer, je seltener und gefragter eine Position ist.

Wenn Frauen in größerer Zahl in ein Arbeitsfeld strömen, wird dieses Feld feminisiert und damit an Prestige abgewertet

Stellen Frauen die Mehrheit in einem Feld, nimmt dieses den niedrigen Status der Frau an. Treten Männer in ein Feld ein, dann bringen sie Prestige hinein. Demnach wird eine Tätigkeit dadurch zu einer qualifizierten Tätigkeit, dass Männer sie ausüben.

So wurde der Arztberuf in der ehemaligen Sowjetunion überwiegend von Frauen ausgeübt, die gegenüber den Männern in Handwerksberufen schlechter bezahlt wurden.

Falls sich jemals schon einmal gefragt hat, warum kochen zwar gemeinhin als weibliche Tätigkeit gilt, jedoch die meisten Sterneköche männlich sind: Gesellschaftlich kann sich ein Mann, nach Bourdieu, zu bestimmten, sozial als geringwertig qualifizierten Tätigkeiten nicht herablassen.

Indem er bislang als weiblich geltende Tätigkeiten jedoch an sich reißt und außerhalb der Privatsphäre erfüllt, kann er diese bei Frauen “qualitätslosen” Tätigkeiten aufwerten und zu Ruhm verhelfen .

Auf diese Weise wird die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann endlos fortgesetzt, auch dann wenn Frauen Lohnarbeiten und unabhängig davon, welche Arbeit Frauen machen.

Quoten sind nicht die Lösung für das Problem

Der moderne Staat selbst reproduziert die männlich-weiblich Dichotomie in seiner Struktur, Bourdieu nennt es die “paternalistische und protektive rechte Hand” (die nehmende) und die “sozial orientierte linke Hand” (die gebende).

Da Frauen durch ihre Prekarisierung stärker auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, und neoliberale Kürzungen immer zuerst auf den Sozialstaat angewandt werden, sind Frauen immer stärker von Austeritätsmaßnahmen betroffen.

Der liberalfeministischen Ansatz, nach dem der Staat durch eine paritätische Beteiligung von Frauen zu deren kollektiver Befreiung beitragen können, ist ein Trugschluss: Eine Parität in politischen Instanzen kommt vorrangig jenen Frauen zugute, die aus denselben Regionen des sozialen Raumes (Klasse, Ethnie, …) stammen wie die Männer, die gegenwärtig die herrschenden Positionen einnehmen.

Eine amerikanische Soziologin und Feministin fasste dies zuletzt so zusammen:

“Indem ein paar (zumeist weiße) Frauen in den Club gelassen werden, hat das Patriarchat eine Abstreitklausel gegen das Argument der zweiten Welle des Feminismus, dass Frauen als Klasse unterdrückt sind eingeführt.

Systeme der Unterdrückung sind jedoch flexibel genug um ein paar Mitglieder der untergeordneten Gruppen zu absorbieren; sie ziehen sogar ihre Stärke aus der Illusion der Neutralität, die durch diese Ausnahmen generiert wird.

Eine Sheryl Sandberg bei Facebook oder eine Nancy Pelosi in der Regierung ändern jedoch nicht die strukturelle Realität des Patriarchats.”

Es lässt sich empirisch feststellen, dass hohe Positionen bei Frauen, also beruflicher Erfolg, in aller Regel in “Misserfolg” im häuslichen Bereich resultieren: Höheren Scheidungsraten, Kinderlosigkeit oder späte Elternschaft, etc.

Auch umgekehrt ist ein Erfolg im privaten Bereich oft nur mit Misserfolg im beruflichen Bereich realisierbar, zum Beispiel durch eine Teilzeitbeschäftigung, die Frau als Konkurrentin der Männer ausschließt.

Immer häufiger wird heutzutage die Zwei-Job-Belastung von Frauen auch auf Kosten anderer Frauen gelöst:

Das berufliche Vorwärtskommen beruht entweder auf der Abhängigkeit von Familienangehörigen, beispielsweise bei der der Kinderbetreuung, auf der Verlagerung häuslicher Tätigkeiten in den Verantwortungsbereich des Staates (wo die Linie der “Frauenarbeit” in Unterricht, Pflege und Dienstleistung fortgeführt wird) – oder in der Bezahlung osteuropäischer Arbeitsmigrantinnen, wodurch Frauen zu Komplizinnen der Ausbeutung von Frauen aus anderen Ländern werden.

Pierre Bourdieu und Radikalfeministinnen sind sich einig: Die patriarchalen Strukturen werden sich reproduzieren, solange sie bestehen.

Aufzulösen ist die Benachteiligung von Frauen in der Arbeitswelt, wie in jedem anderen sozialen Feld deshalb nur, durch die Ablösung der patriachalen Strukturen, die den Sexismus, Klassismus und Rassismus unauflösbar in sich tragen.

Robert Jensen: The End of Patriarchy

Interessanterweise höre ich in regelmäßigen Abständen (und immer häufiger), dass meine Facebook-Posts oder radikalfeministischen Statements einen konkreten Nutzen durch Denkanstöße für männliche Freunde haben, bzw. sie – für sich ganz persönlich – mit „meinem Feminismus“ etwas anfangen können. Daran wurde ich immer wieder bei der Lektüre von Jensens „Das Ende des Patriarchats. Radikaler Feminismus für Männer“ erinnert.

Man könnte angesichts des Titels versucht sein zu glauben, dass der amerikanische Journalismus-Professor und „Culture Reframed“-Aktivist Robert Jensen hier ein „Ich erkläre euch mal den Feminismus“-Buch vorlegt hat – aber das ist weder sein Anspruch, noch sein Ziel. Vielmehr geht es ihm darum, aus seiner männlichen Position heraus, zu erläutern, warum radikaler Feminismus für ihn als Mann einen unschätzbaren Wert hat. Oder wie Autor Jeffrey Masson sagt: Es ist kein „Mansplaining“-Buch, sondern das Gegenteil davon: ein „Mann-hört-auf-Frauen“-Buch. Wer also tiefgreifende radikalfeministische Analysen lesen will, sollte nach wie vor (und sowieso) zu den Klassikern greifen.

Freimütig räumt Jensen im Vorwort ein, dass sich in ihm zunächst alles gegen die feministische Analyse gesträubt hat, dass jedoch irgendetwas in ihm wollte, dass er weiterliest – seine Hauptmotivation war geprägt von Eigennutz, der Suche nach einem Ausweg aus dem ständigen Wettkampf „ein Mann zu sein“. (S. 3) Jensen nutzt die feministische Theorie, um seine Erfahrungen in einer sexistischen Gesellschaft (den Vereinigten Staaten von Amerika) für sich erklärbar zu machen (S. 16). Er sieht seine Aufgabe als privilegiertes Mitglied der herrschenden Gruppe darin, die Ergebnisse seines Selbstreflektions-Prozesses öffentlich zur Diskussion zu stellen (S. 17).

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Marilyn Frye: Wer will ein Stück vom Kuchen?

Quelle: https://alchetron.com

Übersetzung von Passagen aus dem Text „Who Wants a Piece of the Pie“ aus „Willful Virgin: Essays in Feminism (1992, The Crossing Press). Den vollständigen Text findet ihr hier.

1976

Für Feministinnen besteht das allgegenwärtige moralische Problem in Bezug darauf wie man leben sollte darin, das eigene Leben mit den feministischen Werten in Einklang zu bringen. […] Kurz gefasst: Wir müssen uns um unsere Existenzsicherung und etwas darüber hinaus kümmern, wir wollen diese auf eine gesunde Art und Weise verdienen, und all das müssen wir in einer uns feindlich gesinnten, sexistischen Gesellschaft schaffen. Wenn wir uns die Leben von Menschen allgemein mal anschauen, dann scheint es fast schon ein Luxus zu sein, mehr als die Existenzsicherung zu verlangen, und es könnte naheliegend sein zu sagen, dass in einer feministischen Ethik Luxus fast schon elitär erscheint. Da ist etwas dran, aber das ist nicht alles. Zum einen kann es schon sein, dass Revolution so etwas wie Luxus ist – denn man findet ihr Momentum nicht unter den richtig Bettelarmen. Auf der anderen Seite: Wenn es als Luxus angesehen wird, Ressourcen über dem Existenzminimum zu haben, dann wurden wohl viele von uns in den Luxus hineingeboren, genauso sicher wie wir in unsere Unterdrückung als Frauen hineingeboren wurden […].

Für manche von uns ergibt sich dieses Dilemma konkret in Bezug auf Arbeit und Privilegien. Einige Feministinnen haben Zugang zu Positionen im Establishment oder einer Profession, oder streben dies an. […] Es gibt Feministinnen, die demgegenüber misstrauisch sind und die geneigt sind, solche Möglichkeiten oder Hoffnungen aufzugeben, als Teil ihrer Ablehnung von Klassenprivilegien.

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Willkommen im Patriarchat: Sonderpreis für Vergewaltigungs-Diskurs

"Take rape seriously" - Protester with Placard Reproductive rights activist Shelby Knox.

by Women's eNews via Flickr, [CC BY 2.0]

Man kann nun wirklich nicht sagen, dass Mithu Sanyal durch ihren empörenden Vorschlag, Opfer sexueller Gewalt wertneutral als Erlebende zu bezeichnen (da man ja nicht wisse, wie sie die ihnen angetane Tat selbst einordnen) und der daraus folgenden, erhitzten Debatte irgend etwas an Reputation eingebüßt hat.

Ganz im Gegenteil, sie bekam nachdem belegbar aus rechten Kreisen gegen sie lancierten Shitstorm – gegen den Radikalfeministinnen sie trotz inhaltlicher Kritik verteidigten und denen sie dennoch den schwarzen Peter zuschob und als Initatorinnen von Vergewaltigungsdrohungen bezichtigte (und damit aktiven Täterschutz betrieb) sehr viel trostspendende Anerkennung.

Während sie ein Interview nach dem anderen geben durfte, interessierte man sich im medialen Mainstream so gut wie nicht für die Position der Initatorinnen, des sich kritisch mit ihren Positionen auseinandersetzenden Offenen Briefes – darunter zahlreiche Betroffene sexueller Gewalt. Während ihr und ihrer Sichtweise also breiter Raum eingeräumt wurde, ignorierte man die Gegenseite so gut es ging. Die TAZ richtete sogar derweil eine eigene Kolumne mit dem Titel „Mithulogie“ für Sanyal ein, Titel wie „Das Piss-Manifest“ lassen den inhaltlichen Tiefgang bereits erahnen.

Zum Tode Hugh Hefners, dem Playboy-Gründer, der Nacktfotos von Marilyn Monroe auf dem Cover seines Magazins ohne deren Konsens abdruckte, der mit Fotos von Minderjährigen pädokriminelle Fantasien anheizte und legitimierte und über den wir von ehemaligen „Bunnies“ erfahren, wie mies er sie behandelte und dass er die von Bill Cosby gerne für seine sexuellen Gewalttaten eingesetzten KO-Tropfen als „Schenkelöffner“ bezeichnete, bescherte sie diesem Frauenfeind einen äußerst wohlwollenden Nachruf:

„Hugh Hefner habe sich bereits in den 1950er- und 60er-Jahren für Empfängnisverhütung und Abtreibung eingesetzt, betont Mithu Sanyal. Er habe sich später auch für die Ehe für alle und gegen Waffen und die Todesstrafe ausgesprochen. “Frauen haben ein eigenes sexuelles Begehren”, habe Hefner in einer Zeit gesagt, als das noch undenkbar war. “Die Playmates haben einem immer in die Augen geguckt. Die hat man nicht irgendwie beobachtet, sondern die haben einen angeguckt und gesagt: Hey, ich will was aktiv!”

Auf ihrer Facebook-Seite schreibt sie allen ernstes:

„Denn der Ober-Playboy und Viagra-Fan Hugh Hefner ist durchaus eine faszinierende, komplexe Figur. Ja, der Playboy ist auch sexistisch, aber er ist eben auch feministisch – zumindest wenn es nach Hugh Hefner geht.“

Kein Wort auch darüber, dass Hefner eng mit der Mafia verbunden war, darunter Linda Boremans Zuhälter und Ehemann Chuck Traynor, dass er einen maßgeblichen Anteil an dem Vorantreiben der Objektifizierung von Frauen trug oder auch nur den Hauch einer Ahnung davon, welche Vorteile sein Kampf für Abtreibungsrechte vielleicht für Männer, die Frauen sexuell ausbeuten wollen, haben könnte. Immer wieder erwische ich mich dabei, mich zu fragen ob Sanyal und die Liberalfeministinnen die Zusammenhänge wirklich NICHT SEHEN, aus Blindheit oder Unvermögen, oder ob sie BEWUSST UND AKTIV den Boden für das Patriarchat ebnen.

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Der Irrtum des Anti-Verhüllungsgebots

Niqab

In Österreich haben SPÖ und ÖVP in Einklang mit dem europäischen Gerichtshof entschieden, dass in der Öffentlichkeit ein Vollverschleierungsverbot bzw. ein „Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz“ gilt. Sprich, Niqab und Burkas, die das Gesicht verstecken, sind ab sofort verboten und werden mit Geldstrafen von 150,- Euro geahndet. Vor Allem Beamte am Flughafen sollen in hohem Maße zum Einsatz kommen und das neue Gesetz „mit Fingerspitzengefühl“ durchsetzen. Es sind allerdings nicht nur Burkas, sondern auch andere Sichthindernisse, wie Atemschutzmasken (ohne medizinischen Grund), Maskierungen o.ä. (außer zur Faschingszeit) untersagt. In Saudi-Arabien wurde daraufhin eine Reisewarnung für Österreich ausgesprochen.

Nun gut. Da könnte frau im ersten Moment denken: „Toll, Österreich tut was für die Befreiung der Frau!“ Denken wir einen Schritt weiter, wird klar, nein. Das ist genau das Gegenteil. Wir müssen uns nicht darüber streiten, dass eine Vollverschleierung antifeministisch ist. Aber wenn wirklich etwas FÜR Frauen getan werden soll, dann bitte doch nicht, indem man einigen von uns ein weiteres Verbot auferlegt!

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