Kategorie: Patriarchatskritik

Patriarchat und Neoliberalismus

Vortrag von Inge Kleine bei der FILIA-Konferenz in Salford/Manchester am 21. Oktober 2018. Originaltext hier

Zu allererst möchte ich FILIA, das heißt dem großartigen Organisationsteam dafür danken, dass sie diese Konferenz und diese Möglichkeit geschaffen haben, so viel großartige Aktivistinnen und Feministinnen zu treffen.

Mein Thema ist die Widerstandsfähigkeit des Patriarchats und wie schwierig es ist, ihm auf unserem Kampf dagegen nicht auf den Leim zu gehen.

In seiner fortlaufenden Selbstbestätigung gelingt es im Patriarchat, unsere Kämpfe, zumindest in westlichen Ländern oder denen des globalen Nordens, als obsolet, als überkommen darzustellen (1), womit es uns direkt in die erste Reihe an Fallen schickt. Männer deuten dabei auf andere Länder, „woanders“ hin, am liebsten nach Süden or „Osten“ und auf dortige Gesellschaften. Dies ist ein sehr alter Trick, da Liberalismus und Kolonialismus zusammengehören (2), und er funktioniert so: „Hier haben wir keine wirklichen Probleme, aber schaut mal dorthin! Da solltet ihr hinschauen. Arabische Länder!“ Die unmittelbare Reaktion zumindest einer deutschen Feministin könnte darin bestehen klar zu stellen, dass Algerien mehr weibliche Abgeordnete im Parlament hat als Deutschland, samt dem sofortigen Genuss die Selbstgefälligkeit aus dem Gesicht der Herrklärer verschwinden zu sehen. Aber diese Reaktion enthält Fehler, weil sie uns sofort zu typischen wenn auch indirekten Fehlschlüssen führt, die „unserer“ Überlegenheit, denn warum sollte Algerien nicht mehr Frauen als Abgeordnete haben als Deutschland und was für Einstellungen sind nötig, damit wir davon ausgehen, dass Algerien als Beleidigung für selbstgefällige Deutsche genutzt werden kann? Und dies geht noch weiter. Nachdem ich meinen rechten Fuß tief in den Morast des Patriarchats gestellt habe, lasst mich den linken Fuß gleich nachziehen. Unterschiede abzustreiten oder darauf zu bestehen, dass das Patriarchat überall herrscht und dass unsere Kämpfe überall die gleichen sind, kann uns dazu verleiten, wichtige Informationen über unsere Schwestern zu übersehen, es kann uns dazu bringen – in diesem Fall westliche Feministinnen – nicht zu sehen, wo ihre Kämpfe andere sind oder wo die konkreten Rahmenbedinungen andere sind. Es dient auch dazu, Aufmerksamkeit abzuziehen und sie wieder hübsch auf uns selber zu lenken. Und während ich spüre, wie ich immer tiefer im Matsch versinke, lasst mich noch die dritte Falle dazu stellen, wenn eine Anerkennung von Unterschieden in unseren täglichen Herausforderungen und Kämpfen zu Ansichten führt, die mal ein „Lieblings-“artikel von mir verbreitete, in dem stand, dass muslimische Mädchen in Pakistan Werte der Familiensolidarität hätten, die bedeuteten, dass sie keine individuelle Freiheit wollen oder brauchen.

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Im Stuhlkreis mit linken Männern

Björn Láczay, auf Flickr (https://www.flickr.com/photos/dustpuppy)

Es wird ja gesagt, dass unser Gehirn emotionale Erfahrungen im Traum verarbeitet: Der Traum als „Reise ins Unterbewusstsein“ oder „Telefonleitung zur Seele“.

Gestern hab ich mal wieder geträumt: Ich saß in einem (sehr großen) Stuhlkreis mit Männern. Linken Männern. Es ging darum, dass ich mich mal wieder, wie früher, außerhalb meiner feministischen Kreise engagieren wollte, aber klarstellte, dass es für mich hierzu notwendigerweise einen gewissen Grundkonsens zu bestimmten Sachen geben müsse. Zum Beispiel, dass Rassismus immer ein “No Go” ist, auch dann, wenn dahinter eine milliardenschwere Sexindustrie steht.

Das Ende vom Lied: In meinem Traum wurden mir alle Relativierungen von Rassismus gegen Frauen und  Klassismus betreffend Frauen entgegen geschleudert, die allen linken Frauen, dich sie mit diesen Themen befassen, allerbestens bekannt sein dürften. Es war wie ein Gewitter, das auf mich einprasselte und schlussendlich wachte ich schweißgebadet – und völlig gerädert – auf.

Dieser Traum ist offensichtlich Ausdruck einer in mir wachsenden Ratlosigkeit und Ohnmacht. Ich habe mich mehr als 15 Jahre in linken Strukturen engagiert, an vorderster Front gegen Nazis mobil gemacht, Demos angemeldet und für das Einstehen gegen Rechts Drohbriefe erhalten. In meinem Freundeskreis, auch dem engeren, gibt es weniger „Biodeutsche“ (schreckliches Wort) als Menschen, in deren Familie es eine Migrationsgeschichte in der ersten, zweiten oder dritten Generation gibt.  Ich lebe gerne – SEHR GERNE – in meinem Viertel, in dem Menschen mit rund 160 verschiedenen Nationalitäten zuhause sind und wenn ich mit irgendetwas Hilfe brauche, dann stehen sehr viele davon parat (und umgekehrt).

Macht mich also der zunehmende Rassismus in unserer Gesellschaft betroffen?  Ja natürlich. Ich könnte täglich kotzen, wenn ich sehe, wie meine FreundInnen tagtäglich von Behörden behandelt werden, wenn ich (nicht nur deutsche) NachbarInnen höre, die über die „Zigeuner“ weiter oben oder unten in der Straße herziehen oder Typen zuhören muss, die ihren Arsch nicht hochkriegen um ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen und stattdessen Geflüchtete für ihr Elend verantwortlich machen. Weil’s halt so schön einfach ist.

Früher dachte ich immer, dass ich mich als „westliche“ Frau im 21. Jahrhundert glücklich schätzen darf. Ich bin behütet und (relativ) unbeschwert in einem kleinen Dorf in der Eifel aufgewachsen, wurde in allem unterstützt, was ich erreichen wollte und war in dem, was ich tat, erfolgreich. Ich hielt mich immer für weitgehend gleichberechtigt und wie es dem weiblichen Rollenideal entspricht, nahm ich mein gefühltes Privileg wahr, um anderen, weniger privilegierten Menschen (meint vor allem Männern) zu helfen. Gegen soziale Not, gegen Rassismus und Abschiebung, gegen Behördenwillkür.

Passiert ist in all den Jahren Aktivismus in linken Strukturen vor allem eins: Ich habe Sexismus kennengelernt – und zwar nicht zu knapp. Ich habe erlebt, wie Männer sich einen antisexistischen Anstrich geben, sich vielleicht sogar Feministen nennen und genau das Gegenteil von dem verkörpern, was sie vorgeben zu sein. Ich habe erlebt, wie ich für das Eintreten für Frauenrechte fallengelassen, verdeckt oder offen bekämpft oder als hysterische Kuh schlicht abgehakt wurde.

Das war schmerzhaft, das war frustrierend und vor allem hat es mir in weiten Teilen meine politische Heimat und damit auch ein Stück Halt genommen. Inzwischen kann ich sagen, dass mich die Ignoranz, mit der mir frühere Wegbegleiter begegnen und ihre subtile Misogynie mehr schmerzen als ein offen zur Schau getragener Machismo, dem frau wenigstens offen die Stirn bieten kann.

Gerade erst schrieb der von mir wirklich sehr geschätzte Rolf Löchel (ein Mann mit echter Ahnung zur Geschichte der Frauenbewegung und dem Feminismus) in seiner weitgehend sehr positiven Störenfrieda-Buch-Kritik:

„Weiter meint Sigel, der „deutsche Frauenhass“ sei „ein anderer als der in muslimischen Ländern“, nämlich „intellektuell verbrämter, subtiler“ und „gerade deshalb so schwer zu greifen“. Dies klingt ganz so, als sei er darum im Grunde gefährlicher. Schließlich erklärt sie kurzerhand: „Freiheit gibt es nicht, weder unter der Religion, noch im Neoliberalismus“, denn mit dem „muslimischen“ und dem „westlichen Patriarchat“ […] stehen sich zwei zutiefst männerdominierte und patriarchalische Gesellschaften gegenüber […] und keine von ihnen ist besser“. Letzteres in einem radikalfeministischen Buch lesen zu müssen, macht sprachlos. Denn fraglos sind die bis hin zu Verurteilungen von Vergewaltigungsopfern als Ehebrecherinnen, Auspeitschungen, Ehrenmorden und öffentlichen Hinrichtungen reichenden Praktiken der einen weit schlimmer als die übelsten der anderen. Doch ähnlich wie Sigel erklärt auch Schon, Feministinnen liefen „in eine Falle“, wenn sie, „die Lage der Frau in der ‚westlichen‘ (zivilisierten) Welt im Vergleich zu anderen (barbarischen, im Mittelalter feststeckenden) Kulturen als ‚freier‘ und Fortschritt hierarchisieren“. Man muss ja nicht von Fortschritt reden. Wie viele ‚westliche‘ Frauen, zumal Feministinnen würden es aber nicht vorziehen, in einer liberalen, demokratischen Gesellschaft etwa Europas zu leben als in einem muslimisch geprägten Land?“

Die Botschaft dieser „sprachlos machenden“ Message ist eindeutig:  Freut euch doch einfach als „westliche“ Frauen „sanfteren“ (??) Formen von männlicher Gewalt gegen Frauen ausgesetzt zu sein – mal ganz davon abgesehen welches schwarz-weiß Bild von Teilen der Welt in dieser Aussage reproduziert wird… Es ist ein Argument, das uns immer wieder in verschiedenen Formen begegnet, sicherlich nicht von Rolf Löchel, aber sonst: Was wollt ihr denn, hier hat der Feminismus doch gar keine Berechtigung mehr, aber doooort, hinter den sieben Bergen, bei den sieben Muslimen …!

Worauf ich hinaus will: Ja, ich persönlich halte den intellektuell verbrämten und subtilen und schwer zu greifenden Sexismus tatsächlich für gefährlich. Nämlich genau deshalb, weil er Otto (und Ottilie) NormalbürgerIn noch nicht einmal auffällt. Weil diejenigen, die unsere politischen Verbündeten sein wollen (und sollten), uns in jedem unerwarteten Moment das Messer in den Rücken rammen und uns mit unserer Lebensrealität im Stich lassen können, ohne dass es überhaupt jemand als problematisch erachtet. Sie setzen halt andere Prioritäten, ihr Tag hat auch nur 24 Stunden und es gibt ja abgehängtere Menschen (meint: Männer), für die es sich ihrer Meinung nach vorzugsweise einzusetzen gilt.

Und das ganz perfide dabei: Alles, was wir tun um Frauen vom Joch des Patriarchats zu befreien, wird von ihnen auch noch als rassistisch gebrandmarkt:

Prostitution abschaffen: Rassistisch! Neokonservativ! Wie bei den Nazis! (was für eine Offenbarung eines miesen Geschichtsbewusstseins…)

Problematisierung von männlicher Gewalt gegen (geflüchtete und nicht geflüchtete) Frauen, die von geflüchteten (Männern) ausgeht: Rassistisch!

Problematisierung eines Kopftuchzwangs: Rassistisch!

Hinweis darauf, wie die Gender-Theorie sexistische Geschlechterstereotype reproduziert und welche negativen Effekte für Frauen damit einhergehen: Rechts!

Problematisierung von Unterrichtsmaterial, welches vorsieht, dass Jugendliche sich gegenseitig betatschen, erzählen sollen wann sie “das erste Mal Analsex hatten” und ein Bordell nach den eigenen Vorstellungen planen sollen: Rechts!

usw usw.

Hätte ich nicht irgendwann die Werke Andrea Dworkins entdeckt, dann wäre ich vermutlich verloren gewesen – ich reihe mich ein in die Menge jener Radical Feminists, die sagen „Andrea Dworkin hat mein Leben gerettet“.  Essays wie „Rechter und Linker Frauenhass“ waren für mich eine Offenbarung, haben sie mir doch gezeigt, dass ich mit meiner subjektiven Wahrnehmung nicht alleine dastehe und dass das, was linke Frauen heute in Deutschland erleben, weder singulär noch zufällig ist.

„Der Frauenhass in der Pornographie interessiert keine der beiden Seiten. Der Frauenhass beleidigt … weder die Linken, noch die Rechten. … Die kommen damit klar. Beide Seiten. …“

Und damit kommen wir zum aktuellsten Beispiel:

Während die Rechten auf der einen Seite versuchen, Gewalt gegen Frauen zu instrumentalisieren um rassistische Ressentiments in der Gesellschaft anzufeuern, versichern die Linken im Netz, auf Anti-AfD-Demos, … sich unentwegt, dass sie für Frauenrechte einstehen. Inhaltlich substantiell kommt dabei rein gar nichts rum, aber hauptsache wir haben es mal erwähnt.  Die Gewalt der „anderen“ wird relativiert mit der Gewalt der „eigenen“.  Es werden Statistiken bemüht, dass die meiste Gewalt in den eigenen vier Wänden stattfindet und nicht durch den „Fremden“ im Gebüsch – Etwas dagegen tun, dass Frauen in den eigenen vier Wänden Gewalt erfahren wollen sie jedoch nicht. DAS nenne ich eine doppelseitige Instrumentalisierung von Frauenrechten.

Nach dem Mord an Susanna F. in Wiesbaden Erbenheim und der mantrahaften Betonung von Frauenrechten habe ich versucht, das beim Wort zu nehmen. Unter anderem habe ich gefragt, wer bereit sei etwas gegen das sexistische Programm der diesjährigen Wiesbadener Biennale inklusive Pornokino, Porn-Performance und Prostitutionsbagatellisierung (Pretty Woman im Autokino etc.) zu unternehmen. Nicht verwunderlich war die zugesagte Unterstützung gleich NULL.

Während sich nun angesichts der beunruhigenden Ereignisse in Chemnitz alle wieder überschlagen mit Aktivitäten und u.a. ein Konzert promoten, auf dem u.a. die sexistischen Arschgeigen von K.I.Z. (“[Deine Mutter] wird immer dicker, die Drecksschlampe würde ich nicht von der Bettkante stoßen können. Ich bringe den Müll runter im Leichensack, es wird ein Hurensohn. Baby treib ihn ab!”) („Ich bin wie Adam: ein Feigenblatt verdeckt mein Gemächt. Ich komme angeflogen, hacke in dein Loch wie ein Specht”) und Kraftklub („Du verdammte Hure, das ist dein Lied“) ohne irgendeinen wahrnehmbaren Protest auftreten dürfen, bleiben sexistisch-rassistische Ausfälle hier vor Ort mal wieder unbeachtet. Aber klar:  Da die „Künstler“ ja links sind und das, was sie singen, ja alles nur Satire ist, ist das ja maximal für dumme hysterische Kühe wie mich ein Problem. Unter dem Deckmantel der Kunst und Satire ist schließlich alles erlaubt. „Sei halt nicht so verkrampft“.

Deshalb dürfen die Künstler der „Frankfurter Hauptschule“ (juchhu, Klassismus) bei der Biennale (1) dann auch ohne großen Aufschrei eine „Kunstaktion“ unter dem Motto „Der große Austausch“  durchführen und zur Produktion von „interracial porn“ aufrufen. Als „künstlerisches Statement gegen Fremdenhass“ fordern die „Künstler“ „dazu auf, Fotos unter dem Hastag #dergrosseaustausch! in sozialen Netzwerken zu posten, wo Menschen verschiedener Herkunft beim „Knutschen und Fummeln“ zu sehen sind.“. „Die „Frankfurter Hauptschule“ [will außerdem] das Thema Speeddating umdrehen und dort [auf dem Faulbrunnenplatz] einen Interracial Gay Porn mit dem Titel „Der große Austausch“ drehen. […] Der fertige Pornofilm soll dann am Samstag um 21:30 Uhr in dem Container gezeigt werden.“

Mal unabhängig davon, dass das Ziel der Biennale unter dem diesjährigen Motto „Bad News“ offenbar Provokation ist und es fraglich ist, ob Porno in unserer pornifizierten Gesellschaft überhaupt noch Provokation darstellt (außer unter dummen hysterischen Radikafeministinnen natürlich): Wie ignorant kann man denn bitte sein, unter dem Label „Interracial Porn“ ein Zeichen gegen Fremdenhass setzen zu wollen?  Die „interracial porn“ Seite „Latina Abuse“ („Missbrauch von Latinas“) gehört zu den Beliebtesten unter den Pornonutzern, die Soziologin Gail Dines hat in ihrer Arbeit, unter anderem veröffentlicht in ihrem Buch „Pornland“ den unwidersprochenen Rassismus der Pornobranche aufgezeigt, der eigene Erzählungen von der unterwürfigen, “engen” asiatischen Frau und dem angeblich sexuell überaktiven schwarzen Mann wieder und wieder reproduziert. Von Seiten wie „cruel and callous: gypsy porn“ (grausam und gleichgültig: Zigeunerporno) und den dazugehörigen Bildern ganz abgesehen. “Interracial” bedeutet eine zusätzliche, weil rassistische Erniedrigung der Darstellerinnen.

Auf dem Rücken von Frauen werden so wieder einmal Millionen Profite gescheffelt.

Dines kommt zu dem Schluss:

„Die Abwesenheit von Kritik gegenüber diesen offen rassistischen Bildern […] legt nahe, dass diese inzwischen so normalisiert sind, dass sie heute gewöhnliche Annahmen über die Sexualität von People of Colour nahelegen“

Bereits Dworkin, die u.a. die frühen deutschen Ausgaben des Playboys analysierte, hatte auf den der Pornographie inhärenten Rassismus hingewiesen:

„„Die Sexualisierung der Jüdin […] bildet das Paradigma für die Sexualisierung aller rassisch oder ethnisch degradierten Frauen […] Hitler stellte den jüdischen Mann als Vergewaltiger und Schänder arischer Frauen dar. Er schuf das Bild der jüdischen Frau als Dirne, wild, promiskuös, die sinnliche Antithese zur arischen Frau, die blond und rein war. Sowohl männliche wie weibliche Juden wurden als sexuell bestialisch dargestellt.“

Und sie stellte in ihrem Standardwerk „Pornographie“ unter anderem fest:

„Wie nun kann man Rassismus bekämpfen und sich gleichzeitig damit einen runterholen? Die Linke kann nicht ihre Huren und ihre Politik gleichzeitig haben“

Dass nun hier von „Gay Porn“ die Rede ist, macht es im Übrigen in keinster Weise besser: Die beachtliche Zahl an Depressionen und Drogensucht leidender und Suizid begehender homosexueller Pornodarsteller spricht eine deutliche Sprache  und auch im gay porn werden besagte rassistische Stereotype reproduziert.

Kunst soll provokativ sein? Provokativ wäre es wohl eher mal zum Thema zu machen, was nur wenige Meter vom Biennale-Container entfernt im „HM Massage Center“ tagtäglich an sexistischer und rassistischer Scheisse vonstattengeht.

„hatte mal wieder Luft auf chinesisch […] die letzten 8 mal kostet es 45 Euro …. diese Dame kam mir gleich mal mit 50 Euro. Es geht mir nicht um die 5 Euro; aber bei dieser Person merkte ich die Geldgier aus den Augen leuchten. […] Ich sagte noch, sie soll langsamer machen, aber nach kurzer Zeit spritzte ich ab. […] [ich] war ziemlich geladen …. das war das erste Mal in diesem Laden, das es zu so einer Abzocke kam. Emily vor 2 Wochen war eine klare 1+ …. diese Figur eine klare 6- .
Hier kam es mir vor, das die Dame in die eigene Tasche gearbeitet hat …. es war das erste Mal, das die “Bestellung” nicht ins Tablet eingetragen wurde ….. […] 50 Euro für schlechtes Wichsen ….. das geht gar nicht.“

Was bleibt? Ich würde mich sehr gerne wieder auch in anderen Strukturen engagieren, vor allem in Zeiten wie diesen. Was ich aber sicher nicht kann, ist dabei zusehen wie Frauenrechte – egal von wem – politisch instrumentalisiert werden, bunte Schilder malen, mich in Selbstgerechtigkeit baden und zu „Du kleine Hure“ mit den Hüften wippen. Also werde ich wohl auch in Zukunft frühzeitig von Demos verschwinden oder gleich gar nicht hingehen. Und das hat nichts damit zu tun, dass ich in irgendeiner Weise weiter „nach rechts“ gerückt wäre, sondern damit, dass ich mit einer bestimmten Scheinheiligkeit einfach nicht mehr umgehen kann…

Das bedeutet auch: Ich sehe mich zurzeit gezwungen, euch aus dem Weg zu gehen, im Gegenzug benehmt ihr euch bitte so, dass Feministinnen euretwegen keine Albträume kriegen. Bleibt gefälligst wenigstens meinen Träumen fern!

Fußnoten:

(1) Die Wiesbaden Biennale ist ein Festival des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden und wird ermöglicht aus Mitteln des Landes Hessen und der Landeshauptstadt Wiesbaden. Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes und den Kulturfonds Frankfurt RheinMain.

 

 

Über Männer und Schrott #menaretrash

von Anneli Borchert

Derzeit geht der Hashtag #menaretrash viral, und wie wir uns alle denken können, stößt er – nicht nur bei Männern – auf wenig Gegenliebe. Die Reaktionen reichen von „so redet man aber nicht über Menschen“ über „das schadet dem Feminismus“ bis hin zu offenen Vergewaltigungsandrohungen oder Ausführungen darüber, dass es kein Wunder sei, wenn Männer gewalttätig werden würden, Männer seien nur dann aggressiv, wenn sie frustriert seien, und dieser Hashtag sei sehr frustrierend.

Unabhängig davon, ob man glaubt, dass ein Hashtag etwas verändern kann, sind folgende Dinge zu sagen:

Die so plakativ zur Schau gestellte Betroffenheit darüber, als Schrott bezeichnet zu werden, ist eine Farce. Männer tun wer weiß wie verletzt, empören sich, fühlen sich getroffen.

Warum?

Weil Frauen sie für ihr Verhalten anzählen.

Frauen werden gedemütigt, ausgebeutet, verstümmelt, versklavt, geschlagen, eingesperrt, belästigt, vergewaltigt, objektifiziert, ermordet. Täglich, stündlich, minütlich. Sekündlich. Weltweit.

Und warum?

Weil Männer ihnen das antun.

Männer demütigen, beuten aus, verstümmeln, versklaven, schlagen, sperren ein, belästigen, vergewaltigen, objektifizieren und ermorden Frauen. Täglich, stündlich, minütlich. Sekündlich. Weltweit.

Wenn das mal kein schrottiges Verhalten ist.

Dabei haben Männer komischerweise kein Problem damit, dieses Verhalten auszuüben. Das Problem erscheint erst dann auf der Bildfläche, wenn irgendeine sagt, wie es ist. Aber auch dann ist ihr Verhalten nicht das Problem, nur, dass gesagt wird, dass es ein Problem gibt. Aber „du machst damit dasselbe wie die Täter, du begibst dich auf dasselbe Niveau“ zieht nicht. Männer dafür, dass sie Frauen unterdrücken, als Schrott zu bezeichnen, ist nicht dasselbe, wie Frauen zu unterdrücken. Männer dafür, dass sie vergewaltigen, als Schrott zu bezeichnen, ist nicht dasselbe, wie zu vergewaltigen.

Ich sehe Männer via #menaretrash auch nicht diskutieren, wie scheisse sie all die Vergewaltigungen, Morde und so weiter finden. Ich sehe nur Mimimimi darüber, dass jemand ausspricht, dass es sie gibt.

Aber wieso sollte die „Verletzung“, die Männer empfinden, wenn sie #menaretrash lesen, wieder das Bier von Frauen sein?

Unsere Sicherheit ist wichtiger als eure Gefühle.

Wenn euch stört, dass ihr als Trash, als Schrott wahrgenommen werdet, dann wendet euch doch bitte an eure Geschlechtsgenossen und hindert sie daran, sich weiter wie Schrott zu verhalten. Und am besten reflektiert ihr gleich auch mal euer eigenes Verhalten gegenüber Frauen. Schaden kanns nicht. Oder gibt es etwa einen unter euch, der noch nie gegrabscht hat, sich noch nie via Porno einen darauf runtergeholt hat, dass eine Frau vergewaltigt wird, noch nie einen sexistischen Witz gemacht hat, über eine betrunkene Frau drübergerutscht ist, weggeschaut hat, wenn eine belästigt wurde, eine vergewaltigte Frau beschämt hat? Nein? Noch nie gemacht? Vorbildlich. Aber nicht sehr glaubhaft.

Das nächste ist, dass von Frauen noch immer erwartet wird, nett zu sein. Selbst wenn wir als, wenn man so will, Genderklasse von einer anderen Genderklasse (Männern) unterdrückt werden, Gewalt erleiden usw., sollen wir, wenn wir schon meinen, ansprechen zu müssen, dass es so ist, bitte trotzdem nett sein.

Aber Fakt ist: Vergewaltigungen und Morde sind auch nicht nett.

Frauen wird vorgeworfen, mit #menaretrash den „Frieden“ zwischen den Geschlechtern zu stören, aber ich frage mich, welcher Frieden? Es gibt keinen Frieden zwischen Männern und Frauen. Hier herrscht Krieg – und Frauen haben ihn nicht begonnen, und sie stehen auch nicht auf der Täterseite.

Es wird behauptet, der Hashtag sei dem „Gespräch zwischen den Geschlechtern“ nicht förderlich, aber was soll das für eine Ebene sein? Erstens ist die Gewalt, die von Männer täglich ausgeübt wird, kein verdammtes Gesprächsangebot (und ihre Benennungen uns gegenüber auch nicht: Fotze, Schlampe…), und zweitens, ich glaube nicht daran, dass Männer so dumm sind, dass sie in all den Jahrtausenden der von ihnen ausgeübten Gewalt einfach nur noch nicht begriffen hätten, wie scheisse sie sich verhalten. Es geht nicht darum, dass Männer das nur noch nicht kapiert haben und dass es die Aufgabe von Frauen ist, ihnen immer und immer wieder zu erklären, in einem netten Gespräch und wenn möglich, in Ich-Botschaften und ohne Anschuldigungen, Männern begreiflich zu machen, dass ihr Verhalten ein Problem ist. Ich halte Männer nicht für so bescheuert. Männer wissen, dass ihr Verhalten scheisse ist. Wenn sie es trotzdem an den Tag legen, dann, weil sie es wollen. Warum sollten wir zu Männern, die uns als strukturell und individuell Gewalt antun, nett sein? Warum sollten wir von Männern, die uns strukturell und individuell Gewalt antun, Verständnis erhoffen? Warum sollten wir Männer, die uns strukturell und individuell Gewalt antun, um Besserung bitten?

Und scheisse nochmal, warum sollten wir überhaupt friedlich sein?

Feminismus ist nicht friedlich. Feminismus der sanft ist und nachgiebig und der keinem wehtut, ist kein Feminismus. Feminismus, der Männern nicht wehtut ist für die Tonne. Feminismus, der von Männern definiert wird, bringts einfach nicht.

Es geht hier nicht darum, dass wir mit Männern ins Gespräch darüber kommen wollen, wie wir die Wohnzimmerwand streichen, das hier ist kein Stuhlkreis, in dem wir unsere Gefühle schildern, das hier ist keine Diskussionsrunde, in der Kompromisse geschlossen werden.

Feminismus ist kein Kompromiss.

Menschenrechte für Frauen sind kein Kompromiss.

Und unser Recht darauf, nicht ermordet, nicht vergewaltigt, nicht unterdrückt zu werden, steht hier keinesfalls zur Debatte.

Wenn jetzt hier Männer ankommen und meinen, sie könnten mit Feminismus nichts mehr anfangen, weil sie so verletzt von dem Hashtag seien, dann kann ich nur sagen: ihr wart eh nie viele, wenn es darum geht, sich gegen Gewalt an Frauen auszusprechen, warten wir immer vergeblich auf euch. Bleibt halt auf der Täterseite, es scheint euch da gut zu gefallen, am Ende habt ihr eh nur auf einen Anlass gewartet, euch nicht engagieren zu müssen, euer Verhalten nicht ändern zu müssen, eure Geschlechtsgenossen nicht auf die von ihnen fabrizierte Scheisse anzusprechen.

Wenn ihr jetzt kommt mit „es braucht aber eine Solidarität zwischen allen Geschlechtern, und das hier ist keine“, dann sage ich euch: ihr habt bisher auch keine gezeigt, und wir Frauen haben nicht kollektiv das Stockholmsyndrom, dass wir denen, die uns schlagen, prostituieren, ermorden, missbrauchen gegenüber auch noch solidarisch sind. Forget it.

Leider sind wir auf einer Entwicklungsstufe, in der es geradezu umstürzlerisch, utopisch und undenkbar erscheint, für Frauen die volle Palette an Menschenrechten zu fordern. Das ist armselig genug.

Aber die Frage ist die: was ist, wenn uns Frauen scheissegal ist, was Männer davon halten, DASS und WIE wir für unsere Rechte kämpfen?

Was ist, wenn uns plötzlich egal wäre, ob wir nett rüberkommen? Und friedlich? Und bitte nicht mit zu vielen Forderungen, damit sich die Herren der Schöpfung nicht überfordert fühlen?

Ich für meinen Teil kann nur sagen, ist mir egal, was ihr von mir denkt.

Ist mir egal, ob ihr mich nett findet.

Ist mir egal, ob ihr denkt, ich sei aggressiv.

Ist mir egal, ob ihr denkt, ich sei „menschenverachtend“.

Ist mir egal, ob mein Feminismus euch genehm ist. Fakt ist nämlich, er soll es gar nicht sein.

Ja, Männer sind Schrott! Darüber könnt ihr weiter rumheulen und mimimimi, aber die Taschentücher zu eurem Geflenne sticken und reichen wir euch nicht mehr – wir haben genug damit zu tun, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

 

(c) Anneli Borchert

 

 

Achtung Achtung, hier spricht die Kleidungspolizei

franek2 [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Die Diskussionen zu zwei Beiträgen auf unserer Facebook-Seite veranlassen mich, doch noch einmal etwas zum Thema Bekleidungsvorschriften, die sich an Frauen abarbeiten, niederzuschreiben.

Am 28. Juni stellten wir ein Video ein, in dem dargestellt wurde, dass der Bürgermeister der Stadt Broummana im Libanon, Pierre Achkar, den Polizistinnen (nicht den Polizisten eine neue Sommeruniform verpasst hat (enge figurbetonte T-Shirts und sehr knappe Shorts). Seine Begründung: Die Frauen sollen westliche Touristen anziehen. Erstaunlich (aber nicht ganz verwunderlich), dass dieses beschränkte Bild vom “Westler” – gemeint mit hoher Wahrscheinlichkeit der westliche Mann – keine Empörungsstürme auslöst. Mich würde so eine eindimensionale Darstellung ja stören, aber nun gut, das ist hier nicht das eigentliche Thema.

Uniformen sind Bekleidungsvorschriften für Männer wie Frauen gleichermaßen, deren soziale Funktion darin besteht den Träger oder die Trägerin in seiner gesellschaftlichen Position erkennen zu können. Sie weisen ihn oder sie quasi als Autoritätsperson aus.

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Das patriarchale Trauma: Warum Männer morden und Frauen Vergewaltigungsfantasien haben

Es ist schon wieder passiert. Ein junger Mann hat eine Waffe genommen und in einer Schule in den USA zehn Menschen erschossen. Das erste seiner Opfer ist nach Angaben von “Bild” ein Mädchen, dem er sich immer wieder versucht hatte zu nähern. “Tragische Liebesgeschichte” nennt die Bildzeitung das und bezieht sich auf Aussagen der Mutter. “Zurückgewiesene Liebe” wird immer wieder als Rachegrund genannt, wenn ein Mann gewalttätig wird. Statistisch gesehen stirbt in Deutschland jeden Tag eine Frau durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners aufgrund von “enttäuschter Liebe”. Hinter dem Euphemismus “enttäuschte Liebe” verbirgt sich nichts anderes als die auch mit Gewalt durchsetzbare männliche Anspruchshaltung, Frauen hätten ihnen zur Verfügung zu stehen. Die Frau als Dienerin, als Gefäß des Mannes, als sein Besitz und Anhängsel ist die Definition, die das Patriarchat Frauen zuweist. Lehnen Frauen diese Rolle ab und bewegen sich außerhalb der für ihr Geschlecht vorgegebenen Grenzen, etwa in dem sie alleinerziehend, selbstbestimmt, unabhängig leben, so setzen sie sich überall auf der Welt der Gefahr aus, dafür getötet zu werden. Es braucht kein frauenhassendes Regime, um diese misogyne Exekutive zu betreiben, vielmehr schwingen sich Männer auch im ach so liberalen und offenen Westen regelmäßig dazu auf, Frauen wieder auf ihre Plätze zu verweisen – mit Hasskommentaren, Drohungen und Gewalt, gegen fremde Frauen, aber vor allem gegen die Frauen, auf die sie glauben, ein “Anrecht” zu haben: Bekannte, Nachbarinnen, Kolleginnen, Partnerinnen, Ehefrauen, Töchter. Die Autorin Kate Manne hat in ihrem Buch “Down Girl” analysiert, dass der Anstieg dieser offenen, blutigen Gewalt gegen Frauen in direktem Zusammenhang mit dem Kampf gegen Frauenrechte steht. Je mehr Frauen, etwa wie bei #metoo, sich gegen sexuelle Gewalt wehren und auf ihre Selbstbestimmung auch in anderen Bereichen pochen, umso heftiger fällt der Pushback der patriarchalen Ordnung aus.

Das Gift der männlichen Erwartungshaltung

Als vor einem Monat Alek. M. in Toronto ein Massaker vor allem an Frauen verübte und sich dabei ausdrücklich auf einen anderen Massenmörder – Eliott Rodger – bezog, der ebenfalls aus Frauenhass tötete, wurden die Medien auf das Phänomen der Incels aufmerksam, der “unfreiwillig Zölibatären”, die sich in Foren wie 4chan oder Reddit austauschen und sich darüber beklagen, dass keine Frau mit ihnen Sex haben möchte. Das liegt, laut Incel-Logik, daran, dass Frauen nur auf Männer mit gutem Aussehen und/oder Geld stehen und deshalb werden sie an ihrem “Anrecht” auf Sex und Reproduktion gehindert. Nicht wenige fordern deshalb, dass es eine “Umverteilung” von Sex geben soll und Frauen dazu gebracht werden sollen, auch Sex mit Männern zu haben, auf die sie keine Lust haben.

Das Ganze wäre absurd, lächerlich und bemitleidenswert, wenn die Incel-Ideologie nicht immer wieder wie bei den letzten Massakern Grundlage für Übergriffe und Gewalt gegen Frauen werden würde. Es handelt sich bei den Incels nicht nur um ein paar verirrte Männer, wie in den Medien gerne suggeriert wird, sondern um ein heterogenes Gemisch von hunderttausenden Männern vor allem aus den USA und Europa mit Überschneidungen zur Männerrechtsszene (MRA’s) und den Pick-Up-Artists. Es sind keine verwirrten Hinterwäldler, keine rückständigen Religionsfanatiker, sondern vielfach gut ausgebildete Männer, die sich an anderen Stellen für Demokratie, Fortschritt und Liberalisierung einsetzen. Sie sind für Fortschritt und für Technik, doch die Unterwerfung der Frau wollen sie aufrecht erhalten. Sie protestieren gegen zu viel Überwachung und laschen Datenschutz und geben sich gern besonders innovativ und zukunftsorientiert. Ihr Frauenbild aber ist in seinem Kern so reaktionär wie das religiöser Fundamentalisten, nur wird ihr Frauenhass nicht durch eine religiöse Schrift, sondern vor allem durch Pornos und sexistisch eingefärbte wissenschaftliche Schlussfolgerungen beflügelt. Incels verkörpern eine neue Generation von Frauenhassern, nicht länger religiös oder moralisch motiviert hassen und Gewalt verüben, sondern auf Grundlage vermeintlich rationaler Überlegungen und wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Die Freiheit von Frauen erleben Incels und ihre Sympathisanten als Bedrohung ihrer männlichen Privilegien und als Hindernis beim Zugriff auf Frauenkörper, die sie mit Hass im Netz, Hass auf der Straße und notfalls auch mit Gewalt bekämpfen. Ihr Frauenhass hat Schnittmengen mit den hasserfüllten Äußerungen der Väterrechtsszene, in der Morde und Gewalt an Frauen regelmäßig von einzelnen Mitgliedern – unberichtigt vom Rest der Community – als natürliche Reaktion auf das Verhalten von Frauen erklärt werden. Frauen, die nicht gehorchen, Frauen, die sich nicht unterordnen, Frauen, die sich nicht zur Verfügung stellen und Frauen, die über ihr Leben selbst bestimmen möchten – auch nach einer Ehe oder einer Beziehung, aus der Kinder hervorgegangen sind. Incels und die Gruppen, mit denen sie Schnittmengen haben, sind ein noch sehr junges Phänomen des alten Patriarchats, ein neuer Weg, die bekannten männlichen Vorrechte zu proklamieren und durchzusetzen. Der Shitstorm im Internet, mit dem jede Feministin irgendwann überzogen wird, sobald sie eine gewisse Reichweite hat, ist ein Arm dieser Bewegung, die frauenmordenden Attentäter ein anderer. Sie eint die gemeinsame Ideologie.

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Warum Alice Weidel keine Nazischlampe ist

Eine kleine Solidaritätserklärung von Anneli Borchert

 

Der Rapper Farid Bang, neulich im Kreuzfeuer der Kritik wegen antisemitischer Äußerungen, hat Alice Weidel in einem seiner, mh, „Songs“ als „Nazibitch“ bezeichnet.
Weidel prüft jetzt rechtliche Schritte – sie werden erfolglos sein. Denn Alice Weidel von der AfD darf, das ist gerichtlich seit ungefähr einem Jahr bestätigt, satirisch „Nazischlampe“ genannt werden.
Weidel hatte gefordert, politische Korrektheit auf der Müllkippe zu entsorgen, daraufhin hatte der Moderator Christian Behring in der Satiresendung „extra3“ sie so genannt.
Das Gericht befand, Weidel dürfe Schlampe genannt werden, schließlich erfolge diese Beleidigung nur, weil sie nun mal eine Frau sei.
Nicht nur, dass ein deutsches Gericht befindet, dass Frauen wegen ihres Frauseins beleidigt werden dürfen, nein, auch in den Kommentarspalten linker und feministischer Medien tobt sich wegen dieser beider Vorfälle der bewusste und unbewusste Antifeminismus hierzulande aus. Der, der aus den eigenen Reihen kommt, trifft am meisten. Es ist unglaublich, aber wenig überraschend, dass auch und gerade linke Menschen das vermeintliche Recht verteidigen, Weidel als Schlampe bezeichnen zu dürfen.
Zu dieser ganzen Kackscheisse hier ist Folgendes zu sagen.

1. Das Wort „Schlampe“ ist eine Beleidigung, die nicht darauf abzielt, bloßzustellen, dass Weidel Bockmist erzählt und das am laufenden Band, sondern die sie ALS FRAU trifft, sie zielt auf ihr Frausein ab. Diese Beleidigung sagt nicht „Weidel sagt bekloppte Dinge“ oder „Weidel hat mal wieder was megabescheuertes rausgehauen“ oder sonstwas, sondern sie hat zum eigentlich Kern, Weidel herabzusetzen, WEIL SIE EINE FRAU IST. Das ist schlicht NICHT OKAY. Ich begreife nicht, wie man das verteidigen kann. Wenn eine schwarze Person was beklopptes sagt, ist es doch wohl auch ein Unterschied, ob ich sage „das war jetzt echt hirnverbrannt / völliger Bockmist / …“ oder ob ich sage „du Neg**“. Warum muss man das überhaupt erklären? Das Wort „Schlampe“ trifft nicht nur Weidel, es trifft uns Frauen, es trifft alle Frauen ALS FRAUEN.

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Polyamorie – Befreiung oder Patriarchat in neuen Kleidern?

Wenn man sich aktuell auf Datingplattformen umsieht, bekommt man schnell den Eindruck, dass monogame Beziehungen ganz schön old school sind. Viele ab Mitte 20 bezeichnen sich selbst als “polyamorös”, also als Menschen, die ohne Eifersucht und Besitzdenken Beziehungen mit mehreren Partnern eingehen. Das Konzept der Polyamorie erfährt bereits seit einigen Jahren viel Aufwind, ganz neu ist es nicht. Schon in den 68ern galt: “Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment”. Von dieser Haltung gibt es eine direkte und sexistische Kontinuität zum aktuellen Polyamorie-Trend.

Von der freien Liebe, die gar keine ist

Die Idee, neue Beziehungs- und Liebesformen, also “freie Liebe” auszuprobieren, gibt es nicht erst seit der Hippie-Zeit, auch in den freiheitsliebenden 1920er Jahren fanden sich erste Ansätze dazu. Besonders in linken und linksliberalen Zusammenhängen gibt es Anhänger von neuen Beziehungsformen. Die bürgerliche Ehe wird als Zwangskonstrukt verstanden, das der Entfaltung des Individuums und der Liebe entgegensteht. Wahrlich wird kaum jemand bestreiten, dass eine Ehe früher wenig mit Liebe, aber viel mit Besitz, Bürgerlichkeit und vor allem patriarchaler Ordnung zu tun hatte. Auch heute noch begünstigt ein Trauschein vor allem jene Lebensmodelle, die euphemistisch “traditionell” genannt werden, in Wirklichkeit aber vor allem den Männern dienen: Klassische Versorgerehe, sie bleibt daheim und kümmert sich um Haushalt und Kinder und wenn er sie nach ein paar Jahren gegen ein jüngeres Modell austauscht, hat sie Pech gehabt.

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Nationalismus, Trauma und Patriarchat

Bundesarchiv, Idealbild der deutschen Mutter aus: SS-Leitheft, Februar 1943, CC-BY-SA 3.0

Ein Gastbeitrag von Antje Holtzmann

Wir alle haben ein Bild vor Augen, wenn wir an Neonazis denken: Springerstiefel, Glatze, Thor Steinar oder Consdaple Kleidung, grölend mit einer Flasche Bier in der Hand. Wenn wir an Neonazis denken, denken wir in der Regel an einen weißen cis-Mann. Aber was ist mit den Frauen der Bewegung? Wie dürfen wir uns die Rolle der Frau der rechten Szene vorstellen und was sind Beweggründe, sich als Frau einer absolut misogynen Bewegung anzuschließen? Oder wie kommt es, dass Menschen dem Nationalismus verfallen, die gar nicht dumm genug sind, den haltlosen Argumenten dieser Ideologie glauben zu schenken?

Nach drei Jahren in der rechten Szene kann ich von meinen persönlichen Erfahrungen erzählen und glaube auch, eine neue Perspektive auf das Thema eröffnen zu können.Um Zusammenhänge besser aufzeigen zu können, muss ich erst einmal ein bisschen autobiographisch werden. Ich komme aus einer bayrischen Großstadt, wuchs ohne Vater bei einer psychisch kranken Mutter auf und kam dann zu Pflegeeltern. Die Zeit bei meiner Mutter war ich mit ihren Traumata konfrontiert und wurde auch selbst von Bekannten der Familie sexuell missbraucht. Ab meiner Pubertät erlebte ich immer wieder sexuelle Gewalt und begann dann mit 14 mit der Prostitution. Frauenhass war für mich sowohl Realität, als auch Normalität. Auch meine Mutter negierte jegliche Weiblichkeit. Sie schnitt mir seit meinem zweiten Lebensjahr die Haare kurz und wandelte meinen Vornamen in die männliche Variante um. Sie selbst gab sich auch Mühe, möglichst maskulin auszusehen.

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Ich bin eine Frau – nicht nur am Frauentag

Ich bin eine Frau. Dieser Satz ist ebenso simpel wie allumfassend. Er bestimmt mein ganzes Leben und auch das meines Umfeldes. Ich werde als Frau wahrgenommen, als Frau behandelt, wurde als Frau geboren, werde als Frau sterben.

Die Hälfte der Weltbevölkerung besteht aus Frauen. Trotzdem ist vielen nicht bewusst, was das eigentlich bedeutet: eine Frau zu sein. Mein Umfeld meldet mir häufig zurück, ich solle mich nicht so sehr darauf versteifen, denn ich wäre ja noch viel mehr als eine Frau. Bin ich das?

Natürlich, es gibt vieles, was mich ausmacht. Ich bin Erziehungswissenschaftlerin, Studentin, Läuferin, Hundebesitzerin. Ich bin lesbisch. Ich bin manchmal wild entschlossen, manchmal sprachlos, mal laut, mal leise. Ich bin hitzköpfig, denke über alles endlos nach, bin zielstrebig und ehrgeizig. Und all das bin ich: als Frau.

Erst seit ein paar Jahren ist mir bewusst, was das in seiner Gänze bedeutet. Als ich ein Mädchen war, wusste ich natürlich, dass ich irgendwann mal eine Frau werden würde. Ich hörte einmal, wie sich meine Mutter mit einer Freundin darüber austauschte, ob ihre Töchter denn schon ihre Tage hätten. Das wäre ja ein wichtiger Schritt, damit würde sich nun vieles ändern. Wenn du deine Tage hast, bist du deinem Schritt zur Frau ein gutes Stück näher gekommen. Du wirst bald mit Männern Sex haben, du kannst nun schwanger werden. Das ist es, was dich als Frau ausmacht.

Etwa im gleichen Alter gab es in der Schule unter uns Mädchen nur ein Thema: unsere Zukunft. Den wenigsten ging es dabei darum, die eigenen Stärken auszubauen und zu verwirklichen. Nein, Zukunft bedeutete, sich auszumalen, wie der künftige Ehemann aussehen sollte, wie viele Kinder man mit ihm zeugen würde und wie das Einfamilienhaus auszusehen hätte.

Kurze Zeit später wurde mir auch physisch bewusst, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Meine Brüste waren nun deutlich wahrnehmbar, und auch ich nahm mich anders wahr. Mir wurde mit voller Wucht bewusst, dass dieser Körper nicht mir gehörte. Er war ein Buffet: Männer bedienten sich an verschiedenen Stellen, wie es ihnen gerade genehm war. Und ich sollte mich daran erfreuen. Denn ich war ja eine Außenseiterin, aber plötzlich hatte ich große Brüste und damit doch eine Chance auf Aufstieg.

Die Schule hatte großen Anteil daran, dieses Gerüst aufrechtzuerhalten. Es war so selbstverständlich, dass es immer nur um Männer ging, dass es niemandem von uns auffiel. Dass es immer wieder Frauenbewegungen gab, dass wichtige Philosophinnen, Ärztinnen und Naturwissenschaftlerinnen Geschichte geschrieben haben, das lernte ich erst im Studium.

Dass sich Männer, und zwar ganz besonders Männer in Machtpositionen, alles erlauben dürfen, das lernte ich hingegen schon in der Schule. Ich erinnere mich noch gut an einen Lehrer, der Schülerinnen regelmäßig zu nah kam. Wenn wir Gruppenarbeit machten oder eine Frage stellten, kniete er sich vor unsere Tische, so dass sein Gesicht nur wenige Zentimeter von unserem entfernt war. Als dies auf einem Elternabend thematisiert wurde, grinste besagter Lehrer breit und süffisant und belehrte unsere Mütter, so wäre das eben in dem Alter, wir würden uns das eben alle wünschen und uns deshalb einbilden, es würde passieren. Die Allmachtsfantasien eines Junglehrers: eine ganze Klasse 14-jähriger Mädchen fährt voll auf ihn ab.

Es passierte natürlich nichts weiter und die Botschaft an uns lautete: So ist er eben. Müssen wir mit umgehen. Pech gehabt.

Eine Botschaft, die sich durch mein Leben als Frau zieht. Ich habe Pech gehabt. Ich gehöre zu der Hälfte der Weltbevölkerung, die keine Rechte hat. Dieser Gedanke, wenn man ihn einmal wirklich zulässt, ist ein vernichtender. Mich hat er in eine tiefe Krise gestürzt. Ich verstehe, warum ihn so viele Frauen nicht zulassen und zu Ende denken möchten. Aber nur das kann uns letztendlich befreien. Wir müssen konsequent zu Ende denken. Wir müssen uns mit unserer Geschichte als Frauen beschäftigen. Wir müssen verstehen, und zwar wirklich verstehen, bis in die letzte Zelle unseres Körpers, was es bedeutet, im Patriarchat eine Frau zu sein.

Morgen ist Frauentag und ich habe lange überlegt, auf eine Demo in meiner Stadt zu gehen. Letztlich habe ich mich dagegen entschieden. Im Veranstaltungstext heißt es, man gehe auf die Straße, um sich gegen alle möglichen Diskriminierungsformen zu positionieren. Wir stellen die Hälfte der Weltbevölkerung, aber nicht einmal an einem einzigen Tag im Jahr dürfen wir einfach nur für uns auf die Straße gehen? Niemand käme auf die Idee, bei einer Demo gegen die Macht von Großbanken darauf zu bestehen, gleichzeitig auch für die Rechte von nicht-binären Personen zu demonstrieren. Selbstverständlich ist die Demo außerdem offen für alle, die sich solidarisch zeigen möchten. Macht ja aber ohnehin keinen Unterschied mehr, wenn ohnehin alle eingeschlossen sind, die sich als Frauen identifizieren.

Meine feministische Vision ist eine andere. Ich möchte nicht am Frauentag gemeinsam mit Männern auf die Straße gehen in der Hoffnung, dass wir ja in naher Zukunft ganz gleichberechtigt nebeneinander leben könnten. Es wird nicht passieren, denn Männer haben nicht das geringste Interesse daran. Sie alle profitieren vom Patriarchat. Frauen sind die einzige unterdrückte Gruppe, die mit der Überzeugung aufwächst, dass ihr Unterdrücker zum wichtigsten Menschen ihres Lebens werden muss. Dass sie Kinder mit ihrem Unterdrücker haben, ihn lieben und als ihren Retter ansehen soll.

Solange wir mit Männern zusammen leben, sie uns wichtiger sind und wir uns solidarischer mit ihnen zeigen als mit anderen Frauen, ja, als mit uns selbst, solange wird sich außer ein paar Schönheitsoperationen am Patriarchat nichts ändern. Das haben mich die feministischen Klassiker, unsere Vordenkerinnen, gelehrt. Das System Patriarchat kann nur dann nicht mehr funktionieren, wenn Frauen nicht mehr mitmachen. Wenn Frauen eigene Kulturen bilden, nicht mehr mit ihrem Unterdrücker zusammen leben, sondern sich gegenseitig ihr Leben und Wirken widmen. Das ist eine unpopuläre Position, selbst in feministischen Kreisen, und ich rechne auch dieses Mal wieder mit viel Kritik dafür. Denn diese Position bedeutet, alles neu denken zu müssen, auch bestimmte Dinge aufgeben zu müssen. Aber sich einem System zu verweigern, das unser ganzes Leben bestimmt, erfordert nun einmal drastische Maßnahmen.

Ich werde es mir morgen bei mir zu Hause gemütlich machen. Mit meiner Hündin, auf meinem Sofa, mit Büchern von Mary Daly, Audre Lorde und Sheila Jeffreys. Für meinen persönlichen Frauentag.

Andrea Dworkin: Es braucht ein Dorf…

Andrea Dworkin

By Open Media Ltd. (Uploaded by Open Media Ltd. (AnOpenMedium)) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Nachfolgend ein Ausschnitt aus “Heartbreak:The Political Memoir of a Feminist Militant” von Andrea Dworkin (2002)

Es passiert so oft, dass man, zumindest ich, nicht Schritt halten kann. Einer Frau wird nur dann geglaubt, wenn auch andere Frauen vortreten und sagen, dass der Mann oder die Männer, sie auch vergewaltigt hat / haben. Die Sonderbarkeit sollte offensichtlich sein: wenn ich ausgeraubt werde und mein Nachbar nicht, dann wurde ich trotzdem ausgeraubt – es gibt keine gesetzliche oder soziale Vereinbarung, dass auch meine NachbarInnen ausgeraubt werden müssen, damit mir, dem Opfer eines Raubes, geglaubt wird.

[…]

Es braucht ein ganzes Dorf von Frauen um einen Vergewaltiger festzunageln. Manche Vergewaltiger haben Hunderte von Kindern belästigt oder ihnen sexuelle Gewalt angetan, bevor sie erstmals gefasst werden. Vergewaltiger von Frauen sind intellektuell oder unterbemittelt, weiße oder schwarze Unterschicht, geschickt und brutal, schlau und dumm; manche haben viel erreicht im Leben; manche sind reich; manche sind berühmt. Weil immer die Frau vor Gericht steht – diesmal, damit ihre Glaubwürdigkeit evaluiert werden kann – braucht es immer mehr als eine, um die Verhaltensmuster des Täters zu bezeugen.

[…]

Das Glaubwürdigkeitsthema ist geschlechtsspezifisch: Es ist faszinierend, dass es bei all diesen Vergewaltigungen nur so wenige Vergewaltiger gibt. […] Ein Rat an junge Frauen: versucht nicht die Erste zu sein, denn dann gibt es keine anderen, die eure Geschichte bestätigen können. Ihr könnt euch Glaubwürdigkeit nicht verdienen; ihr könnt sie nicht kaufen; ihr könnt sie nicht faken; und ihr seid Närrinen, wenn ihr denkt, ihr hättet sie.