Das Eigene und das Fremde – über kolonialistischen Feminismus

Woman Power Symbol, Feminist Fist

Public Domain C00

Der tägliche Blick in die Facebook Chronik offenbart immer wieder dasselbe Bild: Frauen in der so genannten “westlichen Welt” haben Probleme, und zwar nicht zu knapp. Aber gegenüber Frauen in als “muslimisch” identifizierten Ländern ist das alles ja ein Fliegenschiss. Deren Leben wird pauschal als ein Alptraum definiert. Und: “Westliche” Frauen fühlen sich offenbar bedroht, ich meine eine gewisse Angst aus all diesen Postings herauslesen zu können. Kontextuell gesehen wird das eigene Leben dann doch als “befreiter” bewertet, als das der anderen. Man könnte auch sagen: Die eigene, “westliche” Kultur wird als fortschrittlicher definiert, als die “muslimische”. Denn dort werden Frauen per definitionem schlecht behandelt, wer etwas anderes sagt gilt als “unehrlich”.

In der Tat: Die Bedingungen unter denen Frauen leben müssen variieren von Land zu Land. Aber der Gleichstellungsäquator läuft sicherlich nicht zwischen Orient und Okzident.

Die Wahrheit ist: Auch jene Staaten, in denen die Mehrheit der Bevölkerung muslimisch ist, unterscheiden sich teilweise eklatant. Genauso wie jene Staaten, die mehrheitlich nichtmuslimisch sind. Es gibt Unterschiede nach Urbanität, ländlichen Gebieten, sozialer Klasse, der Geschichte, des Vorhandenseins nationaler Befreiungsbewegungen, der Armut in einem Land, usw. Ein wissenschaftlicher Beweis über das Nichtvorhandensein oder die mangelnde Entwicklung von Frauenrechten in als “muslimisch” definierten Ländern bleiben jene die das behaupten schlicht schuldig. Offensichtliche Dinge werden einfach übersehen, so zum Beispiel die Tatsache, dass es in vielen “muslimischen” Staaten bereits gewählte weibliche Staatsoberhäupter gab, und zwar schon lange bevor Angela Merkel im Jahr 2000 Deutschlands erste Bundeskanzlerin wurde (geschweige denn von den USA, wo es noch nie eine Präsidentin gegeben hat).

Wenn Feminist*innen eine liberale, fortschrittliche, “westliche” Welt, einer barbarischen, frauenfeindlichen, “muslimischen” Welt gegenüberstellen, dann spricht man von einem “kolonialistischen Feminismus” (auch: “gendered orientalism”) (Quasi ein “white men saving brown women from brown men” nur mit Frauen statt Männern)

Diese Form von Feminismus kann auch imperialistische Züge annehmen, nämlich dann, wenn beispielweise wie in Afghanistan die “Befreiung der Frau” als Ziel einer militärischen Intervention, also als Pseudo-Entschuldigung für einen Krieg um es klardeutsch zu sagen, herhalten muss. Es klingt ja auch irgendwie, hmm, vielleicht humaner, für die Rechte von Frauen zu morden, als zum Beispiel für Öl oder andere Bodenschätze. Da spielen dann auch die Stimmen feministischer Organisationen aus den betroffenen Gesellschaften keine Rolle, die sich eindeutig gegen solche Einmischungen von außen verwahren – und das zu Recht: Die Lage der Frau in Afghanistan ist heute, mehr als 13 Jahre nach Beginn der westlichen Intervention, dramatischer denn je. Machen wir uns nichts vor: Niemand käme auf die Idee für Frauenrechte in einen Krieg zu ziehen, es lässt sich einfach nur besser verkaufen. Mit etwas Glück lassen sich dann auch ein paar bekannte Feminist*innen als Befürworter*innen gewinnen. Siehe Naomi Wolf, die nach dem ersten Golfkrieg die weiblichen US-Soldatinnen für ihren Mut lobte für Frauenrechte in den Krieg zu ziehen – ohne die 200.000 in diesem Krieg getöteten Iraker*innen (Männer, Frauen und Kinder) auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Die amerikanische Professorin Deepa Kumar stellt ganz richtig fest, dass “westliche” Frauen genauso wenig ihre eigene Befreiung auf den toten Körpern der Kriegsopfer erlangen können, wie arabische Frauen durch einen Bombenregen auf Syrien die ihre. Imperialismus befreit nicht, und zwar niemanden, er unterjocht.

Dies sollte man immer im Hinterkopf haben wenn Horror-Geschichten aus der “muslimischen” Welt durch die sozialen Netzwerke und Medien geistern.

Ja, man sollte benennen dürfen, wenn in anderen Teilen der Welt Unrecht geschieht. Solange es aber nur die negativen Dinge sind, die man wahrnimmt und weiterverbreitet und nicht die positiven, ist dies hochproblematisch. Vor allem dann, wenn eine Überlegenheit der eigenen Kultur in den Äußerungen mitschwingt, oder kulturelle Gegebenheiten nur einem Teil der angesprochenen Bevölkerung zugeschrieben werden, meistens nur dem muslimischen Teil (während die gleichen kulturellen Bräuche auch von Nichtmuslimen gelebt werden – siehe zum Beispiel FGM). Dann haben wir es häufig mit Rassismus zu tun, in der Regel mit antimuslimischem Rassismus. Und nicht zuletzt eben auch mit kolonialistischem Feminismus.

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