Das Internet – inzwischen eine weitere Bastion des Patriarchats

Frau am Laptop

via Pixabay, Public Domain

Das Internet ist für viele von uns ein Ort der Freiheit. Auch für Frauen war es das lange Zeit. Doch seit einigen Jahren ist aus dem Internet ein frauenfeindlicher, frauenhassender Ort geworden. Bloggende Frauen, Frauen, die sich auf Twitter oder in Foren bewegen, werden kübelweise mit misogynen Kommentaren überschüttet, auf Facbeook schießt eine sexistische Seite nach der anderen Seite in die Höhe – “Women eating on tubes” sei da nur als ein Beispiel genannt – von der Allgegenwärtigkeit frauenverachtender und gewaltverherrlichender Pornoseiten ganz zu schweigen.
Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem wachsenden Frauenhass im Internet und dessen zunehmender Kontrolle durch Marketing, Unternehmen und die Datensammler. Wir sind dabei, das Internet zu verlieren – wir als Frauen und als Gesellschaft.

Die Vision des freien Internets

Tim Berners-Lee, der Erfinder des Internets, wollte, dass das Internet ein freier Ort für alle Menschen ist, frei von ökonomischen und politischen Einflüssen, von sozialer Konditionierung und Wertung. Er wollte, dass es ein Ort, ist, an dem sich Menschen in Foren treffen, sich finden, Informationen austauschen, sich miteinander verbinden, vollkommen egal, in welchem Körper man sich befindet. Wen interessiert schon, welches Geschlecht du hast, wenn du im Netz unterwegs bist? Ganz am Anfang, jener Anfang, den viele von uns Mittzwanzigern bis Anfangdreißigern aktiv erlebten, war das auch so. Die Nächte, die wir in den Chatrooms unterwegs waren, aufgeregt ohne Ende, einfach Menschen von überall her zu treffen und mit ihnen zu chatten. Dann kam irgendwann die Angst, hinter der 17jährigen Schülerin könnte sich ein 59jähriger Perversling verstecken, doch wir lernten, auch damit umzugehen. Auch das Big Business entdeckte das Internet und auf einmal wurden die großen Deals hier geschlossen. Shopping? Na, das machte man jetzt online. Blogs entstanden und die Deutschen entdeckten ihre geliebten Foren zu allem, von Schwangerschaft bis Esoterik. Doch dann geschah etwas. Auf einmal war es nicht mehr egal, ob du Mann oder Frau warst im Internet. Es geschah etwa zur gleichen Zeit, als der Feminismus endgültig seine Schlagkraft verlor. Da war Ende der 2000er Jahre, zur gleichen Zeit, als das Internet übernommen wurde von den Werbetreibenden und den Datensammlern.
Laurie Penny schreibt dazu in ihrem Buch “Cybersexism: Sex, Gender and Power on the Internet:

The feminist revolution and the digital revolution have grown up together, and are both incomplete. They pose fundamental, frightening questions about the nature and organisation of human society that are deeply scary to those in power and in both cases, the backlash is on.

Das Internet ist kein Ort für Frauen

Das Internet ist heute ein frauenfeindlicher Ort, voller Magermodels und Pro-Ana-Seiten (Seiten, die Magersucht verherrlichen und Anleitungen geben, wie Anorexie am besten ausgelebt wird).
Schreiben ist für viele Menschen die einzige Möglichkeit, sich auszudrücken, Kritik zu üben, Erfahrungen zu teilen, dem Inneren Luft zu verschaffen. Deshalb gibt es Blogs. Doch es gibt nichts, was das Internet mehr hasst als bloggende Frauen. Das erleben Frauen auf Twitter, das erleben wir bei den Störenfriedas. Frauen sollen auch und vor allem im Internet zum Schweigen gebracht werden, obwohl das hier der einzige Ort ist, an dem sie sich ausdrücken können, weil sie wenigstens keiner offiziellen Zensur unterliegen. Hier müssen sie nicht um die Aufmerksamkeit der Mainstream-Medien buhlen, hier finden sie ihre Leser. Also wird eine andere Art von Zensur geübt – misogyne Kommentare, lächerlich machen, beschimpfen und wenn gar nichts mehr geht, dann auch persönliche Angriffe mit Hassseiten voller Fotos mit persönlichen Daten.
Jedes Foto, jede Information, die eine Frau ins Netz stellt, und sei sie noch so harmlos, kann gegen sie verwendet werden – und sie wird es. Harmlose Urlaubsfotos im Bikini? Dein Arbeitgeber wird sie finden.

Seine vielleicht frauenfeindlichste Seite zeigt das Internet zur Zeit mit seinem “Revenge Porno” – dort können geschmähte Ex-Freunde Sexvideos, die ihre ehemaligen Freundinnen im Vertrauen mit ihnen aufgenommen haben, ins Internet stellen und mit ihren persönlichen Daten verknüpfen. Das Leben dieser Frauen ist für immer zerstört, jeder zukünftige Arbeitgeber wird bei jeder Google-Suche auf diese Videos oder Fotos stoßen.

Die Frauenhasser im Internet

Nicht alle Männer haben Freude daran, Frauen im Internet mit Dreck zu bewerfen. Es ist nur ein kleiner Teil. Aber dieser kleine Teil arbeitet mit Angst. Er will Frauen – nicht nur Feministinnen, wenn auch die im besonderen – dazu bringen, sich aus dem Internet herauszuhalten – und vor allem wollen sie eine Botschaft aussenden: Haltet euch fern, haltet eure Töchter fern, damit euch genau das nicht passiert. Männer wollen die Macht über das Internet, das Internet soll ihnen gehören. Ihnen allein, ihrem Fußball, ihrem Porn, ihrem Rassismus, ihrem Frauenhass. Denn sie erkennen die Gefahr, die darin für sie steckt. Frauen können sich über das Internet vernetzen. Sie können Blogs gründen, schreiben, kritisieren, sie können richtig laut werden, Shitstorms anzetteln, Themen auf die Tagesordnung setzen – und niemand, kein Chef vom Dienst, kann sie zur Räson bringen. Die Möglichkeit, Frauen mit Beleidigungen und Bedrohungen via Internet zu überziehen, sind vielleicht neu – die Methoden sind es nicht. Es geht darum, sie zu beschämen (Nacktbilder), zu demütigen (Beschimpfungen oder Details aus dem Privatleben) oder zu bedrohen (Veröffentlichen privater Daten oder direkte Bedrohungen). Die vermeintliche Anonymität des Internets und die gleichzeitige Öffentlichkeit macht es dieser Art von Männern besonders leicht, ihrem Frauenhass so richtig freien Lauf zu lassen. Auge in Auge mit einer Frau würden sie das vermutlich nie fertig bringen.

Was diese Frauenhasser wollen, ist Angst zu verbreiten. Frauen sollen sich fernhalten. Sie sollen schweigen, die Kritik an den herrschenden Verhältnissen soll verstummen. Gleichzeitig wird durch die Allgegenwärtigkeit dieses Frauenhasses, von Youtube-Videos mit den entsprechenden Rap-Texten über frauenverachtende Facebook-Seiten und Fotos, über Kommentare und Hassseiten, der Frauenhass im Internet normalisiert. Nur wenige trauen sich zu widersprechen – aus Angst, das nächste Opfer zu werden.

Das Internet – eine patriarchale Bastion?

Vor wenigen Monaten gab es eine aufgeregte Diskussion darüber, dass es Frauen extra schwer gemacht wird, am größten Wissensprojekt unserer Zeit mitzuarbeiten: Wikipedia. Das bedeutet, auch im Jahr 2014 wird Wissen, also das, was wir wissen und was wir recherchieren, vor allem von Männern geschrieben und durch ihre Sichtweise bestimmt. Wer daran Zweifel hat, der möge sich die Artikel zu Prostitution oder zu Geburtshilfe durchlesen.

Für viele Frauen ist es nur möglich, sich im Internet zu bewegen, zu bloggen oder Social-Media-Aktivitäten aufzunehmen, wenn sie dies unter Aliasnamen tun, die nicht auf ihre reale Person zurückzuführen sind. Die NSA weiß darüber natürlich trotzdem Bescheid – doch diese Aliasnamen schützen uns vor dem Frauenhass, vor Bedrohung, Stalking und Beschimpfung. Nicht wenige Bloggerinnen standen schon unter Polizeischutz, erhielten Morddrohungen über Twitter oder, das ist eigentlich am beliebtesten, die Ankündigung, sie gehörten mal richtig vergewaltigt. Trotzdem kann es uns nie ganz gelingen, unser Online-Leben zu kontrollieren, Google, Facebook, sie alle sind zu mächtig. Irgendwo, irgendwie findet sich immer eine Verbindung und wer lange genug sucht, wird sie finden. Wir haben keine Kontrolle darüber. Das Traurige daran ist, dass die Gefahr dabei nicht ist, dass die NSA unsere Blogbeiträge mitliest. Das Traurige ist, dass es Männern die Chance geben würde, den Mob loszulassen, der uns weltweit als “Schlampen” brandmarkt. Noch nie ein heißes Foto an einen Ex geschickt? Ganz sicher, dass er es gelöscht hat? Es nie weitergegeben hat? Für jede Frau wäre das eine Katastrophe. Die richtige Reaktion darauf ist eigentlich: “Na und – Privatsache.” Aber so funktioniert unsere Gesellschaft nicht und daher auch nicht das Internet. Eine Frau, die für ihren Freund (!) halbnackt posiert, ist eine “Schlampe”, “Nutte”, die den geballten Frauenhass des Internets verdient hat – und zwar, weil das Internet nach patriarchalen Regeln funktioniert. Der gleiche Blogbeitrag – von einem Mann geschrieben – hat doppelt so viel Impact, als wenn ihn eine Frau schreibt.

Das Internet und der Porno

Der Anteil von Pornoseiten im Internet ist gigantisch. Er liegt zwischen zwei Dritteln und 80 Prozent. Die Pornoindustrie hat entscheidend daran mitgearbeitet, das Internet zu dem zu machen, was es heute ist. Das Internet hat auf der anderen Seite aber auch entscheidend daran mitgearbeitet, den Porno so gewalttätig und frauenverachtend zu machen, wie er heute ist. Heute können die Nutzer direkt kommentieren, sie können sich in Foren austauschen, sie können sich beim Sex mit Prostituierten filmen und diese bewerten. Nie war es leichter, an Pornomaterial zu kommen, ohne dabei zumindest von den Nachbarn gesehen zu werden. Die Überpräsenz des Pornos und seiner Struktur, die Frauenverachtung, die Gewalt, ist nur ein weiterer Ausdruck der patriarchalen Struktur des Internets – denn diese Angebote richten sich ausschließlich an Männer. Sie sind für Männer gemacht.

Das Internet gehört den Männern

Zwei Drittel des Internets gehört den Männern. Wikipedia gehört den Männern. Der Platz für die Frauen wird immer enger. Frauen müssen überlegen, welche Fotos sie wo von sich in den sozialen Netzwerken posten, welche Informationen sie freigeben, damit diese nicht zu einer misogynen Waffe gegen sie verwendet werden. Nimmt man dann noch die expliziten Hassseiten gegen Feministinnen, die Antifeministen und Maskulisten hinzu, wird der Raum immer kleiner. Das wundert nicht, wenn man bedenkt, dass nur etwa 15 bis 17 Prozent der Entwickler im Silicon Valley Frauen sind. Schon in der Schule werden Mädchen eher darauf konditioniert, sich schön anzuziehen und zu schminken, als vor dem Computer rumzuhängen, zu lernen, was man mit diesen Dingern alles anstellen kann. Wenn sie mit der Schule fertig sind, haben die Jungs einen unaufholbaren Vorsprung. Und warum? Weil wir Mädchen erzählen, dass gut auszusehen das Einzige ist, das in dieser Gesellschaft wirklich zählt. Wen interessiert da schon so was wie das Internet, es sei denn, man stellt ein Selfie auf Facebook oder Instagram. Und das alles, obwohl es Studien gibt, die eindeutig belegen, dass es in der Hirnstruktur von Frauen und Männern keinerlei Unterschiede gibt, die Letztere besser dazu befähigen würden, mit Computern umzugehen. Es ist pure Sozialisation, von Kindesbeinen an. Jungs haben einen Gameboy, ein Tablet. Mädchen haben Barbies.

Englands berühmteste Bloggerin und Feministin Laurie Penny erhielt  Bombendrohungen, weil sie bloggte und Bücher schrieb, darüber, wie sexistisch unsere Gesellschaft ist. Sie ist, wie bereits erwähnt, nicht die einzige, die Polizeitschutz brauchte, Gerichtsverfahren anstreben musste und andere, drastischere Maßnahmen ergreifen musste, um sich gegen die gewalttätigen Drohungen zu erwehren, die gegen sie ausgesprochen wurden, auch Stop Porn Culture Aktivistin Gail Dines zum Beispiel machte  ähnliche Erfahrungen. Warum? Weil sie eine Frau ist, die bloggt. Über Feminismus. Gegen das Patriachat. Und viele hören ihr zu. Das rechtfertigt für viele ganz normale Männer mit ganz normalen Jobs, sie und ihre Familie mit Gewalt und Mord zu bedrohen. Und wir regen uns über die Scharia auf? Willkommen im patriarchalen Internet 2014.
Laurie Penny schrieb dazu:

By daring to be visibly female in public life, we’re asking to be abused and harassed and frightened, and so is any person with the temerity to express herself whilst in possession of a pair of tits.

Wäre Laurie Penny jetzt natürlich ein blondes Sternchen mit gemachten Titten, das dümmlich lächelnd von Fernsehshow zu Fernsehshow tingelt, wenn sie die ihr als Frau zugewiesene Rolle im Patriarchat annehmen und nicht bekämpfen würde, hätte sie vom Internet ein bisschen weniger zu befürchten. Frauen dürfen im Internet präsent sein. Als Magermodels, als sexy Püppchen, als Objekte. Sie dürfen nur nicht anfangen zu reden, oder besser: zu schreiben. Tun sie es trotzdem, so heißt es oft, sie seien nur auf der Suche nach “Aufmerksamkeit” oder sonstwie psychisch nicht ganz klar. Hätten ein Problem mit Männern. Wären radikal. Würde ein Mann sein Anliegen mit der gleichen Vehemenz und Logik vortragen – er wäre ein gefeierter Held und Anführer.

Das Internet und die Freiheit

Die Freiheit des Internets wird nicht nur durch die NSA bedroht, durch die ganzen Ereignisse des vergangenen Jahres von Snowden bis zum Selbstmord von Aaron Schwartz, die uns zeigten, wie sehr die Geheimbehörden uns alle kontrollieren, überwachen, über das Internet in unsere Intimsphären eindringen, dass das Internet das Gegenteil von Freiheit ist, dass jeder Satz, den wir schreiben, mitgelesen, kontrolliert wird, das jeder von uns schon längst auf ihrem Radar sein kann, für einen falschen Kontakt, einen falschen Blogbeitrag. Das Internet ist in Gefahr und wir tun nichts dagegen, das hat Sascha Lobo auf einem Eröffnungsrant auf der re:publica mehr als deutlich gemacht. Aber das ist nicht die einzige Gefahr des Internets. Der sich ausbreitende, immer mehr als normal empfundene Frauenhass bedroht die Freiheit des Internets ebenso. Das letzte herausragende Beispiel war der Shitstorm gegen die sogenannte “Schlampe von Slane”, der ein minderjähriges Mädchen in einen psychischen Zusammenbruch trieb.

Die Lüge von der Zensur

Wenn es darum geht, das Internet von seinem Frauenhass zu befreien, dann werden ganz schnell die Zensurrufe laut. Ally Fogg hat dazu etwas Schönes geschrieben:

Stell dir vor, das ist nicht das Internet, sondern ein öffentlicher Platz. Eine Frau stellt sich auf eine Seifenkiste und stellt eine Idee vor. Sofort ist sie von 5.000 wütenden Männern umgeben, die sie auf übelste Art beschimpfen, um sie zum Schweigen zu bringen. Ja, es gibt ein Problem mit freier Meinungsäußerung im Internet. Aber nicht das, von dem immer die Rede ist.

Die Freiheit der Meinungsäußerung hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Recht auf Beschimpfung, Demütigung und Beleidigung zu tun. Das ist die Freiheit, auf die die Männer hier pochen, sie wollen uns weiter beschimpfen und fertig machen können, wenn es ihnen passt, wenn wir auf Twitter mal wieder zu laut werden, ein Hashtag gründen, um unsere Erfahrungen zu sammeln, sie wollen sich das Druckmittel, uns zum Schweigen zu bringen, nicht nehmen lassen. Das ist es, was sie unter Zensur verstehen. Natürlich wollen sie sich auch all die frauenverachtenden Pornobildchen nicht nehmen lassen – denn so lässt sich die nervige Vorgesetzte viel besser ertragen, wenn man sich danach auf einen “Office Sex Porno” einen runterholen kann.

Holen wir uns das Internet zurück!

Wir müssen die misogynen Kräfte im Internet bändigen, es muss wieder ein Ort werden, an dem es nicht zählt, zu welchem Geschlecht man gehört, an dem Frauen keine Angst mehr haben müssen, an dem Frauen sich Räume zurückerobern oder neue einrichten, an dem sie gehört und wahrgenommen und respektiert werden. Und damit kann jeder einzelne von uns beginnen. Widersprechen wir den misogynen Kommentaren, melden wir die ekelhaften Facebookseiten, lachen wir nicht über frauenverachtende Witze und sagen wir dem Porno den Kampf an. Das hat nichts mit Zensur zu tun. Im Gegenteil. Das ist ein Kampf für unsere Freiheit. Fangen wir an zu bloggen, finden wir eine gemeinsame Sprache, reden wir über Erfahrungen, über das, was Frauen wollen und nicht wollen, üben wir Kritik, werden wir laut und nutzen wir das Internet als unser globales Sprachrohr. Das Internet gehört nicht den Männern, ebenso wie ihnen nicht die Welt gehört, auch wenn sie das gerne glauben wollen. Wir sind hier, wir vernetzen uns und finden uns zusammen und wir werden uns nicht einschüchtern lassen. Frauenverachtung ist keine Waffe. Sie ist ein Armutszeugnis. Offline und Online.

Tipp zum Weiterlesen:
Laurie Penny: Cybersexism. Sex, Gender and Power on the Internet. Erschienen bei Bloomsbury 2013

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