Weibliche Sexualität – oder das Leben ist zu kurz für zufällige Orgasmen

Wir haben uns als Störenfriedas Gedanken darüber gemacht, warum bei all diesen Diskussionen um Porno, um Prostitution, um Rape Culture und um die Sprache dazu immer der männliche Blick auf Sexualität im Vordergrund steht und uns ist dabei bewusst geworden, dass wir selbst diesen Blick auch einnehmen, wenn wir dieses Verhalten kritisieren. Der Fokus liegt immer auf dem Mann. Aber was ist mit unserer Sexualität? Es gibt unterschiedliche Studien, die belegen, dass Frauen beim Verkehr mit ihren Partner keinen Orgasmus haben. Sie genössen aber das Gefühl der Nähe und hätten auch ein gewisses Gefühl der Erregung. Körperliche Ursachen für den ausbleibenden Orgasmus gibt es nicht. Bei der Selbstbefriedigung klappt es. Ich habe mit vielen meiner Freundinnen – meiner nichtfeministischen Freundinnen – gesprochen und tatsächlich – sie schlafen mit ihren Freunden, ohne je selbst einen Orgasmus zu haben. “Das ist mir nicht so wichtig”, sagen sie dann. Ich habe dann den Kopf schief gelegt und gefragt: “Hattest du denn jemals einen, dass du so etwas sagen kannst?” – denn ich kann einfach nicht begreifen, dass Frauen auf so einen elementaren Teil ihrer Sexualität einfach so verzichten, nur weil ihre Partner nicht in der Lage sind, auf die Bedürfnisse ihrer Freundinnen einzugehen. Ich habe mich in meinem Leben irgendwann entschieden, einen anderen Weg zu gehen. Mir war meine Lust nicht egal, ich habe sie nicht irgendeiner Partnerschaft untergeordnet, ich wollte das genau wissen, was mich anmacht und warum und ich habe so manche Ausflüge an bizarre Orte unternommen, um dann festzustellen, ob mir das gefiel oder nicht. Aber ich bin den Dingen auf den Grund gegangen, meiner eigenen Lust. Bin ich eigentlich lesbisch? Oder stehe ich nur auf bestimmte Frauen? Bin ich also bi? Aber eigentlich schlafe ich am liebsten mit Männern. Ich mag Dominanz – geht das als Feministin überhaupt und bin ich deswegen SMlerin? Alles Fragen, die zu klären waren – und ich habe sie geklärt für mich selbst und kann deshalb frei und unbefangen mit mir und meiner Sexualität umgehen. Aber der Weg dahin war steinig. Und oft auch ziemlich lustig.

Anfang 20 und jede Menge schlechter Sex

Ich habe mir vorgenommen, in diesem Text kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Wir Frauen, wir reden untereinander viel zu selten über Sex. Über all den schlechten Sex, den wir haben. Und warum der Sex so schlecht ist. Jede von uns kennt diesen Typ, der versucht, mit dir einen Porno nachzuspielen, den er sich kurz vorher angeschaut hat. Der deine Klitoris misshandelt, als sei sie ein Joystick und von dir noch erwartet, dass du ihm zum Ausgleich stundenlang oral befriedigst.
Nicht alle Männer sind so. Es gibt andere. Es gibt welche, die interessiert das wirklich, was Frauen fühlen und wollen und für die gibt es nichts Größeres, als sie zum Orgasmus zu bringen. Oft ist ihnen irgendwann in ihrem Leben eine Frau begegnet, die ihnen einfach erklärt hat, wie man das macht. Mit der Zunge, mit den Fingern, mit dem Festhalten, mit der Bewegung. Wenn du so jemanden triffst, hast du Glück. Oder du schaffst dir selbst so eine Beziehung, aber dazu muss man darüber reden. Und das ist schwierig, denn sofort kommt beim Mann der Gedanke auf, er habe als Liebhaber bisher versagt und brauche nun Anleitung. Das will natürlich keine Frau. Also spielt sie Orgasmen vor. Ich glaube, wenn Männer auch nur ansatzweise eine Ahnung hätten, wie viele Orgasmen Frauen ihnen vorspielen, nur damit sie endlich zum Ende kommen, sie wären erschrocken. Zuletzt hat mir jemand erzählt, es gäbe Studien, dass bis zu einem Drittel der Befragten während des Sex ihr Smartphone benutzten. Bei der Hälfte läuft der Fernseher im Hintergrund. Was für eine Art von Sex soll das sein?
Hinzu kommt, dass es Männer tatsächlich als Sex, also als gegenseitige Befriedigung verstehen, wenn sie von einer Frau oral befriedigt werden. Da liegt ein Denkfehler vor. Unsere Klitoris befindet sich nicht in unserem Rachen, auch wenn das so mancher Porno glauben machen möchte.
Nun gibt es ja angeblich doch keinen vaginalen und klitoralen Orgasmus, auch wenn ich das als Frau entschieden bestreiten möchte – es gibt sehr wohl einen Unterschied. Doris Lessing schrieb mal, der vaginale Orgasmus sei der echte Liebesbeweis einer Frau. Sie meinte damit, dass dieser Orgasmus eben völlige Hingabe bedeutet, vollständige Vereinigung.
Aber davon sind wir weit entfernt. In Foren fragen 16jährige, was sie denn machen können, dass der Analverkehr, den ihr Feund von ihnen verlangt, nicht mehr so weh tut. Und wie es ihnen gelingen kann, einen Penis ganz in den Mund zu nehmen, ohne sich direkt zu übergeben.
Da draußen sind jede Menge Männer unterwegs, die nach zwei Whatsapp-Nachrichten Penisbilder verschicken. Warum? Nun, Andrea Dworkin hat das mit dem männlichen Fetisch mal sehr schön erklärt. Weil für Männer Frauen nur Sexualobjekte und nicht Sexualpartner sind, kann praktisch alles zum Fetisch werden. Der Fetisch ist nur so eine Art Superbeschleuniger in Richtung Orgasmus. Deshalb kann er deine Füße schärfer finden als deine Brüste. Strange, ist aber so. Oder deine Schuhe. Oder deine Strümpfe. Diese Liste ließe sich beliebig fortführen. Nun muss man Männern zu Gute halten, dass trotz allem Porno die reale Sexualität für sie natürlich auch Neuland ist. Und wie sollen sie denn wissen, dass sie etwas anders machen sollen, wenn die Frauen nichts sagen? Gerade junge Männe Anfang 20, so gerade immatrikuliert, schwanken zwischen Unsicherheit und vermeintlicher intellektueller Überlegenheit, haben minimale sexuelle Erfahrung, außer sie sind echte Draufgänger, und in den Tiefen ihrer Herzen wohnt Angst vor den Frauen, die sie erst loswerden, wenn sie ein paar von ihnen entweder mies genug behandelt haben oder erwachsen werden. Letzteres kann bei einer ganzen Reihe nie eintreten, unabhängig vom Alter. Falten sind also kein Zeichen von Reife.

Was ist mit den Frauen?

Die weibliche Sexualität ist vollkommen aus dem Fokus geraten. Zu verdanken haben wir das natürlich dem Porno, dessen ganzer Sinn ja nur in der Erregung männlicher Geilheit besteht. Frauen kommen laut Pornologik nur nach einer Triple Penetration oder Gesichtsbesamung. Und es gibt sehr viele Männer, die das glauben und von ihren Partnerinnen erwarten, die auf der Suche nach der einen Pornobraut sind, mit der sie das jetzt endlich mal alles in echt anstellen dürfen. Die finden sie so leicht natürlich nicht – und landen dann bei einer Prostituierten. So läuft das Geschäft.
Und die Frauen? Mein erster vaginaler Orgasmus war ein Zufall. Ich glaube nicht, dass der Mann, mit dem ich schlief, ihn beabsichtigte, ich glaube ich und mein Vergnügen waren ihm ziemlich egal, denn er war ein ziemlicher Macho und ich ein ziemlich junges und ahnungsloses Ding, das sich von seinem Gehabe beeindrucken ließ.  Ich war so überrascht, dass das auf einmal mit einem Mann klappte, dass ich innehalten und darüber nachdenken musste. Ich habe dann einen Partner gefunden, dem es a) nicht egal war und den ich b) über alles liebte. Unsere größte erogene Zone ist unser Gehirn und tatsächlich ist unser Gehirn, der gesamte hormonelle Stoffwechsel darin, nicht auf eine schnelle Nummer ausgelegt, sondern auf dauerhafte zwischenmenschliche Beziehungen. Erst zu unserer Mutter, unserer Familie und später zu unseren Partnern. Deshalb ist Liebeskummer so unendlich schmerzhaft, denn das Gehirn wird tatsächlich auf Entzug von einem Gefühl gesetzt, dass nur dieser eine Mensch hervorrufen kann. Und jede Liebe ist einzigartig, jede Liebe ist ihre eigene Droge für unser Gehirn. Deshalb krampft dein Herz auch zehn Jahre später noch, wenn du ihn wiedersiehst. Wir sind nicht dazu gemacht, kurzzeitig unsere Geschlechtsteile ineinander zu stopfen und dann weiterzuziehen. Was nicht bedeutet, dass man so nicht leben kann. Menschen, die große Angst vor Beziehungen und vor allem vor den Verletzungen, die diese mit sich bringen, haben, werden genauso leben. Aber der letzte Kick, der wird immer fehlen und jede dieser Begegnungen wird nur neuen Hunger zurücklassen.

Orgasmen sind keine Zufälle

Nachdem mein erster Orgasmus also ein Zufall war, ließ ich das natürlich nicht dabei bewenden. Das Gefühl war viel zu großartig. Und es ließ sich wiederholen. Ich lernte, wie ich mich bewegen musste, wie er sich bewegen musste, wie er mich festhalten musste, es war einfach fantastisch und ich entdeckte und entdecke noch immer viele neue Dinge. Mein Körper ist ein Wunderwerk, Sex ist ein Abenteuer, in das man sich gemeinsam immer wieder von neuem stürzen kann. Manche Sachen gehen nicht, obwohl man sie im Kopf für toll hielt, andere sind toll, obwohl man sie im Kopf nicht so gut fand. Entscheidend ist: Du bestimmst. Wer sich in den Swingerclubs der Republik umsieht, der sieht da jede Menge dauergeile Typen rumturnen, die sich gegenseitig eine Show abliefern und du siehst den Frauen an, dass sie entweder gar nicht kommen oder aber schlecht schauspielern. Das heißt, wenn du es überhaupt bis dahin schaffst, ohne aufgrund der Outfits in Lachen auszubrechen. Es gibt nämlich nichts Spießigeres als den Swinger-Club, eine Bastion der bürgerlichen Sexualität mit kaltem Buffet.
Ähnlich erging es mir, als ich die sogenannte “dunkle Seite” der Sexualität mal näher betrachten wollte. Männer vom Typ niederer Sparkassenangestellter führten Frauen vom Typ Sachbearbeiterin an Halsbändern durch eine Kneipe und banden sie fest. Andere Frauen knieten vollkommen sinnlos an den Tischen. Mein Begleiter erklärte mir, das sei ein Zeichen ihrer Unterwerfung. Ich musste so lachen, dass ich leider gehen musste. Das sind aber meine ganz persönlichen Erfahrungen. Für viele andere kann genau das die Erfüllung ihres Sexlebens sein. Und man muss ja auch nicht immer in den Extremen suchen. Auch im Alltag begegnen uns Menschen, mit denen wir im Bett landen.
Nun muss man dazu sagen, das erste Mal mit einem fremden Menschen ist wohl immer ein wenig seltsam. Man weiß nicht genau, wie das jetzt wird und es kann auch ordentlich schiefgehen, auf die unterschiedlichsten Weisen.
Man kann aber auch auf sein Gegenstück treffen, jenen Menschen, der einen wortlos versteht, mit dem es einfach klappt, mit dem man Höhen sexueller Erregung erreicht, die vorher nicht mal zu denken waren. Meistens ist das ein Mensch, den man sehr liebt. Manchmal auch jemand, den man nicht lieben will, und es trotzdem tut.

Die Unsicherheit und Verletzbarkeit der Frauen

Wenn ich mich als junge Frau Anfang 20 sehe, dann sehe ich da eine vollkommen verunsicherte junge Frau, die krampfhaft versucht, sich irgendwie anzupassen, Konformität zu leben, all ihre Unsicherheiten zu verbergen, eine junge Frau, die irgendwie wussste, dass da draußen noch mehr wartete, aber viel zu viel Angst davor hatte. Und ich treffe mich selbst ziemlich oft wieder, in den Straßenbahnen und Geschäften der Stadt, in der ich wohne. Diese Mädchen sind äußerlich perfekt, und innerlich so zerbrechlich. Ich weiß, dass sie den Unterschied zwischen “einer Nacht” und “echter Liebe” vermutlich ebenso wenig verstehen, wie ich ihn damals verstanden habe und dass es da draußen genug Männer gibt, die genau das ausnutzen. Die diese Mädchen benutzen, ihre Hoffnungen, Gefühle, Emotionen. Denn die Gehirne dieser Mädchen sind noch nicht vom Pornokonsum abgestumpft. Das ist mehr so das “Twilight – Edward – ich liebe dich für immer-Ding”, das sie im Kopf haben. Und sie treffen auf junge Männer, die es für vollkommen normal halten beim ersten Sex mit diesen Mädchen gleich mal nach Analverkehr zu fragen. Oder sich stundenlang oral befriedigen zu lassen, dann einzuschlafen und das Mädchen ohne eine Spur von Zärtlichkeit abzuservieren. Und das Schlimme ist: Den Mädchen, all den vielen, denen das geschieht, die dürfen darüber nicht klagen, über diesen Schmerz, den so etwas auslöst – denn diese Art von Behandlung ist Teil der “sexuellen Freiheit”. Nicht ihrer eigenen, sondern der der Männer – denn um uns geht es nicht.
Heute kann ich das sehen und verstehen. Aber dafür habe ich viele Jahre und viele gute und schlechte Erfahrungen gebraucht.

Manche Klischees stimmen

Ich habe heute keinen schlechten Sex mehr – und das dämliche Klischee stimmt – je älter du wirst, umso besser wird der Sex – komm nur nicht auf die Idee, dir einen Jüngeren zu suchen, der zwar noch vor Potenz strotzt, aber eben auch wieder keine Ahnung hat, dann sitzt du nämlich wieder im selben Dilemma. Und damit nicht genug: Uns wird beigebracht, unseren eigenen Intimbereich zu hassen. Angeblich stehen Männer auf kleine Schamlippen mit heller Haut. Das entspricht weniger als  5 Prozent der Weltbevölkerung. Frauen fangen also an, sich Gedanken darüber zu machen, ihren Intimbereich zu bleichen, vollkommen enthaart ist er mit Sicherheit seit über einem Jahrzehnt – denn es gibt keine Frau zwischen 15 und 45, die sich nicht den Intimbereich rasiert und immer wichtiger werden auch die Operationen, um sich die inneren Schamlippen verkleinern zu lassen.
Der allgemeine Hass auf unsere Körper, der in Form von Magersucht, Selbstverletzung und Bulimie bereits hässliche Ausmaße angenommen hat, der dazu führt, dass silikongefüllte Brüste als schöner erachtet werden – auch wenn sie meistens aufgrund des OP jedes Gefühl in den Brustwarzen verloren haben, hat nun auch unsere Vaginas erreicht. Wir hassen unsere Vaginas, dafür, dass sie nicht so aussehen, wie die Männer sie in den Pornos sehen, anstatt die Männer dafür zu hassen, dass sie unsere Vaginas nicht dafür lieben, dass sie sind, wie sie sind und die Pornos zum Teufel jagen.
Ich wünsche mir, dass wir darüber sprechen, wie in dieser Gesellschaft mit der Sexulität von Frauen umgegangen wird. Wie mit Frauenkörpern umgegangen wird. Frauen werden uns nackt, unterwürfig auf jeder Werbefläche entgegengestrahlt, optimiert mit Photoshop. Weiß einer da draußen, wie echte Frauenkörper aussehen? Welche, die älter sind, dicker sind, die vielleicht Kinder haben? Warum sind diese Frauenkörper einfach unsichtbar? Und was ist mit der Lust der Frauen? Warum legen wir uns nicht beim nächsten unüberlegten One-Night-Stand hin und lassen uns mal eine halbe Stunde lang oral bedienen, nur um dann einzuschlafen und vorher noch zu murmeln: “Zieh die Tür zu, wenn du gehst” – warum reden wir nicht darüber, dass Pornosex nicht der Sex ist, den wir uns wünschen. Warum reden wir überhaupt nicht über unsere Wünsche, weder miteinander noch mit unseren Partnern? Warum ist da dieses große Schweigen, wo wir doch alle sexuell befreit sind? Weil wir Frauen uns noch immer schämen. Wir schämen uns für unsere Lust – denn dann sind wir “geile Schlampen” – wir wollen aber auch auf keinen Fall “verklemmt” sein. Also fahren wir so ein Mittelding. Wir befriedigen die Männer und was wir selbst wollen, das vergessen wir irgendwie. Ein weiblicher Orgasmus ist kein Zufall. Eine Frau kann bis zu 40mal hintereinander kommen. Man muss nur wissen wie. Diese Orgasmen können so stark sein, dass Frauen zu weinen beginnen, in Ohnmacht fallen. Frauen können nur über die Stimulierung ihrer Brustwarzen zum Orgasmus gebracht werden. Erkennt ihr die unendliche Vielfalt weiblicher Sexualität? Und sie verschwindet einfach, sie gerät in Vergessenheit, weil wir es den Männern zu liebe tun. Tut es nicht den Männern zu liebe. Tut es für euch. Und wenn ihr mittendrin merkt, es geht nicht, dann geht es nicht. Eure Lust ist genauso wichtig wie die der Männer, eure Befriedigung ebenfalls. Ein Mann, der das nicht versteht, hat euch nicht verdient. Das Leben ist definitiv zu kurz, um ohne Orgasmen zu leben – oder diese nur per Zufall zu kriegen.

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