Das neue, alte Recht der Väter

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Unbemerkt von fast allen, die es nicht betrifft, findet in Deutschland eine bemerkenswerte Entwicklung statt, die das alte Recht der Väter neu installiert. Still und leise wird den veränderten Geschlechterrollen Rechnung getragen und werden alte männliche Privilegien durch die Hintertür neu bekräftigt. Patriarchat, das heißt nicht “Herrschaft der Männer”, sondern “Herrschaft der Väter”. Das Recht des Vaters an seinem Kind ist eine der Wurzeln weiblicher Unterdrückung, heute wie damals. Die Mittel seiner Ausübung mögen sich ändern, sein Anspruch aber bleibt bestehen.

Die drei Grundfesten patriarchaler Herrschaft: Recht am Besitz, Recht an der Frau, Recht am Kind

Sowohl Gerda Lerner, als auch Marilyn French und Mary Daly, genauso wie die matrifokale Forschung, bestimmen den Anfang patriarchaler Herrschaft etwa in das vierte Jahrtausend vor Christus, in den Übergang von Gartenbau/Jäger und Sammler in den Ackerbau und die Viehzucht und das Entstehen einer männlichen Kriegerklasse. Besitz wurde auf einmal wichtig, musste verteidigt und vor allem innerhalb der Familie weitergegeben werden. Jungfräulichkeit wurde zu einer Tugend erklärt, Untreue in der Ehe zu einem Verbrechen, auf das für die Frau nicht selten der Tod stand, ebenso wie auf den Kindermord. “Pater semper incertus est” heißt es, der Vater ist immer ungewiss, bis zum Auftauchen der DNA-Test in jüngster Vergangenheit, also muss der Vater alle Hebel in Bewegung setzen, um sicher zu gehen, dass er seinen Besitz auch wirklich an die eigenen Nachkommen vererbt. Jungfräulichkeit und Treue sind zwei Schlüssel dazu, der dritte ist, dass die Kinder immer zur Familie des Vaters gehören, nie zu der der Frau. Diese drei Merkmale kennzeichnen alle patriarchalen Gesellschaften. Das Recht an der Frau wird von den Patriarchen zugewiesen, nicht jeder Mann hat Anspruch auf eine Frau, dieser wird wiederum von den meist älteren, mächtigen Männern zugewiesen, so dass sich Gefolgschaften und Treue herausbilden. Ein armer, statusloser Mann wird aus diesem Grund auch eher keine Frau finden, in früheren Zeiten war ihm das Heiraten sogar verboten. Frauen werden zu einer Ressource, um die und für die gekämpft wird und die im Zweifelsfall einfach gefangen genommen werden (der sogenannte “Frauenraub” ist ein patriarchaler Begriff, der die Frau zur Sache erklärt).

Die Macht über den Frauenkörper ist für das Patriarchat existenziell

Männer brauchen Frauenkörper, denn diese tragen ihre Nachkommen aus. Diese Abhängigkeit ist eine der Urwurzeln des Frauenhasses, denn sie macht dem Mann klar, dass ganz gleich, wie sehr er sich über die Frau erhebt, ohne sie ist die Menschheit dem Untergang geweiht. Das Patriarchat basiert darauf, diese Frauenkörper für Männer nutzbar zu machen, als Gebärwesen, als Sexobjekte. Alles patriarchales Denken, das Denken, das uns und unsere Gesellschaft strukturiert, baut darauf auf. Das “Slutshaming”, oder die Verachtung, die alleinerziehenden Müttern entgegengebracht wird, ihre gesellschaftliche und steuerliche Benachteiligung, die Straffreiheit von Vergewaltigungern, die Strafbarkeit von Abtreibungen, all das hat seine Wurzeln im misogynen Denken des Patriarchats und da wir alle in diesem Denken aufwachsen, können wir gar nicht anders, als diesen Denkmustern zu folgen. Das zeigt sich auch daran, dass Mütter nur die Wahl haben zwischen Heiliger und Rabenmutter, dass nichts so moralisch aufgeladen ist, wie die Mutterschaft.

Veränderungen erschüttern das patriarchale System

Nun haben die vergangenen Jahrzehnte ein wenig an der jahrtausendealten patriarchalen Ordnung gerüttelt. Ehemänner haben keine absolute Macht mehr. Nach der Scheidung erhalten sie nicht mehr automatisch das alleinige Sorgerecht (in der BRD bis 1975), mit staatlicher Unterstützung können alleinerziehende Mütter zwar mehr schlecht als recht überleben, aber dennoch haben sie zumindest eine Alternative zum prügelnden Ehemann. Zum ersten Mal seit vielen Jahrtausenden können Frauen Kinder wieder ganz allein aufziehen, ihre Kinder werden auch nicht mehr, wie noch in den 1980er Jahren, automatisch einem Vormund beim Jugendamt unterstellt. Diese minimalen Veränderungen erschüttern das patriarchale System in seinen Grundfesten – kein Wunder also, dass die Gegenbewegung nicht lange auf sich warten lässt. In Deutschland tritt sie in Form von Väterrechtlern auf, die zahlreiche Gruppen, Seiten und Foren betreiben und in denen “Vaterliebe” sich allzu oft mit blankem Frauenhass vermischt. Väterrechtler haben zwei Probleme: Sie wollen keinen Unterhalt zahlen – und sie wollen weiter Einfluss auf die ehemalige Familie haben. Zwei urpatriarchale Ansprüche also, den Unterhalt wollen sie nicht zahlen, weil sie das davon abhält, mit der nächsten Frau eine neue Familie zu gründen und weil sie es nicht einsehen, für eine Frau zu bezahlen, über die sie nicht mehr in aller Absolutheit verfügen können. Dass das Geld für ihre Kinder bestimmt ist, interessiert sie wenig. Über Jahrzehnte konnten sich Väter ganz einfach aus der Unterhaltszahlung herauswinden, die Jugendämter ließen sie gewähren. Die Mütter mussten sich mit Unterhaltsvorschuss begnügen – den gab es aber nur für sechs Jahre und maximal bis zum 12. Lebensjahr. 50 Prozent aller alleinerziehenden Mütter sind deshalb auf Hartz IV angewiesen – auch, weil die Betreuungssituation in Deutschland nach wie vor katastrophal ist und es kaum möglich ist, Berufstätigkeit mit den Betreuungsangeboten so zu vereinen, dass am Ende mehr übrig bleibt. Manuela Schwesig versuchte mutig, den Unterhaltsvorschuss zu reformieren – und stieß auf heftigen Widerstand. Der deutsche Städtetag bekannte, die Kommunen hätten kein Geld dafür – und auch offensichtlich keine Ressourcen, die säumigen Väter in die Pflicht zu nehmen. Zufall? In einer nach wie vor patriarchal strukturierten Gesellschaft wie der unseren ganz sicher nicht. Trotzdem kommt der neue Unterhaltsvorschuss – mit einem saftigen Haken: Sobald nämlich der Vater ein Drittel der Betreuung übernimmt, wird er nicht mehr gezahlt – und der Vater ist dem Jugendamt nichts schuldig.

Patriarchale Reinstallierung durch die Hintertür

Damit ist das neue Gesetz mitnichten eine Entlastung der Alleinerziehenden, die zu 90 Prozent Frauen sind, sondern vielmehr ein weiterer Erfolg für die Väterlobby, denen es gelang, das Wechselmodell bis in das EU-Parlament zu tragen. Wechselmodell bedeutet, dass die Kinder genau hälftig zwischen den Elternteilen pendeln, ein Ideal, das in der Wirklichkeit nur selten umzusetzen ist, weil es eine sehr gute Kommunikation zwischen den Eltern erfordert, die aber eben nach einer Trennung nicht mehr gegeben ist. Trotzdem wird um das Wechselmodell erbittert gestritten, die einen feiern es als Familienmodell der Zukunft, die anderen weisen auf die oft bedenklichen Konsequenzen für die Kinder hin, die dann eben gar kein festes Zuhause haben. In der Praxis bedeutet das Wechselmodell, dass Mutter und Vater eine räumliche Nähe bewahren und sich über alles verständigen müssen: Wer bezahlt die Klassenfahrt? Wer schafft die neuen Schuhe an? Wer entscheidet, auf welche Schule das Kind geht? Wie das einem Paar, das für seine Trennung sicherlich Gründe hatte, gelingen soll, bleibt fraglich. Die Forderung nach dem Wechselmodell geht sogar noch weiter: Es soll automatisch eingesetzt werden, wenn Mutter und Vater getrennt sind oder sogar nie zusammen waren, unabhängig, ob es eine Ehe gab. Das muss man sich vorstellen: Da hat eine Frau einen One Night Stand im Urlaub, wird schwanger, entscheidet sich für das Kind und muss fortan ihr ganzes Leben gemeinsam mit einem Mann ausrichten, den sie weder kennt noch den sie gewählt hat. Damit ist sie zwar nach außen eine Alleinerziehende, steht aber wieder unter der Kontrolle eines Mannes – alles beim Alten im Patriarchat.

Zahlreiche weitere Gesetzesänderungen und Entscheidungen des Verfassungsgerichts untermauern diese Entwicklung: Bis 2010 konnte die Mutter in dem obigen Beispiel dem Vater das Sorgerecht verwehren, etwa unter der Begründung, dass sie sich mit ihm nicht einigen kann. Das ist nicht mehr möglich. Wenn sie sich also für das Kind entscheidet, es alleine aufzieht und niemals Unterhalt bekommt, kann der Vater jederzeit antreten und das Sorgerecht fordern.

Ganz schlechte Karten hat die Frau, wenn sie mit dem Vater des Kindes verheiratet war, dann wird fast immer für das geteilte Sorgerecht entschieden – in der Folge darf sie den Wohnort nicht mehr wechseln, ohne Erlaubnis mit dem Kind in Urlaub fahren und wenn sie nicht aktiv dafür sorgt, dass die Kinder in Jubelschreie ausbrechen, wenn der Umgang mit dem Vater ansteht, wird sie von Jugendamt, Familienrichtern und Umgangspflegern zur schlechten Mutter gemacht und riskiert, ihr Sorgerecht zu verlieren. Sie ist dem Vater gegenüber zur “Auskunft” verpflichtet, was bedeutet, dass sie auch seine virtuellen Beschimpfungstiraden ertragen muss – und selbst wenn der Vater sie geschlagen hat und das der Trennungsgrund ist, so muss sie den Kontakt zum Vater – sogar im Frauenhaus – weiter ermöglichen. Die letzten Jahre zeigten gleich mehrere Fälle, in denen der Umgang von den Männern dazu genutzt wurde, sich mit Gewalt und Mord an den Frauen zu rächen. Über das Recht am Kind hat der Vater oft weiter Einfluss auf das Leben der Frau – bis zum oft bitteren Ende. Noch nicht einmal sexuelle Gewalt gegen das Kind ist ein automatischer Grund, den Umgang auszusetzen – so weit reicht die Ideologie um den “Neuen Vater”.

Gleiche Rechte – weniger Geld

Ergänzend dazu sind Ehemänner auch nur noch bis zu drei Jahre nach der Scheidung zu nachehelichem Unterhalt verpflichtet – danach sind die Frauen, die vormals wegen der gemeinsamen Kinder auf Karriere und Berufstätigkeit verzichtet haben, wieder auf sich selbst gestellt. Das wäre nicht problematisch – würde es nicht trotz dem ganzen Geschrei um die Neuen Väter so aussehen, dass die Mütter nach der Geburt weniger oder Teilzeit oder gar nicht arbeiten und den Großteil der Elternzeit antreten, während Väter nach der Geburt sogar noch mehr arbeiten, und sich auf diese Weise ein ökonomisches Ungleichgewicht aufbaut, das die Frau ihrer Familie zu liebe hinnimmt – nach der Scheidung aber bitter bereut, denn diese Hinnahme wird sie teuer bezahlen. Zwar hat sie für das Kind und die Familie verzichtet, nach der Trennung aber ist sie die Einzige, die Einbußen hinzunehmen hat – das Recht des Vaters an ihr und dem Kind bleibt intakt, für ihn fällt aber die Verpflichtung weg, sie über den Kindesunterhalt, sofern er den zahlt, hinaus zu unterstützen. Wie praktisch für die Männer! Die für sie wichtige Vereinbarung am Anfang einer Ehe – die gemeinsame Familie – bleibt bestehen, nur aus der zweiten, ungeliebteren können sie sich staatlich gewollt rauswinden – die gemeinsame ökonomische Verantwortung für diese Famile.

Die Propaganda rund um die “neuen Väter”

Begleitet werden diese Entwicklungen von einer riesigen Propagandamaschine, die den “neuen Vater” ausruft, Väter, die sich ganz liebevoll um ihre Kinder kümmern, ja, eigentlich die besseren Mütter sind, und denen nach einer Trennung von den bösen, gehässigen Müttern das Recht am Kind verwehrt wird. Ein Blick in die Geschichte, auch innerhalb des Patriarchats, zeigt, dass das eine in der Geschichte einmalige Entwicklung ist. Zu keiner Zeit wurde postuliert, dass “Kinder ihre Väter brauchen”. Im Gegenteil: Kinderbetreuung war auch im Patriarchat Frauensache, höchstens die heranwachsenden Jungen konnten sich über ein wenig väterliche Aufmerksamkeit freuen. Zahlreiche indigene Gesellschaften matrilinearer Ausrichtung schenken dem biologischen Vater überhaupt keine Bedeutung, vielmehr sind es das Meer oder Gottheiten, die die Frau schwängern, das Kind gehört automatisch zur Familie der Mutter und wird von ihren Brüdern miterzogen. Die Natur hat biologisch den Akt der Zeugung vorgesehen – nicht aber der Vaterschaft. Das heißt nicht, dass Väter keine soziale Elternschaft übernehmen können, ebenso wie Großeltern oder Adoptiveltern und es sicher viele Frauen gibt, die sich eine gemeinsame Familie mit ihrem Partner wünschen. Aber eine biologische Notwendigkeit, nach der Kinder “ihre Väter brauchen”, existiert nicht. Warum wird sie also postuliert?

Patriarchale Ansprüche sind Überlebenskünstler

Die Antwort findet sich in der unglaublichen Wandelbarkeit und Überlebensfähigkeit des Patriarchats, die dafür sorgt, dass es jede Form von gesellschaftlicher Transformation bis in die Gegenwart überlebt. Wenn patriarchales Recht nicht mehr mit der Überlegenheit des Mannes gerechtfertigt werden kann, weil sich der gesellschaftliche Diskurs geändert hat, dann müssen eben andere Argumente her, wie zum Beispiel die Behauptung, dass Kinder ihren Vater brauchen – und zwar um jeden Preis, selbst wenn das bedeutet, wenige Wochen alte Babies von der Mutter wegzureißen, damit der Vater zu seinem Umgangsrecht kommt, selbst, wenn diese noch gestillt werden.

Auffällig ist dabei, dass auf der einen Seite überall der neue Vater hochgehalten wird, ja, die Familie als unvollkommen betrachtet wird, wenn er nicht in Erscheinung tritt, auf der anderen Seite ist das tabuiserte Schweigen über all die Väter (bis zu 70 Prozent), die sich nach einer Trennung überhaupt nicht für ihre Kinder interessieren. Dass es in den neuen familienrechtlichen Richtlinien einzig und allein um väterliches Recht geht, zeigt sich daran, dass der Wille der Kinder überhaupt nichts zählt. Wollen sie den Vater nicht sehen, gelten sie als von der Mutter beeinflusst, will der Vater aber das Kind nicht sehen, dann ist das sein gutes Recht. Dieses Handeln ist Ausdruck eines gesellschaftlichten Widerspruchs, der nur auszuhalten ist, wenn patriarchale Ideologie im Vorfeld als wahr akzeptiert wurde. Was denn nun? Brauchen Kinder ihren Vater unbedingt oder brauchen sie ihn nur, wenn es der Vater auch will? Woher kommt bei letzterem diese magische Verbindung zwischen väterlichem Willen und kindlichem Bedürfnis? Zu behaupten, der Vater sei der Mutter immer und jederzeit durch den Akt der Zeugung ebenbürtig und würde vom Kind immer benötigt, ist absurd angesichts der überwältigenden Zahl abwesender Väter. Erkennen wir den Hype um die neuen Väter als das, was er ist: patriarchale Machtsicherung.

Die Sache mit der Gleichberechtigung

Erstaunlich ist, dass beim Thema Mutterschaft sogar eingefleischte Feministinnen aus der Spur geraten. Das ist insofern nachvollziehbar, als dass die Verbindung von Frau und Mutterschaft aus den oben dargestelten Gründen für viele Frauen zu einer Bürde und Mittel ihrer Unterdrückung wurde. Es liegt aber ein Fehlschluss vor, wenn angenommen wird, daran sei die Biologie, also die Fähigkeit zum Kinderkriegen schuld. Schuld daran ist einzig und allein der patriarchale Anspruch auf diese Fähigkeit, der aus dieser Fähigkeit einen in ihrem Sinn pervertierten Zwang macht und so tut, als bestimme diese Biologie unsere Rolle in der patriarchalen Gesellschaft.
Unsere Biologie beinhaltet, dass wir Kinder bekommen oder es lassen können, wir können eigene oder fremde oder gar keine Kinder aufziehen. Das ist die Erweiterung der in der Biologie bekannten female choice und würden wir doch nur unsere Geschichte ein wenig besser kennen, so wüssten wir vermutlich, dass Frauen das seit Anbeginn der Menschheit so gemacht haben. Nicht unsere Biologie ist unsere Bürde – männliches Anspruchsdenken ist unsere Bürde. Das Wissen über unsere Körper beinhaltete sehr wahrscheinlich auch das Wissen über Verhütung und Abtreibung – Wissen, das wir heute verloren haben und deshalb dem patriarchalen Denken ausgeliefert sind. Kinderkriegen ist ein Vorgang, der bis in die jüngste Geschichte und unsere Gegenwart für Frauen lebensgefährlich ist und unglaubliche Ressourcen verschlingt. Patriarchales Recht sagt auch, dass Männer jederzeit entscheiden können, ob sie Ressourcen in dieses Kind investieren oder nicht. Der Frau wird diese Wahl, zumindest moralisch verwehrt.

Gern wird dann mit “Gleichberechtigung” argumentiert, wenn Frauen Zugang zum Arbeitsmarkt haben, sollen Männer eben auch Anspruch am Kind haben, ein quid pro quo also, das aber leider, wie so oft in der Väterherrschaft, keines ist. Während die Rechte des Vaters am Kind in den letzten Jahren immer weiter gestärkt wurden, wurde er aus seiner sozialen und finanziellen Verantwortung immer weiter entlassen. Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, werden für Dinge, die von Müttern ganz selbstverständlich erwartet werden, bejubelt, ist der Vater hingegen abwesend, so wird die Schuld der Mutter zugeschoben, nicht aber dem Vater. Der Vater hat uneingeschränkt Recht auf das Kind, das Kind wiederum darf sich dem Vater nicht verweigern und die Mutter in diesem Zuge ebenso. Ein Kind zu haben, um das man sich weder finanziell noch sorgend kümmert, ist kein Nachteil für einen Mann – im Gegenteil. Für eine Mutter ist das undenkbar. Eine Mutter, die ihr Kind verlässt oder aufgibt oder sich nicht darum kümmert, ist nach wie vor moralisch so ziemlich das Schlimmste, was unsere Gesellschaft sich denken kann. Hier sieht man sehr deutlich, dass es bei den neuen Vätern nicht um “Gleichberechtigung” geht, sondern um eine neue Art von Kontrolle über Frauen und Kinder.

Was echte Gleichbedeutung bedeuten würde

Und, ja: Es gibt Beziehungen, in denen man sich gemeinsam für ein Kind entscheidet und all die patriarchalen Widersprüche irgendwie überwindet, zumindest gefühlt oder temporär. Doch jede zweite bis dritte Ehe wird geschieden – und dann, wenn die Interessen auf einmal auseinander gehen, nimmt der männliche Partner automatisch eine bessere Ausgangssituation ein.

Und ja: Es gibt Frauen, die keine guten Mütter sind. Der Vater kann dann ebenso die bessere Wahl sein wie Großweltern oder völlig Fremde: Entscheidend ist, dass das Kind geliebt und kontinuierlich versorgt wird, Fähigkeiten, die mitnichten nur oder alle Frauen und Mütter entwickeln. Ein Kind zu gebären, macht eben auch keine Mutter aus. Deshalb fordere ich die Möglichkeit der anonymen Geburt – wenn Männer jerderzeit aus einer Schwangerschaft oder der Elternschaft aussteigen können – dann muss es, ganz gleichberechtigt  die gleiche Möglichkeit auch für Frauen geben. Wenn eine Mutter keine Mutter mehr sein kann oder will, muss sie genauso einfach gehen dürfen, wie es Männer jeden Tag tun, ohne dass für das Kind daraus ein Nachteil erwächst. Genau da macht aber unsere Gesellschaft nicht mit, das will kaum jemand den Müttern zugestehen. Auch hier misst das Patriarchat wieder mit Doppelmaß.

Echte Gleichberechtigung würde bedeuten: Gleiche Rechte, gleiche Pflichten. Keine staatliche Bevorzugung der patrirachalen Kleinfamilie mehr, keine einseitige Unterstützung der Rechte des Vaters am Kind, keine Benachteiligung und Stigmatisierung von Alleinerziehenden mehr. Wer das liest, der ahnt, dass Gleichberechtigung, wenn es um das Kinderkriegen und die Kindererziehung geht, eine Art trojanisches Pferd ist, das uralte patriachale Ansprüche als Fortschritt tarnt. Das Patriarchat mag zwar an anderen Stellen vielleicht Zugeständnisse machen, wenn es aber an seine Grundfesten geht, wird es diese mit Zähnen und Klauen verteidigen. Ohne das unbedingte und uneingeschränkte Recht des Vaters am Kind fällt das Patriarchat in sich zusammen. Es entlang patriarchaler Logik zu postulieren, bedeutet, das Patriarchat selbst fit für die Zukunft zu machen. Die pure Existenz alleinerziehender Frauen, die sich mehr und mehr organisieren und im Web und anderswo selbstbewusst auftreten, ist eine unglaubliche Provokation für das Patriarchat, genau deshalb will die AfD sie sogar “abschaffen”, deshalb ergießt sich gerade über sie der Hass von Männern und Trollen besonders. Parallel zu ihrem Auftreten, mit ihrem wachsenden Selbstbewusstein, wird das Getöne um neue Väter und Väterrechte immer lauter, um diese Entwicklung aufzuhalten.
Da Frauen gegenwärtig noch immer diejenigen sind, die ihre Gesundheit riskieren und im Zweifelsfall ganz alleine für ein Kind einstehen, und zwar finanziell, emotional und mit ihrer Lebenszeit, mit höchstens widerwilliger staatlicher Unterstützung, die Stigmatisierung und einen riesigen Berg Verantworung auf sich laden, während der Vater “wählt” ob er daran teilhat oder sich die Rosinen rauspickt, kann das Recht des Erzeugers im Konfliktfall nicht automatisch über dem Willen der Mutter stehen. Diese Haltung wirft uns um Jahrzehnte zurück. Der ganze Feminismus nutzt uns nichts, wenn wir uns nicht endlich mit den Müttern da draußen solidarisieren, die nur aufgrund ihrer Mutterschaft vom Patriarchat gegängelt werden.

 

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