Der Unterschied zwischen Ficken und Sex – ein Debattenbeitrag zur Prostitution

St. Pauli - Hamburg Reeperbahn

St. Pauli - Hamburg Reeperbahn by The world through my eyes via Flickr, [CC BY-NC-ND 2.0]

Derzeit wird gleich auf zwei Debattenblogs – einmal dem der Heinrich-Böll-Stiftung, einmal dem der Rosa-Luxemburg-Stiftung – „moderiert“ über Prostitution diskutiert. Moderiert bedeutet, dass alle von ahnungslos bis zynisch menschenverachtenden Pro-Prostitutionsartikel sogenannter „ExpertInnen“ dort veröffentlicht werden – jene, die sich gegen Prostitution einsetzen und ihre Artikel dort einreichen und an anderer Stelle eng zum Beispiel mit der Rosa-Luxemburg Stiftung zusammenarbeiten, werden gepflegt ignoriert. Das passt zum allgemeinen Gebaren der Linken, die beim Thema Prostitution auf dem linken Auge blind ist. Woran liegt das? Warum glaubt die Linke, eine 9-Milliarden-Dollar-Industrie würde sich ausgerechnet für sexuelle Freiheit einsetzen? Und warum wird versucht, die KritikerInnen eben dieser Industrie so gezielt mit Begriffen wie „Hurenhass“ und Shitstorms auf Twitter zum Schweigen zu bringen? Ich glaube, es liegt daran, dass die Linke den Unterschied zwischen Ficken und Sex nicht verstanden hat.


Eine fehlgeleitete Debatte

Die Linke sitzt diesem Humbug aufgrund einer Fehlleitung der Debatte auf. Ende der 60er Jahre, als Pornos und Prostitution aus moralischen Gründen noch verboten waren, war es tatsächlich ein Zeichen der sexuellen Befreiung, gegen diese Gesetze zu revoltieren. Damals ging es um Sex, um Freiheit. Heute jedoch ist die Sexindustrie ein 9 Milliarden Dollar schwerer Moloch. Vorrangig geht es dort um Ficken – also Selbstbefriedigung am lebenden Objekt, aber in der Hauptsache geht es nur noch um Geld.

Nach der Pornografie ist ihr einträglichster Arm die Zwangsprostitution. Über ganz Europa hat sich eine „Frauenhandelsindustrie“ mit jährlich 270.000 Opfern ausgebreitet, mit Zielland Deutschland, denn hier ist Prostitution legal, unkontrolliert und vor allem gewinnbringend. Daran beteiligt sind verschiedene Milieu-Gruppen, zum Beispiel von Albaner-Clans, Russenmafia und Rockerbanden. Legale Prostitution braucht die Zwangsprostitution, weil die Nachfrage nach sich prostituierenden Frauen über Freiwilligkeit allein nicht gedeckt werden kann. Studien wie die des DIW Berlin belegen den eindeutigen Zusammenhang zwischen legaler Prostitution und Menschenhandel. Zugleich es ist ein Verbrechen, das sich ohne die Aussagen der Frauen so gut wie unmöglich beweisen lässt. Die oft sehr jungen Mädchen werden mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt. Dann folgt die Initiationsvergewaltigung, die zum Zweck hat, den Widerstand der Frau zu brechen. Die Syndikate haben ihre eigenen Männer zu diesem Zweck.
Schätzungen zu Folge prostituieren sich in Deutschland rund 400.000 Frauen. Etwa 90 Prozent der Prostituierten sind Frauen, die meisten Osteuropäerinnen und davon wieder ein großer Teil Romafrauen, die aufgrund ihrer europaweiten Diskriminierung vom „normalen“ Arbeitsmarkt ohnehin ausgeschlossen sind. Hier prostituieren sich nicht nur die Frauen – auch die Anzahl der sich prostituierenden Romamänner in Deutschland steigt. Der deutsche Arbeitsmarkt braucht sie nicht, also landen sie, zum Großteil heterosexuell, auf dem mann-männlichen Strich. Die Hälfte der Opfer ist unter 21 – der Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen besteht im Gegensatz dazu aus ein paar hundert Frauen, die entweder nicht mehr aktiv sind oder tatsächlich frei und selbstbestimmt in eigenen Wohnungen oder als Escort arbeiten. Sie sind eine absolute Minderheit und nicht repräsentativ für das, was Prostitution in Deutschland bedeutet. Trotz alledem sitzen sie in jeder Talkshow und auf jedem, auch linkem, Podium. Sie sind dagegen, ein Mindestalter für Prostitution einzuführen, mit dem Argument, man könne dann die unter 21 Jahre alten Prostituierten weniger „schützen“. Welche Art von Schutz ist in einer vollkommen unregulierten Branche denn bitte sehr gemeint?

Prostitution ist ein Job ohne jede Aufstiegs- oder Ausstiegschancen. Die Frauen leben mit enormen Gesundheitsrisiken, ohne jede soziale Absicherung. Seit 2000 sind in Deutschland 33 Prostituierte ermordet, unzählige weitere während der Ausübung ihres Berufs verletzt oder vergewaltigt worden. Studien belegen eindeutig den Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch in der Kindheit und dem späteren Weg in die Prostitution. Die in der Prostitution erlebten Traumata sind vergleichbar mit dem, was Folteropfer erleben. Die Frauen stimmen dem Sex mit diesen Männern nicht zu. Dieser Sex ist nicht freiwillig. Ihr Consent, die Zustimmung zum Sex, wird mit Geld und nicht selten mit der Gewalt der Hintermänner umgangen. Das alles hat mit Sex, mit Zärtlichkeit, mit Intimität nichts zu tun. Für die Freier ist es Ficken, für die Frauen ist es Gewalt, psychische oder physische. Frauen sind hier nur Fickobjekte, niemals gleichberechtigte Partner, ganz gleich, wie viel sie für den Verkehr bekommen. Die Käuflichkeit macht sie dazu. In der Prostitution kann wie im Porno nur gefickt werden, weil es ausschließlich um die Befriedigung des Mannes geht. Die der Frau spielt keine Rolle – sie hat keine Rolle zu spielen. Frauen sind Investitionen, ihre Körperöffnungen sollen Geld einbringen, keine Orgasmen haben.

Der Zynismus des Freiwilligkeitsbegriffs

Es gibt vor allem zwei Argumentationen, die in der Debatte von der Pro-Prostitutionsseite auch in der Linken immer wieder angeführt werden – da ist zum einen die „sexuelle Selbstbestimmung“ und zum anderen die Unterscheidung zwischen „Freiwilligkeit“ und „Zwangsprostitution“ – Letzteres ist nach geltendem Recht ja bereits verboten. Doch wie lange noch, wenn ProstitutionsverfechterInnen unermüdlich an einer Rehabilitierung des Images von MenschenhänderInnen und ZuhälterInnen arbeiten – und wenn eben diese ProstitutionsverfechterInnen die höchsten Kreise der deutschen Politik beraten?
Die Debatte um die „Freiwilligkeit“ habe ich bereits an anderer Stelle als absurd aufgezeigt. Schließlich dürfen wir weder unsere Organe verkaufen noch unsere Gebärmütter verleihen.
Jede Nacht werden in Deutschland 150 Millionen Euro mit Prostitution umgesetzt. Wie viele davon mit Zwangsprostitution erwirtschaftet werden, lässt sich nicht feststellen, weil sich eben die Zwangsprostitution dank des Prostitutionsgesetzes von 2002 so gut wie nicht mehr nachweisen lässt.

Auf dem Debattenblog der „Böll-Stiftung“ war vor Kurzem zu Lesen, Prostitution inspiriere unsere Sexualität. Das ist ungefähr so dämlich, wie von McDonalds zu erwarten, uns zu gesundem, vielfältigem und schmackhaften Essen zu inspirieren und das noch zu supergünstigen Preisen, zeigt aber, dass der Diskurs zu Prostitution vollkommen fernab der Realität von Deutschlands Straßen und Bordellen geführt wird, wo Mädchen für 20 Euro so ziemlich alles machen und das Geld dank Zimmermieten von 5.000 Euro im Monat in die Taschen der Bordellbesitzer und Zuhälter wandert.
Was aber ist mit der Freiwilligkeit und der sexuellen Selbstbestimmung, von der ständig die Rede ist? Immerhin ist nicht jede Frau eine Zwangsprostituierte. Viele sind tatsächlich aus eigenen Stücken da. Doch wie sieht diese Freiheit aus? Die Linke ist sich einig: Auch ökonomische Zwänge sind Zwänge. In den Heimatländern warten Armut und Arbeitslosigkeit auf die Frauen. Der deutsche Arbeitsmarkt braucht sie auch nicht, nur in der Sexarbeit ist ein beständiger Nachschub willkommen, im Porno und in der Prostitution, wo die Übergänge im Übrigen fließend sind.

89 Prozent aller Frauen in der Prostitution würden sofort aussteigen, wenn sie könnten. Die Alternative ist aber Hartz IV oder Ausweisung. Das wirft die Frage auf, wie viele Frauen würden sich denn noch prostituieren, wenn es zum Beispiel das von Teilen der Linken geforderte BGE gäbe, also soziale Freiheit? Oder Hartz IV für EU-Ausländer? Und warum sich dann nicht mehr deutsche Mittelklasse-Frauen mit Uni-Abschluss prostituieren, wenn es so ein toller Job mit sexueller Freiheit ist? Und warum von all den Akademikerinnen, die gerade so kluge Texte über sexuelle Selbstbestimmung in der Prostitution schreiben, nicht eine einen Tag lang im Puff gearbeitet hat? Sie bringen es fertig, den Weg dieser Frauen in die Prostitution und die oben beschriebene Gewalt völlig unbeschwert „Freiheit“ zu nennen. So viel Zynismus muss man erstmal fertig bringen. Die Antwort ist ganz einfach: Weil sich keine von ihnen für Geld ficken lassen möchte. Sie haben lieber Sex mit Partnern, die sie sich selbst aussuchen. Das gilt übrigens auch für die meisten der linken Frauen, die Prostitution verteidigen. Arbeitet doch mal einen Tag im Puff und bloggt drüber, lasst euch ficken und schreibt drüber. Macht ihr nicht. Weil auch ihr lieber Sex habt, und innerlich und äußerlich heil bleibt.
Nur um das klarzustellen: Nicht jede Prostituierte zerbricht an ihrem Job. Aber die meisten tragen psychische und physische Folgen davon. Und jede davon ist eine zu viel – und sie sind die Mehrzahl. Die Minderheit, die gut damit zurecht kommt, sind aber jene, die am lautesten auftritt und die versehrte Mehrzahl zum Schweigen bringt.

Unfähig zur Patriarchatskritik

Tatsächlich sind all diese klugen Gender-Studies-Irgendwas-Frauen in diesen Debatten schlicht unfähig, die Prostitution als das zu kritisieren, was sie ist: Eine zutiefst patriarchale Institution. Auch das Prostitutionsgesetz von 2002 hat die Diskriminierung von Prostituierten nicht beendet – oder könnt ihr euch eine Ehemalige als Bundespräsidentin vorstellen? Das liegt an der patriarchalen Struktur der Prostitution – Männer brauchen sie, weil sie in Frauen entweder Mütter, Heilige und Ehefrauen sehen können – oder Schlampen und Huren.
Shulamith Firestone hat bereits 1975 festgestellt, dass der Feminismus und die Freudsche Psychoanalyse die gleichen Wurzeln haben, aber zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Während die Folge des Ersteren nur eine gesellschaftliche Revolution sein kann, ist die Zweite die der Verfestigung der patriarchalen Gesellschaftsordnung. Der Grund, warum sich Männer Prostituierte kaufen oder Geliebte halten, ist, dass sie an einem bestimmten Punkt ihres Kinderlebens die Zuneigung zu ihrer Mutter von einem sexuellen Begehren abspalten müssen. Deshalb gibt es auch in ihrem späteren Leben die „Heiligen“, also die Mütter und Ehefrauen, und die „Huren“ und „Schlampen“.
Die Unfähigkeit zur Patriarchatskritik wiederum liegt daran, dass es im Zuge des Postfeminismus so furchtbar unschick wurde, Begriffe wie „Patriarchat“ zu verwenden. Wir sind doch jetzt alle gender. Oder postgender oder irgendwas. Besseren Sex haben wir deshalb immer noch nicht und das liegt daran, dass die, die für den akademischen Diskurs zuständig sind – Sexforscherin ist tatsächlich eine Arbeitsbeschreibung – unfähig sind, mit uns über Sex zu reden, über den Sex, den die Gesellschaft sucht, sondern sie schreiben lieber übers Ficken – denn das ist die verbreitete Form des Geschlechtsverkehrs im Patriarchat. Man lese sich die Anleitungen für gute Ehefrauen aus dem 19. Jahrhundert durch. Da steht genau das. Sie hat ihr ehelichen Pflichten still zu erdulden. Genau das machen die Prostituierten auch, ebenso wie unzählige Partnerinnen. Die Zahl der Frauen, die beim Ficken mit ihrem Partner keinen Orgasmus bekommen, ist riesig – ohne körperliche Ursache. Sie könnten – wüssten sie nur wie, würden sich ihre Partner nur dafür interessieren wie. Vielleicht sollten sich die Sexforscher mal darum kümmern, anstatt zu versuchen, Prostitution gesellschaftsfähig zu machen.

Das organisierte Verbrechen Arm in Arm mit der Linken

Hinter fast allen Bordellen und FKK Clubs steht das organisierte Verbrechen und sie werden von Rockerbanden gesteuert, doch offiziell in den Papieren stehen harmlose Strohmänner, alles wird sauber über Anwälte und Notare abgewickelt, heißt irgendwie GmbH oder Co KG. Andere Frauen werden mit Vodoo-Zauber in ihrer Heimat dazu gezwungen, sich hier zu prostituieren. Das klingt zu absurd, um wahr zu sein, aber es geschieht, es passiert da draußen.
Das sind die Verhältnisse, die Teile der Linken verteidigen, die es fertig bringen, Kritikerinnen von Prostitution “Diskriminierung” und “Hurenhass” vorzuwerfen und sich mit Vertretern der ProProstitutionslobby auf einer Frauentagsdemo ablichten zu lassen.
Wer Leiharbeit kritisiert, kritisiert auch nicht den Leiharbeiter, sondern den, der davon profitiert. In unserem Fall der deutsche Fiskus, die Mafia und die Investoren ins Rotlichtmilieu. Man stelle sich das Gleiche mal mit der Waffenlobby oder der Bundeswehr vor, die ähnlich tödlich und traumatisierend sind, aber immerhin einer stärkeren gesetzlichen Reglementierung unterliegen – von allen Linken aber kategorisch abgelehnt werden. Die Linke lässt sich von einer Lobby einwickeln, die eng verbunden ist mit dem organisierten Verbrechen, die Milliardenumsätze macht, auf Kosten von Frauenkörpern, die aus den Armenhäusern Europas kommen oder auf Bestellung von den Menschenhändlerringen angeliefert werden.
Sogar die Rebellen der Linkspartei, Marx21, ließen lustig Lobbyvertreterinnen auf ihren Veranstaltungen sprechen. Wir sind ja so pro Sex. Marxisten, die Arbeitgeber einladen. Schöner Verein.
Hier immer weiter mit „Freiwilligkeit“ der Frauen zu argumentieren, ist eine neue Form von akademischem und linkem Zynismus, der jeder Menschlichkeit spottet.
Es ist so weit gekommen, dass Pressesprecher großer Bordelle im Saarland von der Gesellschaft Dankbarkeit erwarten, dafür, dass sie Jobs für diese Frauen schaffen. Das ist neoliberales Gedankengut, das es bis weit nach links geschafft hat.

Die Angst vor der Potenz der Frau

Es gibt eine wichtige Funktion der Prostitution, die in der Vergangenheit zu selten angesprochen wurde. Sie bändigt zugleich die Sexualität aller Frauen. Eine Frau, die mit zu vielen Männern schläft, die zu viel sexuelle Erfahrung hat, wird „Hure“ genannt, das heißt, sie wird zur devianten Frau. Das ist in der bürgerlichen Gesellschaft für eine Frau gleichbedeutend mit gesellschaftlichem Selbstmord. Frauen können in Swingerclubs gehen, sie können Pornobildchen von sich um die Welt jagen, doch werden sie darin erkannt, droht der Verlust des Arbeitsplatzes, der Wohnung, des gesamten gesellschaftlichen Ansehens. Indem es die Prostitution gibt, wird jede Frau davor gewarnt, sich wie „eine Hure“ zu benehmen.
„Die Frau wird mit Geld gekauft, und wirtschaftliche Abhängigkeit ist nur ein weiteres Zeichen dafür, dass sie einem System unterworfen ist, dessen Kräfte wirklich und auch mythisch sind. Sexualwahn nährt den Machtwahn und beide hängen von der Verdinglichung der Frau ab.“[1]
Prostitution verdinglicht Frauen und unterwirft sie, und zwar nicht nur die unmittelbar von ihr betroffenen, sondern alle. Eine Frau, die weiß, wie sie guten Sex hat, die viele Partner hatte, die offen und lustvoll ihr Sexualleben auslebt, wird „Hure“ genannt. Es ist die männliche Angst vor der weiblichen Sexualität, die mit der Devianz der Hure gebändigt wird. Die bezahlt er, die gehört ganz ihm. Die andere Frau, die sexuell wahrhaft befreite, die sich einen Scheiß um die Moral der Gesellschaft kümmert, die kann er nicht besitzen, sie wählt, sie ist frei. Er kann sie höchstens mit Gewalt überwinden, aber in einer wahrhaft sexuell befreiten Gesellschaft hätte das für ihn drastische Folgen. Keine Verurteilungsraten von 8,4 Prozent und Anzeigeraten von 8 Prozent. Diese Angst, dass die Frauen da draußen entdecken, welche Kraft in ihrer eigenen Lust, unabhängig von den Männern, steckt, dass Sex kein Blowjob ist, sondern viel viel mehr, die ist es, die da draußen umgeht, und die sie mit aller Macht zu unterdrücken versuchen. Frauen müssen entdecken, was ihre Lust ist, sie entfesseln, das ist die wahre Macht, die Männer seit Jahrtausenden fürchten, in drastischen Gesetzen einzusperren suchen, denn sie wissen: Sexuell sind wir ihnen überlegen. Leider wissen das nur die meisten von uns nicht. Ich fände es interessant, wenn all die Gelehrten der Gender Studies mal dazu etwas schreiben würden, anstatt so einen Bullshit von sich zu geben, Prostitution inspiriere unsere Sexualität. Reden wir doch mal wirklich über Sex. Über den Sex, den Frauen wollen, den sie verdienen, den verdammt noch mal die Männer endlich lernen müssen, bevor sie vor lauter Versagensangst eine Prostituierte missbrauchen müssen.

Machen wir den Schlussstrich

Prostitution ist falsch, denn sie zementiert die Ausbeutung und Unterdrückung der Ärmsten und Rechtlosen. Theodor Adorno hat es in der Minima moralia geschrieben: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Wir können die Prostitution nur abschaffen, indem wir die Nachfrage beenden – und das bedeutet, die Freier zu kriminalisieren, jene Freier, die Verkehr ohne Kondom nachfragen, die gegen den Willen der Frauen den Verkehr mit ihnen filmen und auf Videoplattformen hochladen und die Frauen in frauenverachtendster Weise auf Freierforen auch noch bewerten. Der Weg dahin ist das Nordische Model. Schweden ist nachweislich das Land mit der geringsten Rate an Menschenhandel – und Prostituiertenmorden.
Prostitution tötet, Prostitution zerstört Körper und Seelen. Flatrate-Bordelle, Weisungsrecht, Gang-Bang-Parties. Geht raus und kauft euch für 6 Euro eine Wurst, ein Bier und eine Frau, passend zur WM. Wie ignorant kann man eigentlich sein, hier noch von Freiheit zu reden, zu philosophieren und den Gegnerinnen dieser Zustände Hurenhass vorzuwerfen? Wenn jemand hasst, dann die, die diese Frauen und ihre Leben verramschen.
Ich lade euch ein, liebe Genossen und Genossinnen, all jene, die mit mir auf Demos, Kundgebungen gestanden haben, mit denen ich Solidarität und Volksküchen geteilt habe, macht eure Augen auf und erkennt, was Prostitution wirklich ist: Ein System der Ausbeutung, der absoluten Entfremdung, das von der organisierten Kriminalität nach neoliberalen Gesetzen durchstrukturiert ist und ein durch die politische Legalisierung vollkommen unkontrolliertes Verbrechen an Hunderttausenden von Frauen mitten unter uns. Ein System, das es uns unmöglich macht, als Mann und Frau einander gegenüber zu stehen und freie und selbstbestimmte Sexualität auszuleben.
Die Wenigsten unter uns wissen überhaupt, was das ist, weil sie es nicht irgendwie geschafft haben, heil zu bleiben, in dieser Welt aus Porno, Frauenverachtung und Sexismus. Ein Mann, der über Jahre lernt, dass Frauen nur Objekte sind, kann keinen guten Sex mehr haben. Er kann nur noch ficken. Das ist, wie bereits geschrieben, Selbstbefriedigung am lebenden Objekt. In einer gleichberechtigten und freien Gesellschaft kann kein Platz sein für Prostitution. Wir als Linke, als Wertegemeinschaft, sind gefordert, hier den gesellschaftlichen Schlussstrich zu ziehen. Wenn wir das nicht tun, dann machen wir uns nicht weniger schuldig, als würden wir einem Kriegseinsatz mit entsprechenden Opfern zustimmen. Das da draußen ist ein Krieg. Er wird nur im Rotlicht und an Frauenkörpern ausgetragen. Und ihr stellt euch hin, schwingt kluge Reden von „sexueller Selbstbestimmung“ und „Freiheit“  auf Debattenblogs und Podien und verpisst euch dann in eure schönen Wohnungen und alternativen Luftblasen, wo ihr schlechten Sex habt oder auch nur fickt. Aber es sind ja nicht eure Körper da draußen. Es könnte aber auch anders sein. Wir könnten uns gleichberechtigt gegenüberstehen, wenn kein Körper mehr käuflich ist, kein Körper mehr mit Gewalt genommen werden kann, wenn wir gemeinsam herausfinden, was Lust wirklich ist, abseits von Porno und Sexismus, die beide nur Marketinginstrumente sind, denen es nur um das ganz große Geschäft mit den Fantasien onanierender oder fickender Männer geht. Geschlechterfrieden ist das Wort. Wir könnten ihn haben. Wenn ihr endlich aufhört, diesen Blödsinn von sexueller Freiheit im Zusammenhang mit Porno und Prostitution zu glauben und zu einer gescheiten Analyse kommt, die euch klar macht, dass hier glasklare Profitinteressen greifen, die euch verarschen und zu Hampelmännern der Republik machen. Die Linke versagt. Und alle schauen zu. Right on.

 

[1] Millet, Kate: Sexus und Herrschaft, S. 33

10 Kommentare

  1. “Es gibt eine wichtige Funktion der Prostitution, die in der Vergangenheit zu selten angesprochen wurde. Sie bändigt zugleich die Sexualität aller Frauen. Eine Frau, die mit zu vielen Männern schläft, die zu viel sexuelle Erfahrung hat, wird „Hure“ genannt,…” genau, und aus Männer- (und häufig auch Frauen)Sicht sind Huren nicht etwa Frauen, die gegen Geld ihren Körper verkaufen, sondern Frauen, die ihre eigene Lust mit auch mehreren Männern ausleben wollen. Die Sexualität, die Lust der Frau, wird “stigmatisiert”.

  2. Käsestulle

    @helgesolveig
    das glaube ich kaum. den meisten (auch frauen!) wird klar sein, dass sex mit x-beliebigen männern gegen geld absolut nichts damit zu tun, lust auszuleben.

  3. Käsestulle

    … und wie im artikel schon dargelegt: bei prostitution geht es nicht um die sexualität von frauen. und zwar absolut gar nicht.

    nicht zu vergessen, dass das system prostitution einem ausgeglichenen geschlechterverhältis generell im wege steht. wer nackte frauenärsche auf werbeplakaten kritisiert, kann davor nicht die augen verschließen. diese nackten ärsche sind überhaupt nur möglich, wenn es frauen zu kaufen gibt.
    dass sich ausgerechnet linke und sog. feministinnen zu verteidigern patriarchaler verhältnisse machen und die vermeintliche (sexuelle) freiheit von frauen vorschieben, ist eine schande.

  4. Ich frage mich immer, warum “Feministinnen” so viel über Prostitution diskutieren!???
    Es gibt doch auch normale Arbeit! Geht doch einfach arbeiten!

  5. Yvonne Flückiger

    Die Krönung dieser ganzen Perfidie ist, dass die Frauen anschliessend dazu neigen, die erfahrene Gewalt nochmals gegen sich selbst zu richten. Depressionen, Sucht, Essstörungen, borderline, etc.
    So geben sie auch noch der Pharma-Mafia und der Psychiatrie mit ihren Zuschreibungen und Stempeln gutes Brot und Arbeit. Der Kreis ist geschlossen und soooo bequem fürs Patriarchat, weil die Frauen das ganze Leid und die Scham auch noch gegen sich selbst wenden. Ganz abgesehen davon, dass eben die weibliche Sexualität und Erotik brutal abgetötet wurde und wird. Die Unbefangenheit und das Lachen der Frauen ebenso! Also verdienen sich mit den Traumen der gequälten Frauen und dem Terror gegen diese etliche Leute eine goldene Nase, und nicht NUR die Zuhälter! Auch Anwälte, Aerzte, Psychiater und die Pharma profitieren.
    Und die Frau wird dann erst recht zu einem Objekt, an dem alle Besserwisser herumdoktern dürfen. Causa Frau und ihr Wahnsinn?!?!?!

  6. Mir scheint es realitätsfremd und scheinheilig, in einer Zeit, in der Big Brother, Dschungelcamp, Bachelor, die Geissens und wie sie alle heissen Furore machen, in einer Zeit in der der ganz persönliche Alltag bildlich festgehalten und für alle Welt ersichtlich im WWW gepostet wird, in einer Zeit in der sexuelle Ausbeutung von Frauen in der Kunst zum guten Ton gehört, in einer Zeit in der der Suchbegriff „mail order bride“ via google ungefähr 13’300’000 Ergebnisse in 0.64 Sekunden liefert, in einer Zeit in der die Leihmutterschaft vielerorts legal ist und gut betuchte Damen sich auch noch mit 60 gegen entsprechendes Entgelt schwanger machen lassen können (ebenso alte Männer finden mit dem entsprechenden Konto ja schon lange entsprechend jüngere Frauen…), in einer Zeit in der Häftlinge für bessere Haltung bezahlen können, in einer Zeit in der Krankenkassen Versicherten eine gesunde Lebensweise finanziell schmackhaft machen, in einer Zeit in der Manager eines profitgierigen Grosskonzerns in einem Jahr mehr verdienen als die Frauen, die währenddessen ihre Kinder erziehen oder ihre betagten Eltern pflegen in ihrem ganzen Leben, in einer Zeit in der eine Frau, die mit Kopftuch spazieren geht mehr argwöhnische Blicke auf sich zieht, als eine, die dies halbnackt tut, Prostitution als Verletzung der Intimsphäre anzuprangern resp. gar verbieten zu wollen. Geld regiert die Welt. Leider.

  7. Käsestulle

    “Geld regiert die Welt. Leider.”

    Nur weil es jetzt so ist, muss es nicht so bleiben.
    Im Übrigen sind alle deine Beispiele nicht dazu geeignet, Prostitution oder andere Misstände zu rechtfertigen. Kein Misstand kann einen anderen legitimieren.

  8. “[…] Ein Mann, der über Jahre lernt, dass Frauen nur Objekte sind, kann keinen guten Sex mehr haben. Er kann nur noch ficken. Das ist, wie bereits geschrieben, Selbstbefriedigung am lebenden Objekt. In einer gleichberechtigten und freien Gesellschaft kann kein Platz sein für Prostitution. […]”

    Ja, leider gibt es inzwischen nicht wenige Männer, die so sehr durch Porno-Konsum geschädigt, abgestumpft sind, dass sie nicht nur Probleme mit ihrem Frauenbild, sondern auch mit ihrer Erektion haben, wenn sie mit “realen” Frauen “offline”-Sex haben, Männer, die auch physisch in Folge des Porno-Konsums, des mittlerweile für sie als “normal” geltenden Porno-Sex´ mitunter sogar nur noch durch andere Praktiken als vaginale Penetration zum Orgasmus kommen können – indem sie (bei diesen anderen Praktiken) die Frau (besser, leichter) objektifizieren und ihre (der Männer) Unterwerfungs-/Erniedrigungsphantasien/-wünsche leichter ausagieren können, wobei die Frau als reiner Gegenstand, als Projektionsfläche benutzt wird. Deshalb favorisieren solche Männer “harte Penetration”, möglichst anal oder oral sowie facial abuse, gagging etc. (weitere, aus Pornos bekannte, in selbigen verbreitete/gängige Praktiken). Nicht selten haben sie sogar bei der Masturbation Schwierigkeiten bzw. kommen sie nur noch mittels death grip … zum Orgasmus – und mittels Erniedrigungs- und auch Gewaltphantasien (Frauen, die sie erniedrigen, denen gegenüber sie gewalttätig werden).
    Ja, das ist traurig. Für vor allem diese Männer. Sie sind längst selbst Opfer ihres Pornokonsums, nicht selten ihrer Pornosucht geworden.
    Und ja: “der Zynismus des Freiwilligkeitsbegriffs” (in Bezug auf Prostitution) sowie die “Unfähigkeit zur Patriarchatskritik” – vollständige Zustimmung hierzu. – Schön, dass es Frauen gibt, die all das erkennen, entlarven, offen an- und aussprechen, kritisieren, anprangern – solcher kritischen Stimmen bedarf es noch weit mehr und “lauter”. – Nochmals Danke, Mira Sigel. 🙂

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