Deine Privilegien werden dich nicht schützen – Rede von Sagashus Levingston beim Women’s March

Sagashus Levingston

© Sagashus Levingston

Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen bei uns regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der oder aller Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Sagashus Levingston von Infamous Mothers hielt am 22. Januar 2017 diese Rede beim Women’s March in Madison, Wisconsin. Wir bedanken uns sehr herzlich dafür und für die Genehmigung, eine Übersetzung anzufertigen und hier zu veröffentlichen.

Wo und wie betrete ich diesen Ort? Die Erwartung an mich ist, dass ich hier stehe und die Art und Weise beleuchte, in der weiße Frauen diesem Land am 8. November 2016 geschadet haben. Manche erwarten von mir, dass ich sagen soll: “Während ihr mit Aufklebern herumgefahren seid, auf denen ‘Ich bin für sie’ stand (‘I’m with her’ war der Slogan für Hillary Clinton, Anmerkung d. Übersetzerin), waren 94% der schwarzen Frauen und 63% der Latina in den Wahlkabinen und haben sie gewählt. Nur 47% von euch waren da.” Für manche besteht die Erwartung darin, dass ich euch sagen soll, wie wenig wir euch vertrauen. Wie sehr schwarze und braune Frauen es satt haben, euer Chaos zu beseitigen, nur um sofort nach Erledigung der Arbeit wie Müll herausgeworfen und abserviert zu werden. Andere wollen, dass diese Rede über unsere Verweigerung geht, mit euch Bündnisse einzugehen, bis ihr euch dafür entschuldigt habt, in der Geschichte eure eigenen Bedürfnisse und Wünsche vor unsere und die anderer Frauen gestellt zu haben – und für eure Rolle in der Unterdrückung der Marginalisierten. Aber dies von mir zu wollen, bedeutet, von mir zu wollen, dass ich etwas tue, das nicht zu mir passt und jemand zu sein, die ich nicht bin. Es gibt Frauen, die viel qualifizierter sind als ich, dieses Gespräch mit euch zu führen und diese Rede zu halten. Das, was ich euch heute, jetzt, bieten kann, bin ich. Ich zeige mich als Frau an einem Ort der Frauen. Ich zeige mich als verletzlich.

Heute stehe ich an der Intersektion vieler Identitäten: schwarz, kahlköpfig, volle Figur, alleinerziehende Mutter von sechs Kindern, vier verschiedene Väter, arm …. Doktorandin …. Geschäftsfrau …. Frau. Und ich gebe mich euch ganz, denn das ist alles, was ich zu geben habe.

Ich erzähle euch von dieser sehr persönlichen Entscheidung, weil jede gute Feministin weiß, dass das Persönliche IMMER auch das Politische ist. Das bedeutet, dass ihr wie ich hier an der Intersektion vieler Identitäten steht – alle durch Race, Klasse, Sexualität und Fähigkeiten geformt und beeinflusst. Welchen Teil davon sollen wir wegschneiden? Welche Feministinnen hier herausstellen: Weiße, Schwarze, Latina …? Wen lassen wir zurück – feministische Männer, Muslime, Muslima, Menschen aus Asien, Mitglieder der LGBTQUIA? Und was werden unsere Entscheidungen uns kosten? Wer von uns hier braucht kein Gesundheitssystem, keine gleiche und langfristige Bezahlung, keine saubere Luft und kein sauberes Wasser? Sind dies Fangfragen? Wenn wir eine Identität über die andere stellen, stimmen wir dann gegen uns selber, gegen alle Frauen? Amputieren wir Teile eines kollektiven Rechts auf Gleichstellung und Gerechtigkeit, des Rechts, Unterdrückung abzuwerfen? Und wenn wir das tun, müssen wir uns fragen, wessen Zielen wir dienen, wenn diese Ziele nicht uns alle anerkennen. Und ist das klug?

Ich stimme zu, dass es der Gradmesser einer Gesellschaft ist, wie sie mit Frauen und Mädchen in dieser Gesellschaft umgeht. Aber ich glaube, dass einer der besten Gradmesser einer Gesellschaft darin besteht, wie sie mit den Frauen und Mädchen umgeht, die am meisten am Rand stehen: Teenager, die Mütter sind, Drogenabhängigen, Sexarbeiterinnen, Frauen und Mädchen, die Obdachlosigkeit erleben, verarmte Frauen, alleinerziehende Mütter, Frauen in Sozialwohnungen, in der Sozialhilfe, Women of Color, Frauen mit Belastungen ihrer geistigen oder körperlichen Gesundheit, Frauen, die häusliche Gewalt erleben … Vergewaltigungsopfer.

Ich glaube, dass eine gesunde Gesellschaft die ist, in der diejenigen in der Mitte vor Schmerzen schreien, wenn diejenigen, die am weitesten von der Mitte entfernt sind, getroffen werden. Sie schmerzt, wenn sie Schmerzen haben. Sie weint, wenn sie weinen. Und sie bewegt sich und handelt in deren Sinne. Gleichberechtigt, und noch wichtiger, daran interessiert, dass alle die Werkzeuge und Ressourcen haben, um selber handeln zu können. Und ich glaube das, weil ich verstehe, dass die meisten Dinge – wenn nicht sogar alle – im Leben nur so stark sind wie seine gefährdetsten Teile. Und was ich weiß, so wie ich hier an der Intersektion so vieler Identitäten stehe, ist, dass anders als wir das glauben wollen, Teile von uns zu jedem gegebenen Zeitpunkt immer am Rand stehen. Und wenn das nicht heute der Fall ist, dann ist es nur eine Frage der Zeit. Eure Privilegien werden euch nicht immer beschützen. Sie werden nicht euer Wasser sauber halten oder eure Psyche gesund oder euren Körper intakt halten. Sie werden euch nicht davor bewahren, Teile von euch wegzuschneiden, um in die Pläne eines anderen zu passen.

Was tun wir also? Ist das eine Fangfrage? Eine Antwort geht davon aus, dass ich weiß, was ihr bereit seid aufzugeben für was immer auch getan werden muss. Sie geht davon aus, dass ihr genauso hiervon ab hängt wie ich. Sie geht davon aus, dass ihr versteht, dass euer Schicksal mit meinem verbunden ist und dass dieser Marsch nicht nur ein einziger großer kathartischer Augenblick ist, der vorbei ist, sobald wir alle auseinander driften. Und wäre das nicht anmaßend meinerseits?

Ich will euch sagen, dass ihr lesen sollt. Viel und weit über die Unterdrückung, die euch jetzt betrifft und über die Unterdrückungen, die mich betroffen haben. Aber werdet ihr das? Ich will euch sagen, dass ihr eure Dollars – ohne daran geknüpfte Bedingungen – hinter Programme wie die von YWCA[1], DAIS[2], dem Catalyst Project[3], der Doyenne Group[4] – gebt. Aber werdet ihr das? Ich biete euch keine Sachen zum mit nach Hause nehmen oder Aufrufe zur Tat, weil ich nicht weiß, wie weit ihr gehen werdet, wenn ihr nicht mehr in einem Meer von Pussymützen steckt. Statt dessen lasse ich euch mit einer Botschaft stehen, die so unbequem ist wie die, mit der ich begonnen habe. Genauer gesagt lasse ich euch mit einer Frage stehen: Was genau wirst DU nach dem heutigen Tag tun?

[Sagashus Levingston hielt diese Rede am Women’s March in Madison, Wisconsin, am 21. Januar 2017. Aus vielen Gründen improvisierte sie den letzten Teil in ihrer Live-Version. Aber der abschließende Absatz ist das tatsächliche Ende.]


[1] YWCA Madison – Die YWCA USA, Inc.  ist eine NGO, die sich für die Beseitigung von Rassismus und für Mädchen- und Frauenrechte einsetzt. Sie geht aus der Young Women’s Christian Association hervor, änderte aber im Jahr 2015 ihren Namen zum jetzigen, um zu verdeutlichen, dass der Einsatz für soziale Gerechtigkeit, unabhängig von einer Religion, im Vordergrund steht.
[2] DAIS – Domestic Abuse Intervention Services ist ein Projekt, das Interventionen für Frauen und Kinder bei häuslicher Gewalt anbietet.
[3] Catalyst Project – Stability and Voices for Familes ist ein Projekt, das feste Unterkünfte für  alleinerziehende Mütter und Kinder, die von Wohnungslosigkeit betroffen waren, zur Verfügung stellt. Außerdem werden Beratung, Problemlösungsansätze und verschiedene Therapieprogramme angeboten.
[4] Doyenne Group ist eine Non-Profit Organisation, die Frauen beim Sprung in die Selbstständigkeit bzw. die Geschäftswelt unterstützt, diverse Veranstaltungen und Programme zum Thema anbietet und Möglichkeiten zur Vernetzung stellt.

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