Der Bericht einer Überlebenden: “Das Inzesttagebuch”

In den vergangenen Wochen seit dem Erscheinen von “Anonyma – das Inzesttagebuch” gab es so gut wie keine Büchergruppe, in der das Buch nicht heftig diskutiert wurde. Eins steht fest: Es rüttelt auf, es schockiert. Und das ist, liest man die Sprache, auch eine seiner Absichten. Viele Sätze sind dazu gemacht, der Leserin/dem Leser mit voller Wucht eine Wahrheit in das Gesicht zu schleudern, die ihnen den Atem nimmt. Da ist ein kleines Mädchen, eines, wie viele kleine Mädchen, aus einer ganz normalen Familie, und dieses Mädchen hat ein schreckliches Geheimnis: Es wird vom eigenen Vater missbraucht, seit es im Kindergartenalter war. Um die heftigen Übergriffe des Vaters, bei dem es nicht nur beim Berühren bleibt, sondern regelmäßig zu Penetration und sogar Verstümmelungen kommt, zu überleben, beginnt die anonyme Schreiberin, Lust zu entwickeln, die sich bis in wahnsinnige Orgasmen steigert, schon als Kind. Lust ist ihr Überlebensmechanismus, für den sie sich schämt, den sie aber auch nicht leugnet und der am Ende ihr ganzes weiteres Leben überschatten wird.

Die Sprache hat manchmal etwas sehr Kindliches, vermutlich, um den Kontrast zum Erzählten noch zu erhöhen, und das gelingt auch, aber eben auf Kosten von ein wenig Tiefgang. Viele Absätze bleiben bruchstückhaft, allerdings schreibt sie selbst, dass sie sich an viele Dinge nicht mehr erinnert. Das anonyme Mädchen wird irgendwann erwachsen, geht weg vom Vater und zum College, heiratet. Aber der Mann in der Ehe kann ihre einmal “genormte” Lust nicht befriedigen, weil er ihr keine Gewalt antut. Also sucht sie immer wieder die Reinszenierung des Erlebten, mit älteren Männern und schließlich mit einem, der sich an der von ihr erlebten sexuellen Gewalt zusätzlich erregt, und die Szenen, die der Vater ihr angetan hat, nachspielt. Als sie ihm ein Kinderfoto von ihm zeigt, erklärt er ihr, dass er sie gern gef*** hätte.

Warum ist dieses Buch ein Beitrag zur feministischen Debatte? Aus vielen Gründen. Zum einen ist es ein authentischer Bericht über das, was sexuelle Gewalt bedeutet. Vieles von dem, was Anonyma beschreibt, kam mir sehr bekannt vor, etwa die Angst vor den aufragenden Wolkenkratzern in den großen Städten, die an übergroße Penisse erinnern. Das Schreckliche, das Unaussprechliche, kommt in harmloser Kindersprache daher. Das Mädchen ist neugierig und es erkennt, dass es Macht über den Vater hat, eine Sonderstellung, für die die Mutter sie hasst. Der Verrat der Mutter ist deutlich erkennbar. Zum anderen wird an diesem Buch etwas deutlich, worüber wir im Zusammenhang mit BDSM und “Fifty Shades of Grey” bereits diskutiert haben: die Lust an sexueller Gewalt, die uns so gerne als “sexuelle Befreiung” verkauft wird, als etwas, das der Sexualität der Frau genuin innewohnt, und das sie nur annehmen muss, als Teil ihrer ureigenen Sexualität, und “ausleben” in Form von BDSM, ist die Folge einer riesigen, kollektiven Reinszenierung erlebter und weitergetragener sexueller Gewalt. Lust ist im Patriarchat an vielen Stellen zum Überlebensmechanismus für Frauen geworden. Wenn ich etwas positiv für mich konnotiere, selbst die Bedrohung meines eigenen Lebens, wenn ich sogar noch klaren Lustgewinn daraus ziehe, verliert es seinen Schrecken und seine Unbeherrschbarkeit. Diese Lust ist gefolgt von Scham, das beschreibt Anonyma auch sehr eindringlich, doch tatsächlich ist BDSM in unserer Gesellschaft längst schick und wild und besonders und wer es auslebt, hat auf jeder Party die Zuhörer sicher. Die Frauen, die es ausleben, zeichnen sich auch durch eine Art Stolz aus, Stolz es “auszuhalten”, Stolz, den Männern etwas geben zu können, was sie anderswo vermissen. Es ist eben jener Stolz des kleinen Mädchens, das weiß, dass es den Vater in seinem neuen Badeanzug erregt.

Das “Inzesttagebuch” steht stellvertretend für die Geschichten hunderttausender vergewaltigte Mädchen und Kinder, die in ganz normalen Familien leben, und aus denen später Frauen werden, deren Lust ein Gefängnis ist. Mir ist beim Lesen erst klar geworden, dass dieser Trick, die frühe sexuelle Gewalt, die alle Mädchen insofern kennen, als dass sie zumindest vor ihr gewarnt werden, die Sexualität der Mädchen zu zerstören, sie patriarchatsgerecht zurecht zu schneiden, sie entweder auszulöschen, oder sogar explizit so zu formen, dass das, was im Patriarchat geschieht, als lustvoll erlebt wird, eines der machtvollsten und nachhaltigsten Instrumente patriarchaler Unterwerfung ist. Es gab vor ein paar Jahren schon einmal den Hinweis, dass sexuelle Lustreaktionen von Frauen auf Vergewaltigungen eine genetische Anpassung sein könnten, hervorgebracht durch Jahrtausende sexueller Gewalt. Lust als Herrschaftsinstrument ist bislang sehr wenig erforscht. Lust entzieht sich ihrem Wesen nach schon unserer bewussten Kontrolle, sie ist mit unserem Unterbewusstsein, mit dem ältesten Teil unseres Menschseins, und unseren Urtrieben verbunden. Sie kann, wie der Fall von Anonyma zeigt, zur Waffe gegen uns selbst werden, wir werden ihre Gefangene und damit zur perfekten Frau im Patriarchat, die aus ihrer eigenen Misshandlung noch Genuss zieht und damit als Beweis dafür dienen kann, dass das Patriarchat wahlweise nicht existiert oder genau dem wahren Wesen der Frau und ihren Bedürfnissen entspricht. Frauen werden so zu Komplizinnen ihrer eigenen Unterdrückung, manipuliert lange bevor sie erwachsen sind. Lust ist untrennbar mit unserem Ich, mit unserer Identität verbunden und wir können ihr nicht entkommen, auch wenn ihre Auslebung uns oder anderen schadet.

Kathleen Barry hat in “Die sexuelle Versklavung der Frau” sehr genau ausgeführt, woher die Erfindung des sexuellen Sadismus als neue Unterwerfungstaktik der Frau kommt. Lust wird zur Waffe gegen die Frauen, wenn Männer Prostitution nutzen oder sich an Gewaltpornografie erregen, sie wird sogar zu einer vernichtenden Waffe, wenn man den Komplex der Wehrmachts- und KZ-Bordelle hinzuzieht. Lust wird zusammen mit männlichen Anspruchsdenken zum Katalysator des sexuellen Terrorismus, dem Frauen ständig ausgesetzt sind, da die Angst, vergewaltigt zu werden, sie begleitet und überall umgibt. Indem der Porno beispielsweise Gewalt und Erregung miteinander verknüpft, verändert auch er die Lust der Männer, formt sie auf etwas, das keine Empathie und keinen Respekt mehr vor dem weiblichen Anderen (Stichwort “Othering”) kennt. So begegnen sich die Geschlechter zwar mit Lust, doch in vielen Fällen kommen sie aus zwei völlig unterschiedlichen Lustkontinenten. Die Frau aus dem der Gewalt und Bedrohung, die sie für sich vielleicht affirmativ umgedeutet hat (“Ich mag es, wenn er mich hart anfasst”) und er aus dem, in dem Frauen es genießen, benutzt und sogar misshandelt zu werden und alle Anforderungen an ein erfolgreiches “Divide et impera” sind erfüllt. Eine stabilere Basis kann es für das Herrschaftssystem Patriarchat gar nicht geben und es zeigt, dass die sexuelle Revolution noch vor uns liegt, das wir gemeinsam an ihr arbeiten müssen.

“Anonyma – das Inzesttagebuch” ist genau dafür ein bedeutendes Buch, das jenseits des Reißerischen, ein entscheidender Beitrag zu genau dieser Debatte ist und ich lade – trotz sehr, sehr großer Triggerwarnung aufgrund der expliziten Gewaltszenen – viele Frauen ein, das Buch zu lesen und sich mit der Aussage auseinanderzusetzen. Ich bin mir sicher, viele von uns werden viel Vertrautes entdecken und vielleicht ist das ein Stufe mehr auf dem steilen Weg dahin, diese namenlosen, unsichtbaren Fesseln zu erkennen und abzustreifen. Wie groß die Fessel unserer eigenen Lust ist, ist mit durch dieses Buch klar geworden und deshalb sind wir alle ein Stück die Anonyma in diesem Buch. Sie spricht stellvertretend für so viele von uns.

7 Kommentare

  1. Rosengruen

    Danke für diese Zusammenfassung der Zusammenhänge! Es tut immer wieder so gut, sich nicht alleine mit dieser Wahrnehmung zu fühlen!
    Danke dafür!

  2. Als Ergänzung ist noch beizufügen, dass durch jede Vergewaltigung das Wurzelchakra der Frau verletzt wird und sich schliesst. Das Wurzelchakra ist für Existenz und Wohlstand sehr wichtig.
    Auch dieser Zusammenhang wurde bereits herausgearbeitet. Ist dies wohl mit ein Grund, warum so viele Frauen Existenzängste haben; und oft auch trotz allem Fleiss keinen Wohlstand erarbeiten können, resp. immer Geldprobleme haben?
    Abgesehen natürlich vom Patriarchat, das genau das will; um Frauen so in Abhängigkeit zu halten. Irgendwie spielt das Eine dem Andern in die Hand. Kein Wunder haben viele Frauen oft das Gefühl, nicht aus dem Gewaltgefängnis zu entkommen. Die Gesetzgebung spielt ja oft genug ebenfalls den Tätern in die Hand. (ZB. bei Vergewaltigungen und Täterschutz, Bagatellisierung von Gewalt, institutionalisierter und struktureller Gewalt, Zuhälterei, etc. etc.) Je früher diese Vergewaltigungen stattfinden, desto mehr wird das Mädchen und die Frau und ihre Weiblichkeit schwer verwundet. Das ist die “seelische Beschneidung”, die derjenigen in Afrika durchaus vergleichbar ist. Seelische Verletzungen traumatisieren und beeinträchtigen das spätere Leben ebenso wie physische.
    Durch seelische und körperliche Gewalt werden Frauen so abgerichtet, sich zu unterwerfen und dem Patriarchat zu dienen. Gewalt an Frauen dient allein dem patriarchalischen Mann und dem Patriarchat.

  3. PS: Dem beizufügen ist auch noch die Rolle der Psychiater und Psychologen, welche dann vom “angeborenen Masochismus der Frau” faseln, (Freud, etc.) und ihr allerlei bunte Etiketten für ihre “Krankheiten” verpassen, von Borderline (mit Selbstverletzungen), über narzisstische Störung, zu Neurose, bipolare Störung (manisch-depressiv) Dissoziation, Identitätsstörung, ADHS (AdS) etc. Viele dieser sog.”Störungen” und Verhaltensauffälligkeiten die so etikettiert werden, sind nichts anderes als Posttraumatische Folgestörungen, mit deren Hilfe die Frau versucht hat den Horror zu überleben. Aber eben! Die Experten wissen es besser; und am Patriarchat darf nicht gekratzt werden.

  4. Bri Lunzer-Rieder

    Hirn an Bauch; Lustgewinn besser kontrollieren (anfangen) !

    Bauch an Hirn; ok, aber gib DU uns dazu endlich die guten Argumente, um reale Macht zu bekommen. Sonst wird das nämlich niemals niiix…

    Beide, Hirn-Denke & Bauch-Gefühle von weiblich verkörperten MitmenschInnen, an die soziale Umwelt;
    besser zuhören.
    Umdenken.
    Machtverhältnisse ändern.

    dann funktionierts auch mal mit dem besser miteinander leben…samt guter Lust daran 😉

    …in Österreich boomen inzwischen die Single Haushalte.
    Und künstliche Puppen, sensorisch gelenkt, sexuell verwendbar, kommen in Artikeln auch immer öfter wo vor. Auch von Frauen, diese Artikel..

  5. Die Rezension hat mich bereits umgehauen – weil die Wahrheit so brutal ist und der Text sie auf den Punkt bringt. Weiß noch nicht ob ich mich an das Buch rantraue-trotzdem Danke!

  6. sternenfrau

    ich wüßte nicht warum ich dieses buch lesen sollte und die gewaltszenen
    einer anderen frau mir antue. ich habe selbst eine gewaltgeschichte und
    weiß was das heißt. das ist voyeurismus. und es verhindert keinerlei
    sexuelle gewalt. die menschen müssen endlich zu diesem thema aufwachen
    und nicht weiterhin retraumatisieren. und das so ein buch empfohlen wird
    deutet sehr auf unwissen hin.
    ich habe nur oben die rezension gelesen.

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