Der böse fremde Mann

GI Joe Soldier

GI Joe Soldier by Cerebral Pizza via Flickr [CC BY 2.0]

Kaum schaltet man den Fernseher im Moment an, oder liest irgendwo in irgendwelchen Medien Kommentare, glaubt man die größte Bedrohung deutscher Frauen und Kinder ist der geflüchtete muslimische Mann., der bald raubend und mordend durchs Land ziehen wird. Auf einer Bürgerversammlung vor kurzem, ich konnte es fast nicht glauben, wurde Sorge über Frauen ausgesprochen, die alleine mit Hunden durch den Wald gehen in der Nähe einer Unterkunft für geflüchtete Menschen. Die ständig auflauernden Exhibitionisten (kein Witz) im Wald waren vergessen.

Lange ist es her, da waren nicht die männlichen „Flüchtlinge“ Thema, sondern die amerikanischen Soldaten. Einer Gruppe, der besondere Nähe zur „Leitkultur“ nachgesagt wird. Der weiße GI, der amerikanische Soldat, war sozusagen der Inbegriff des westlichen Mannes.

Merkwürdigerweise wiederholen sich die Dinge auf befremdliche Art und Weise.

Auf vielen rechten Seiten im sozialen Netzwerk hören wir von Gefahren für junge Mädchen und Frauen durch ausländische Männer; die Angst vor Vergewaltigungen wird geschürt.

Diese Angst fällt bei Frauen und Mädchen natürlich auf einen guten Nährboden, da uns Übergriffe von klein auf immer und überall drohen, und wir diese auch erleben mussten, und sei es „nur“ durch den „zwischen-die-Beine-Grabscher“ im Schwimmbad oder der Exhibitionist an der Straßenecke oder eben im Wald.

Vergewaltigung, oder die Androhung davon, dient dazu, alle Frauen unter Kontrolle zu halten, alleine durch die eventuelle Gefahr der Vergewaltigung, oder durch die „Vorstufen“, die sexuelle Belästigung, der insbesondere junge Frauen unablässig ausgesetzt sind.

Oder in den Worten von Susan Brownmiller:

A world without rape would be a world in which women moved freely without fear of men. That some men rape provides a sufficient threat to keep all women in a constant state of intimidation, forever conscious of the knowledge that the biological tool must be held in awe for it may turn to weapon with sudden swiftness borne of harmful intent…Rather than society’s abberants or “spoilers of purity,” men who rape have serves in effect as front-line masculine shock troops, terrorists guerrillas in the longest sustained battle the world has ever known.

Frei übersetzt:

Eine Welt ohne Vergewaltigung würde eine Welt sein, in der sich Frauen ohne Angst vor Männern frei bewegen könnten. Das einige Männer vergewaltigen sorgt für eine ausreichendende Bedrohung um alle Frauen dauerhaft zu intimidieren, immer im Bewusstsein, das das biologische Werkzeug bewundert werden muss, denn es könnte sich plötzlich in eine gefährliche Waffe verwandeln. Männer die vergewaltigen sind weniger die „Vernichter der Reinheit“ oder „Irrende“, sondern maskuline Schocktruppen an der Front, terroristische Guerilla-Kämpfer im längsten Kampf, den die Welt je erlebt hat.

Diese ständige Angst die Frauen vor allen Männern haben, oder meinetwegen auch dieses Gefühl von Unwohlsein, das uns so oft gegenüber Männern überkommt, insbesondere in schwierigen Situationen, betrifft also wirklich alle Männer.

Gemischt mit Nationalismus ergibt dies eine grauenhafte Mischung.

Facebookgruppen wie „Randgruppe Deutsche“ oder „nordische Valkyrien“ um nur einige der Gruppen zu nennen, können sich über Social Media vernetzen, in einem nie zuvor erlebten Ausmaß, und die eigene besondere „Kultur“, die bedroht ist, beschwören. Deutsche Frauen haben deutsche „Sitten“ zu bewahren.

Als ältere Frau weiß ich nur zu gut, wie austauschbar dieses Gelaber ist.  In den siebziger und achtziger Jahren wurde noch  ähnliches über den amerikanischen GI gesagt. Frauen, die Beziehungen mit Amerikanern hatten, wurden als „dreckige Amihuren“ beschimpft, und nicht nur vereinzelt.

Schon in der Nachkriegszeit wurde das Konzept des „Fräuleins“ entwickelt, das im Gegensatz zur „Trümmerfrau“ stand. Das sogenannte „Fräulein“ war eine sexualisierte, hedonistische Frau, die auch sexuelle Beziehungen zur Besatzungsmacht, zu GIs pflegte, im Gegensatz zur „Trümmerfrau“, der aufopfernden guten deutschen Frau, die die Nation, die deutsche, wieder „ehrenvoll“ aufbaute und auf die Rückkehr des deutschen Soldaten aus Russland wartete. Stilisiert war die „Trümmerfrau“ der Inbegriff der „Heiligen“ und das „Fräulein“ die Hure, wenn man die Aufspaltung der Weiblichkeit betrachtet, die im Patriarchat gerne stattfindet. Dieses Konzept setzte sich auch in den nächsten Jahrzehnten fort, in abgeschwächter Form.

Lokale waren getrennt, es gab Lokale ausschließlich für weiße Gis und für schwarze GIs. Zu einem Teil der deutschen Diskothequeken hatten sie keinen Zutritt, es galt „nur für Mitglieder“ bei GIs. Die Abwertungen gegenüber Frauen und Mädchen die Beziehungen mit schwarzen Gis hatten, waren noch schlimmer und deutlicher, aber das versteht sich durch den nochmals deutlicheren Abstand zur „deutschen Kultur und Sitte“ von selbst.

Andere warnten ungefragt vor Beziehungen zu Gis und dem grauenhaften Schicksal, dass hier zu erwarten war. In einem Kurs an einer deutschen Fachhochschule, bei dem es um Asylantenheime ging, wurde von Männern (!!!) im Kurs gesagt, dass amerikanische Soldaten ständig Frauen vergewaltigen würden und sich hierfür niemand interessiere. Der deutsche Professor kommentierte dies nicht besonders.

Natürlich vergewaltigten GIs, genauso wie Briten, Franzosen und Männer überhaupt. Aber der deutliche Fokus auf die anderen „Vergewaltiger“ wiederholt sich und erfüllt eine Funktion für die Männer der eigenen kulturellen Gruppe.

Zusätzlich zu diesem Hass und dieser Verachtung gegenüber dem „fremden Mann“, auf den alles projektiziert wird, was auch deutsche Männer gerne und oft tun, nämlich vergewaltigen, schlagen und belästigen, kommt die Idee, das Frauen dem deutschen Mann weggenommen werden.

Die Projektion des eigenen Handelns auf den anderen, den „Fremden“, dient natürlich der Ablenkung von sich selbst und von einer eigenen Veränderung, oder auch nur eigenen Verantwortlichkeit. Nicht „rape culture“ ist das Problem, sondern der „Fremde“.

In jedem Fall wurde schon auch bezüglich amerikanischer Soldaten die Befürchtung beschworen, dass deutsche Frauen dem deutschen Mann und der deutschen Kultur nicht mehr zur Verfügung stehen…..“die nehmen uns die Frauen weg“, war eine häufige und offen ausgesprochene Befürchtung. GIs waren damals sportlich durchtrainiert und in der amerikanischen Kultur war gute Körperhygiene bei Männern auch damals weit verbreitet. Für junge Frauen waren Gis nicht unbedingt uninteressant…GIs zeigten eine andere Form von Männlichkeit, die als Bedrohung wahrgenommen wurde. „Fräulein“ sein war durchaus auch eine Art der Rebellion gegen deutschen Nationalismus, aber dies wurde in der geschichtlichen Betrachtung immer unterschlagen, da es eine weibliche Rebellion war.

Ich erinnere mich an frühere Zeitungsartikel, in denen angemerkt wurde, dass GIs für Aufruhr sorgten, da sie üblicherweise Kinderwagen schoben, eine undenkbare Handlung für den damaligen deutschen Mann.

Sehr offensichtlich gibt es hier die Idee, dass Frauen insbesondere der eigenen Kultur zur Verfügung zu stehen haben, und die Wärterinnen der deutschen Kultur sein müssen.

Frauen sind insgesamt „im Besitz“ von Männern im Patriarchat, besonders im „Besitz“ der eigenen kulturellen Gruppe. In der deutschen Kultur hat der deutsche Mann ein Anrecht auf die deutsche Frau als Bewahrerin der deutschen Kultur und dieses gedankliche Konstrukt wiederholt sich in ewigen Varianten verschiedener Ausprägung.

Das Konzept des bösen schwarzen Mannes der die gute weiße Frau vergewaltigen will, ist eine Idee, so alt wie das Patriarchat und übertragbar auf alle „Fremden“. Dieses Konzept war insbesondere in den Vereinigten Staaten verbreitet, die weiße Frau musste die „white womanhood“, das weiße Frausein erhalten und dies war bedroht durch den schwarzen Mann, sicherlich auch im übertragenen kulturellen Sinn bei einer kulturellen Vermischung. Der Rassismus ist hier besonders offensichtlich, aber das gedankliche Konzept auf alles „Fremde“ anwendbar.

Und heute wiederholt sich das. Die Angst der Vergewaltigung durch „Fremde“ wird geschürt, aber zeitgleich gibt es die Angst, dass die deutsche Frau auf den orientalischen Mann mit Leidenschaft und großen braunen Augen hereinfällt. Sehr offensichtlich ist dies beim „Loverboy“ Phänomen, bei dem der „Loverboy“ oft orientalischer Herkunft sein soll. Vergessen sind die deutschen „Luden“ sozusagen, die gefeiert wurden als Teil der deutschen Kultur in Hamburg, so ungefähr. Die waren alles ganz niedliche deutsche Jungs, sympathisch fast schon zusammen mit den „Bordsteinschwalben“, den prostituierten Frauen.

In keinem Fall aber werden „Fremden“ individuelle Charaktereigenschaften zugeordnet, sie sind entweder Vergewaltiger, oder besonders begabte und leidenschaftliche Verführer aus verschiedenen Gründen. In einer von mir kürzlich gesehen Reportage über deutsche Urlauberinnen auf Jamaika ging es um die großen Penisse von jamaikanischen Männern. Jeder kulturellen Gruppe wird also eine andere Zuordnung zuteil.

Was sagt uns dies?

Die männlichen „fremden“ Gruppen sind austauschar, die Mechanismen sind austauschbar. Was bleibt ist beschissener Rassismus, der dem Patriarchat des jeweils eigenen oder jeweils dominanten Kulturkreises dient.

http://kw1.uni-paderborn.de/fileadmin/mw/Brauerhoch/downloads/FF-Brauerhoch.pdf (zum Thema Fräulein und GI)

4 Kommentare

  1. Perfekt ausgedrückt, genau das ging mir in den letzten Tagen durch den Kopf als ich die “Warnungen” in den Medien las. Klar wird frau von Männern, die aus Kulturen stammen in denen Frauen weitgehend unsichtbar sind, offensichtlicher angestarrt und manchmal auch angesprochen. Das darf aber nicht den Blick dafür verstellen, dass die tatsächliche Bedrohung eben der “Kollege”, der Nachbar oder auch der Verwandte sein kann und oft genug ist. Dafür lenkt es prima ab von unserer frauenfeindlichen Realität und dem alltäglichen Backlash.

  2. Je, eben, genau so läuft’s! Ich nenne es das “….ICH NICHT, ER AUCH……” Symptom! Ablenkung! Nebelpetarde!

    Das Gleiche lässt sich zudem fast 1 zu1 auf politische, ökonomische und religiöse Systeme und Korruption übertragen.
    Alle sind so schön unschuldig, weil die andern ja noch viel viel schlimmer sind. Nur bei der “Disziplinierung” von Frauen
    scheint irgendwie schöne Übereinstimmung und Konsens zu herrschen. (Auch bei rechten und linken Gruppierungen übrigens!)
    Das Patriarchat selbst ist das Übel und die Wurzel ALLER Frauenunterdrückung weltweit. Und aus dieser Wurzel spriessen immer wieder neue Triebe, wo auch immer. Und ALLE Systeme sind aus diesem Wurzelwerk gewachsen.

    Wenn man dann etwas sagt, meinen dann die Herren, man solle doch froh sein, nicht in Afghanistan, Indien oder
    Afrika geboren zu sein, denn dort sei es ja noch VIEL schlimmer.

    Was sagt uns das? Wenn es ALLE sind, ist es KEINER gewesen, oder wenn schon, eben der ANDERE!

    Es muss endlich das Wurzelwerk ausgejätet werden! Alles andere ist oberflächliches makeup!

    Sexismus ist das Element, das fast alle Ismen sowohl bedingt wie vereinigt. Die Mutter aller Unterdrückung sozusagen.

    Bevor die Weltherrscher angefangen haben die Welt zu kolonialisieren und auszubeuten, haben sie zuhause bei ihren eigenen Frauen geübt, wie’s geht. Und so ist es auch noch heute.

  3. Maria Schmidt

    Vielen, vielen Dank für den Text und auch für viele andere bei Störenfrieda!
    Du machst nicht den Fehler wie manch andere, vorschnell andere Feministinnen des Rassismus zu beschuldigen, sondern analysierst sehr kenntnisreich und historisch.
    Wenn wir uns auch gegen schwarze Sexisten wehren, so wehren wir uns gegen frauenverachtende Männer, nicht gegen eine Ethnie. Hab t ihr schon mal Männer erlebt, die sich gegenseitig ihren Frauenhaß vorwerfen?!
    Daß Feminismus jede Diskriminierung, also auch Rassismus und Nationalismus und wie die Ismen alle heißen per se ausschließt, versteht sich von selbst. Wir Frauen lassen uns leider immer wieder ablenken vom Kampf gegen das Patriarchat – wir unterschiedlichen Feministinnen sollten uns wieder einiger werden und uns nicht unsere Überzeugungen um die Ohren schlagen. Das schwächt uns alle.
    Maria

  4. Sehr interessant zu diesem Thema (Angst vor dem Fremden und die Abneigung von Männern gegenüber Frauen) ist auch das Buch von Arno Gruen “Der Fremde in uns”- das Buch beleuchtet eindringlich die Frage warum Menschen Macht (miß-) brauchen um ihren eigenen Schmerz nicht fühlen zu müssen.
    Ich kann das Buch jeder/jedem empfehlen, dessen Interesse auch in einer psychoanalytischen Sicht auf das Thema “Fremdenhass”, “Sexismus” etc. liegt .

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