Der Frauenleib als öffentlicher Ort – vom Missbrauch des Begriffs Leben

Frauenkörper werden kontrolliert, Frauen wird die Selbstbestimmung über ihre Körper genommen. Nirgendwo wird das deutlicher als am Umgang mit dem Recht auf Abtreibung. Frauen wird es verwehrt, selbst zu bestimmen, was mit ihren Körpern geschieht, und das systematisch. Die Kontrolle über die Gebärfähigkeit ist eine der Grundfesten männlicher Herrschaft und das sicherste Zeichen dafür, dass es auch bei uns mit der Gleichberechtigung nicht so weit her ist, wie wir uns das vielleicht wünschen.

Die Historikerin und Feministin Barbara Duden hat sich den wahnhaften Widersprüchlichkeiten im Umgang mit dem Frauenkörper in ihrem herausragenden Buch “Der Frauenleib als öffentlicher Ort – vom Missbrauch des Begriffs Leben”, erschienen im wunderbaren Mabuse-Verlag, gestellt und zeigt mit klarem Blick auf, wie sehr wir Frauen diese Übergriffigkeiten inzwischen verinnerlicht haben. Der Begriff “Leben”, den der Gesetzgeber auf die 12. Schwangerschaftswoche festlegt, wird der Frau entgegengeschleudert, fortan hat sie die Interessen ihres Lebens gegen die dieses vom Gesetzgeber konstruierten Lebens abzuwägen und dieses Leben auch in entsprechenden Beratungen usw. als solches zu benennen und zu beschützen, ganz so, wie es dem Bild der Mütterlichkeit entspricht. Ich muss zugeben, dass mir selbst bis zum Lesen dieses Buches vieles davon nicht klar war. Sprache bestimmt unser Denken und unser Denken bestimmt, wie wir unsere Körper erleben. Noch vor 200 Jahren wäre keine Frau auf die Idee gekommen, die Nachricht einer Schwangerschaft mit einem “Leben” in ihrem Unterleib gleichzusetzen, mit dem sie eine Beziehung aufnehmen muss. Eine Schwangerschaft war im besten Falle eine ungewisse Hoffnung, nicht gleichzusetzen mit der Tatsache, dass ein Kind auf die Welt kommen wird. 1987 wollte Edmund Stoiber, dass der Begriff “Abtreibung” in Gesetzestexten durch “Tötung menschlichen Lebens” ersetzt wird.

“Feministinnen haben die  Macht der öffentlichen Zurschaustellung des “Fötus” in der politischen Arena beschrieben. Das hilfsbedürftige Würmchen mit dem großen Kopf ist sympathieheischend neben das Äthiopierkind mit dem dicken Bauch getreten. Beide, so suggeriert das Nebeneinander, sind der Willkür ausgesetzt. Dadurch, sagen die Frauen, wächst jedermanns Zustimmung zum verwaltenden Eingriff in den Bauch. Neben der Reklame für den Nachtklub wird die Werbung pro life schamlos der Schaulust aufgezwungen.”

Das Buch erschien erstmals 1992 und es ist erschreckend, wie sehr die Lobbyarbeit der selbsternannten Lebensschützer Früchte getragen hat. Das Erleben von Schwangerschaft hat sich gewandelt, vielmehr steht nun das “Leben” des Ungeborenen im Fokus, für die Kirchen, den Gesetzgeber, für Ärzte, Hebammen und die Mütter selbst. Die Frau selbst verschwindet. Beflügelt wird das durch neue diagnostische Verfahren, die eine Schwangerschaft und ihren Zustand sehr viel früher und eindeutiger “sichtbar” machen.

In ihrem herausragenden Essay zeigt Barbara Duden, wie sehr der Fötus als Leben ein Produkt der modernen Gesellschaft ist, der die Frau zugleich zum “uterinen Versorgungssystem” degradiert – alter Frauenhass in neuen Kleidern, mit klaren Verbindungen zum neuen Trend der Leihmutterschaft und der auch in Deutschland wieder eingeführten Kontrolle prostituierter Frauen.

Barbara Duden ist eine der herausragenden Historikerinnen der Zweiten Frauenbewegung. Hier kann man ein Interview zum Thema “Föten” und “Frauenkörper” mit ihr nachlesen.

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