Der Irrtum des Anti-Verhüllungsgebots

Niqab

In Österreich haben SPÖ und ÖVP in Einklang mit dem europäischen Gerichtshof entschieden, dass in der Öffentlichkeit ein Vollverschleierungsverbot bzw. ein „Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz“ gilt. Sprich, Niqab und Burkas, die das Gesicht verstecken, sind ab sofort verboten und werden mit Geldstrafen von 150,- Euro geahndet. Vor Allem Beamte am Flughafen sollen in hohem Maße zum Einsatz kommen und das neue Gesetz „mit Fingerspitzengefühl“ durchsetzen. Es sind allerdings nicht nur Burkas, sondern auch andere Sichthindernisse, wie Atemschutzmasken (ohne medizinischen Grund), Maskierungen o.ä. (außer zur Faschingszeit) untersagt. In Saudi-Arabien wurde daraufhin eine Reisewarnung für Österreich ausgesprochen.

Nun gut. Da könnte frau im ersten Moment denken: „Toll, Österreich tut was für die Befreiung der Frau!“ Denken wir einen Schritt weiter, wird klar, nein. Das ist genau das Gegenteil. Wir müssen uns nicht darüber streiten, dass eine Vollverschleierung antifeministisch ist. Aber wenn wirklich etwas FÜR Frauen getan werden soll, dann bitte doch nicht, indem man einigen von uns ein weiteres Verbot auferlegt!

Die Generaldirektorin für Öffentliche Sicherheit, Michaela Kardeis, betonte am Donnerstag vor Journalisten, sich der sensiblen Materie bewusst zu sein. Wir werden es behutsam, aber trotzdem konsequent umsetzen.“

Achso, ja. Ok. Moment… Müssen jene Frauen den Schleier dann abnehmen? Oder reicht es, wenn sie die 150,- Euro Strafe zahlt? Heißt dass, der Ehemann, oder Bruder, oder sonst wer steht dann daneben und guckt zu, wie sie das Portemonnaie zückt und schauen sie dabei noch stolz an, wenn sie „ihre Ehre bewahrt hat“?

Wie die Polizei bei Verstößen gegen das Verhüllungsverbot in der Praxis vorgehen will, schilderte Michael Hubmann vom Stadtpolizeikommando Linz:Demnach werde man die Betreffenden zuerst ansprechen und auffordern, die Verhüllung abzulegen – in diesem Fall könnte auf eine Strafe verzichtet werden. Wird die Abnahme verweigert, müsste die betreffende Person zur Identitätsfeststellung festgenommen werden, in weiterer Folge würde auch ein Verwaltungsstrafverfahren eingeleitet.“

Na großartig. Buchten wir SIE doch direkt ein.

Jene Frauen sind damit einer weiteren Belastung ausgesetzt – ihrer Gemeinschaft gegenüber, ihrem Glauben gegenüber, sich selbst gegenüber. Und jetzt kommt Vater Staat als drittes noch dazu und sagt: Frau, ich bestimme über deinen Körper, dass du ihn nicht verhüllen darfst, denn damit schränkst du deine eigene Freiheit ein, die ich dir hiermit zurückgebe in Form eines Verbotes.“ – Ja, nee, is klar.

Ich selbst habe viel und lange Erfahrung mit Religion, Spiritualität, Zwang, Druck und dem Abarbeiten an meinem Körper durch religiöse und staatliche Institutionen erlebt. Mein privater weiblicher Körper ist allzu oft Sache der Öffentlichkeit. Ob ich abtreiben darf, was keusche, anständige Kleidung bedeutet, damit ich keine Schlampe bin, aber bitte doch auch kein Mauerblümchen. Meine Menstruation oder das Stillen erwecken Unbehagen im öffentlichen Raum und müssen verheimlicht werden; wenn ich heirate, habe ich meinem Mann gegenüber sexuelle eheliche Pflichten zu erfüllen und sobald ich Mutter werde, bin ich doppelt vergesellschaftet.

Bis Ende April 2004 war die Vergewaltigung in der Ehe in Österreich oder einer außerehelichen Lebensgemeinschaft in bestimmten Fällen nur auf Antrag des Opfers zu verfolgen. Seit 2004 ist § 203 StGB Begehung in Ehe oder Lebensgemeinschaft aufgehoben, sodass jegliche Vergewaltigung uneingeschränkt von den Sicherheitsbehörden als Offizialdelikt verfolgt werden muss.

Der Staat greift in die privatesten Räume meines Lebens als Frau ein. In Deutschland ist seit Mai 1997 ist Vergewaltigung in der Ehe nach § 177 StGB strafbar, wogegen sich CDU/CSU lange gewehrt haben, mit der Begründung, dass es Ehefrauen leichter gemacht werden könnte, auf Basis von Vergewaltigung, in der Ehe abzutreiben…

Und jetzt sagt die Österreichische Regierung uns; „An Jene unter Euch die eine Burka tragen; das ist ab jetzt strafbar!“

Das ist kein Schutz.

Das ist eine doppelte Belastung und sowohl die Entscheidung als auch  das Risiko liegen wieder bei jener Frau, die sich jetzt auch noch strafbar macht durch ihre eigene Unterdrückung. Jene unter uns werden mit diesem Gesetz der größeren Gefahr ausgesetzt, sich nämlich jetzt möglicherweise gegen den Staat stellen zu müssen, der auch noch vorgibt, sie schützen zu wollen. Damit nicht genug, bezahlt SIE auch noch 150,- Euro Strafe. Das kommt doch der Bestrafung der Frau nach einer Vergewaltigung (wie in ElSalvador beispielsweise) gleich und schützt doch vielmehr weiterhin diejenigen, die das Tragen der Burka erwarten oder verlangen, indem sie unbenannt bleiben. Als hätten diejenigen, die den Zwang ausüben, nichts damit zu tun.

Schutz wäre, wenn der Staat den Zwang des Anlegens (!) einer Burka verbieten würde!

Es geht doch darum, dass wir eben davon ausgehen, dass eine Vollverschleierung eben keine rein freiwillige Entscheidung ist, sondern durch kulturelle, religiöse, gesellschaftliche und familiäre Faktoren beeinflusst ist. Stellen wir uns das junge Mädchen vor, dass in einer strengen muslimischen Familie aufwächst, in der Mutter, Bruder und Vater das Tragen der Burka nicht in Frage stellen, und die Tochter ihre Glaubenstreue und Wertigkeit durch das Tragen der Burka beteuern kann. Trägt sie die Burka, wird sie geachtet, findet sie eher einen Ehemann, bleibt sie vollwertiges Mitglied der Familie. Legt sie sie ab, gnade ihr Gott.Hilft es jeder Frau, indem wir IHR verbieten, die Burka anzulegen? Ich glaube nicht.

Wäre es nicht eher eine Hilfe, wenn es gesetzlich hieße; Väter, Brüder, Mütter, wir verbieten euch, eure Tochter zum Tragen der Burka zu zwingen? Ich möchte hören; Mädchen, solltest du Schutz vor diesem Zwang brauchen, geben wir ihn dir. Wenn du es nicht möchtest, reicht ein Anruf und wir kommen dir zur Hilfe, um deine Freiheit zu schützen. Hast du eine Burka angelegt und möchtest sie ablegen und fürchtest Strafe, werden wir dich aufnehmen und dir Schutz und Moderation mit deiner Familie anbieten.

Das wünsche ich mir. Einen Staat, der die Freiheit von Frauen beschützt und den Tätern mit Strafe droht, sollten sie versuchen, ihre Freiheit zu stehlen und nicht den Opfern dieses Zwangs noch Strafe auferlegt, wenn sie sich dem Zwang beugen! Wir müssen endlich umdenken und uns eine Welt vorstellen, in der die Freiheit des Ablegens einer Verschleierung beschützt wird, und nicht das scheinbare Recht der Täter auf Unterdrückung unter dem Deckmantel der Religion.

Quellen:

http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/5289526/Mundschutz-nur-bei-Smogalarm_Wie-die-Polizei-das-Burkaverbot-handhabt

http://www.taz.de/!5427960/

15 Kommentare

  1. Gabypsilon

    Muss ich endlich umdenken? Nein, muss ich nicht. In einer offenen Gesellschaft will ich meinem Gegenüber in das Gesicht blicken können.

  2. Ein durchdachtes Argument nach dem schwedischen Prinzip.
    Die Frau müsste den Mann anzeigen können, wenn er Sie zum Tragen eines Kopftuches oder der Burka zwingt. Dann sprechen wir von einer tatsächlichen Wahlfreiheit. Der österreichischen Regierung war es wohl wichtiger, eine neue Einnahmequelle zu Ungunsten der Frau zu schaffen…ergo ein weiteres patriarchales Instrument zu schaffen, das dem Frieden zwischen den Kulturen nicht gut bekommt.

  3. Günter Penz

    Beim Besuch einer Moschee wird auch jeder Frau vorgeschrieben wie sie die Stätte betreten darf. Lange Kleider, Schultern bedeckt, etc. Somit muss man sich entscheiden will ich rein ja oder nein. Und jetzt passiert nichts Anderes – will ich nach Österreich ja oder nein!!!

  4. Käsestulle

    „Wäre es nicht eher eine Hilfe, wenn es gesetzlich hieße; Väter, Brüder, Mütter, wir verbieten euch, eure Tochter zum Tragen der Burka zu zwingen?“

    Das Tragen zu verbieten, richtet sich faktisch genau gegen jene, die Verschleierung verlangen. Frauen, die gezwungen werden, können sich auf das Verbot berufen.

    Für alle freiwilligen Trägerinnen gilt, sich an die Gepflogenheiten im Gastand zu halten, wie es für uns im arabischen Raum und anderswo auch gelten würde.

  5. Strafbar ist es eh nicht, Burka & Co. zu tragen, sondern eine Ordnungswidrigkeit wie falsch Parken (daher auch die Ordnungsstrafe von 150 €). Ich finde es Haarspalterei, zwischen Anlegen und Tragen von Burkas zu unterscheiden. Kommt vom Ergebnis aufs Gleiche raus.

    Den Zwang zum Anlegen einer Verschleierung zu ahnden wäre juristisch auch nicht praktikabel und würde geradezu ein gesetzliches Schlupfloch anbieten. Die Verschleierte würde erklären, sie trage das Ding freiwillig. Das hätte aber zur Folge, daß niemand haftbar gemacht werden und sie weiterhin verschleiert herumlaufen könnte.
    Da dies Ergebnis nicht hinnehmbar wäre, ist die Regelung so wie sie geplant ist, richtig und konsequent.

  6. „Wäre es nicht eher eine Hilfe, wenn es gesetzlich hieße; Väter, Brüder, Mütter, wir verbieten euch, eure Tochter zum Tragen der Burka zu zwingen? “

    Sicherlich, doch wird es kaum eine Frau wagen, diejenige Person zu melden, die sie dazu zwingt, eine Verschleierung zu tragen. Und die, die bereit sind, diesem gesellschaftlichen und familiären Druck nicht nachzugeben, werden die Verschleierung vermutlich eh nicht anlegen.

  7. Eine liberale Gesellschaft kann nur liberal und frei für alle Mitglieder dieser Gesellschaft sein, wenn es feste Regeln und Normen gibt, die auch durchgesetzt werden. Ein Verbot setzt eine Norm. Daher denke ich, dass ein Verbot den Mädchen mehr hilft als ein bloßes Hilfsangebot bei Zwang. Eltern, die ihre Mädchen dazu bringen wollen, sich zu verschleiern, müssen sich der Gesetzesnorm gegenüber erklären, weil es automatisch einen Widerspruch gibt. Ein Mädchen/eine Frau, die sich vielleicht unsicher ist, wie sie sich gegenüber elterlichen Normen verhalten soll, hat gesetzliche Normen „an ihrer Seite“, an der sie sich orientieren kann. Wenn alle frei tun und lassen können, was sie wollen, müssen Mädchen und Frauen schon sehr stark sein, um dem meist subtilen Druck zu widerstehen. Es geht ja oft nicht um offenen Zwang. Und alle Kinder wollen ihren Eltern gefallen und sie stolz machen.

  8. Keine würde doch ihre Familie oder ihren Mann anzeigen – das ist ziemlich weltfremd.

    Das Verbot ist richtig, da es unserer Kultur, unseren Werten und unserer Vorstellung von freien Frauen entspricht. Ich möchte einer Person ins Gesicht sehen können und nicht von Vermummten umgeben sein.

    Wenn es ein klares Verbot gibt, ist auch klar, dass jedes Mädchen und jede Frau das Recht auf ihrer Seite hat, wenn sie sich weigert, sich zu verschleiern. Und viele werden gar nicht erst damit anfangen, auch Eltern nicht, denn ihre Mädchen würden ja bereits in der Schule Probleme bekommen.

    Allenfalls salafistische Hardliner/innen werden sich widersetzen und lieber zahlen. Das werden aber nicht so viele sein!

  9. Mich erschreckt die Argumentation einiger Leser*innen hier. Sie zeugt von wenig Einfühlungsvermögen – oder sagen wir, von einem Unwillen möglichen Konflikte zu verstehen. Ich selbst bin nie in der Situation gewesen, dass die Weigerung des Tragens bestimmter Kleidung oder die Weigerung der Ausübung eines Glaubens Sanktionen gegen mich bedeutet hätten. Dennoch ärgert mich das Gesetzt, bedeutet es einen Rechteverlust für alle Frauen, unabhängig vom Glauben. (Hauptsächlich) Männer streiten darüber, welche Kleidung Frauen tragen dürfen und welche nicht. Wobei allen Frauen mit dem Gesetzt verwehrt wird, ihre Kleidung frei zu wählen. Die Absurde Doppelmoral: Du entscheidest dich für zu wenig Kleidung (zu kurzer Rock, zu freizügig) und du wirst bestraft (weil dir die Schuld bei einer Vergewaltigung zugesprochen wird)./Du entscheidest dich für viel Kleidung (Verschleierung) und du wirst ebenso bestraft. Gleiches gilt bei der „Burkini“-Diskussion. Das nur nebenbei.

    (K)eine freie Entscheidung
    Erst mal positiv zu bemerken ist, dass Frauen in diesem Gesetz als Subjekten und Verantwortungsträgerinnen eine Form von Handlungs- und Entscheidungsmacht zugesprochen wird (was nicht unbedingt selbstverständlich ist, leider). Zudem wird durch das Verbot eine Möglichkeit geliefert, die Verantwortung für das nicht-verschleiern an den Staat abzugeben und sich nicht selbst zu belasten. Theoretisch klingt die Vorstellung, sagen zu können „Sorry, geht nicht, ist hier verboten.“ besser, als zu sagen „Ne sorry, hab ich keinen Bock drauf, ich teile euren Glauben nicht.“

    Diese Entscheidungsmacht aber ist nur eine vermeintliche, da alle(!) diese Entscheidungen im Zweifelsfall mit einer Strafe belegt werden. Übrig bleibt lediglich zu entscheiden, welche Strafe (auf Dauer) weniger schlimm ist: Die Strafe Gottes (für eine gläubige Person), die Strafe der Familie und der Glaubensgemeinschaft, die finanzielle Strafe, die vor allem die Mitglieder der Gesellschaft trifft, die strukturell – und dadurch finanziell – eh schon benachteiligt sind (Frauen). So oder so, egal welchen Weg sie nimmt, steht die Frau letzten Endes als die Verbrecherin dar: entweder vor dem Staat oder vor der Glaubensgemeinschaft. Besonders hart trifft es dabei jene Frauen, die das Gesetz eigentlich schützen sollte: die, die gezwungen werden, sich der Kleidernorm ihrer Glaubensgemeinschaft zu unterwerfen. Diesen Frauen wird das Gesetz vermutlich eher Schaden.

    Leser*innenkommentare
    Die Lösungsvorschläge, nicht ins „Gastland“ (@Käsestulle) zu reisen oder sich gegen Österreich zu entscheiden (@Günter Petz) zeugen von Vorurteilen und Zuschreibungen, bei denen eine sich verschleiernde Frau automatisch an eine „Ausländerin“ zu erinnern scheint. Vergessen wird dabei dass…

    …eine Frau, die sich verschleiert, ebensogut in Österreich geboren und aufgewachsen sein kann, ihre Familie und ihren sozialen Kreis dort haben kann. (Wer jetzt „Auswanderung“ als akzeptierte Handlungsalternative vorgeschlagen möchte, dem oder der schlage ich vor, noch mal ausführlich darüber nachzudenken.)

    … einer Frau erst mal nicht aufgrund ihrer Kleidung das Recht entzogen werden sollte, in ein Land einzureisen. Sie hat hier eben NICHT die Wahl, ob Österreich oder nicht. Die freie Wahl hätte sie nur, wenn sie nicht Gefahr liefe, bestraft zu werden.

    Verschiebung des Konfliktes
    Die Bestrafung strukturell benachteiligter Menschen ist keineswegs eine Stärkung dieser Menschen, sondern im Gegenteil, eine weitere Benachteiligung. Zudem wird hier ein eigentlich kultureller, politischer und auch wirtschaftlicher Konflikt auf dem Körper der Frau ausgetragen. Ein Machtspiel, das lediglich unter einem total verqueren Vorwand einer Gleichberechtigung steht. Einen politischen und wirtschaftlichen Interessenkonflikt sollte man jedoch als solchen führen und nicht, wie scheinbar abendländische Tradition, über Besitzansprüche an Frauen austragen. Und das ist eine weitere Ebene, die hier bedient wird: Die Frage, ob die Männer des Islams (als stilisierte Feinde) oder die Männer Europas (als vermeintlich „Gute“) das Anrecht haben, darüber zu entscheiden, was Frauen tragen dürfen. Vergessen wird dabei, dass kein Mann das Recht haben darf, über die Kleidung der Frau zu verfügen! (Und ja, für alle, die eben aufgehorcht haben: häufig wird der Islam als nichteuropäisches Phänomen gelesen. Was natürlich Unsinn ist.)

    – Das schlimmste für mich: die allgemeine (europäischer Gerichtshof?!!!) Akzeptanz dieses Gesetztes (wie sie sich selbst in den Leser*innenkommentaren widerspiegelt) zeigt, wie selbstverständlich und wenig hinterfragt der männliche Kampf um die Herrschaft über den weiblichen Körper noch ist und wie viel wir Frauen und Männer(!) noch zu kämpfen haben werden, bis wir irgendwann mal beginnen können, von Gleichberechtigung zu sprechen. –

  10. @Din weitestgehend stimme ich zu. Doch was ist nun die Konsequenz? Schauen wir einfach weg und denken im Sinne des Kulturrelativismus, sollen sie doch tun was sie wollen oder sollten wir wie auch analog dem Nordischen Modell die Verursacher und nicht die vermeintlichen Opfer bestrafen? Die Beweislage ist jedoch schwierig und wer überhaupt sind die wahren Verursacher? Und was ist mit Frauen wie Linda Sarsour, die angeblichen aus freien Willen einen Hijab tragen und das auch noch als Zeichen ihre Emanzipation betrachten (wohlgemerkt eine Frau, die auch die Scharia gutheißt). Ist alles nicht so leicht, weil es eben auch keine Modeerscheinung ist, sondern so tief verwurzelt in Auslegungen und Traditionen ist.

    Nun, wir sehen es auch am Fahrverbot in Saudi Arabien. Auch hier haben kulturrelativistische Gutmenschen behauptet, es ist halt Kultur und von allen so gewollt und akzeptiert. Jetzt, wo dieses Verbot endlich aufgehoben wird, scheinen diese Leute möglicherweise erst zu begreifen, dass es sich auch hierbei um ein Instrument der Unterdrückung der Frau gehandelt hat und eben nicht um eine akzeptable Kulturerscheinung.

  11. @Din: Die Akzeptanz dieses Gesetzes drückt eben gerade NICHT (!) eine Zustimmung zur männlichen Herrschaft über den weiblichen Körper aus, sondern daß man die Islamisierung Europas nicht länger hinnehmen will.
    Denn sämtliche Burkas, Niqabs und muslimische Kopftücher sind nicht bloße Kleidungsstücke, sondern die politischen Fahnen des Islamismus.

    Daß dieser Konflikt über die Körper von Frauen ausgetragen wird liegt an der symbolischen Bedeutung, die der Körper insbesondere der weibliche Körper, in der politischen Kommunikation in ALLEN Gesellschaften und Kulturen hat; siehe dazu den symboltheoretischen Ansatz von Mary Douglas, der Mutter aller Körperdiskurse.

  12. Nachtrag: Mary Douglas entdeckte, daß der Körper universell, also in jeder Kultur, symbolisch für die Gesellschaft steht. Was an Körperpraktiken üblich ist spiegelt die allgemeinen sozialen Regeln wider.

    Der weibliche Körper steht dabei immer besonders im Fokus, da er das Volk, die kulturelle Gruppe INSGESAMT repräsentiert. Das ist auch einer der Gründe für Massenvergewaltigungen im Kriegsfall; dadurch soll der gesamte „Volkskörper“ getroffen werden, also auch die männlichen Partner, Väter, Brüder und Söhne. Überdies ist dies auch der Grund, warum Frauenkörper in manchen Kulturen für die „Ehre“ der gesamten Familiensippe stehen.
    Da es immer eine Korrelaton zwischen Körper und Gesellschaft/ Kultur gibt, folgert daraus, daß von den Körperpraktiken und Körperdiskursen, besonders bzgl. des weiblichen Körpers, Rückschlüsse auf das gesamte soziale und kulturelle System getroffen werden können.

  13. Hallo Kira,
    ich stimme dir ja zu, und darauf nehme ich in meinem etwas zu lang geratenem Kommentar ja auch Bezug, dass der weibliche Körper eben immer auch als Repräsentantin einer Gesellschaft steht oder stehen kann. Aber dagegen möchte ich mich wehren, weil eben auch das einer patriarchalen Sichtweise auf die Frau entspringt. Das Argument für das oben genannte Gesetz (Argument: der Kampf gegen die männliche Herrschaft des Islams) dient vielleicht als Vorwand aber enstpringt einem männlichen Kampf um das Recht über die Frau. Über das Aushandeln eines Besitzanspruches über die Frau wird der Kampf „Westen“ gegen „Islam“ ausgetragen – nicht aber der eigentliche Kampf um Entscheidungsfreiheit der Frau selbst, diese Freiheit wird offensichtlich weiter beschnitten.

    In dem diese Angst vor und der Konflikt um „Islamisierung“ wieder über dem Körper der Frau ausgetragen wird und ihr Regeln auferlegt werden, die eigentlich andere Treffen sollen, passiert eben genau das: die Frau wird als Repräsentatin des Islams gesehen – und dieser noch dazu als etwas per se schlechtes. Das finde ich beides nicht angebracht. „Islamisierung“ ist ein in Deutschland vorallem von Pegida geprägter Begriff, der von Fremndenagst bis Fremdenhass, Angst vor Kulturverlust und Angst um den eigenen Besitz zeugt, aber wenig mit einer historischen und politischen Realität zu tun hat.

    Ich will damit nicht sagen, dass ich religiöse oder gesellschaftliche Unterdrückungspraktiken gegenüber Frauen unterstütze (im Gegenteil!). Auch lassen sich diese Notstände keinesfalls mit kulturrelativsmus wegerklären – nocht ist das mein Ziel. Durch die Beschneidung der Rechte der Frau jedoch kann und sollte das nicht ausgehandelt werden.

    @Anna K: hätte ich die Lösung, dann würde ich sie so laut, wie nur möglich, in die Welt posaunen. Leider weiß ich es auch nicht. Aber ich bin mir recht sicher, dass es nicht sein kann, dass die immer weitere Einschränkung der Rechte von Frauen zielführend ist. Zum Fall Saudi Arabien: genau, dort haben Frauen jetzt nämlich ein Recht dazu(!) bekommen und das hat einigen Mensch erst gezeigt, wie absurd dieses Verbot war.

    Den Vorschlag der Autorin Ella Schönfeld finde ich eigentlich einen ganz guten Lösungsansatz.

  14. @Din: Ich hatte in meinem Kommentar geschrieben, daß nach der Symboltheorie weibliche Körper auch immer als symbolischer Repräsentant einer Gesellschaft/ Kultur stehen. Darauf antwortest du: „Aber dagegen möchte ich mich wehren, weil eben auch das einer patriarchalen Sichtweise auf die Frau entspringt“. Es ist aber nun mal so – und nicht nur in patriarchalen Gesellschaften und Kulturen. Auch in frauenfreundlichen oder sogar matristischen Kulturen ist das so. Und zwar aufgrund seiner Reproduktionsfähigkeit. Daß der Frauenkörper deswegen weltweit als identisch mit dem „Volkskörper“ gedacht wird entspringt weniger einer patriarchalen als einer symbolischen Sichtweise (ich empfehle Mary Douglas zu lesen, dann verstehst du´s).

    Gemeint ist damit, daß man allein an der Inszenierung des verhüllten Frauenkörpers in islamischen Ländern schon ablesen kann (selbst wenn man rein gar nix über sie wüßte), daß es sich um rigide und stark kontrollierende Kulturen handelt, die keinerlei Raum lassen für individuelle Freiheiten (auch für Männer nicht). Allein diese Formen der Zwangsverhüllung von Frauen kommunizieren eine GENERELLE repressive Sozialkontrolle ALLER Menschen unter diesen Regimen.

    Deine Herangehensweise erscheint mir zu sehr ideologisch oder sogar von Wunschdenken gepägt zu sein. Dies betrifft auch deine einseitige Zuordnung von Islamkritik an Gruppen wie Pegida und dergleichen. Kritik an der Islamisierung Europas kommt ja nun massiv von allen Seiten, besonders auch von Feministinnen, Intellektuellen und Wissenschaftler/innen – zu recht. Lies mal Necla Kelek oder Sayran Ates und wie sie alle heißen. Ich verstehe nicht, wie man das – gerade noch als Feministin – leugnen kann (?).

  15. Der Vergleich mit der Prostitution hinkt: Wir haben bei der Verschleierung keinen Käufer. Beim Sexkaufverbot kann ich die Prostituierte außen vor lassen und nur den Sexkäufer belangen – Zuhälter wird ja auch schon schwierig, wenn sich der Zwang nicht beweisen lässt. Eine eingeschüchterte Prostituierte wird analog einer indoktrinierten/gezwungenen Niqab-/Burka-Trägerin wohl kaum aussagen gegen ihren Unterdrücker – erst recht nicht, wenn dieser ein naher Familienangehöriger ist – und Freiwilligkeit beschwören. Etwas anderes anzunehmen, ist naiv. Der Zwang zur Vollverschleierung lässt sich also a) nur schwer/gar nicht beweisen und b) käme das rechtliche Belangen der männlichen Angehörigen einer Entmündigung der Frauen gleich. Der Staat wendet sich dann an den Ehemann, der seiner Frau sagen soll, was sie anzuziehen hat (nur eben diesmal andersrum, Verschleierung ablegen statt anlegen). Anders als die Autorin sehe ich das Ablegen der Vollverschleierung auch nicht als Strafe für die Frauen an, sondern als Hilfe für die Frauen, sich aus patriarchalen Zwängen zu befreien. Die meisten werden wohl eher froh darüber sein. Da es sich in der Regel wohl auch kaum um finanziell unabhängige Frauen mit eigenen Jobs handelt, trifft die Geldstrafe am Ende eben doch den Ehemann, Vater oder Bruder. Und wenn sie dann nicht mehr das Haus verlassen dürfen oder nicht mehr geachtet werden, dann ist daran nicht das Vollverschleierungsverbot schuld, sondern einzig und allein ihr patriarchales Umfeld. Und die Frauen, die die Vollverschleierung wirklich ohne direkten familiären Druck tragen (Konvertitinnen), bekommen so Grenzen aufgezeigt. Sie fallen nämlich der Frauenrechtsbewegung in den Rücken. Zu guter Letzt möchte ich nicht in einem Land leben, wo es erlaubt ist, Frauen bis zur Unkenntlichkeit zuzuhängen begründet mit einem völlig sexistischen, reaktionären Weltbild.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.