Der Radikalfeminismus in Deutschland ist erstarkt

Woman Power Symbol, Feminist Fist

Public Domain C00

Als wir im Jahr 2014 diesen Blog gründeten, geschah dies u. a. aus der gemeinsamen Wut gegen die bestehenden Zustände und weil wir uns in dem, was die feministische Landschaft in Deutschland uns bot, nicht (mehr) aufgehoben und vertreten fühlten. Einige von uns waren lange Zeit sehr intensiv in linken Zusammenhängen unterwegs, um letztlich festzustellen, dass auch hier eine radikale Kritik am Patriarchat lediglich einen weißen Punkt auf der politischen Landkarte bildete.

Der liberale Feminismus und der Queerfeminismus dominierte die Debatten, ließ aber keine Differenzen zu und gab die Meinungen vor, die die Feministin von heute zu den Kernthemen zu haben hatte: Prostitution und Pornografie z. B. galten und gelten hier u. a. als Ermächtigungstool oder als Ausdruck (vermeintlich) weiblicher sexueller Befreiung. Dass aus beiden Institutionen die Unterdrückung der Frau als Klasse nur so herausschreit, stieß und stößt auf taube Ohren. Schließlich sollte es darum gehen, das Patriarchat nicht etwa abschaffen zu wollen und es radikal zu analysieren, sondern sich möglichst gemütlich darin einzurichten: Empowerment und Choice als Wohlfühlkonzepte und individuelle statt universelle Werte. Wie viel eine Frau unterdrückt wird, das bestimmt sie einfach selbst: ganz schön praktisch.

Wir haben uns als Bloggerinnenkollektiv diesen eigenen Raum geschaffen, in erster Linie ganz egozentrisch für uns, aber auch, weil wir einen Kontrapunkt setzen wollten. Wir wollten zeigen, dass es auch andere Stimmen gibt, wir wollten deutlich machen, dass der Radikalfeminismus nicht tot ist, sondern im Gegenteil vor allem ins Bewusstsein rufen, dass es eben auch jene radikalfeministischen Schwestern waren, die uns zu dem und wie und wer wir heute sind, gemacht hatten.

Radix kommt aus dem Lateinischen und heißt Wurzel, wir wollten das Patriarchat an der Wurzel packen, es zerschmettern und ein Gegenpol sein, eine Stimme auch für alle anderen da draußen, die (noch) umher irren und noch nicht wissen, wohin die feministische Reise für sie hingeht. Und wir erinnerten an den Ursprung unserer Unterdrückung: das biologische Geschlecht und musterten den Irrsinn, dass es möglich sein sollte, sich aus der Unterdrückung heraus identifizieren zu können, in dem Frau und Mann sich eben entscheidet, ob sie_er eine sein will oder nicht: Stichwort Gender. Wir debattierten unter uns sehr lange und schrieben – wie unsere Schwestern auch – darüber, dass das Gender-Konstrukt toxisch und lesbenfeindlich ist, weil es eben u. a. jene Stereotypen reproduziert, die im Kern abgeschafft gehören.

Das ist nur eine Auslese von Themen, über die wir hier und in unserem Buch (“Störenfriedas – Feminismus radikal gedacht”) schrieben, aber es sind wohl die, die am ehesten die Bewegung spalten, offensichtlich in einem unerträglichen Ausmaß, sodass aus dem Werkzeugkasten der Meinungsdiktatur Debattenführung Sprechverbote, Diffamierungen, Gewaltandrohungen und mehr gezückt wurden und werden.

Nun hat es uns und im Besonderen eine Frau aus unserem Kollektiv erwischt: Die Feministische Frauengruppe Göttingen rief dazu auf, an der Tanzperformance „El violador eres tú“, die auch in ihrer Stadt etabliert werden sollte, ausdrücklich nicht teilzunehmen, da die Initiatorin der Veranstaltung ein Mitglied der Störenfriedas ist. Das Statement war – Überraschung – mit einer Reihe von – nennen wir es freundlich – Unterstellungen geschmückt, deren Begründung im Detail allerdings ausblieb. So wurde erneut viel “Kritik” in die Luft geschossen: “Transfeindlichkeit” (gähn, gähn gähn), “Nähe zu rechten Positionen (nochmal gähn gähn gähn) sowie “einseitige und problematische Ansichten”, zu denen diese “aber noch keine abschließende Analyse haben”, wie die Frauengruppe Göttingen wenigstens selbst zugab, immerhin.

Ich wähle diesen erneuten Diffamierungs-Versuch aber als Beispiel für etwas, was mich der Vorfälle zum Trotz, optimistisch und glücklich zurücklässt: der Radikalfeminismus in Deutschland ist erstarkt. Immer mehr FrauenLesbenFeministinnen wenden sich ihm zu und finden in ihm die oder eine politische Heimat. Sie mischen sich ein in die Diskussionen, die entbrennen und sie stellen in Frage, was vorgegeben wird.

Vor 3-4 Jahren kämpften wir mit unseren Mitstreiterinnen aus anderen (abolitionistischen) Bündnissen noch auf sehr einsamer Flur und waren massiv damit beschäftigt, in und mit unseren Haltungen gegenzuhalten: gegen den feministischen Mainstream. Zwar ließen wir uns das nicht gefallen, aber es war mühselig, anstrengend, kräftezehrend, der Druck von allen Seiten massiv.

Heute stechen wir nach wie vor in die Wespennester – und sei es dadurch, dass wir einfach existieren -, auch wenn es auf unserem Blog stiller geworden ist. Aber die Community da draußen, die ist immens gewachsen. Heute können wir einem Kommentarthread auch mal passiv folgen und auch mal ausatmen, weil wir uns sicher sind, dass es inzwischen viele viele andere tolle FrauenLesbenFeministinnen da draußen gibt, die einstehen für die Befreiung der Frau und nicht für die Einrichtung der Frau im Patriarchat. Sie bieten Paroli für das, was uns – und damit ihnen – entgegen schmettert. Und es sind: viele! Ja, wir sind gewachsen. Und das erfüllt mich mit Optimismus, Freude und Glück.

Außerdem: Die Solidarität, die uns angesichts der jüngsten Ereignisse entgegen gebracht wurde, hat uns sehr berührt und uns viel Kraft gegeben. An dieser Stelle sagen wir ganz herzlichen Dank dafür!

Zur Zeit sind wir etwas im Winterschlaf, das wissen wir, dennoch bleiben wir. Wir bleiben hier mit euch und erheben die Faust!






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