Deutschland, das Land der Frauenrechte – oder warum nicht die Flüchtlinge die vermeintliche Gleichberechtigung in diesem Land bedrohen

Refugee Rights Protest at Broadmeadows, Melbourne, by Takver via Flickr, [CC BY-SA 2.0]

Refugee Rights Protest at Broadmeadows, Melbourne, by Takver via Flickr, [ CC BY-SA 2.0]

Was ist die Aufregung groß. Ein Iman hat der CDU-Vize Julia Klöckner nicht die Hand gegeben und schon bedrohen muslimische Männer die Gleichberechtigung in unserem Land. Die Debatte wird hochgeputscht, jeder hat eine Meinung und auf einmal mausern sich selbst eingefleischte Antifeministen zu hehren Verteidigern der Frauenrechte. Weitere Beispiele werden genannt, in denen Flüchtlinge – natürlich muslimische – ihren weiblichen Helfern nicht die Hand geben oder Polizistinnen nicht für voll nehmen. Wer sich schon länger mit Frauenrechten beschäftigt, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, wer da auf einmal für was Partei ergreift – klar ist in jedem Fall: Der muslimische Mann ist der Sündenbock. Doch schauen wir uns doch einmal an, wer sich da auf einmal für Frauenrechte einsetzt – und wer diese in Wirklichkeit bedroht:

Die CDU und vor allem die CSU beklagen seit Wochen, dass angeblich 90 Prozent aller Flüchtlinge alleinreisende junge Männer seien (realistischer sind 2/3, aber genaue Zahlen fehlen) und diesen Männer seien unsere deutschen Werte eben nicht so einfach beizubringen. Man höre und staune – was sind denn diese Werte? Da werden die Homosexuellenrechte erwähnt – geschenkt – und in einem Atemzug die Frauenrechte. Frauenrechte?  Deutschland, das Land der Frauenrechte? Man höre und staune! Genau jenes Land mit einem der liberalsten – also freier- und zuhälterfreundlichsten Prostitutionsgesetz- der Welt, an dem der deutsche Fiskus kräftig mitverdient? In einem Land, in dem sich Freier und Zuhälter sich der weltweit mit am größten Freiheiten erfreuen, verteidigen wir auf einmal Frauenrechte gegen die Zumutungen anderer Kulturen? Zynisch könnte man formulieren, dass mit all den Frauen, die in hoher Zahl auf der Flucht und in den überfüllten Flüchtlingsheimen bereits sexuelle Gewalt erfahren haben, ein unbegrenztes Nachschubreservoir an Frauen für die systematisierte Ausbeutung in Bordellen und Laufhäusern bereitstellt – passt es deshalb Teilen der Regierung nicht, dass vor allem Männer kommen? Für alleinreisende Frauen hätten wir immerhin Verwendung.

Deutschland also als Bastion der Gleichberechtigung? Jenes Land, in dem uns pornifizierte Werbung von jedem Werbeplakat entgegenlächelt, in dem Frauen grundsätzlich ein Viertel weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen? Das Land mit der zweitgrößten Pornoindustrie der Welt? In dem weibliche Altersarmut institutionalisiert wird und Alleinerziehende (zu 90 % Frauen) ungerecht besteuert und prinzipiell sich selbst überlassen werden? In dem Väter ihre Ex-Frauen mit dem Entzug des Sorgerechts bedrohen können, wenn diese nicht spurt, die Pflicht, Unterhalt zu zahlen aber höchstens theoretisch besteht?

Und schauen wir uns einmal an, wer hier welche Frauenrechte verteidigt: In Deutschland werden weniger als 9 Prozent aller überhaupt angezeigten Vergewaltigungen (schätzungsweise irgendwas zwischen 1 und 10 Prozent aller Vergewaltigungen) je verurteilt – Vergewaltigung ist in Deutschland ein nahezu straffreies Verbrechen. Justizminister Maas vom Koalitionspartner SPD wehrte sich mit Händen und Füßen, entsprechende europäische Richtlinien umzusetzen, flankiert vom Wehgeschrei eines Verfassungsrichters und zahlreicher Medien, die sich um die “Flirtkultur” sorgten. Wer Flirten mit Vergewaltigung verwechselt, bewegt sich weit außerhalb des Wertediskurses Frauenrechte.

Als es darum ging, die Pille danach endlich rezeptfrei zu machen, musste erst die EU einschreiten, damit die CDU bereit war, Frauen den Zugang dazu ohne Rezepthürde zu ermöglichen, man fürchtete, die dummen Weibsbilder würden sie einwerfen “wie Smarties”.

Antifeminismus ist in Deutschland weit salonfähig und akzeptiert, Feministinnen gelten als verbohrt und antidemokratisch. Diese Haltung wird seit Jahren mit Billigung und teilweiser aktiver Förderung der Regierungsparteien und Teilen der Opposition kultiviert und von den Medien bereitwillig etabliert. Frauenquote? Aber bitte nur freiwillig. Kein Wunder, liegt der Frauenanteil in der CDU doch bei 26 und in der CSU bei 20 Prozent.

Die Neuregelung des Prostitutionsgesetzes gerät zur Farce, weil man einmal zugestandene Rechte an “Unternehmer”, wie Zuhälter jetzt heißen, nicht einfach wieder rückgängig machen will – natürlich nur aus Sorge um die Frauen, die in der Prostitution arbeiten.

Und genau diese Parteien fürchten nun angesichts der Flüchtlingskrise um eben jene Frauenrechte, die ihnen selbst wenig bis gar nichts wert sind? Die Wahrheit ist: Frauenrechte werden in dieser Debatte missbraucht, um fremde Menschen, in diesem Fall muslimische Männer, zu dämonisieren. Wir müssten nicht um unseren gesellschaftlichen Wert der “Gleichberechtigung” sorgen, wäre dieser wirklich etabliert und stünde unsere eigene Gesellschaft samt Regierungsparteien hinter ihm, selbst wenn zwei Millionen muslimische Männer mit verqueren Ansichten kämen. Ein Blick nach Schweden ist hilfreich: Hier gilt der Staatsfeminismus, Gleichberechtigung ist ein nicht in Frage gestellter Wert. Das Land hat im Verhältnis zur eigenen Bevölkerung die meisten Flüchtlinge aufgenommen und eines der funktionalsten Zuwanderungsgesetze in Europa. Hört man von dort etwas über Sorgen um die Gleichberechtigung aufgrund der zugewanderten Muslime? Fehlanzeige. Der Grund liegt auf der Hand: Dort sind Frauenrechte gesellschaftsweit etabliert und werden von der Regierung durchgesetzt, sie sind keine Almosen aus Hand christlicher Politiker, die eigentlich gerne auch mal wieder über das Abtreibungsgesetz nachdenken würden. Frauenrechte sind in unserer eigenen Gesellschaft wenig wert, sie werden gerade nur politisch instrumentalisiert, um gegen Flüchtlinge zu hetzen. Bedroht wird die Gleichberechtigung aus unseren eigenen Reihen, mit den Flüchtlingen hat das nichts zu tun.

9 Kommentare

  1. Belladonne

    genau!
    Lass uns Frischfleisch für die Bordelle importieren, lieber als potenzielle Vergewaltiger die unsere männliche Vorherrschaft bedrohen könnten.
    Diese ganze patriarcale Rhetorik stinkt zum Himmel und macht die Asyldebatte nur schwieriger zu führen.
    Schutzräume für auf der Flucht mehrfach traumatisierte Frauen brauchen wir dringend, da sie nicht 10 % sonndern 30 bis 40 % der Flüchtlinge ausmachen, tendenz steigend.

  2. Alles richtig: Aber für mich gibt es ein “sowohl als auch”: Sowohl Deutschland als auch die Religionen,im Moment der Islam in ALLEN seinen Ausprägungen,agieren patriarchalisch;das darf man in der ganzen verständlicherweise aufgeregten Debatte rund um die Flüchtlingskrise nicht aus dem Blick verlieren.

  3. Ich schliesse mich Jutta an! Beide, resp. ALLE patriarchalen Auswüchse, die mit den Körpern und auf dem Rücken der Frauen ausgetragen werden sind abzulehnen. Ich stimme auch Mira zu. In Europa gibt es auch keine Frauenrechte.
    Es ist deshalb zynisch, die fehlenden Frauenrechte gegen die fehlenden Frauenrechte aufzuzählen. Eine Farce!
    Hier müssen die Frauen immer wollen, sich räkeln, ihre Körper zur Schau stellen, etc. Dort werden sie teilweise verhüllt, um die Männer nicht in Versuchung zu führen. Vergewaltigt werden sie von den Männern trotzdem, wie auch bei uns, trotz angeblicher Freizügigkeit. Ausserdem liegt die Definitionsmacht, was eine Frau ist und sein soll und wie sie sich kleiden soll und wie viel Sex sie mit wem und wann haben soll, immer noch bei den Männern. Hüben wie Drüben!
    Deshalb gibts nur Eins: Die radikale Abschaffung und Ächtung aller patriarchalen und frauenfeindlichen Auswüchse. Ebenfalls Hüben und Drüben.

  4. Nein, die Moslems sind unschuldig. Auch unter den Europäern gibt es welche, die es kaum abwarten können, bis die emanzipierten Frauen ihr Mütchen kühlen müssen, bzw. bis Frauenrechte wieder zu schwinden beginnen. Und sie werden es auch schaffen, solange unter uns Frauen das Motto gilt: Teile und herrsche. – Es ist eine Frage der Ehre, als Frau gegen Gewalt an (anderen) Frauen aufzustehen, deswegen steht jetzt auch so manche partriarchale Spießbürgerin mit auf.

  5. Brigitte,wie bitte? – “Die Moslems (Welche?) sind unschuldig.” – Hast Du Dir den Satz auch gut überlegt? Das wage ich aber stark zu bezweifeln.

  6. nicht zu vergessen, dass in Deutschland jeden Tag eine Frau von ihrem (Ex-)Partner ermordet wird…

  7. Es empört mich auch, wenn ein muslimischer Mann einer Frau nicht die Hand gibt. Wer das verharmlost der sollte mal bitte als Frau alleine in ein arabisches Land reisen, ins Hinterland, für mind 2 Wochen. Dann wisst ihr was es heißt und für euch bedeutet so behandelt zu werden. Ich war 2 Monate in der Türkei unterwegs, davon etwa 1 Woche alleine. Das waren definitiv die deprimierendsten Wochen meines Lebens. Wir sollten als Frauen nicht alleine aus dem Gelände gehen. Ein paar weitere Beispiele:
    Mein Kollege hatte sich den Fuß angebrochen, er konnte nicht mehr autofahren. Ihr glaubt nicht wie doof die Leute geguckt haben, dass ich fahre.
    Auf der Post, alleine, habe ich zwar Briefmarken erhalten, aber der Herr sah mich nicht an und war sehr unfreundlich zu mir. In Begleitung eines männlichen Kollegen war der gleiche Herr sehr freundlich. Wir bekamen Bonbons und Handlotion, was dort eine Höflichkeitsform ist.
    Im kleinen Laden wurde ich von einem etwa 12 jährigen Jungen bedient. Die Erwachsenen gingen z.T. sogar weg von der Kasse und beauftragten den Jungen.
    Auf meinem Auto stand nach ein paar Wochen (in den Staub geschrieben): “I watch all men”, weil ich einfach den Menschen die mir so begegneten in die Augen sah, so wie man das hier halt auch macht.
    Fastenbrechen während Rammadan. Wir wurden als Gruppe eingeladen. Kurz vor dem Tor wurden wir in Männlein und Weiblein getrennt. Wir Frauen kamen zu den anderen Frauen. Etwa 20. Die Stimmung war total betreten. Alle sahen nach unten auf den leeren Tisch vor ihnen. Bedrückend. Es gab Tee und Wasser zu trinken. Zu Essen gab es Suppe mit Brot und noch ein Hauptgericht an das ich mich nicht mehr erinner. Alles in allem war es ein sehr einfaches Mal.
    Als die Feier bei den Frauen zu Ende war holten wir drüben bei den Männern unsere Kollegen ab. Ich dachte ich seh nicht richtig. Da waren 200 Männer und auf den Tischen stand Coola, Fanta, sie tranken Kaffee und hatten Nachspeise, Baklawa und so. Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich.
    Mein Verhältnis zum Islam ist spätestens seit diesem Aufenthalt gespalten. In der Türkei ist es ja noch recht harmlos. Es gibt Frauen die nen Job haben und sehr westlich gekleidet sind. Ich war dort halt auf nem Dorf mit 1500 Einwohnern. Aber man darf nicht vergessen, dass solche Traditionen in den Köpfen verankert sind. Auch wenn sie in ner Stadt leben und schon moderner sind. Wenn es darum geht einen eigenen Sklaven für die Hausarbeit zu haben, da sind doch auch viele Männer hier zu lande gerne dabei…
    Ich bin auch dagegen das zu instrumentalisieren, aber man soll bitte nicht beginnen den Islam als was ganz tolles zu sehen. Ich bin da einfach für ein realistisches Bild! Nicht mehr und nicht wenigerl.
    Und was die Fraunerechte in unserem Land betrifft. Ja es ist traurig. Ich errinner nur an die bescheuerte CDU Politikerin aus Hamburg die den Frauen in diesem Land rät auchmal Absätze in einer Männerdominierten Sparte zu tragen. Und ruhig mal ein Dirndl an zu ziehen. Sprich schlaft euch hoch!
    Und dem letzten Absatz muss ich zustimmen, die fremden Frauenfeindlichkeiten werden instrumentalisiert. Es lenkt ja auch von den nicht gleichberechtigten Bereichen im eigenen Land ab. Alle stürzen sich drauf und kämpfen nicht mehr an der Stelle weiter wo wir schon angekommen sind. Soll es dahin gehen? BNoch ein paar Beispiele aus dem eigenen Land. Die Liste wäre auch gut fortsetzbar…
    Als meine Stiefmutter ein Haus kaufte und der Notar kam, redete dieser nur mit meinem Vater. Auch nach mehrmaliger Aufforderung dass es das Haus seiner Frau wird, weigerte sich der Notar mit ihr zu sprechen.
    Eine Bekannte renoviert gerade ihr Elternhaus. Der Handwerker der sich drum kümmert nimmt sie nicht ernst. Sie lässt demnächst auch ihren Exmann mitkommen, weil sie alleine den Handwerker nicht dazu bringt zu tun was sie will.

  8. Redet euch den Islam. nur schön, aber er wird dadurch auch nicht toleranter !

  9. nur weil das eine schlecht ist, ist das andre nicht automatisch gut.

    man könnte sich doch darauf einigen, dass frauenfeindliche flüchlinge UND frauenfeindliche einheimische die gleichberechtigung in diesem land bedrohen.

  10. moi hat natürlich Recht. Es bringt NICHTS eine Frauenfeindlichkeit gegen die Andere aufzuwiegen. Das ist wie die Diskussion was schlimmer ist, Rassismus oder Sexismus. Pest oder Cholera, Vergewaltigung oder Schläge, etc.
    Fakt ist natürlich, dass Beides Schlimm ist und einfach geahndet gehört. Warum Sexismus für Viele noch “lustig” ist, kann ich sowieso nicht verstehen.

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