“Deutschland treibt sich ab” – der Kampf der Lebensschützer gegen die Selbstbestimmung der Frauen

Buchcover: Deutschland treibt sich ab

Eike Sanders, Ulli Jentsch, Felix Hansen »Deutschland treibt sich ab« Organisierter ›Lebensschutz‹, christlicher Fundamentalismus und Antifeminismus, Unrast Verlag, 2014

Im September ist es wieder so weit: Selbsternannte Lebensschützer organisieren in Berlin den “Marsch des Lebens”, um mit Holzkreuzen und Kinderschuhen gegen Abtreibungen zu demonstrieren. Eike Sanders, Ulli Jentsch und Felix Hausen untersuchen in “Deutschland treibt sich ab” Organisierter “Lebensschutz” Christlicher Fundamentalismus Antifeminismus die Szene der Lebensschützer, die in Deutschland von christlichen Gruppen bis zur Neuen Rechten reicht und in den letzten Jahren immer mehr an Zulauf gewinnt.

Die Verbindungen der Lebensschützer reichen bis in die bürgerlichen Parteien – vor allem der CDU/CSU – bis ins Europaparlament. In den vergangenen Jahren haben sie ihre Vernetzung und ihre Lobbyarbeit konsequent ausgebaut – im Internet führen ihre Webseiten die Suchergebnisse zu Abtreibungen an. Vorbild ist die ProLife Bewegung in den USA, die dort auch vor Mord- und Bombenanschlägen nicht zurückschreckt – mit Erfolg: Der Zugang zu Abtreibungen wurde geraden in ländlichen Gebieten massiv eingeschränkt.

Lebensschützer behaupten, in Deutschland fänden millionenhaft Abtreibungen statt. Tatsächlich liegt die Zahl bei 100.000 pro Jahr. Die Zahl der Abtreibungen wird als eine Folge der sexuellen Liberalisierung gesehen, die angeblich Ehe und Familie bedrohe. Sexuelle Diversität wird abgelehnt. Die Lebensschützer greifen dabei auch zu extremen Mitteln – von der “Gehsteigberatung” vor Frauenkliniken bis zum Versand von Embryomodellen per Post. Sogar von einem “Babycaust” ist die Rede.

Lebensschutz ist dabei nicht nur Sache christlicher Fundamentalisten – unter denen die evangelikalen in Sachen Abtreibungsgegnerschaft eine herausragende Rolle einnehmen – auch in der AfD finden sich engagierte Lebensschützer. Die als Antifeministin gehypte Birgit Kelle äußert sich dezidiert gegen Abtreibungen, ebenso wie Jürgen Elsässers Magazin Compact. Auch in der Neuen Rechten und ihrem Organ “Junge Freiheit” finden sich regelmäßig Artikel zum Lebensschutz – in Verbindung mit Antifeminismus.

Frauen sind tatsächlich auch das Ziel der Lebensschützer – ihr Recht auf reproduktive Selbstbestimmung soll eingeschränkt werden, um das patriarchale Familienmodell zu zementieren. Lebensschützer behaupten zwar, jedes Kind sei ihnen willkommen – doch bei migrantischen oder muslimischen Kindern hört ihre Begeisterung schon wieder auf.

Die Autoren geben einen ausgezeichneten und erschreckenden Einblick in die Organisation und die Ansichten der Lebensschützer, ihre Akteure und Aktionsformen. Lebensschutz zeichnet sich durch Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Anschlussfähigkeit an rechte Ansichten aus – und ist durch Parteien und Kirchen mitten in der Gesellschaft verwurzelt. Vielfältigkeit und die Frauenbewegung sind die erklärten Zielscheiben der selbsternannten Bewegung, die sowohl in ihrem Mobilisierungs- als auch in ihrem Radikalisierungspotenzial nicht zu unterschätzen ist. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gehört bei ihnen zum Programm. Aus diesem Grund kann die Kritik an ihnen auch nur funktionieren, wenn sich FeministInnen und Antifaschisten zusammenschließen.

1 Kommentare

  1. Ein sehr interessantes Buch!

    Wobei man nicht vergessen sollte, zu erwähnen, dass legale Abtreibung nicht ausschließlich von christlich-konservativen Kreisen abgelehnt wird, sondern ebenso von orthodoxen Juden, und vermutlich auch von manchen Muslimen.

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