Die älteste Unterdrückung der Welt

Der 8. März ist traditionell der Tag im Jahr, an dem eine Bestandsaufnahme zum Thema Frauenrechte erfolgt. Misstände werden beklagt, Erfolge betont und Maßnahmen eingefordert. Bis – ja, bis zum nächsten Jahr. Zwischendrin bleibt alles, wie es ist. Leider stimmt das so nicht. Es ist eine trügerische Annahme, zu glauben, das, was wir als Erfolg empfinden, bliebe uns erhalten. Frauenrechte – Frauenfreiheit – Frauenfrieden – haben wir doch längst. Wozu noch Feminismus? Gerade macht eine Frauenbeauftragte von sich reden, weil sie unsere Nationalhymne entmänlichen möchte. Haben wir keine größeren Sorgen, heißt es da. Von deutschem Kulturgut wird gefaselt, und davon, dass wir Frauen ja immer mitgemeint sind. Sind wir nicht. Unser Denken, unsere Sprache, unsere Gesellschaft rotieren um den Mann. Er ist die Norm, wir sind die Abweichung. Subjekt, Verb, Objekt, Mann bestimmt die Frau, diese von Catharine MacKinnon aufgestellte Gleichung gilt noch immer und durchdringt jeden Teil unseres Alltags. Im Patriarchat haben Frauen keine Rechte. Sie haben Zugeständnisse auf Widerruf.

Es war Catharine MacKinnon, die mich zur Feministin machte. An der Universität stieß ich auf ihren grandiosen Text “Toward a feminist theory of the State”. Er ließ mich verstehen, dass das, was mir als Frau geschieht, keine individuelle Angelegenheit ist, sondern eine gesellschaftliche, eine öffentliche. Es wird den Frauen nur immer eingeredet, dass es an uns liegt. Es liegt an uns, dass wir weniger verdienen als unsere männlichen Kollegen – wir verhandeln schlecht. Es liegt an uns, dass wir sexueller Belästigung und Gewalt ausgesetzt sind – wir setzen die falschen Signale und inszenieren uns als Opfer. Es liegt an uns, dass man uns weniger Autorität zumisst – wir verkaufen uns falsch. Es liegt auch an uns, so heißt es, dass der Feminismus nicht vorankommt. Wir lassen den Männern nicht genug Männlichkeit. Wir laden sie nicht genug ein. Dass viele Männer schlicht wenig Lust darauf haben, auf ihre angeborenen Privilegien zu verzichten, darüber wird geschwiegen.

Als Frauen sind wir unfrei. Nicht individuell, sondern als Gruppe, als Klasse. Wir werden unfrei geboren. Keine von uns kann die Freiheit ermessen, mit der ein Mann zur Welt kommt. Er ist gut wie er ist. Er ist die Norm. Sein Wollen, sein Begehren, sein Fühlen bestimmt die Welt. Sein Körper wird als Entität, als menschlich begriffen, sein Begehren als normal, sein Denken als maßgebend. Frauen hingegen sind zuerst Objekte, bevor sie selbst sind. Ihre Körper sind Gegenstände, zur Benutzung freigegeben. Körper, die beherrscht und benutzt werden. Ihr Wollen wird verneint oder in das Negative umgedeutet. Ihr Denken gilt als weniger scharfsinnig und von Emotionen geprägt. Es ist wichtig zu verstehen, dass Misogynie kein Selbstzweck ist, sie existiert nicht, weil Männer gerne Frauen unterdrücken. Sie ist ein Herrschaftsinstrument, dessen Ziel die Ausbeutung von Frauen ist. Nur wenn wir uns das ganze Ausmaß unserer Ausbeutung bewusst machen, erkennen wir, wie unfrei wir sind.

Der Ursprung unserer Unterdrückung

Der Ursprung des Patriarchats geht auf jenen Punkt in der Geschichte zurück, als Männer anfingen, gezielte Eroberungskriege mit stehenden Heeren zu führen. Der Krieger betritt die Weltbühne. Die Erhöhung seiner Funktion – das Töten, das Ausrauben – führt zu einer Abwertung der Frau, die als Lebensgeberin das Gegenteil symbolisiert. Dieses Symbolhafte hat nichts Essentialistisches – Frauen können genauso kriegen und morden wie Männer, die Wikinger sind dafür nur ein Beispiel. Ihre Biologie aber – die Zeiten der Schwangerschaft und des Stillens und die geringere körperliche Kraft – prädestinieren Frauen nicht zum Kriegertum. Auf einmal gilt in der Welt nur noch der Mann – weil er Herrschaft sichert, an jenem Moment in der Geschichte, als Herrschaft Führung ersetzt. Aus den Eroberten werden die ersten Sklaven. Aus den ersten Sklaven die ersten Prostituierten. Ein Blutrausch, eine Aneinanderreihung unglaublicher Gewalt kennzeichnet die nächsten Jahrhunderte und Jahrtausende bis in unsere Gegenwart, geprägt und ausgeführt von Männern. Es sind dieselben Männer, die Frauen nun nicht mehr als ihre Gefährtinnen betrachten, sondern als Objekte, die es auszubeuten gilt, und das dreifach: ihre Arbeitskraft, ihre Gebärfähigkeit und ihre Sexualität.

Die Geschichte des Patriarchats ist die Geschichte der Unterwerfung der Welt. Wie die Frauen wurde das Land, das Vieh und schließlich auch andere Völker unterworfen und ausgebeutet. Wenn wir heute davon sprechen, der Abschaffung des Patriarchats ganz nahe zu sein, dann geschieht das, weil wir uns ansehen, wie viel entrechteter unsere Mütter und deren Mütter noch waren. Wir beurteilen das Maß unserer Freiheit an den Zugeständnissen, die uns Staat und Gesellschaft machen. Wir nehmen an dieser Staat – dieser Vater Staat – müsse sich nur langsam dorthin entwickeln, uns als seine vollwertigen Untertanen zu behandeln. Wir bitten darum, auf dieselbe Weise beherrscht zu werden, wie die Männer. Catharine MacKinnon hat in “Toward a feminist theory of the state” detailreich ausgeführt, dass jeder Staat immer ein patriarchaler ist, der uns Frauen immer als Objekte behandeln wird. Der moderne Staat hat seinen Ursprung im Patriarcht und ist ohne ihn nicht denkbar. Er kann uns Frauen Zugeständnisse machen, je nachdem, wie es ihm nützlich ist, doch die Freiheit kann und wird er uns nicht schenken. Er würde sich damit selbst abschaffen.

Der Vaterkult

Die Geschichte der Frau ist die Geschichte individueller und kollektiver Unterdrückung. Frauen werden schon als Kinder als Arbeitskräfte und Sexobjekte ausgebeutet. Sie werden beschnitten, verschleiert und verkauft. Sie werden beschämt für ihr Menstruationsblut und für ihre Sexualität und das bereits in einem Alter, in dem sie noch Kinder sind. Ihnen wird früh beigebracht, dass sie zwar als Objekt männlicher Sexualität dienen – und da gilt: Wer Brüste hat, darf angemacht werde – sie selbst aber dürfen ihre eigene Sexualität nicht entdecken. Das führt dazu, dass bereits 10jährige auf der Straße und im Netz von erwachsenen Männern bedrängt werden, wenn sie aber ihren ersten Freund im gleichen Alter küssen, gelten sie als “Schlampe”. Dieses Slutshaming ist die erste, sehr wirksame Form weiblicher Disziplinierung. Mädchen lernen, dass sie auf ihren Ruf zu achten haben, eine Anforderung, die Jungs völlig fremd ist. Der Zweck dahinter ist die Kontrolle der weiblichen Sexualität, um sie ausbeutbar zu machen und zu halten – für die Sexualität der Männer, die auf “jung” und “unschuldig” stehen und für das Gebären von Kindern als Nachwuchs für den Mann. Dieser Nachwuchs soll möglichst aus einem nahezu jungfräulichen Schoß kommen, dahinter steckt der Wahn, zu kontrollieren, ob Mann auch wirklich der Vater ist – die Möglichkeit von Vaterschaftstests ist noch relativ neu.

Die Vaterschaft des Mannes ist die treibende Kraft unserer Gesellschaft und unserer Kultur. Der Mann zeugt Kinder und Ideen, die Frau bleibt ein Gefäß seines Willens. Patriarchat heißt Vaterherrschaft, heißt Kult des Väterlichen, in allen Ebenen, in der Familie, im Staat, in der Sprache, im Denken, im Krieg und im Bett. Der Vater ist dabei eine Kopfgeburt. Vermutlich wussten Frauen in grauer Vorzeit noch nicht einmal, von wem sie schwanger waren, den Vater als Figur und als Gott finden wir erst einige Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung. Gerade weil seine Position keine natürliche, sondern künstliche ist, verschafft sie sich mit Gewalt Autorität. Dieser herrschende Vater braucht Söhne, und um sie zu bekommen, braucht er die Frau. Um sich seiner Söhne aber sicher zu sein, muss er die Frau unterwerfen und beherrschen, denn sonst könnte es sein, dass er die Söhne eines Fremden großzieht oder aber die Frau ihm seine Söhne verwehrt. Abstammung und Familie über den Mann zu definieren, noch bevor es Vaterschaftstests gab, ist völlig widersinnig, denkt man die Unterwerfung der Frau nicht mit. In der Familie hat der Vater gottgleichen Status. Vergewaltigung in der Ehe ist zwar seit 20 Jahren strafbar, die Fälle von häuslicher Gewalt bleiben hoch. Jeden Tag stirbt in Deutschland eine Frau durch ihren Partner oder ehemaligen Partner, rechnet man männliche Gewalt über die Jahrhunderte nach oben, so sprechen wir über Millionen tote Frauen, die nur starben, weil Männer herrschen.

Die Disziplinierung der Frau

“Teen Porn” gehört seit Jahren zu den beliebtesten Pornokategorien, “Inzest” gewinnt immer mehr an Popularität. “Teen Porn” inszeniert Frauen absichtlich als junge Jugendliche in Schulmädchenuniform und Kinderzimmer, gerne auch mit Schulranzen. Der Verkauf von Sexpuppen mit dem Aussehen von Kindern ist in den USA und anderen Staaten legal. Mit wenigen Klicks sind sie auch bei uns verfügbar. 2016 wurden in Deutschland über 14.000 Fälle von sexuellem Missbrauch bekannt, die Täter fast ausschließlich Männer, unter den Opfern sind Kinder beiden Geschlechts. Die Dunkelziffer liegt viel höher, der Staat zeigt sich machtlos. Die Opfer leiden ihr Leben lang, Gerechtigkeit erfahren sie selten, Hilfe noch seltener. Ihre Therapien müssen sie häufig selbst zahlen. Für Täter – für die Männer – gibt es Hilfe und Verständnis. Vor kurzem verstieg sich jemand in einem Gespräch mir gegenüber zu der Aussage, dass die Täter mehr leiden als ihre Opfer. Männliche Sexualität kennt und akzeptiert keine Grenzen, diese dienen nur dazu, den Reiz des Verbotenen noch zu erhöhen. Jenseits des Kindesalters sind junge Frauen ein Statussymbol für ältere Männer. Auch das ist wichtig zu verstehen: Patriarchat heißt nicht “Herrschaft der Männer” – es heißt “Herrschaft der Väter”.

Die Disziplinierung der Frau reicht noch viel weiter. Sie umfasst Körpernormen, sie umfasst das Abwerten weiblicher Lust, das Verschweigen weiblichen Seins, dessen beständige Abwertung in Medien und Öffentlichkeit. #Metoo hat ein Schlaglicht darauf geworfen, dass selbst die privilegiertesten Frauen der Welt  nicht sicher sind vor sexueller Gewalt. Sie ist die normierende Kraft, die uns alle in der Spur hält. Sie lässt uns Umwege in Kauf nehmen, um nachts nicht allein durch den Park zu laufen, sie lässt uns unser Verhalten kontrollieren und Schutzmaßnahmen treffen, damit wir nicht vergewaltigt werden und wenn es doch passiert, dann ist nicht der Täter schuld, sondern wir. Sexuelle Gewalt ist männlich und deshalb gesellschaftlich akzeptiert. Die patriarchale Gesellschaft begreift sie als Naturgewalt, mit der es umzugehen gilt und für die es immer neue Entschuldigungen gibt. Es mag sein, dass es eine Reform des Strafrechts gab, in den Gerichten aber haben noch immer mehr Männer als Frauen das Sagen und urteilen dementsprechend. Die Urteile zu Claudia K. und Gina-Lisa Lohfink sprechen Bände. Freier sind nach deutschem Rechtsverständnis Kunden, nicht Vergewaltiger.

Die Frau als Statussymbol

Noch bevor Mädchen das Land ihrer Körper entdecken, entdecken sie das Denken, die Erkenntnis von der Welt. Ihre Vorbilder, ob in Büchern, in Filmen oder in der Sprache selbst, aber sind männlich. Von Anfang an wird uns beigebracht, dass Männer die Norm sind, wir sind das “andere”, das zweite Geschlecht. Die Bilder, die sich uns einprägen sind: Männer erschaffen und bewirken, Frauen werden erobert, entführt, vergewaltigt. Frauen müssen schön sein, ihre Körper müssen völlig übertriebenen Schönheitsnormen entsprechen und jeder ist berechtigt, sie zu bewerten. Frauen sind Statussymbole – je jünger und hübscher, umso höher fällt die Statuserklärung des Mannes aus. In unserer Sprache ist fast nie von uns die Rede. “Wissenschaftler” ist männlich, “Chef” auch. “Professor” ebenso, “Arzt” auch. Diese äußere Welt zeigt uns, dass wir anders sind, als das, was normal ist. Normal ist es, ein Mann zu sein. Der Mann ist der Mensch in dieser Welt, wir Frauen sind weniger Mensch als er.

Die Arbeitskraft der Frau

Frauen sind nicht nur Objekte – sie sind Arbeitskräfte. Frauen werden schlechter bezahlt als ihre Kollegen, die Sorge-Arbeit wird fast vollständig von Frauen übernommen und auch in den sozialen Berufen sind sie überproportional vertreten. Unser gesamtes Wirtschaftssystem basiert darauf, dass Frauen ohne Bezahlung putzen, waschen, kochen und Kinder erziehen, während Männer “richtige” Jobs haben. Seit die Spezialisierung von Arbeit immer mehr zugenommen hat, werden auch Frauen auf dem Arbeitsmarkt benötigt, aber die Care-Arbeit sollen sie trotzdem noch erledigen. Sie sind jetzt Frauen, die “alles haben” und daran ausbrennen. “Ich weiß nicht, wie man kocht”, erklärte mir letztens ein Freund. Er lächelte dabei so unschuldig und früher wäre ich versucht gewesen, dann zu sagen: “Kein Problem, ich koche für dich.” Aber warum kann er nicht kochen? Warum wissen Frauen, wie man kocht? Haben wir die magische Fähigkeit, das Wissen, wie man kocht, einfach zu antizipieren? Qua unserer Gene? Was macht die Frau zur Köchin? Weil sie von sehr früh an auf ihre Rolle als Frau vorbereitet wird. Weil Kochen, wenn man es jeden Tag macht, kein Hobby mehr ist, sondern lästige Pflicht. Weil Kochen nervt, in einer Familie aber erledigt werden muss. Das Gleiche gilt für Putzen und Wäsche waschen. Mädchen bekommen Putzsachen zum Spielen – und Puppen. Das bereitet sie auf ihren Platz in der Gesellschaft vor. Jungs bekommen Flugzeuge und Autos. Während wir Frauen kochen und putzen, hat er Zeit für seine Gedanken. Die Arbeit, die tägliche Mühsal, dieser Kampf gegen Windmühlen, er hält uns an unserem Platz, er hält uns beschäftigt, während unsere Forderungen verklingen.

Der Sex der Männer

Der Sex, den wir haben, zumindest wenn wir heterosexuell sind, ist der Sex der Männer. Es ist der Sex, den die Pornoindustrie für ihre Zielgruppe inszeniert – den onanierenden Mann vor dem Bildschirm. Zärtlichkeit wird mit Gewalt ersetzt, die Frau entmenschlicht, benutzt. Sich der Sexualität zu bedienen, ist ein mächtiges Herrschaftsinstrument. Sex kann uns einen, uns zusammenbringen, uns eins werden lassen. Sex kann uns stärken, beleben, glücklich machen, uns verwurzeln in dieser Welt. Doch der Sex, den wir haben, entfremdet uns von unseren Körpern. Frauen performen, was Männer im Porno sehen, weil sie auf männliche Anerkennung hoffen. Ihre Lust spielt eine untergeordnete Rolle. Angeblich, weil Frauen einfach schwerer zum Orgasmus kommen als Männer. Unsere eigene Unterdrückung mit unserer Natur zu begründen, ist einer der ältesten Tricks des Patriarchats und wir gehen ihm alle noch immer auf den Leim. Wir Frauen, wir brauchen die Mutterschaft, sonst werden wir hysterisch, wir denken weniger rational, sind gefühlsbetonter. In einem Zirkelschluss wird das, wohin wir als Frau sozialisiert – zur Frau gemacht werden – zu dem, was diese Sozialisierung rechtfertigt. Der Mann bestimmt, was Frau ist. Subjekt. Verb. Objekt. Man fucks woman.

Nur ein auf Gewalt basierendes System wie das Patriarchat bringt es fertig, Sex zu einer “Dienstleistung” zu machen, die Frauen aus ökonomischer Not Männern anbieten. Kapitalismus und Patriarchat gehören untrennbar zusammen, der Kapitalismus ist der Sohn der Kopfgeburt der Väterherrschaft. Sein Credo des “immer mehr” ist eine Folge der geglückten Unterordnung der Welt durch den Mann. Erst erobert er sie, dann beutet er sie aus. Erst unterwirft er sie, dann beutet er sie aus.

Der Mann ist der Tätige, der Bestimmende. Wenn er mit vielen Frauen schläft, stärkt das seine Sexualität. Eine Frau, die mit vielen Männern schläft, nutzt sich ab, wie ein Gegenstand. Sie wird nicht reicher durch die Erfahrung. Sie bleibt ein Objekt, dessen Wert sich erhöht, wenn es nur wenigen zugänglich ist, der Mechanismus der künstlichen Verknappung. Ein Mann, der viele Kinder zeugt, ist potent. Eine Frau, die viele Kinder – von verschiedenen Vätern hat – ist deviant.

Als vor kurzem eine Gießener Ärztin für Informationen zu Abtreibungen verurteilt wurde, blieb der Aufschrei aus. Viele prominente CDU Politiker, unter ihnen auch Mitglieder des neuen Kabinetts, bejubelten das Urteil. Die Gebärmutter der Frau muss unter Kontrolle bleiben, das hat oberste Priorität. Wie sonst ist es zu erklären, dass ein Staat über die Organe seiner Untertanen bestimmt?

Ein Samenspender konnte sich jüngst mit einer Vaterschaftsklage gegen zwei Mütter durchsetzen, die als Paar zusammenlebten. Sein gespendeter Samen hat mehr Wirkungsmacht als die Liebe einer ganzen Familie.

Unsere Gesellschaft, unser Denken, unsere Werte und Normen, sie rotieren um den Mann. Er steht im Zentrum. Alles, was uns geschieht, was uns formt, zielt darauf ab, uns verfügbar zu machen für männliches Wollen. Unsere unbezahlte Arbeit, unsere ausgebeuteten Körper, sie halten das System Patriarchat in seiner ganzen zerstörerischen Macht am Laufen. Kapitalismus, Imperialismus, Krieg, undenkbar ohne das Patriarchat. Das Ende unserer Ausbeutung würde die Welt aus den sprichwörtlichen Angeln heben. Thomas Pynchon schrieb einst, solange man dafür sorgt, dass keiner die richtigen Fragen stellt, müsse man sich um die Antworten keine Sorgen machen.

Keine Frau ist durch sich selbst

Durch einen Mann anerkannt zu werden, als Tochter, als Freundin, als Frau, verschafft uns in der patriarchalen Welt erst überhaupt Geltung, gibt uns Gültigkeit. Wir sind nur, was wir sind in unserem Verhältnis zu den Männern in unserem Leben. Eine Frau ohne Mann ist etwas Unvollständiges, Ungeschütztes. Um ganz zu sein, brauchen wir den Mann. Den Richtigen. Den Prinzen. Oder Christian Grey. Seit Frauen angefangen haben, die direkte Herrschaft über sie zu kritisieren, hat das Patriarchat seine Mechanismen angepasst. Unsere Unterdrückung wird uns als Befreiung verkauft. Wenn wir den gewaltvollen Sex des Patriarchats genießen, dann liegt es nicht daran, dass man unsere Sexualität von klein auf verkrüppelt hat, sondern daran, dass es in unserer Natur liegt, unterworfen sein zu wollen. Patriarchat ist nur scheiße, wenn man es kritisiert, es kommt auf die Einstellung an. Ändere deine Perspektive und mache das Patriarchat zu deinem Happy Place, das versucht man uns einzureden. Stell weiter die falschen Fragen, das ist die Botschaft, und sei froh, dass du überhaupt Fragen stellen darfst.

Der Frauentag kommt. Wir werden wieder reden und fordern, man wird so tun, als höre man uns zu und dann bleibt alles, wie es ist. Feminismus, der versucht, sich in den patriarchalen Verhältnissen einzurichten, ist zum Scheitern verurteilt. Ein paar Feigenblätter in Form von ein paar Reformen hier und ein paar Forderungen da verändern die auf Gewalt basierende Weltordnung des Patriarchats nicht, sie machen es nicht menschlicher. Wenn wir über uns und unsere Körper selbst bestimmen wollen, wenn wir echte Freiheit wollen, dann müssen wir radikaler denken. Wir müssen zusammenstehen und das, was uns vom Weiblichen geblieben ist, feiern. Ich will Leuchtfeuer mit euch anzünden, ihr Frauen da draußen, hell und weit sollen sie scheinen, rückwärts und vorwärts durch die Zeit und all den Frauen den Weg leuchten, die denken, ihre Verzweiflung sei ein individuelles Problem, die nicht wissen, dass sie unterdrückt werden, weil ihnen ihre Unterdrücker sogar noch die Sprache und damit das Denken genommen haben. Ich will die Erinnerung hochhalten an all die, die unter dem Patriarchat gelitten haben und noch immer leiden und will, dass sie wissen, wir geben nicht auf. Wir geben nicht auf.

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