Die alltägliche männliche Raumeinnahme

Manspreading (Stockholm Metro)

By Peter Isotalo (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Eigentlich wollte ich ursprünglich das Zitat des Mannes, der mir heute “begegnete” verwenden, das da hieß: “Mädel, deine Titten wackeln!”, aber vermutlich zensiert uns dann Facebook oder ein ähnliches Szenario. Von den alltäglichen Lebensrealitäten dürfen Frauen ja nicht schreiben, ohne sexualisiert zu werden (Stillen z. B.). Es sei denn, es geht um den ultmativen Fun im Porno und nackte Ärsche, die für Autofirmen werben. Aber back to topic:

In der Straße, in der ich wohne, gibt es ein Bowling-Center. Und in dem ist ein Zigarettenautomat. Da ich rauche und meine Kippen aus waren, schlappte ich also gegen späten Nachmittag darunter und zog mir eine Schachtel Kippen. Vorher hatte ich mir über mein Spaghetti-Shirt, das ich in meiner Wohnung (ohne BH) trage, ein T-Shirt übergezogen. Immer noch ohne BH, hört, hört.

Ein Mann auf 12 Uhr, der mich passieren will, bleibt vor mir stehen und sagt: “Mädel, deine Titten wackeln, is asozial … aber ich mag’s”, dabei schmatzt er, während er irgendwas Fetttriefendes in sich reinschiebt, das Fett aus seinen Mundwinkeln läuft und er grinst.

Ich bin nicht sehr schlagfertig, wenn auch in vielen Punkten selbstsicherer geworden. Trotzdem fiel mir nichts anderes ein, als zu sagen, “verpiss dich!”. Nicht sehr originell, aber ich war ihn – wenigstens – los.

Auf dem Rest meines Weges zu meinem zu Hause fühlte ich mich eklig. Erst war der Ekel auf mich fokussiert, auf meinen Körper, wie ich den einfach so dieser ganz stinknormalen Welt präsentiere. Aber genau bei diesem Gedanken, dass ich gerade nichts weiter getan hatte außer einfach mit meinem Körper einen Gehweg zu nehmen, spürte ich diese perfide Absurdität und ich wurde so wütend über jede dieser Begegnungen, die ich in meinem und Freundinnen in ihrem Leben schon hatten.

Ich dachte an meine Partnerin, der unverhohlen auf einem Weinfest von einer Bande Senioren attestiert wurde, dass ihr Arsch zu fett sei, und es eklig sei, wenn sie auf einer Bank sitzt und man da was “überquellen” sieht.

Ich dachte an die Momente, wenn ich alleine mit dem Fahrrad unterwegs bin und dann in Lokalen sitze und mir Knödel bestelle. Nachdem ich ohnehin als weiblicher Alleingast 3 mal solange auf eine Bedienung warte, weil “ich dachte, Sie sind noch nicht vollständig”. Es ist einer von vielen Momenten, in denen mir ein Mann beim Vorbeilaufen attestiert, was ich zu essen habe. “Wuuuh, Knödel mit Sahnesauce, ist aber nicht gut für die Linie!”. Who cares, denke ich mir. Aber es _macht_ mir was aus, dass ich offensichtlich nicht einfach irgendwas Stinknormales essen kann, weil ich eine Frau bin. Oft, wenn ich bei meinem Pausen alleine in einer Lokalität sitze, 70km Fahrradfahren hinter mir habe, spielt sich ein ähnliches Szenario ab. Fauxpas 1: Alleine als Frau. Fauxpas 2: Die Frau is(s)t “alleine” und isst ein _richtiges_ Essen.

Alles muss ständig kommentiert werden, wenn es nicht in das Otto-Normal-Schema-Pornogalore passt. Alles muss ständig kommentiert werden, _wenn_ es in das Otto-Normal-Schema-Pornogalore passt. Alles muss immer kommentiert werde. Weil es ja geht.

Mir fallen gerade so viele Sprüche und Situationen von Freundinnen und mir ein, es würde den Artikel sprengen, sie alle aufzuzählen.

Worauf ich aber hinaus will, ist zu sagen, dass das eine sehr invasive Form der Raumeinnahme von Männern ist. Es ist das tägliche Signal, hier bin ich und du, aber ich bestimme. Es ist Beschneidung.

Beim Radfahren reihen sie sich nicht bei Gegenverkehr hintereinander ein, sie fahren parallel weiter. Das weibliche Gegenüber wird Platz machen. Sie sind sich verdammt sicher.

Wenn ich durch die Stadt laufe, bleibe ich stehen oder weiche aus. An schlechten Tagen laufe ich Zick-Zack und mir ist zum Heulen zumute.

Ich konnte dieses Gefühl nie wirklich fassen, aber ich habe verstanden, dass es genau darum geht: wie unverhohlen selbstverständlich Männer diese ganzen Räume vereinnahmen.

Und fangt jetzt nicht an, mit, du musst nur was ändern, dann wird das. Ja, sicher, ändere ich was, aber darum geht es nicht. Es geht darum, den Status Quo festzuhalten, in dem Männer ganz selbstverständlich den öffentlichen Raum als ihren deklarieren. Auf dem Gehsteig, in der Bahn, im Bus, auf den Radwegen, im Autoverkehr, in Sitzungen, sie sprechen ja auch so toll und so laut und so viel.

Das hier ist nur ein Mini-Rant. Ein Mikro-Auszug aus dem Leben von Frauen, wie ich ihre Erfahrungen zeitlebens höre.

Der Raum gehört auch uns. Ob jetzt nun meine “Titten” wackeln, mein Arsch zu fett ist oder meine Brust zu flach, meine Haare zu kurz sind, meine Achselhaare nicht rasiert, ob ich alleine gehe oder fahre oder laufe. Ob ich grün oder rot im Gesicht bin. Ich bin ich und das hier ist auch mein Platz und mein Raum. Und es geht euch einen Scheiß an, haltet die Fresse!

Diese täglichen verbalen Erniedrigungen sind eine Anrufung, die das Gegenteil sagt. Sie sagt: Dieser Raum gehört uns, den Männern und wir bestimmen euch und was ihr davon bekommt.

Wie müssen auf die Straße, Frauen – und zwar geballt.

Und “meine Titten wackeln” dann eben weiter.

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