Die alltägliche Wut – 26 Jahre später

In der letzten Zeit ist es schwer in Mode gekommen, den Feminismus entweder für alles, was in dieser Gesellschaft so schief läuft verantwortlich zu machen, weil der feministische Diskurs angeblich alles beherrsche und keinen Widerspruch zulasse. Das läuft der Wahrnehmung der feministisch orientierten Frauen zuwider, die ganz im Gegenteil die Wahrnehmung haben, dass Alltagssexismus und patriarchale Unterdrückung wieder auf dem Vormarsch sind. Feminismus ist entweder Lifestyle, den man wählt, oder etwas, das man verächtlich kritisiert. Kapieren tun ihn beide Seiten nicht. Geld damit verdienen zumindest ein Teil der ersten Kategorie.
Mir ist vor ein paar Tagen zufällig das Buch „Die alltägliche Wut – Gewalt – Pornografie – Feminismus“ aus dem Jahre 1987 in die Hände gefallen, laut Klappentext ein BilderLeseBuch über „Männergewalt“, über „Mißbrauch an Mädchen“, über „Prostitution“, „verschwänzte Ästhetik“ und „Pornografie im Zetgeist“, das „den wagemutigen Versuch unternimmt, diese unterschiedlichen Formen von sexistischer und struktureller Gewalt gegen Frauen nicht in 16 Textbeiträgen zu analysieren und zu beschreiben, sondern auch in über 250 Illustrationen und Dokumentationen sichtbar zu machen“. Ein Buch also, das 26 Jahre alt ist. 26 Jahre, in denen die Gleichberechtigung angeblich verwirklicht wurde, wir leben doch, so wird uns doch erklärt, im Postfeminismus und wir Feministinnen sollen endlich aufhören zu nerven.
Ich habe dieses Buch zum Anlass genommen, einmal zu vergleichen, was sich denn verändert und verbessert hat von dem, was die Frauen, die dieses Buch damals schrieben, zu heute, zum Jahr 2014.

Frauenhäuser

Den Anfang des Buches macht eine Ausstellung des Kasseler Frauenhauses über häusliche Gewalt an Frauen und Kindern. Eindrucksvolle Installationen ließen nicht wenige Frauen sehr betroffen zurück. Auch der Missbrauch an Kindern wurde mit deutlichen Mitteln sichtbar und fühlbar gemacht, der viele sehr mitnahm. Doch schon der Weg zur Ausstellung hin und zurück stellte nicht wenige vor Probleme: Eine von ihnen berichtete, gleich mehrmals auf der dunklen Wegstrecke belästigt worden zu sein.

An das Kapitel schließt sich ein Bericht über ein Berliner Frauenhaus an, das auf seine zehnjährige Geschichte zurückblickt, sieben Frauenhäuser in Berlin konnten 6000 Frauen und ihren Kindern in dieser Zeit Schutz und Sicherheit bieten. Es hätte ein Umdenken bei Politikern und Mitarbeitern stattgefunden, berichten die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses, immer mehr Frauen würden zu ihnen geschickt. Damals war es allerdings noch so, dass die Frau gehen musste, nicht der Mann.
Betrachten wir die Situation heute. Noch immer ist es so, dass Frauen eher von Gewalt in den eigenen vier Wänden bedroht sind als durch Gewalt durch Fremde, wie eine Studie von 2012 belegte. Etwa jede vierte Frau erlebt häusliche Gewalt, Frauen mit Migrationshintergrund sind häufiger betroffen. Vor kurzem belegte eine europaweite Studie, dass jede dritte Frau bereits Gewalt oder sexuelle Gewalt erlebt hat. Eine Studie des BKA von 2011 zeigte, dass 49,2 Prozent der getöteten Frauen durch ehemalige oder aktuelle Partner getötet wurden. Seit März gibt es das bundesweite Hilfetelefon für häusliche Gewalt mit mehrsprachlichen Mitarbeiterinnen, das rund um die Uhr besetzt ist. 2008 wurde Stalking als Strafbestand in das Strafgesetzbuch aufgenommen, tatsächlich handeln kann die Polizei trotzdem erst, wenn schon etwas passiert ist. Etwas hat sich jedoch geändert: Nicht mehr die Frau muss gehen, die Polizei verweist den Täter für mehrere Tage der Wohnung, so dass die Frau Zeit hat, sich zu entscheiden, wie sie sich weiter verhalten will, so will es das Gewaltschutzgesetz von 2002. Nur etwa 20 Prozent der Fälle häuslicher Gewalt werden angezeigt. Die meisten Frauen kehren zu ihren prügelnden Partnern zurück. Was auch mit der Situation der Frauenhäuser zu tun hat, die aus der autonomen Frauenbewegung der 70er Jahre in Deutschland hervorgingen. Seit 2002 mussten mehrere Frauenhäuser schließen, weil die Finanzierung über öffentliche Träger nicht gesichert werden konnte. Der Aufenthalt der Frauen kann nicht immer über die Sozialgesetzbücher gesichert werden, so dass die absurde Situation entsteht, dass Frauen für den Aufenthalt im Frauenhaus zahlen müssen. Im Jahr 2002 gab es noch 400 Frauenhäuser, zum Jahreswechsel 2011/2012 noch 353. Rund 34.000 Frauen und Kinder suchen in diesen Frauenhäusern und Beratungsstellen Schutz vor häuslicher Gewalt. [1]
Diskutiert wird in der Politik eine Finanzierung der Frauenhäuser nach einem Schlüssel der Bevölkerungsdichte, das heißt in Regionen mit weniger Einwohnern soll das Angebot weniger gefördert werden – als ob dort auch weniger geprügelt würde. Wenig geändert hat sich auch an der finanziellen Abhängigkeit der Frau von ihrem prügelnden Mann. Es bleibt ihr und ihren Kindern oft nur der Weg in Hartz IV. Auch das ist oft ein Grund, im in die missbräuchliche Beziehung zurückzukehren. Häusliche Gewalt bedeutet nicht nur Schläge, körperliche Misshandlung, Vergewaltigung, es bedeutet auch wiederkehrende emotionale und psychische Gewalt, unter der die Kinder leiden. Wie hoch die Zahl der Frauen ist, die keine Hilfe ist und mit ihren Kindern der Gewalt der Partner ausgeliefert bleiben, darüber gibt es keine Schätzungen.

Missbrauch an Kindern

Die Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs sind seit Jahren rückläufig. Sie lagen 2012 bei rund 12.000.  Die Dunkelziffer dürfte bei dem drei- bis vierfachen liegen. Seit 2000 haben Kinder in Deutschland außerdem ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Es ist verboten, Kinder zu schlagen oder körperlich zu misshandeln. Auch Vergewaltigung von Kindern im Ausland ist in Deutschland strafbar, der Täter kann hier zur Rechenschaft gezogen werden.
Bei der Kindesmisshandlung verfolgt der Gesetzgeber jedoch einen „widersprüchlichen Ansatz“. Obwohl Kindesmisshandlung mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft werden kann, gilt hier der Ansatz „Hilfe statt Strafe“. Den prügelnden Eltern soll von Jugendämtern, Sozialarbeitern und Familienhelfern Hilfe zur Seite gestellt werden, es wurde zuletzt von Rechtsmediziner Michael Leiter und seiner Mitarbeiterin Saskia Etzold in dem Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ scharf kritisiert, dass Kinder aufgrund dieses Leitsatzes viel zu lange in den misshandelnden Familien verbleiben. Jedes Jahr sterben rund 160 Kinder an den Folgen von Kindesmisshandlung in der eigenen Familie.

Vergewaltigung

Das nächste Kapitel des Buches beschreibt einen von Feministinnen ins Leben gerufenen Hilfenotruf für vergewaltigte Frauen, die außerdem ein Flugblatt mit einer Art Erste-Hilfe-Plan für vergewaltigte Frauen herausgegeben haben, damit vergewaltigte Frauen wissen, was sie zu tun haben.

Dort heißt es zum Beispiel:

Deine Glaubwürdigkeit darf nicht angezweifelt werden und diskriminierende Fragen brauchst du nicht zu beantworten.

Fast jede zehnte Frau in Deutschland wird einmal in ihrem Leben Opfer einer Vergewaltigung. Damit ist nicht sexuelle Nötigung gemeint, sondern die tatsächliche Penetration unter Gewalt. Eine aktuelle Studie zeigte unlängst, dass es nur bei 8,4 Prozent aller überhaupt angezeigten Vergewaltigungen überhaupt zu einer Anzeige kommt, wobei nur 8 Prozent aller Frauen ihren Vergewaltiger überhaupt anzeigen. Das liegt daran, dass die Prozedur der Anzeige ein erniedrigendes und häufig retraumatisierendes Verfahren ist. Opferverbände fordern seit Jahren die Möglichkeit der anonymen Spurensicherung, Terre de Femmes startete erst vor kurzem den Aufruf, dass vergewaltigte Frauen einen psychologische Unterstützung während eines Vergewaltigungsprozesses zugesichert bekommen und Anspruch auf eine nichtöffentliche Verhandlung haben. Vor 20 Jahren wurden noch 21,6 Täter nach der Anzeige verurteilt. Immerhin die Vergewaltigung in der Ehe ist seit 1997 verboten. Seit 17 Jahren.

In dem BilderLeseBuch von 1987 findet sich eine sehr drastische Darstellung von sexuellem Missbrauch in der Kindheit. Ein Verbrechen, das im Dunkel, im Unsichtbaren, im „Das geht uns nichts an“, stattfindet, noch immer, im Schutz des Patriarchats. Ins Helle, ins gleißende Licht damit. Kein Vater hat das Recht sich an seiner Tochter zu vergehen, sie ist nicht seins, sie ist nur sich selbst.

Frauen an der Macht

In dem BilderLeseBuch findet sich auf Seite 24 ein Lied, dessen eine Strophe folgendermaßen geht:

Raus mit den Männern aus dem Reichstag
und raus mit den Männern aus dem Landtag
Raus mit den Männern aus dem Herrenhaus
Wir machen daraus ein Damenhaus.
Raus mit den Männern aus dem Hiersein.
Raus mit den Männern aus dem Dasein.
Raus mit den Männern aus dem Dortsein,
sie müssten schon längst fort sein.
Raus mit den Männern aus dem Bau
und rein in die Dinger mit der Frau.

Ich möchte das nur mit zwei Zahlen beantworten. In unserem derzeitigen Bundestag 2014 sitzen 230 Frauen und 401 Männer.

Für Frauen und Familien war noch nie Geld da

Es findet sich im Folgenden eine Podiumsdiskussion mit Rita Süssmuth zur Finanzierungsfrage der Frauenhäuser, die sich lohnt zu lesen. Schon vor 26 Jahren wehrte sich die Politik mit Händen und Füßen, die Finanzierung der Frauenhäuser auf ein sicheres Fundament zu stellen, von einem „Modernisierungsprozess der CDU“ war da die Rede und noch allerlei Blödsinn.
Halina Bendkowski heizte den Politikerinnen ordentlich ein, als sie fragte, wie es sein kann, dass Flick und Co. problemlos ihre Rüstungsmilliarden bekämen, nur für ein paar Frauenhäuser sei kein Geld da. Nun, diese Frage können wir heute unverändert stellen, und noch um ein paar Punkte ergänzen. Wir können Banken retten, aber keine Menschen, wir haben Fallpauschalen, durch die erwiesenermaßen Menschen in Krankenhäusern sterben und Kinder, die durch Hartz IV die Wohlstandsgesellschaft nur hinter Glas erleben.

Antidiskriminierung

Ein weiteres Kapitel widmet sich der Diskriminierung von Schwulen und Lesben. Es ist tatsächlich ein erfreulicher Punkt an dieser Stelle zu sagen, wie viel hier erreicht wurde. Die Diskriminierung von Schwulen und Lesben ist an vielen Stellen aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Der Kampf um die gleischgeschlechtliche Ehe und das Adoptionsrecht geht weiter, und dennoch stehen sie nicht länger am Rand der Gesellschaft, heute ist es kein sozialer Selbstmord mehr, sich zur Homosexualität zu bekennen und diese zu feiern und zu leben, auch wenn es immer noch bedauerlicher Ausnahmen von sturer Konservativität gibt.

Armut ist immer noch weiblich

Es geht weiter. Armut ist weiblich, heißt es in einem Zeitungsausschnitt von damals. 23 Prozent der damaligen Sozialhilfeempfänger waren alleinerziehende Mütter. 79 Prozent aller über 65jährigen Sozialhilfeempfänger waren über Frauen.
Und heute? 39 Prozent aller alleinerziehenden Mütter sind vollständig auf Hartz IV angewiesen, weitere 15 Prozent stocken auf. 1,4 Millionen Frauen über 65 sind in Deutschland auf Hartz IV angewiesen, weil die Rente nicht reicht, Tendenz steigend.

Abtreibung ist immer noch verboten

Natürlich geht es in dem Buch auch um den Paragraph 218. Nun, an dem hat sich wenig verändert. Abtreibung ist in Deutschland noch immer verboten, sie ist nur unter besonderen Bedingungen straffrei, was durch die Hinzufügung des sogenannten Beratungsparagraphen 219 möglich wurde. Wer vor der 12. Schwangerschaftswoche und nach einem Beratungsgespräch bei einer dafür vorgesehenen Stelle, deren erklärter Auftrag es allerdings ist, die Frau von der Fortsetzung der Schwangerschaft zu überzeugen, einen sogenannten Beratungsschein erhält, dann noch das nötige Geld oder die Übernahme der Krankenkasse hat, darf straffrei abtreiben. Verboten ist es dennoch. Das ist der Kompromiss, der ausgehandelt wurde. Bereits 1987 forderten die Frauen die ersatzlose Streichung des Paragraphen 218 aus dem BGB. Was wurde eigentlich daraus? Wenn wir einen Blick nach Spanien oder in die USA werfen oder den Kommentaren so manchem CDU Politiker lauschen, dann kann uns Angst und Bange werden. Unsere Körper und vor allem unsere Gebärmütter gehören nämlich nicht uns. Die CDU stellte sich im übrigen damals auch quer, Vergewaltigung in der Ehe als Strafbestand aufzunehmen, weil sie Angst hatte, dass Frauen diesen Vorwurf dann dafür missbrauchen könnten abzutreiben. Opferabo 1997.

Der Vergewaltiger ist nicht mehr der Fremde in der Dunkelheit

Ein weiteres Thema des Buches war sexuelle Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum. Sichere Wege, Taxis für Frauen und so weiter waren damals Thema. Die bereits oben zitierte Studie zu Verurteilungen von Vergewaltigern zeigte jedoch, dass sich auch hier etwas verändert hat. Immer mehr Vergewaltiger sind Bekannte und Partner der Frauen, längst nicht mehr der Fremde in der Dunkelheit. Leider hat bei den Gerichten noch kein Umdenken stattgefunden. Es ist bei einer Verurteilung von Relevanz, ob Täter und Opfer sich fanden und für das Strafmaß entscheidend, ob es zum Beispiel vorher freiwilligen Geschlechtsverkehr gab, was das Opfer in eine noch hilflosere Situation bringt. Schon damals glaubten die Richter lieber den Männern – „Sie wollte es eben auf die harte Tour“ – als den Frauen. An der Unsicherheit von Frauen im öffentlichen Raum hat sich dennoch nichts geändert. Jede Frau, die nachts U-Bahn gefahren ist, kann davon berichten. Gerade Gruppen von jungen Männern scheinen es als eine Art Sport zu betrachten, Frauen zu belästigen, zu beschimpfen und ihnen Angst einzujagen. Die Reaktion anderer Anwesender: Wegsehen. Das ist ein gesellschaftliches Problem. Schließlich machen die jungen Männer ja nur die ersten Übungen in der Ausübung patriarchaler Rechte: eine ungeschützte, weil eine unbegleitete Frau ist Freiwild.

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz – noch immer kein Straftatbestand

In dem BilderLeseBuch berichten Frauen aus einem Moabiter Gefängnis, wie sie den sexuellen Belästigungen männlicher Schließer ausgesetzt sind, doch es geht auch um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Diese ist in Deutschland kein eigener Strafbestand, und kann höchstens als Beleidigung angezeigt werden. Nach einer repräsentativen Umfrage haben 58,2 Prozent aller Frauen bereits sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt.[2]

Sextourismus und Heiratshandel

Weiter geht es um Heiratshandel und Sextourismus. 10.000 deutsche Männer fliegen jedes Jahr als Sextouristen ins Ausland, darunter viele Pädophile. Schon damals warben die großen Reiseunternehmer mit „Exotik“ und damit unterschwellig mit „Erotik“. Schon damals war Pattaya die Sexhölle Thailands, an der sich bereits Fünfjährige verkauften. Die Situation hat sich verschlimmert. Heute verkaufen sich in Thailand rund 250.000 Kinder und mehr als doppelt so viele Frauen. Das Bestellen von Frauen aus dem Katalog, im Jahr 1987 noch ein neues Phänomen, ist heute gang und gäbe und es werden sogar ganze Fernsehformate zur allgemeinen Unterhaltung darüber gedreht. Frauen, die der Armut ihrer Heimatländer entkommen wollen, lassen sich an Männer in Deutschland verkaufen. Das ist Frauenhandel. Legaler Menschenhandel mit Heiratsurkunde. Wie unterhaltsam. Sind sie nämlich nicht folgsam und der Mann lässt sich scheiden, verliert sie, wenn es innerhalb der ersten drei Jahre geschieht, ihren Aufenthaltsstatus. Und das ist kein Zwang?

Porno im öffentlichen Raum

Es geht auch um „verschwänzte Ästhetik“ und die alltägliche Gewalt der Bilder. Natürlich konnten sich die Frauen damals gar nicht vorstellen, mit was für einer alltäglichen Flut von gewalttätigen Bildern wir heute förmlich überflutet werden. Was bleibt, ist das gleiche relativierende Element: Ist doch Kunst. Mit diesem Argument kommen sie uns heute beim Pornorap. Ist doch nur Fiktion sagen sie beim Porno, sagen sie bei den Computerspielen.
Das Buch verhandelt auch alte Debatten. Ist das Private nun politisch? In den vergangenen zwanzig Jahren haben sich viele entschlossen, das Private lieber wieder nur privat zu halten, eine Art Luftblase, in die die böse Welt da draußen nicht eindringen kann. Doch es reizt fast zum Lachen zu sehen, wie die sexistische Werbung von vor über 25 Jahren fast naiv und harmlos wirkt im Gegensatz zu dem, mit dem wir heute pausenlos konfrontiert werden. Es gibt keinen Rückzug ins Private. Man hat uns das erfolgreich eingeredet, mit schönen Flatscreen-Fernsehern und tollen Sendungen darüber, wie man die Wohnung nun einrichtet, Shabby-Schick oder doch modern, aber diese Welt aus Missbrauch, Gewalt, aus Sexismus, die ist immer noch da draußen und sie wird nicht weniger, sie wird immer stärker.

Damit keine sagen kann, sie habe nichts gewusst

Die Analyse und der Vergleich von 26 Jahren, den ich jetzt an einem zufälligen Bücherfund vorgenommen habe, zeigt, dass der Feminismus mitnichten den Sieg davongetragen hat, noch kann von einem bestimmenden Diskurs die Rede sein. Das Buch fordert dazu auf, auf die Straße zu gehen, es fordert die Männer auf, sich zu sensibilisieren, für das eigene Gewaltpotenzial, es verlangt von der Gesellschaft, Verantwortung zu übernehmen für die patriarchale Scheiße, in der wir sitzen, in der wir unsere Frauen und Kinder prügeln und töten, in der Frauen durch Prostitution und sexistische Werbung ihre Würde genommen wird, in der Pornos immer brutaler werden, dass wir endlich hinsehen, wenn im Bekanntenkreis sexueller Missbrauch passiert und laut werden, dass wir uns wehren, und die Gesellschaft zu einer besseren machen. Das Buch war eine Anklage, in der Hoffnung, dass die Gesellschaft eine bessere wird. Heute ist es der Beweis dafür, dass der Feminismus seine Schlagkraft verloren hat, dass wir uns sammeln müssen, sonst werden die bereits gewonnen Bastionen genommen und wir rutschen zurück in ein Zeitalter weit vor 1987. 26 Jahre. Was hätte alles erreicht werden können, wo könnten wir heute sein? Den Aspekt der Berufstätigkeit, der Berufschancen von Frauen, des ganzen Care-Problems ist dabei ja noch gar nicht berücksichtigt. Auch von der Prostitution wollen wir gar nicht anfangen.
26 Jahre. Und wir stehen wo wir stehen. Frauen sind noch immer arm, von Gewalt und Sexismus betroffen und die Objektifizierung von Frauen in der Populärkultur, dem Porno und der Werbung hat Ausmaße angenommen, die jeder Gleichberechtigung spotten. Die Hilfsangebote für Frauen sind weniger geworden, und die Akzeptanz feministischer Anliegen innerhalb der Gesellschaft hat abgenommen, ein Erfolg der auf das Konto des Antifeminismus und seiner Handlanger, der Mainstream-Medien und der Konservativen geht. Denn Feminismus ist out. Feminismus ist höchstens noch Lifestyle für junge Frauen, die nicht verstehen wollen, das Feminismus eine Theorie ist, eine Form der Kritik, ein Bewusstmachen der eigenen Erfahrung als Frau, der Unterdrückung in all ihren Formen, die es zunächst auszudrücken und dann zu kritisieren gilt, die man dem Patriarchat und seinen Vertretern um die Ohren hauen muss, dass es nur so scheppert. Wir sind keine Objekte. Viele haben es bereits vor uns getan, das Buch „Die alltägliche Wut“ ist nur ein Beispiel davon. Sie haben es radikal, sie haben es wütend getan, denn das, was uns Frauen geschieht, das kann nur Wut hervorrufen. Catharine MacKinnon, Andrea Dworkin, Alice Schwarzer, Gloria Steinem, sie alle wurden von dieser Wut gepackt und sie alle können nicht glauben, dass diese Wut nicht auch die anderen Frauen packt, die doch auch diese Erfahrung machen, doch sie blenden lieber aus und verdrängen. Wir verdrängen nicht. Wir schreiben dagegen an. So lange, bis sich etwas ändert. Wir legen Zeugnis ab, von dem, was geschieht. Damit am Ende keine behaupten kann, sie habe nichts gewusst.

Alle Zitate soweit nicht anders angegeben aus Halina Bendkowski und Irene Rotalski (Hrsg.): Die Alltägliche Wut. Gewalt Pornografie Feminismus. Erschienen im Elefanten Press Verlag 1987

[1] http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung4/Pdf-Anlagen/bericht-der-bundesregierung-frauenhaeuser,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf

[2] http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/gleichstellung,did=73018.html

2 Kommentare

  1. “Wir verdrängen nicht. Wir schreiben dagegen an. So lange, bis sich etwas ändert. Wir legen Zeugnis ab, von dem, was geschieht. Damit am Ende keine behaupten kann, sie habe nichts gewusst.” cool. toll.

  2. Frauen die dies benennen werden als “Radikal-Feministinnen” gebrandmarkt und ausgeschlossen. —Auch von Frauen. Denn in diesen wirtschaftlich unsicheren Zeiten sind Frauen wieder einmal bereit, zurückzustecken und Kompromisse einzugehen. Also werden die Frauen, die dies benennen, ausgeschlossen und angeklagt, nicht die Täter. Täter konnten sich noch NIE so frei fühlen wie heute, wo auch die Frauen wegschauen, schweigen und den gewaltbetroffenen Frauen selbst die Schuld zuschieben. Der backlash hat uns hinter 1970 zurückgebeamt.

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