Die Geschichte der Frauenbewegung: Deutschland

100 Jahre Frauenpower

By Haeferl (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, ist, wie sollte es anders sein, eine besondere. Sie ist eng verbunden mit der Geschichte des Deutschen Kaiserreiches, der gescheiterten Revolution von 1848, den Weltkriegen, dem Nationalsozialismus und schließlich der 68er Revolution. Sie erzählt nicht nur von den Konflikten mit dem bürgerlichen Patriarchat, sondern auch von internen Auseinandersetzungen zwischen bürgerlichen, proletarischen, sozialistischen und radikalen Feministinnen, deren Spuren bis in die Gegenwart des Feminismus reichen. Umso wichtiger, sich diese Geschichte einmal anzusehen. Kritik und Forderungen unterschieden sich bereits in den Anfängen der Frauenbewegung oftmals so sehr, dass ein gemeinsamer Kampf unmöglich wurde, ein Problem, das den Feminismus bis heute kennzeichnet. Offenbar verstehen Frauen schon immer unter den Ideen der Freiheit und Gleichberechtigung unterschiedliche Dinge.

Der Anfang: Die industrielle Revolution

Die Industrialisierung veränderte nicht nur die europäischen Gesellschaften grundlegend, sie erst machte die “Frauenfrage” relevant.  In der ständischen Gesellschaft des Mittelalters waren Frauen zwar weit davon entfernt, rechtlich gleichgestellt zu sein, doch sie übten Berufe aus, konnten über Vermögen verfügen und vor allem adelige und bürgerliche Frauen konnten sich auf ein hohes Maß an gesellschaftlicher Achtung und Sicherheit verlassen, das ihnen auch eine gewisse persönliche Freiheit erlaubte. In den bäuerlichen Hausgemeinschaften arbeiteten die Frauen gleichberechtigt mit und waren unverzichtbarer Teil der dörflichen Lebensgemeinschaft mit entsprechendem Einfluss. Je ärmer eine Frau war, umso geringer war es um ihre Freiheit bestellt.

Die Industrialisierung zerstörte diese gewachsenen, gesellschaftlichen Zusammenhänge.
Auf einmal wurde zwischen Lohn- und Hausarbeit unterschieden, die traditionelle Haus- und Arbeitsgemeinschaft innerhalb der Familie wurde aufgelöst. Wer keinen Besitz hatte, musste arbeiten gehen, Frauen wurden zunächst auf die Kinderbetreuung und den Haushalt verwiesen. Als die proletarischen Frauen Zugang zu den Fabriken verlangten, um für sich selbst sorgen zu können, wurden sie von den männlichen Arbeitern als Konkurrenz wahrgenommen. Schließlich aber wurden Frauen und Kinder als Arbeitskräfte gebraucht – und missbraucht, denn sie verdienten bei gleicher Arbeit sehr viel weniger als ihre männlichen Kollegen. Ein Arbeitstag hatte 12 bis 14 Stunden, Urlaub gab es nicht und zu Anfang des 19. Jahrhunderts sanken die Löhne auch.  Kinder arbeiteten oft schon ab dem 4. Lebensjahr. Da die Löhne so niedrig waren, prostituierten sich viele Frauen zusätzlich, um sich und ihre Kinder zu ernähren. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse waren katastrophal und kaum erträglich. Kein Wunder also, dass die Forderungen nach gesellschaftlicher Veränderung laut und immer lauter wurden.
Doch nicht nur für die Frauen der Arbeiterklasse veränderte sich das Verhältnis zu Arbeit und Familie radikal, auch die bürgerlichen Frauen sind nicht länger “Produzentinnen”, sondern vielmehr Konsumentinnen in einer kapitalistischen Gesellschaft. Gleichzeitig gab es einen “Frauenüberschuss” unter bürgerlichen Frauen, so dass viele von ihnen unverheiratet blieben und zum Beispiel als Lehrerinnen ihren Lebensunterhalt selbst verdienen mussten. Andere Berufe oder gar ein richtiger Schulabschluss oder Studium blieben ihnen verwehrt, im 19. Jahrhundert argumentierte man “wissenschaftlich”, Frauen seien aufgrund ihrer kleineren Gehirne dazu gar nicht in der Lage.

1848 – der erste Frauenaufbruch

Im Zuge der Französischen Revolution formulierten Frauen in Frankreich bereits Forderungen nach einer rechtlichen Gleichstellung der Frau. In den USA kämpften Abolitionistinnen für die Abschaffung der Sklaverei, deren Befreiung sie nur allzubald mit Fragen der geschlechtlichen Gleichberechtigung verbanden, zum Beispiel weil es Frauen verwehrt war, vor einem gemischten Publikum zu sprechen. In England formierte sich die Suffragettenbewegung. Diese Ideen schwappten gemeinsam mit den großen sozialen Umbruchsforderungen auch nach Deutschland und fanden ihren Niederschlag in den unruhigen Jahren vor der gescheiterten Revolution von 1848.   Jahr 1848 gründeten sich in Frankreich Frauenklubs und die Union der Arbeiterinnen, in Deutschland bald darauf die Frauenvereine.  Die Forderung nach frauenspezifischen Veränderungen brauchte einige Jahre der Bewusstwerdung, zunächst wollten Frauen wie Luise Otto-Peters vor allem für eine allgemeine Befreiung der Gesellschaft kämpfen, die Versammlungsfreiheit, die Redefreiheit und Aufhebung der Standesgrenzen, die noch aus dem Mittelalter stammten. Doch die Frauen stellten nur allzubald fest, dass es auch unter ihnen und ihren männlichen Mitstreitern Konflikte gab. Freiheit hin oder her – für Frauen galt die nicht, auch nicht unter den Revolutionären.  Eine Frau, die sich politisch engagierte, galt als unanständig und vulgär.

Die Revolution von 1848 scheiterte, viele Revolutionäre gingen in das Ausland. Frauen wurde es verboten, sich politischen Vereinen anzuschließen. Die Frauen jedoch kämpften weiter. Luise Otto-Peters gründete 1865 in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF) und begründete damit auch die bürgerliche Frauenbewegung.  Die bürgerliche Frauenbewegung lehnte das Frauenwahlrecht ab, und beschränkte ihre Forderungen darauf, Frauen den Zugang zu Ausbildung und Arbeit zu ermöglichen und ihnen so zu mehr Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu verhelfen.

Die proletarische Frauenbewegung ist eng mit der Entstehung der Arbeiterbewegung verbunden. Die sozialistische Theorie sah den Ursprung allen Übels in der Ausbreitung des Kapitalismus, die Frauenfrage wurde zum “Nebenwiderspruch” erklärt, der mit der Überwindung des Kapitalismus beseitigt wäre. Frauenarbeit wurde zumindest theoretisch begrüßt, weil sie als ein Weg zur Unabhängigkeit betrachtet wurde. Dass Frauen dann noch immer mit der Dreifach-Belastung von Lohnarbeit, Hausarbeit und Erziehungsarbeit zu kämpfen hatten, ignorierten die männlichen Vordenker des Sozialismus jedoch getrost. Unter den Arbeitern selbst lehnte man die Frauenarbeit größtenteils ab. Man fürchtete um die Kinder und den Zusammenhalt der Familien, Frauen wurden als “Schmutzkonkurrentinnen” in dem Kampf um Arbeitsplätze betrachtet, weil Arbeitgeber für sie geringere Lohnkosten zu tragen hatten. Geschlechterübergreifende Solidarität fand sich auch in der Arbeiterbewegung nicht. Die Ursprünge der proletarischen Frauenbewegung finden sich in der Gründung des Berliner Arbeiterinnenvereins. August Bebel war einer der prominenten Fürsprecher, um Frauen zu gleichberechtigten Mitgliedern in den Gewerkschaften zu machen.

Der Kampf um Frauenrechte ab 1870

In den 1870er Jahren kam es zu Teuerungen und Produktionskrisen, in der Folge zu Streiks, die von der Obrigkeit, allen voran Reichskanzler Bismarck, mit Repression und den sogenannten Sozialistengesetzen beantwortet wurden. Die Reichseinigungskriege stellten das Deutsche Kaiserreich vor zusätzliche Herausforderungen, in denen die Entwicklung einer Zivilgesellschaft aktiv bekämpft wurde. Die bürgerliche Frauenbewegung engagierte sich, in dem sie Krankenschwester in die Ausbildung schickte und Kriegsmaterial produzierte. Die Liebe zum Vaterland kam vor dem Verlangen nach persönlicher Freiheit. 1873 gründete Lina Morgenstern den Deutschen Hausfrauenverein, in dem das Hausfrauendasein als natürliches Lebensumfeld für Frauen propagiert wurde. Vor allem karitative Tätigkeiten waren das richtige Betätigungsfeld für bürgerliche Frauen, was sich unter anderem in der Einrichtung der Volksküchen für die ärmere Bevölkerung in den Städten niederschlug.
Währenddessen verschärfte sich die Situation für die proletarischen Frauen. Immer mehr Frauen arbeiteten, die Lebensbedingungen verschlechterten sich jedoch. 1878 wurden die Arbeiterinnenschutzgesetze erlassen, in denen es verboten wurde, Frauen in Bereichen wie dem Bergbau zu beschäftigen.  In den Gewerkschaften forderte man, Frauenarbeit zu verbieten, August Bebel schrieb 1879 in der Haft seine vielbeachtete Schrift “Die Frau und der Sozialismus”, in der er für die Gleichberechtigung der Frauen eintrat und Solidarität forderte.  Er legte die Grundlage für die marxistische Emanzipationstheorie, die den Kapitalismus und das Privateigentum als Wurzel allen Übels ausmachte, das Patriarchat als solches jedoch weder erkannte noch kritisierte. Daran hat sich bis heute wenig geändert.  Trotz der Sozialistengesetze engagierten sich immer mehr proletarische Frauen politisch.
1871 wurden die Paragrafen 218 und 219 erlassen, die Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellen und in nur leicht veränderter Form bis heute in Kraft sind. 1872 veröffentlichte Hedwig Dohm, die Vordenkerin des radikalen Feminismus ihre ersten Schriften, in denen sich unter anderem der Satz findet “Menschenrechte haben kein Geschlecht”. Sie forderte von Anfang an das Frauenwahlrecht und rief zur Gründung von Frauenstimmrechtsvereinen auf.  Minna Cauer und Helene Lange formierten den radikalen Flügel der Frauenbewegung und kritisierten die männlich-orientierte Gesellschaft. Das brachte ihnen auch von anderen Frauenrechtlerinnen viel Kritik ein.
1890 wurden die Sozialistengesetze abgeschafft und Arbeitsschutzgesetze eingeführt. 1894 entstand der Bund deutscher Frauenvereine (BdF) als Dachorganisation aller bürgerlicher Frauenvereine.

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Der Erste Weltkrieg und die Zwischenkriegszeit

Der Erste Weltkrieg brachte Hunger und Elend für die Familien zu Hause. Frauen mussten die Arbeitskräfte der Männer an der Front ersetzen. Die gerade erst eingeführten Arbeitsschutzgesetze wurden wieder außer Kraft gesetzt.  Besonders in den Rüstungsbetrieben herrschten gesundheitsgefährdende Bedingungen.
In der bürgerlichen Frauenbewegung hatten sich drei Flügel entwickelt, der radikale, der vollständige Gleichberechtigung der Frauen forderte und das traditionelle Frauenbild der Ehefrau und Mutter ablehnten. Zu ihnen gehörte zum Beispiel Minna Cauer. Der gemäßigte Flügel forderte ebenfalls Gleichberechtigung, allerdings erkannte er die Bestimmung der Frau als Ehefrau und Mutter an, während der konservative Flügel das Frauenwahlrecht und die Selbstbestimmung der Frau ablehnte und sich auf Ausbildungsmöglichkeiten konzentrierte.  Die meisten Frauen gehörten dem gemäßigten und dem konservativen Flügel an. Sie wollten, dass Frauen mehr Pflichten im Staate übernahmen und so zu mehr Rechten kamen. Sie wollten keine grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen und sahen auch von kritischen Widerstandsaktionen ab. Erfolgreich waren sie im Kampf um den Zugang zu Universitäten, der Frauen kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges ermöglicht wurde.
Die Frauenbewegung blieb gespalten. Das zeigte sich auch an der “Dienstmädchenfrage”. Diese waren der Willkür ihrer Arbeitgeberinnen ausgesetzt und durften kaum über ihr Leben bestimmen. Die wenigsten bürgerlichen Frauen waren jedoch bereit, aus Solidarität auf die Dienstmädchen zu verzichten.
Der BdF unterstützte den Ersten Weltkrieg tatkräftig. Frauen wurden in Lazaretten und in der Versorgung tätig und stellten die eigenen Forderungen zugunsten des vaterländischen Engagements zurück. Im August 1914 sagte man einen Kongress zum Frauenstimmrecht ab, um die Mobilisierung nicht zu gefährden. Der radikale Flügel um Minna Cauer und Lida Gustava Heymann lehnte den Krieg ab und engagierten sich als Pazifistinnen. Den ADF nannten sie “Damenkränzchen”. Sie waren für echte Gleichberechtigung und formulierten ihre Kritik deutlich. Sie unterstützten die Arbeitskämpfe der proletarischen Frauen. 1899 fanden sie sich im “Verband fortschrittlicher Frauenvereine” zusammen und bekämpften die staatlich “reglementierte Prostitution” als extreme Ausbeutung von Frauen.  Sie kritisierten, dass Lehrerinnen und Frauen im öffentlichen Dienst nicht heiraten durften (sogenannte Zölibatsklausel).

Während der Weimarer Republik

1918 kam mit der Entstehung der Weimarer Republik das allgemeine Frauenwahlrecht. Bei der ersten Wahl am 19. Januar beteiligten sich 82 Prozet der Frauen. Dennoch stand es nicht gut um die Sache der Frauen. Auf einmal gab es dank des Krieges einen Frauenüberschuss und für die heimkehrenden Soldaten keine Arbeit. Die gerade noch dringend in der Wirtschaft und Rüstungsindustrie benötigten Frauen wurden massenhaft entlassen. Frauen sollten zurück an den Herd. Gleichzeitig kämpften Helene Stöcker und Lida Gustava Heymann nicht nur für den Frieden, sondern auch für die Aufklärung der Frauen und den Zugang zu Verhütungsmitteln, ein Ansatz, den der Rest der bürgerlichen Frauenbewegung strikt ablehnte.

Die proletarische Frauenbewegung wurde vom Staat zunehmend als Bedrohung wahrgenommen. Clara Zetkin und Rosa Luxemburg wurden während des Krieges inhaftiert. Die KPD wurde zur zentralen Organisation der proletarischen Frauenbewegung, der Clara Zetkin 1919 beitrat. Für Clara Zetkin stand fest, dass eine Befreiung der Frau nur mit der Überwindung des Klassenwiderspruchs möglich war, deshalb war der Kampf gegen die Klassengesellschaft wichtigster Auftrag der proletarischen Frauenbewegung.

Die Wirtschaftskrise von 1929 traf Frauen besonders hart. Viele wurden arbeitslos und mussten sich prostitutieren. Arbeitslosenunterstützung gab es nur für die wenigsten, der Stadt verlangte, dass die Frauen einen Ehemann fanden, der sie finanziell absicherte. Massenarbeitslosigkeit, Hunger und Verlendung waren die Folge. Die KPD führte ein Volksbegehren gegen den § 218 an, da jedes Jahr rund 50.000 Frauen an den Folgen stümperhafter Abtreibungen starben, leider blieb dieses Begehren, auch dank der Intervention der katholischen Kirche, erfolglos. Da es keinen Zugang zu Verhütungsmitteln gab, wurde die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche 1930 auf über eine Million in Deutschland geschätzt.

Die bürgerliche Frauenbewegung verlor an Schlagkraft. Die Gleichberechtigung der Frauen lehnten sie ab, dem Nationalsozialismus standen sie unkritisch gegenüber. 1933 löste sich der BdF auf und der “Deutsche Frauenorden” stellte eine frühe NS-Nachfolgeorganisation dar. Nicht nur das Judentum, auch die Frauenbewegung wurden vom Deutschen Frauenorden für die Krise verantwortlich gemacht, das Frauenbild wurde aktiv auf die Mutterschaft reduziert.

Widerstand und Anpassung in der NS-Zeit

Die Nazis erklärten die Berufstätigkeit der Frau für widernatürlich. Eine gute Frau war, wer viele Kinder hatte und die streng im nationalistischen Geiste erzog. Polemisch mag man feststellen, dass Frauen vor allem dazu dar waren, Schergen und Kanonenfutter für Hitlers Holocaust und den Krieg zu produzieren.  Frauen kam die bereits früh von Hitler skizzierte Aufgabe zu, die “arische Rasse” mit gesunden und “arischen” Kindern zu erhalten. Ab 1933 durften Frauen, die als “erbkrank” oder “asozial” galten, zwangssterilisiert werden. Massenhaft wurden Frauen aus dem Beamtendienst entlassen, verheiratete Frauen durften nicht länger berufstätig sein, die Ehe galt als Versorgungsmodell. Nur noch zehn Prozent aller Studierenden durften weiblich sein.

Mit Kriegsausbruch wurden Frauen auf einmal wieder als Arbeitskräfte gebraucht und entsprechend ausgebeutet. Viele Frauen engagierten sich im Widerstand – so zum Beispiel Sophie Scholl. Die proletarische Frauenbewegung zeigte Widerstand, ebenso wie christlich organisierte Frauenverbände, die sich mit ihrem Engagement Folter und Tod aussetzte. Ab 1933 gab es die ersten “Frauenkonzentrationslager”. In der “Roten Hilfe” organisierten Frauen Unterstützung für KZ-Häftlinge und deren Familien. In KZ wurden Frauen in Lagerbordellen missbraucht. Experimente wurden an ihnen durchgeführt, ihre Kinder wurden ihnen weggenommen und sie wurden als Schwangere misshandelt. Als der Krieg ausbrach, wurden Millionen Frauen Opfer sexueller Übergriffe, die ein Merkmal aller Armeen dieses Krieges waren. Die Vergewaltigungen durch russische Besatzer während der letzten Kriegstage war nur das letzte Kapitel dieser massiven und institutionalisierten sexuellen Gewalt an Frauen durch Militärs.

Die Nachkriegszeit – Wiederaufbau statt Gleichberechtigung

Der Krieg hatte zahlreiche Opfer gefordert. Im zerbombten Nachkriegsdeutschland lebten sieben Millionen mehr Frauen als Männer. Hunger breitete sich aus, die öffentliche Ordnung war zusammengebrochen. Es waren Frauen, die den Löwenanteil des Wiederaufbaus leisteten. Als die Männer aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrten, wurden die Frauen aus der Berufstätigkeit und der Versorgerrolle gedrängt. Als Kriegsversehrte bekamen die Männer viel Aufmerksamkeit, die Frauen sprachen nur selten über das, was sie im Krieg erlitten hatten. Stattdessen zogen sie sich in das Private zurück, Heim und Herd wurden zu den neuen Leitlinien des Frauseins erklärt. Als das Grundgesetz verfasst wurde, war die CDU strikt gegen die Gleichberechtigung der Frauen, ein entsprechender Paragraf wurden gegen großen Widerstand erst 1949 erlassen. Dennoch wurden Frauen durch eine ganze Zahl von Gesetzen benachteiligt. Ohne Erlaubnis ihres Mannes durften sie nicht arbeiten oder ein Konto eröffnen. Nur zaghaft fanden sich neue Frauenrechtsbewegungen zusammen, so der Demokratischen Frauenbund. Auch in der Friedensbewegung engagierten sich viele gegen eine Wiederaufrüstung und für den Frieden. Die Angst vor einem neuen Krieg, vor einer Rückkehr des Faschismus war groß und gerade hier brachten sich viele Frauen ein.

Die Neue Frauenbewegung

Die 1960er Jahre brachten den Wind für größere Veränderungen. Der Zugang zur Pille wurde zunächst als große Befreiung für die Frauen propagiert, tatsächlich aber wurde so nur das Reservoir sexuell verfügbarer Frauen für die Männer erhöht, denn an den moralischen Einschränkungen für Frauen änderte sich wenig. Als sich die Studentenbewegung formatierte, schlossen sich ihr viele Frauen an – nur um dann desillusioniert festzustellen, dass ihre Mitkämpfer und Genossen an sexistischen und patriarchalen Sichtweisen festhielten. Redebeiträge von Frauen? Kinderbetreuung? Kritik an Sexismus? Fehlanzeige. Aus Wut über dieses Verhalten gründete sich im Januar 1968 in West-Berlin der “Aktionsrat zur Befreiung der Frau”. Bald gründeten sich an vielen Universitäten Weiberräte. “Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen” wurde zum Schlachtruf.  Im September 1968 bewarf Heike Sander bei einer Veranstaltung des SDS in Frankfurt vor laufenden Kameras die männlichen SDS-Redner ob ihrer sexistischen Ignoranz mit Tomaten. Dieses Ereignis war der Anlass für die Gründung des Frankfurter Weiberrates, der mit dem folgenden Plakat einer nackten Frau, über der die abgeschnittenen Penisse der männlichen SDS Avantgarde namentlich aufgeführt wurden, für Furore sorgte:

frankfurterweiberrat_FLUGBLATT1968_komplett

Quelle: http://mikiwiki.org/wiki/Frankfurter_Weiberrat

Frauenläden und Frauengesprächsgruppen wurden gegründet. Frauen schufen exklusive Frauenräume, in denen sie im Sinne einer Bewusstwerdung ihre gesellschaftliche Rolle als Frau kollektiv und individuell reflektierten, sich über gemachte Erfahrungen austauschten und Forderungen formulierten. In diesem Umfeld entstand die Patriarchatskritik und die Bereitschaft zu radikalem Widerstand und die autonome Frauenbewegung. Simone de Beauvoir wurde zum ersten Klassiker dieser neuen Frauenbewegung, aus den USA kamen viele wichtige Texte zur Befreiung der Frauen. Frau solidarisierte sich – weltweit. Das Private wurde politisch. Ab 1968 kam es zu einem tiefgreifenden “Frauenaufbruch”, der die Weichen der Frauenbewegung für die nächsten Jahrzehnte stellte. Sie protestierten gegen den Paragraf 218 mit so spektakulären Aktionen wie “Ich habe abgetrieben”. Den Paragraf wurden sie nicht los, doch sie erreichten mit der Fristen- und Beratungsregel zumindest die Möglichkeit für eine straffreie Abtreibung – wiederum nur gegen den massiven Widerstand aus den Reihe der CDU. Diese wollte, dass jede Frau, die eine Abtreibung vornahm, Strafverfolgung ausgesetzt war und reichten sogar eine Verfassungsklage ein. Mein Bauch gehört mir? Von wegen! In der DDR gab es kein Äquivalent zum Paragraf 218 – bei der Wiedervereinigung 1990 versuchten die ostdeutschen Frauen, die Übernahme zu verhindern – ohne Erfolg. Der Paragraf aus dem vorletzten Jahrhundert, noch unter Kaiser und Bismarck in das Leben berufen, gilt bis heute.

Frauenhäuser wurden eingerichtet und Gewalt in der Ehe sowie sexuelle Gewalt kritisiert. Das führte, langsam aber stetig zu einem gesellschaftlichen Umdenken. Erst 1997 wurde Vergewaltigung in der Ehe als Verbrechen anerkannt. So lange waren verheiratete Frauen ihren Ehemännern prinzipiell ausgeliefert. Die autonomoe Frauenbewegung zeigte sich unabhängig von staatlicher Förderung, von Hierarchien und Förderung und bewältigte Unglaubliches. Frauenzentren, kritische Literatur, Cafés, Kurse und Gruppen gründeten sich und hielten die “Frauenfrage” im öffentlichen Bewusstsein. In den 1980er Jahren trugen diese Bemühungen Früchte. Frauenförderung wurde für Unternehmen und Staat immer wichtiger, Frauen erkämpften sich gesellschaftliche Rechte und Anerkennung, sie kritisierten Pornografie und Prostitution. Sie wollten echte Freiheit von gesellschaftlichen Geschlechterrollen.

Auf einmal war alles Gender

Die 1990er Jahre veränderten die feministische Landschaft erneut. Auf einmal ging es nicht mehr um Frauen, sondern um Gender – dank Judith Butlers “Gender Trouble”. Geschlechterrollen sind, so heißt es, nur gesellschaftlich geprägt. Dem alten, radikalen Feminismus wurde eine Absage erteilt. Stattdessen galt jetzt, dass jeder eine Frau war, der sich auch so fühlte. Frauenspezifische Erfahrungen wurden als “Genderplay” relativiert. Die 1990er Jahre können, und es ist kein Zufall, dass das genau mit der Entstehung des liberalen oder sexpositiven Feminismus zusammenfällt, als Jahrzehnt des Backlashs gegen Frauenrechte betrachtet werden. Es formierte sich eine breite, antifeministische Bewegung. Feministinnen wurden diskriminiert, als Lesben oder hässlich beschrieben. Dieser Art der Diskriminierung wurde als Teil der “Meinungsfreiheit” breiter Raum gegeben. Porno und Prostitution waren auf einmal “in”, denn sie waren Teil einer sexuellen Freiheit, die auch die neuen Feministinnen guthießen. Radikaler Feminismus sei sexfeindlich, hieß es und dabei wurde ignoriert, dass mannfokussierter Sex für eine Frau sicher keine Befreiung darstellen konnte. Die Debatte zwischen liberalem und radikalem Feminismus prägen das Gesicht des Feminismus bis heute, der sich vor allem im Netz abspielt. Viele Frauen gingen den antifeministischen Kampagnen auf den Leim. “Ihr seid doch längst gleichberechtigt” heißt es und gerade junge, unabhängige Frauen erklären, sie wurden nicht benachteiligt. Dabei zeigt das Patriarchat im Jahr 2015 seine hässliche Fratze in aller Deutlichkeit. Gewaltpornografie wird als legitime sexuelle Bereicherung betrachtet, auch wenn überdeutlich und für jeden erkennbar die Frauen dort misshandelt und ausgebeutet werden. “Freiheit” ist das große Stichwort, das auch die Prostitutionsdebatte dominiert, die Freiheit, sich sexuell ausbeuten zu lassen, ist so ziemlich das Höchste, was eine Frau heutzutage vorweisen kann, neben den Mitteln, sich in der Kosmetik- und Modebranche dumm und dämlich zu kaufen. Abtreibung ist noch immer strafbar, Vergewaltigung jedoch nur in Ausnahmefällen.  Gründe, auf die Straße zu gehen, gibt es also auch heute noch, mehr als 150 Jahre nach dem Beginn der Frauenbewegung in Deutschland, genug.

Tipp zum Weiterlesen:
Hervé, Florence (Hrsg.): Geschichte der Deutschen Frauenbewegung. 7. Auflage, Papyrossa Verlag (2001)

 

1 Kommentare

  1. Toller und informativer Beitrag! Paragraph218 ist schlecht, hier in Irland geht’s leider noch schlimmer.

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