Die gestohlenen Schwestern

Highway of Tears

By Izithombe (Flickr: Highway of Tears) [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons

Es klingt wie ein Albtraum: Tausende Frauen verschwinden in den letzten Jahren – und die Regierung ignoriert es einfach. Doch genau das passiert indigenen Frauen in Kanada und in den USA. Obwohl indigene Frauen nur 3 Prozent der gesamten weiblichen Bevölkerung Kanadas ausmachen, ist ihr Anteil an den ermordeten Frauen in den letzten Jahren stetig gestiegen: von 9 Prozent in 1980 auf 18 Prozent in 2011 und 23 Prozent in 2012. In den letzten 30 Jahren sind 1881 Frauen verschwunden, viele von ihnen wurden ermordet, bei anderen ist ihr Schicksal ungewiss.

Aktuell ist eine neue, von unabhängigen Aktivisten und Forschern ins Leben gerufene Datenbank an den Start gegangen: “It starts with us – Missing and Murdered Indigenous Women”. Sie ist nicht die erste Datenbank dieser Art. “Sisters in Spirit” war die erste Datenbank in Kanada, die die Fälle erfasste.

Erst im Februar hatte The Native Women’s Association of Canada (NWAC) mehr als 20.000 Unterschriften gesammelt, um die kanadische Regierung dazu zu bringen. Am 13. Februar verschwand die schwangere Loretta Saunders, eine Inuk, die später tot aufgefunden wurde. Trotz der erschreckenden Zahlen und des wachsenden öffentlichen Drucks lehnte die konservative kanadische Regierung eine nationale Untersuchung der Vorfälle ab. Es gibt noch nicht einmal eine nationale Datenbank, die alle Fälle erfasst – diese Arbeit wird allein von unabhängigen AktivistInnen gemacht. Die Online-Petition der NWAC kann hier [Update: Petition nicht mehr online, Text noch im Internet Archive verfügbar] unterzeichnet werden.

Die NWAC untersuchte 582 Fälle genauer. Dabei zeigte sich, dass 67 Prozent der verschwundenen Frauen ermordet wurden, 55 Prozent von ihnen waren unter 31, und 17 weitere sogar unter 18. Sie ließen 440 Kinder zurück, deren Schicksal ebenfalls ungewiss ist. Die Mehrheit der Fälle ereignete sich in Großstädten – indigene Prostituierte sind besonders betroffen. Das Risiko einer indigenen Frau, von einem Fremden ermordet zu werden, ist dreimal höher als für nicht-indigene Frauen in Kanada. Ähnliches gilt für die Gefahr einer Vergewaltigung.  Jedes Jahr im Oktober hält NWAC Mahnwachen ab, die an die verschwundenen Frauen erinnern. Auch Amnesty International kritisierte das schockierende Versagen der kanadischen Regierung bei der Suche nach den indigenen Frauen.

Aufgrund von Armut und gesellschaftlicher Diskriminierung ist Prostitution für viele indigene Frauen der einzige Ausweg – und genau das setzt sie der Gefahr gewaltsamer Übergriffe und Entführungen aus. Solange die Regierung signalisiert, dass ihr das Schicksal dieser Frauen gleichgültig ist, kommen die Täter in den meisten Fällen davon, die Aufklärungsrate ist lächerlich gering.  Sie liegt bei knapp über 50 Prozent – der nationale Durchschnitt ist 80 Prozent. Genau das ist der Grund, warum viele der AktivistInnen – wie zum Beispiel “No more Silence” – die einzige Möglichkeit darin sehen, dass indigene Communities die Aufklärung selbst übernehmen und sich unabhängig machen von der Regierung.

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