Die Lüge der sexuellen Befreiung

Toronto Slutwalk

By Anton Bielousov (Own work: Slutwalk (Toronto, ON)) [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons

Immer wieder werden wir in der öffentlichen Diskussion mit der angeblichen sexuellen Freiheit der Frau konfrontiert. „Ich bin sexuell selbstbestimmt“, heißt es dann. „Ihr habt die gleichen Rechte wie die Männer.“ Das wird konterkariert durch Vodafone-Werbespots, in denen ein Mann einer Reihe von Frauen auf den Hintern klopft oder Mädchen, die auf einem Festival zwei Männer oral sexuell befriedigen, dabei keinerlei sexuellen Gegengewinn haben, im Internet als Schlampen und Nutten denunziert werden. Was also ist los? Sind Frauen nun frei, sexuell befreit, gleichberechtigt mit den Männern? Ständig ist doch von “sexueller Selbstbestimmung” und “Freiheit” die Rede? Wie ist es um diese Freiheit, um diese Selbstbestimmung bestellt?

Tatsächlich zeigt die gesamte Geschichte der Frauenbefreiung, wie jedes Stück der zugestandenen Rechte zugleich zu einem neuen Instrument ihrer Unterdrückung gemacht wurde. Die erste Frauenbewegung kämpfte um das Recht, arbeiten zu dürfen und am Ende vor allem um das Wahlrecht. Diese gemeinsamen Ziele schweißten die Frauenrechtlerinnen zusammen. Als sie erreicht waren, zerbrach die Frauenbewegung und es setzte eine Ära einer Pseudo-Freiheit ein, die besonders Männer dafür zu nutzen wussten, sich an dieser angeblichen „Freiheit“ der Frauen vor allem sexuell und ökonomisch zu bereichern. Shulamith Firestone erzählt es uns:


Nach dem Ende der feministischen Bewegung, als die Frauen das Wahlrecht erhalten hatten, kam die Ära der Charleston-Mädchen mit dem Bubikopf, eine Ära, die zu der pseudobefreiten Sexualität unserer Zeit sehr ähnlich war. Die weit verbreitete Rebellion der Frauen, die durch die feministische Bewegung in Gang gesetzt worden war, hatte die einheitliche Stoßrichtung verloren. Die Mädchen, die mit ihren kurzen Haaren und Röcken aufs College gingen, konnten ihre Frustration nicht mehr in ein politisches Ziel umsetzen. [1]

Shulamith Firestone führt dazu weiter Herbert Marcuse an:

Das Konzept der repressiven Entsublimierung beinhaltet den Ausdruck von Sexualität in Modi und Formen, die die erotische Energie reduzieren und schwächen. Bei diesem Prozess bereitet sich Sexualität auf vorher tabuisierte Bereiche und Beziehungen aus. Anstatt jedoch diese Bereiche und Beziehungen nach dem Bild des Lustprinzips neu zu schaffen, setzt sich die gegensätzliche Tendenz durch: Das Realitätsprinzip erweitert seinen Anspruch auf den Eros. Die klarste Illustration dafür zeigt sich in der methodischen Einführung von Sex in Geschäftsleben, Politik, Propaganda usw. [2]

Dies schrieb Marcuse 1967. Er hätte sich wohl nicht ausmalen können, wie sexualisiert Werbung, unser gesamter Alltag heute ist, während zugleich die Prüderie in jeder Beziehung hochgehalten wird. Porno überall, während Mädchen Schlampen sind, wenn sie öffentlich Oralsex haben. Aktiven natürlich, wie sich das für das Patriarchat gehört.

Frauen durften nun also studieren. Sie durften rauchen, Affären haben, eine Menge Dinge tun, die ihren Müttern verwehrt geblieben waren. Doch was war diese Freiheit in Wirklichkeit?

Häufig lag der einzige Unterschied zwischen der modernen Hausfrau mit College-Bildung und der traditionellen Muster-Hausfrau früherer Zeiten nur in dem Jargon, mit dem sie ihre eheliche Hölle beschreiben konnte. [3]

Ich bin mir sicher, Betty Friedan hatte ihre Freude an diesem Satz.

Die Frauen waren also nun befreit, Sex vor der Ehe, Pille und so weiter. Aber war es deshalb besser für sie? Shulamith Firestone klärt uns auf:

Aber das ganze Gerede von der sexuellen Revolution erwies sich als sehr wertvoll für die Männer, wenn es auch keine Verbesserung für die Frau brachte. Die Frauen wurden davon überzeugt, dass die üblichen weiblichen Spiele und Forderungen grauenhaft, unfair, prüde, altmodisch, puritanisch und selbstzerstörerisch sind. Dadurch wurde ein neues Reservoir verfügbarer Frauen geschaffen und der magere Nachschub für die sexuelle Ausbeutung vergrößert, weil die Frauen sogar des geringeren Schutzes, den sie sich so mühsam erworben hatten, beraubt wurden.

Die Frauen wagten heute nicht, die alten Forderungen zu stellen, aus Angst, dass ihnen dann ein ganz neues Vokabular, das nur zu diesem Zweck erfunden wurde, entgegengeschleudert wird: „verklemmte Ziege, Pißnelke, knitterfest, zugenäht, schlechter Trip.“ Das Idealbild dagegen ist das „scharfe Klasseweib.“

Wie, du findest Pornos doof?

Wie ist uns das alles heute doch vertraut. Radikale Feministinnen sind „sexfeindlich“, wenn sie kritisieren, dass im Porno Frauen bis zur Bewusstlosigkeit oral penetriert werden, „verklemmt“ ist man, wenn man nicht am Valentinstag den „Schniblo“, das Schnitzel samt Blowjob präsentiert.
Frauen sind sexuell verfügbar, immer überall, sie werden auf die eigene erotische Verfügbarkeit trainiert, es wird ihnen von klein an, dank Formaten wie Germany’s Next Topmodel und Deutschland sucht den Superstar beigebracht, dass das wichtigste Attribut, das sie besitzen können, die Art ist, wie männliches Gefallen zu erregen sei. Sexuelles Gefallen.
Das war bereits in den 1970er Jahren vorherzusehen:

Die permanente erotische Reizung der männlichen Sexualität verbunden mit dem Verbot der Freisetzung über normalste Kanäle ist nur dazu da, die Männer zu ermuntern, Frauen lediglich als Objekte zu betrachten, deren Widerstand gegen ein Eindringen gebrochen werden muss. Diese Erotik läuft nämlich nur in eine Richtung. In unserer Gesellschaft sind Frauen die einzigen „Liebes“-Objekte. Und zwar so sehr, dass sogar die Frauen sich selbst als erotisch empfinden. Direktes sexuelles Vergnügen soll nur dem Mann vorbehalten sein, die Abhängigkeit der Frau wird dadurch verstärkt. Frauen können eine sexuelle Erfüllung ausschließliche über eine sexuelle Identifikation mit dem Mann finden, der sich ihrer bedient. Die Erotik zementiert also die geschlechtsspezifische Klassengesellschaft. [4]

Tatsächlich ist es ein ausgefeiltes System. Wer wird denn nicht gerne „Mäuschen“ genannt? Die richtige Antwort ist: „Habe ich große Ohren oder einen langen Schwanz? Piepse ich?“ Wer sich aber gegen solche „Komplimente“ wehrt, der kann sich auf etwas gefasst machen. Nicht selten wird aus dem Mäuschen nämlich dann die „dumme Fotze“ oder „blöde Hure“. Das ist der Status, den wir Frauen in dieser Gesellschaft haben. Und das ist sexuelle Freiheit? Welche Droge genau mischen sie uns ins Trinkwasser, welche Impfung verpassen sie uns Frauen, dass wir immer noch bereit sind, das zu glauben? Das Schönheitsideal, das uns vorgelebt wird, ja, das mit brutaler Gewalt von klein an in unsere Schädel gehämmert wird, hat System:

Die sexuelle Privatisierung stereotypisiert die Männer und ermutigt die Männer, Frauen nur als „Puppen“ zu betrachten, die sich nur durch oberflächliche Eigenschaften voneinander unterscheiden – also nicht von derselben Art sind wie sie selbst, und macht die Frauen blind für die sexuelle Ausbeutung als Klasse, was sie daran hindert, sich dagegen zusammenzuschließen. [5]

Das hat eine Funktion:

Wenn Frauen sich immer ähnlicher sehen und nur im Hinblick auf ihre Abweichung vom Illustriertenideal zu unterscheiden sind, können sie sehr viel einfacher als Klasse stereotypisiert werden, sie sehen alle gleich aus, sie denken alle gleich – und was noch viel schlimmer ist: sind so dumm zu glauben, dass sie nicht alle gleich sind. [6]

Wer sich einmal in der Straßenbahn oder auf einer unserer Einkaufsstraßen umgesehen hat, dem wird auffallen, dass es mit den sogenannten Jugendkulten und ihren Erkennungsmerkmalen so gut wie vorbei ist. Alle Mädchen sehen gleich aus, sie tragen den gleichen, von rund zehn Einkaufsketten vorgegebenen Einheitslook, vollkommen austauschbar, vollkommen uniform. Puppen eben. Verfügbar. Jederzeit. Und wehe, eine hat was gegen Sex. Den Sex, den Männer gut finden.

Feministinnen müssen unablässig erklären, dass sie sexpositiv sind, wenn sie die Gewalttätigkeit im Porno, wenn sie Alltagssexismus kritisieren; sie sind es, die sich gebetsmühlenartig rechtfertigen müssen, wenn sie auf die Missstände in unserer noch immer zutiefst patriarchalen Gesellschaft hinweisen. Sie dürfen froh sein, überhaupt sprechen zu dürfen. Das ist eine Gnade, die ihnen gerade so gewährt wird. Mit welchen Mitteln da agiert wird, davon können nicht wenige von uns ein Liedchen singen. Das Patriarchat lässt seine Mechanismen der Unterdrückung nicht gern offenlegen, noch weniger gern lässt es sich gern kritisieren und auch junge Männer Anfang 20 sind bereits erfahren darin, ihr male privilege gegen alle Angriffe zu verteidigen. Im Namen der Freiheit, versteht sich. Der Freiheitsliebe.

Frauen haben den schlechteren Sex

Aber was ist nun mit dem Sex, der sexuellen Freiheit? Ewig lockt das Weib, die Hure, das Dienstmädchen, ständig verführt sie den Mann, lenkt ihn ab von seinen großartigen Taten, die Welt in den Abgrund zu führen? Nun, unsere Sexualität ist in keinster Weise frei. Sie ist noch immer von einer ganzen Vielzahl von Tabus belastet und vor allen Dingen ist sie durch das Patriarchat strukturiert. Er fickt. Sie wird gefickt. Jetzt werden wieder alle schreien, ich, die Autorin, hätte offensichtlich ein gestörtes Verhältnis zu meiner eigenen Sexualität, was nur wieder meine weiter unten folgende These bestätigt, dass alle sexuellen Probleme immer auf den Schultern der Frauen abgeladen werden und wobei ich noch einmal darauf hinweisen möchte: Frauen haben eine Klitoris, Frauen können bis zu 50 Orgasmen haben und über drei Viertel der Frauen kommen beim koitalen Verkehr mit ihren Partner nicht. Naja, und wie viele Männer über orale Fertigkeiten verfügen, darüber wollen wir jetzt keine Vermutungen anstellen. Oder führen wir den Thai-Leck-Tag ein – leckeres Thai-Essen mit anschließender oraler Befriedigung? Gleich mal eine Facebook-Veranstaltung gründen.

Ich habe es bereits an anderer Stelle geschrieben, dass die, die ein eigentliches Problem mit ihrer Sexualität haben, die Männer sind. Sie nehmen eine ganze Gesellschaft dafür in Geiselhaft. Ohne Prostitution, so drohen sie uns, vergewaltigen sie uns mehr, wenn wir sie in der Beziehung nicht regelmäßig ranlassen, dann wächst die Gefahr, dass sie fremdgehen und überhaupt, immer sind die Frauen an den sexuellen Problemen der Männer schuld, ohne, dass überhaupt mal darüber geredet wird, welchen Sex denn die Frauen gerne hätten. Nein. Wir drehen das lieber um. Wir tun lieber so, als würde uns der Blödsinn, den sich so manche Männer ausdenken, auch noch Spaß machen.

Es gehört zu den Eigenheiten ebensolcher Männer, die „Schuld“ bzw. das vermeintliche Schuldgefühl und die damit verbundene Scham im Zusammenhang mit Sex auf den Schultern der Frauen abzuladen, sie ist das Wesen, das nur aus Lüsternheit und verstandesloser Gier besteht.

Außerdem wird das große Maß an Schuldgefühl, das das Patriarchat der Sexualität beimisst, in überwiegendem Maß auf die Frau abgeladen, die, vom kulturellen Standpunkt aus, in jeder sexuellen Verbindung als schuldiger Teil oder doch als der schuldigere von beiden gesehen wird. Die Tendenz, aus der Frau ein Ding zu machen, lässt sie öfter als sexuelles Objekt denn als Mensch erscheinen. [7]

Genau das spielen uns Pornos jeden Tag in millionenfacher Ausführung vor, genau das zeigen die Statistiken zu Vergewaltigungen und sexueller Belästigung. Ihr wollt es doch so, dass ist es, was ihr braucht. Von dem, was Frauen wirklich brauchen, wie sie wirklich befriedigt werden, davon hat eine erschreckend geringe Anzahl von Männern eine Ahnung. Das ist der Grund, warum sie Prostituierte aufsuchen müssen oder auf Pornos onanieren, in denen Frauen erniedrigt werden, weil sie da diese irgendwo in ihrem Hinterkopf sitzenden Versagensängste nicht haben müssen.

Eure „Freiheit“ ist unsere Befriedigung

Nun halten es viele junge Männer heutzutage für einen Teil der sexuellen Befreiung einer Frau, wenn diese mit so vielen Männern sexuellen Verkehr haben kann, wie sie will. Das klingt ja auch erstmal ganz wundervoll. Ich stelle mir eine Szene vor, eine Frau liegt inmitten sich windender Männerkörper, die sie oral und auf alle möglichen Weisen verwöhnen. Die Wahrheit, und das wissen wir, sieht anders aus. In Wirklichkeit meinen diese jungen Männer nämlich, dass junge Mädchen sich möglichst frei dabei fühlen sollten, ihnen einen nach dem anderen einen zu blasen oder an einer Gang-Bang Party teilzunehmen, wonach sie sich beschmutzt und verwirrt fühlen und in der Schule am nächsten Tag von allen als „Schlampe“ beschimpft werden wird. Das ist die sexuelle Freiheit, die da gemeint ist. Gerne, meine Herren, möchte ich ihnen jedoch mit ein paar Details antworten:

Es sei zudem darauf hingewiesen, dass die Klitoris das einzige menschliche Organ ist, das ausschließlich für den Sexualakt und die Lustgefühle bestimmt ist. Der Penis hat auch andere Aufgaben wie Ausscheidung und Zeugung. [8]

Und es wird noch besser: Eine Frau kann bis zu 50 oder mehr Orgasmen bekommen. Hintereinander. Immer wieder. Und wisst ihr, wie viele Frauen Orgasmen beim Sex mit ihrem Partner haben? Noch nicht einmal ein Viertel. Der Sex, den ihr da wollt, der macht den Mädchen keinen Spaß – aber das interessiert euch nicht, denn im Porno macht er es den Frauen ja auch nicht. Frauen sind keine Menschen, sie sind nur Objekte, nur Löcher, also wen interessiert, was sie wollen, Hauptsache, sie lassen sich nageln. So sieht also die sexuelle Befreiung aus? Eure Bedürfnisse befriedigen? Sich objektifizieren lassen und das als große Freiheit verkaufen, ohne daraus irgendeinen Lustgewinn zu ziehen, sondern stattdessen auch noch als „Schlampe“ beschimpft zu werden?

Oh, und es wird noch besser. Wer heute sexuell selbstbestimmt ist, der wird Prostituierte. Denn damit wischt sie dem Patriarchat und dem Kapitalismus so richtig eins aus. Sie fickt für Geld. Cleverer kann man es doch gar nicht machen, die Deppen für Geld über einen drüber steigen lassen. Doch so funktioniert das Patriarchat nicht. Für das Patriarchat sind alle Frauen potenziell verfügbare Sexualobjekte. Einige nehmen sie sich mit Gewalt, andere mit Geld, andere einfach per Abhängigkeit von Status und für den Rest hat man sich den Schmu der Romantik ausgedacht, von dem wir von morgens bis abends berieselt werden. Sehnsuchtsvolle Liebeslieder, Filme, die das Herz zerreißen, die Suche nach dem Einen, dem Richtigen, und bis wir den finden, können wir à la Sex and the City einfach mit jedem Kerl ins Bett steigen, der da so daher kommt, damit wir wenigstens was haben, worüber wir mit unseren Freundinnen reden können. Welthunger? Syrienkrieg? Das sind doch keine Frauenthemen. Dann doch lieber an einem Blowjobkurs im Puff teilnehmen.

Das ist die sexuelle Freiheit, in der wir leben, die sexuelle Freiheit der Männer, die auf die Befriedigung und die Wünsche der Frauen keinen Pfifferling gibt, die sich nicht dafür interessiert, was Frauen wollen, wonach sie sich sehnen, ob sie gern als Fickobjekte betrachtet werden – und ja, jetzt gibt es wieder die ganz Schlauen, die mir erklären, dass es Teil ihrer Freiheit ist, gerne als Fickobjekt betrachtet zu werden. In allererster Linie hat euch das Patriarchat das Hirn gefickt.

[1] Firestone, Shulamith: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, 1975, S. 62
[2] Marcuse, Herbert: Triebstruktur und Gesellschaft, 1967, zitiert nach Firestone, Shulamith: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, 1975, S. 63
[3] Firestone, Shulamith: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, 1975, S. 69
[4] Firestone, Shulamith: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, S. 139-140
[5] Firestone, Shulamith: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, S. 142
[6] Firestone, Shulamith: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, S. 144
[7] Millet, Kate: Sexus und Herrschaft, 79
[8] Millet, Kate: Sexus und Herrschaft, S. 160