Die Lügen meines Vaters oder: Freiheit ist ein Inside-Job


Es ist ein bisschen aus der Mode gekommen, Existenzialistin zu sein. Das liegt vermutlich daran, dass wir heute ein gewaltiges Angebot vorgefertigter Rollen haben, zwischen denen wir wählen können, ohne zu erkennen, dass aus Unterdrückung nicht Freiheit wird, sobald wir nur zwischen verschiedenen Formen der Unterdrückung wählen können.

Simone de Beauvoir schrieb nicht zufällig eines der grundlegenden Bücher der Frauenbewegung. Sie und Jean-Paul Sartre lebten ihre persönliche Freiheit auch in ihrer Beziehung zueinander, die im Nachhinein immer wieder Interpretationen unterworfen wurde, die deren Erfolg nicht am Grad der persönlichen Freiheit und des Glücks maßen, sondern sie in ihre Denkmuster einzupassen suchten. Mal war Simone de Beauvoir unzufrieden und eifersüchtig, mal hatte Sartre einen Minderwertigkeitskomplex wegen seines Aussehens und deshalb so viele Affären. Die beiden lachen wahrscheinlich bis heute darüber, dass ihre Freiheit noch in nachfolgenden Generationen nicht als Wert an sich betrachtet wird, sondern ihre fehlende Anpassung an soziale Normen als mangelnde Anpassungsleistung und damit defizitäre Persönlichkeitsleistung betrachtet wird. Dabei wird der rhetorische Fehler begangen, im Vorfeld vorauszusetzen, dass Anpassung etwas war, das die beiden jemals als sinnig und nützlich betrachtet hätten.

Revolution ist, wenn man trotzdem lacht

Sowohl Sartre als auch Beauvoir erkannten, dass man die Zusammenhänge, in denen man geboren wird, ob familiär oder gesellschaftlich, nicht ändern kann. Doch anders als viele Soziologen sahen sie diese Verhältnisse nicht als unveränderbar prägend oder auch nur als dominanten Einfluss auf den Lebensweg eines Menschen an. Jeder Mensch hat das philosophische Recht, jederzeit nach dem Leben und der Persönlichkeit zu streben, die er für sich als richtig erachtet. Er hat ein Recht, seine Existenz so zu nutzen, wie er es möchte und niemand, kein Staat, keine Eltern, keine Moral und keine Ideologie hat das Recht, ihn daran zu hindern. Alles, was dieses Recht auf die Gestaltung der eigenen Existenz einschränkt, kann niemals dem Frieden oder Freiheit dienen, da ist der Existenzialismus radikal. Doch der Existenzialismus sagt auch: Nur weil wir im Außen unfrei sind und das kritisieren, dürfen wir nicht aufhören, alle Erfahrungen zu sammeln, alles Wissen zu erfahren, und alle Dinge zu leben, die wir als für unsere Existenz als notwendig erachten. Wir müssen unsere philosophische Reise zu uns selbst antreten, damit aus der äußeren Unfreiheit keine innere Selbstunterwerfung wird. Wir allein sind es für uns selbst, die unserer Existenz einen Sinn geben, und wenn wir das nicht tun, kommen wir irgendwann an einen Punkt, in dem wir in unserem Leben keinen Sinn mehr sehen, egal, wie erfolgreich es im Außen ist. Gelingt uns diese Sinnstiftung aber, und zwar immer wieder, dann überstehen wir selbst schreckliche Erfahrungen relativ unbeschadet, wie etwa die Beobachtungen Antonovsky an Holocaust-Überlebenden zeigten, aus denen er Begriffe wie »Resilienz« und das Modell der Salutogenese ableitete. Revolution ist eben, wenn man trotzdem lacht.

Das Streben nach Glück macht frei

Nun muss man nicht unbedingt Sartre gelesen zu haben, um innere Freiheit zu erreichen. Die Persönlichkeit mancher Menschen hat so starke Triebkräfte, dass ihnen niemals einfallen würde, diese einzuschränken. So zu sein wie alle anderen, ist für sie nicht erstrebenswert, denn sie haben ein unerschütterliches Vertrauen in sich selbst. In meinem Umfeld gibt es zwei solcher Menschen, meinen Sohn und meine Schwiegermutter und das ist kein Zufall. Mein Sohn konnte ohne die Unterdrückungserfahrung korrumpierter väterlicher Autorität aufwachsen und ist deshalb für die Zuschreibungen von außen immun, so immun, dass ich daran jedes Mal verzweifle, wenn ich von ihm Anpassung »zu seinem eigenen Besten« einfordere. »Dir ist wichtiger, was die Leute denken, als dass ich glücklich bin«, sagte er einmal zu mir und erinnerte mich zugleich daran, dass ich nicht nur übergriffig handelte, sondern auch entgegen meiner eigenen Wahrheit. Männer, die Probleme mit ihrer Männlichkeit haben, reagieren auf meinen Sohn immer mit dem Wunsch, ihn autoritär zu unterdrücken, selbst, wenn sie ihn nur fünf Minuten lang kennen. Unnötig zu sagen, dass ihn das wenig beeindruckt, und er dahinter die angst- und komplexgesteuerten Motive erkennt, die eine solche Reaktion bedingen.

Meine Schwiegermutter wiederum ist der stärkste und glücklichste Mensch, den ich kenne. Sie hat schon sehr früh entschieden, dass ihr Glück nicht im Außen liegt, sondern im Inneren und auch wenn sie bisweilen etwas ungeduldig wird, wenn die Menschen, die sie liebt, nicht so schnell erkennen, was für sie richtig ist und sich vom Außen steuern lassen, so betrachtet sie das Glück eines jeden als zusätzliche Bereicherung ihres eigenen. Ihr Sohn ist der erste Mann, mit dem für mich eine tiefere Partnerschaft, die auch meine Kinder einschloss, Sinn machte, denn er kann meinem Sohn eben jenen positiven Männlichkeitsbezug vermitteln, den er braucht, und zwar unabhängig von mir. Die Freude darüber ließ mich vergessen, dass nach allen Gesetzen der bürgerlichen Moral mir ein neues familiäres Glück nicht zugestanden wurde. Neu deshalb, weil die erste Familie meiner Kinder aus mir und meiner Mutter bestand. Mir gab das die Freiheit, all das auszuprobieren oder zu erreichen, was ich jenseits des Kinderkriegens für wichtig hielt und es gab lange keinen Grund, daran etwas zu ändern, bis meine Mutter von ihren frühesten Verletzungen als Frau eingeholt wurde und nicht den Mut hatte, sie zu bearbeiten.

Deine Freiheit bedroht meine Lügen

Diese Entscheidung musste ich akzeptieren und den Weg ohne sie weitergehen, bis zu dem Tag, an dem ich meinen Mann traf. Dass die weniger reflektierten Teile meiner Familie darin endlich den Hinweis sahen, dass zu ihrer großen Erleichterung doch noch »normal« wurde, nahm ich mit Humor. Wenn es sie glücklich machte, was in meinem Leben geschah, wenn auch aus den falschen Gründen, dann war das in Ordnung. Womit ich nicht rechnete, war, dass meine Familiengründung als direkter Angriff auf jene Lügengebäude betrachtet wurde, auf denen pathologische Familiensysteme im Patriarchat eben so basieren. Revolution ist, wenn man trotzdem lacht – wer anders ist, hat zumindest unglücklich zu sein, oder Scham zu empfinden, so lautet die Verdammungsregel der bürgerlichen Gesellschaft, auf keinen Fall aber darf er die bürgerlichen Institutionen, in meinem Fall die Ehe, nutzen und sie in etwas verwandeln, das seinem inneren Streben, seiner eigenen Transzendenz entspricht. Mir war nicht klar, dass der Umstand, dass ich heiratete, die normierenden Kräfte meiner Familie auf den Plan rufen würde, die eine bürgerliche Einordnung meiner Heirat vornahmen. Anders gesagt: Meine Hochzeit ging auch sie etwas an.

Das Patriarchat schickt seine Schergen

Sie taten es in Form der Frau meines Vaters. Er schickte sie vor, weil er das Aufeinandertreffen mit meinem neuen Mann fürchtete. Sie ist nur sechs Jahre älter als ich und in einer Stepford-Wives-mäßigen Weise angepasst, dass es manchmal in eine Karikatur abgleitet, sowohl, was ihre Rolle als Frau, als auch in der Gesellschaft angeht. Selbstständiges Denken hat sie nie gelernt, auf Konflikte reagiert sie mit haltlosem Weinen, nie mit Argumenten. Obwohl mir das immer klar war, hielt ich es nie für nötig, darüber nachzudenken, was der Umstand, dass mein Vater sich so eine Frau gewählt hatte und zwar exakt zu dem Zeitpunkt in seinem Leben, als ich als fast Erwachsene auf ihn traf, mit mir zu tun haben könnte. Sein Leben hatte für mich kaum Relevanz und aus Gutmütigkeit sah ich darüber hinweg, wie seine Frau mein Leben beurteilte, immerhin war ich erwachsen und mein Glück nicht davon abhängig, was sie dachte. Dass sowohl er als auch sie meine Existenz und meine Lebensführung als beständigen Affront sahen und auf mich all das projizierten, was sie in ihrem eigenen Leben verleugneten, hatte ich übersehen und deshalb verzichtet, bewusst zu analysieren, ob ich dabei mitspielen wollte oder nicht. Um ihre Inszenierung der perfekten Familie nicht zu gefährden, musste um meine Existenz ein ganzes Gebäude aus Lügen errichtet werden, das vor allem ihn von seinen Schuldgefühlen entlastete.

Meine Stepford-Stepmum kam also in mein Zuhause und begann sofort damit, zu urteilen und alles, was in Widerspruch zu ihren Vorstellungen stand, zu verurteilen. Ich ignorierte es, weil es mir zu anstrengend war, so ein dummes Verhalten durch eine Reaktion aufzuwerten und weil ich auch erkannte, dass sie irgendwie steckengeblieben war. Mit Anfang 20 lebte ich auch meine Daddy-Issues aus, in dem ich mit älteren Männern schlief, bis ich keine Lust mehr auf alte und mäßig impotente Männer mit wehleidiger Sehnsucht nach einer zweiten Jugend mehr hatte. Sie hingegen hatte so einen geheiratet und sich selbst damit die Chance genommen, jemals etwas anderes zu sein, als die junge Unschuld. Mit 42 war das keine erfüllende Rolle mehr und es gelang ihr nicht, eine andere zu finden. Das verstand ich und hatte Verständnis für sie. Sollte sie doch reden, ich hörte einfach weg.
Doch es reichte ihr nicht mehr, dass ich schwieg. Ihr Glaubenssystem der perfekten Familie und der Beziehung zu meinem Vater war für sie längst nicht mehr so belohnend, wie noch vor ein paar Jahren, der schöne Schein war verblasst. Wenn meine Liebe echt war, konnte es ihre nicht sein. Also musste meine attackiert werden.

Von »falschen« und »richtigen« Menschen

Sie stellte mir lauter Fragen dazu, weshalb wir heirateten. Am liebsten hätte sie gehört, dass ich eine klassische Versorgerehe eingehe, jetzt, wo meine Mutter nicht mehr an meiner Seite war oder von meinem neuen Partner einen leisen Hinweis darauf bekommen, dass auch er mit mir nicht ganz einverstanden war. Mit jeder Antwort, die ihr zeigte, dass wir uns tatsächlich aus Freiheit und Liebe dazu entschlossen und dass dann auch noch meine Schwiegereltern, nach bürgerlichen Maßstäben »normal«, das voll und ganz unterstützten, demaskierte mit einem Mal die ganzen Manipulationen und Lügen, auf denen ihr Leben basierte. Da saß sie, die Stepford-Frau und sah, dass ich, die unangepasste Frau, eine, die sich die Haare abrasiert und einfach tat, was sie wollte, einen Mann gefunden hatte, der mich so liebte, wie ich bin und in meiner Freiheit niemals eine Bedrohung für seine eigene gesehen sah. Sie hingegen hatte doch alles richtig gemacht, bis zur Gestaltung ihres Äußeren und dennoch nie einen Antrag, ein weißes Kleid und eine richtige Hochzeit bekommen. Mehr noch: Das Alter warf seine Schatten voraus und mit ihm die Bedeutungslosigkeit, die das Patriarchat für Frauen bereithält.


Sie reagierte mit dem ganzen Gift, das sich in so einem Leben anhäuft. Mein Mann sei zu klein und verdiene zu wenig, ich sei zu dick und viel zu streitsüchtig und wenn ich nicht noch ein Kind bekäme, würde mich mein Mann sicher verlassen, urteilte sie in atemberaubender Geschwindigkeit. Gleichzeitig begann sie, ihm die ganzen Lügen zu erzählen, die man sich in der Familie meines Vaters so erzählte, um ihn auch gleich auf diese Geschichten einzuschwören. Nun war er aber in einer Familie aufgewachsen, die authentisch kommuniziert und reagierte immer irritierter. Es gelang ihr nicht, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Ihre Laune verschlechterte sich zusehends. Es dauerte einen Tag, bis sie sich davon so weit erholt hatte, um mich anzurufen, und diese Niederlage auszugleichen versuchte. In bester spießbürgerlicher Anmaßung erklärte sie mir, dass mein Leben zwar jetzt vielleicht ok war, aber dass es so nicht bleiben würde. Er würde mich verlassen, wir würden verarmen, die Kinder zutiefst gestört werden. Und nun holte mich mein eigenes Versäumnis ein, das Verhältnis zu meinem Vater nie aufgeräumt zu haben und ihr deshalb überhaupt die Position verschafft zu haben, solche Urteile zu fällen und sich auch noch zum Sprachrohr meines Vaters zu machen. Sie bestimmten über »richtig« oder »falsch«. Ich war »falsch« und hatte deshalb auch kein Anrecht auf ein »richtiges« Leben und eine »richtige« Hochzeit, ebenso nicht wie auf einen »richtigen« Vater.

Existenzialismus war auch die Antwort auf die Erfahrungen der NS-Zeit. Die Unterordnung unter ein großes Ganzes, ohne es kritisch zu reflektieren und die mörderische Einteilung in »richtige« und »falsche« Menschen und der Entscheidung darüber, ob sie ein Recht hatten, zu existieren, wurde als die autoritäre Wurzel des Mordens freigelegt. Die Studentenbewegung erkannte später, dass diese Wurzel auch in der BRD der 1960er und 1970er Jahre nach wie vor die Gesellschaft maßgeblich prägte – und bekämpfte sie, auf der Straße und mit theoretischer Durchdringung. Die zweite Frauenbewegung entstand in diesem Geist und analyiserte, dass die Unterdrückung der Frau mit der Beseitigung dieser Verhältnisse nicht beendet sein würde. Sie nutzten die erprobten Instrumente der Dekonstruktion von patriarchaler Herrschaft und setzte dabei vor allem auch auf eine innere Befreiung durch Gesprächskreise und das Aufschreiben und Aussprechen eigener Erfahrungen und ihrer Einordnung in die Unterdrückungserfahrung, so dass sich ein feministisches Bewusstsein ausbilden konnte. Die Frauen damals ahnten, dass eine gesamtgesellschaftliche Befreiung schwer werden würde, schon deshalb, weil dieses »conscious raising« unvollständig bleiben musste.

Es blieb aber ein wichtiges Instrument des Feminismus. Welche deiner Erfahrungen machst du nur, weil du eine Frau bist? Sie haben mit deiner Persönlichkeit nichts zu tun, sondern sind eine Zuschreibung von außen. Erkenne sie und unterbinde den Einfluss, den sie auf deine Entwicklung haben. Dazu gehören Schönheitsideale, geschlechtliche Diskriminierung und andere Unterdrückungserfahrungen. Auf diese Weise wird verhindert, dass es zu einer Selbstunterwerfung kommt, und gleichzeitig ist das der Schlüssel zur freien Gestaltung der eigenen Existenz. Wenn dir egal ist, was die Gesellschaft als wünschenswertes Frauenbild vorgibt und für dessen Erfüllung verspricht, dann wirst du Schönheit weder als vorrangiges Ziel deiner Existenz formulieren noch daran zerbrechen, wenn du nach diesen Normen nicht (mehr) schön bist. Mehr noch: Die Verletzungen, die das Leben als Frau mit sich bringt, können als Ausdruck für ein defizitäres Gesellschaftssystem und nicht als persönliches Versagen erkannt werden. Sie haben auf das Maß unseres persönlichen Glücks keinen Einfluss und verlieren damit ihre Macht über uns, auch wenn wir ihnen im Außen nach wie vor ausgeliefert sind.

Die Deutung deiner Existenz gehört dir

Wenn wir nicht selbst bestimmen, wer wir sein wollen und wer wir sind, dann übernimmt das die Gesellschaft, die nicht dem Ziel der größtmöglichen persönlichen Freiheit nachstrebt, sondern nach kapitalistischer Geldvermehrung und sozialer Kontrolle. Sie nimmt unsere Existenz und ordnet sie ihren Interessen unter. Das Glücksversprechen kann sie nicht einlösen, denn individuelles Glück war nie ihr Ziel, sondern die freiwillige Mitarbeit am Projekt Kapitalismus, der die bürgerliche Gesellschaft als Garanten braucht. Wer dabei mitmacht, darf sich den Button »normal« und »moralisch gut« anheften und so noch stolz darauf sein, sich selbst zum Sklaven fremder Interessen zu machen. Die Verachtung für jene, die diesem Betrug aufsitzen und sich moralisch zum Bestimmer über die Existenzen anderer aufschwingen, während sie in Wahrheit nur dem eigenen Leben den Sinn nehmen, eint Künstler, Revoluzzer und Aussteiger. Wer gelernt hat, für sich selbst zu denken und das eigene Urteil zum Maßstab des Handelns zu machen, hat für Kants moralischen Imperativ nur noch ein müdes Lächeln übrig. Trotzdem sind sie in der Minderheit. Den meisten Menschen fehlt es schlicht an Mut, aus den Verhältnissen auszubrechen und sich innerlich zu befreien. Einen selbstbestimmten Entwurf für die eigene Existenz zu machen, erfüllt sie mit schrecklicher Angst, also greifen sie bereitwillig nach den Schablonen, die ihnen die Gesellschaft anbietet, und nehmen die so entstandene Gleichförmigkeit in der »Mitte der Gesellschaft« auch noch als Beleg dafür, dass es ihnen zusteht, nicht nur zu definieren, was »normal« ist, sondern auch noch mit plumpesten Mitteln einzufordern, dass alle anderen das auch so sehen.


Wenn die Unterordnung unter diese konstruierte Normalität aber der Sinn ihres Lebens ist und für alle Menschen funktionieren soll, dann ist es für sie ein schrecklicher Affront, wenn jemand das ablehnt und dann – oh Wunder – glücklicher und erfolgreicher ist, als sie selbst. Das ist der Grund für die Aggressivität, mit der der »Normalbürger« sich zum Vertreter der Normalität aufschwingt und andere maßregelt, sogar, wenn sie nur einen abweichenden Kleidungsstil pflegen. Sie fordern Anpassung, weil die Freiheit der anderen ihre Lebenslüge offenbart und ihrer Selbstunterwerfung den Sinn nimmt. Der Weg zu gesellschaftlichem Erfolg mag Anpassung sein, der Weg zum Glück funktioniert nur über Selbstverwirklichung.

Das Patriarchat schafft pathologische Familien

All das hatte die Stepford-Frau in meinem Zuhause gesehen und musste es nun demontieren, um nicht daran ihr eigenes Glaubenssystem zerbrechen zu lassen. Dass sie dazu zu wirklich übergriffigen Mitteln griff, ließ mich endlich hinsehen und erkennen, dass ich etwas tun musste.
Als die Wut nachließ, nutzte ich sie und begann, die Lügen, die ich sonst freundlich überhört hatte, zu widerlegen, und zwar mit Dokumenten, mit den Aussagen anderer, mit Erinnerungen, die mit anderen übereinstimmten. Als ich das getan hatte, griff ich auf die Ressourcen zurück, die mein Leben für mich bereithält. Ich rief die Coachs und Therapeuten in meinem Umfeld an und redete. War ich nun verrückt oder waren die es? Sehr bald zeichnete sich das Bild einer pathologischen Familie, von der ich geglaubt hatte, ich sei ohnehin kein Teil von ihr. In Wahrheit hatte man mir dort die Sündenbockfunktion zugewiesen, die man auch benutzte, um die gemeinsamen Kinder, vor allem die Tochter, in der Spur zu halten. »Sei nicht so emotional, du bist ja wie sie«, hieß es da. Und was mit mir geschehen war, das wusste man ja: Ausgrenzung und ein Leben ohne Mann, am Rande des Irrsinns. Der Umstand, dass ich sowohl von meinem Bildungsstandard als auch von meinem Einkommen inklusive der sonstigen Lebensleistungen jedem von ihnen überlegen war, wurde gekonnt ignoriert, denn ohne Mann konnte ich ja nicht glücklich sein, wenigstens das. Erst jetzt hörte ich auf einmal die ganzen Aussagen, die mein Vater so über Frauen getroffen hatte und erkannte, dass es sich um einen ziemlich unspektakulären Sexisten mit Angst vor Frauen handelte. Schlimmer noch: Zwar konnte er hin und wieder ein paar altlinke Phrasen murmeln, den Mumm dazu, sich irgendwo zu engagieren hatte er nie. Er benutzte sie nur, um die eigene Anpassung an bürgerliche Normen damit zu rechtfertigen, dass er ja eigentlich ein Linker war. Ein ungeouteter, sozusagen.


Ich nahm mir die Lügen vor, die meine Stepford-Stepmum unablässig erzählte und entlarvte sie, indem ich mich an das hielt, was Schwarz auf Weiß zu beweisen war, oder woran sich auch andere erinnerte. Sie saß an der Wurzel meiner Herkunft und bestimmte über meine Geschichte. Zu wissen, wo man herkommt, und welche Umstände die eigene Geburt begleiteten, ist für jeden Menschen von Bedeutung und ich entschied, dass nicht länger sie und ihr Lügensystem das Recht hatten, meine Geschichte zu korrumpieren, vor allem nicht vor meiner eigenen Familie

Das System reagierte, wie erwartet. »Eine intakte Familie kann mit Widerspruch und abweichendem Verhalten umgehen, indem sie es integriert. Eine pathologische hingegen wird mit Gewalt und Unterdrückung reagieren, die meistens darauf abzielt, den, der dem Pathologischen etwas Wahres entgegenhält, kaltzustellen. Wer die Wahrheit sagt, der wird für verrückt erklärt und ausgeschlossen. Viele werden süchtig oder bringen sich um und bestätigen damit schlimmerweise noch, was man ihnen vorher unterstellt hat«, erklärte mir mein Lieblings-Coach am Telefon. »Also, mach dich auf etwas gefasst.«


Mein Vater, der sonst keine zwei Worte mit mir reden kann, ohne panisch den Raum zu verlassen, hatte sich versichert, dass mich in seiner Familie niemand darin unterstützen würde, die ewigen Lügengeschichten zu beseitigen, bevor er mich anrief. In väterlichem Allmachtswahn erklärte er mir das Familienurteil: Ich sei verrückt. Es war wie im Lehrbuch. Er schrie und tobte und beschimpfte mich. Das hatte ich erwartet und versuchte immer wieder, ihn auf die Dinge zu lenken, die keine Interpretationsfrage waren, sondern Fakten. Das machte ihn immer wütender.

Er zog alle Register, beanspruchte in patriarchalem Allmachtswahn die Deutung über mein Leben und dann tat er mir den Gefallen und wechselte auf eine Ebene, die ich sehr gut kenne.
Er begann, mich als Frau zu attackieren. Und auf einmal waren da nur noch die billigen Angriffe, die rhetorisch sehr unversierte Trolle manchmal unter feministische Analysen posten. Fast tat er mir leid.
Wenn er mir schon kein Vater gewesen war, konnte er dann nicht wenigstens ein besserer Gegner sein? Weshalb er das nicht konnte, zeigte er mir kurz darauf und gab mir damit die Möglichkeit, ein für alle Mal den Kontakt zu ihm und seiner Familie zu beenden.

»Ich bin eben nur ein einfacher KFZ-Mechaniker«, schrie er, als ich erneut darum bat, bei den Fakten zu bleiben. »Ich bin nicht so intelligent wie du.« Und ein paar Sätze weiter faselte er etwas davon, dass mein Einfordern der Wahrheit doch »meine Intelligenz« beleidige.
Ein paar Mal, nicht sehr oft, war ich in meinem Leben Männern begegnet, die sich durch den Umstand, dass ich nach ihren Maßstäben »intelligent« war, verunsichern ließen und auf diese Verunsicherung meistens mit Abwertung und Wut reagierten. Einige wenige bekamen dann auf einmal keinen mehr hoch, andere setzten dann auf sexuelle Dominanz. Keine Frage, dass ich mit letzteren mehr Spaß hatte. Ich ahnte, zu welcher Sorte mein Vater gehörte.

Meine Geschichte gehört mir

Und da war er nun, mein Vater, und agierte auf der Ebene dieser Männer. Ich war nicht mehr wütend. Ich brauchte auch seine Anerkennung für die Fakten, die ich zusammengetragen hatte, nicht mehr. Sein pathologisches Familiensystem würde einfach noch mehr Lügen und Schweigen erzeugen, und mich aufgrund meines »Aufstandes« weiter für verrückt erklären. Alle Schuldgefühle, alle Lügen würden bei mir abgeladen, damit sie weiter funktionierten und sobald etwas in meinem Leben diesem Narrativ zu offensichtlich nicht mehr entsprach, würde man eine »Einordnung« vornehmen, so wie es die Stepford-Stepmum getan hatte. Ich erklärte ihm, dass er mich mal konnte und legte auf. Ich hatte die Kritik zusammengetragen, die Revolution konnten andere übernehmen. Die Kräfte, die das kranke System meines Vaters zusammenhielten, mochten noch für eine Weile funktionieren, ich aber war jetzt frei davon, ein Teil von ihnen sein zu müssen. Ich hatte mir meine eigene Geschichte zurückgeholt und zum Teil meiner Existenz gemacht.

Feminismus ist die Analyse der eigenen Unterdrückung

Das Ausbleiben der erhofften gesellschaftlichen Revolution ist für Linke und Feministinnen gleichermaßen enttäuschend und führt häufig zu einem Abwerten der eigenen Analyse. Dabei wird übersehen, dass wir sie als Mittel der eigenen Transzendenz nutzen und innere Freiheit erreichen können. Wir verhindern, dass wir die äußere Unterdrückung internalisieren und sie uns von innen aushöhlt. Machen wir das nicht, verlieren wir den sinnvollen Bezug zu unserem Leben und dem Kummer, den es bereithält.
Es hat keine Dekonstruktion der Unterdrückung im Inneren stattgefunden, und ohne sie kann es keine Freiheit geben. Wer sich ihrer bewusst wird, wer hinschaut, entdeckt, dass wir uns manche Fessel selbst anlegen und sie sogar an unsere Kinder weitergeben und damit die Saat für die innere Selbstentfremdung auf dem nächsten Acker ausbringen. Schlimmer noch: Wir schätzen die innere Befreiung so gering ein, dass wir auf sie verzichten, wenn es keine äußere gibt, dabei kann uns genau die niemand nehmen.

Auch deine Kinder gehören dir nicht

Ob wir dazu bereit sind, entscheiden wir für uns selbst. Für manche beinhaltet das zu schmerzliche Wahrheiten oder Konsequenzen, dass ihnen eine völlige Befreiung nicht gelingt. Trotzdem werden sie dem universalen Auftrag an uns Menschen gerecht, der besagt, dass die gegenwärtige Generation auf mehr Wissen und mehr Erfahrungen zurückgreifen kann, als alle vorher und deshalb etwas hinterlassen muss, das besser ist, als das, was sie vorfanden. Das gilt gesamtgesellschaftlich, aber vor allem familiär. Die Kinder sollen es einmal besser haben als wir selbst und von unseren Erfahrungen, aber auch von unseren Kämpfen und Erfolgen profitieren. Damit erhält die eigene Transzendenz scheinbar eine Bedeutung über die eigene Existenz hinaus. In Wirklichkeit aber steht es uns gar nicht zu, mehr als ein Angebot für unsere Kinder und den Raum für persönliche Freiheit zu schaffen. Sie wählen selbst, was sie für ihren Lebensweg brauchen. Der wahre Auftrag an uns selbst ist, es besser zu machen als unsere Eltern und uns damit endgültig von ihnen zu emanzipieren. Damit verbleibt die Beschäftigung in unserer Entwicklung und verhindert, dass wir als Eltern die Autonomie der Existenz unserer Kinder verletzen.

Die Biologie bestimmt deine Freiheit im Außen, nicht in deinem Selbstbild

Man hat Simone de Beauvoir oft vorgeworfen, dass sie »mütterfeindlich« sei. In Wirklichkeit wies sie nur zurück, dass die Tatsache, dass man als Frau geboren wird, bedeuten muss, dass Kinder zu bekommen, zu einem glücklichen Leben gehört und vorrangiger Sinn unserer Existenz als Frauen ist.
»Man wird nicht als Frau geboren, man wird es«, ist ihr berühmtestes Zitat. Dieses Frausein umfasst alle Rollen, in die man uns im Laufe unseres Lebens pressen will. Manchen können wir nicht entkommen. Aber wir können sie als das sehen, was sie sind: Instrumente der Unterdrückung. Und wir können die wichtigste Verantwortung übernehmen, die es gibt: Die für unsere eigene Existenz. Indem wir sie nicht mehr den Interessen anderer zur Verfügung stellen und deren Werte internalisieren, befreien wir nicht nur uns selbst. Wir entziehen den Übergriffen in unsere Selbstbestimmung auch Stück für Stück die äußere Legitimation. Die Drohung: »Wenn du Feministin bist, bekommst du keinen Mann und wirst unglücklich« verliert ihre Macht, wenn man erkennt, wie viele angepasste Frauen unglücklich sind. Der Feminismus hat uns als gesellschaftliche Gruppe noch nicht befreit, doch er vermag jede einzelne von uns von der patriarchalen Vereinnahmung der eigenen Existenz bewahren und vor allem vor der Internalisierung der immanenten Urteile, was oder wie eine Frau zu sein hat. Darüber bestimmen allein wir selbst.

Glück entsteht, wo Freiheit den Raum dafür geschaffen hat

»Freiheit ist, was du mit dem machst, was man mit dir getan hat«, schrieb Sartre. Der Satz hängt über meiner Eingangstür.

Mein Vater, der KFZ-Mechaniker, las nie Sartre. Alice Schwarzer fand er kacke. Ich verkörperte für ihn alles, wovor er Angst hatte, und verstand nie, dass die Ursache dafür bei ihm lag und nicht in meinem Verhalten. Anders als meine Mutter konnte er mir eine autonome Existenz nie zugestehen. Als ich sie einforderte, zielte er rücksichtslos auf die wunden Punkte, die ich als seine Tochter nach patriarchaler Lesart doch für ihn haben musste. Er traf nicht, denn ich hatte sie alle längst dekonstruiert und auf den Müll gekippt.

Ein Vater ist nur, wer die väterliche Rolle auch erfüllt, ansonsten gibt es keinen Grund für die patriarchale Erhöhung des Vaters. Alle Kulturen der Welt kennen eine soziale Mutterrolle, nicht alle die des sozialen Vaters. Diese feministische Dekonstruktion ermöglichte mir schon vor 20 Jahren, auch ohne den Segen meines Vaters einfach das zu tun, was ich für richtig hielt. Dass ich damit unbewusst einen für das autoritäre Weltbild meines Vaters nur schwer zu ertragenden Widerspruch erzeugte, den er als bedrohlich erlebte, untermauert einmal mehr, wie sehr auch unsere engsten Beziehungen noch immer von patriarchalen Mustern geprägt sind. Autoritäre Väter reagieren auf die Autonomie ihrer Töchter mit panischer Angst vor der übertragenen »Entmannung«. Mein »Aufstand« versetzte meinen Vater in solche Aufregung, dass er nach 20 Jahren zum ersten Mal meine Mutter anrief. Sie nahm nicht ab.

Mein Widerspruch gegen die falschen Storys rund um meine Geburt und mein Mut, meinem Vater zu widersprechen und meine »Verurteilung« in Kauf zu nehmen, entlasteten auch sie von dem erdrückenden Schuldgefühl, es hätte an ihr gelegen, dass er mich ablehnte. Wir hatten uns unsere gemeinsame Geschichte zurückgeholt und ihre Schatten dahin zurückgelenkt, wo sie herkamen: zu meinem Vater.

Als Vater in einem patriarchalen System hatte er geglaubt, meine Zeugung gäbe ihm trotz des Vollversagens als Vater das Recht, die Deutung meiner Existenz zu übernehmen oder seiner Stepford-Frau zu überlassen, damit sie damit ihre Minderwertigkeitskomplexe kompensieren konnte.

Bei manchen Treffen in linken Gruppen verabschiedeten wir uns manchmal mit den Worten: »Ich wünsche dir die Freiheit«. Ich finde, das ist der beste Wunsch für einen anderen Menschen, den es gibt.

1 Kommentare

  1. Jutta Kühnel

    Was verstehst Du unter „linke Gruppen“? Ich kann mit den Kategorisierungen „links“/rechts“ nicht mehr so recht was anfangen,wenn ich wahrhaftig bleiben will.

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