Die Sache mit den Safe Spaces – Warum ich keine Schwänze auf Frauentoiletten haben will

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Gestern war ich tanzen, und als ich aufs Klo wollte, stand dort ein Mann in Frauenkleidern und schminkte sich. Ich war irritiert, konnte, so lange wie er da war, nur baff rumstehen und habe später angemerkt, dass ich mich nicht wohl und nicht sicher fühle, wenn Menschen mit Schwanz sich auf dem Frauenklo aufhalten.

Kurz voranschicken möchte ich: ich habe mit umoperierten Transfrauen auf dem Klo überhaupt kein Problem. Ja, diese haben trotzdem eine männliche Sozialisation usw., aber darum geht es jetzt nicht. Womit ich ein Problem habe, sind Menschen mit Schwanz auf dem Frauenklo. Ist mir egal, unter welchen Frauenklamotten dieser Schwanz vor sich hergetragen wird und wieviel Schminke die Person, die ihn trägt, im Gesicht hat. Eine Toilette ist ein intimer, geschützter Rückzugsort. Hier kann man sich erleichtern, kotzen, sich umziehen, telefonieren oder heulen. Der Privatsphäre in einer Toilette kommt eine große Bedeutung zu. Sex auf Toiletten ist beliebt und akzeptiert. Auf gemeinsamen Toiletten kommt man sich unter Fremden sehr nahe, oft zu nahe. Das ist unangenehm, bislang für Frauen aber nicht gefährlich. Ein Schwanz aber ist eine potenzielle Waffe. Er kann benutzt werden, um Frauen gegen ihren Willen zu pentrieren, vielleicht in einer Situation, in der sie hilflos, ungeschützt oder schlichtweg unachtsam sind. Opfer sexueller Gewalt müssen ein Recht auf schwanzfreie Räume haben. All das schoss mir durch den Kopf, während ich dort stand und überlegte, wie ich mit der Situation umgehen soll.

Als ich schließlich äußerte, dass Menschen mit Schwanz in Frauenklos für eine gefühlt unsichere Atmosphäre sorgen, entbrannte eine heftige Diskussion.

Diese begann mit folgenden Argumenten:

  • „Das ist eine Frau, die Person sagt, sie identifiziert sich als Frau.“
  • „Die Person fühlt sich auf dem Männerklo nicht wohl, das reicht doch als Grund, aufs Frauenklo zu gehen.“
  • „Was soll die Person denn sonst machen?“

Dazu lässt sich Folgendes sagen:

  • Wir hatten uns alle darauf geeinigt, dass es sex gibt, das angeborene, das biologische Geschlecht, und gender, das soziale Geschlecht – die Rolle, die einem Menschen zugeschrieben wird. Wir haben uns darauf geeinigt, dass gender eine Konstruktion ist. Ich verstehe jeden Menschen, der sich mit seiner zugeschriebenen Genderrolle nicht identifizieren kann. Aber dieser Mann in Frauenkleidern ist keine Frau, sondern ein Mann, der sich wie eine Frau FÜHLT. Ich akzeptiere das, aber das macht ihn nicht zur Frau. Sorry, aber es gibt sowas wie Biologie, und das sind FAKTEN, die wir nicht einfach wegwischen können. Auch der Schwanz, den dieser Mensch mit in dieses Frauenklo getragen hat, ist ein FAKT. Ich möchte nicht in der Haut eines Menschen stecken, der von sich sagt, er oder sie sei im falschen Körper geboren und empfinde diesen Körper als das nicht passende Geschlecht, wirklich nicht. Und diese Menschen haben einen Platz auf der Welt, und sie brauchen sichere Räume, und sie brauchen Rechte, so viel ist klar. ABER die politische Transbewegung zeigt Auswüchse, wenn sie als radikale Forderung stellt, auch Menschen mit Schwanz seien, so sie sich so definierten, Frauen. Das geht so weit, dass Frauen sogar ihre Vergewaltigungen als Privileg angekreidet werden, denn immerhin zeige das ja, dass diese als Frauen wahrgenommen würden – ein Privileg, das Transfrauen nicht hätten. Sorry, aber Vergewaltigungen (und vielleicht auch Zwangsprostitution, häusliche Gewalt, Genitalverstümmelung, Zwangsheirat,…?) als PRIVILEG? Die radikale Forderung danach, unoperierte Transfrauen als Frauen wahrzunehmen führt auch dazu, dass neuerdings lesbischen Frauen vorgeworfen wird sie diskriminierten Transfrauen, wenn sie auf Grund des Penisses nicht mit diesen schlafen wollen, denn Transfrauen seien Frauen, und ein „lady dick“ sei etwas völlig anderes als ein „männlicher Schwanz“. Das hat sehr viel von rape culture, und genauso empfinde ich es als rape culture, wenn meine Gefühle (sich unsicher, bedroht, ausgeliefert zu fühlen) plötzlich weniger wert sind als die Gefühle eines Menschen mit Schwanz, der sich als Frau fühlt (wie auch immer sich eine Frau zu fühlen hat). – Da rede ich jetzt noch gar nicht davon, dass Transpersonen es geschafft haben dass Frauen in Frauenräumen nicht mehr über Menstruation, Schwangerschaft usw. reden können, weil das für Transpersonen triggernd ist. Da rede ich jetzt auch nicht davon, dass Transpersonen neuerdings in Beiträgen als „Frauen“ bezeichnet werden und biologische Frauen als „Menstruatorinnen“ und Mütter als „Elter mit Uterus“. (Kein Scherz.) – Und was ist jetzt eigentlich mit Personen die gender fluid sind? Dürfen die an Tagen an denen sie sich als Frau definieren jetzt auch aufs Frauenklo? Wie kontrolliert man das eigentlich, wer sich wie fühlt? Darf jetzt jedes Männerballett zu Fasching auch aufs Frauenklo?
  • Dass es Menschen gibt, die sich auf dem Männerklo unwohl fühlen kann ich sehr gut nachvollziehen. ABER. Sich dort unwohl zu fühlen kann nicht die Eintrittskarte fürs Frauenklo sein. Sorry, aber auch andere Männer, die nicht dem gängigen Männlichkeitsbild entsprechen (zu klein, zu schmächtig, Penis entspricht nicht den pornographisierten Vorgaben) fühlen sich dort unwohl. Dürfen die jetzt auch alle aufs Frauenklo? Sorry, guys, but that´s patriarchy, you stupid. Wenn euch das nicht passt, müsst ihr halt was gegen das Patriarchat unternehmen. Wenn ihr euch dort unwohl fühlt, weil Männer eben scheiße zu anderen sind (auch zu Männern, die nicht den gängigen Klischees entsprechen), und wenn ihr glaubt, dass euch das als Schwanzträger dazu berechtigt in den safe space anderer Gruppen eindringen zu dürfen und dort dafür zu sorgen, dass diese sich unwohl fühlen, wo macht ihr dann bitte etwas anderes als die Typen, die euch auf dem Männerklo schief ansehen weil ihr euch geschminkt habt?
  • „Was soll diese Person sonst machen?“ Ja, also, sorry, aber ist das mein Problem? Ich möchte das hier nur nochmal betonen: Ja, Transpersonen werden diskriminiert. Nein, das ist sowas von nicht okay. Aber warum wird von Frauen eigentlich dauernd erwartet, dass sie sich für alle und alles zuständig fühlen, und zwar auf Kosten der Frauen? Warum müssen Frauen sich um alle und alles kümmern, aber nie um sich selbst? Warum müssen wir ständig für andere einstehen, aber nie dürfen wir es einfach mal für uns? Warum sollten die GEFÜHLE eines Schwanzträgers schon wieder wichtiger sein als meine (auch gefühlte) Sicherheit? Ich bin in meinem Leben mehrmals Opfer sexueller Gewalt geworden. Ich kenne keine Frau, der das nicht passiert ist. Wir haben ein RECHT auf Räume, in denen wir uns NICHT mit der Präsenz von Schwänzen auseinandersetzen müssen, gerade wenn es so sensible Bereiche sind wie Umkleiden, Toiletten usw. Um zu der Frage zurückzukommen was diese Person sonst machen soll: auch wir Frauen mussten uns safes spaces erkämpfen. Wir müssen es immer noch, jeden Tag. Auch Transpersonen brauchen safe spaces. Ich bin die erste, die für Toiletten votiert in die Menschen, die (noch) nicht aufs Frauenklo gehören, sich aber im Männerklo unwohl fühlen, gehen können. Ja, ihr braucht eigene Räume. Aber die safe spaces anderer Gruppen zu torpedieren und diese damit unsafe zu machen ist nicht der richtige Weg.

“I am a feminist. I have been a female for a long time now. I’d be stupid not to be on my own side now”, schrieb Maya Angelou einmal und benannte damit die Unterdrückungserfahrung als Frau als Motiv für feministisches Engagement. In der Debatte um Transaktivismus und um den Zugang zu Frauenräumen, die an vielen Stellen sehr zerstörerisch ist, wird diese Unterdrückungserfahrung einfach zum Schweigen gebracht, sie wird von der strukturellen Ebene auf eine beliebige, individuelle verschoben.  Die Ereignisse um das Mich-Fest in den USA ist ein bekanntes und trauriges Beispiel: Transfrauen protestestierten so lange für Zugang auf dieses Fest, bis es zerstört war und 2015 nach 40 Jahren endete, ein über Jahrzehnte für Frauen, vor allem, aber nicht nur, lesbische Frauen, wichtiges und prägendes Musikfestival. Die Macherinnen führten die Debatte um die Safe Spaces erbittert – und vergeblich. Bis sie aufgaben und eine Institution endete.

Um das zu verdeutlichen: Wir Frauen sind eine unterdrückte Klasse. Männer sind die Unterdrücker. Es gibt keinen “umgekehrten Sexismus”; so wie es keinen “umgekehrten Rassismus” gibt. Wenn schwarze Menschen sich abfällig über Weiße äußern, ist das noch lange kein Rassismus, denn Rassismus braucht die umfassende, gesamtgesellschaftliche Unterdrückung und Diskriminierung. “Transphobie” als Ausdruck einer sexistischen Diskriminierung kann also per se nichts sein, was Frauen ausüben – sie sind ja selbst von sexistischer Diskriminierung betroffen und sie können nicht zugleich Unterdrückte und Unterdrückende des gleichen Systems sein. Männer und Frauen haben in unserer Gesellschaft nicht den gleichen Status, so dass Frauen keine strukturelle Unterdrückung an Männern begehen können – auch nicht, wenn diese sich als Frauen umdefinieren. Unterdrückung braucht immer ein System, das sie ermöglicht, sie entsteht nicht plötzlich je nach situativem Kontext. Genau das aber wird in der Transdebatte behauptet. Aus Frauen, die gerade noch mit ihrer eigenen Unterdrückung kämpfen, werden auf einmal Unterdrückerinnen, dabei sind sie doch selbst Opfer sexueller Gewalt, sexistischer Diskriminierung und Ausbeutung. Transfrauen werden nicht durch Frauen diskriminiert  sondern durch das patriarchale System. Anstatt diesem den Kampf anzusagen, dringen sie in die Räume von Frauen vor und behaupten, wenn diese sie nicht sofort akzeptieren, trotz “ladydick”, wenn Lesben nicht mit ihnen ins Bett gehen und alle ab sofort über alles schweigen, was mit weiblicher Biologie zu tun hat, werden sie unterdrückt. Sie reden dann von einem Cis-Privileg. Wo, außer in dieser Debatte, ist es ein Privileg, einen Uterus zu haben? Demonstrieren nicht aktuell weltweit Frauen dafür, nicht wieder mit dem Kleiderbügel abtreiben zu müssen? Wo ist es ein Privilieg, eine Vagina zu haben? “Pussy” ist ein Schimpfwort, Vaginas werden vergewaltigt. Die Rechte und Freiheiten von Transpersonen sind wichtig. Aber was zur Hölle macht sie wichtiger als die Rechte und Freiheiten von Frauen? Kommt hier nicht ein ganz anderes, und zwar echtes Privileg zum tragen – nämlich das männliche, das die Diskurshoheit an sich reißt? Und dass der Anspruch auf dieses männliche Privileg nicht endet, wenn die Umwandlung zur Frau beginnt, weil er Teil einer männliche Sozialisation ist, die jeder mit Penis geborene Mensch erlebt, ganz gleich, ob er sich als Frau fühlt oder nicht?

Als Frau und damit Angehörige einer unterdrückten Klasse definiere ich diese Klasse, nicht meine Unterdrücker – denn wenn wir das zulassen, dann brauchen wir zum Kampf gar nicht anzutreten.

Ich habe mich gestern gefühlt wie der herzloseste und gemeinste Mensch der Welt, und ich bin auch so behandelt worden. Das, weil ich geäußert habe, dass ich mich in einer Toilette mit einem Menschen, der einen Schwanz trägt und auf Frauen steht, nicht sicher fühle – egal, als was dieser Mensch sich definiert. Und dass ich denke, dass gerade Transpersonen doch wissen müssten, wie wichtig Räume sind, in denen man sich sicher fühlt. Und dass gerade sie doch nicht die safe spaces anderer in egoistischer Manier benutzen und unsicher machen sollten, während sie andere dafür beschämen, dass diese anmerken, dass sie sexuelle Gewalt erlebt haben, durch Menschen mit Schwanz, und dass sie keinen Bock mehr auf unaufgefordert ausgepackte Schwänze haben und nicht mit ihnen in einem Raum sein wollen. Ich begreife es nicht. Rechte für Transpersonen werden nicht auf Kosten von Frauenrechten erstritten, und hier läuft etwas grundlegend verkehrt, wenn  ich runterschlucken muss, dass ich nicht erwähnen darf was FAKT ist (der Schwanz), das mich etwas triggert, dass ich mich unsicher fühle, dass ich RECHTE habe – auf Sicherheit, auf Unversehrtheit, auf die Abwesenheit (vor allem in sensiblen Räumen) von Körperteilen die gegen Frauen als Waffe benutzt werden. Und man komme mir jetzt nicht mit diesem# Notallmen-Scheiss, oder mit #Notallpeoplewithdicks-Mist. Es ist hier nicht meine Sichtweise das Problem (die Frage, ob ich Transfrauen als Frauen sehen kann oder nicht), sondern die Realität. Der Schwanz. Und der kann nicht einfach wegdekonstruiert werden. Damit, ihn umzudefinieren und ihm einen anderen Namen zu geben („lady dick“) ist das Problem für mich nicht gelöst. Im Patriarchat bleibt der Schwanz eine Waffe und wenn ich ihn nicht mehr als solches benennen darf, dann treibt mich das in eine neue Form von Sprach- und Wehrlosigkeit.

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