Die Uhr die nicht tickt – eine Streitschrift für kinderloses Glück

Buchcover: Die Uhr, die nicht tickt

Sarah Diehl: Die Uhr, die nicht tickt - Kinderlos glücklick, eine Streitschrift, Arche Literatur Verlag, 2014

Ja, ich kann ohne Tränen in den Augen an einem Laden vorbeigehen, in dem entzückende Kleidchen und Hemdchen und Bärchen mit Knopfaugen an mein Mutterherz appellieren, um den tiefen Wunsch nach höchster Erfüllung meiner Weiblichkeit postwendend in einen Kaufimpuls umzuwandeln. Und ja, ich bin Mitte dreißig, kinderlos und habe eine akademische Ausbildung. Ich bin also eine jener ichbezogenen, kinderfeindlichen, egoistischen und hedonistischen Frauen, die seit einiger Zeit gegen Mütter in Stellung gebracht werden. Eine Latte-macciato-Kinderlose sozusagen. So weit, so erwartbar. Doch ich muss Sie enttäusche,. ich finde Kinder nämlich wunderbar.

Das schreibt Sarah Diehl im Vorwort zu “Die Uhr, die nicht tickt – kinderlos glücklich. Eine Streitschrift.” In ihrem Buch widmet sie sich der Frage, warum immer mehr Frauen in Deutschland kinderlos bleiben. Sie analysiert die hinderlichen Begleitumstände von schlechter Betreuung zu geringeren Karrierechancen und ungleich verteilter Sorgearbeit, doch der wirkliche Grund für Frauen, die freiwillig kinderlos bleiben, ist nicht etwa die Karriere oder blanker Egoismus, sondern schlicht, dass sie jenen angeblich angeborenen Mutterinstinkt, der Frauen ständig unterstellt wird, gar nicht verspüren. Sie mögen Kinder, finden es gut, wenn Freunde und Verwandte sie bekommen – doch sie selbst wollen einfach keine. Und obwohl das ihre ureigenste Entscheidung ist, finden sie sich ständig in der Situation wieder, sich genau dafür rechtfertigen zu müssen.

Frauen können eigentlich nur alles falsch machen. Bekommen sie keine Kinder, sind sie egoistisch, bekommen sie zu früh Kinder, sind sie verantwortungslos, gehen sie trotz Kindern arbeiten, sind sie Rabenmütter, kümmern sie sich nur um die Kinder, sind sie Glucken – Erwartungen, die an Männer gar nicht erst gestellt werden. Tatsächlich müssen sich die meisten Männer nie zu einem eventuellen Kinderwunsch äußern – oder aber rechtfertigen, warum sie keine Kinder bekommen haben.

Mutterschaft ist ideologisch überfrachtet und engt die Handlungsspielräume von Frauen ein, ganz egal, wie sie sich zu ihr stellen. Schon immer wurde behauptet, dass Frauen zu Hause besser aufgehoben sind, dass sie die Erfüllung ihres Lebens erst finden, wenn sie Kinder bekommen und dass mit Frauen, die keine Kinder haben, etwas nicht stimmt. Das nützte natürlich – wen wundert’s – den Männern. Diese blieben zwar der Vorstand der Familie – die Verantwortung für Heim, Haus und Kindern bürdeten sie aber den Frauen auf. Mutterschaft wurde nicht erst von den Nationalsozialisten ideologisch überhöht und quasi zum Naturzustand jeder Frau erhoben. Oder anders: Eine Frau, die keine Kinder hat, ist keine richtige Frau. Auch heute, angesichts der herbeidramatisierten demografischen Schieflage, sind Frauen wieder schuld, weil die Nation ausstirbt, während wir Flüchtlingen den Zutritt in unser Land verwehren. Frauen haben, so wird auch heute noch behauptet, ein eingebautes Mütterlichkeitsprogramm, wer es nicht aktiviert, zum Wohle für Volk und Vaterland, der wird prinzipiell als defizitär betrachtet. Sarah Diehl hat sich auf Spurensuche begeben, woher der viel zitierte Mythos vom natürlichen Mutterinstinkt eigentlich kommt und entlarvt ihn als Propagandamittel, um Frauen an Kinder und zu Hause zu binden und der Verfügungsgewalt von Staat und Ehemann zu unterstellen.

In ihrem Buch kommen ganz unterschiedliche Frauen aus ganz Deutschland und ihre Gründe für freiwillige Kinderlosigkeit zu Wort, sie zeigt auf, dass die Gründe keineswegs aus Egoismus entspringen, sondern weil der Kinderwunsch zu keinem Zeitpunkt stark genug war, um ihn umzusetzen. Manche entscheiden sich schon früh dagegen, eigene Kinder zu haben, manche lassen den Zeitraum dafür mehr oder weniger bewusst verstreichen und sind schon fast erleichtert, wenn von ihnen auch niemand mehr Kinder erwartet. Frauen finden die Sinngebung ihres Lebens sehr wohl außerhalb der Mutterschaft, es zeigt sich sogar, dass Menschen ohne Kinder einen leichten Vorsprung in puncto Zufriedenheit und Lebensglück gegenüber Familien haben – Familien heißt hier: die klassische Vater-Mutter-Kind-Familie. Mutter zu werden bedeutet auch heute noch, sich den Zwängen einer patriarchalen und kapitalistischen Gesellschaft sehr viel stärker unterwerfen zu müssen, als kinderlose Frauen. Kinderlosigkeit ist daher auch ein Bekenntnis zur Freiheit, zur Selbstbestimmung. Sarah Diehls Buch ist ein Plädoyer für Vielfalt – und für ein Ende des ewigen Mythos von der Frau als Mutter.

Das Buch ist erhältlich bei Fembooks.

8 Kommentare

  1. Gut auf den Punkt gebracht. Als Frau kann man immer nur alles falsch machen ob mit oder ohne Kinder. Darum ist es am besten Frau lernt selbstbewusst das zu tun was und wie sie es für sich gut hält. Vielleicht sind wir noch viel zu mitfühlend, wenn andere behaupten ihnen gehe es schlecht, weil wir uns als Frau nicht so verhalten wie sie es gerne hätten und ihre Erwartungen bis ins kleinste Detail erfüllen. Sie sich gekränkt oder vielleicht sogar in ihrem Stolz verletzt fühlen. Bei viele Frauen, so behaupte ich, springt da sehr schnell das schlechte Gewissen an und es entstehen innere Konflikte. Und die kosten Kraft. Hier wäre es bestimmt gut mehr Distanz zu gewinnen. Eine Distanz, die Männern selbstverständlich zugestanden wird nur uns nicht. Da Mitgefühl zu zeigen, wo es sinnvoll, aber wirklich auch ganz klar seine Grenzen zu ziehen und auch distanziert zu bleiben, wo es uns schadet. Ich denke damit kämen wir Frauen bestimmt leichter durch das Leben. Doch dafür brauche wir auch gute Vorblider in den eigenen Reihen.

  2. Käsestulle

    “ich finde Kinder nämlich wunderbar”

    Wenn’s nicht so wäre, wäre das auch ok. Man darf nicht nur keine Kinder wollen, man muss sich auch nicht quasi als Abbitte wunderbar finden.

  3. Ich finde diese These sehr gewagt wenn nicht gefährlich da die Reproduktion bei allen Lebewesen auf dieser Erde zum natürlichen Lebenszweck gehört. Sich dann die Abwendung von diesem natürlichen Mechanismus als Ausdruck von Freiheit einzureden ist der falsche Weg. Auch die Familie als Lebensgemeinschaft mehrerer Generationen zum gegenseitigen Nutzen ist alles andere als unnötig.
    Das einzige was es zu überwinden gilt ist die Aufgabendefinition der Geschlechter in der Familie. Warum erzieht der Mann nicht die Kinder und die Frau geht arbeiten? Ist ein Mann weniger dazu in der Lage als eine Frau (abgesehen vom Stillen in den ersten Monaten)?
    Und wieso kann ein Paar es sich nicht einfach aussuchen wie wo und wann Kinder bekommen und großgezogen werden?
    Die veralteten Gedankenmuster im Umgang mit der Rollenverteilung in der Familie beschneiden die Freiheit und nicht die Kinder als solche. Diese Gedankenmuster müssen überwunden werden und nicht unser einziger biologischer Lebenszweck.

  4. Ich möchte gar nicht abstreiten das es Menschen gibt die nicht den Wunsch haben Kinder zu bekommen. Allerdings können mir diese Menschen nicht erzählen das Sie keinen Sexualtrieb haben. (Was die Leugnung dessen für Auswirkungen hat sieht man Jahr für Jahr an der katholischen Kirche)
    Dieser Sexualtrieb ist aber Ausdruck unseres biologischen Reproduktionsdrangs und erst seit der Erfindung von Verhütungsmitteln jeglicher Art hat sich das Denkmuster verbreitet das diese zwei Dinge (Kinder und Sex) irgendwie trennbar wären.
    Damit möchte ich Verhütungsmittel nicht verteufeln (ich schätze sie so wie die meisten meiner Mitmenschen) sondern nur darauf hinweisen das unser Sexualtrieb den angeborenen biologischen Kinderwunsch beinhaltet. Im Gegensatz zum gesellschaftlich aufgezwungenen “Frau muss Kinder kriegen und steht am Herd und Mann geht arbeiten”.

  5. Aussagen wie “Kinderlosigkeit ist daher auch ein Bekenntnis zur Freiheit, zur Selbstbestimmung” üben ebenfalls Druck auf Frauen aus. Es wird erwartet, dass sie kinderlos bleiben um selbstbestimmt zu leben.
    Kinderlos zu bleiben ist aber auf keinen Fall die bessere, selbstbestimmtere oder modernere Entscheidung. Viele Frauen kriegen Kinder, weil sie es selbst wollen. Der Wunsch ist aber nicht automatisch von der Gesellschaft aufgedrückt.

  6. Käsestulle

    “Aussagen wie(…) üben ebenfalls Druck auf Frauen aus.”

    Und nun? Soll man keine Meinung mehr äußern, weil sich irgend jemand unter Druck gesetzt fühlen könnte?

    “Viele Frauen kriegen Kinder, weil sie es selbst wollen.”

    Soso, wenn sie Kinder bekommen, dann “viele, weil sie es selbst wollen”.

    Was denn nun?

  7. Das Sex immer zwangsläufig zu Schwangerschaft führt ist auch ein Märchen der Katholischen Kirche und das hätten die vor allem gerne so. Jeder Schuss ein Kind. Und ich denke nicht dass es den Verhütungsmethoden zu verdanken ist, dass Sex und Kinderkriegen trennbar sind. Dieses Märchen geht auch andersrum. “Frauen die jeden Monat normal menstruieren sind unnormal”. In der Steinzeit hatten die Frauen ständig Säuglinge an der Brust und das nächste schon im Bauch, bla bla bla.
    Auch Indiander vermehren sich nicht wie die Kanickel. Woran das wohl liegt? Warum redet denn keiner über die Verhütung von Naturvölkern? Hat sich schonmal jemand (ausser Ethnologen) nen Kopf darüber gemacht? Der Mensch hat immer nach dem Mond gelebt und zu vorpatriarchalischen Zeiten durfte Frau wohl auch mehr auf ihren eigenen Körper hören. Wer seinen Körper und die Prozesse ein bisschen kennt (beobachtet) der weiß doch wann er schwanger werden kann. Auch ohne Thermometer. Wollen wir Naturvölker und die Menschen der Steinzeit wirklich immer noch für so dumm verkaufen?
    Selbst eine Hildegard von Bingen wusste ohne Anatomiestudium wie das weibliche Reproduktionssystem aufgebaut ist.
    Ich bin nicht für die Trennung von Sex und Kinderkriegen. Aber es ist einfach blödsinn die modernen Verhütungsmethoden der Pharmaindustrie als DIE Revolution für die Frau hin zu stellen. Ja vorübergehend sind sie das wohl mal. Für mein Leben gehört die Pille in die Phase des keine Verantwortung für mein eigenes Handeln übernehmen wollen. Darüber hinaus hab ich mir damals noch angst machen lassen.
    Wir leben einfach seit mehreren Jahrtausenden in Unwissen, welches gewissen Machtstrukturen zu gute kam. Die Pille holt uns aus diesem Tal auch nicht raus. Sie macht uns auch nur abhängig. Wie praktisch. Zu erst nehmen wir der Frau jegliches Gefühl für ihren Körper. Erklären sie für schuldig – Erbsünde. Und beschmutzen alles was mit der Empfängnis zu tun hat. Töten die Menschen die sich mit Heilkunde auskennen und dann, wenn das Wissen in weiten Teilen ausgemerzt ist verkaufen wir der Frau ihre vermeintliche Selbstbestimmung und ihre sexuelle Freiheit als Revolution!
    Ich möchte einfach nur ein bisschen zum nachdenken anregen. Und ja, man kann alles immer aus mehreren Perspektiven betrachten. Ich hab es mal aus dieser betrachtet, weil es die unpopulärste ist.

    Und ja als Frau kann man einfach nur alles falsch machen. Und dann kritisieren sich Frauen auch noch untereinander auf das schärfste. Das ist wohl die traurigste Stilblüte unserer Zeit.

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