Die versteckte Lust der Frauen – ein Forschungsbericht

Buchcover: Die versteckte Lust der Frauen

Daniel Bergner: Die versteckte Lust der Frauen - ein ForschungsberichtKnaus, Verlagsgruppe Randomhouse, 2014

Weibliche Lust – was ist das eigentlich? Was macht Frauen an – und taugen sie wirklich als „Hüterinnen der Monogamie“, zu denen sie die Gesellschaft immer machen will? Oder werden Frauen ebenso von ihren „Trieben“ gesteuert, wie Männer – und haben sich vielleicht nur besser angepasst, weil weibliche Lust seit Jahrtausenden sozial diszipliniert und kontrolliert wird? David Bergner hat sich in seinem Buch „Die versteckte Lust der Frauen“ auf die Suche nach der weiblichen Lust begeben – er sprach mit ForscherInnen und unzähligen Frauen über die Lust als wissenschaftliches Thema und persönliche Erfahrung und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen, die unseren Blick auf die weibliche Lust grundlegend verändern.

Männer sind wie Tiere. Wenn es um die Lust geht, nehmen wir das quasi als gegeben. Der Mann wird von der Gesellschaft gezähmt, meist in gewissen Grenzen gehalten, doch die Unterdrückung ist nicht so umfassend, dass sie die Natur des Mannes gänzlich verbergen würde. Dies macht sich unendlich viele Arten bemerkbar – durch Pornografie, Promiskuität, durch unzählige Blicke auf unzählige Körper von Passantinnen. Bestätigt wird das durch zahllose Lektionen der Populärwissenschaft, die besagen, dass der männliche Verstand eher von den niederen, weniger entwickelten neuralen Regionen des Gehirns gesteuert wird.

schreibt Bergner in seiner Einleitung. Warum aber wird Frauen nicht zugestanden „wie Tiere“ zu sein? Unterscheidet sich ihre Lust auf Lust so grundlegend von der der Männer – oder wurde sie nur erfolgreicher unterdrückt? Die Forscherin Meredith Chivers erforschte in einer Studie die tatsächliche und die wahrgenommene Erregung von Frauen – beides wich erheblich voneinander ab. Frauen sind sich über ihre eigene Erregung also oft gar nicht im Klaren. „Der Verstand leugnete die Vagina“, beschreibt es Bergner.  Bei Männern hingegen stimmte die Wahrnehmung überein. Andere Studien zeigen, dass Frauen, wenn sie befragt werden, die eigene Lust deutlich eher leugnen, als Männer. Die wenigsten geben zu, zu masturbieren oder bestimmte Vorlieben zu haben. Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt, dass sich frühere Autoren wie Galen sehr wohl über die weibliche Lust und Orgasmusfähigkeit im Klaren waren, man ging sogar davon aus, dass der weibliche Orgasmus für die erfolgreiche Zeugung unerlässlich war – doch als die Wissenschaft begann, die Bedeutung des Spermas für die Befruchtung zu erkennen, verlor der weibliche Orgasmus an Bedeutung – und wurde anschließend vollkommen relativiert – „Frauen haben einfach weniger Lust“ – das ist das Dogma. Es wird begleitet von einem weiteren: „Frauen brauchen für guten Sex das Gefühl von Sicherheit und gelungener sozialer Interaktion“ – Frauen sehnen sich also nach Monogamie. Tatsächlich zeigen gleich mehrere neue Studien, dass das nicht stimmt. Dieses Dogma ist nur ungeheuer nützlich für das patriarchale Weltbild und religiöse Vorstellungen.

Bergners Buch hält einige Überraschungen bereit. Zum Beispiel die Erklärung, warum so viele Frauen angeblich „Vergewaltigungsfantasien“ haben, doch sich keine Frau in Wirklichkeit wünscht, vergewaltigt zu werden. Zum einen ist es Ausdruck eines gewissen Narzissmus – die Frau will, dass ihre sexuelle Anziehungskraft so groß ist, dass der Mann gerade zu davon überwältigt wird. Zum anderen beschleunigt eine wahrgenommene „Notsituation“ den Orgasmus – in dem es das Wechselspiel von Sympathikus und Parasympathikus befeuert. Marta Meana beschrieb in ihrer Forschung sehr deutlich, dass bei einer „Vergewaltigungsfantasie“ alle Kontrolle bei der Frau liegt – sie inszeniert, sie verführt. Das hat mit einer realen Vergewaltigung wenig zu tun – und ist daher auch keine Aufforderung dazu. Dennoch wurde die Forscherin für ihre Thesen hart angegriffen, sie stellten eine Legitimierung von Vergewaltigungen dar.
Auch Chivers beschäftigte sich mit Vergewaltigungen – wie konnte es sein, dass Vergewaltigungsopfer von „Feuchtsein“ und sogar eigenen Orgasmen bei Vergewaltigungen erzählte? Ihre Erklärung ist traurig: Es ist möglich, dass Frauen im Laufe von Millionen Jahren sexueller Übergriffe eine rein neuronale Reaktion auf Übergriffe entwickelt haben – um sich vor Verletzungen und Schmerzen bei Vergewaltigungen zu schützen – reagiert die Vagina auch bei gewaltsamen Übergriffen mit Feuchtwerden. Das bedeutet: Erregung bei einer Frau bedeutet nicht Einverständnis.

Allgemein betrachten wir Sexualität zu sehr aus der Perspektive des Mannes – auch wenn sie es sind, die scheinbar „aktiv“ sind, werden die vielen nonverbalen Gesten der Frau, die den Sex überhaupt erst möglich machen, ignoriert, dafür betont, dass Männer eben von der Evolution dazu angehalten werden, ihre Gene möglichst weitläufig weiterzugeben, während Frauen einen festen Partner für die Aufzucht ihrer Kinder suchen. Tatsächlich hat die Forschung über Jahre versucht, das Monogamie-Dogma zu bestätigen, doch anhand neuerer Forschung ist es nicht haltbar. Die weibliche Lust, so zeigt sich, ist sehr viel stärker und vielfältiger als die männliche. Doch Sexualität ist gesellschaftlich genormt  – und im Falle von Frauen auch unterdrückt. Das führt zu einer fehlenden Wahrnehmung der eigenen Lust, zu Hemmungen und Scham, die verhindern, Lust zu empfinden und auszuleben. Vielmehr ist Monogamie sogar ein echter Lustkiller – denn den Frauen fehlt der Kick des Begehrtwerdens.

Und gibt es nun vaginale und klitorale Orgasmen? Und was ist mit dem G-Punkt? Existiert er? Was können Paare tun, denen die „Lust“ abhanden gekommen ist? Und wie können Frauen Zugang zu ihrer eigenen Lust bekommen?

Bergners Buch gibt darauf viele verblüffende und gut recherchierte Antworten. „Die versteckte Lust der Frauen“ ist kein populärwissenschaftliches Buch, dass uns erzählt, was wir ohnehin schon wissen. Es ist eine Entdeckungsreise in die weibliche Lust – von der wir viel zu wenig wissen. Wir Frauen lassen uns noch immer viel zu sehr von dem bestimmen, was die Gesellschaft von uns erwartet – und verleugnen, was wir wirklich fühlen. Dass Frauen weniger „triebhaft“ oder lustvoll sind, ist ein patriarchaler Mythos, der bis heute hilft, Frauen zu unterdrücken und zu kontrollieren. Bergners Buch zeigt, dass die Wissenschaft gerade erst beginnt, weibliche Lust unverstellt von gesellschaftlichen Erwartungen zu untersuchen und dass die wenigsten der Ergebnisse mit dem übereinstimmen, was Common Sense ist – auch mit dem, was Frauen über sich selbst zu wissen glauben. Frauen können, das ist bewiesen, nur mit Kraft ihrer Gedanken kommen – eine Fähigkeit, die Männern abgeht. Bergners Suche offenbart Faszinierendes und Überraschendes und ist die absolute Leseempfehlung für diesen Sommer. Das Einzige, was man diesem Buch vorwerfen kann, ist, dass es ein Mann geschrieben hat.

Das Buch ist erhältlich im Frauenbuchladen Thalestris.

15 Kommentare

  1. Franz Bettinger

    Insgesamt viel Richtiges, doch mehrere Denkfehler!

    „Das bedeutet: Erregung bei einer Frau bedeutet nicht Einverständnis.“ Nein. Richtig wäre der Schluss: „Das bedeutet: Feuchtwerden bedeutet nicht Erregung.“

    „Es ist bewiesen: Die Hälfte aller Frauen bekommen bei der Vergewaltigung einen Orgasmus.“ Wie will man das beweisen? Experimentell? Bestimmt nicht. Es bleibt: Durch nachträgliche Befragung. Die Antwort darauf aber wäre kein wissenschaftlicher Beweis.

    Richtig ist: Der weibliche Orgasmus ist (übrigens auch bei Tieren) für die Fortpflanzung unnötig. (Vermutlich hat ihn die Evolution deshalb vernachlässigt.) Dies im gegensatz zum männlichen Orgasmus.

    Richtig: Die Monogamie ist nicht verhaltensbiologisch zu begründen. Sie ist ein Dogma, und das nicht mal in allen Kulturen.

    „Not-Situationen beschleunigen den Orgasmus.“ Ja.

  2. „Tatsächlich hat die Forschung über Jahre versucht, das Monogamie-Dogma zu bestätigen“.
    Das ist natürlich auch nicht der Sinn von Forschung, Vorurteile und Vorannahmen abzusegnen oder zu bestätigen. Grundvoraussetzung im Forschungsprozeß ist Offenheit, Neugierde und die Bereitschaft, sich vom Datenmaterial überraschen zu lassen.

    Und ja, Frauen können tatsächlich nur über Phantasien zum Orgasmus kommen. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob Männer das NICHT können.

  3. Na toll. Ein Mann (Franz Bettinger) erklärt uns Frauen, was in Bezug auf unsere Sexualität richtig und was falsch ist. Genau das was wir brauchen.

  4. Gabypsilon

    @Chaybdis. Du nimmst mir mit Deinem Kommentar das Wort aus dem Mund. Danke dafür.

  5. Ich habe das Buch angefangen zu lesen und musste es weglegen. Genau wie Charybdis bezogen auf (Franz Bettinger) schreibt, beziehe ich mich auf Daniel Bergner. Ein Mann der den Frauen ihre Lust, resp. geheime Lust erklärt. Hatten wir dies nicht schonmal, indem jeder Mann tönt, dass Frauen ja „eigentlich“ vergewaltigt werden wollen, da es der „geheime“ Wunschtraum der Frau sei, vergewaltigt zu werden. Wie schön für die Männer. Auch dass Frauen angeblich keinen Orgasmus brauchen, kommt dem „Schnellschuss“ vieler Männer so schön entgegen. Warum drehen wir Frauen den Spiess nicht einfach um und erklären dem Mann, was ein richtig feiner männlicher Orgasmus ist; und was nicht? Diesmal aus weiblicher Sicht……. Also was Männer da als Orgasmus bezeichnen ist gar keiner. Nur ein Samenerguss. Einen „wichtigen“ Orgasmus können die nicht. Das können „nur“ die Frauen. Wie wär’s? Ausserdem: Der geheime Wunsch vieler Männer ist es, auch so einen vielfältigen Orgasmus zu haben. Aber leider leider versagen sie kläglich…….. etc. etc.

  6. PS: sollte „richtiger Orgasmus“, nicht „wichtiger“ heissen…. (Selbstkorrektur). Zu meiner These merke ich auch gerne an, dass diese Theorie anfangs 90er Jahre, dh. vor dem Millenium und den digitalisierten Porno-Quickies „noch“ gewusst wurde. Heute scheint dies jedoch auch bei den Frauen vergessen, da sich alles nur um IHN,….(den Grossen und den Kleinen) zu drehen scheint. „Pornografisierten Backlash“ nenne ich das!
    Bequem für die Männer, sehr schlecht für die Frauen und ihre Orgasmen.

  7. Ich möchte mich dem auch anschließen, was Charybdis, Yvonne und Gabypsilon zur männlichen „Fachkompetenz“ bzgl. weiblicher Sexualität schreiben. Etwas zu beurteilen, was man(n) gar nicht wissen kann, ist schon „mutig“.
    Ich fand es auch schon immer suspekt, wenn Männer Gynäkologen werden (ich würde da nie hingehen). Yvonnes Methode des Perspektivechsels wende ich auch immer an, wenn ich mich versichern will, ob etwas merkwürdig ist oder nicht. Ich zumindest kenne keine Urologin, die den Männern den ganzen Tag am Schw*** rumfummelt.

  8. Gabypsilon

    Urologen fummeln ja nicht den ganzen Tag an den Schwä**** von Männern, sondern gehen noch andere Wege, wenn es um die Untersuchung der Prostata geht. Davor haben die meisten Männer große „Berührungsängste“. Anale Penetration von ihren Partnerinnen zu verlangen, macht ihnen hingegen keine Probleme.
    Ich wage außerdem mal die Behauptung, dass die Mehrzahl der Männer schlechte Liebhaber sind. Immer noch einfallslos, unsensibel, ungebildet und schlecht informiert, favorisieren sie, gestützt durch die Pornofizierung, den „Bonobo-Sex“.

  9. Gabypsilon

    @Charybdis: Bonobos sind Affen, den Schimpansen ähnlich. Aggressionen und Stress begegnen sie mit häufigem „Sex“. Es gibt etliche Videos darüber auf youtube. Bemerkenswert ist, wie häufig die Videos angeklickt wurden, die meisten männlichen Kommentare dazu sprechen für sich.

  10. Bonobos – sind das nicht diese lustigen matriarchalen Zwergschimpansen? Ich dachte, die Weibchen geben da beim Sex den Ton an? Oder verwechsle ich das was.

  11. Gabypsilon

    Eine Freundin schrieb mir neulich:“ Beim landläufigen Sex müssen weder Frauen noch Männer besonders viel können. Auch wenn es hart klingt, aber man die Anforderungen, die man an kopulierende Haustiere stellt, sind in etwa gleich. Ich bezeichne das deshalb auch als „Schweinesex“ und tue diesen geselligen Tieren damit eigentlich Unrecht. Was können die dafür, dass Menschen sogar den Sexualtrieb industrialisieren.“ In diesem Zusammenhang fielen mir die Bonobos ein und ich dachte mir, ihnen würde mit diesem Vergleich kein Unrecht zugefügt.

  12. Sarah Kim

    Den Umkehrschluss zum -feucht werden bei Penetration – finde ich am schrecklichsten. Es ist ein Schutz der Schleimhäute, den wir auch benötigen wenn wir penetriert werden wollen, eine Reaktion die uns Lust empfinden lässt weil sie verhindert dass die Haut aufscheuert. Wie kann Mann und durch die Verbreitung dieser Behauptung auch Frau, so einen bescheuerten „Umkehrschluss“ ziehen. Unsere Schleimhäute sind überall feucht weil sie sensibel sind, das ist doch genial das unsere Vagina so eine + Reaktion evolutionär hervor bringt.
    Jetzt interpretier ich mal: vielleicht ist es nur ein Zeichen des Willen des Menschen – Kater sind so pervers und haben Wiederhaken an ihrem Glied entwickelt im Laufe der Evolution.
    Also, in einem feministischen Block solche Thesen zu verbreiten ist echt unverschämt und antifeministisches Gleitmittel.
    Der Kritick am Autorengeschlecht stimme ich ebenfalls zu!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.