Die Wolfsfrau in uns

Polarwolf, Canis Lupus Arctos

By Gunnar Ries (Own work (own photo)) [CC BY-SA 2.5], via Wikimedia Commons

Die Welt, in der wir leben, ist eine der männlichen Ratio. Alles Widersprüchliche, in Worten und Kategorien nicht Erfassbare wurde mit Hilfe der Wissenschaften aus ihr verbannt. Es sind eben jene Wissenschaften, die versucht haben, aus der gesellschaftlichen Unterdrückung der Frau eine logische Notwendigkeit zu machen, da Frauen kleinere Gehirne haben oder durch ihre Gebärmutter am klaren Denken gehindert seien. Bis heute erweist die Wissenschaft den Frauen einen solchen Bärendienst, denn jede noch so schwachsinnige Vorstellung lässt sich mit der richtigen Studie belegen. Doch bevor es die Wissenschaft gab, wurde Wissen bereits über Jahrtausende weitergegeben, in mündlicher Form. Es war das uralte Erfahrungswissen über das Leben und die Natur, und den Zyklus des menschlichen Lebens in ihr. Doch weil dieses Erfahrungswissen nicht wissenschaftlich belegbar ist, weil es dunkle und unzähmbare Elemente des Menschseins enthielt, wurde es diffamiert, seiner Wahrheit beraubt und in den Bereich der Fantasie verschoben. Während indigene Völker bis heute sehr viel Kraft aus den Geschichten ihrer Vorfahren ziehen, sind für uns Märchen im besten Fall Unterhaltung. Doch Märchen sind keine simplen Kindergeschichten. Sie enthalten symbolhafte Botschaften, die die zentralen Bereiche des Lebens ansprechen – und gerade durch die Verschlüsselung ihrer Botschaften finden sich in Märchen die Spuren der uralten Geschichte der Weiblichkeit, verborgen vor der Vernichtungswut der Männer und ihrer Wissenschaft.


Clarissa Pinkola Estés ist Traumatherapeutin. Sie arbeitete schon früh mit Kriegsversehrten und Angehörigen von Verbrechen. Dabei war sie auf der Suche nach stärkenden Elementen, die den Betroffenen helfen können, das Erlebte seelisch einzuordnen und zu verarbeiten. Die Erfahrung dieser Menschen steht außerhalb der gesellschaftlichen Normalität – und dennoch sind sie nicht allein mit ihr. Die Verbindung zum kollektiven Erfahrungsschatz der Menschheit in Bezug auf Krieg, Trauer und Verlust fand Estés unter anderem in Märchen und Folklore. Gemäß der Psychoanalyse nach Jung zeigen sich in den tradierten Geschichten Archetypen, die symbolhaft für innere Zustände und Prozesse stehen. Märchen und Folklore sind ein gemeinsamer Erfahrungsschatz, der entscheidend für die gesamtgesellschaftliche Identität und das Wertesystem ist, sie bewegen sich zugleich außerhalb nüchterner Gesetzestexte und Abhandlungen, sie sind über Jahrhunderte und Jahrtausende gewachsen, haben sich verändert, wurden mündlich weitergegeben, ergänzt und enthalten so das Erfahrungswissen von Generationen in konzentrierter Form. In der Wissenschaft ist kein Platz für dieses Erfahrungswissen, es wird als Aberglauben abgetan, als primitiv bezeichnet. Und dennoch ist die Faszination für Märchen ungebrochen – noch heute gehören sie zum Standardrepertoire jedes Kinderzimmers.

Diese Kraft wollte Estés für ihre von Kummer und Schrecken gezeichneten Patienten anzapfen.
Im Laufe ihrer Arbeit entdeckte sie  dabei, dass die männliche Rationalisierungswut auch vor den Märchen nicht Halt gemacht hatte. Bevor diese in der uns heute geläufigen Form aufgeschrieben wurden, wurden sie ihrer starken weiblichen Elemente beraubt. Seit über dreitausend Jahren sind es Männer, die aufschreiben, Chroniken führen, festlegen und kathegorisieren. Es ist ihr Blick, den wir von der Bibel über das Mittelalter bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts finden, als die Frauen langsam ihre Stimme fanden. Kein Wunder also, dass die Männer, als sie sich daran machten, die Märchen niederzuschreiben, diese zähmten. Sexuelle Elemente wurden daraus verbannt und aus den weisen Frauen der Vergangenheit wurden bösartige Hexen, so dass die Erzählungen wieder in das zeitgenössische Weltbild passten. Doch die Macht dieser Geschichten lässt sich nicht vollständig tilgen.

Clarissa Pinkola Estés hat es sich zur Aufgabe gemacht, die wilden und weisen Frauen in den Geschichten wiederzufinden und ihre Botschaften wieder sichtbar zu machen. Dabei erkannte sie, dass mit der Zähmung der Märchen auch eine Zähmung unseres eigenen Wesens einhergeht, eine Trennung von der Natur und der Verbundenheit mit der Welt, unseren eigenen, wilden und ursprünglichen Anteilen. Schon immer fürchteten sich Männer vor der „Natur“ der Frauen, ihrer Sexualität, ihrem Zugang zu tieferen Gefühlsebenen. Aus dieser Furcht wurde Hass und Diskriminierung, beides haben Frauen für sich internalisiert und in Selbsthass verwandelt. Frausein ist heute keine Kraftquelle mehr, es ist das Gefühl von Mangel und nicht genug sein. Doch gerade die Märchen und die in ihnen enthaltenen Botschaften können Schlüssel dafür sein, in der Natur des Frauseins ein Ort unerschöpflicher Energie zu finden.

Wir alle sind von einer Sehnsucht nach wilder Ursprünglichkeit erfüllt, aber es gibt kaum ein kulturell akzeptiertes Mittel, dass diese Art von Heißhunger stillt. Man hat uns Scham vor diesem Verlangen anerzogen und so haben wir gelernt, unsere Gefühle hinte langen Haarmähnen zu verbergen. Aber ein Schatten der Wilden Frau verfolgt uns bei Tag und auch bei Nacht. Wo wir auch hingehen, ein Schatten trottet hinter uns her – und immer einer auf vier Beinen.“

Das schreibt Estés im Vorwort zu „Die Wolfsfrau – die Kraft der weiblichen Urinstinkte“, in dem sie sich auf Spurensuche begibt nach jenen verschütteten Elementen der wilden Frau in Märchen und Geschichten. Die Wolfsfrau nennt sie diese wilde Frau deshalb, weil sie im Laufe ihrer Arbeit viele Wesensverwandtschaften zwischen jenen Tieren und der wilden Frau entdeckt hat. Nicht zufällig werden Wolfsrudel von Weibchen angeführt, gelten Wölfe als klug, loyal, liebevoll zu ihrem Nachwuchs, mutig und mystisch.

Estés hat Geschichten aus der ganzen Welt zusammengetragen und aus ihnen das Wissen über die weiblichen Urinstinkte herausgeschält. Da ist La Loba, die „Knochenfrau“ der Pueblos, die mit ihrem Gesang Tote wiederauferstehen lassen kann, die für das uralte Seelenwissen in allen Frauen steht.

Die Weise Alte existiert in jeder Frau. Sie bewohnt den Raum in unserer Psyche, wo das Instinktive, das noch Ungezähmte und wilde Selbst, in den bewussten Verstand übergeht. Ihr Zuhause ist der Punkt, an dem das „Ich“ und das „Du“ miteinander verbunden sind, wo der Geist einer Frau in Gestalt einer Wölfin der Freiheit entgegenstrebt

erklärt Estés. Eindrucksvoll ist auch die Geschichte von König Blaubart, der sich als Charmeur gibt, und doch im Keller die Leichen seiner ermordeten Ehefrauen aufbewahrt. Die Jüngste der drei Schwestern, begibt sich mit einem Schlüssel auf die Suche nach der Wahrheit über diesen Mann und übertritt das von ihm ausgesprochene Verbot, einen bestimmten Teil des Schlosses zu besuchen. Blaubart steht symbolhaft für den Ausbeuter, Unterdrücker, die Ausüber häuslicher Gewalt, den emotionalen Gewalttäter, den Täter im Inneren. Nur wer die Kraft hat, sich der Wahrheit über ihn zu stellen, kann ihn überwinden. Jedes Element der Geschichte hat dabei eine besondere Bedeutung. Das russische Märchen über Vasalisa, die Weise, erzählt von der Einweihung der Frau in das Reich des intuitiven und überlieferten Wissens, die Geschichte vom hässlichen Entlein berichtet vom Unangepaßtsein und dem inneren Exil, von Mutterschaft und Emanzipation, die Geschichte von den „Tanzschuhen des Teufels“, aus dem Andersen „Die roten Schuhe“ machte, in dem ein Mädchen mit den roten Schuhen die Entrüstung der ganzen Gemeinde auf sich zieht, und die verzauberten Schuhe sie zwingen, zu tanzen, bis man ihr die Füße abhackt. Die roten Schuhe stehen unverhohlen für die beginnende sexuelle Aktivität, die durch die gesellschaftliche Norm unterdrückt und schließlich brutal abgetötet wird. Die Geschichte von der Frau, die sich in einen Seehund verwandelt, findet sich unter den nordischen und keltischen Völkern, sie steht symbolhaft für die Kraft der Transformation. So finden sich zahlreiche weitere Geschichten von den indigenen Völkern Afrikas und Nordamerikas bis zu den lange verschütteten Geschichten der Assyrer und Griechen, die unter psychoanalytischen Gesichtspunkten auf ihre Botschaften von Frauen und für Frauen untersucht werden. Ein großartiges Buch, das mehr als einmal gelesen werden möchte und eine kraftvolle Inspiration für die Reise zu sich selbst und zu der Wolfsfrau in uns.

Clarissa Pinkola Estés: Die Wolfsfrau – die Kraft der weiblichen Urinstinkte. Wilhelm Heyne Verlag München 1993

2 Kommentare

  1. „Nicht zufällig werden Wolfsrudel von Weibchen angeführt“ -> Bei Wölfen gibt es ein Alpha-Paar (ein männliches und ein weibliches Individuum), kein einzelnes Alpha-Weibchen. Abgesehen davon ist die jahrzehntelang vertretene Behauptung, dass ein Wolfsrudel strikt hierarchisch sei, mittlerweile widerlegt.

  2. Geachtete Frau auf der Suche zu uns selbst machen wir oft den Fehler, das andere Land, eine andere Kultur, eine andere Generation, einen anderen Menschen oder das andere Geschlecht als eine Konstante zu betrachten. Das ist aber nicht so und kann gar nicht sso sein, weil alles, was sich begegnet, miteinander interagiert und sich laufend beeinflusst uund verändert. Ich glaube nicht, dass der Mann prinzipiell Angst von der Frau hat und geplant hat, sie zu unterdrücken. Ich glaube viel mehr, dass er auf sie abfährt und sich nach ihr sehnt um mit ihr Erfahrungen zu machen und vieles mehr. Ich glaube der Mann hat genauso seine wahre Natur eingebüßt in Laufe der Jahrtausende, wie die Frau und ist zahm geworden. Gemeinsam müssen sie, wieder den Weg daraus finden.

  3. Athanassios, ich glaube es gibt alles. Ich glaube es gibt Männer die Angst vor Frauen haben und es gibt Männer die keine Angst haben (ich hab das auch schon erlebt, dass ich in meiner Sexualität und Lust abgewertet wurde. Das hat in meinen Augen bei den betreffenden Männern massiv mit Angst zu tun gehabt. Angst davor sexuell nicht gut genug zu sein. Ich möchte das jetzt nicht detaillierter darstellen). Und das auch Männer unter der Unterdrückung der Frauen leiden bemerke ich auch immer wieder. Auch sie haben durch das Streben hin zu immer mehr Sicherheit und dem Aussschalten aller Unwägbarkeiten an Lebendigkeit eingebüßt. Ein Freund hat sich letztens beschwert, dass so viele Frauen so sehr mit sich selbst beschäftigt sind und mit deren Missbrauchserfahrungen. Oder das so viele Frauen in der Stadt nicht flirten, sondern Blickkontakt meiden. Es gibt eben alles.

    Beide Geschlechter müssen für einen Ausweg kämpfen. Trotzdem glaube nicht nur ich, dass es eine Zeit gab (der Umbruch vom Matriarchat (matrilineale Gesellschaften) hin zum Patriarchat) in der die Frauen systematisch unterdrückt wurden. Es gibt dazu auch ein Zitat um etwa 300 n.Chr von einem Mann der sagte man dürfe Frauen nicht auf Augenhöhe haben, da sie sonst schnell den Männern überlegen werden würden. Der Umbruch hat etwa zeitgleich mit der Entwicklung der Schrift stattgefunden. Was für mich nicht heißt, dass es nicht vor den Sumerern schon Schrift gab. Es gab schon viele Bücherverbrennungen in verschiedenen Zeiten und Völkern. Was die Veränderung betrifft, so zweifel ich daran, dass sich Dinge zwischen den Geschlechtern schnell verändern. Da habe ich eher das Gefühl es geht sehr zäh voran. Ich glaube eher es gibt einfach ein paar positive Ausnahmen (Personen an der Macht gehören da nicht unbedingt dazu). Und dann gibt es ein paar Leute die versuchen das Geschlechterverhältnis schön zu reden und die „Problemfälle“ als Ausnahme zu deklarieren. So wie die Kirche ihre Missbrauchsfälle versucht als ein paar „faule Äpfel“ zu deklarieren.

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