“Down girl” – die Logik der Misogynie

“Misogynie” ist ein sperriges Wort. In “Two and a half men” machen sie sich darüber lustig. Es ist Griechisch und bedeutet “Frauenhass”. Die amerikanische Philosophin und Autorin Kate Manne hat sich mit der Logik von Misogynie beschäftigt. “Down Girl: The logic of misogyny”, erschienen bei Oxford Press, analysiert, was Misogynie ist – und warum sie gegenwärtig sogar erstarkt.

Misogynie ist nicht der Hass gegen alle Frauen. Wenn Frauen sich im Patriarchat angepasst verhalten, gibt es gar keinen Grund für Männer sie zu hassen. Sie sind nützlich und machen den Männern das Leben angenehm, ihre Leistung ermöglicht überhaupt erst das Zusammenleben in einer neoliberalen und kapitalistischen Gesellschaft. In ihrer Nutzbarkeit liegt aber auch die Wurzel des Frauenhasses. Dieser richtet sich explizit gegen jene Frauen, die gegen die patriarchale Werteordnung und die eigene Ausbeutung aufbegehren. Im Patriarchat sind nur Männer Menschen, wenn Frauen als Menschen wahrgenommen werden wollen, fühlen sich Männer angegriffen, das hat schon Simone de Beauvoir festgestellt. Das erklärt auch, warum sich zum Beispiel Trolle im Internet an Frauen abarbeiten, die sie gar nicht kennen, sie haben das Gefühl, dass das widerständige Verhalten der Frauen ein Angriff auf sie selbst ist.

Kate Manne zeigt auf, dass Sexismus und Misogynie nicht das Gleiche sind. Sexismus sind die Wert- und Normvorstellungen der patriarchalen Unterdrückung, Misogynie aber ist dessen Exekutive. Der Frauenhass bestraft Frauen für ihr abweichendes Verhalten und Aufbegehren von der verbalen bis zur tatsächlichen Gewalt. Er ist keine Sache Einzelner, sondern diese Einzelnen treten als Agenten eines kollektiven Frauenhasses auf, vom hasserfüllten Kommentator bis zu Hassverbrechen wie den Isla Vista Morden. Die Gesellschaft wird derweil nicht müde werden, entschuldigende Erklärungen für dieses Hass zu finden, die vor Hohn gegenüber seinen Opfern nur so triefen. “Der arme, zurückgewiesene Mann” ist indes nur eine euphemistische Umschreibung dafür, dass Männer mit einer selbstverständlichen Erwartung an Frauen herumlaufen.

“Down Girl” ist ein sehr kluges und hochanalytisches Buch, meine favorisierte feministische Lektüre für dieses Jahr. Ich hoffe, dass bald eine deutsche Übersetzung erscheint. Es ist zugleich aber auch ein sehr pessimistisches Buch, voller Trauer über die Niederlage von Hillary Clintons, die nach Manne vorhersehbar war, und der Feststellung, dass der Kampf gegen Misogynie diese sogar noch intensiviert. Je mehr Frauen sich der ihnen zugewiesenen Rolle im Patriarchat widersetzen, umso stärker wird der Hass gegen sie, gesellschaftlich toleriert und sogar gewünscht. Frauen sollen so wieder in die Spur gebracht werden, denn ihr Widerstand rüttelt an den Grundfesten unserer Gesellschaft. Ein misogyner Backlash ist die Folge und die bittere Erkenntnis: Das Abstreifen unserer Fesseln wird mit harten und existenziellen Kämpfen verbunden sein, die Frauen überall auf der Welt schon heute mit ihrem Leben bezahlen. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Je mehr wir fordern, umso stärker wird uns der Hass entgegenschlagen.

14 Kommentare

  1. Liebe Mira,

    danke für Deine Rezension!

    Ich habe 2 Gedanken, die ich zur Verfügung stellen möchte:

    1) Misogynie sei nicht der Hass gegen alle Frauen, schreibst Du, sondern nur gegen jene Frauen, die gegen patriarchale Muster aufbegehren.
    Meine Auffassung ist hingegen, dass mit Misogynie die grundsätzliche, allgemeine, gegen jede Frau gerichtete Abwertung, Benutzung, Verächtlichmachung, Frauenfeindlichkeit, im Extrem auch Hass, bezeichnet werden sollte. Sonst fehlt uns da ein entsprechendes Wort.
    Sicher werden nicht alle Frauen von allen Männern gehasst, aber die grundsätzliche Frauenfeindlichkeit finden wir zutiefst auch den Frauen gegenüber, die das Patriarchat mitmachen und unterstützen, sie trifft alle Frauen.
    2) Hilary Clinton ist eine der Frauen, die an exponierter Stelle die militanteste Seite des Patriarchats umgesetzt hat. Sie ist als Mitglied der amerikanischen Administration für das Leid und den Tod von vielen, vielen Frauen verantwortlich. Sie hat das Ungeheuer Patriarchat mit Waffen und Kriegen gefüttert. Weltweit.
    Für mich gilt feministische Menschlichkeit nicht nur für die Frauen -der meist weißen- Mittel- und Oberschicht der entwickelten Industrienationen.
    Für mich gilt sie für jede Frau auf diesem Erdball und dies bedeutet für jede Frau als erstes, in Frieden leben zu können.

    Alles Gute

    Falk

  2. Bri Lunzer-Rieder

    Ja.

    Das stimmt.

    Leider (Göttin) …
    !

    Gegenstrategie; sich untereinander endlich besser zu vernetzen. Verbindliche Bündnisse eingehen.
    Und; dann auch mal Sanktionen vergeben. anfangen.
    Z. B. an misogyne Helferlinge, die aus Steuergeldern bezahlt werden…
    Und hier dann auch nicht an Kritik an weiblich verkörperten Gegnern von echter, normaler Gleichberechtigung zurückschrecken. Lassen. `Nur`, weil`s auch Frauen sind. Z. B.

  3. Ich widerspreche der Theorie dass angepasste Frauen von der Misogynie nicht betroffen sind. Im Patriarchat trifft die Misogynie jede, auch wenn sie die Mutterrolle für die Männer übernimmt, die Bedürfnisse der Männer befriedigt und ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellt. Aber gerade besonders feminin sozialisierte und angepasste Frauen gehen maskulin sozialisierten Männern auf die Nerven, da patriarchale Männer ihre männliche Identität als den Gegensatz zur negativ bewerteten Weiblichkeit begreifen und sich um jeden Preis gegen das Weibliche abgrenzen wollen.

    Beispiel: Prostituierte tun was Männer wollen, perpetuieren das Patriarchat und werden trotzdem mit dem blanken Hass der Männer konfrontiert. Das gleiche gilt für Mütter, die bekanntlich an allem Schuld sind, obwohl sie sich für die Familie aufopfern und ihre eigenen Bedürfnisse unterdrücken. Weil es einfach unmöglich für einen Menschen ist vollkommen Bedürfnislos zu sein. (Die Hure und die Madonna sind kein Gegensatz, denn beide Stereotypen gegen auf das gleiche patriarchale Frauenbild zurück, nachdem die Frau zur Bedürfnisbefriedigung des Mannes existiert und keine eigenen Bedürfnisse hat.)

    Männer hassen Frauen, die nicht dem Schönheitsideal entsprechen (wollen), unangepasst sind und somit als nicht fickbar eingestuft werden. Und Männer hassen Frauen, die dem Schönheitsideal entsprechen, angepasst und fickbar sind. Männer empfinden es nämlich als Machtverlust, wenn Frauen sexuelle Emotionen in ihnen auslösen, und projizieren ihre eigene Herrschsucht auf die Frauen. Anpassung ist also keine Methode um der Misogynie im Patriarchat zu entgehen.

    Okay, ich glaube nicht dass alle Männer so sind, aber ich muss gestehen dass ich noch keinen kennengelernt habe der nicht so ist. Traurig aber wahr.

  4. Bitte schnell übersetzen (lassen), danke, Mira, dafür und auch für euer Buch.
    Den Kommentaren kann ich mich anschließen. Tolle Feministinnen tummeln sich hier… Balsam für die Seele.
    Gestern habe ich eine Arte-Dokumentation über den millionenfachen Frauenstreik am 8.März, ausgehend von Spanien, gesehen. Sehr ermutigend.

  5. @Charybdis: Genau so ist es. Keine Ergänzung mehr nötig. Es ist krankmachend und schizo im Patriarchat eine Frau zu sein, da Männer so oder so etwas zum Meckern haben. Ich finde, die sollen endlich SCHWEIGEN, denn sie haben schon genug Unheil angerichtet.

  6. Käsestulle

    “Prostituierte tun was Männer wollen, perpetuieren das Patriarchat und werden trotzdem mit dem blanken Hass der Männer konfrontiert.”

    Sehr gutes Beispiel. Ich habe manchmal sogar den Eindruck, dass die angepassten Frauen für ihre Schwäche, nicht aufzubegehren, noch mehr gehasst werden. Die haben schon verloren, die anderen haben wenigstens gekämpft.

  7. Gabypsilon

    @Charybdis: Deinen Worten kann ich mich nur anschließen.

  8. sternenfrau

    das tut gut zu lesen, das es Euch alle noch gibt. zum text und kommentaren
    ist nichts mehr zuzufügen außer: es hat keinen zweck, das patriarchat
    muß weg…. ich würde es sooo gerne noch sieleben.

  9. Die älteren Männer, die in langjährigen Partnerschaften leben, sind die besten Männer.
    Sie wertschätzen ihre Frau oft über alles und strahlen eine Zufriedenheit aus, die man
    bei jüngeren Männern (unter 60) oft vermisst. Sie sind auch sehr umgänglich und freund-
    lich, dass man sich gerne mit ihnen unterhält. Kann es sein, dass das Testosteron die jüngeren Männer so aggressiv macht? Wenn ja, dann ist es eine Sch….ß-Erfindung der Natur.
    Ich als Frau Anfang 50 habe in meinen Beziehungen erfahren, dass viele Männer große
    Probleme mit ihrer Sexualität haben, aber es selber nicht verstehen und nicht verstehen wollen.
    Als Frau schlägt man sich ständig mit den Problemen des Mannes herum, ich denke daran,
    später, wenn ich noch älter bin, lieber alleine zu bleiben.

  10. Gabypsilon

    @Bärbel: Eine meiner Freundinnen hat nahe eines Straßenstrichs gewohnt, hatte sozusagen einen Logenplatz. Unter den Prostituierern waren ALLE Altersklassen vertreten. Nach Feierabend kamen auch vielfach Familienväter mit ihren Familienkutschen, nebst Kindersitz auf der Rückbank, um, bevor sie zu ihrer wertgeschätzten Frau und den lieben Kleinen entspannt heimkehren, noch schnell einen wegzustecken.

    Welche von den “besten Männern” glaubst Du, spielen mit offenen Karten gegenüber ihrer Partnerin, Ehefrau? Und wie viele Frauen ahnen oder wissen von der Pornographie Leidenschaft und/ oder davon, dass ihre Zufriedenheit ausstrahlenden Männer, prostituierte Frauen gegen Geld vergewaltigen? Dass viele Männer Probleme mit ihrer Sexualität haben, ist hinlänglich bekannt und deshalb für uns nicht selten sogar lebensgefährlich. Damit und mit den übrigen Problemen “schlagen” sich viele Frauen seit wie viel Jahrtausenden herum? Verlieren dabei ihre Bedürfnisse und sich selbst aus den Augen?
    Unsere Mütter mussten noch ihre “ehelichen Pflichten” erfüllen. Hatten nicht selten Vereinbarungen mit ihren wertschätzenden Männern, sich an einem festgelegten Tag, gegen ihren Willen *icken lassen zu müssen. Oder, um dem aus dem Weg zu gehen, litten sie spontan unter Migräne..
    Dem Mann war das nicht selten gleichgültig, er strahlte Zufriedenheit aus und war auch sonst umgänglich und freundlich.
    Und heute? Ehefrauen sind zwar gesetzlich nicht mehr dazu verpflichtet, sich gegen ihren Willen von ihrem Ehemann penetrieren zu lassen,das ist kein Scheidungsgrund mehr. Aus Sorge, er könne sie deshalb verlassen oder zu prostituierten Frauen gehen, die Schuld trägt natürlich nach wie vor die Frau, beugt sie sich seinen “Problemen”.

    Nicht wenige Witwen haben zwar die von der Gesellschaft geforderte Trauerzeit absolviert, haben aber danach hinter vorgehaltener Hand bekundet, dass es ihnen noch nie so gut ging, seitdem der “Alte” nicht mehr ihr Leben bestimmt.

    Auch hier gilt, die Geduld* der Frauen, ist die Macht der Männer. Und die sind nach wie vor zufrieden.

    * und nicht nur die Geduld, sondern auch die Fürsorge, die wir ihnen vielfach angedeihen lassen, hat etwas von einem Wirtstier, dass sich von der Energie eines Anderen ernährt und lebensfähig hält.

  11. Gabypsilon

    Korrektur: Nicht unsere Energie und Fürsorge haben etwas von einem Wirtstier. Der Parasit ist der, der davon profitiert.

  12. Bärbel: DenTestosteronspiegel als „verminderte Schuldfähigkeit“ bei jungen Männern akzeptiere ich nicht! (So weit kommts noch…) Und bei älteren oder alten Männern? Brauch sie mir nur als potentielle Puffgänger vorzustellen – alter Mann,blutjunge Prostituierte – da vergehts mir… Ja,wohin mit all dem Männerhass einst so naiver,gutgläubiger junger Frauen? Männer,Ihr habts so bodenlos enttäuschend verschissen bei mir… Und das Ganze nennt sich „Kultur“.

  13. Leider ist parasitismus eine der besten überlebensstrategien und genau deshalb ist der Kampf so hart aus dem wirtstier und parasitenverhältnis des Patriarchats auszubrechen.
    Dann stellt sich die Frage, was ist passiert, dass Männer so aggressiv sind und Frauen hassen? Ich hab mich schon echt viel mit der Geschichte des Patriarchats beschäftigt, aber ich kann es immernoch nicht nachvollziehen, warum Männer Frauen so hassen. Wirklich logisch ist für mich nur, dass sie seit sie wissen, dass sie Teil der Zeugung sind noch mehr Gebärneid haben und den Neid auf die Sexualität der Frau. Deshalb ist es auch immer so ein schwarz weiß denken. Entweder sie ist prüde, oder ne hure. Dazwischen gibt es nix.
    Dass das Buch eher pessimistisch endet – wie sollte es anders? Ein Weg aus diesem dilemma, wie soll der gehen? Ausser, indem wir Frauen uns in große Gruppen organisieren und viele Tote in kauf nehmen, aber dazu sind wir selbst viel zu uneins. Im privaten kenne ich eine andere Frau die ähnlich denkt wie ich. Bei vielen Frauen, denen man mit Patriarchatskritik kommt beißt man auf granit. Die wollen lieber ihr kleines traute, heiles Familchen betüdeln und dann ist es ja so toll, wenn man feststellt, es läuft überall so ähnlich. Dann ist das ja der einzige Weg! So ist es eben!
    @charybdis,ja so ist es.

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