Drei Zimmer, Küche, Porno: Die neue Amateurpornografie

„Deutsche“ Pornos, so sagt man, sind schon immer besonders authentisch und gerne auch mal richtig „versaut“, versaut im Sinne von Urin- und Fäkalspielen. Nach den USA ist Deutschland das Land, das die meisten Pornos produziert und konsumiert. Dabei hat die Pornobranche mehrere einschneidende Veränderungen erfahren. Anfang der 1970er Jahre war Pornografie in Deutschland noch verboten und wurde vor allem aus Dänemark eingeschmuggelt, erlaubt waren nur die „Sexfilme“, die wir auch als „Softpornos“ kennen, wie zum Beispiel der Schulmädchenreport. 1973 wollte der Bundestag eigentlich verhindern, dass immer mehr Pornos unter der Hand gekauft werden und erlaubte die Vorführung in Pornokinos, wenn die Getränke mehr kosteten als der Film selbst, das Pornokino war geboren und wurde später abgelöst von der Videokassette, deren Untergang wiederum durch das Internet eingeläutet wurde. Längst wird der Markt in Deutschland heute nicht mehr von Produktionsfirmen und Pornostars bestimmt, sondern durch rund 50.000 Amateure, die ihre Videos auf Plattformen anbieten.

Der Journalist Philip Siegel beschäftigt sich bereits seit längerer Zeit mit dem Thema Porno. 2010 erschien von ihm „Porno. Reise in ein unbekanntes Land“ und Anfang dieses Jahres „Drei Zimmer, Küche, Porno – warum immer mehr Menschen in die Sexbranche einsteigen“. Zunächst mal muss man Siegel zu Gute halten, dass er sich in der Pornowelt in Deutschland auskennt wie kein zweiter und umfangreich und nach journalistischen Standards recherchiert hat. Seine Recherchen haben nicht nur ihren Weg in das Buch gefunden, es gibt unter www.3zimmerporno.de jede Menge Videos, die er bei den Recherchen zu seinem Buch gedreht hat.

In seiner Erkundungsreise durch den Status Quo der deutschen Pornobranche zeigt Siegel auf, dass inzwischen vor allem mit den Plattformen für Amateurpornodarsteller Geld verdient wird. Den „Kunden“ gefällt, dass sie direkten Kontakt zu den Darstellerinnen haben und in deren Videos sogar mitspielen dürfen. Diese Pornodrehs finden in den heimischen Wohnzimmern oder irgendwo draußen statt, manchmal sogar in angemieteten Räumlichkeiten, es geht um Masse, nicht um Qualität. Siegel betont in seinem Buch immer wieder, wie sehr doch der Siegeszug der Amateurpornografie für die Befreiung der Frauen steht, die sich, zum Teil mit Anfang 50, noch einmal der Auslebung ihrer Fantasien hingeben wollen. Diese Romantisierung des Pornos zieht sich durch sein ganzes Buch. Dass es vor allem Hartz IV Empfängerinnen sind – stört ihn nicht. Dass viele der Frauen eindeutig auch Prostitution anbieten – für ihn kein Problem. Dass die Männer hinter Masken verschwinden, während sie zu 20 eine Frau vollpinkeln – für ihn total ok. Er wird nicht müde immer wieder zu betonen, wie oft die Darstellerinnen am Set kommen und das alles genießen und dass der Porno so auf den Money Shot fixiert ist, liegt für ihn an der weiblichen Anatomie: weibliche Orgasmen sieht man seiner Meinung nach nicht. Deshalb umso schöner, wenn Frauen dann gleich spritzen. Über Gewalt, Sexismus und Ausbeutung im Amateurporno spricht er nicht, viel mehr feiert er auf 265 Seiten, dass wir nun alle zu Darstellerinnen werden können und unsere Sexualität damit endgültig befreit ist.

Wenn alles, was Frauen noch zu Markte tragen können, ihr eigener Körper ist, den sie entweder im Laufhaus oder vor der Kamera verkaufen, wenn sie für Drehs mit 20 oder mehr Männern ein paar hundert Euro bekommen (diese Drehs dauern stundenlang und jeder darf mal dran. Die Männer können sich für ein geringes Entgeld anmelden, manchmal werden gültige Tests verlangt, oft auch nicht) und die Grenzen zwischen Porno und Prostitution endgültig verschwinden, dann ist das kein Grund zum Feiern, dann ist das auch kein Zeichen von Befreiung, sondern nur der Beweis dafür, dass unsere Sexualität immer mehr den kapitalistischen Bedingungen untergeordnet wird. Sich für Geld vollpinkeln zu lassen, bleibt, was es ist: maximale Demütigung, die immer gegen die Frauen geht, die Männer werden weder bepinkelt, noch sind sie in der Unterzahl.

Philip Siegels Buch ist wegen der enthaltenen Infos und der sehr guten Recherche empfehlenswert. Viele Punkte Abzug gibt es für seinen intellektuell-männlichen Zynismus, der, anstatt in der beobachtenden Perspektive zu bleiben, Partei ergreift für den Porno und seine kapitalistische und misogyne Struktur und in seiner ständigen Beweisführung, wie toll doch die Frauen das alles finden, allzu leicht in das Lächerliche gerät.

2 Kommentare

  1. Seit ca. 7000 Jahren, dh. seit der Übernahme der Welt durch das Patriarchat, beten die Männer ständig herunter, wie doch die Frauen die eigene Unterdrückung und Ausbeutung und den männlichen Rein-Raus-Sex geniessen. (Angeborener Masochismus oder so!) Gähn! Seit 7000 Jahren nichts Neues unter der Sonne. Das laute Schweigen der Frauen und das Wegschauen, Mittun und Beschwichtigen sind jedoch neu und absolut unerträglich.

  2. Lautes Schweigen, Wegschauen, Mittun und Beschwichtigen durch Frauen sind nicht neu, gab es schon immer, sind absolut unerträglich. Der Bereich (Porno) ist neu. Bei „sonstiger“ sexueller Gewalt ein altes Muster.

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