“Ein sauberer, gut beleuchteter Raum”: Future Sex – die sexuelle Zukunft der Frauen

Emily Witt ist Journalistin, sie schreibt unter anderem für die New York Times und den New Yorker. Sie hat sich mit ihrem ersten Buch eine ehrgeizige Aufgabe vorgenommen: sie will den zukünftigen Sex insbesondere der Frauen untersuchen.

Das Cover von “Future Sex: Wie wir heute lieben – ein Selbstversuch” kommt seltsam reißerisch daher, auch wenn der Verlag Suhrkamp Nova bereits erahnen lässt, dass mehr dahinter steckt. Emily Witt wird ihrer Aufgabe gerecht. Mit großem literarischen Geschick beschreibt sie ihre eigene Suche nach Antworten auf die Fragen: Was für einen Sex will ich und was bestimmt ihn?

Sie beschäftigt sich mit Online-Dating, Hardcore-Pornos, Polyamorie und dem Burning Man und das alles tut sie als weiße, privilegierte Frau in den USA, deren hippe Freunde in San Francisco bei Google arbeiten und für die der Burning Man der Inbegriff von Freiheit und Selbstfindung ist. Hin und wieder hat mich das beim Lesen gestört, doch ihr geling es immer wieder, sich selbst zu reflektieren. Im englischsprachigen Raum hat das Buch für einige Aufmerksamkeit gesorgt, bei uns mag sich für die deutsche Übersetzung wohl (noch) so niemand wirklich interessieren, doch ich hoffe sehr, dass sich das ändert.

Emily Witts Buch ist ein besonderes, denn es ist weder feministisch, noch kommt es als plumpe Porno-Apologetik herbei. Im Gegenteil hat mich ihr Kapitel über “Public Disgrace” besonders gepackt, zum einen, weil sie die Komplexität von Porno und seine Verknüpfungen mit unserer Sexualität gut abbildet, zum anderen, weil sie eben auch zeigt, dass unserer Gesellschaft Porno und Feminismus in einer Vielzahl von Verbindungen stehen:

“Die Wut des Frauenhasses des amerikanischen Mannes ist ein erstaunliches Phänomen, ein Naturwunder für sich, wie ein Geysir in einem Nationalpark. Aber es hatten den Feminismus und seine Erklärungen gebraucht, dass Knebel, Ohrfeigen und Verhöhnung in Pornos frauen- und feminismfeindlich seien, um deren Tabus zu verstärken. Ohne Katholizismus keine Nonnenpornos. Ohne Feminismus kein Public Disgrace.”

Mir haben an Emily Witts Buch gleich mehrere Dinge gefallen. Sie schreibt großartig, voller Witz und schriftstellerischem Geschick. Jenseits vom Inhalt ist ihre Schreibe (und die Übersetzung) ein Genuss. Sie hat sich aber auch einem uralten Thema ganz neu genähert, ohne am Ende einfache Lösungen anzubieten. Wir alle bekommen ständig erzählt, wie sexuell befreit wir doch alle sind, aber was wir Frauen mit dieser Freiheit anfangen, die eben auch ihre Stolperfallen hat, sagt uns niemand. Der Feminismus bringt die Kritik an patriarchalen Institutionen, seine einzige Antwort darauf aber ist die Verweigerung, die am Ende doch nur wieder darauf hinausläuft, dass Frauen ihre eigene Sexualität zurückstellen – weil unsere Sexualität eben ein Abbild unserer Gesellschaft mit all ihren Werten ist. Es ist an der Zeit, über eine zeitgemäße weibliche Sexualität nachzudenken, die sich eigene Grundlagen gibt. Emily Witt hat mit diesem Buch einen ersten wichtigen Schritt dorthin getan und ich glaube fast, dass man erst in zehn Jahren die Bedeutung ihres Buchs erkennen wird, wenn längst erreicht ist, was sie noch so vorsichtig erkundet: Frauen haben guten Sex.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.