Eine von uns: “Oh, Simone!” von Julia Korbik

Über Simone de Beauvoir wird viel gestritten unter Feministinnen. Manche sagen, sie sei überholt, andere, sie sei “mütterfeindlich”. Alice Schwarzer begegnete Simone de Beauvoir ab 1970 immer wieder und setzte der französischen Feministin und Vordenkerin in vielen Texten ein Denkmal, trotzdem gerät Simone de Beauvoir immer wieder in Vergessenheit. Aktuell ist mit “Oh, Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten” eine neue Simone de Beauvoir Biografie von Julia Korbik im Rowohlt Verlag erschienen und gehört zu den aktuellen Highlights feministischer Literatur.

Mit viel Hingabe und Mut hat sich Julia Korbik auf Spurensuche nach Simone de Beauvoir begeben, besonders gut gefallen hat mir die Karte von Paris am Anfang des Buches, in der verschiedene Orte, an denen Simone de Beauvoir gewirkt und gelebt hat, eingezeichnet sind, etwa Simones erstes eigenes Zimmer in der Avenue Deufert-Rochereau Nr. 91, wobei natürlich sofort Virgina Woolf vor Augen tritt, die verlangte, jede Frau müsse einen “room of her own”, einen Raum nur für sich haben.


Julia Korbik nähert sich Simone de Beauvoir anders an als viele vor ihr, beschreibt sie nicht als die notorische Gefährtin Sartres, der im Buch nur wenige Seiten bekommt, sondern als Wegbereiterin und Wegweiserin für aktuelle femininistische Fragen. Welche Erfahrungen prägten Simone? Anders als andere Biografen betont Korbik den strengen Vater, dem zugleich etwas Dandyhaftes anhaftetete, die plötzliche Verarmung der Familie, Simones Kampf gegen die Begrenzungen ihrer Zeit. Wissbegierig wird sie immer wieder auf die Ausbildung für höhere Töchter zurückverwiesen und erkämpft sich doch ihren Platz als eine der strahlendsten Denkerinnen ihrer Zeit. Korbik wagt es größtenteils mit Erfolg, Simones Geschichte neu und zeitgemäß zu erzählen, so wird der Text immer wieder unterbrochen durch Einschübe wie “14 überraschende Fakten über Simone Beauvoir” oder “5 Dinge, die Simone hasste” – Überschriften, wie aus einem Blogbeitrag und genau deshalb erfrischend. Manchmal vergaloppiert sie sich auch, wenn sie über Simones Einstellung zum Sex und das revolutionäre Potenzial von “Das andere Geschlecht” und schreibt es sei “nicht gerade 50 Shades of Grey”. Dass Simone de Beauvoirs Verständnis von sexueller Freiheit sich auch nur vergleichen ließe mit dem Hype um die sexuelle Unterwerfung einer Frau, wirkt absurd, aber ist vermutlich der Intention der Autorin geschuldet, Simone de Beauvoir vor allem jungen Frauen zugänglich zu machen.

Julia Korbik arbeitet viele Aspekte heraus, die über Simone de Beauvoir eher unbekannt waren, etwa, dass sie sich am Anfang schwer damit tat, die Bedrohung des Nationalsozialismus für ihre jüdischen Freunde zu erkennen und damit zeit ihres Lebens zu kämpfen hatte. Vor allem aber zeigt sie, wie aus Simone de Beauvoirs Verständnis und Erkennen der Welt, dem unabdingbaren und unbändigen Wunsch nach individueller Freiheit das Buch “Das andere Geschlecht” entstanden ist und wie viel von dem, was Simone de Beauvoir nicht nur schrieb, sondern auch lebte, für uns heute noch Gültigkeit hat. Simone de Beauvoir erkannte mit bis heute einzigartiger Klarheit, welche Beschränkungen Frauen aufgrund ihres Geschlechts auferlegt werden und erkannte in ihnen eine nicht hinnehmbare und vor allem auch durch nichts zu rechtfertigende Einschränkung. Sie dachte, rauchte, stritt und liebte, sie war großzügig, reiselustig und vor allem lebte sie jenseits aller Vorbilder, die die Gesellschaft und ihre Zeit ihr zu bieten hatten.  Anders als wir hatte Simone de Beauvoir niemanden, der ihr als Wegbereiter für ihre Analyse dienen konnte, sie entwickelte diese ganz allein und wurde dafür von ihren Zeitgenossen mit einem Shitstorm überzogen, den sie lächelnd hinnahm. “Frigide” nannte man sie, “nymphoman” und natürlich “lesbisch”, was als Schimpfwort gemeint war. Die 2. feministische Bewegung entwickelte sich erst Jahrzehnte, nachdem “Das andere Geschlecht” erschienen war. In diesem Mut, sich in das Erleben, in völlig neue Erfahrungen hineinzustürzen und das eigene Leben so zu gestalten, wie es ihr gefiel, liegt eine Kraft, die bis in unsere Gegenwart strahlt und die Julia Korbik mit großem Geschick eingefangen hat. Sie arbeitet sich nicht an Simone de Beauvoir ab und erklärt, was an dieser eben alles nicht mehr aktuell ist, sondern zeigt: Simone de Beauvoir war eine Eine von uns und es ist an der Zeit, sie in all ihren Facetten wiederzuentdecken, ihr Werk, ihr Leben und ihr Vermächtnis. Für mich derzeit definitiv eines der gelungensten feministischsten Bücher auf dem Markt.

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