Einzelfälle oder rassistischer Normalzustand? – Deutschland und die WM

"Rassismus führt zum Verlust Ihres Mitgefühls."

Dierk Schäfer via Flickr [CC BY 2.0]

Bereits letzte Woche haben wir auf besorgniserregende Trends im Zusammenhang mit der Fussball-WM hingewiesen, nämlich im Zuge des 7:1 Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen die Seleção (brasilianische Elf). Von „Blitzkrieg“ war die Rede, oder „Vergewaltigung“. Inzwischen gibt es auch den „passenden“ Merchandise dazu (siehe Foto).

Jede*r, der oder die auf rassistische oder nationalistische Ausfälle hinweist, wird von den Fussballfans, die sich den Spass am Sieg der „eigenen“ Mannschaft nicht vermiesen lassen wollen, daraufhin belehrt, dass es sich um „Einzelfälle“ handeln würde und es Spinner schließlich überall gibt. Die Mehrheit sei aber nicht so.

Ein Blick auf Twitter zeigt: Diese „einzelnen Aussetzer“ gab es auch wieder zu Hauf im zeitlichen Zusammenhang mit dem Finalspiel. Bereits im Vorfeld heizte eine unappetitliche Werbekampagne von REWE die Stimmung gegen Argentinien an und veröffentlichte u.a. ein Video bei dem ein argentinisches Steak durch den Fleischwolf gedreht wird. Die Vorfälle während und um das Match herum wurde unter #mobwatch und #schlandunverkrampft gesammelt. Ob „Sieg Heil“-Rufe oder Gesänge, die den „Endsieg“ bejubeln oder konstatieren „wir sind wieder wer“, ob Angriffe und Beschimpfungen gegen Argentinien-Fans oder Überfälle auf linke Kneipen und Projekte: bundesweit wurden solche Zwischenfälle gesammelt. Leider in der Regel wieder von den „üblichen Verdächtigen“, wie zum Beispiel Netz gegen Nazis – in den Mainstreammedien hofft man auf eine kritische Auseinandersetzung leider meistens vergebens. So zum Beispiel bei der Zeit, die bereits kritisch unter die Lupe nahm, was beim Spiel der deutschen Nationalelf gegen Ghana so in den sozialen Netzwerken abging. (Beispiel: „Hoffentlich sterben paar Schwarze mitten auf dem Spielfeld an AIDS“)

Nichtsdestotrotz schreibt beispielsweise die FAZ gestern vom „zarten Patriotismus“ der Deutschen, schweigt sich über die hässliche Seite der WM aus und kommt zu dem Schluss:

Wie stark wir auch sein mögen – vor uns muss keiner Angst haben. Dieses Motto der deutschen Politik seit dem Zweiten Weltkrieg ist bisher erfolgreich vermittelt worden. Auch 2014.

Wie gefährlich der „unverkrampfte Partyotismus“ für unsere Gesellschaft wirklich ist, lässt sich nur erahnen wenn man einen Blick in die Studie des Bielefelder Soziologen Heitmeyer (Institut für Gewalt- und Konfliktforschung) „Deutsche Zustände“ wirft. Heitmeyer hat sich bereits seit vielen Jahren mit dem Phänomen befasst und kommt zu dem Schluss: Die Mär vom ungefährlichen und unverkrampften Patriotismus ist ,,gefährlicher Unsinn, ein Stück Volksverdummung“. Und: Die nach der Fußball-Weltmeisterschaft (2010) befragten Personen waren „nationalistischer eingestellt“ als früher Befragte. Eine Zunahme der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (gegen Muslime, gegen Juden, gegen Arbeitslose, gegen Frauen…) wird festgestellt.

Die Vermutung, dass es sich dabei um eine neue, offene und tolerantere Form der Identifikation mit dem eigenen Land handelt, lässt sich allerdings nicht bestätigen. (Süddeutsche Zeitung)

Der Bezug auf die Nation ist immer ein ausschließender Akt, daran kann auch eine Mannschaft mit multikulturellen Wurzeln nichts ändern. Es geht immer um ein „Wir“ gegen „Die“. Nationalismus ist auch anschlussfähig an einen Nützlichkeitsrassismus, der auf der einen Seite bereit ist Menschen in die Gemeinschaft zu integrieren, denen er einen Nutzen für das Kollektiv zumisst (erfolgreiche Fussballspieler, Akademiker*innen die den Fachkräftemangel abmildern, …), und auf der anderen Seite all jene ausgrenzt, die aufgrund mangelnder Ressourcen, weniger in diesem Sinne beitragen können (siehe auch die unsägliche Diskussion über „Armutszuwanderung“ oder die Abschottung gegenüber Flüchtlingen an der Festung Europa)

Fussballfans und die gesamte Gesellschaft müssen sich mit diesem Problem dringend auseinandersetzen. Es reicht nicht auf „ein paar Spinner“ zu verweisen und festzustellen (oder ohne empirische Grundlage aus einem Gefühl heraus zu behaupten) die Mehrheit habe einfach nur Spass am Spiel: Zum einen weil sich die vielen Vorkommnisse zu einem erschütternden Gesamtbild addieren und zum anderen weil aus einer Minderheit auch ganz schnell eine Mehrheit werden kann, wenn die gesamtgesellschaftliche Stimmungslage kippt. Und um die ist es angesichts eines Rechtsrucks in ganz Europa generell nicht wirklich gut bestellt.

2 Kommentare

  1. Schnorsch Assar aka Aki

    Leute wacht endlich auf!
    Die Diktatur des Kapitals ist am Höhepunkt seiner Karriere und Faschismus und Gleichschaltung sind die Botschaft der kompletten westlichen Welt!
    Aktiengesellschaften sind Assimilationsgesellschaften, Konzerne in der Hand der globalen Finanzmafia die durch juristische Personen unantastbar bleiben und alles und jeden ausbeuten!
    Warum zur Hölle sollte gerade Fußball da eine Ausnahme machen?

    Und? Deutsche FANs sind Patrioten???
    Die Vollhonks stehen da – jubeln einer international zusammengewürfelten Fußball-Elf in den Farben Preußens zu und rufen Deutschland Ole!

    Weist du überhaupt was Patriotismus ist? Frag ich mich da.

    Das sind keine Patrioten das sind degenerierte Medienopfer des Konsum und Wachstum-Modells.

    Gute Besserung
    …und ich scheiß auf Fußball, schmeißt euren Fernseher Weg dann klappts auch wieder mit dem klar Denken!

    LG Aki

  2. @Aki:
    Zitat „Das sind keine Patrioten das sind degenerierte Medienopfer des Konsum und Wachstum-Modells“
    Das ändert aber nichts daran, dass diese Leute von den Mainstreammedien rumgezeigt werden und ihr Tun als „normal“ oder zumindest als „verständlich“ und damit als gesellschaftsfähig dargestellt wird.
    LG

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