Emma Goldman: Der Handel mit Frauen

Emma Goldman

By T. Kajiwara (Library of Congress[1]) [Public domain], via Wikimedia Commons

Die großartige Anarchistin, Friedensaktivistin und Sozialrevolutionärin Emma Goldman hat sich 1917 in einem tiefgründigen und brillanten Essay mit der Prostitution auseinandergesetzt (The Traffic in Women. In: Anarchism and Other Essays – on white slave traffic and prostitution in America). Emma Goldman war eine mutige Kämpferin gegen Hierarchien und Diskriminierungen aufgrund von Herkunft, sozialer Klasse oder Geschlecht – eben jener drei Diskriminierungsmechanismen, die auch in der heutigen Prostitution wirkmächtig zusammenspielen und Frauen in die Prostitution drängen.

Aus dem Zusammenhang gerissene Zitate von Emma Goldman werden gelegentlich von Vertreter*innen des Sexarbeitsansatzes verwendet, um zu suggerieren, dass dieser Ansatz durch Emma Goldman gedeckt sei. Wer ihn aber versucht mit Goldman zu legitimieren, könnte nicht mehr daneben liegen. Emma Goldman war viel zu klug, um sich eine schöne, kuschlige Sexarbeitswelt zu spinnen und die ganze Gewalt in der Prostitution auszublenden, wie Vertreter*innen des Sexarbeitsansatzes es tun.

Schauen wir doch mal wie Goldman Prostitution analysierte.

Prostitution war und ist ein weit verbreitetes Übel. Dennoch schert sich die Menschheit nicht darum, und ist vollkommen gleichgültig gegenüber dem Leid und der Not der Opfer der Prostitution.

Sie sieht die Prostituierten als Spielball der Politik und entlarvt den damaligen Aufschrei gegen die „weiße Sklaverei“ als verlogen. Und sie ist sich sicher, dass sie sich schon bald einem anderen Spielzeug (toy) zuwenden wird.

Zu Recht weist Goldman darauf hin, dass Prostitution nicht moralisch zu kritisieren sei, sondern die wahre Ursache woanders zu suchen ist:

Was ist die wahre Ursache des Frauenhandels? […] Ausbeutung, natürlich. Der erbarmungslose Moloch des Kapitalismus, der den unterbezahlten Arbeitsbereich mästet und damit Tausende von Frauen und Mädchen in die Prostitution treibt.

Goldman beschreibt also die Alternativlosigkeit vieler Frauen und die krasse ökonomische Not als Ursachen für den Einstieg in die Prostitution. Sie stellt fest, dass das absolute Gros der Frauen und Mädchen in der Prostitution der Arbeiterklasse angehören.

Auch zieht sie Parallelen zwischen der Ausbeutung der Frau in der Prostitution und der Ehe:

Nirgendwo wird die Frau nach der Leistung ihrer Arbeit vergütet, sondern immer nach ihrem Geschlecht. Es ist daher fast unvermeidlich, dass sie für ihr Recht überhaupt zu existieren, oder eine Position zu halten, mit Sex bezahlen soll. So ist es nur eine Frage des Grades, ob sie sich nur an einen Mann verkauft, innerhalb oder außerhalb der Ehe, oder an viele Männer. Ob unsere Reformer es nun zugeben oder nicht, die wirtschaftliche und soziale Unterlegenheit der Frau ist für die Prostitution verantwortlich.

Goldman entlarvt auch die Doppelmoral der Kirche, denn diese habe die Prostitution nicht nur stillschweigend toleriert, sondern im 13. Jahrhundert selbst Bordelle unterhalten. Papst Clemens II. habe Prostitution toleriert, sofern die Prostituierten nur einen Teil ihrer Einnahmen an die Kirche abtraten. Und Papst Sixtus IV. baute gleich selbst ein Bordell, welches ihm ein Einkommen von 20.000 Dukaten einbrachte. Heutzutage (also Anfang des 19. Jahrhunderts) mache die Kirche ihre Geschäfte mit der Prostitution nicht mehr so offen, sondern eher hinten rum, nämlich durch die Vermietung von Immobilien zu exorbitanten Preisen.

Goldman sieht die Ursachen für Prostitution jedoch nicht alleine in der Armut (und unterscheidet sich damit von der traditionell marxistischen Position, die davon ausgeht, dass wenn der Kapitalismus überwunden ist die Prostitution von alleine verschwinden würde). Die übrigen Gründe bezeichnet sie als „nicht weniger wichtig und lebendig“ und bezieht sich auf die „Geschlechterfrage“:

Es ist eine Tatsache, dass Frauen als Sexobjekte groß gezogen und in absoluter Unkenntnis über die Bedeutung und Wichtigkeit ihres Geschlechts gehalten werden. Alles rund um das Thema wird unterdrückt, und Personen, die Licht in dieses schreckliche Dunkel zu bringen versuchen, werden verfolgt und ins Gefängnis geworfen. Doch es ist dennoch wahr, dass so lange wie ein Mädchen nicht selbst auf sich aufzupassen weiß, nicht die Funktion des wichtigsten Teils ihres Lebens kennt, wir uns nicht zu wundern brauchen, wenn sie eine leichte Beute für die Prostitution wird – oder jede andere Form einer Beziehung, in der sie zu einem bloßen Objekt für die rein sexuelle Befriedigung degradiert wird. Dieser Ignoranz ist es geschuldet, dass das gesamte Leben und die gesamte Natur eines Mädchens durchkreuzt und verkrüppelt wird. Schon viel zu lange nehmen wir es als selbstverständlich hin, dass der Junge dem Ruf der Wildnis folgt. Das heißt, sobald sich seine sexuelle Natur erhebt, diese zu befriedigen ist. Unsere Moralisten empört alleine der Gedanke, dass ein Mädchen seine natürlichen Ansprüche geltend macht. Für den Moralisten ist nicht so sehr die Tatsache ein Problem, dass die Frau ihren Körper verkauft, sondern vielmehr, dass sie es außerhalb der Ehe tut. Dass dies keine bloße Behauptung ist wird bewiesen durch die Tatsache, dass die Ehe aus monetären Gründen durch das Gesetz und die öffentliche Meinung legitimiert und geheiligt wird, während jede andere Beziehung verurteilt und zurückgewiesen wird. Prostituierte bedeutet, richtig definiert, nichts anderes als „eine Person, die sexuelle Beziehungen einem Profit unterordnet.

[Es ist für die Moralisten wahrlich einen Aufreger wert, wenn sich eine Frau nicht einer Ehe hingibt und ihrem Ehemann kostenlos zu sexuellen Diensten ist, sondern sich an Sex auch noch bereichert, Anm. der Verfasserin]

Emma Goldman: Das gewalttätigste Element der Gesellschaft ist die Ignoranz

Emma Goldman: Das gewalttätigste Element der Gesellschaft ist die Ignoranz

Goldman zeigt kein Verständnis dafür, dass sexuelle Erfahrungen für Männer Attribute einer allgemeinen Entwicklung sein sollen, während ähnliche Erfahrungen für eine Frau schreckliches Unglück und ein Verlust von Ehre bedeuten sollen. Auch diese Doppelmoral hat ihrer Meinung nach einen großen Anteil an der Entstehung der Prostitution. Dadurch, dass man Mädchen in Unwissenheit über Sexualität hält, ihre „Unschuld“ hochhält und ihre eigene Natur unterdrückt, bringt man genau das hervor, was man eigentlich zu verhindern sucht.

Auch wenn es die Bezeichnung damals noch nicht gab, kritisiert sie das „Schlampen-Stigma“, welches jedes Mädchen, das sich außerhalb der bürgerlichen Moral verhält, für immer aus der Gesellschaft ausstößt und sie zu einer Außenseiterin macht. Die Gesellschaft und die Familie schlagen ihr die Tür vor der Nase zu, so sagt sie. Und selbst der gemeinste, verdorbenste und altersschwächste Mann hält sich noch für zu gut, um eine Frau, die für ihn zwar gut genug wäre, um sie zu kaufen, zu seiner Ehefrau zu nehmen.

Mit den Sexkäufern geht sie hart ins Gericht:

Gut fünfzig Prozent der verheirateten Männer sind Stammkunden in Bordellen. Diesem durchschlagenden Faktor ist es zu verdanken, dass die verheirateten Frauen – ja, selbst die Kinder – von Geschlechtskrankheiten befallen sind. Und doch hat die Gesellschaft kein Wort der Verurteilung für den Mann, während kein Gesetz zu ungeheuerlich ist, um es gegen das hilflose Opfer in Bewegung zu setzen.

Gerade diese Zitat macht es so lustig, wenn Vetreter*innen des Sexarbeitsansatzes und Gegner*innen des nordischen Modells sich auf Emma Goldman beziehen. Weder der Fokus auf die Sexkäufer, noch die Bezeichnung der Prostituierten als „hilflose Opfer“ dürfte ihnen gefallen.

Goldman wehrt sich gegen die Einordnung der Prostitution in Amerika als „weiße Sklaverei“, denn die prostituierten Personen seien keine exportierten Europäer*innen, sondern Amerikaner*innen, die durch die Bedingungen in Amerika, wie weiter oben ausgeführt, in die Prostitution gedrängt wurden. Es handele sich also um ein hausgemachtes Problem.

An dieser Stelle setzt Goldman sogar Konsumkritik an. Sie kritisiert eine amerikanische Kultur, die exzessives Konsumverhalten predigt. Denn Konsum braucht notwendigerweise Geld – und dieses Geld kann nicht in Fabriken erwirtschaftet werden. Dieser Konsumdruck schaffe den überfluteten amerikanischen Markt für inländische „Produkte“ (damit sind die Prostituierten gemeint, auch diese Formulierung, die die Objektifizierung von Frauen in der Prostitution deutlich macht, wird Vertreter*innen des Sexarbeitsansatzes wohl eher missfallen). Goldman stellt heraus, dass es auch einen Export amerikanischer Mädchen zum Zwecke der Prostitution gibt.

Goldman spricht sich klar gegen die Kriminalisierung der Prostituierten aus, denn sie ist der Überzeugung, dass dies die Prostitution nicht stoppen wird und die realen Ursachen überdeckt werden. [Warum sollte eine Bestrafung der Prostituierten auch die Sexkäufer stoppen, die diese Frauen eh nur aus egoistischen Motiven heraus benutzen? Wenn die eine nicht mehr zur Verfügung steht nehmen sie sich eben die Nächste, Anm. der Verfasserin]

Emma Goldman endet mit dem Appell, nicht länger die Augen vor der Realität zu verschließen. Prostituierte sollen endlich als Produkt der gesellschaftlichen Verhältnisse erkannt werden:

Eine solche Erkenntnis wird die Haltung der Heuchelei überwinden, größeres Verständnis schaffen und zu einer menschlicheren Behandlung führen. Eine Ausrottung der Prostitution wird nur durch einen vollständigen Wertewandel erreicht werden (insbesondere der moralischen Werte), sowie durch die Abschaffung der industriellen Sklaverei.

Ich denke, nach diesen Ausführungen wird eines deutlich: Für Argumente wie Prostitution sei eine Arbeit wie jede andere auch und es gäbe ja auch andere Jobs, die Menschen nicht gerne machen, hätte Emma Goldman nichts, aber auch gar nichts, übrig gehabt …

5 Kommentare

  1. Goldman war keine „Prostitutionsbefürworterin“. Die Frage ist doch, ob sie für ein Sexkaufverbote gewesen wäre: Nein, wäre sie nicht.

    Ich bin auch keine Prostitutionsbefürworterin und versuche gerade auch herauszufinden, wer das überhaupt sein soll. Die Sexworker-Aktivistinnen, mit denen ich bisher gesprochen haben, sind Menschen, die für ihre Arbeitsrechte kämpfen. Ich bin der Überzeugung, dass a) Prostitution nicht abgeschafft wird, in dem man sie verbietet, sondern dass man damit b) die Bedingungen der Menschen in der Prostitution zumindest nicht verbessert, wenn nicht sogar verschlechtert. Und c) dass es verschiedene Realitäten von Sex, Sexarbeit/Prostitution gibt. Und d) ein Menschenrecht auf ein selbstbestimmtes Leben genau so wichtig ist wie ein Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit, und dass zum selbstbestimmten Leben auch die freie Ausübung der Sexualität gehört.

    Ich möchte kurz diesen Satz von Barbara Kirchner’s neuem, sehr amüsanten Aufsatz „Dämmermännerung: Neuer Feminismus, alte Leier“ (erschienen im konrekt Verlag, Kirchner ist Marxistin) zitieren:

    „Daß die rotgrüne Regulierung der Prostitution nicht, wie Schwarzer und ihr Prominenten suggerieren, deshalb Kritik verdient, weil sie die Prostitution unter den gegebenen Bedingungen kapitalistischer Entfremdung als Arbeit ernstnimmt, sondern weil sie mit dieser Arbeit dieselben Schweinereien veranstaltet, wie mit Arbeit überhaupt, ist der Punkt: Wo immer Sozialdemokraten und andere Reformisten staatlich in irgendwelche Erwerbsmärkte eingreifen, geht es um die Ausdehnung des Arbeitstags, die Senkung der Einkünfte aller, die nicht von ihrem Kapital leben, und den Ausbau von sogenannten Niedriglohnsektoren.“

  2. Hanna Dahlberg

    Der Sexarbeitsansatz ist ein zutiefst neoliberaler Ansatz. Aus libertärer Sicht ist er schlicht nicht vertretbar. Wenn das dir aus Emmas Ausführungen und dem Text der französischen Anarchafeministinnen nicht klar geworden ist, dann kann ich dir leider auch nicht helfen.

    Und in dem Kontext wieder mit Schwarzer um die Ecke zu kommen: Ach wie langweilig. Wenn die Argumente ausgehen, dann muss es eben immer Alice richten, egal ob es passt oder nicht. Alte Leier, in der Tat.

    In the age of information ignorance is a choice – obviously.

    Have a great day anyway

  3. @Stefanie Lohaus: wie vereinbarst du mit deinen Annahmen, dass es so viele Überlebende des Prostitutionssystems gibt, die sich für ein Sexkaufverbot einsetzen? Interessieren dich ihre Meinungen nicht, und wenn ja, warum nicht?

  4. Bei der Abschaffung des Sexkaufs fängt’s an….. aber sollte nicht aufhören. Denn auch auf vielen andern Gebieten wird Frau ausgebeutet, alles im Namen der angeblichen Liiiiieeeeebbbbbeeee!
    Gratisarbeit im Haushalt?
    Vor allem wenn Frau auch noch die Haupt- oder Alleinverdienerin ist…., Care-Arbeit? Putzen, Waschen, Bügeln, Pflegen, Kochen, Erziehen, Aufgabenhilfe, rund um die Uhr DASEIN für die Bedürfnisse ALLER! Mann, Kinder, Chef, alte Eltern, etc. etc. und das bisschen Haushalt erledigt sich nebenbei! Der Sex auch, oder wenn sie nicht mehr mag, weicht MANN halt zu Prostituierten aus. Schliesslich hat ER Bedürfnisse.
    Ändern muss ER nichts. (Wieso auch? Für IHN ist doch immer irgendwo gesorgt:) Und: Männer sind so!
    (Genau! Wie lange noch?)

  5. Männlich links

    Liebe @Stefanie Lohaus,
    geht es denn darum? Zu der Frage, wie man/frau mit dem konkreten Problem Prostitution umgehen sollte, gibt es doch sehr diverse und legitime Meinungen. Aber an einem Punkt muss man dann schon eine Position beziehen: Ist Prostitution Ausbeutung und Verdinglichung anderer Menschen – oder eine Form von Selbstbestimmung? Hanna Dahlberg hatte es ja schon formuliert: das ist Neoliberalismus, ich würde es nur noch um „totalitär“ ergänzen wollen. Kann ich – unabhängig von meinem Geschlecht – Körper, Nachwuchs oder Organe anderer Menschen kaufen? Wegen mir kann man dieser Meinung sein, aber dann soll man sich wenigstens nicht hinter „Emanzipation“ (=Selbstverwirklichung) oder „ich tue der armen Frau in Indien/Kurfürstenstraße/Thailand doch einen Gefallen“ verstecken. Und so lange ich nicht eine Person persönlich kennen lerne, die nicht als Prostituierte/r „arbeitet“ und den Begriff „Sexarbeit“ total knorke findet, und mir versichert, dass sie oder er diesen „Job“ ja auch gerne machen würde, wenn mal die TvÖD-13-Stelle an der Uni XY oder bei Partei YZ ausläuft (von der Bordell-Lobby mal ganz abgesehen), halte ich die Position „Sexarbeit“ für schlichtweg unglaubwürdig und menschenverachtend. Unter anderem weil, da bin ich ganz egoistisch, ich als Mann mit der (hoffentlich, aber wohl schon) Mehrheit der Männer (und Menschen) nicht für anderer Leute Abartigkeit in Sippenhaft genommen werden möchte und von uns allen etwas mehr erwarte, als sexuellen Missbrauch über, Zitat, „Arbeitsrechte“ zu definieren.

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