“Es muss sich ganz viel ändern” – im Interview mit Gerhard Schönborn von Neustart e.V.

Die Störenfriedas: Du arbeitest seit vielen Jahren als Streetworker für den Verein Neustart e.V. an einem Straßenstrich in Berlin. Was hat sich in der Prostitution in den letzten Jahren verändert?

Gerhard Schönborn: Ich kenne den Straßenstrich Kurfürstenstraße seit über zehn Jahren. Als ich als Streetworker angefangen habe, standen dort überwiegend Frauen, die sich mit dem Geld ihre Drogen finanzierten. Dann gab es in einigen Straßenabschnitten und Seitenstraßen deutsche Frauen mit Zuhältern sowie deutsche Frauen, für die sich in manchen Kreisen der Begriff „Sexarbeiterin“ eingebürgert hat. Vor meiner Zeit wurde dieser Drogenstrich vor allem durch „Christiane F.“ bekannt. Früher war die Straße als „Babystrich“ berüchtigt, weil sehr viele Minderjährige dort standen. In meiner Anfangszeit gab es zwar auch immer wieder mal ganz junge Mädchen, aber nicht in dem Maße, wie in den 1980er und 90er Jahren.

Die Störenfriedas: Und heute? Ist der Drogenstrich immer noch ein Drogenstrich?

Gerhard Schönborn: Im Zuge der Osterweiterunger der EU tauchten vermehrt Frauen aus Polen, Tschechien und der Slowakei an der Straße auf. Nach der zweiten Osterweiterung kamen dann auffallend viele Armutsprostituierte aus Bulgarien. Inzwischen machen die Frauen aus Ost- und Südosteuropa rund 70 bis 80 Prozent der Frauen am Straßenstrich aus. Ähnlich sieht es in vielen deutschen Großstädten aus. Insgesamt sind über das Jahr verteilt einige Hundert Frauen hier an der Straße. Die größte Gruppe sind die Ungarinnen, die Rumäninnen und Bulgarinnen. Es gibt eine hohe Fluktuation bei diesen Frauen. Viele werden nach einer Weile ausgetauscht, müssen in Bordellen oder bordellartigen Betrieben arbeiten oder werden in andere Städte verschoben. Auch viele der Armutsprostituierten wechseln oft den Standort, weil sie hoffen, woanders besser überleben zu können. Die Preise sind durch die Konkurrenz immens gefallen. Und die „Dienstleistungen“, die sie – auf Drängen der „Freier“ meist ohne Kondome – anbieten und erbringen müssen, möchte man sich nicht vorstellen. Was früher verpönt war, ist heute „gefragt“. Neulich stürzte eine Ungarin auf mich zu: „Blasen, Ficken. Ohne Schutz“. Das macht deutlich, dass die Gesundheit der Frauen den Zuhältern egal ist. Der „Nachschub“ ist gesichert.

Die Störenfriedas:  Ist das Prostitutionsgewerbe härter geworden?

Gerhard Schönborn: Wenn ich die Frauen ernst nehme – und ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln – dann ist die Prostitution härter geworden. Es gab immer schon Gewalt. Aber die Gewalt ist allgegenwärtiger geworden. Die Übergriffe sind häufiger geworden. Die Art, wie die Frauen von den Männern behandelt werden, ist – sagen wir es mal harmlos – härter geworden. Ich denke, das liegt einfach daran, dass die Hemmschwellen gesunken sind. Die Freier werden schneller übergriffig als früher. Früher gab es Dinge, die die Frauen nicht machten und nicht machen mussten. Das ist heute anders. Die Männer haben also mehr „Freiheiten“. Und das für weniger Geld! Viele meinen, nur weil sie 20 Euro in der Tasche haben, können sie ihre Gewaltphantasien an den Frauen ausleben. Und das Schlimme ist: Die Frauen haben oftmals resigniert. Ein Beispiel: Eine drogenabhängige Frau kommt zu uns ins Café und erzählt, dass sie eben von einem Taxifahrer vergewaltigt worden ist. Sie hat das Autokennzeichen, macht aber keine Anzeige aus Angst, nicht mehr an der Straße stehen zu können.

Das Elend auf dem Drogenstrich war immer schon immens. Auch die Drogenabhängigen haben immer schon sexuelle Gewalt erleben müssen. Da gibt es nichts zu beschönigen. Aber es waren eben die Drogen, die die Mädchen und Frauen an die Straße „getrieben“ haben. Heute sind es die Familien in den Herkunftsländern, die von den jungen Mädchen erwarten, dass sie für das Auskommen ihrer Familien sorgen. Das ist mindestens eine Form von Nötigung. Aber auch die klassische Zwangsprostitution hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Da kommt zum Beispiel ein Mittelklasseauto mit ungarischem Kennzeichen vorgefahren. Vier junge Frauen werden an der Straße positioniert und der Zuhälter geht auf die am Straßenrand sitzenden Bulgarinnen zu und sagt mit unmissverständlicher Stimme: „Hier ungarisch Straße. Ihr weg!“ Was mich an dieser Situation am meisten aufregt: Das Ganze findet unter den Augen der Öffentlichkeit statt. Tausende Autos fahren vorbei. Die sog. Freier bedienen sich ihrer und vergewaltigen sie. Nichts anderes ist das. Lobbyverbände ignorieren oder verharmlosen die Situation. Der Polizei sind faktisch die Hände gebunden. Nur wenn die Frauen den Mut aufbringen, abzuhauen und Anzeige zu erstatten, besteht die Chance, dass die Zuhälter zur Rechenschaft gezogen werden. Und selbst das ist oft nicht der Fall.

Die Störenfriedas: Ist Prostitution am Straßenstrich anders?

Gerhard Schönborn: Ja und Nein. Natürlich macht es einen Unterschied, ob die Frauen ein Zimmer haben oder mit den Männern sich hinter irgendwelche Büsche verziehen müssen. Und auch, dass die Frauen bei eisiger Kälte und leicht bekleidet, auf offener Straße stehen, ist sicher härter. Aber das sind äußere Umstände. Die sexuelle Ausbeutung der Frauen ist in den Bordellen genauso – manchmal sogar noch schlimmer, wenn man an Flaterate-Bordelle denkt. Was mich aufregt, sind die Aussagen von den organisierten Sexarbeiterinnen, die immer gleich behaupten, das sei nur am Straßenstrich so. So ein Unsinn. Auch in den Bordellen und Clubs kommen zwei Drittel der Frauen aus den Ländern Südosteuropas, aus den gleichen sozialen Verhältnissen mit den gleichen Abhängigkeiten. Das Besondere am Straßenstrich Kurfürstenstraße ist, dass die Ausbeutung für jeden sichtbar ist. Das ist auch gut so, denn so tritt das Problem für alle sichtbar zutage. Ein Sperrbezirk hätte zum Beispiel nur zur Folge, dass die Probleme verdrängt, aber nicht angegangen werden. Meist existiert der Straßenstrich auch nicht isoliert vom anderen Rotlichtmilieu. Zwischen Straßenstrich, Laufhäusern, Bordellen und Clubs findet ein regelrechter Austausch statt. Frauen tauchen auf, die jahrelang in Bordellen arbeiten mussten, und Frauen von der Straße werden in irgendwelche Bordelle in Kleinstädten verschoben, wo es eben keinen Straßenstrich gibt. Gruppen von sieben, acht Frauen stehen jeden Tag, wochenlang an der Straße. Und von einem auf den anderen Tag sind sie spurlos verschwunden. Am Tag zuvor gab es nicht die leiseste Andeutung für eine Veränderung. So „funktioniert“ es überall.

Die Störenfriedas: Was brauchen die Frauen in der Prostitution?

Gerhard Schönborn: Mehr Aufmerksamkeit, eine kritische Öffentlichkeit und vielfältige Hilfen. Und sie brauchen echte Zuneigung. Sie müssen spüren, dass sie nicht über ihre Tätigkeit definiert werden, sondern als Frauen geachtet werden. Das ist unsere Stärke, dass wir unseren Dienst als eine Art Liebesdienst sehen. Das klingt vielleicht im Zusammenhang mit Prostitution komisch, weil ja oft gerade diese als Liebesdienst beschönigt wird. Wichtig ist uns als Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Beziehung zu den Frauen aufzubauen. Die Frauen spüren, dass sie uns wichtig sind. Und sie sind uns wirklich wichtig! Wir machen das nicht, weil wir dafür bezahlt werden. Unsere vielen Ehrenamtlichen machen das für die Frauen. Es ist ein Dienst christlicher Nächstenliebe. Es ist uns wichtig, dass sie überleben, dass sie eine Chance auf ein neues Leben bekommen, einen Neuanfang – oder eben einen Neustart. Darüber hinaus brauchen die Frauen intensive Begleitung, sie brauchen professionelle Hilfe – vor allem dann, wenn sie den Ausstieg geschafft haben. Denn das, was sie, selbst in der „normalen“ Prostitution, mitgemacht haben, ist eben nicht normal. Eine Frau sagte mal zu mir: „Das hier ist die Hölle!“ Und wenn wir uns jetzt bildhaft „die Hölle“ vorstellen, können wir uns ausmalen, welche Verletzungen sie sich zugezogen haben, welche ihnen beigebracht wurden.

Die Störenfriedas: Was antwortest du jenen, die sagen, Prostitution sei ein Job wie jeder andere?

Gerhard Schönborn: Natürlich gibt es in jeder Arbeit Positives und Negatives. Es gibt freundliche und unausstehliche Chefs. Manche Angestellten bekommen einen Hungerlohn, andere verdienen sich reich. Ausbeutung, Unterdrückung, Gewalt, Erniedrigung kann es in anderen Job auch geben – aber sie sind nicht die Regel. In der Prostitution schon. Prostitution, sagte mir mal eine Frau, ist „Entmenschlichung“. Die Frauen fühlen sich nicht als „Dienstleister“, sondern werden einfach nur benutzt. Ihre Not – egal ob Drogen oder Armut – wird rücksichtslos ausgenutzt. Und die der Betroffenen von Menschenhandel ohnehin.

Die Störenfriedas: Was denkst du über ein Sexkaufverbot?

Gerhard Schönborn: Ich denke, Schweden hat mit diesem Gesetz einen echten Paradigmenwechsel vollzogen. Wenn man die Geschichte der Prostitution betrachtet, waren es immer die Frauen, gegen die sich alle Maßnahmen richteten. Sie verstießen gegen eine Moral, die meist nichts anderes als eine Doppelmoral darstellte. Sie waren die Ausgestoßenen, die Verachteten und diejenigen, gegen die sich Gesetze und ihre Sanktionen richteten. Das ist teils bis heute so. Wenn Frauen der Prostitution nachgehen (müssen) und gegen Gesetze oder Verordnungen verstoßen, richten sich die Sanktionen meist gegen die Frauen, etwas wenn sie im Sperrbezirk stehen. Wir hatten vor einiger Zeit eine Roma, die hatte in einer anderen Großstadt eine Gesamtstrafe von 2.400 Euro „angesammelt“ – nur weil sie immer wieder im Sperrbezirk stand. Und ihr „Freund“ ging natürlich leer aus. Der Kern des Sexkaufverbots hat anderes im Sinn: Der Blick wird auf die Nachfrage gerichtet, auf die, die die Zwangslage ausnutzen, auf die, die Prostitution und Menschenhandel erst möglich machen. Gäbe es diese Männer nicht, gäbe es keine Bordelle und Zuhälter. Die Menschenhändler wären arbeitslos. Das finde ich an der EU-Richtlinie zur Bekämpfung des Menschenhandels so sympathisch, dass da nicht nur die Menschenhändler und Opfer in den Blick genommen werden, sondern auch die Nachfrage. Ohne Nachfrage keine sexuelle Ausbeutung in Form der Zwangs- und anderer Prostitution. Die derzeitigen Überlegungen der Großen Koalition betrachten auch wieder nur die Menschenhändler und ihre Opfer. Nur in einem Punkt, wenn es um die Bestrafung der „Freier“ von Zwangsprostituierten geht, wird die Nachfrageseite in den Blick genommen.

Die Störenfriedas: Was forderst du von der Politik?

Gerhard Schönborn: Es muss sich ganz viel ändern. Die derzeitigen Zustände in den Bordellen, Laufhäusern, Clubs und am Straßenstrich sind einfach unerträglich. Es findet hier in Berlin, in irgendwelchen kleinen Städtchen, ein zum Himmel schreiendes Unrecht statt. Natürlich können da Gesetze helfen und auch ein Bewusstseinswandel bei den Männern ist nötig und überfällig. Aber von der Politik erwarte ist ganz einfach Geld. Darüber wird meist nicht gesprochen. Es muss richtig viel Geld in die Hand genommen werden. Egal, ob das Prostitutionsgesetz verschärft wird oder – was derzeit sehr unrealistisch ist – ein Sexkaufverbot kommt. Wirkungsvolle Maßnahmen kosten Geld. Ein Sexkaufverbot allein bewirkt nicht viel, wenn der Fokus nicht auf die Hilfsangebote für die Frauen gelegt wird. Mein Fokus bei den ganzen Diskussionen liegt darauf: Was hilft den Frauen, aus der Prostitution rauszukommen? Jedes Gesetz sollte sich diese Grundsatzfrage zu Eigen machen.

Ein Beispiel: Es wird diskutiert, ob es verpflichtende Gesundheitsuntersuchungen geben soll. Ich finde Ja – allerdings unter der Voraussetzung, dass sich Verstöße dagegen nicht gegen die Frauen richten. Wenn es die „kleine Lösung“ – so will ich es mal nennen – gibt, dann darf sich das nicht negativ auf die Frauen auswirken. Sollten zum Beispiel Bordelle, Laufhäuser und Clubs konzessioniert werden, müssten ihnen die Zulassung entzogen werden, wenn dort Frauen arbeiten, die dieser Pflicht nicht nachgekommen sind. Aber bitte keine Sanktionen gegen die Frauen. Wenn es aber keine verpflichtenden Gesundheitskontrollen gibt, dann wird es wohl auch keine nennenswerten gesundheitlichen Einrichtungen geben, die von den vielen Frauen ohne Krankenvesicherung aufgesucht werden können. Dann gibt es das eine oder andere Vorzeigeangebot in Berlin, Hamburg oder Köln, aber in der Provinz wird es nichts dergleichen geben. Und wenn das Geld knapp wird, werden diese auch wieder ganz schnell „Synergien“ zum Opfer fallen und geschlossen werden und das dann mit irgendwelchen konzeptionellen Neuerungen begründet.

Mit schönen Appellen ist es nicht getan. Alle Maßnahmen – auch ein Sexkaufverbot – kosten, wenn sie zum Erfolg führen sollen, richtig viel Geld. Auch beim Sexkaufverbot kann es nicht darum gehen, durch die Freierbestrafung Geld in die Staatskassen zu bekommen. Das Gegenteil ist der Fall: Geld muss in die Hand genommen werden, um den Frauen zu helfen rauszukommen aus Abhängigkeiten, Armut, Drogenabhängigkeit. Wer wirklich etwas FÜR die Frauen tun will, unabhängig davon, ob sie sich aus einer Not heraus prostituieren oder gezwungen werden, muss über Geld sprechen und Geld bereitstellen. Die Portokasse wird da nicht reichen.

Aber mir ist natürlich auch wichtig, dass hingeschaut wird, was mit diesem Geld passiert. Sagen wir es mal so: Wenn es darum geht, Frauen den Ausstieg zu ermöglichen, müssen die entsprechenden Fachberatungsstellen diese Ausrichtung auch mittragen. Die Richtung – nämlich der Ausstieg – muss ganz klar deutlich sein.

Die Störenfriedas: Wenn du einen Wunsch frei hättest…

Gerhard Schönborn: Dann gäbe es keine Prostitution, nicht auf der Kurfürstenstraße, nicht in Berlin, nirgendswo. Da bin ich Träumer und Visionär.

 

Gerhard Schönborn ist Vorstandsmitglied und Streetworker beim Verein Neustart e.V. in Berlin (www.neustart-ev.de) und Projektkoordinator beim Netzwerk Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. (www.gemeinsam-gegen-menschenhandel.de). Für das gleichnamige Magazin führte er ein ausführliches Interview mit einer Frau, die 14 Jahr Rotlichtmilieu überlebt hat: „Prostitution ist wie der Tod auf Raten“ (issuu.com/ggmh/docs/ggmh_magazin-2). Er engagiert sich bewusst als Christ für die Frauen in der Prostitution und hat den Aufruf „Männer sagen NEIN zur Prostitution“ von ZéroMacho (http://zeromacho.wordpress.com/le-manifeste_de/) unterzeichnet. Beim Internationalen Kongress „Stop Sexkauf“ vom 5. bis 7. Dezember in München (www.kofra.de/htm/STOPSEXKAUF.Kongress.pdf) beteiligt er sich im Forum „Männer gegen Prostitution“.

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