Facebook und das D-Wort…

Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen bei uns regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der oder aller Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

… oder die Kompatibilität des Wortes “Dyke”. Ich habe es dann ausprobiert. Immerhin ist ja der Juni internationaler „Pride Month“, also ein Monat für Schwule und Lesben, die LGBTQ*+ Community, und da kann ja mal gratuliert werden.


Bild 1 „Stonewall“

Weniger als eine Minute, nachdem ich es gepostet hatte, meldete facebook mich ab und bei der Wiederanmeldung erschien dies:

Bild 2 – „removed“

Das Wort „Dyke“ (1) verstößt gegen Facebook-Community Standards? Seit wann? Und vor allem: In welchem Kontext? Mein Bild war auf „Freunde“ (Facebook nennt das so) gesetzt – eine größere Öffentlichkeit wurde also gar nicht tangiert.

Besonders (radikale) Feministinnen und Lesben aus englischsprachigen Ländern berichten seit Tagen über ähnliche Erfahrungen. Einträge mit dem Wort Dyke oder Links zu Artikeln, die dieses Wort im Titel führten, z.B. dem „Chicago Dyke* March“ werden gelöscht und in zahlreichen Fällen die Accounts der Frauen zwischen 24 Stunden und einer Woche gesperrt. Unter den Betroffenen waren vor allem Lesben und Frauen, die sich (eher) der radikalen Feministischen Szene zuordnen, allerdings auch z.B. Max Dashu, deren Seite Suppressed Histories Archivesüber 156 000 Likes hat und die nun wirklich nicht durch aggressives Verhalten auffällt. Andere Frauen sehen sich einer Art Kettensperrung ausgesetzt. Einer ihrer Beiträge wird von Facebook gelöscht, sie erhalten eine Sperre für eine Woche, gehen nach dieser Woche wieder auf Facebook und bekommen eine Minute später die nächste Sperrung wegen irgendeines Posts, der schon seit 14 Tagen auf dem Account steht – sprich, sie werden gesperrt, noch bevor sie irgendetwas neues schreiben konnten. Wenn die dahinterstehende Software die wiederholten Sperrungen als Indiz für besondere Hartnäckigkeit wertet, droht eine permanente Sperrung und ein Auflösen des gesamten Accounts.

Die betroffenen Frauen sehen darin einen gezielten Angriff und vermuten verdeckte Angriffe gerade im Rahmen der „TERF“-Debatten (2) und des Transaktivismus zusammen mit einer generellen Feministinnen- und Lesbenfeindlichkeit, und bevor ich darauf eingehe, dass dies nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, ein paar allgemeine Bemerkungen zu diesen Löschungen und Sperrungen. Ausgerechnet im Pride Month, also dem Monat, in dem in vielen Ländern der Welt Veranstaltungen zum CSD, dem Christopher Street Day geplant werden, sich die L, die G, die LGBTQI* Gruppen organisieren und ihre Events besprechen, löscht eine riesige soziale Plattform Einträge mit einem der zentralen Begriffe dieser Communities, beziehungsweise legt die Kontexte fest, in denen der Begriff überhaupt verwendet werden darf oder schreibt die Begriffe vor, mit denen sich bestimmte Personen aus den Gruppen bezeichnen dürfen. Lesben sind dabei, sich zu organisieren – und es wird ihnen durch die sozialen Medien vorgeschrieben, wie sie sich dabei nennen dürfen. Dies geschieht in einem ohnehin schon aufgeladenen und schwierigen Klima wegen der Trans-Debatten, der lesbischen Sichtbarkeit, der Definitionsstreitigkeiten, in denen Begriffe wie „Gewalt“ und „bigott“ frei flottieren, sobald Lesben Ansprüche anmelden und in dem sie ohnehin um Sichtbarkeit kämpfen.

Gleichzeitig fällt auf, dass die Sperrungen der Frauen tatsächlich bestimmte Untergruppen von Lesben/Dykes/gay women betrifft, sprich diejenigen, die eher zu radikalen Gruppen gehören oder sich schon einmal mit manchen Vertreter*innen der Queergruppen angelegt haben, vor allem dann, wenn diese Vertreter*innen Texte wie „Support your sisters*, not your cisters“ oder „I punch TERFs“ (3) durchgehen lassen – nicht einmal letzteres verstößt gegen die Community Standards – oder es auch mal für bigott erklären, wenn eine Lesbe ihr romantisches und sexuelles Begehren auf andere Lesben richtet und mit Lesbe das meint, was in der Queer-Bewegung eben Cis-Frau (oder in der männlichen Sparte davon auch schon mal „Fisch“) heißt. Der Text „X hat sich nicht an die Facebook- Gemeinschaftsstandards gehalten“ klingt natürlich erheblich besser als der Text „Sie wurde gesperrt, weil sie Lesbe mit Bezug auf Körper definiert.“ Mit anderen Worten: Die jetzige Vorgehensweise kann wunderbar gezielte Angriffe auf einzelne Mitglieder einer politischen Community vertuschen, die dann im allgemeinen Trubel einfach verschwinden.

Ich möchte es so formulieren, dass alle, auch diejenigen, die jetzt denken, dass dies doch alles nicht stimmt, und die schon die Erklärungen bereithalten, es verstehen: Es handelt sich nicht nur um ein kleines Problem, ein „first world problem“ einer kleinen Gruppe oder ein paar Zufälle einer noch nicht optimierten Software.

Solche Methoden können absolut jede Community treffen, statt „Dyke“ kann jederzeit ein anderer Begriff eingesetzt werden und damit jeder politische Ansatz in konforme Richtungen gelenkt, ganz gelöscht oder in einen Rahmen gepresst werden, der nur noch bestimmte Standpunkte überhaupt zulässt und andere rein sprachlich und automatisiert unmöglich macht oder zumindest sehr erschwert. Auf diese Weise finden zwar noch Diskussionen statt, aber die Gleise, auf denen sie das tun, sind so vorgegeben, wie Norman Chomsky dies in „The Common Good“ beschreibt: „The smart way to keep people passive and obedient is to strictly limit the spectrum of acceptable opinion, but allow very lively debate within that spectrum….” (Die kluge Methode, Menschen passiv und gehorsam zu belassen, liegt darin, das Spektrum akzeptabler Meinungen strikt einzugrenzen, jedoch innerhalb dieses Spektrums sehr lebhafte Debatten zuzulassen.)

Angebotene Erklärungen der Sparte „Das bildest Du Dir ein“, „Das ist nicht so“ und „Es ist immer alles in Ordnung“ lauten: „Kann es nicht sein, dass Dyke ein Schimpfwort ist und Facebook es deswegen sperrt?“ und „Das ist eine Folge der Probleme mit Hassrede (hate speech) und den Interventionen der Bundesregierung, die die Zusammenarbeit z.B. von Islamisten oder Neonazis erschweren will.“ (? Und ausgerechnet da wird dann mit „dykes“ geübt?? Danke auch!)

Die ersten Beruhigungen funktionieren nicht, da dyke (so wie „gay“) im Gegensatz zu anderen Begriffen aus der Szene ja durchaus auch neutral oder positiv genutzt wird, eindeutige Schimpfwörter aus der Szene ohne positive Verwendung sind z.B. „fag“ oder „poof“, heute eher selten in Gebrauch, sie bedeuten in etwa „Schwuchtel“. Hier gibt es keine Löschwelle.

Das zweite Thema ist komplizierter, da es hier nicht nur um Begriffe geht, sondern um den Kontext, die Umgebung der Begriffe. Insofern ist „Dyke“ interessant, da dieses Wort sowohl positiv als auch beleidigend verwendet wird. Eine Software oder Personen, die auf den Begriff reagieren, müssten also den jeweiligen Kontext erkennen. Und offenbar tun sie das hier.

Interventionen bei Facebook laufen über die Möglichkeit, bestimmte Posts, Bilder, Seiten, Gruppen, Accounts oder Personen zu melden. Missbrauch davon kommt häufig vor, z.B. organisiertes Massenmelden seitens größerer gut vernetzter Gruppen, deren Mitglieder sich gegenseitig zur Meldung von Inhalten mobilisieren. In der Praxis funktioniert es so:

Bei Facebook (bei WhatsApp, bei Instagram, bei Twitter, bei Google, bei Yahoo, bei Skype, bei Snapchat …. ) läuft immer eine Software im Hintergrund, die berühmten „Algorithmen“ (argh, ich hätte damals doch besser aufpassen sollen, als die in der Schule dranwaren!), die Schlagwörter sammeln, immer genaueren Zugriff auf die von uns ins Netz gestellten und dort abgerufenen Informationen ermöglichen und darüber die uns gezeigte Werbung organisieren. Deswegen ist dieses riesige Netz samt seiner praktisch (oder scheinbar?) unendlichen Vernetzungsmöglichkeit ja auch umsonst. Die gleiche Art Software (und möglicherweise ist „Algorithmen“ nicht einmal der fachlich korrekte Begriff) reagiert auch bei Beschwerden und Meldungen bei Facebook. Werden Begriffe, eine Seite, ein Account oder eine Person sehr häufig innerhalb einer kurzen Zeit gemeldet, landen diese oben auf einer Liste, und desto eher schauen sich die Mitarbeitenden bei Facebook die Beschwerden an. Bisher – also bis Juni – gab es (nach meinem Kenntnisstand) keine automatischen Löschungen, sprich endgültige Entscheidungen trafen nicht Programme, sondern Menschen, die für so eine Entscheidung 8 Sekunden Zeit haben, aus aller Herren Länder stammen, daher unterschiedliche Kontexterfahrungen haben, und die oft mit unzureichender Ausbildung dasitzen.

Das Problem besonders der Kontexte aber auch der Inhalte von Posts zeigte sich schon einmal 2013 in einem feministischen Zusammenhang, als die Journalistin Soraya Chemaly zusammen mit dem Women’s Media Center und Everyday Sexism Facebook zu erhöhter Sensibilität gegenüber gewaltverherrlichenden und gewaltverharmlosenden Einträgen bringen wollten. Es ging um Darstellungen von Gewalt gegen Frauen, die trotz Meldungen bei Facebook und trotz der „Community Standards“ einfach stehen blieben, spätestens wenn der Poster das Wort „Witz“ daneben schrieb. Das Bild an sich ist bereits ein Problem, der Kontext („Witz“) verschlimmert es, und gleichzeitig braucht eine Intervention ein Bewusstsein des Kontexts: Ich habe es selber einmal geschafft, in praktisch einem Arbeitsgang ein Bild wegen seiner Frauenverachtung zu melden und das gleiche Bild zur Skandalisierung auf eine Seite zu stellen.

Jetzt taucht es also wieder auf – und der Zusammenhang kann ein allgemeines politisches Problem der Radikalisierung sehr gewaltbereiter Gruppen im Netz sein. Aber wieso wird ausgerechnet mit „Dykes“ geübt? TERF oder nicht, für Gewaltexzesse, Anschläge, Morde, Brandstiftung sind sie nun nicht bekannt.

Die Frage ist daher, warum ein Verweis auf diese Algorithmen, wenn sie auf das Wort Dyke in bestimmten Kontexten programmiert sind und dann zu Interventionen wie dem Löschen von Posts wie dem eingangs gezeigten führen, beruhigen soll. Sollte er nicht, im Gegenteil, er sollte bei allen die Sirenen schrillen lassen.

Die Frage ist auch, ob die betroffenen Frauen und Lesben sich das Problem wirklich nur einbilden, wenn sie von gezielten Angriffen sprechen. Die Diskussionen werden (noch) auf Facebook geführt, wurden aber auch auf Twitter verlagert. Dabei ist zu sehen, dass Posts wie diese hier gelöscht werden:

Bild 5 „I love dykes“ und Bild 6 „dyke band“:

Und dass es hin- und wieder auch Mitglieder der Trans-Community trifft:

Bild 7 Trans Dykes

(Die Bilder wurden hier anonymisiert; Quelle: Gay Star News (https://www.gaystarnews.com/article/facebook-banning-lesbians-using-word-dye/ )

Dieses Schmuckstück unserer Kulturen bleibt jedoch stehen, offenbar entsprechen sie den Gemeinschaftsstandards:

Bild 8 (Choking prostitutes)

Quelle: Facebook „Listening 2 Lesbians“

Mit anderen Worten – es geht absolut nicht darum, dass „dyke“ ein Schimpfwort zur Beleidigung von (bestimmten) Frauen ist. Facebook ist nicht dafür bekannt, damit ein Problem zu haben.

Und auch das Wort „Dyke“ kann durchaus akzeptiert werden. Hier eine Liste von Gruppen, die nicht gesperrt wurden:

Bild neu: Quelle: Facebook

Bestimmt reiner Zufall.

Eliminiert wurden hingegen öffentliche Gruppen wie „Centering Women“ oder Seiten wie „Critical Feminist“. Die Sperrungen einzelner Frauen lassen auch vermuten, dass die  Software programmiert ist, die „Freundeslisten“ der Frauen, ihre Gruppen, ihre Likes, einzuberechnen – ein weiterer Angriff auf die Möglichkeit, Netzwerke zu bilden.

Mit anderen Worten – die Zeiten werden sehr kalt für Lesben, „Dykes“ und diejenigen Feministinnen, die sich zu Frauen organisieren. Und gleichzeitig können wir uns darauf verlassen, dass der Rest der Gesellschaft damit kein Problem hat, weil nicht gesehen wird, dass hier nur etwas ausgetestet wird, das morgen oder übermorgen nicht mehr nur gegen eine Gruppe eingesetzt wird, bei der die allgemeine Solidarität eher gegen Null geht. Morgen, übermorgen wird „dyke“ vielleicht durch TTIP ersetzt – und dann? Viel Spaß, dann funktioniert sie nämlich, diese Software, perfektioniert als viele sich noch in Belehrung, Beruhigung und wenn wir Pech haben, Häme übten.

Im Moment können wir feststellen, dass Feministinnen doch widerständiger und wacher sind, als wohl erwartet. Dass im Moment noch auf andere Plattformen, z.B. Twitter, ausgewichen wird, die vielleicht einige Zeit lang aus Konkurrenzgründen zur Verfügung stehen. Aber insgesamt müssen sich alle Gesellschaften mit dem Thema Macht und soziale Netzwerke so auseinandersetzen, wie sie das mit dem Thema „demokratische Kontrolle der Regierenden“ oder von Regierungsbehörden tun. Eine rein privatwirtschaftliche Organisation bringt uns das, was wir ja schon haben – sogenannte Global Players oder bestimmte politische Gruppen mit eigenen letztlich auch wirtschaftlichen Interessen legen Geld hin oder üben Druck aus, und pling! Bestimmte Themen verschwinden. Wenn dazu gerechnet wird, dass z.B. WhatsApp und Instagram ja auch zu Facebook gehören und Facebook damit Zugriff auf praktisch alle Jugendlichen industrialisierter Länder oder von Schwellenländern hat, wird deutlich, dass sehr langfristigen und langanhaltenden Manipulationsmöglichkeiten nichts mehr entgegensteht.

2013 konnte Facebook noch relativ leicht zu (einigen, wenigen) Konzessionen oder wenigstens Zusicherungen davon gebracht werden. Userinnen machten Screenshots von besonders brutalen Bildern samt der Werbung daneben und schickten die an die entsprechenden Firmen. Nissan UK zog daraufhin vorübergehend die Anzeigen aus Facebook zurück.

Diesmal wird das nicht reichen. Und da die Netzwerke global agieren und ihre Mitarbeitenden jederzeit überall aussuchen können, müssen auch demokratische Reaktionen und Kontrollen global organisiert werden.

Sieht nach Arbeit aus.

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Anmerkungen:
(1) „Dyke“ – anderes Wort für „Lesbe“, meist eher etwas „männlicher“ oder sportlicher auftretende Frauen. Der Begriff hat mit anderen Begriffen längst Tradition: „Dykes on Bikes“ z.B. oder „Hike Dykes“. Wie „schwul“ (oder der Begriff „gay“ oder Lesbe) wird „Dyke“ oft als Schimpfwort gebraucht, gilt aber innerhalb der Szene auch als völlig neutral oder positiv.

(2) TERF = Trans Exclusionary Radical Feminist, Schimpfwort für radikale Feministinnen (Kurzfassung), inzwischen in den sozialen Netzwerken ausgedehnt auf so ziemlich jede Frau, die eine Meinung zum Thema Queer oder Trans hat, egal welche und die sich nicht an der Aggressivität gegen Feministinnen oder Lesben beteiligen will.

(3) Gemeint sind Bilder wie diese (stammen von Twitter), und eben Frauen, die solche Bilder nicht so cool finden. Dass die Diskussionen innerhalb der Queer-Community häufig deutlich, sagen wir „differenzierter“ ablaufen, stimmt. Gleichzeitig laufen diese Typ*innen (no, I did not misgender them) ziemlich ungestört rum, während besonders in Deutschland ein „gut, dass wir darüber geredet haben“ als Ansatz offenbar reicht.

Bild 3 und Bild 4 „I punch TERFs“

 

(Bei dem „mobility device“ handelte es sich laut Zeuginnen um einen Baseballschläger, der dann doch konfisziert wurde.)

Bild: 3: Mumsnet:
Bild 4: Reddit

Quellen und Literatur:

Facebook has a problem with Dykes (Listening 2 Lesbians) https://listening2lesbians.com/2017/06/24/facebook-has-a-problem-with-dykes/ (Zugriff, 2.7.2017, 23.52)

Facebook Hates Lesbians (Listening 2 Lesbians) https://listening2lesbians.com/2017/07/02/facebook-hates-lesbians/ (Zugriff, 2.7. 2017, 23.56)

Why is facebook banning lesbians using the word d*ke? (Gay Star News )  (https://www.gaystarnews.com/article/facebook-banning-lesbians-using-word-dye/)

A way to own your social media (New York Times) https://www.nytimes.com/2017/06/30/opinion/social-data-google-facebook-europe.html (2.7.2017, 23.59)

Mumsnet, Chat: https://www.mumsnet.com/Talk/womens_rights/2964877-Punching-Terfs (3.7.2017, 00.20)

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