Familienstand: Alleinerziehend

Buchcover: Familienstand: Alleinerziehend

Christina Bylow: Familienstand: Alleinerziehend - Plädoyer für eine starke Lebensform, Verlagsgruppe Random House, 2011

1,6 Millionen Alleinerziehende leben in Deutschland, 90 Prozent davon sind Frauen und ihr Anteil steigt, während die Zahl der alleinerziehenden Väter kontinuierlich zurückgeht.  Alleinerziehende Frauen werden diskriminiert, sie sind die “Familien zweiter Klasse”, leben von Hartz IV und entziehen den Vätern ihre Kinder, so lauten die gängigen Vorurteile. Christina Bylow hat mit “Familienstand Alleinerziehend. Plädoyer für eine starke Lebensform” bereits 2011 ein wundervolles Buch geschrieben, dass mit diesen Vorurteilen aufräumt und einen unverzerrten Blick auf die Lebensrealität alleinerziehender Frauen in Deutschland wirft. Alleinerziehende, das ist die “defizitäre Restfamilie”, die bei Steuern, Betreung, Arbeitsplätzen und Wohnraum vom neuen Bürgertum regelmäßig vernachlässigt oder bewusst ausgeklammert.

40 Prozent der Alleinerziehenden leben von Transferleistungen – was ihnen gerne zum Vorwurf gemacht wird. Über das laxe Ausüben des Unterhaltsgesetzes, die schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt durch ein absolut mangelhaftes Betreuungssystem wird dabei nicht geredet. Auch nicht über die 58 Prozent der Alleinerziehenden, die ihre Kinder ohne Transferleistungen ernähren. Überall wird das Idealbild der klassischen Familie hochgehalten – dabei wachsen, wie verschiedene Studien zeigen, Kinder dort auch nicht gesünder oder psychisch unbelasteter auf als bei Alleinerziehenden. Dass idealisierte Familienbild führt dazu, dass Mütter lange zögern, bevor sie sich von ihren Partnern trennen – sie haben Angst davor, alleinerziehend zu sein. Das Unterhaltsgesetz wird allzu oft zum zahnlosen Tiger, weil sich Väter arm rechnen, Fristen verschleppen oder schlicht die Zahlung einstellen. Dass Kinderarmut ihre Ursache häufig in ausbleibenden Unterhaltszahlungen hat, darüber erbost sich von Matthias Matussek bis Hendryk Broder niemand, dafür werden bei ihnen aus Alleinerziehenden verächtlich die “Hätschelkinder der Nation”.

Immer ist die Rede von den “neuen Vätern”, die sich angeblich so rührend um die Kinder kümmern. Dass viele dieser “neuen Väter” ihre Familien verlassen, um “mit einer Jüngeren von vorne anzufangen”, wird dabei gern verschwiegen. Eine Studie von 2001 zeigte, dass der Kontaktabbruch zu den Kindern in den allermeisten Fällen von den Vätern ausgeht – die Schimäre der generell umgangsverweigernden Mutter ist eine Erfindung der Väterrechtler und ihrer Unterstützer in den bürgerlichen Feuilletons, die gleichzeitig der Mutter alle Schuld bei Erziehungsfragen aufbürden, der Vater bleibt der strahlende Held. Die Gesetzgebung folgt diesem inszenierten Bild der angeblich geprellten Väter, 2008 wurde das Unterhaltsgesetz geändert, so dass Frauen nach der Scheidung nur noch drei Jahre nachehelichen Unterhalt bekommen – die Kinder großziehen und durchbringen müssen sie natürlich weiter, doch die Väter haben nun eine Chance, “noch einmal von vorne anzufangen”. “Stärkung der Zweitfamilie” heißt das dann im Gesetz – es mag nicht verwundern, dass sich gerade Politiker aus CDU/CSU dafür eingesetzt haben, die sich ja gerne eine “Zweitfamilie” anschaffen. Die Hoffnung, durch die Elternzeit mehr Männer für einen längeren Zeitraum zu ihren Kindern zu bringen, ist gescheitert: 90 Prozent nehmen sich nur zwei Monate Auszeit. Am Sorgerecht möchten die Männer dennoch teilhaben, was ihnen per Gesetz seit letztem Jahr zusteht – die Mutter hat keine Chance mehr, dem getrennt lebenden Mann das Sorgerecht zu verweigern. In der Praxis bedeutet das, dass der Vater in jede Entscheidung von Impfung bis Klassenfahrt mit eingebunden werden kann und der Mutter untersagen kann, mit dem Kind umzuziehen.

Frauen sind nicht alleinerziehend, weil die Natur das so möchte. Sie haben etwas auf sich genommen, was neunzig Prozent der Männer nicht auf sich nehmen,

schreibt Christina Bylow und betont gleich, sie sei keine “Männerhasserin” – offensichtlich notwendig, wenn man über Väter schreibt.

Alleinerziehende müssen Beachtliches bewältigen: Sie brauchen ein funktionierendes Netz aus Unterstützern, sie müssen mit wenig Einkommen auskommen (70 Prozent aller Niedrigverdiener sind Frauen). Viele ziehen wieder zurück zu den Eltern, um ihre Unterstützung in Anspruch nehmen zu können. Auf einen neuen Lebenspartner wird oft genug der Kinder zu Liebe verzichtet – die Patchwork Familie bleibt ein kitschiges Motiv, das in der Realität nur selten erfüllt wird. Alleinerziehende können auf keine Rücksicht am Arbeitsplatz hoffen – sie werden oft eingestellt OBWOHL sie alleinerziehend sind. Ein Kind hat in den ersten Lebensjahren bis zu 12 Infekte – die Berufstätigkeit wird zur Zerreißprobe. Wer sich ihr entzieht, wird eine von den geächteten “Hartz-IV-Müttern”.  Doch da die Zahl der Alleinerziehenden wächst, verbessert sich auch ihre Vernetzung: im Netz und in Gruppen tauschen sie sich aus und unterstützen sich gegenseitig. Im “LebensTraum-Haus” in Berlin Moabit leben sie sogar zusammen.

Das Buch beschreibt die Situation von Alleinerziehenden mit unverstelltem Blick und offenbart eine riesige Baustelle, die von der Politik geflissentlich übersehen wird. Christina Bylow zeigt, was nötig wäre, um Alleinerziehende und ihre Kinder zu unterstützen:

  • ein Steuersystem, das sich an den Kindern und nicht an der Ehe orientiert
  • kostenlose Betreuung und Betreuungsangebote auch an den Randzeiten
  • eine Kindergrundsicherung, die diesen Namen verdient
  • ein flächendeckender Mindestlohn
  • bezahlbarer Wohnraum
  • flexible Arbeitszeiten
  • eine wirksame Verfolgung von Verstößen gegen das Unterhaltsgesetz

Das Buch “Familienstand Alleinerziehend. Plädoyer für eine starke Lebensform” von Christina Bylow, erschienen 2011 im Gütersloher Verlagshaus ist erhältlich beim Frauenbuchladen Thalestris.

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