Feminismus im Eimer – Die Happy Sexwork Lüge und Feminismus, der keiner ist

Die Störenfriedas, heißt es oft, sind immer so dagegen. Das stimmt. Wir sind gegen vieles. Uns gibt es, weil wir laut und hörbar eine gegenteilige Meinung vertreten wollen, weil wir genug davon haben, dass Feminismus zu einem Lifestyle wird, dass Frauen aufhören, weniger als die Freiheit für sich zu fordern, auch wenn das bedeutet, uralte Privilegien anzugreifen und richtig unbequem zu sein. Feminismus, der bequem ist, der Beifall bekommt aus der Mitte einer Gesellschaft, die ihre patriarchalen Grundlagen weder erkennt noch reflektiert, ist kein Feminismus, aber der Widerspruch fällt den wenigsten auf, und auch das nicht aus Zufall. Wer “anschlussfähigen” Feminismus betreibt, wird gerne als Feigenblatt genommen und bekommt Öffentlichkeit. Wer Bullshit anprangert, wird angegriffen. In erstere Kategorie fällt die Positionierung zur Sexarbeit des feministischen Kollektivs “Feminismus im Pott”.

Ich wollte es lange nicht lesen, weil es ja doch nur die Wiederholung des bereits bekannten Prostitutions-Bullshit-Bingos ist, aber dann tat ich es doch. Als ich es las, wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Lachen, weil eine derart widersprüchliche und von Lobbyspeech geprägte Haltung eigentlich offensichtlich verrät, worum es bei Feminismus im Pott geht (nämlich sicher nicht die Frauen, die ohnehin nur mit lauter Sternchen und anderem Gedöns genannt werden dürfen – “wir sind nicht alle männlich”), weinen, weil es zeigt, dass all die feministischen Kämpfe, all die tapferen Frauen weltweit, die gegen ein zerstörerisches, frauenverachtendes System der Ausbeutung kämpfen und dabei in der Gesellschaft auch vorankommen, bitter nötig sind, aber innerhalb des Feminismus immer wieder zurückgeworfen werden.

Woran liegt das? Warum gelingt es uns, eingefleischte Puffgänger davon zu überzeugen, dass es für eine verkommene Menschlichkeit steht, sich im Puff eine 20jährige Rumänin zu kaufen und diese für Geld zu vergewaltigen, wir aber bei jenen, die doch eigentlich wie wir antreten, das Leben für Frauen besser zu machen, immer wieder scheitern? Was ist das? Internalisierter Selbsthass? Die Ignoranz der Privilegierten? Das völlige Fehlen von Empathie? Oder einfach die Folge von Gehirnwäsche?

“Unsere Sprecher*innenposition ist geprägt davon, dass in unserem Team keine*r der Sexarbeit nachgeht oder sich als solche*r definiert. Unsere Position ist die als Unterstützerin, als Ally”,

schreibt Feminismus im Pott. Mir stellt sich da die Frage: Habt ihr jemals mit Frauen gesprochen, die in der Prostitution arbeiten oder ausgestiegen sind? Habt ihr euch mal ein Bordell angeschaut? Das Ruhrgebiet ist voll davon. Falls euch das zu viel Realität ist, reicht es auch, wenn ihr euch im Ruhr-Freierforum umschaut und damit es auch nicht zu anstrengend wird, habe ich einfach mal ein paar Beiträge der letzten Wochen dort herausgesucht:

In einem der Beiträge geht es um ein Mädchen namens Belana. Die Freier sind sich nicht sicher, ob sie wirklich volljährig ist, freuen sich aber, dass sie “so herrlich eng” ist. Große Sorge herrscht, dass sie ihren “fairen” Service mit mehrfachem Stellungswechsel für 30 Euro bald nicht mehr anbietet, wenn sie die Sprache besser beherrscht. Aber gewitzt und klug wie Freier nun einmal sind, gibt es dafür eine Lösung:

“Hallo Lattmann.Damit das nicht passiert müssen wir alle Ihr dauernd “das Maul stopfen”.
Den passenden Korken hat sie schon kennengelernt, und….hat dabei kein Ton raus bekommen!!!!! Gruß Strichscout”

Lattmann und Strichscout schreiben fleißig, von Rechtschreibung und Grammatik zwar keine Ahnung, dafür kaufen sie laut ihren Berichten täglich Sex und bewerten die Frauen dann. Obwohl “Frauen” in diesem Fall falsch ist. Für diese beiden Männer, die beispielhaft für Freier stehen, sind Frauen keine Menschen, auf deren Schmerzempfinden sie Rücksicht nehmen müssen:

“Ironiemodus an…Ist die länge der Nippel nicht abhängig von der Zugkraft deiner Finger in Verbindung mit der Fähigkeit die Schreie des Mädels zu ignorieren/weg zu hören? Ironiemodus aus…”

Feminismus im Pott sagt, Prostitution sei Arbeit und benutzt deshalb auch gleich den eindeutig aufgeladenen Begriff “Sexarbeit”, der von der US-amerikanischen Lobbyorganisation NSWP in das Leben gerufen wurde, um die Bordellbetreiber und Zuhälter zu entkrimininalisieren und als normale Tätigkeiten anzuerkennen. Nochmal deutlich: bei diesem Begriff ging es nie um die Frauen, sondern um die ausbeutenden Berufe rund um sie herum. Da sind wir auch gleich am Kernpunkt der ganzen Happy-Sexwörk-Maschinierie: Wer unsichtbar macht, was Frauen in der Prostitution erleiden, der kann erreichen, dass aus einer bezahlten Vergewaltigung eine Dienstleistung wird und aus Zuhältern Wirtschafter, aus Bordellbetreibern und Menschenhändler Unternehmer und aus Freiern einfache Kunden. So funktioniert die Euphemisierung von Prostitution, an der sich “Feminismus im Pott” fleißig beteiligt.

Prostitution ist keine Arbeit, auch wenn das so gerne mit fatalistischem Blick auf den weltumspannenden Kapitalismus behauptet wird. Dann werden die Putzfrauen und Altenpflegerinnen bemüht, die auch alle einen Job machen, den keiner machen will und der unangenehm ist, und dass wir doch alle, die wir der Lohnarbeit nachgehen, uns irgendwie prostituieren. Zunächst einmal ist es an Zynismus kaum zu überbieten, zu sagen: “Dem Kapitalismus gehört doch ohnehin schon alles, unsere Arbeitskraft, unser Konsumverhalten, unsere Lebenszeit, unser Eigentum, dann können wir ihm auch gleich unsere Sexualität überlassen” und das auch noch aus der privilegierten Position gut ausgebildeter, vermutlich irgendwie weißer Frauen, die niemals in die Situation gekommen sind, ihre Körper an 20 Männer und mehr pro Tag verkaufen zu müssen – wo ist denn dann die Grenze? Beim Organverkauf? Beim Kinderhandel?

Wenn wir es so betrachten, dann ist alles an uns Ware, dann besteht das ganze Leben nur noch aus Warenförmigkeit und die einzige Art und Weise, mit dem Kapitalismus umzugehen, ist, sich ihm völlig zu unterwerfen. Hinzu kommt, dass wir eben vor dem Kapitalismus nicht alle gleich sind, dass dieser die Trennung der Geschlechter und die Unterdrückung der Frauen braucht, um zu funktionieren. Frauen machen die unbezahlte Sorge- und Haushaltsarbeit, Frauen verkaufen ihren Körper und das wird von zynischen, deutschen Feministinnen dann auch noch zur “Chance” oder “Selbstbestimmung” verklärt. Das nicht zu sehen und sich trotzdem Feministin zu nennen, ist so absurd, dass sich die Frage aufdrängt, warum man es überhaupt Feminismus nennt. Wir wissen, dass die meisten Frauen weder in der Prostitution arbeiten noch in ihr bleiben möchten, doch dass unsere Gesellschaft ihnen keine andere Wahl lässt. Dieses “keine andere Wahl” lassen wird dann noch großzügig zum Non-Plus-Ultra des postmodernen Umgangs mit der kapitalistischen Weltordnung erklärt. Menschenverachtender geht es kaum, unsolidarischer auch nicht.

Weiter ist es ein großer Unterschied, ob man sein Geld mit seinen Händen oder seiner Sexualität verdient. Sexualität ist ein Bestandteil unserer Persönlichkeit, unserer Identität. Es ist so ziemlich das Intimste, das wir haben. Wie kann man das verkaufen? Oder wie kann man annehmen, dass man eine sexuelle Dienstleistung anbietet, diese aber nichts mit der eigenen Sexualität zu tun hat? Wissenschaftler und Traumaexperten haben eindeutig nachgewiesen, dass Frauen in der Prostitution andauernd dissoziieren müssen, also ihre Gedanken und Gefühle von ihrem Körper abspalten müssen, um zu ertragen, dass da Fremde ihre Sexualität benutzen, ein Vorgang, der schwere psychische Folgen hat und oft nur noch mit Alkohol und Drogen auszuhalten ist. Da eine überwältigende Mehrheit der Frauen in der Prostitution bereits in der Kindheit und Jugend sexuelle Gewalt erfahren hat, kennen sie die Mechanismen der Dissoziation bereits und das Trauma vertieft sich.

In welchem noch so beschissenen Job der Welt muss man seine Gedanken und Gefühle abspalten,um ihn zu ertragen? In welchem Job muss man befürchten, dass der Kunde den eigenen Schal benutzt, um mich zu erwürgen? Wo Schläge und körperliche Schmerzen in Kauf nehmen? Wo sich demütigen lassen und das Risiko unheilbarer, sexuell übertragbarer Krankheiten in Kauf nehmen?

Prostitution ist in Deutschland legal – trotzdem hat keine der Frauen eine Krankenversicherung, sie bezahlt nicht in die Rentenkasse ein, bekommt kein Arbeitslosengeld. Sie profitiert weder vom Mindestlohn noch vor rechtlichen Bestimmungen zu ihrem Schutz, sie ist der Willkür der Freier und der Menschenhändler vollständig ausgeliefert. Sie kann sich nicht krankmelden, sie kann keinen Urlaub beantragen. All das sind eindeutige Belege dafür, dass Prostitution eben keine Arbeit, sondern ein Geschäft mit dem Elend ist, und zwar vor allem mit dem Elend von Frauen. Und hier ist der Knackpunkt für den Feminismus: Ohne patriarchale Unterdrückung wäre Prostitution nicht denkbar. Sie hat ihren Ursprung in der Sklaverei und die ersten Sklaven waren Frauen. Es ist nicht der älteste Beruf der Welt, sondern eine der ältesten Formen der Unterdrückung. Und Feministinnen bringen es fertig, sich hinzustellen und zu behaupten, Prostitution als Sexarbeit sei toll? Ohne Frauen zu dehumanisieren, sie zu käuflichen Gegenständen zu machen, deren Gefühle, Wünsche und Rechte nichts zählen, ist Prostitution nicht denkbar und deshalb betrifft Prostitution uns alle. Nicht nur, weil es eine Frage der Menschlichkeit ist, sich mit jenen zu solidarisieren, die auf diese Weise ausgebeutet werden, sondern auch, weil in einer Gesellschaft, in der einige Frauen käuflich sind, wir alle als käuflich und von geringerem Wert betrachtet werden.

Die Freier, die zu hunderttausenden jeden Tag Frauen kaufen und dann fleißig Berichte schreiben, die vor Gewalt und Hass nur so triefen, sind unsere Kollegen, Väter, Brüder, Freunde und Ehemänner. Es ist unvorstellbar, dass eine feministische Seite eine öffentliche Bankrotterklärung in der Analyse von Unterdrückungsformen verfasst und das auch noch Feminismus nennt.

Wenn Prostitution eine so tolle, weil sexuell befreiende Tätigkeit wäre, warum wird sie dann nur von sehr jungen, sehr armen, sehr ungebildeten und vor allem nichtdeutschen Frauen gemacht? Warum stellen sich all die zynischen “Wissenschaftlerinnen”, die pro Sexarbeit sind, nicht selbst in das Bordell und erleben am eigenen Leib, was sie da propagieren? Dort könnten sie den Freiern begegnen, deren Rechte sie so emsig verteidigen:

Hallo,
ich habe eine vielleicht ungewöhnliche Frage, hoffe aber auf eine Antwort. Ich suche auf dem Strassenstrich eine Frau, die auch härter angefasst werden kann und auch mal einen Klaps oder eine Ohrfeige verträgt. Das ganze jetzt nicht zu wild (also nicht wirklich SM), aber eben auch nicht der normale Sex den man dort standardmässig bekommt. Ich weiss, wie ich im Internet Damen und Clubs finden., die das anbieten. Ich möchte aber eine, die es eben gewohnt ist, im Auto bzw der freien Natur zu arbeiten.Klingt halt in meinem Kopf aufregend.Danke schon einmal für Eure Hilfe!

Natürlich gibt es gleich einen Tipp für ihn:

Hey nk1206 ich Persöhnlich weis jetzt keine vom Platz,aber ich wette wenn du dich mal durchfragst und bissel kohle drauflegst wird sich was finden. Bis jetzt hab ich immer gefunden was ich so wollte.
Und glaub mir 0815 sex ist langweilig 😀
Steh mehr auf anderes und hab es dort bis jetzt immer bekommen,gut klaps auf dem po ist noch mal was anderes als eine Ohrfeige denn damit entrechtest du diese Person.Das ist Demütigen ob du das findest wag ich schon fast zu bezweifeln. kleiner Rat versuch es villeicht mal bei der Junky Fraktion! 🙂

Wenn Feminismus dafür eintritt, dass eine solche Haltung gesellschaftlich akzeptiert ist, dann ist dieser Feminismus im Eimer. Es ist ein Feminismus, der Frauen darauf vorbereitet, sich in den Begebenheiten einzurichten, sich mit ihrer Unterdrückung und Ausbeutung und der ihrer Geschlechtsgenossinnen abzufinden, der Begriffe euphemisisert, um sie anschlussfähig und das Elend, das Leid und die Gewalt unsichtbar zu machen. Es ist ein Feminismus, der sich in den Dienst der Unterdrückung stellt. Neu ist daran gar nichts, auch nicht revolutionär und mit Feminismus hat das nichts zu tun, vielmehr mit der Kapitulation des eigenen Verstands und des eigenen Herzens vor dem Druck der Geld- und Machtinteressen anderer.

Eine Bemerkung zum Schluss: Die Gegnerinnen der Prostitution “Neoabolitionistinnen” zu nennen, ein Begriff, in dem der “Neofaschismus” oder der “Neonazi” mitschwingt, zeigt, wie weit man bereit ist, im Namen dieser Interessen zu gehen. Nur um das deutlich zu machen: Hier geht es nicht um Selbstbestimmung oder Freiheit. Hier geht es um das Recht einiger weniger, andere Menschen, deren Intimstes, zu verkaufen und davon zu profitieren, um Profit mit der Entmenschlichung von Frauen. Ist das noch Feminismus oder kann das weg?

 

13 Kommentare

  1. Die Arroganz der Ignoranz der “Täterhelferinnen” und auch noch unter dem Deckmäntelchen Feminismus ist nicht mehr toppen.
    Früher musste man sich nur für die Männer (Freier) fremdschämen, jetzt für die sog.”neuen Feministinnen” mit ihrer Umdeutung der Begriffe und Vertuschung der Taten gleich mit. Himmel lass Hirn regnen!

  2. Käsestulle

    Wie konnte es mit dem “Feminismus” nur soweit komen.

  3. Gabypsilon

    Wirksame patriarchale Konditionierung und die Verweigerung, sich dessen bewusst zu werden, geschweige denn, den Versuch zu wagen, sich zu dekonditionieren; gepaart mit erfolgreicher Sexualisierung und Pornofizierung der Gesellschaft. Ich vermute fast, dass es bei vielen Menschen, leider auch bei “Feministinnen” schon zu organischen Veränderungen gekommen ist. Das Hirn wandert und sucht sich eine neue Bleibe zwischen den Beinen. Gute Nacht, Marie. Manchmal habe ich das Gefühl, ich müsste Steine fressen.

  4. Für mich ist das eine Kombination aus der typischen Schönfärberei gutgestellter Mittelschichtskinder + NRW-Abitur ohne Naturwissenschaften und Ökonomie + Entdeckung von Feminismus als hipp (das ist ja irgendwas mit Frauen und anderen unterdrückten Gruppen, von jedem ein bisschen und dazu noch ein paar Schminktipps) + ausgeprägtes Harmoniebedürfnis (ein bisschen rebellisch tun, aber bloß nicht gegen die stärkste Gruppe antreten) + Wissen aus dem Smartphone (bitte keine Grundlagenwerke – Literatur?? Papier?? bäh!).

    Sprich: Das Hirn ist nicht nach unten gewandert, es war nie wirklich oben.

  5. Männlich links

    Eines vorweg: Als Mann, der sich nur am Rande mit Feminismus beschäftigt, teile ich einiges nicht, was hier publiziert wird. Aber Eure Beiträge zum Queerfeminismus und insbesondere zur Prostitution schockieren mich. Dahingehend, weil es mir als Szene-fremden niemals in den Sinn gekommen wäre, wie man als “Feministin” Prostitution NICHT als Ausbeutung und Unterdrückung definieren kann – unabhängig davon, wie man sich nun politisch oder rechtlich zu dem Problem Prostitution stellen mag. Und dies auch noch – wie in dem Link zum Pott – mit pseudoakademischen Geschwafel a la “Positionierung” legitimiert. Wie und warum diese Damen, die sich ja auch noch passend häufig als “Mädchen” oder “Missy” bezeichnen, den Neoliberalismus mit einem popkulturellen Lifestyle-Feminismus verheiraten, wird zumindest mir ein Rätsel bleiben. Und fast noch mehr, dass es sich zumindest im Netz (da werdet Ihr Euch besser auskennen und in der realen Welt eh) offenbar ja nicht einmal um eine sektiererische Minderheit handelt. Von da aus Euch weiterhin viel Erfolg, scheint ja leider noch dringend notwendig zu sein.

  6. @Männlich links: Wenn du ernsthaft schockiert bist, dann werde bitte aktiv und bring dich ein. Wenn du auch findest, dass Prostitution Ausbeutung und Unterdrückung ist, dann wünsch uns nicht einfach viel Erfolg. Dann mach den Mund auf, wo Prostitution verharmlost oder belächelt wird! Es wäre so wichtig!

  7. Männlich links

    Liebe/r Vuk,

    mache ich schon, falls ich mit sowas konfrontiert werde. Das passiert mir nur eher selten, da ich mich nicht in derartigen Milieus aufhalte. Und schockiert bin ich tatsächlich, die Frage und das “ernsthaft” wäre gar nicht nötig gewesen, seit ich vor vielleicht drei Jahren diese Debatte überhaupt mitbekommen habe. Konkret ging es darum, dass eine junge Frau eine sehr positive Betrachtung der Prostitution in unser Parteiprogramm schmuggeln wollte und wir massiv intervenierten. Damals war mir aber nicht bewusst, dass es keine gestörte Einzelperson war, sondern dass es sich um eine breitere, ideologisch gefestigte Szene handelt. Da “wir” vor allem wenig informierte Männer waren habe ich im Nachhinein den Eindruck, dass sich “unsere” Frauen aber auch Schwulen in dem Dilemma oder dem Druck ausgesetzt sahen, sich mit den “freiwillien” Sexarbeiterinnen zu solidarisieren. Makaber war dabei, dass es konkret um die Kurfürstenstr. in Berlin ging. Egal wie man sich im Einzelnen zur Prostitution positioniert oder mit diesem Thema inhaltlich vertraut ist: Wer diesen Ort und die Frauen dort kennt und von “Sexarbeit” spricht ist m.E. nicht nur politisch sondern auch moralisch diskreditiert. Und bei mir habt Ihr ja bereits “Erfolg” gehabt – vor der Lektüre einiger Beiträge bei Euch war mir der Umfang dieser Debatte nicht so präsent wie jetzt…

  8. Ja, wenn du es so beschreibst, dann merkt man, dass du dich auseinandergesetzt hast, und das ist super. Diese Leute profitieren auch davon, dass sich nur wenige mit der Thematik oder dem “Milieu” auseinandergesetzt haben und naiverweise etwas für “Sexarbeiterinnen” tun möchten. Man muss sich schon richtig, geistig und emotional, mit dem Thema auseinandersetzen, um zu begreifen, wie dieses System abläuft.
    Ich bin auch nicht “direkt im Milieu” damit konfrontiert, aber es ist ja gerade wichtig, dass Außenstehende etwas tun. Die Betroffenen, die Aussteigerinnen, haben ja genug mit ihrem Alltag und Therapien und und und zu tun, wie viele werden die Kraft haben, an die Öffentlichkeit zu gehen? Dafür muss es uns geben, dafür gibt es Solidarität, jedeR einzelne ist wichtig.

  9. Neoabolitionistin oder SWERF, ist ja auch egal. Man versucht, uns ruhig zu stellen, weil man ein Problem mit dem “Opferdiskurs” hat. Aber solange es Opfer gibt, wird es auch einen Opferdiskurs geben. So einfach ist das.

  10. Männlich links

    @vuk
    “Ja, wenn du es so beschreibst, dann merkt man, dass du dich auseinandergesetzt hast, und das ist super.”
    Habe ich eigentlich gar nicht, musste ich eher gegen meinen Willen, aber als Sozialist reicht mir da August Bebel als Referenz auch schon aus.

    “Diese Leute profitieren auch davon, dass sich nur wenige mit der Thematik oder dem „Milieu“ auseinandergesetzt haben und naiverweise etwas für „Sexarbeiterinnen“ tun möchten.”
    Das glaube ich seit kurzem gar nicht mal mehr. Ein Teil der emanzipatorischen Bewegungen – Querfems, CWs, Intersektionale etc. (stark vereinfacht) – sind m.E. in einen kulturellen Neoliberalismus abgedriftet, auch wenn sie es selber gar nicht mitbekommen haben. Die Debatte ist ja gerade aus Amerika rübergeschwappt – wir werden es sehen. “Naiv” unterschätzt, vor einem Jahr hätte ich das anders gesehen, den ideologischen “there ist no society” Kern dieser Leute.

    “Ich bin auch nicht „direkt im Milieu“ damit konfrontiert, aber es ist ja gerade wichtig, dass Außenstehende etwas tun.”
    Pardon, ich meinte natürlich nicht “das Milieu” sondern das sog. “UnterstützerInnen-Milieu”. Aber Du hast im Kern völlig Recht (wenn ich Dich richtig verstehe): Es geht nicht um “Betroffenheit” und nicht einmal um Empathie (ist natürlich gut), sondern um ein politisches und moralisches Urteil. Den Begriff “Außenstehend” oder auch “Ally” finde ich übrigens furchtbar – aber genau damit wird ja (nicht von Dir) jede Form von Solidarisierung verhindert. Wenn wir alle nur Opfer und/oder Täter sind und alles nur Diskurs gibt es ja keinen konkreten politischen Raum mehr, sondern nur noch gegenseitiges Bemitleiden. Eine Mischung aus liberalem anything-goes und christlicher Nächstenliebe.

    “Dafür muss es uns geben, dafür gibt es Solidarität, jedeR einzelne ist wichtig.”
    Schöner Schlusssatz, danke für den erhellenden Austausch.

  11. Guter Text, aber das Unwort “Sexarbeit” gehört konsequent unter Anführungszeichen gesetzt, und wer Prostitution befürwortet / verteidigt, ist KEINE Feministin. Feminismus bedeutet Kampf für die Befreiung von Frauen und die Abschaffung patriarchaler Macht- und Herrschaftsverhältnisse.

  12. “Die Freier, die zu hunderttausenden jeden Tag Frauen kaufen und dann fleißig Berichte schreiben, die vor Gewalt und Hass nur so triefen, sind unsere Kollegen, Väter, Brüder, Freunde und Ehemänner.”

    Das ist auch der Grund warum es sogenannte Feministinnen gibt, die das Freiertum akzeptieren. Weil sie es nicht wahrhaben wollen, dass die eigenen Männer gegen Bezahlung vergewaltigen und Frauenhasser sind. Da wird die Sache lieber schöngeredet. Sonst müsste frau die eigenen Beziehungen zu Männern gründlich ausmisten, was bedeuten kann, dass frau einige Jahre ohne Männerbeziehungen leben muss.

    Dass viele Linke in einen kulturellen Neoliberalismus (© Männlich links 🙂 abgedriftet sind und das nichteinmal merken ist ebenfalls eine traurige Tatsache.

  13. “Ist das noch Feminismus oder kann das weg?” – Puh, harter Tobak. Diese neoliberalen Frauen, die das Label “Feminismus” dafür mißbrauchen, den neoliberalen Kapitalismus zu legitimieren – sogar noch mit “feministischem” Segen – sind ein großes Ärgernis. Was sie veranstalten nennt man die Fälschung des Labels “Feminismus” und Unterstützung der neoliberalen Globalisierung. Ziel dieser Angriffs-Strategie ist es es aber nicht nur, Begriffspiraterie zu betreiben, sondern die gesamte SUBSTANZ des Feminismus auszuhöhlen. Sie sind gefährlich! Weil sie sich als “Feministinnen” tarnen und zugleich gegen Frauen kämpfen. Es sind Doppelagentinnen.

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