Feminismus im Eimer – Die Happy Sexwork Lüge und Feminismus, der keiner ist

Die Störenfriedas, heißt es oft, sind immer so dagegen. Das stimmt. Wir sind gegen vieles. Uns gibt es, weil wir laut und hörbar eine gegenteilige Meinung vertreten wollen, weil wir genug davon haben, dass Feminismus zu einem Lifestyle wird, dass Frauen aufhören, weniger als die Freiheit für sich zu fordern, auch wenn das bedeutet, uralte Privilegien anzugreifen und richtig unbequem zu sein. Feminismus, der bequem ist, der Beifall bekommt aus der Mitte einer Gesellschaft, die ihre patriarchalen Grundlagen weder erkennt noch reflektiert, ist kein Feminismus, aber der Widerspruch fällt den wenigsten auf, und auch das nicht aus Zufall. Wer “anschlussfähigen” Feminismus betreibt, wird gerne als Feigenblatt genommen und bekommt Öffentlichkeit. Wer Bullshit anprangert, wird angegriffen. In erstere Kategorie fällt die Positionierung zur Sexarbeit des feministischen Kollektivs “Feminismus im Pott”.

Ich wollte es lange nicht lesen, weil es ja doch nur die Wiederholung des bereits bekannten Prostitutions-Bullshit-Bingos ist, aber dann tat ich es doch. Als ich es las, wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Lachen, weil eine derart widersprüchliche und von Lobbyspeech geprägte Haltung eigentlich offensichtlich verrät, worum es bei Feminismus im Pott geht (nämlich sicher nicht die Frauen, die ohnehin nur mit lauter Sternchen und anderem Gedöns genannt werden dürfen – “wir sind nicht alle männlich”), weinen, weil es zeigt, dass all die feministischen Kämpfe, all die tapferen Frauen weltweit, die gegen ein zerstörerisches, frauenverachtendes System der Ausbeutung kämpfen und dabei in der Gesellschaft auch vorankommen, bitter nötig sind, aber innerhalb des Feminismus immer wieder zurückgeworfen werden.

Woran liegt das? Warum gelingt es uns, eingefleischte Puffgänger davon zu überzeugen, dass es für eine verkommene Menschlichkeit steht, sich im Puff eine 20jährige Rumänin zu kaufen und diese für Geld zu vergewaltigen, wir aber bei jenen, die doch eigentlich wie wir antreten, das Leben für Frauen besser zu machen, immer wieder scheitern? Was ist das? Internalisierter Selbsthass? Die Ignoranz der Privilegierten? Das völlige Fehlen von Empathie? Oder einfach die Folge von Gehirnwäsche?

“Unsere Sprecher*innenposition ist geprägt davon, dass in unserem Team keine*r der Sexarbeit nachgeht oder sich als solche*r definiert. Unsere Position ist die als Unterstützerin, als Ally”,

schreibt Feminismus im Pott. Mir stellt sich da die Frage: Habt ihr jemals mit Frauen gesprochen, die in der Prostitution arbeiten oder ausgestiegen sind? Habt ihr euch mal ein Bordell angeschaut? Das Ruhrgebiet ist voll davon. Falls euch das zu viel Realität ist, reicht es auch, wenn ihr euch im Ruhr-Freierforum umschaut und damit es auch nicht zu anstrengend wird, habe ich einfach mal ein paar Beiträge der letzten Wochen dort herausgesucht:

In einem der Beiträge geht es um ein Mädchen namens Belana. Die Freier sind sich nicht sicher, ob sie wirklich volljährig ist, freuen sich aber, dass sie “so herrlich eng” ist. Große Sorge herrscht, dass sie ihren “fairen” Service mit mehrfachem Stellungswechsel für 30 Euro bald nicht mehr anbietet, wenn sie die Sprache besser beherrscht. Aber gewitzt und klug wie Freier nun einmal sind, gibt es dafür eine Lösung:

“Hallo Lattmann.Damit das nicht passiert müssen wir alle Ihr dauernd “das Maul stopfen”.
Den passenden Korken hat sie schon kennengelernt, und….hat dabei kein Ton raus bekommen!!!!! Gruß Strichscout”

Lattmann und Strichscout schreiben fleißig, von Rechtschreibung und Grammatik zwar keine Ahnung, dafür kaufen sie laut ihren Berichten täglich Sex und bewerten die Frauen dann. Obwohl “Frauen” in diesem Fall falsch ist. Für diese beiden Männer, die beispielhaft für Freier stehen, sind Frauen keine Menschen, auf deren Schmerzempfinden sie Rücksicht nehmen müssen:

“Ironiemodus an…Ist die länge der Nippel nicht abhängig von der Zugkraft deiner Finger in Verbindung mit der Fähigkeit die Schreie des Mädels zu ignorieren/weg zu hören? Ironiemodus aus…”

Feminismus im Pott sagt, Prostitution sei Arbeit und benutzt deshalb auch gleich den eindeutig aufgeladenen Begriff “Sexarbeit”, der von der US-amerikanischen Lobbyorganisation NSWP in das Leben gerufen wurde, um die Bordellbetreiber und Zuhälter zu entkrimininalisieren und als normale Tätigkeiten anzuerkennen. Nochmal deutlich: bei diesem Begriff ging es nie um die Frauen, sondern um die ausbeutenden Berufe rund um sie herum. Da sind wir auch gleich am Kernpunkt der ganzen Happy-Sexwörk-Maschinierie: Wer unsichtbar macht, was Frauen in der Prostitution erleiden, der kann erreichen, dass aus einer bezahlten Vergewaltigung eine Dienstleistung wird und aus Zuhältern Wirtschafter, aus Bordellbetreibern und Menschenhändler Unternehmer und aus Freiern einfache Kunden. So funktioniert die Euphemisierung von Prostitution, an der sich “Feminismus im Pott” fleißig beteiligt.

Prostitution ist keine Arbeit, auch wenn das so gerne mit fatalistischem Blick auf den weltumspannenden Kapitalismus behauptet wird. Dann werden die Putzfrauen und Altenpflegerinnen bemüht, die auch alle einen Job machen, den keiner machen will und der unangenehm ist, und dass wir doch alle, die wir der Lohnarbeit nachgehen, uns irgendwie prostituieren. Zunächst einmal ist es an Zynismus kaum zu überbieten, zu sagen: “Dem Kapitalismus gehört doch ohnehin schon alles, unsere Arbeitskraft, unser Konsumverhalten, unsere Lebenszeit, unser Eigentum, dann können wir ihm auch gleich unsere Sexualität überlassen” und das auch noch aus der privilegierten Position gut ausgebildeter, vermutlich irgendwie weißer Frauen, die niemals in die Situation gekommen sind, ihre Körper an 20 Männer und mehr pro Tag verkaufen zu müssen – wo ist denn dann die Grenze? Beim Organverkauf? Beim Kinderhandel?

Wenn wir es so betrachten, dann ist alles an uns Ware, dann besteht das ganze Leben nur noch aus Warenförmigkeit und die einzige Art und Weise, mit dem Kapitalismus umzugehen, ist, sich ihm völlig zu unterwerfen. Hinzu kommt, dass wir eben vor dem Kapitalismus nicht alle gleich sind, dass dieser die Trennung der Geschlechter und die Unterdrückung der Frauen braucht, um zu funktionieren. Frauen machen die unbezahlte Sorge- und Haushaltsarbeit, Frauen verkaufen ihren Körper und das wird von zynischen, deutschen Feministinnen dann auch noch zur “Chance” oder “Selbstbestimmung” verklärt. Das nicht zu sehen und sich trotzdem Feministin zu nennen, ist so absurd, dass sich die Frage aufdrängt, warum man es überhaupt Feminismus nennt. Wir wissen, dass die meisten Frauen weder in der Prostitution arbeiten noch in ihr bleiben möchten, doch dass unsere Gesellschaft ihnen keine andere Wahl lässt. Dieses “keine andere Wahl” lassen wird dann noch großzügig zum Non-Plus-Ultra des postmodernen Umgangs mit der kapitalistischen Weltordnung erklärt. Menschenverachtender geht es kaum, unsolidarischer auch nicht.

Weiter ist es ein großer Unterschied, ob man sein Geld mit seinen Händen oder seiner Sexualität verdient. Sexualität ist ein Bestandteil unserer Persönlichkeit, unserer Identität. Es ist so ziemlich das Intimste, das wir haben. Wie kann man das verkaufen? Oder wie kann man annehmen, dass man eine sexuelle Dienstleistung anbietet, diese aber nichts mit der eigenen Sexualität zu tun hat? Wissenschaftler und Traumaexperten haben eindeutig nachgewiesen, dass Frauen in der Prostitution andauernd dissoziieren müssen, also ihre Gedanken und Gefühle von ihrem Körper abspalten müssen, um zu ertragen, dass da Fremde ihre Sexualität benutzen, ein Vorgang, der schwere psychische Folgen hat und oft nur noch mit Alkohol und Drogen auszuhalten ist. Da eine überwältigende Mehrheit der Frauen in der Prostitution bereits in der Kindheit und Jugend sexuelle Gewalt erfahren hat, kennen sie die Mechanismen der Dissoziation bereits und das Trauma vertieft sich.

In welchem noch so beschissenen Job der Welt muss man seine Gedanken und Gefühle abspalten,um ihn zu ertragen? In welchem Job muss man befürchten, dass der Kunde den eigenen Schal benutzt, um mich zu erwürgen? Wo Schläge und körperliche Schmerzen in Kauf nehmen? Wo sich demütigen lassen und das Risiko unheilbarer, sexuell übertragbarer Krankheiten in Kauf nehmen?

Prostitution ist in Deutschland legal – trotzdem hat keine der Frauen eine Krankenversicherung, sie bezahlt nicht in die Rentenkasse ein, bekommt kein Arbeitslosengeld. Sie profitiert weder vom Mindestlohn noch vor rechtlichen Bestimmungen zu ihrem Schutz, sie ist der Willkür der Freier und der Menschenhändler vollständig ausgeliefert. Sie kann sich nicht krankmelden, sie kann keinen Urlaub beantragen. All das sind eindeutige Belege dafür, dass Prostitution eben keine Arbeit, sondern ein Geschäft mit dem Elend ist, und zwar vor allem mit dem Elend von Frauen. Und hier ist der Knackpunkt für den Feminismus: Ohne patriarchale Unterdrückung wäre Prostitution nicht denkbar. Sie hat ihren Ursprung in der Sklaverei und die ersten Sklaven waren Frauen. Es ist nicht der älteste Beruf der Welt, sondern eine der ältesten Formen der Unterdrückung. Und Feministinnen bringen es fertig, sich hinzustellen und zu behaupten, Prostitution als Sexarbeit sei toll? Ohne Frauen zu dehumanisieren, sie zu käuflichen Gegenständen zu machen, deren Gefühle, Wünsche und Rechte nichts zählen, ist Prostitution nicht denkbar und deshalb betrifft Prostitution uns alle. Nicht nur, weil es eine Frage der Menschlichkeit ist, sich mit jenen zu solidarisieren, die auf diese Weise ausgebeutet werden, sondern auch, weil in einer Gesellschaft, in der einige Frauen käuflich sind, wir alle als käuflich und von geringerem Wert betrachtet werden.

Die Freier, die zu hunderttausenden jeden Tag Frauen kaufen und dann fleißig Berichte schreiben, die vor Gewalt und Hass nur so triefen, sind unsere Kollegen, Väter, Brüder, Freunde und Ehemänner. Es ist unvorstellbar, dass eine feministische Seite eine öffentliche Bankrotterklärung in der Analyse von Unterdrückungsformen verfasst und das auch noch Feminismus nennt.

Wenn Prostitution eine so tolle, weil sexuell befreiende Tätigkeit wäre, warum wird sie dann nur von sehr jungen, sehr armen, sehr ungebildeten und vor allem nichtdeutschen Frauen gemacht? Warum stellen sich all die zynischen “Wissenschaftlerinnen”, die pro Sexarbeit sind, nicht selbst in das Bordell und erleben am eigenen Leib, was sie da propagieren? Dort könnten sie den Freiern begegnen, deren Rechte sie so emsig verteidigen:

Hallo,
ich habe eine vielleicht ungewöhnliche Frage, hoffe aber auf eine Antwort. Ich suche auf dem Strassenstrich eine Frau, die auch härter angefasst werden kann und auch mal einen Klaps oder eine Ohrfeige verträgt. Das ganze jetzt nicht zu wild (also nicht wirklich SM), aber eben auch nicht der normale Sex den man dort standardmässig bekommt. Ich weiss, wie ich im Internet Damen und Clubs finden., die das anbieten. Ich möchte aber eine, die es eben gewohnt ist, im Auto bzw der freien Natur zu arbeiten.Klingt halt in meinem Kopf aufregend.Danke schon einmal für Eure Hilfe!

Natürlich gibt es gleich einen Tipp für ihn:

Hey nk1206 ich Persöhnlich weis jetzt keine vom Platz,aber ich wette wenn du dich mal durchfragst und bissel kohle drauflegst wird sich was finden. Bis jetzt hab ich immer gefunden was ich so wollte.
Und glaub mir 0815 sex ist langweilig 😀
Steh mehr auf anderes und hab es dort bis jetzt immer bekommen,gut klaps auf dem po ist noch mal was anderes als eine Ohrfeige denn damit entrechtest du diese Person.Das ist Demütigen ob du das findest wag ich schon fast zu bezweifeln. kleiner Rat versuch es villeicht mal bei der Junky Fraktion! 🙂

Wenn Feminismus dafür eintritt, dass eine solche Haltung gesellschaftlich akzeptiert ist, dann ist dieser Feminismus im Eimer. Es ist ein Feminismus, der Frauen darauf vorbereitet, sich in den Begebenheiten einzurichten, sich mit ihrer Unterdrückung und Ausbeutung und der ihrer Geschlechtsgenossinnen abzufinden, der Begriffe euphemisisert, um sie anschlussfähig und das Elend, das Leid und die Gewalt unsichtbar zu machen. Es ist ein Feminismus, der sich in den Dienst der Unterdrückung stellt. Neu ist daran gar nichts, auch nicht revolutionär und mit Feminismus hat das nichts zu tun, vielmehr mit der Kapitulation des eigenen Verstands und des eigenen Herzens vor dem Druck der Geld- und Machtinteressen anderer.

Eine Bemerkung zum Schluss: Die Gegnerinnen der Prostitution “Neoabolitionistinnen” zu nennen, ein Begriff, in dem der “Neofaschismus” oder der “Neonazi” mitschwingt, zeigt, wie weit man bereit ist, im Namen dieser Interessen zu gehen. Nur um das deutlich zu machen: Hier geht es nicht um Selbstbestimmung oder Freiheit. Hier geht es um das Recht einiger weniger, andere Menschen, deren Intimstes, zu verkaufen und davon zu profitieren, um Profit mit der Entmenschlichung von Frauen. Ist das noch Feminismus oder kann das weg?

 

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