Feminismus und Friedensbewegung – oder warum Frauen nicht allein für den Frieden verantwortlich sind

Female delegates to the 1915 Women's Peace Conference

By Bain News Service, publisher [Public domain], via Wikimedia Commons

Es steht gerade nicht gut um den Frieden in der Welt. Unschuldige sterben, der Streit, wer an was Schuld ist geht weiter, während Deutschland munter Waffen an alle liefert und an jedem Toten mitverdient. Seit der sogenannten Ersten Welle des Feminismus, noch vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs haben sich Frauen und vor allem Feministinnen mutig gegen den Krieg eingesetzt, sie haben sich nicht mitreißen lassen vom nationalistischen Taumel, dem so mancher Schriftsteller wie Thomas Mann oder Hermann Hesse am Vorabend des 1. Weltkrieges anheimfielen. Nicht alle Feministinnen dachten so. Gerade die bürgerlichen und weniger radikalen fanden, die Frauensache habe hinter der Verpflichtung für Kaiser und Vaterland zurückzustehen. Doch es gab auch andere, mutige Stimmen. Wie ist also das Verhältnis von Frauen und Frieden? Geht es uns, wenn wir von Geschlechterfrieden reden, nicht zuallererst um Frieden in der Welt, denn die, die zuerst sterben und die am meisten leiden, sind die Frauen und Kinder?

Die ersten Feministinnen – die ersten Friedenskämpferinnen

Lida Gustava Heymann, Hedwig Dohm und Minna Cauer, jene, die dem radikalen Flügel der Ersten Welle angehörten, sprachen sich schon früh und energisch gegen den 1. Weltkrieg aus, der dieses Jahr 100 Jahre zurückliegt und wo nicht wenige Historiker auf einmal behaupten, er sei doch nicht mehr als ein “Unfall” der Geschichte gewesen, den niemand, vor allem nicht die Deutschen so richtig gewollt hättten. Das geht runter wie Öl und dann wird Deutschland heute Abend auch noch Weltmeister, dann gehört uns wieder die Welt, dann können wir endlich wieder stolz sein, nicht wahr? Diese Reinterpretierung der Geschichte ist die widerlichste Form von Nationalismus und die Geschichtswissenschaft macht sich zu ihrem Handlanger. Das ist auch der Grund, warum die Geschichtswissenschaft von der Politik als einer der wenigen Geisteswissenschaften so beliebäugelt wird – sie eignet sich so herrlich zur Rechtfertigung.
Lida Gustava Heymann, die wir bereits in unserer Reihe “Unsere Störenfrieda der Woche” vorgestellt haben, war entsetzt über den Ausbruch des 1. Weltkriegs. Sie schrieb im September 1914:

Wir trauern mit den Frauen aller Nationen, die ihr Liebstes hergeben mussten oder denen ihr Liebstes verstümmelt an Leib und Seele heimkehrt. Wir reichen den Frauen aller Nationen, die mit uns gleichen Sinnes sind, die Hand.

Und die Feministinnen der Welt machten Ernst. Am 28. April kamen in Den Haag über 1000 Frauen aus allen kriegführenden Ländern zu einer Friedenskonferenz zusammen. Sie verfassen einen Beschluss, der mit den folgenden Worten beginnt:

Wir Frauen aus vielen Ländern, zum internationalen Kongresse versammelt, erklären hierdurch über allen Hass und Hader hinaus, der jetzt die Welt erfüllt, uns in der gemeinsamen Liebe u den Idealen der Gesittung und der Kultur verbunden zu fülen, auch wo unsere Wege zu diesem Ziele auseinander gehen. WIr erklären feierlich jeder Neigung zu Feindschaft und Rache zu widerstehen, dagegen alles Mögliche zu tun um gegegnseitiges Verständnis und guten Willen zwischen den Nationen herzustellen und für die Wiederversöhnung der Völker zu wirken. Wir erklären: Der Lehrsatz, Kriege seien nicht zu vermeiden ist sowohl eine Verneinung der Souveränität des Verstandes, als ein Verrat der tiefsten Triebe des menschlichen Herzens. Von der innigsten Teilnahme beseelt für die Leidenden, Trostlosen und Unterdrückten fordern wir, die Mitglieder dieses Kongresses, die Frauen aller Nationen feierlichst auf, für ihre eigene Befreiung zu arbeiten und unaufhörlich für einen gerechten und andauernden Frieden zu wirken.

Seit der Formulierung dieser Sätze sind fast 100 Jahre vergangen. In ihnen fanden und finden die schrecklichsten Kriege der Weltgeschichte statt. Nach dem 1. Weltkrieg kamen in Deutschland Hunger und Arbeitslosigkeit, für viele Frauen blieb nur die Prostitution. Dann kamen die unbeschreiblichen Schrecken des Holocaust und des 2. Weltkrieges, den viele Frauenrechtlerinnen nicht überlebten. Danach wurde sofort wieder das Bild der patriarchalen Familie und der untergeordneten Frau installiert. Doch als die Zweite Welle des Feminismus rollte, kam auch der Ruf nach Frieden wieder auf.

Vom Kriege und von den Frauen

Zunächst ist dabei etwas zu klären, was in dieser Auseinandersetzung immer wieder auftaucht: Frauen seien eben friedfertiger, Krieg, das sei ein Männerding. Das ist eine sexistische Sichtweise, die Eigenschaften eines Menschen auf sein Geschlecht zurückführt. Wenn Frauen wirklich friedfertiger sind, dann deshalb, weil sie sozialisiert werden und wenn Männer wirklich eine Kriegsbegeisterung haben, dann weil sie ihnen anerzogen wird und gesellschaftlich gebilligt wird. Das bedeutet zu gleich, und das stellten ja bereits die Frauen auf dem Friedenskongress 1915 fest, dass Kriegslust keine angeborene Eigenschaft ist und wir lernen können, ihn zu vermeiden. Nun kann man den Krieg nicht kritisieren, ohne dabei den Nationalismus und den dazugehörigen Kapitalismus zu kritisieren. Die Nationen stehen sich im Grunde immer feindlich gegenüber, es geht um Ressourcen, um den Zugang zu Märkten, um Arbeitskräfte, um Exporte. Da werden Bündnisse geschlossen, Handelsabkommen, aber auch Kriegsbündnisse, um sich gegen jenes oder dieses abzusichern oder sich jenen oder diesen Vorteil zu verschaffen, doch die Konkurrenz der Nationen bleibt bestehen. Daher ist der Satz von Carl Clausewitz: “Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln” bis heute richtig – kommen all diese Abkommen, Verhandlungen, das ganze Geschachere an ihr Ende, weil irgendeiner der Partner (wie zum Beispiel gerade Russland) einfach nicht mehr mitspielt, droht Krieg. Dem Kapitalismus selbst sind die nationalen Grenzen eher hinderlich, er braucht ja gerade seine globale Ausbreitung, um möglichst alles aus der Erde und ihren Menschen herauszupressen und an die oberen 1 Prozent der Menschheit zu verteilen. Für ihn wäre ein globales Weltreich, von Business-Managern nach streng neoliberalen Grundsätzen durchstruktiertes Weltreich das allerbeste. Das wiederum weiß der Nationalismus zu verhindern, also spielt eben jeder sein eigenes Spiel mit Krieg und Frieden. Auch dazu gehört der folgende Gedanke: Frieden kann es nur da geben, wo es Krieg gibt. Frieden ist immer nur die Abwesenheit von Krieg. Das hört man in letzter Zeit auch oft – “Wir hier in Europa, wir hatten es doch schon lange ruhig” – die Leute wissen, dass irgendwie immer gerade Krieg droht und Frieden nur die kurzen Atempausen sind. Wir müssen den Krieg ebenso wie den Frieden abschaffen, wir brauchen keine Atempausen, wir brauchen die vollständige Abwesenheit von Krieg, von seinen Atempausen des Friedens, vom Nationalismus und vom Kapitalismus.
Aber zurück zu den Geschlechtern. Niemand von uns wird als Krieger oder Soldat geboren, wir werden dazu gemacht und beide Geschlechter sind dazu gleichermaßen fähig – von daher ist es auch nicht die besondere Rolle der Frauen für den Frieden zu sorgen, nur weil sie eben sanftmütiger sind. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die man nicht wieder auf den Schultern der Frauen aufgrund ihres “Wesens” abladen kann – und Frauen sollten sich diesen Schuh auch nicht anziehen, haben das aber in der Vergangenheit viel zu oft gemacht.

Feminismus und Friedensbewegung

Viele Forscher führen die Entstehung des Kriegertums darauf zurück, wie komplex eine Gesellschaft war. Gleichzeitig setzen an dieser Stelle auch viele die Entstehung des Patriarchats an. Die Nummer mit dem Krieger und dem Krieg hat also für uns Frauen schon einiges versaut, dass wir jetzt, zehntausende Jahre später wieder gerade biegen sollen. Krieg in all den Jahrtausenden bedeutete für die Frauen Vergewaltigungen, Misshandlung, Mord, Verschleppung, Tötung ihrer Kinder, ihrer Söhne und Ehemänner. Immer wieder und wieder. Vergewaltigung ist ein anerkanntes Kriegsmittel des Patriarchats, nichts demütigt den Gegner mehr, als wenn man “seine” Frauen missbraucht.  Die Hauptaufgabe der Frauen blieb in allen Kriegen hinter der Front – Versorgung von Verwundeten, Anbringen von Versorgung. Frauen kämpften dennoch auch schon immer, da seien die Amazonen erwähnt oder die herausragende Rolle der Frauen in den Kämpfen der französischen Revolution. Auch im Mittelalter gab es immer wieder Versuche von Frauen, sich zu bewaffnen, die aber nur selten Beachtung fanden. Nur Anerkennung gab es dafür nie. Dennoch blieb die Frau als Soldatin bis auf wenige Länder der Welt eine Ausnahme. Auch das sowjetische Russland wollte keine Frauen im Krieg. Heute sieht das anders aus. Die USA schicken Frauen in den Krieg und seit neuestem Deutschland auch. Dennoch: Deutschland, Europa, war durch die beiden Weltkriege am Boden. “Nie wieder Krieg” hieß es. Schon in den 1950er Jahren gab es Widerstand gegen die Remilitarisierung, gegen den Nato-Beitritt und die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht.

Zwischen 1960 und 1968 entstanden die bis heute stattfindenden Ostermärsche.
Als sich Anfang der 80er die “Neue Linke” zusammenfand und sich eine neue Friedensbewegung formatierte, waren es überdurchschnittlich viele Frauen, die sich in der Friedensbewegung engagierten. Eigene Frauenfriedensgruppen enstanden. Es gab tatsächlich auch eine Menge Streit um die Wehrpflicht – die ihrem Wesen nach sexistisch war, denn nur die Männer waren ihr ausgeliefert. Alice Schwarzers Antwort war darauf: Dann eben Wehrpflicht für alle. Die Friedensaktivistinnen antworteten: Wehrpflicht für keinen. Inzwischen ist sie abgeschafft, Frauen sind in der Bundeswehr seit 2001 zugelassen. Dass der Sexismus innerhalb dieser Männerbastion deshalb nicht verschwunden ist, steht auf einem anderen Blatt.

Von Männlichkeitsbildern und dem Wesen der Frau

Nirgendwo werden die Fronten patriarchalen Denkens härter verhandelt, als wenn es um die Frage geht, ob Frauen denn jetzt nun genauso gute Kämpferinnen oder Sportlerinnen sind wie Männer. Hier ist immer zunächst von einer rein körperlichen Unterlegenheit die Rede. Doch gleichzeitig ist es auch das patriarchale Denken, das hier in Reinform auftritt: Der Mann ist perfekt, die Frau ihm unterlegen. Der Mann ist der Krieger, die Frau das Opfer. Männer haben seit Jahrtausenden Kriege geführt, ganze Völker in den Abgrund gestürzt, aber das haben sie nicht, weil sie eben Männer sind und Männer ihrem Wesen nach grausam und kriegslustig sind, sondern weil das Patriarchat ihnen die Macht dazu verliehen hat. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Frauen keineswegs mehr Empathie mit Feinden und Gegnern haben als Männer – und wenn sie sie haben, dann deshalb, weil ihnen von klein an eingebläut wurde, genau so zu denken. Die Frauen, in der Geschichte, die mit einem anderen Selbstbewusstsein aufwuchsen, genannt sei hier zum Beispiel Kleopatra, zögerten keine Sekunde, wenn es darum ging, Feinde mitleidslos zu vernichten. Kriegslust oder Friedensfertigkeit sind kulturelle Eigenschaften, die wir als Gesellschaft entwickeln und unseren Kindern mitgeben. Dazu gehört, dass Kriegsspielzeug kein Spielzeug ist, dazu gehört, dass auch Video-Ballerspiele nicht so harmlos sind, wie alle immer behaupten und vor allem gehört dazu, dass wir aufhören, uns als Zugehörige von Nationen zu betrachten. Jungs wird vermittelt, dass Krieger besonders männlich sind – von Star Wars bis Superman. Mädchen haben die abgemagerten Monster High Girls zum Vorbild. Krieg ist nicht männlich. Er ist zerstörerisch und er ist, das haben die Frauen bereits vor über 100 Jahren festgestellt, nicht unabwendbar.  Es gibt immer eine Entscheidung für oder gegen den Krieg. Wir sind Weltbürger und als solche stehen wir uns als Brüdern und Schwestern gegenüber, unabhängig von Nation und Religion. Jeder von uns will das Gleiche – in Frieden mit den Seinen leben. Dafür kämpfen müssen wir nicht als Frauen, sondern als Menschen, als Gesellschaft.

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