Feminismus und Marxismus – ein unversöhnlicher Gegensatz?

Frauentag 1914 Heraus mit dem Frauenwahlrecht

By Karl Maria Stadler (Scan from an old book) [Public domain], via Wikimedia Commons

Der Feminismus wird aus verschiedenen Gründen immer wieder unter den eher „linken“ Strömungen der Politik angesiedelt, obwohl das historisch gar nicht richtig ist. Es gab eine bürgerliche und eine proletarische Frauenbewegung im 19. Jahrhundert, die sich spinnefeind waren und auch bis heute ist der Grundwiderspruch zwischen dem Feminismus und dem Marxismus nicht abschließend geklärt. Der Marxismus behauptet, die Unterdrückung der Frau sei eine Folge des Kapitalismus und wäre mit der Beseitigung desselben erledigt, die Feministinnen ärgern sich darüber, dass auch in marxistischen Kreisen die spezifischen Frauenfragen einfach als sogenannter „Nebenwiderspruch“ abgetan werden.

Die wundervolle Catharine MacKinnon hat bereits 1982 einen Aufsatz darüber verfasst, wie es sich denn nun verhält mit dem Feminismus und dem Kapitalismus und warum die beiden sich gegensätzlich gegenüberstehen, wo es ihnen doch beiden um die Befreiung von der Unterjochung eines unterdrückerischen Systems geht. Eine Antwort darauf findet sich zunächst bei Kate Millet einige Jahre zuvor:

Vielleicht besteht die stärkste psychologische Waffe des Patriarchats ganz einfach in seinem universellen und langlebigen Charakter. Es gibt kaum ein anderes System, mit dem das Patriarchat verglichen werden kann oder durch das es wiederlegt werden könnte. Obwohl man dasselbe auch über die Klassenschichtung sagen könnte, hat das Patriarchat durch seine erfolgreichere Gewohnheit, sich selbst als ‘natürlich’ hinzustellen, doch einen eindrucksvollen und festen Halt gefunden. Auch die Religion ist eine universelle Einrichtung der menschlichen Gesellschaft, so wie es früher die Sklaverei war, und die Vertreter beider Gruppen sprechen gern von Geschick oder von einem unwiderruflichem menschlichen ‘Instinkt’, ja sogar vom ‘biologischen Ursprung’. Wenn ein System einmal an der Macht ist, hat es nicht mehr nötig, laut über sich zu sprechen; wenn jedoch seine Mechanismen auseinandergenommen und in Frage gestellt werden, fällt es nicht nur der Diskussion, sondern auch dem Wechsel anheim. [1]

Die doppelte Entfremdung

Es gibt, wie Catharine MacKinnon feststellt, sehr viele Ähnlichkeiten im Marxismus wie im Feminismus. Im Marxismus ist der Mensch seiner Arbeit entfremdet, im Feminismus die Frau ihrer Sexualität. Aber bedingt das eine das andere nun? Und kann der Kampf gegen das eine Problem das andere lösen? Für die Marxisten sind Feministinnen in erster Linie gelangweilte Mittelklasse-Frauen, die keine Ahnung von Arbeitersorgen haben, oder aber sie sind Arbeiterinnen, die sie eine ganze Weile lang als heftige Konkurrenz im Kampf um Arbeitsplätze wahrgenommen haben. Als sich dann die proletarische Frauenbewegung formierte, so musste diese, wann immer es galt, unter Beweis stellen, dass der Klassenkampf den Vorrang vor dem Kampf der Befreiung der Frau hatte. Die eigene Lebenswelt, der eigene Frauenalltag als Arbeiterfrau, eine Bewusstseinsschaffung dafür, was es hieß nicht nur Arbeiterin, sondern auch Frau zu sein, fiel dabei weg. Man war Genossin. Nicht Frau. Das zeigten im Anschluss auch die sozialistischen Länder. Viele der proletarischen Frauen verachteten die bürgerlichen dafür, dass diese sich mit dem Frauenwahlrecht zufriedengeben wollten, sogar Rosa Luxemburg äußerte sich 1912 voller Verachtung über die bürgerlichen „Löwinnen“, die nach der Gewährung des Wahlrechts wie „Lämmer“ hinter ihren Ehemännern hertrotten würden. [2] Zugleich aber waren und sind Arbeiterfrauen Subjekte einer doppelten Unterdrückung – als Arbeiterinnen und als Frauen.
Der Begriff der „Entfremdung“ trifft auf niemanden mehr zu als auf die Frauen. Ihre Sexualität besteht nur in der Erregung und Befriedigung des Mannes. Ihre eigenen Bedürfnisse entdeckt sie in vielen Fällen ein Leben lang überhaupt nicht.

Sind wir Frauen oder Klassenfeinde?

Aber sind Frauen denn durch Klassenlinien voneinander getrennt? Unterscheidet die Klasse die Erfahrung als Frau so sehr? Tatsächlich hatte der Marxismus von Anfang eine Methode, nach der er vorging, er teilte die Geschichte der Welt in eine Geschichte aus Klassenkämpfen ein, erklärte uns die Funktion von Wert und Mehrwert und der ursprünglichen Akkumulation und erfand so ein geschlossenes System, eine Erklärung, mit deren Ansatz sich jede persönliche Erfahrung der Unterdrückung erklären ließ.

Bei den Frauen, den Feministinnen, ist es jedoch anders. Ihnen fehlt es, bis heute, nach über 160 Jahren Frauenbewegung, an Bewusstsein, überhaupt unterdrückt zu sein. Es gab viele verschiedene Ansätze, dieses Bewusstsein zu wecken und es wurden auch beachtliche Ziele erreicht, doch gerade in den vergangenen Jahren wurden diese erfolgreich zunichte gemacht. Emanzipiert ist man heute, wenn man Sex & the City schaut. Marx ist es gelungen, aus dem Bewusstsein der Unterdrückung der Arbeiterklasse eine Theorie zu machen, den Marxismus. Und hat denn der Feminismus keine Theorie? Denn, diese Frage stellt Catharine MacKinnon sehr klug, welche Unterdrückung begann denn zuerst – die der Frauen oder die der Arbeiterklasse? Wann genau war unsere ursprüngliche Akkumulation?

Ebenso wie die Arbeiterklasse teilen Frauen eine gemeinsame Erfahrungswelt der Unterdrückung, der sexuellen Belästigung, der Gewalt, der Diskriminierung, der Objektifizierung und der Ausgrenzung. Aus dem Bewusstwerden dieser Erfahrung ist die Theorie des Feminismus entstanden – er ist eine Kritik dieser Zustände, indem er nach ihren Ursachen fragt. Ganz genauso funktioniert der Marxismus auch, er fragt nach den Ursachen und kommt dabei immer wieder auf die ökonomischen Interessen. Die Frage nach der Unterdrückung der Frau kann der Marxismus aber nicht lösen, weil er selbst zutiefst patriarchalisch ist, ein System kann sich selbst nicht kritisieren.

Frauen werden nicht unterdrückt, weil es das böse Kapital so will. Frauen werden von Männern unterdrückt, weil sie aufgrund der Tatsache, dass sie schwanger werden und Kinder bekommen, in bestimmten Phasen ihres Lebens von anderen abhängig sind. Diese Abhängigkeit haben andere, in diesem Fall die Männer, zum Ausbau einer Machtposition ausgebaut und durch die verschiedensten, idiotischsten Gründe gerechtfertigt. Dazu brauchte es nicht erst das Kapital und den bösen Unternehmer. Warum sich Männer für diese Art der Dominanz entschieden haben, darauf fehlt die Antwort. Der Marxismus will sich jedenfalls noch nicht einmal der Frage stellen.

Die feministische Theorie

Der Feminismus verfügt also über eine Theorie, eine der Kritik und diese entstand vor allem in der Bewusstmachung, dem Consciousraising der eigenen Unterdrückung, das in den vergangenen Jahren erheblich ins Hintertreffen geraten ist. Und warum? Weil es eine Bedrohung darstellt.
Marx selbst hat erklärt, wie die Arbeiter durch die Sprache des Kapitalismus, durch den Warenfetisch mit der Ideologie, ja gar zu Mittätern ihrer eigenen Ausbeutung gemacht werden.
Genau das trifft auch auf die Frauen zu. Sie werden permanent mit der Ideologie ihrer eigenen Unterdrückung gefüttert. „Sei schön“, „Gefall ihm“, „Beweg dich sexy“, „Kauf das neue Kleid“, „Nimm ab“ – das sind die ununterbrochenen Dauerbotschaften, mit denen wir befeuert werden, Werbung, Filme, Musik, überall sind Frauen Objekte und sie lächeln dabei und zeigen, wie sehr sie es lieben, Objekte zu sein. Es fehlt uns sogar an einer Sprache, mit der wir beschreiben können, was uns unterdrückt. Inzwischen gibt es den Begriff der “rape culture“, den wir den amerikanischen Feministinnen zu verdanken haben, es hat dank #Aufschrei auch ein Verständnis dafür stattgefunden, was Alltagssexismus ist. Doch zugleich wächst der Widerstand, uns diese Sprache wieder zu nehmen. #notallmen heißt es dann. Und Opferabo. Das sind Machtkämpfe, die über die Sprache ausgetragen werden, denn Sprache ist Bewusstsein, Sprache ist Macht. Wo immer es Frauen gelingt, eine gemeinsame Sprache zu finden, stoßen sie auf heftigen Widerstand. Es wird relativiert, lächerlich gemacht, gedroht. Denn Bewusstsein, Bewusstwerdung ist eine Bedrohung der bestehenden Machtverhältnisse.

Die Theorie ist immer auch Erfahrung

Frauen als Feministinnen können ihre eigene Unterdrückung nicht in einer Theorie von außen betrachten, sie ist immer Teil der eigenen Lebenserfahrung, sie sind immer ein Teil des Objektes, das sie zu untersuchen versuchen, was bei vielen eben dazu führt, zu verweigern anzuerkennen, dass sie überhaupt unterdrückt werden. Immer dann werden die Beispiele angeführt, die es trotzdem geschafft haben, bei denen es doch trotzdem klappt. Frauenunterdrückung sei nur eine faule Ausrede, soll das heißen.

„Wie bei allen Randgruppen, wird auch hier einigen wenigen Frauen ein höherer Rang eingeräumt, damit sie eine Art von kulturellem Polizeiregime über den Rest ausüben können. Hughes spricht bei Randgruppen von einem Rangdilemma, das Frauen, Schwarze oder Amerikaner der zweiten Generation erfahren. Menschen sind in der Welt „hochgekommen“, doch ist es ihnen aufgrund ihrer Abstammung nicht erlaubt, die Früchte ihrer Arbeit zu genießen. Dies trifft besonders auf Karrierefrauen zu oder solche mit einer guten Ausbildung. Die Ausnahmepersonen sind verpflichtet, rituelle und eigenartig anmutende Verhaltensweisen zu zeigen, um ihren höheren Rang zu rechtfertigen. Charakteristisch ist oft die Form eines Versprechens von „Feminität“, das heißt einer Freude am Gehorchen und einem großen Bedarf an männliche Bevormundung.“[3]
Wir erinnern uns an zahlreiche Bücher ebensolcher Frauen, die genau diese Funktion erfüllen und mit entsprechender Energie von den Medien gehyped werden.

Bewusstsein, Bewusstwerdung ist die wichtigste Waffe, die der Feminismus hat. Sprache zu finden, sich zu verbinden, die gemeinsamen Erfahrungen zu teilen, wie das bei #Aufschrei, bei #ichhabenichtangezeigt und auch bei #yesallwomen stattfand. Die Reaktionen darauf zeigten, wie bedrohlich das wahrgenommen wird.

Gemeinsames Bewusstsein

Auch der Marxismus entstand aus Bewusstsein. Dem Klassenbewusstsein. An dem es heute vielen eingefleischten Sozialisten und Marxisten wieder so sehr fehlt. Dieses Dilemma teilen sie übrigens mit den Feministinnen. Die Arbeiter nahmen sich als eine eigene, als eine unterdrückte Klasse wahr und Marx lieferte ihnen die entsprechende Kritik dazu. Nichts anderes ist der Feminismus.

Der Marxismus kann die Frauenfrage nicht mit dem Nebenwiderspruch abtun, denn damit macht er sich dem Machterhalt des Patriarchats mitschuldig.

Er wird die Theorie des Feminismus als eine eigenständige anerkennen und mitbeantworten müssen. Und dabei erkennen müssen, dass auch Marxisten Frauenunterdrücker waren, sind und sein können. Nur weil man die Arbeiterklasse befreien will, heißt das noch lange nicht, dass man für die Befreiung der Frau ist.

Wie tief dieses Dilemma in der marxistisch-sozialistischen Struktur steckt, zeigt die derzeitige Ratlosigkeit im Zusammenhang mit der Prostitution. Der Feminismus hat sich mit den Prostituierten solidarisch erklärt, weil sie eine durch das Patriarchat besonders ausgebeutete und stigmatisierte Gruppe sind. Er hat nie erklärt, die sexuelle Freiheit bestünde darin, dem Kapitalismus ein Schnippchen zu schlagen und nun eben Sex für Geld anzubieten. Jedem, der marxistisch argumentiert, müssen da doch die Haare zu Berge stehen, sich vorzustellen, dass da eine Frau jetzt nicht mehr nur ihre Zeit und ihr Können als Lohnarbeit zu Markte trägt, sondern ihren Körper, ihre unmittelbare Gesundheit, ihre intimsten Körperöffnungen, noch dazu unter vollkommen unregulierten Bedingungen, zu einem Preis, von dem sie selbst kaum leben kann. Arbeitskämpfe wurden ausgefochten, damit wir nicht mehr sieben Tage 14 Stunden am Stück arbeiten müssen – und was tun Prostituierte jetzt? Jetzt kann man argumentieren, naja, deshalb sollen sie ja in die Gewerkschaft – aber meine Herren – die Prostituierten sind selbstständig, was genau hat da die Gewerkschaft verloren? Prostitution ist auf feministischer Analyse heraus abzulehnen, weil sie aus Frauen eine Ware macht, weil sie Frauen herabwürdigt, und zwar nicht nur die Frau, die sich verkauft, sondern mit ihr auch alle anderen Frauen, weil dadurch zugleich alle Frauen irgendwie käuflich werden und das mit einer gleichberechtigten Gesellschaft nicht vereinbar ist. Die Marxisten müssen sie ablehnen, weil sie unter Bedingungen stattfindet, die so weit hinter alle Arbeitskämpfe der letzten 150 Jahre zurückfällt, dass es sinnlos ist, sie alle aufzuzählen und weil hier vor allem ein Prozess der Entfremdung stattfindet, der doch gerade durch den Marxismus aufgehoben wird. Hier wird nicht der Arbeiter von seiner Arbeit entfremdet, sondern die Frau von ihrem Körper, von ihre eigenen Sexualität, und auch dann, wenn sie das freiwillig tut, denn auch wir gehen alle freiwillig zur Arbeit, so ändert das nichts an der Entfremdung, die da stattfindet. Wir haben Bürotüren, die wir schließen, Computer, die wir herunterfahren, wir können eine Grenze ziehen zwischen dem Privaten und der Arbeit. Die Frau aber, sie wohnt und lebt und arbeitet und denkt und fühlt weiter in dem Körper, den sie da verkauft. Bis an ihr Lebensende.

Wenn wir die Welt da draußen besser machen wollen, dann müssen sich Marxismus und Feminismus die Hand reichen, dann müssen auch die marxistischen Männer ihre Privilegien reflektieren, sich einlassen auf den feministischen Diskurs, erkennen, dass vielleicht nicht sie als Person ein Unterdrücker sind, aber Teil eines Systems aus Unterdrückung sind, dann müssen wir uns gemeinsam bewusst werden, in was für einen desolaten Zustand aus sexueller Unfreiheit wir uns da hineinmanövriert haben. Wir Feministinnen werden nicht schweigen. Unser Protest wird lauter werden. Wir werden nicht aufhören, auf die Missstände hinzuweisen, egal mit welchen Mitteln ihr versuchen werdet, uns mundtot zu machen. Es ist an euch, ab welchem Punkt ihr bereit seid, mit uns zusammenzuarbeiten.

[1] Millet, Kate: Sexus und Herrschaft, S. 84
[2] MacKinnon, Catherine A.: Feminism, Marxism, Method and the State, S.520-521
[3] Millet, Kate: Sexus und Herrschaft, S. 84